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HUNDERT JAHRE
BILDER AUS DER GESCHICHTE DER
STADT ZÜRICH
IN DER ZEIT VON
1814-1914
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IL BAND
ZÜRICH 1915
DRUCK UND VERLAG DER BUCHDRUCKEREI BERICHTHAUS
(VORMALS ULRICH & Co.)
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INHALT DES ZWEITEN BANDES
Inhaltsübersicht Seite III
Verzeichnis der Illustrationen XI
Benutzte Quellen 431
Alphabetisches Namen- und Sachregister 433
V. TEIL: DIE DEMOKRATEN
26. Kapitel: Die Freiherren von Regensberg
Die Pamphletbewegung, Seite 3; falsche Sicherheit des „Systems" 5; der
Prokurator Dr. Friedrich Lrocher 5; der Prozess Härlin-Ulmer 6; Locher
und die „Freitagszeitung" 7; die „Freiherren von Regensberg", I. und
II. Teil 8; Lochers Vorgehen gegen Obergerichtspräsident Dr. Ulmer 9;
der III. Teil der „Freiherren" 10; die Wirkungen des Pamphlets 11; Re-
volver-Affäre des Obergerichtsschreibers; Rechtfertigung des Obergerichts
12; Ulmers Rücktritt 13; Stelhmg der Demokraten 14; die Schützenhaus-
Versammlimgen Dr. Lochers 15; der Fackelzug 17; Treunimg Lochers von
den Demokraten 19; 1^2 Tage Verfassungsrat 20; weitere Pamphlete 21;
Locher wandert aus; Dubs über die Pamphletbewegung 23.
27. Kapitel: Die Dezember-Landsgemeinden
Dezemberfeier, Ustertag, Novemberfeier 25; Bedeutung der Dezember-
Landsgemeinden 25; die Fehler des Repräsentativ- Systems 26; Johannes
Scherr über ,, Staatsmännischkeit und Gründertum" 27; Volksstim-
mungen 29; die Ziele der Revisionsbewegung 31; die Führer der Demo-
kraten Bleuler-Hausheer, Friedrich Albert Lange 32; Stadtpräsident Dr.
J . J . Sulzer von Winterthur, Gottheb Ziegler, Stadtschreiber Theodor
Ziegler, Rudolf Zangger, Ludwig Forrer, Kommandant Karl Walder, Karl
Bürkh, Greulich ; gemässigte Demokraten Grunholzer, Regierungsrat Dr.
Suter, Widmer-Hüni; Pfarrer Salomon Vögehn, ,, Bankvater" Keller ^^i
Fritz Scheuchzer, Walter Hauser, Reinhold Rüegg, Dr. Fran^ois Wille 34;
erste Oppositionsversammlung in Uster am 7. Oktober 1860; Gottfried
Keller Staatsschreiber 34; Bundesratswahl Dubs; Partialrevision von 1865
(10,000 Unterschriften) 35; Akademische Mittwochgesellschaft; erste Er-
folge der Opposition 36; der Ustertag 1867, Aufgebot zur Landsgemeinde 39;
die Landsgemeinden vom 15. Dezember 1867 in Zürich, Winterthur, Bülach,
LTster 40; die 26,349 Unterschriften und die Volksabstimmimg vom 26. Jan.
1868; ,,PoHtischer Gemeindeverein", liberaler ,, Stadtverein" 44; Dr. Eugen
Escher Redaktor der ,,N. Z. Z.", Verfassungsratswahlen März 1868 45;
die Konservativen und die Bewegung, die Brüder Georg imd Friedrich
von Wyss 45; die ,, Stillen im Lande" 46; Annahme der neuen Verfassung
vom 18. April 1869 47; die ,, neuesten Freiherren" Lochers 48; Würdigung
der demokratischen Bewegung durch Ulrich Meister 50.
IV
28. Kapitel: Die Herrschaft der Demokraten
Die Anfänge der reinen Demokratie 52 ; demokxatische Ausschliesslichkeit 5 5 ;
die Jungliberalen, Siebers Sturz und Wiederwahl 56; Rücktritt von Bun-
desrat Dubs 57; die Bewegung für die neue Bundesverfassung 58; Winter-
thurer Eisenbahupolitik 60; der „Dettenbergkrieg" 61; Dubs und seine
Schmalspurbahngesellschaft 62; finanzielle Sch\vierigkeiten der National-
bahn 63; die Nordostbahnkrisis 64; der pohtische Umschwung 65; der
Konkurs der Nationalbahn 67; Gründung der „Züricher Post" 68; Rück-
tritt imd Tod von Bleuler-Hausheer 69.
29. Kapitel: Die Arbeiterbewegung
Demokraten und „Soziahsten" 71; Treichler und der Kommunismus 72;
Gründimg des Konsumvereins und des GrütHvereins Ji; Treichler Re-
gierungsrat 74; Karl BürkHs Expedition nach Texas 76; seine Verdienste
als Historiker etc. jj; erste Streikbewegungen -JT, der Schlosserstreik von
1886 78; die erste Internationale 80; die zweite Internationale 81; die
deutsche Sozialdemokratie vmd die Schweizer Arbeiterbewegung 82 ; Her-
man Greuhch 83; Gründung der „Tagwacht" 85; Gründung des („alten")
Arbeiterbimdes 85; Verhinderimg seines Kongresses 1874 in Zürich 86;
Zwiespalt zwischen Demokraten imd Sozialdemokraten 86; das eidgenös-
sische Fabrikgesetz 87; der „Eidgenössische Verein" 87; die schweizerische
sozialdemokratische Partei 87; das Ende der „Tagwacht" 88; die Nord-
ostbahn-Initiative, das Getreidemonopol und Robert Seidel 89; der ver-
hinderte Soziaüstenkongress von 1881 90; der neue Arbeiterbund und das
schweizerische Arbeitersekretariat 91.
VI. TEIL: DAS AUFBLÜHEN DER STADT
30. Kapitel: Stadtpräsident Mousson (1863 — 1869)
Biographie 95; die Schulreform von 1860 98; die Gleichstellung von Bür-
gern und Niedergelassenen 98; die neue Stadtverfassung 1866 mit Ein-
führung der Einwolinergemeinde 99; die letzte Hinrichtimg 99; der „Würt-
tembergische Staatsschatz" in Zürich 1866 99; das eidgenössische Musikfest
und die alte Tonhalle 1867 100; Wilhelm Baumgartners Tod 100; der Um-
zug des alten Spitals nach Rheinau loi; die Cholera 101/103; Besuch der
Kaiserin Elisabeth von Österreich 102; Wechsel im Stadtschreiberamt 1868
beim Rücktritt von Dr. Eugen Escher 104; Stadtschreiber Bernhard Spyri,
Frau Johanna Spyri, die Famiüe Mousson 105.
31. Kapitel: Die grosse Bauperiode
Stadtingenieur Dr. Arnold Bürkli 106; Arnold Vögeü-Bodmer 108; Alfred
Escher und die zürcherischen Eisenbahnbestrebuugen 109; Gotthardsub-
vention, Reppischtalbahn, Neubau des Bahnhofs Zürich, Linksufrige
Zürichseebalin iio; Rechtsufrige Zürichseebahn, das Projekt WetH, Ütü-
bergbahn 1 1 1 ; Brand des Ütliberg-Hotels 112; Kloakenreform, Riesel-
felder im Ivimmattal 113; Wasserversorgung, Typhusepidemie (1884) 114;
Niederleguug des Renuwegtors, der „Rain", der Baugartenhügel 115;
V
Baugartengesellschaft, Börsenbau, Kratzturm ii6; Stadthausanlagen und
angrenzende Bauten, Hotels und Privatbauten Bahnhofplatz und Bahn-
hofstrasse 117; Leu & Co., Kantonalbank, Schweiz. Kreditanstalt, Zentral-
hof, Kappelerhof, Kratzquartier, altes Stadthaus 118; Verwaltungsgebäude
im Fraumünsteramt, Stadthausquai, ,, Trümpierturm", Belle vue 119;
Zähringerquartier, Ketzerturm, Limmatquai, neues Schlachthaus 120;
die Gesellschaft der Schildner zum Schneggen, die Museumsgesellschaft,
die Schipfekorrektion 121; Quaibauten 122; Quaibrücke 123; Hafen Ries-
bach luid Zürichhom, Rathausbrücke, Sihlbrücke und übrige Brücken-
bauten 124; Industriequartier, Kaserne und Zeughäuser 125; Rämistrasse,
Pfauen, Judenfriedhof, Friedhof Rehalp, St. Anna-Friedhof, Zentralfried-
hof, Krematorium, Leichen Verbrennungsverein 126; Friedhöfe bei St. Jakob,
katholischer Friedhof, Annexanstalten zum Polytechnikum, Burghölzli,
Bürgerasyl, Annexanstalten der Hochschule 127; St. Anna-Kapelle, Kirche
Unterstrass, Friedenskirche, Restaiu-ation von Kirchengebäuden, Ober-
gerichtsgebäude u. a. Hochbauten 128; Evang. Seminar, Freie Schule
Zürich I, Anstalt für Epileptische, Krankenhaus Neumünster, Kinder-
spital, ,, Rotes Kreuz", kath. Gesellenhaus 129; Orell Füssh (Bärengasse),
Berichthaus (,, Grünes Schloss") 130; Pferdebahn 131; Oberst Huber-
Werdmüller 132; Telephon 133; elektrische Uhren, elektrische Haus-
glocken, Seegefrörne 134/135.
32. Kapitel: Grenzbesetzung 1870/71
Der deutsch-französische Krieg 136; die Schweizer Expedition nach Strass-
bturg 137; Strassburgs Dank 138; Sympathien in der Schweiz 139; die
deutsche Presse gegen die Schweiz 140/141; zweites Truppenaufgebot,
die Zürcher Truppen an der Grenze 142; der Übertritt der Bourbaki- Armee
in die Schweiz 143/144; die Internierten in Zürich 145/146; der deutsche
Kommers in Zürich imd der Tonhallekrawall (am 9. März 1871) I47ff. ;
Sympathie-Kundgebungen für die Deutschen 155; Krawall vor der Straf-
anstalt (am 10. März) 156; Anrufung der eidgenössischen Intervention 157;
beim Rathaus 158; der Sturm auf das Zuchthaus (11. März) 159; die eid-
genössischen Truppen xmd der eidgenössische Kommissär, Abreise der In-
ternierten 160; das Franzosendenkmal, die Verhandlungen im Kantons-
rat 161 ff. ; Verstimmung der Deutschen 163; die deutsche Presse gegen
den ,,Deutschenhass" der Schweiz 164/165; Kriegsgericht und eidgenös-
sische Assisen 166; Gottfried Kellers deutschfreundlicher Toast 167.
33. Kapitel: Der letzte Antistes
Die zürcherischen Antistes 168; Antistes Diethekn Georg Finsler 168 ff. ;
Jugend, Bildimgsgang, Pfarrer von Berg a. I., literarische Tätigkeit 169;
Kirchenrat und Antistes, Pfarrer in Wipkingen 170; Pfarrer am Gross-
münster, Pfarrer Ludwig Heinrich Pestalozzi 171; Finslers kirchliche Wirk-
samkeit 172; weitere VeröffentHchungen 173; Zwinglifeier und Zwingli-
deukmal-Einweihung (15. August 1885) 174; die beiden Jubiläen Finslers
175/176; Lebensende; Pfarrer Rud. Finsler am Grossmünster; die stadt-
zürcherischen Kirchgemeinden 176; kirchliche Zentralkasse; zürcherische
Geisthche: Prof. Alex. Schweizer, Dekan G. R. Zimmermann 177; Pfarrer
Adolf Ritter, Helfer Heinrich Hirzel, Pfarrer Heinrich Lang, Jak. Wiss-
VI
mann, Prof. Dr. Furrer 178; Pfarrer und Schulpräsident Paul Hirzel, Pfar-
rer Walter Bion, Pfarrer Edmund Fröhlich ; die religiös-soziale Bewegung,
Pfarrer Propst, Lic. Hermann Kutter 179; Prof. Leonhard Ragaz 180;
neue Bibelübersetzung 181.
34. Kapitel: Landesausstellung 1883
Der Durchschlag des Gotthardtunnels, Organisation der Landesausstellvmg
182; die Männer der Landesausstellung 183; die Ausstellungsbauten 184/185;
Eröffnimgsfeier 186/187; Verlauf der Ausstellung 188; Schluss 189.
35. Kapitel: Gottfried Keller
Einleitung 190; die Eltern 191; Jugendjahre 192/193; Regula Keller, letzte
Schuljahre 193; Anfänge der Malerei und Schriftstellerei, die Münchener
Lehrjahre i94ff. ; wieder in Zürich 1842 — 1846, Anfänge des ,, Grünen
Heinrich", Erwachen der Dichtkimst, politische Gedichte 196; der An-
schluss an Jiilius Fröbel und Ludwig Folien, ,,0 mein Heimatland" 197;
aktive Politik, Freischarenzug, Gottfried Kellers ,, Lieder eines Autodidak-
ten" 198; erste Sammlmig ,, Gedichte" (1846) 199; staatliches Stipendium,
Reise nach Heidelberg 200; Heidelberg imd Berhn, der ,, Grüne Heinrich"
201/202; ,,Neue Gedichte", letztes Stipendium, ,, Leute von Seldwyla" 202;
die Not in Berlin 203/204; Heimkehr, die Zürcher Jahre 1855 — 1861 204;
der Staatsschreiber 205; 50. Geburtstag, ,, Sieben Legenden", ,, Züricher No-
vellen" 206; Ehrenbürger der Stadt, 60. Gebiirtstag, nach dem Rücktritt
als Staatsschreiber, Umarbeitvmg des ,, Grünen Heinrich" 207; ,, Sinn-
gedicht", ,, Gesammelte Gedichte", ,, Martin Salander", Gottfried Keller
und C. F. Meyer 208; Lebensabend im ,, Thaleck", Arnold Böckhn, 70. Ge-
burtstag 209; Gottfried Kellers Testament, Krankheit, Tod und Begräb-
nis 210; Gottfried Keller-Büste, Gottfried Keller-Zimmer, Gottfried Keller-
Denkmal, C. F. Meyer über Kellers Bedeutung 211.
36. Kapitel: Stadtpräsident Römer (1869 — 1889)
Herkunft der Famihe Römer, Eltern des Stadtpräsidenten Römer 212;
Jugend und Bildimgsgang 213; Eintritt in den öffentlichen Dienst, Wahl
zimi Stadtrat und Grossratsmitglied 214; der Stadtrat imd Pohzeipräsi-
dent 215; Gleichstellung der Niedergelassenen mit den Bürgern; Wahl
zum Stadtpräsidenten (22. Aug. 1869) 216; Römer als Stadtpräsident,
Verfassungsrat imd Kantonsrat 217; Jahresmessen, Strassengesetz, eidg.
Schützenfest 1872; Mitglied des Nationalrates, Abschaffung der Waisen-
hauspfarrei 218; eidg. Turnfest 1874, Gründung und Geschichte der Höhern
Töchterschule 219; Erleichterung der Einbürgerung, Neubürgerfeier, Ein-
führung der Stimmurne, Zunftpräsident Römer 220; Gewerbemuseum,
5ojähriges Jubiläum des Sängervereins vom Zürichsee 1876, Waisenvater
Moritz Hofer, Gemeindeordnung 1877, Abschaffung des Bürgernutzens,
eidg. Sängerfest 1880 221; 25J ähriges Jubiläum des Polytechnikums,
Dr. Ferdinand Keller und die Antiquarische Gesellschaft, Prof. Dr. Gerold
Meyer von Knonau 222; Prof. Dr. J. R. Rahn, allg. deutsches Musikfest
1882, Hochschul- Jubiläum 1883 223; Zwinglifeier 1884, Stadtschreiber
Dr. Paul Usteri, 25jähriges Jubiläum Dr. Römers, Einzug der Heilsarmee
in Zürich 224; Krankheit vmd Tod von Stadtpräsident Römer 226; Römers
Art und Wesen 227.
VII
^y. Kapitel: Die Stadtvereinigung
Bedeutung der Stadt Vereinigung, erste Versuche, Dr. med. Emanuel
Hauser 228; ablehnende Haltung der Stadt, die „Gemeindekommission
der Stadt Zürich und Ausgemeinden" 229; Waffenplatzvertrag, Quai-
kommission, Strassenbahneii, Dr. Conrad Escher Vorkämpfer der Ver-
einigung 230; Stadtschreiber Dr. Paul Usteri 231/232; die Vereinigungs-
broschüre von Dr. C. Escher 233; die „Dumme Frage" im „Tagblatt" von
Karl Fierz-Landis 234; Benjamin Fritschi-Zinggeler, der „Vereinigungs-
Diktator" 235; der „Verein der Gemeinderäte von Zürich und Ausgemein-
den", Vorarbeiten für die Vereinigung 236; die Aussersihler Petition vom
I. Nov. 1885 237/238; die Petition vor dem Kantonsrat, Vorträge für die
Vereinigung 239; Stellvmg der Stadtbehörde, Denkschrift der „Vereini-
gung der Kantonsräte vmd Gemeindebehörden von Zürich imd Umge-
bvmg" 240; Kantonsratsverhandlimgen 241; die „Vorbehalte" der Stadt
Zürich 242; Hauptbestimmungen des Zuteilmigsgesetzes 243/244; An-
nahme im Kantonsrat und Agitation für die Volksabstimmung 245; Dr.
Paul Usteri für die Erhaltung des Sihlwaldes als Stadteigentum 246; das
Gutachten von Prof. Andreas Heusler 247; die Volksabstimmung vom
9. August 1891 248; der Rekurs von Wollishofen, die Abgeordneten Ver-
sammlung, Annahme der neuen Gemeindeordnung 249; Schlussfeier der
Abgeorduetenversammlung auf dem Ütliberg 249/250.
VII. TEII.: DIE GROSSTADT
38. Kapitel: Stadtpräsident Pestalozzi (1889— 1909)
Vaterhaus und Jugend, Lehr- und Wanderjahre 253; Wahl in den Stadtrat
1881, Wahl zum Stadtpräsidenten 254; Stellung zur Stadtvereinigung, Be-
stätigung als Stadtpräsident für Gross-Zürich, letzte Wahl der alten Stadt-
behörden, erste Wahl der neuen Stadtbehörden, die MitgHeder des Stadt-
rates 1892— 1914, Stadtingenieur vmd Stadtrat Süss, Dr. Heinrich Mous-
son 255; Dr. Arnold Bosshardt, August Koller, Robert Welti, Dr. Klöti 256;
Johannes Schneider, Jakob Lutz, Heinrich Walcher, E. J. MüUer, Hein-
rich Wyss 257; Paul Pflüger, Joh. Caspar Grob 258; Dr. Erismann 259;
Elias Hasler, Hans Naegeli 260; Hans Kern, Oberst Emil Schneebeli,
Dr. Adolf StreuU 261; Jakob Vogelsanger 262; die zürcherischen Stadt-
schreiber, Dr. R. Bollinger 263 ; Beginn der neuen Stadtverwaltung, das letzte
Knabenschiessen im alten Zürich ; das erste Sechseläuteu im neuen Zürich
264; die Entwicklung der vereinigten Stadt Zürich 265; Jubiläum Pestalozzis
als Stadtrat, Tätigkeit im Kantonsrat tmd Nationabrat, Eröffnung des
Landesmuseiims, Wirken im Schweiz. Verein für das Rote Kreuz 266;
Hans Pestalozzis Hinschied und Leichenbegängnis 267; der Tessiner Pro-
zess 1891, die erste Bundesfeier, das „Tagblatt" wiederum städtisches
Amtsblatt, ItalienerkrawaU 1896 in Aussersihl 268; Armenierkundgebimg,
internat. Arbeiterschutzkongress 1897, Dr. Cramer-Frey, Dr. Alfred Frey,
der Burengeneral Delarey 1902 in Zürich 269; Besuch englischer Bürger-
meister, die Katastrophe am Piz Blas 1903, drei eidgenössische Feste 1903,
1905, 1907, Re\dsion des Zuteilungsgesetzes 1903, die „Gemeinde-Initia-
tive" von Dr. Wettstein, Gemeindeordntmg 1907 270; Schularzt imd
VIII
Schulzahuarzt, Erleichterung der Einbürgerung verworfen; 50jähriges
Jubiläxun des Eidg. Polytechnikums 1905, die Festschrift von Prof. Wil-
helm Oechsli, der schweizerische Geschichtschreiber Wilhelm Oechsli 271;
Namensänderimg des Polytechnikums („Eidg. Techn. Hochschule"), Volks-
tag bei der Mihtärorganisation, Pressetag 1908 imd erster Besuch eines
Zeppehn-Luftschiffs in Zürich 272.
39. Kapitel: Kunst und Literatur
„Limmat- Athen" 273; Theaterbrand i. Jan. 1890, Einweihung des Stadt-
theaters 273; Direktor Alfred Reucker, Lothar Kempter, Gründung und
Geschichte des Dramatischen Vereins, Gerold Vogel 274; Bau und Ein-
weihung der neuen Tonhalle 275; Zürich als Wiege des Volksgesangs, Hans
Georg Nägeli und sein Stadtsängerverein, Wehrli, Abt, Heim, Baumgartner, .
Gründung von Harmonie und Männerchor 276; Carl Attenhofers Bildimgs-
gang und Aufstieg 277; Attenhofers Wirksamkeit, Tod und Begräbnis 278;
Der Sängerverein ,, Harmonie Zürich" imd seine Dirigenten, Ignaz Heim,
Gustav Weber, Gottfried Angerer 279; Angerers Hinschied, Sängerfahrten
der ,, Harmonie", der ,, Gemischte Chor" Zürich, seine Dirigenten und
Präsidenten 280; Friedrich Hegars Wirksamkeit in Zürich, Gründung des
Konservatoriums für Musik 281 ; Hegar und Attenhofer, Hegars Werke 282;
Hegars Rücktritt und Abschiedsfeier, VoUunar Andreae 283; Andreae als
Hegars und Attenhofers Nachfolger, Othmar Schoeck 284; Gründung der
Künstlergesellschaft, Künstlergütli 284 ; vom Künstlerhaus zum Kunsthaus
und zur Kunstgesellschaft 285; Kunsthausbau im ,,I,indentar' 286; Ab-
schied vom ,,Künstlergüth", Prof. Joh. Jak. Ulrich, Tiermaler Rudolf
Koller 287; Kollerfeier 1898, Albert Welti 288; Richard KissHng, der
Schöpfer des TeUdenkmals, der Tierfreund und Künstler Urs Eggenschwyler,
Gottfried Semper 289; Prof. Dr. Alfred Friedrich Bluntschli, Prof. Dr. Karl
Moser 290; Stadtrat C. C. Ulrich-Näf, Stadtbaumeister und Professor
Dr. Gustav Gull 291; Gulls Schöpfungen 292; Geschichtschreibung und
Altertumsforschung, Meyer v. Knonau, Oechsü, Georg v. Wyss, Rahn,
Paul Schweizer 292; Oberrichtcr Dr. J. Escher-Bodmer, Karl Dändliker,
Walter Wettstein, Heinrich Zeller-Werdmüller 293 ; Zeller und das Landes-
museum, Jakob Heierli 294; Heinrich Leuthold, Adolf Frey 295; J. C. Heer,
Fritz Marti, Ed. Korrodi, Jakob Bosshart 296; Adolf VögtUn, Meinrad
Lienert, Ernst Zahn, Heinrich Federer, Emil Ermatinger, Konrad Falke,
Ernst Eschmann, Robert Faesi, Hans RoeUi, Max Geilinger, J. Hardmeyer-
Jenny, die Zeitschrift ,, Wissen und Leben" von Prof. Dr. Ernst Bovet 297;
Schriftstellerinnen und Dichterinnen: Johanna Spyri, Nanny v. Escher,
Clara Forrer, Olga Amberger, Hedwig Bleuler- Waser, Maria Waser 298;
JugendschriftsteUcrinnen, die Gründung des Lesezirkels Hottingen, die
Pestalozzigesellschaft 299; Feste, ,, Kränzchen" und Uterarische Abende des
Lesezirkels 300; der hterarische Klub, Pubhkationen des Lesezirkels, das
Gottfried Keller-Haus, die Schweizerische Schillerstiftung 301.
40. Kapitel: Conrad Ferdinand Meyer
Die Eltern 302; die Schwester Betsy Meyer 303; Schulzeit und Welsch-
land 304; bei Louis VuUiemin 304; erste Übersetzungsarbeit, Tod der
Mutter 306; Reisejahre 307; das erste Werk, die ,, Zwanzig Balladen", der
Namensvetter Conrad Meyer, Übersiedlung nach Küsnacht und Meilen,
IX
Fran9ois Wille und seine Tafelrunde 308; „Romanzen imd Bilder", „Hut-
tens letzte Tage" 309; „Engelberg", ,, Amulett", ,,Jürg Jenatsch", Ver-
heiratung, die Werke der Vollendungszeit 310; letzte Arbeiten, das Schaffen
des Dichters 311; Gottfried Keller und Conrad Ferdinand Meyer 312;
Leidenszeit und Lebensabend 313; „Requiem" 314.
41. Kapitel: Zürich III sozialistisch
Wachstum der sozialdemokratischen Partei 315; Obergerichtspräsident Otto
Lang 316; Robert Seidel und die Gründvmg des ,, Volksrechts", sozial-
demokratische und antisozialistische Presse, die Demokraten von Ausser-
sihl 317; die Erobervmg des III. Kreises diu-ch die Soziahsten am 27. April
igo2 318; der Wahlrekurs, die Kassation imd der zweite, noch grössere
Wahlsieg am 31. August 1902; ausschliessliche sozialdemokratische Ver-
tretung im Grossen Stadtrat, Greulich, der erste soz. Präsident des Grossen
Stadtrates imd Vizepräsident des Kantonsrates 319; Grexüichs 70. Geburts-
tag; die wirtschafthchen Kämpfe 320; schwierige Stellimg der Behörden 321 ;
Theodor Sourbeck, der ,,Eisenbahnergenerar' 321; der drohende Nordost-
bahnstreik von 1896, neuer KonfUkt 1897 322; Nordostbahnstreik vom 12.
imd 13. März 1897 323; bundesrätHche Intervention 324; Gründung und
Zweck des Bürgerverbandes 325; Bürgerverband und pohtische Parteien,
erste und zweite Streikinitiative, die Konflikte im Gaswerk 1905 326;
drohender Generalstreik, der Albisriederstreik 1906; Generalstreiktheorien
327; der Maler- und Schlosserstreik 191 2, soziahstische gegen ,, christliche"
(kathohsche) Gewerkschaften, energischer Beschluss des Kantonsrates 328;
der Generalstreikbeschluss 329; Verlauf des Generalstreiks vom 12. Juh
191 2 330; der Vormittag des 12. Juli 331 ; Fritz Platten 332; die Belagerung
des Gaswerks 333; Ausschreitungen, Abholung der eidg. Sängerfahne 334;
die Aussperrung und das Truppenaufgebot 335; Einrücken des Mihtärs 336;
Petitionen, Haussuchung im Volkshaus, Verhaftungen 337; die Protest-
versammlung des Bürgerverbandes, die städtischen Arbeiter, Protest-
versammlimgen der Arbeiterunion 338; die parlamentarische Erledigung des
Generalstreiks und das gerichtliche Nachspiel 339.
42. Kapitel: Politische Fülirer
Ulrich Meisters Jugendzeit und Bildungsgang, der Sihlwald und sein Forst-
meister 340; die Erschhessung des Sihlwaldes, Meisters Tätigkeit und Mono-
graphie ,,Die Stadtwaldimgen von Zürich" 341; Ehrendoktor tmd Ehren-
bürger, mihtärische Karriere, parlamentarische Wirksamkeit, Erziehungs-
rat 342; Führer der Kberalen Partei, Kompromissbestrebungen 343; Tren-
nimg der Liberalen von den Konservativen 324; Konservatismus bei den
anderen Parteien 345; der Sieg von Meisters Kompromisspolitik 346;
die Nachfolger Meisters in der Parteileitung, die ,,Neue Zürcher Zeitung",
Dr. Walter Bissegger 347; Dr. Oscar Wettstein 348; Wettstein, der erste
Dozent für Journahstik an der Universität 350; die stadtzürcherischen
Konservativen 351; der ,, Eidgenössische Verein" 352; die Auflösung der
konservativen Verbände, das Ende der ,, Freitagszeitung" 353; Professor
Dr. Georg von Wyss, sein Leben und seine Bedeutung 354 ; Friedrich Otto
Pestalozzi- Junghans 355; die ,, Schweizerblätter" 356; Pestalozzis Tätig-
keit in der Kunstgesellschaft usw., Oberst Eduard Usteri- Pestalozzi 357;
Georg Baumberger und die Katholiken in Zürich 358.
43- Kapitel: Das Stadtbild 1914
\'orsclirifteu für offene Bebauung 360; Universität und benachbarte Staats-
bauten 361; die Polytechnikumsbauten 362; Erdbebenwarte 363; Zentral-
bibhothek 364; Kantonsschule, Frauenklinik, Stadthaus Fraumünster-
amt 365; die neuen städtischen Amtshäuser 366; Urania 367; Waisen-
häuser 368; das künftige zentrale Stadthaus nach Projekt Gull 369; das
Landesmuseum 370; Einweihungsfeier 371; Höhere Töchterschule 373;
weitere Schulhausbauten 374; Privatschuleu, Architekten 375; Pflegerinnen-
schule, die erste Ärztin Frau Dr. Heim, Frl. Dr. Heer 376; Haushaltimgs-
schule, Frau Coradi-Stahl m; die alkoholfreien Wirtschaften 378; das
Volkshaus 380; Frau Oberst Huber-Werdmüller, Frau Prof. OreUi, der
Kinderspital 381; neuere Anstaltsbauten 382; kirchliche Bauten 383 ff.;
Friedhöfe, Krematorimn 385; Gaswerk Schheren, Wasserversorgung 386;
Elektrizitätswerk Letten und Albula 387; Strassenb ahnen 388; Schlacht-
hof, Bezirksgebäude 390; städtischer Wohnungsbau 391; der Hauptbahn-
hof, Adolf Guyer-Zeller 392; Verlegung der Linksufrigen Zürichseebahn 393;
Dampfschiffahrt, Post imd Metropol 394; Telephon, Bahnhofstrasse 395;
neuere Bankgebäude, Handels- und Industrie- Verein 396; Versicherungs-
anstalten, Escher Wyss & Co., Papierfabrik an der Sihl, Denzlerhäuser 397 ;
Bauten am Alpenquai, Brückenbauten 398; neuere Zeitungsgebäude,
Denkmäler 399; AlbisgütU, Zürichhorn, Waid, Rigiviertel, Sonnenberg,
Dolderquartier 400; Ernst v. Wildenbruchs Huldigungsgedicht 401.
44. Kapitel: Stadtpräsident Billeter (seit 1909)
Robert Billeters Lebens- und Bildungsgang 402; Eintritt in die Stadt-
verwaltimg, Wirksamkeit als Stadtrat 403 ; städtische Bau- und Boden-
pohtik 404; Billeter als Stadtpräsident 405; das Gordon Bennett-Wett-
fliegen, ,,Parseval VI", Zeppehn-Luftschiff ,, Schwaben", das erste Schau-
fhegen in Dübendorf 405; Wassernot 1910, Prof. Krönlein f, Kinderhilfstag,
Erdbeben 191 1, der Besuch des Kaisers Wilhelm II. 406; Empfang des
Kaisers 407; Seenachtfest 408; der Kaiser im Manöver 410; auf dem Öl-
berg bei Wil 41 1 ; Abschied des Kaisers 413; das neue Gemeindeorganisations-
gesetz für Zürich, neue Kreiseinteilung 413; die Verhältniswahl in Zürich,
die neue L^niversität 414; Baugeschichte der Universität 415; die Univer-
sitätsfeier 417; Sechseläuten 1912, Landesausstellung in Bern 1914, Tagblatt-
Jubiläum I. Juh 1914 419.
45. Kapitel: Zur Zeit des Weltkrieges
Europäischer Krieg am Anfang und am Ende der ,,Himdert Jahre" 420;
,, Einheit der Menschen", Interessengemeinschaft der Völker, das Attentat
von Serajewo 421; der Kriegsfuror, Wirkungen des Kriegs auf unser
Land 422; die Panik in Zürich, Sturm auf die Lebensmittelgeschäfte, Run
auf die Sparkassen, Geldknappheit 423; Abwanderimg der fremden Dienst-
pfhchtigen, Mobiüsation der Schweizer Armee, General Wille 424; Kriegs-
notuuterstützung 425; Verkehrshemmungen, Kriegsfahrplan, Kriegs-
stundenplan 426; Wahrung der Neutralität auf der Strasse und in der
Schule 427; Polizeistimde, Rückgang der Bevölkerungszahl 428; Schluss429.
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ILLUSTRATIONEN
1. Auf der Hohen Promenade (1830). Von S. Corrodi . . Titelbild
2. „Altes Schützenhaus", Restaurant, abgebrochen 1899 Seite 16/17
3. Der Fröschengraben 1860. Von Carl Toeche Seite 24/25
hnks das Haus zur „TrüUe", in der Mitte die Bastei des
Rennwegtors vuid das Brückengewölbe.
4. Salomon Bleuler-Hausheer Seite 32/33
Führer der demokratischen Bewegimg.
5. Mittlerer Fröschengraben 1860. Von Carl Toeche. . Seite 52/53
in der Mitte die Augustinerbrücke, im Hintergrund der
Kratzturm. Das Gebäude hnks mit dem Türmchen ist
das Haus Paur-Usteri (von 1903 — 19 15 Bankhaus Leu
& Co.), rechts von den Pappehi das ,,Schinzen-Haus",
jetzt Neubau der Schweiz. Bankgesellschaft, davor (mit
flachem Dach) Arnoldsches Haus, jetzt Mercatorium.
6. Aussicht von der Waid 1875, von H. Siegfried . . . . Seite 56/57
im Vordergrimd das (jetzt städtische) Waid- Gut und die
Wirtschaftsterrasse; in der Mitte hnks der alte Eisen-
bahndamm der Winterthurer Linie.
7. Zürcherische Arbeiterführer Seite 70/71
Kantonsrat Karl Bürkli. — Prof. Dr. Joh. Jak.
Treichler. — Nationalrat Herman Greulich. —
Nationahat Robert Seidel.
8. An der Schipfe in Zürich Seite 92
Zeichnung von E. E. Schlatter, verkleinerte Illustrations-
probe aus der Jubiläums-Sondernummer des ,, Tagblattes"
vom I. Juü 191 4.
9. Heinrich Mousson, Stadtpräsident Seite 94/95
10. Prediger- Quartier und Ketzerturm (abgebrochen 1878) Seite 98/99
mitten am Rande hnks die Dachfirst des alten Spitals.
11. Der Hof des alten Spitals. Gez. von J. C. WerdmüUer Seite loo/ioi
bei der Predigerkirche, Versorgungsanstalt bis 1867.
12. Hotels du Lac et de la Couronne 1860. Von C. Burk-
hardt Seite 104/105
rechts das Bauschänzh mit Dampfschifflände, hnks der
Hafen, dasTrümpler-Haus (sog. „Trümpler-Turm" ) , Hotel
de la Couronne (jetzt ,, Zürcher Hof"), Hotel du Lac (Ge-
schäftshaus Sequin, vormals Gysler-Wunderh) und an-
stossendes Haus „zur Sonne" (Albert Müller).
13. Aus Zürichs grosser Bauperiode Seite 106/107
Oberst Arnold Vögeli- Bodmer, „Bauherr". — Dr.
Arnold Bürkli-Ziegler, Stadtingenieur. — Oberst
P. E. Huber-Werdmüller, Gemeindepräsident von
Riesbach.
XII
14- übersicbtsplan der Stadt Zürich 1880 Seite iio/iii
entworfen und gezeichnet von J. J. Hof er.
15. Das alte Hotel auf dem Ütliberg, von H. Siegfried Seite 112/113
j6. Oberer Mühlesteg 191 i Seite 114/115
jetzt Uraniabrücke; Durchblick durch die Mühlegasse
nach dem Zähriugerplatz bei der Prediger kirche ; rechts
von der Mühlegasse bis ziu: Preiergasse der jetzt nieder-
gelegte Häuserblock, an dessen Stelle das Rudolf Mosse-
Haus steht.
17. Der Baugarten mit dem Kratzturm 1878 Seite 116/117
Seeseite, Terrasse der Gartenwirtschaft.
iS. Stadthausplatz und Kratzquartier 1878 Seite 118/119
rechts das Kaufhaus, gegenüber dem Musiksaal, links
die Häuser des Kratzquartiers am alten Stadthausplatz.
19. Schipfe und Ötenbachkirche 1902 Seite 120/121
rechts am Rand das Waisenhaus, am Obern Mühlesteg
das Pestalozzianum im alten Escherschen ,, Wollenhof".
Das Pestalozzianum ist eine unter der Leitung von Na-
tionalrat Friedr. Fritsclii stehende schweizerische perma-
nente Schulausstellimg. Sämthche Häuser an der Schipfe
sind Eigentum der Stadt und zum Abbruch bestimmt.
20. Die Quaianlagen in Zürich 1887. Hof er & Burger . Seite 122/123
21. Alte Kaserne im Talacker. Von H. Siegfried .... Seite 124/125
abgebrannt am 9. Juni 1871.
22. Der alte Kartoffelmarkt (bis 1885) Seite 126/127
an der untern Rämistrasse, jetzt Anlagen.
23. St. Anna-Kapelle (Matliilde Escher-Stiftung) Seite 128/129
24. Der Paradeplatz mit der Pferdebahn 1895 .... Seite 132/133
25. Das Eisfest bei Zürich, von J. Nieriker Seite 134/135
„Seegefrörne", Sonntag den 8. Februar 1880.
26. Die Schweizer Hilfsexpeditiou vor Strassburg 1870 Seite 136/137
von Th. Schuler, Strassburg.
27. Die alte Tonhalle in Zürich, abgebrochen 1896 . . Seite 146/147
Haupteingang Stadtseite.
28. Strafanstalt am ötenbach 1902 Seite 158/159
Hauptportal.
29. Diethelm Georg Finsler, Antistes Seite 168/169
30. Ausblick vom Petersturm nach dem See 1880 . . . Seite 172/173
beim Hotel Bellevue der Hafen; links unten das erste
Haus: Zunfthaus zu ,, Zimmer leuten".
31. Schweizerische Landesausstellung in Zürich 1883 Seite 182/183
nach der Natur gezeichnet von J. Weber.
32. Gottfried Keller, nachdem Gemälde von Karl Stauffer-
Bem August 1886 Seite 190/191
Dieses Bild wird mit gütiger — ausschliesslich für das
Werk ,, Hundert Jahre" erteilter — Erlaubnis des Be-
sitzers hier zum erstenmal veröffentlicht.
33. Dr. Melchior Römer, Stadtpräsident Seite 212/213
34. Das Haus ,,zur TrüUe" am Fröschengraben Seite 214/215
Jvlteruhaus von Stadtpräsident Römer, gezeichnet D. K.
1853.
xni
35. Zürich vom Polytechnikum aus Seite 216/217
Hirschengraben mit Messbuden, abgeschafft 1878; Mitte
links Obmanuamt; rechts Prediger kirche mit angebautem
„altem Spital".
36. Altes Stadthaus 1865 Seite 218/219
Stadthaus mit Treppengiebel, angebaute, , Bauhütte", hnks
das BauschänzU; auf dem Stadthausplatz Wochenmarkt.
l-j. Vorkämpfer der Stadtvereinigung Seite 228/229
Dr. Conrad Escher. — Ständerat Dr. Paul Usteri. —
Stadtrat Benjamin Fritschi.
38. Neu-Zürich. Aquarell von W. F. Burger Seite 250/251
39. Hans Pestalozzi, Stadtpräsident Seite 252/253
40. Stadträte I Seite 258/259
Jakob Vogels anger. — Dr. F. Er is mann. — Dr. Emil
Klöti. — Haus Naegeli.
41. Stadtschreiber von Zürich Seite 262/263
Johann Bernhard Spyri.*) — Dr. Eugen Escher.
— Heinrich Wyss. — Dr. Rudolf BoUinger.
42. Stadthaus Fraumünsteramt Seite 264/265
erbaut von Gustav Gull 1898 — 1899.
43. Faumünsteramt, alter Musiksaal Seite 280/281
links das alte ,,Fraimiünsteramt" mit Schulzimmern,
Amtsräiomen etc., in der Mitte das Haus mit dem Musik-
saal im I. Stock, rechts die Eisenhandlung J. D. Wiser.
44. Friedrich Hegar. — Carl Attenhofer Seite 282/283
45. Das Künstlergütli, abgebrochen 1910 Seite 284/285
rechts das Sammlimgsgebäude.
46. Zürcherische Künstler Seite 286/287
Prof. J. J. Ulrich. — Rudolf Koller. — Albert
Welti. — Richard Kissling.
47. Architekten Seite 290/291
Prof. Friedrich Bluntschli. — Bauherr C. C. Ulrich.
Prof. Gottfried Semper. — Prof. Dr. Gustav Gull.
Prof. Dr. Karl Moser.
48. Zürcherische Historiker und Altertumsforscher . Seite 292/293
Prof. Dr. K. Dändliker. — Prof. Dr. J. R. Rahn. —
Dr. H. Zeller-Werdmüller. — Prof. Dr. W. Oechsli.
— Prof. Dr. G. Meyer von Knonau. — Prof. Dr. Paul
Schweizer.
49. Zürcherische Dichterinnen Seite 298/299
Nanny von Escher. — Johanna Spyri. — Clara
Forrer.
50. Conrad Ferdinand Meyer. Nach einer Radierung von
Karl Stauf fer - Bern 1887 Seite 302/303
mit Erlaubnis der Kunsthandlxmg Amsler & Ruthardt in
Berhn.
51. Der Sihlwald mit dem Forsthaus Seite 340/341
Von J. Aschmann, f 1809.
52. Oberst Ulrich Meister, Stadtforstmeister Seite 342/343
*) Stadtschreiber Dr. Paul Usteri s. Tafel Nr. 37.
XIV
So-
da-
O. Pestalozzi-Junghans.
— Walter Bissegger.
56.
57-
58.
59-
Politische Führer ....
Oscar Wettstein. — F.
— Georg Baumberger.
Georg von Wyss
Die neue Universität und ihre Umgebung ....
Das Bild reigt in der Mitte die Universität mit dem Kollegiengebäude
rechts und dem Biologischen Institut links vom Turra. — Hinter der
Eidg. Technischen Hochschule (Polytechnikum) sieht man das Eidg.
Landwirtschaftliche Institut (mit flachem Dach), daneben das Eidg.
Chemiegebäude (mit Kamin) ; das zweite Kamin links gehört zum Eidg.
Maschinenlaboratorium. Zu oberst am Rand links die beiden Häuser
der Kant. Frauenklinik ; rechts davon die Sternwarte an der Schmelz-
bergstrasse ; das unterste Haus an dieser Strasse ist die Kant. Poliklinik,
das zweitunterste das Laboratorium des Kanlonschemikers, ganz oben,
rechts von der Strasse, das Eidg. Physikgebäude, rechts davon das Kant.
Hygiene- und Pharmakol. Institut an der Gloriastrasse. Unterhalb der
Gloriastrasse steht das Pathologische Institut, noch etwas weiter unten
rechts die Anatomie, in der gleichen Flucht mit dem Kantonsspital
(gegenüber der Universität), zwischen diesem und dem Eidg. Physikge-
bäude das Absonderungshaus des Kantonsspitals. Links vom Univer-
sitätsturm, dicht anschliessend, ist noch ein Vorsprung der Kant. Augen-
klinik an der Rämistrasse zu sehen. Rechts vom Kollegiengebäude, von
Bäumen umgeben, steht noch das alte Bodmerhaus «zum obern Schönen-
berg», hinter demselben an der Rämistrasse das Kant. Physik- und
Physiologiegebäude. Die Rämistrasse kreuzt rechts die Zürichbergstrasse.
Im obern Winkel zwischen beiden steht der Neubau der Kantonsschule
mit dem Kant. Chemiegebäude (zusammengebaut), im untern Winkel
das Mietshaus «Schanzenberg», daneben links der «kleine Schanzen-
berg» ; das Haus hinter diesem, an der Rämistrasse, gegenüber dem
Kant Chemiegebäude, ist das «Belmont» mit der psychiatrischen Poli-
klinik. An der Zürichbergstrasse oben rechts das gerichtsärztliche und
zahnärztliche Institut (ehemals Geschäftshaus Theodor Fierz), unten die
alte Kantonsschule ; an der Künstlergasse zu unterst rechts der Rech-
berg, noch weiter rechts (mit den 4 Säulen) das Konservatorium für Musik.
Das zweite (hohe) Haus links vun der Künstlergasse ist das Hirschen-
grabenschulhaus. Das Haus mit dem Doppelgiebel unterhalb dem Bio-
logischen Institut gehört zum ehemaligen Stockarg^t und beherbergt
ietzt das Kant. Hochbauamt. Unterhalb desselben, am Hirschengraben,
steht die Friedenskirche. Bei der Predigerkirche (unten links) sieht man
den künftigen Anbau der Zentralbibiiothek.
Das Kaufhaus beim Fraumünster
Im neuen Stadthaus-Viertel, Phot. Ph. & E. Linck
a) Blick nach Osten: Uraniastrasse (künftige ,, Stadt-
hausstrasse"), Uraniabrücke (ehemahger Oberer Mühle-
steg), Bhck in die verbreiterte Mühlegasse mit Rudolf
Mosse-Haus (rechts). Die Uraniastrasse wird gekreuzt von
der übergeführten Lindenhofstrasse zwischen den Amts-
häusern III links und IV rechts im Vordergrimd. Links,
an der Limm'ät, Amtshaus I, ehemaliges Waisenhaus.
Auf der Höhe Universität tmd Technische Hochschule.
b) Blick nach Westen: links Amtshaus IV, dahinter die
Urania, rechts Amtshaus III, dahinter Bodenkreditan-
stalt am Werdmühleplatz.
Schweizerisches Landesmuseum in Zürich ....
erbaut von Gustav Gull, Front an der Museumsstrasse,
rechts Eingang zur Platzpromenade.
Im Dienste des Gemeinwohls
■\ Frau E. Coradi- Stahl, Präsidentin der Kommission
der Haushaltungsschule. — Frau Prof. S. Orelli,
Seite 348/349
Seite 354/355
Seite 360/361
Seite 364/365
Seite 368/369
Seite 370/371
Seite 376/377
XV
Leiterin der alkoholfreien Wirtschaften des Frauenvereins.
— Fräulein Dr. med. Anna Heer, Gründerin und Chef-
ärztin der Pflegerinnenschule.
60. Gedecktes Brückli, „Grünes Hüsli", Bollwerk und
Waisenhaus 1900 Seite 390/391
Im „Grünen Hüsli", links neben dem Brückli, befand sich
längere Zeit das Bureau des FreiwilHgen Armenvereins.
61. Der hintere Neuenhof am Paradeplatz Seite 394/395
62. Vertreter von Handel und Industrie Seite 396/397
t Dr. Konrad Cramer-Frey (s. S. 269, 397). — Hans
Wunderly-von Muralt (s. S. 397)- — Carl Abegg-
Arter, Präsident der Schweiz. Kreditanstalt, einer der
bedeutendsten Vertreter des schweizerischen Bankwesens,
t 23. August 1912. — Robert Schwär zenbach-
Z e u n e r , hervorragender Seidenindustrieller und Kunst-
freund, t I- Juli 1904.
6}. Alte „Neumühle" bei der Bahnhof brücke 1864. . Seite 398/399
Die Fabrikanlagen von Escher Wyss & Co. reichten bis
an die Bahnhof brücke und früher noch darüber hinaus;
auf der Höhe Polytechnikum und Pfrundhaus, rechts
am Rand ,,Papierwerd".
64. Robert Billeter, Stadtpräsident Seite 402/403
65. Stadträte II Seite 404/405
Paul Pflüger. — Dr. Arnold Bosshardt. —
Hans Kern. — Dr. Adolf Streuli.
66. Empfang des Kaisers Wilhelm II. in Zürich . . . Seite 406/407
Dienstag den 3. September 191 4. Der Kaiser schreitet mit
Bxmdespräsideiit Forrer die Front der Ehrenkompagnie ab.
67. Kaiser Wilhelm II. bei den Schweizer Manövern Seite 410/411
Der Kaiser im Gespräch mit Oberstk. -Kommandant Wille.
68. Die alte Hochschule im,, Hinteramtsgebäude" 1838-1864 Seite 414/415
vorn der ,, Fröschengraben".
69. Die neue Universität Seite 416/417
erbaut von Karl Moser, eingeweiht am 18. April 1914.
An der Künstlergasse steht noch das Tor vom alten
Künstlergüth.
70. Aufruf des Stadtrates vom i. August 1914 Seite 422/423
zur Beruhigung der Bevölkerung, und vom 19. November
191 4 für die Kriegsnotunterstützung. Verkleinerte Re-
produktion der ersten Tagblatt-Seite.
71. Ulrich Wille, General der schweizerischen Armee; nach
dem Gemälde von Ferdinand Hodler 1915 Seite 424/425
Oberst-Divisionär Hermann Steinbuch, Kommandant
der 5. Division; nach einer Zeichnung von R.Weningi9i5.
*
Eine grössere Zahl der Stadtbilde? aus den letzten Jahrzehnten sind uns in ver-
dankenswerter Weise von der Stadtbibhothek Zürich, sowie von den Herren
F. Ivandolt-Arbenz und A. Moser zur Verfügung gestellt worden.
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FÜNFTER TEIL
DIE DEMOKRATEN
SECHSUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DIE FREIHERREN VON REGENSBERG
Ein grosser Sumpf liegt auf unserem Wege. Ihn zu umgehen,
ist unmögHch. So lasst uns denn vorsichtig, doch furcht-
los das trügerische, morastige Vorgelände der Demagogie durch-
schreiten, den Blick auf das jenseits winkende Ziel gerichtet:
den haltbaren und verlässlichen Grund und Boden der reinen
Demokratie. Sonst wohl bezeichnen Blutlachen und rauchende
Trümmerhaufen den Übergang von einer politischen Entwick-
limgsstufe zur andern. Hier sind es statt der Barrikaden nur
Schlamm und Pfützen, zwischen denen eine grosse politische
Tragödie sich abspielt. Gottfried Keller schildert im ,, Verlorenen
Lachen" diese ,, dämonisch seltsame Bewegung, welche mehr
Schrecken und Verfolgungsqualen in sich barg als manche blutige
Revolution, obgleich nicht ein Haar gekrümmt wurde und kein
einziger Backenstreich fiel". Ein ,, grosser Reichstag der Ver-
leumdung" ward abgehalten, zu dem aus allen Ritzen und Schlupf-
winkeln die Teilnehmer herbeieilten, und es stieg ans Licht empor
,,die unterirdische Schicht der Niedertracht, die in keinem Lande
fehlt", um die verhasste Ehrbarkeit ausplündern zu helfen.
,, Personen, deren eigene physiognomische Beschaffenheit, Lebens-
arten und Taten sie selbst zum Gegenstande der Schilderung,
des Unwillens und des Spottes zu machen geeignet waren, stellten
sich gerade in die vorderste Reihe und erhoben als rechte Her-
zoge der Schm.ähsucht und der Verleumdung ihre Stimme.
. . . Oder es fielen ein paar der Herzoge unter den reissenden
Tieren einander selbst an auf irgend einem besondern Wechsel-
platz, kehrten aber mit zerbissenen und blutigen Schnauzen
zum allgemeinen Reichstage zurück, ohne dass es ihnen dort
etwas geschadet hätte. Sie beleckten sich die zerzausten Bälge
und nahmen frech wieder das Wort."
Die vSatire des Dichters bleibt hinter der Wirklichkeit noch
zurück. Mitten in der hereingebrochenen Verwüstung schrieb
4 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
•
die „Freitagszeituiig" im November 1867: „Wenn es erst Partei-
manöver und Regierungsmaxime bei uns werden wird, ins In-
nerste des Familienlebens einzugreifen, schonungslos alle Pie-
tätsverhältnisse zu zerstören, Kinder zu Entehrung der Eltern
vorzuführen, Eltern wegen der Kinder im Grabe zu schänden,
Geschwister zur moralischen Vernichtung der Geschwister zu
missbrauchen, den einen Ehegatten wegen des andern dem
öffentlichen Hohne preiszugeben, auf das Zeugnis verworfenster
Personen hin die schwersten Anklagen gegen bisher allgemein
geehrte, als tüchtig anerkannte Gegner zu schleudern, selbst
aus körperlichen Mängeln und Gebrechen ein Verbrechen zu
machen, die geringste moralische Verirrung aber als zuchthaus-
würdiges Verbrechen auszumalen, eine falsche Meinung als mora-
hsche Schlechtigkeit, eine widersprechende politische Ansicht
als Hochverrat am Volke darzustellen, und wenn man diese neue
Ära dann als die Ära der wahren Freiheit begrüssen und ihre
Vertreter als siegreiche Märtyrer des Rechts belohnen und krönen
muss, — ja dann würden wir diesem moralischen oder vielmehr
unmoraHschen Schreckensregiment das der wirklichen Guil-
lotine weit vorziehen, — diese kann doch nur den Körper töten,
jenes würde die Seelen morden, wenn es sich hielte."
Es ist indessen wohl zu unterscheiden zwischen der eigent-
lichen demokratischen Revisionsbewegung, die das nächste
Kapitel behandeln soll, und dem Verleumdungsfeldzug des
Pamphletärs Dr. Friedrich Locher. Allerdings flössen beide Be-
wegungen eine Zeitlang vollständig ineinander über und es täusch-
ten sich anfangs auch ehrenwerte demokratische Führer über
die wahre Natur ihres gefährhchen Bundesgenossen. Gemein-
sam war ja das Ziel: der Sturz des Alfred Escherschen ,, Systems"
(eine aus dem Frankreich Guizots herübergenommene Be-
zeichnung). Während jedoch die Organisation einer demokrati-
schen Partei schon Jahre vor dem Auftreten Lochers eingesetzt
hatte und im Gegensatz zu der kurzlebigen herostratischen Be-
rühmtheit des Pamphletärs dem Staat ein neues und soHdes
Gefüge gab, stellte sich die gänzHche Unbrauchbarkeit Lochers
zu ernsthafter politischer Arbeit sehr bald heraus. Ihm waren
seine Pamphlete, bei denen gemeine persönHche Rachgier, Selbst-
gefälligkeit und Grossmannssucht die Hauptrolle spielten, vor
o . XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 5
allen Dingen Selbstzweck und die Politik, soweit man von einer
solchen bei seiner demagogischen Phraseologie überhaupt reden
kann, nur das Mittel zum Zweck, seine Verleumdungen unter
die Leute zu bringen. Die Demokraten aber Hessen sich seine
freiwillige Mitarbeit vorerst gefallen, weil ihnen alles recht war,
was dazu beitragen konnte, das ,, System" zu untergraben.
Noch war das ,, System" unerschüttert, unangreifbar fast.
Als schützende Mauern, Türme und Zinnen umgaben es das hohe
Ansehen, das es sich durch seine Leistungen und Schöpfungen
erworben, die materielle Prosperität des Kantons, seine einfluss-
reiche Stellung in der Eidgenosserischaft, die im allgemeinen
nicht bezweifelte Rechtlichkeit seiner Verwaltung und Justiz,
die Noblesse der Gesinnung, die sich seine Grossen gern nach-
rühmen Hessen, und ihr häufig betontes Wohlwollen für die untern
Klassen. Indessen fand mit der Zeit das Volk und wurde auch
darauf aufmerksam gemacht, dass die nicht geringen ideellen
und materiellen Vorteile, welche die Regierungsgewalt für ihre
Inhaber und deren ergebene Anhänger mit sich bringt, auf einen
gar zu engen Kreis beschränkt bHeben. Wünsche nach etwelchen
Änderungen und vermehrter Anteilnahme des Volkes an den
Regierungsgeschäften fanden zuständigen Orts kein Gehör. Wozu
auch ändern? Das Land war ja treffHch regiert und gedieh zu-
sehends. Das ,, System" bHeb also bei seinem Grundsatz: für
uns die Macht, die Stellen, die Ämter und Ehren, für euch unsere
noble Gesinnung, unser Wohlwollen, das nicht verscherzt werden
sollte! Bei denen, die auch nicht dumm zu sein glaubten, frass
die Verbitterung um sich, und der Masse bemächtigte sich stumpfe
Gleichgültigkeit den öffentlichen Dingen gegenüber. Zu den Ab-
stimmungen fanden sich noch etwa zwanzig Prozent der Bürger
ein. Mit Noblesse, die nicht verpfHchtet, und Wohlwollen, das
nichts kostet, hält man das Volk nicht warm. Neugierig wird es
zusehen, was aus der Regierung werden mag, wenn der Sturm
gegen sie losbricht, aber nicht den Finger für sie rühren.
Ein kleiner Advokat, Dr. Friedrich Locher von Zürich, geb.
1820, machte sich schon anfangs der sechziger Jahre unangenehm
bemerkHch bei aUerhand Prozessen vor dem Bezirksgericht Regens-
berg. Lochers juristische Befähigung hat bei Kundigen nie viel
gegolten, und als er, der bisher nur Prokurator gewesen, das Für-
XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG
o
Sprecherexamen machen wollte, Hess ihn die Kommission durch-
fallen. Um so mehr brillierte er als Revolver- JournaHst. Üppige
Phantasie, stilistische Gewandtheit und absolute Skrupellosigkeit
in der Wahl der Mittel machten ihn zu einem Meister der Ver-
drehung. Die Richter, vor denen er seine zahlreichen faulen Pro-
zesse verlor, mussten stets gew^ärtig sein, ihr nicht geschmeicheltes
Porträt von Lochers Hand in der ,, Freitagszeitung" oder in einem
ausserkantonalen Blatt zu finden. Hie und da war etwas Wahres
an den Locherschen ,, Justiz-Skandalen", und ,,wenn auch nur
der zehnte Teil wahr ist", dachten dann die Leute, so — glauben
wir gern auch alles übrige. Auf der ,,Burg", dem Städtchen
Regensberg, das bis 1870 Sitz der Bezirksverwaltung war, wusste
man dem Prokurator Locher wenig Dank dafür, dass er gerade
ihren Ort in der Leute Mäuler brachte, und als er später einmal
in Geschäften dorthin kam, wurde er mit Steinwürfen verfolgt
und langte atemlos auf der Station Dielsdorf wieder an. Statt-
halter Ryffel, Gerichtsschreiber Bucher, Bezirksrichter Bader
und andere Regensberger Matadoren waren die ersten Opfer
Lochers, und aus seinen Angriffen entwickelte sich ein Ratten-
könig von Prozessen gegen die ,, Freitagszeitung" oder Locher
persönlich, die nicht alle glücklich für die Regensberger endeten.
Daneben verfolgte Locher Jahre hindurch mit zähem Hasse
den Obergerichtspräsidenten Dr. Eduard Ulmer, der auch als
Fachschriftsteller sich einen geachteten Namen gemacht hatte.
Die Beschreibung einer Reise Lochers nach der Oase Laghuat
im Jahre 1864 schien nur zu dem Zweck veröffentlicht worden
zu sein, um darin eine perfide Anspielung auf Ulmers Familien-
leben als ersten vergifteten Pfeil abzuschiessen. Fatalerweise
hatte schon im Jahr 1858 ein Prozess, der seitdem immer und
immer wieder aufgewärmt wurde, Anlass gegeben, das Vertrauen
weiterer Kreise in Ulmer und in die UnparteiHchkeit der zürche-
rischen Justizpflege zu erschüttern. Während einer Schwurgerichts-
session in Pfäffikon hatte Ulmer beim Mittagessen in der ,, Krone"
auf den Redaktor des ,,Intenigenzblattes", Dr. Härlin, einen
deutschen Flüchthng, geschimpft und behauptet, dass ,, dieser
hergelaufene fremde Fötzel" vom Bankhaus Schulthess Rech-
berg mit einer Pension von 1200 Fr. ausgehalten werde, um gegen
Escher und die Xordostbahn zu schreiben. Von HärHn beim
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 7
Abendessen in der ,,Post" Pfäffikon zur Rede gestellt, berief sich
der Schwurgerichtspräsident auf die Nationalräte Hüni und Fierz
als seine Gewährsmänner. Diese aber, im ,, Intelligenzblatt"
als gemeine Verleumder hingestellt, bestritten die Tatsache ener-
gisch und verklagten Härlin beim Bezirksgericht Zürich, worauf
Härlin mit der Klage gegen Ulmer antwortete. Das Bezirks-
gericht Zürich trennte die beiden Klagen, wies Härhn als Kläger
vor das Kreisgericht Wiedikon und verurteilte ihn sodann wegen
Beschimpfung der beiden Nationalräte zu Geldbusse. Seine Klage
gegen Ulmer jedoch wurde vom Kreisgericht Wiedikon und vom
Bezirksgericht in zweiter Instanz abgewiesen. Härlin war somit
wehrlos verleumdet und noch gebüsst dazu, und es war nicht
die glückhchste Verteidigung Ulmers und der zürcherischen Justiz,
als der erste Obergerichtsschreiber Leonhard Tobler in seinem
Pamphlet gegen Dr. Friedrich Locher (1867) schrieb: ,,Wir möch-
ten gar nicht bestreiten, dass die soziale Stellung der Parteien
das Gericht mehr oder minder beeinflusst haben könnte. Herr
Härlin . . . war damals ein in Zürich sehr wenig bekannter armer
Flüchtling. Ihm gegenüber stund der Präsident des Obergerichts.
Dass derartige Unterschiede mit in die Wagschale fallen, ist ein-
fach menschlich und wird so sein, so lange die Welt steht". . .
,,Wenn der Schuss losgeht, so wird's um die Lagern herum
krachen, dass manchem die Ohren weh tun werden." So hatte
die ,, Freitagszeitung" schon am 21. November 1862 verkündet.
Ihrer bediente sich Locher mit Vorliebe in den ersten Jahren
seines ,, Wirkens", aber auch später immer wieder, ohne sich da-
durch stören zu lassen, dass die ,, Freitagszeitung" gelegentlich
zwischenhinein gegen ihn schrieb und händeringend das Unheil
beklagte, das er über das Vaterland brachte. Ohne politischen
Kompass, bot die ,, Freitagszeitung" nach bewährter Geschäfts-
maxime dem Publikum stets das, was seinem jeweiligen Geschmack
entsprach. An ihren Klatschereien konnte sich ein politisches
Urteil nicht bilden ; wohl aber bereitete sie damit bei ihrem grossen
Leserkreis den Boden vor, der zur Aufnahme der Locherschen
Pamphlete geeignet war. Am 13. April 1866 brachte die ,, Frei-
tagszeitung" die kurze Notiz: ,,In einer bei Haller in Bern er-
schienenen, 12 Bogen starken Schrift, die , .Freiherren von Regens-
berg", werden die Regensberger Geschichten witzig geschildert
8 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
und beissend kritisiert." Das Buch erschien anonym unter dem
Titel
Die Freiherren von Regensberg
Pamphlet eines schweizerischen Juristen.
Es umfasste zwei Teile: ,,I. Einst", eine historisch-antiqua-
rische Abhandlung über Regensberg imd sein altes Freiherren-
geschlecht, ohne Sinn und Zusammenhang mit dem Zweck des
Pamphlets; ,,II. Jetzt", die Regensberger Prozesse und die für
die Gescliichte ebenso belanglosen Rümlanger Dorfwirren ver-
arbeitend. Schonungslos wurden darin die Regensberger Macht-
haber als die modernen ,, Freiherren" an den Pranger gestellt,
dem Spott und der Verachtung preisgegeben, nach dem Leitsatz
pag. 153: ,,Exempla sunt odiosa, allein wir haben beschlossen,
uns nötigenfalls unangenehm zu machen." Das Buch fand reissen-
den Absatz. In fünf Tagen w^ar die erste Auflage vergriffen. Das
Sechseläuten 1866 stand im Zeichen der ,, Freiherren"; sie bildeten
das ausschHessliche Tagesgespräch. Nie hätte man es für möglich
gehalten, dass jemand es wagen würde, mit so unerhörter Kühn-
heit gegen hochangesehene Beamte und Stützen des ,, Systems"
vorzugehen.
Mit den ,, Freiherren", I. und II. Teil, wurde eine Serie von
sieben Pamphleten Lochers eröffnet, und es machte dem Ver-
fasser allemal besondern Spass, während der Prozessverhand-
lungen wegen des einen Pamphlets, am liebsten noch vor den
Gerichtsschranken, anzukündigen, dass das nächste Pamphlet
bereits geschrieben sei oder schon unter der Presse liege. Vom
Obergerichtspräsidenten Ulmer war im ersten Pamphlet noch
nicht die Rede. ,,Herr Ulmer," sagte Locher in einer spätem
Verteidigung vor Obergericht, ,, hatte für mich in kantonaler Be-
ziehung ganz dieselbe Bedeutung wie Herr Bezirks- und Verhör-
richter Bader für den Bezirk Regensberg. Mit der Person des
Herrn Ulmer getraute ich mir, das S5^stem auseinanderzusprengen,
natürhch alles zu seiner Zeit. Ich sparte also Herrn Ulmer sorg-
fältig auf, ich trug zu ihm Sorge wie zu meinem Augapfel, und sein
Rücktritt hätte mich ganz unglücklich gemacht." Ulmer aber,
ohne Ahnung von der ihm widerfahrenden liebevollen Schonung,
schrieb für die ,, Sonntagspost" eine sehr abschätzige Rezension
der ,, Freiherren", deren Verfasser niemand anders sei als der
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 9
Prokurator Locher, ein Ehrabschneider von Profession, den die
angegriffenen Behörden einer Antwort nicht zu würdigen brauchten.
Einstweilen taten die ,, Freiherren" ihre Wirkung. Bei den
Grossrats-, Bezirks- und Nationalrats wählen des Jahres 1866
erlebten die Gouvernementalen des Bezirks Regensberg Nieder-
lage auf Niederlage. Locher, in Wiesendangen nominiert, drang
bei den Grossratswahlen nicht durch, noch weniger natürlich
bei den indirekten Wahlen im Grossen Rat am 28. Mai, wo ihn
die demokratische Opposition ganz verschämt am Schluss ihrer
Liste aufführte.
Um jeiie Zeit lag vor den eidgenössischen Räten in Bern der
Rekurs Guex-Perey, eine totlangweilige Prozesströlerei Lochers
ohne alles Interesse für die Nachwelt. Bei den Akten lag auch
ein Gutachten des Obergerichts Zürich. Nun bemerkte der Refe-
rent des Ständerats, Häberlin, dass dieses Gutachten mit einer
Bleistift-Notiz am Rande ,,0 Ulmer, Schurke!" versehen war,
und erwähnte mit Indignation dieses Vorkommnisses in seinem
Referate. Man war sofort im klaren, dass diese Frechheit gegen
den zürcherischen Obergerichtspräsidenten nur Locher verübt
haben konnte, als er in Bern die Akten einsah. Locher leugnete
und musste erst durch eine umständliche gerichtliche Schrift-
expertise zum Geständnis gebracht werden, worauf er seine Taktik
änderte und den Wahrheitsbeweis dafür anerbot, dass der zürche-
rische Obergerichtspräsident Dr. Eduard Ulmer tatsächlich ein
Schurke sei. Das Bezirksgericht trat auf diesen Wahrheitsbeweis
nicht ein und verurteilte am 14. September 1867 Locher wegen
des „Schurken" zu vier Tagen Gefängnis, 100 Fr. Busse imd
30 Fr. Entschädigung an den Kläger Ulmer, der diese 30 Fr.
dem ,, Schutzauf Sichtsverein für entlassene Sträflinge" schenkte
(s. Verdankung im ,, Tagblatt" vom 20. Dez. 1867). Die Appel-
lationskammer des Obergerichts erhöhte im Oktober 1867 die
Gefängnisstrafe für Locher auf acht Tage, welche der viel-
beschäftigte Volkstribun jedoch erst im Februar des folgenden
Jahres abzusitzen Lust und Müsse fand.
Seinen ,, Wahrheitsbeweis" hatte Locher dem Bezirksgericht
in einem ausführhchen Memorial anerboten, das an Hand von
,, dreizehn Erlebnissen" den Obergerichtspräsidenten der grössten
Schandtaten und Verbrechen bezichtigte. Für das meiste wollte
lo XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
Locher vollgiltige Beweise haben, für das übrige „hohe Wahr-
scheinlichkeit". Ulmer reichte gegen Locher dreizehn neue Klagen
ein, die den Beklagten nicht davon abhielten, geheimnisvoll an-
zukündigen, dass der Inhalt des einstweilen nur in der Gerichts-
kanzlei bekannten Memorials demnächst in einem III. Teil der
,, Freiherren" der breitesten Öffentlichkeit zugänghch gemacht
werden solle. Die Cholera des Herbstes 1867 Hess auch in diesem
Kampfe eine notgedrungene Pause eintreten, und auch sie schien
nur die Empfänghchkeit des Volkes für die unmittelbar nachher
ausbrechende Pamphletseuche zu steigern.
Der III. Teil der ,, Freiherren von Regensberg" erschien Ende
Oktober 1867, gleichzeitig mit der Pubhkation des obergericht-
hchen Urteils im ,,Schurken"-Prozess. Das Buch führte die Unter-
titel: ,,Die Freiherren vor Schwurgericht. — Die Grossen der
Krone Zürich." Der Inhalt ist grauenhaft, entsetzlich. Wie eine
böse Dogge fällt das Pamphlet den Obergerichtspräsidenten an,
und je mehr er sich gegen die Bestie wehrt, um so fester packt
sie zu. Er flieht, bluttriefend und mit zerfetzten Kleidern, ver-
folgt bis ins Innerste seiner Gemächer, wo das Vieh auch noch
Frau und Kind des Verfolgten zuschanden beisst. Der Herr des
Hundes steht mit den Händen in den Hüften und lacht aus vollem
Halse. Um ihn her stehen seine Freunde, mit den Zügen bekannter
Staatsmänner, von ihm wie zu einem besondern Spass geladen;
sie lachen auch, etwas gezwungen zwar. Gebt nur acht, Ihr Herren,
dass der Hund nicht auch Euch noch anfällt!
In Zürich ward der kleine, über die Achseln angesehene Pro-
kurator Locher mit einem Schlage der populärste Mann. Das
ungeheure Interesse, welches sein Pamphlet erweckte, zeigt die
dem ,, Landboten" gemeldete Tatsache, dass die Zürcher darob
sogar den Jass vergassen. Mürrisch stieg der Droschkier vom
Bock herab, wenn ein Fremder seine Dienste verlangte; hatte er
ihn doch in der Lektüre der ,, Freiherren" unterbrochen, als sie
,,am schönsten" zu werden versprach. Kein Haus, wo nicht von
Herrschaft oder Dienstboten — oder beiden — die ,, Freiherren"
gierig gelesen w^urden. Keine Schneiderwerkstatt, keine Schuster-
boutique, in der nicht Lochers Bildnis an der Wand prangte, ge-
ziert mit dem Facsimile seines Motto und seiner Unterschrift:
,,Fort mit dem Nimbus! Nieder mit dem Respekt. Dr. Friedrich
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG ii
Locher." Und die Gespräche! „Also so schaut's aus bei den
Herren? — Und da redet man noch vom gemeinen Volk!"
Von der Wirkung der Pamphlete Lochers auf das „System"
macht man sich nicht leicht einen Begriff. Vielleicht Hessen sich
etwa die 42 cm-Mörser von Lüttich zum Vergleich heranziehen.
Das Aussenfort Regensberg war gefallen ; nun lag auch eine Haupt-
bastion der Zitadelle schon in Trümmern. Die besten Männer des
Systems eilten zur Abwehr auf die Zinnen, Regierungsrat Prof.
Dr. Rüttimann mit einer umfangreichen, vornehm gehaltenen
Gegenschrift, L. Tobler mehr im Pamphletstil. Aber was half das
alles! Von unten klang das diaboHsche Lachen: ,,Das System hat
Unglück mit seinen Stützen : Man durchsägt ihm eine Krücke nach
der andern, man nimmt ihm seinen Bader, seinen Bucher, seinen
Häberhn, nun auch noch gar seinen Ulmer. Bald hopst es nur
noch auf einem Bein. — Noch ein kräftiger Stoss, und es fällt.
Ha, ha, ha ! — Rule Britannia ! Wie der Vogel Strauss, steht es
nicht mehr auf." („Freiherren" III, pag. 163). Und unverweilt
folgten zwei weitere Ladungen: ,,IV. Othello, der Justizmohr von
Venedig. — Der Prinzeps und sein Hof." Am ghmpflichsten kam
noch Alfred Escher weg im ,, Prinzeps", während Ulmer im ,, Othello"
als „Justizmohr von Venedig" (er wohnte in der Nähe des „Vene-
digh" in Enge) noch die Folter vierten Grades auszuhalten hatte.
Schrecken und Bestürzung herrschte unter den Zelten des
„Systems". Von den ,, Freiherren", III. Teil, schrieb die „Lim-
mat": ,,Der Schlag wird so geführt, als ob, wie in jenen schauer-
lichen amerikanischen Duellen, beide Kämpfer im dunkehi Zimmer
mit offenem Messer einander ans Leben gingen. Wir würden uns
gar nicht wundern, wenn aus der Broschüre noch Blut tröpfelte."
Der ,, Landbote", der im Gegenteil von dem Buch den Eindruck
einer ,,poHtischen Tat" hatte, beruhigte: „Die Sache ist nicht halb
so gefährhch; die Dinge laufen bei den zahmen Grössen Limmat-
Athens viel glatter ab als bei den amerikanischen Hinterwäld-
lern . . . Ein Kampf ist allerdings da, ein Kampf der IntelHgenz
gegen die Gewalt; aber Blut wird keines fHessen, so hochtragisch
ist die Geschichte und das Geschlecht, mit dem sie sich befasst,
noch lange nicht, eher lächerlich!" Der dies schrieb, ahnte nicht,
dass ihm eines Tages eine jener ,, zahmen Grössen" an seinem
Redaktionspult den Revolver vor die Nase halten und eine Er-
12 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
kläning in die Feder diktieren werde, in der er sich selber als „fei-
gen, ehrlosen Schuft" bezeichnen und unterschreiben musste. Er-
innert man sich der Szene im ,, Verlorenen Lachen", wo Jukundus
unter der X'erleumderclique sitzt, welche rätig wird, ,, wieder ein-
mal über einen Volksfeind imd Unterdrücker Gericht zu halten
und eine lustige Jagd nach einem solchen einzuleiten" ? Nun, das
Urbild jener Szene mag eine Zusammenkunft in der ,,Häfelei" an
der Schoffelgasse gewesen sein, von der die ,, Freitagszeitung"
(1869, Nr. 41) berichtet. Die Herren, ein Regierungsrat unter ihnen,
Hessen sich vom Wirt Papier, Federn und ein Lineal geben, zeichne-
ten Sargdeckel und sandten sie mit erläuternden Inschriften an
verschiedene Zeitungen. Auch ein Gespräch, im rohesten Fuhr-
mannston, kam zu Papier, in dem ,, Lümmel H." den „Lümm.el T."
fragt, ob er gern Spinat esse ? Durch Vermittlung des Herrn Re-
gierungsrats kam das Gespräch in den ,,Züri-Heiri", die humo-
ristische Beilage des ,, Landboten". Unsere Zeit versteht die in
diesen Anspielungen Hegende Infamie glückHchen\^eise nicht, der
Getroffene aber, es war der Obergerichtsschreiber, verstand und
reiste mit dem nächsten Zuge nach Winterthur. Die Erklärung
des ,,Landboten"-Redaktors, welche er heimbrachte, erschien in
der ,,N. Z. Z."; zweien Herren — der eine Regierungsrat, der
andere Stadtrat — die ihn in der Obergerichtskanzlei auf-
suchten, wies er mit dem Revolver die Türe. Als er seine vier
Wochen Gefängnis für die Revolveraffäre abgesessen hatte, be-
stätigte ihn das Obergericht für eine neue Amtsdauer als Ober-
schreiber.
Das Obergericht war durch die Angriffe Lochers zu einer Ein-
gabe an den Grossen Rat veranlasst worden, in welcher es Unter-
suchung seiner Rechtspflege verlangte. Die Mehrheit der bestellten
Kommission mit Dr. Fr. v. Wyss an der Spitze, fand, dass dem
Obergericht entschieden Unrecht geschehen sei und in zehn Jahren
nicht ein einziger Fall angeführt werden könne, in welchem für
Annahme von Befangenheit und Parteilichkeit irgend etwas Be-
stimmtes vorHegen würde. Die IVIinderheit, Zangger und Scheuch-
zer, stimmte diesem Urteil anfängHch bei; dann wurden aber
die beiden Demokraten von Dr. Locher und Fürsprech Spillmann
doch noch veranlasst, ein Minderheitsgutachten abzugeben. Die-
ses leimte den allgemeinen Vorwurf der Korruption gegen die
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 13
zürcherischen Gerichte ebenfalls ab, nannte jedoch vier Fälle
(darunter Härlin-Ulnier) , in denen nicht unparteiisch geurteilt
worden sei. Obergerichtspräsident Ulmer hatte sich bis zur Be-
endigung der Untersuchung seiner Strafklagen gegen Locher, die
inzwischen auf 21 angewachsen waren, beurlauben lassen. Der
Fall sollte in der Schwurgerichtssession vom 5. Februar 1868 (Präsi-
dent Oberrichter Dr. Albert Schneider) zur Aburteilung kommen.
Locher machte sich nach seiner Ankündigung im Schützenhaus
auf eine längere Gefängnisstrafe gefasst (,,wir werden Sie dann
aus dem Gefängnis abholen," schrie der Populus) ; seine Sache
stand schlecht.
Da — ein Donnerschlag ! Ulmer zieht alle seine Klagen zurück
und bezahlt auch die aufgelaufenen Kosten von 1000 Fr. Nun
ist der Mann ganz am Boden, und mit satanischer Freude trampelt
Locher auf ihm herum. Er halst ihm im Handumdrehen drei
weitere uneheliche Buben auf, schimpft, dass ihm die Gelegenheit
genommen sei, die von ihm für das Schwurgericht aufgesparten
Hauptbeschuldigungen gegen Ulmer vorzubringen, und verlangt
Entschädigung für seine Umtriebe! Ulmer reicht dem Grossen
Rat seine Demission als Mitglied und Präsident des Obergerichtes
ein. Er schreibt:
,, Während 30 Jahren habe ich als Beamter gearbeitet wie
wenige. Daneben habe ich mich trotz harter Jugendzeit und
nicht voller Universitätsbildung zum verdienstvollen juristischen
Schriftsteller emporgeschwungen, und doch war eine Schand-
schrift genügend, mich moralisch zu ächten. Man hat mich ver-
urteilt, ohne die Beweise nur hören zu wollen. — Schlimmeres
kann mir nicht mehr widerfahren. Ich bin mir mehr wert, als
dass ich mich auch noch zum Schauspiel hergebe. Ich bin quitt
mit Euch, verlasse Euer Land und erwarte mein Urteil von einer
spätem billigeren Zeit, wenn die Leidenschaften des Tages ver-
stummt. Euern Locher mögt Ihr haben und an ihn glauben, so
lange es Euch gefällt."
Über dieses Rücktrittsgesuch wurde im Grossen Rat am 10.
und II. Februar 1868 debattiert. Die Redner der Opposition fan-
den seinen Ton ungehörig und Zangger drohte mit einem Antrag
auf Versetzung Ulmers in den Anklagezustand, wenn man es wage,
ihm noch die ,, Verdankung der geleisteten Dienste" auszusprechen.
14 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
Dennoch wurde die Entlassung schliesslich mit der üblichen Ver-
dankung gewährt. Dr. Schneider beklagte in der ,,N.Z.Z." den
Klagerückzug aufs tiefste, weil Ulmer damit alles preisgegeben
habe, für immer! Und doch war der Schritt, zu dem auch Re-
gierungsrat Huber (Ulmers Verwandter) , Fürsprech Dr. Sulzberger,
Alfred Escher u. a. rieten, psychologisch verständlich. In den
Prozessverhandlungen, welche im Grossratssal stattfinden sollten,
wäre Ulmer das Ziel der abgefeimtesten Angriffe Lochers und
der Gegenstand öffentlichen Hohnes geworden, ohne auch nur
einer Verurteilung des Angeklagten sicher zu sein, da Locher mit
der Rekusation von zwölf Geschworenen das Gericht aller selb-
ständigen Köpfe beraubt hatte. Ulmers Name begegnet uns später
nur noch einmal, im Jahre 1880, als die Gemeinde Enge auf den
Antrag des alt Obergerichtspräsidenten einen Steuerrekurs ein-
reichte, und dann bei seinem Tod (28. Juli 1886), der den Blättern
Veranlassmig zur Hervorhebung von Ulmers Verdiensten um die
zürcherische Rechtsprechung bot. — —
Der demokratischen Bew^egung leisteten die Pamphlete
Lochers mächtigen Vorschub. Sie bildeten die artilleristische Vor-
bereitung, nach welcher dann die Infanteriemassen der Dezember-
Landsgemeinden in die Linie rücken konnten. Mit Locher selbst
ergab sich freiHch von Anfang an kein rechtes Zusammenarbeiten,
und ein Vertrauensverhältnis zwischen ihm und den demokrati-
schen Führern hat nie bestanden. Am 5. November 1867 fand
auf Betreiben von Bleuler-Hausheer, der sich vorerst von dem
Bestehen und der Aktionsfähigkeit der Locherschen Gefolgschaft
in Zürich überzeugen wollte, eine Versammlung von Demokraten
unter Dr. Lochers Vorsitz in Zürich statt. Es nahmen u. a. Teil
Karl Bürkli, Polizeileutnant Ludwig Forrer, dem schon damals
nachgesagt wurde, dass er einmal Bundesrat werden wolle, Dr.
Fran^ois Wille in Meilen, Zigarrenmacher Frey, Stadtrat Schnurren-
berger, Literat Honegger, Postdirektor Peter, Tierarzneischul-
direktor Zangger, Kommandant Karl Walder, der spätere Regie-
rungsrat. Bleuler war vom Ergebnis dieser Besprechung nicht
befriedigt. Sein nach der Heimkehr noch um Mitternacht an
Locher geschriebenes Billett enthält für dessen Person Kompli-
mente, drückt aber grosse Skepsis aus ,,über die Verfassung der
zürcherischen Zentrumkompagnie".
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 15
Noch viel weniger erbaut war Dr. Locher; besonders hatte
ihn Zanggers ablehnende Haltung gegen eine sofortige Aktion ver-
stimmt. Man war ohne Beschluss auseinander gegangen und wollte
am folgenden Abend, 6. November, die Beratung fortsetzen. Es
kam aber ausser Locher und drei von seinen Freunden niemand.
Das Kleeblatt fand, auf die „Führer" sei kein Verlass; Dr. Locher
müsse selbst nun auch die politische Führung übernehmen. Nichts
konnte ihm erwünschter sein. ,,Ein Zentnergewicht war dem Ver-
fasser vom Herzen gefallen, seit er auf eigenen Füssen stand."
Er lud im ,, Tagblatt" auf Sonntag den 17. Novem.ber zu einer
„Versammlung unabhängiger Männer zur Besprechung der Situa-
tion" ins alte Schützenhaus ein, wohin er fortan noch öfter seine
Gefolgschaft aufbot, die Parole ausgab und die Bewegung ,, lei-
tete". Der Zudrang war. grossartig, der Jubel grenzenlos. Selbst-
verständhch ernannte die Versammlung Locher zum Tagespräsi-
denten, womit für ihn auch die Frage der Führerschaft der Bewe-
gungspartei gelöst und ein- für allemal erledigt war. Seine Pam-
phlete wurden von der Versammlung ausdrücklich sanktioniert
als das einzige Mittel, dem System beizukommen. Schon am
22. November kam man im Schützenhaus wieder zusammen zur
Feier des Ustertages. Zangger war auch gekommen, hatte aber
mit seinen Warnungen vor ,, Überstürzung" usw. kein Glück. Bei
der demokratischen Delegierten Versammlung vom 26. November
im alten Schützenhaus, welche das i5gHedrige Zentralkomitee für
die grossen Volksversammlungen bestellen sollte, war Locher be-
reits darüber orientiert, dass bei den Demokraten ausgesprochene
Antipathien gegen ihn bestanden. Er hatte ein Billett Walders
gesehen, in dem es hiess, Locher kompromittiere die Partei; er
(Walder) werde sich von diesem unlautern Treiben fernhalten. Im
Begriff, die Delegiertenversammlung zu eröffnen, ward er von
Bleuler-Hausheer überrascht mit der Bemerkung, ,,Karl Bürkli
habe ihn ersucht, das Präsidium zu übernehmen". In der Ver-
sammlung zirkulierte ein Brief des Lehrers Schäppi von Horgen,
der vor Locher warnte. Zangger bot diesen Brief herum und
nahm einen um den andern auf die Seite, mit ihm zu tuscheln.
Aber auch in der Diskussion ging Zangger geradewegs gegen Locher
vor und bezeichnete seine Pamphlete als ,,bewusste Verleumdungen
und persönHchen Schmutz". Unter solchen Umständen lehnte
i6 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
Locher eine Wahl ins Zentralkomitee ab. Zwischen ihm und
Zangger bestand schon jetzt töthche Feindschaft, die in einem
nächthchen Rendez-vous in der Wirtschaft Karl Bürklis an der
Eselgasse beinahe zu Tätlichkeiten geführt hätte. Locher machte
sich selbst Vorwürfe: „den Prinzeps, den Millionär, den Mann der
Ordnung hätte er glückhch verdrängt, um ein wildes Tier an seine
Stelle zu setzen! Und die andern, die er aus dem Kot gezogen,
standen dabei und Hessen ihn beschimpfen" (,, Freiherren" VI, 39).
Diese Szene spielte sich ab noch bevor das Pamphlet ,,Der Prin-
zeps und sein Hof", mit dem Locher Alfred Eschers Sturz be-
siegeln wollte, die Presse verlassen hatte!
Bei alledem fühlte Locher sich als Abgott des Volkes den
,,missgüastigen" demokratischen Führern bei weitem überlegen.
Sie konnten ihm nach seiner Meinung nichts anhaben und kamen
ihm vor ,,wie die Ratten und Mäuse, die den steinernen Elephan-
ten fressen wollen" (,, Freiherren" V, 89). Er fand Gelegenheit, sich
in seiner Popularität zu sonnen bei der am 8. Dezember abgehal-
tenen Schützenhausversammlung, in deren Physiognomie der Be-
richterstatter der ,,N.Z.Z." eine ,, sozialistisch-kommunistische Fär-
bung" wahrzunehmen glaubte. Bei der Dezember-Landsgemeinde
in Zürich figurierte Locher nicht auf der offiziellen Rednerliste,
aber das Volk rief stürmisch nach ihm, und als der Held des Tages
stieg er zur Tribüne herauf, theatralisch den Mantel zurückschla-
gend und in Handschuhen gestikulierend, was dem ,, Republikaner"
genügte, um in ihm den ,,T3^us des Aristokraten" zu erkennen.
Den Eindruck der Effekthascherei machte auch seine verspätete
Entree in einer grossen Versammlung im ,, Ochsen" am Kreuzplatz
am 22. Dezember, wo seine Ankunft donnernden Applaus aus-
löste, wofür er sich durch einen demagogisch-soziaHstischen Galli-
matliias revanchierte. Weniger Verständnis hatte man für seine
hohe Mission in Aussersihl; er fühlte sich in einer Versammlung
des dortigen Gemeindevereins durch Sticheleien auf ,, politische
commis-vo3^ageurs" verletzt und vermochte die Anw^esenden nicht
zu seinen Gunsten umzustimmen.
Mitte Februar 1868 hatte Locher seine acht Tage Gefängnis
für den ,, Schurken" abzusitzen. Umfassende Vorbereitungen wur-
den getroffen zu einer gloriosen Begleitung durch das Volk bei
der Entlassung am vSonntag Abend den 23. Februar. Eine Depu-
v<3
Ol
«3
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 17
tation erbat vom Stadtrat Winterthur Kanonen, die jedoch ver-
weigert wurden, ,,um eine befreundete Stadt nicht zu kränken";
man musste sich mit zürcherischen ,, Katzenköpfen" begnügen.
In der Zelle im Selnau ging's wie in einem Taubenschlag. Karl
Bürkli überbrachte Locher die Meldung von dem ihm zugedachten
Fackelzug, bei dem BürkH selbst die Regie übernehmen sollte.
Locher war einverstanden; ,,nur eines muss ich zur Bedingung
machen : die Sache muss gross und gut organisiert sein. Mit 2 — 300
Fackeln ist mir nicht gedient, ich will wenigstens tausend haben.
Der Wille ist da, das Übrige ist Sache der Führer!" („Frei-
herren" VI, 81). Begeisterte Besucher, die nicht genug die
Pracht und Grösse des bevorstehenden Triumphzuges rühmen
konnten, wechselten ab mit falschen Freunden, die miter nichtigen
Vorwänden ihr Wegbleiben zum voraus entschuldigten oder gar
dem Gefangenen die Zumutung machten, auf den Fackelzug zu
verzichten. Den schHmmsten Streich spielte ihm Karl Bürkli,
der sich eine halbe Stunde vor der festgesetzten Zeit krank mel-
dete. Beim Austritt aus dem Gefängnis sah Locher zwei Pferde
im Hofe stehen; nach den ihm gemachten Versprechungen hatte
er zum mindesten das gesamte Studentenkorps ,,Helvetia" zu
Pferd erwartet. Mit trüben Ahnungen trabte er zur Seite des
Schuhmachers und Hühneraugenoperateurs Diezinger zum Sam.-
melplatz bei der Kaserne; dort traf er grenzenlose Verwirrung,
Tumult, lauernden Verrat an allen Ecken. Locher erzählt:
„Wie sich der Verfasser plötzHch umwendet, bemerkt er, dass
ein Fackelträger seinem Pferd die brennende Fackel unter den
Schweif hält, und ein paar andere sich dazu Zeichen machen und
lachen. Jetzt, auf einmal, wurde ihm die Sachlage klar. Also
darauf war es abgesehen ! Das war die ihm bereitete Ovation ! —
Der Gefeierte kämpfte für sein Leben, beschloss aber augenblick-
lich, es so teuer als möglich zu verkaufen. Jede Minute war kost-
bar. Er musste dem Pack Furcht und Entsetzen einjagen, sonst
war er verloren. Er nahm seinen Gaul zusammen, Hess ihn tanzen,
warf ihn ein paarmal herum, und nachdem er sich Platz verschafft,
ritt er hart an die Kerls heran: ,,Wenn Du noch einmal muckst,
so zerschmettere ich Dir den Schädel, dass Euch das Hirn ins Ge-
sicht spritzt. Glaubt Ihr, mit dem Locher so leicht fertig zu wer-
den ? Ich will Euch mores lehren, Ihr Millionsschufte ! Was kömmt
iS XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
mir auf Eure Köpfe an!" — Mit gedämpfter, vor Wut erstickter
Stimme hatte er in dem furchtbaren Tumult gesprochen, aber er
war verstanden worden. ,, Nehmt Euch in acht, er hat einen Re-
volver!" flüsterte es um ihn herum. Der Verfasser besass keine
Waffe, aber es gab Ruhe. Man hielt Distanz. Er ritt an die Spitze
des Zuges, übernahm selbst das Kommando, rief einzelne seiner
Freunde zu sich heran, ersuchte sie, für Handhabung der Ordnung
zu sorgen, und Hess sich im übrigen nichts merken. ,,Gebt alle
acht, es sind Störefriede unter uns. Wer muxt, wird niederge-
schlagen, es ist keine Zeit zum Spassen!" (,, Freiherren" VI, 92.)
Der Zug zählte etwa 140 Fackeln, meist von Knaben und
Dienstmännern getragen. Er bewegte sich durch den Talacker,
über den Paradeplatz, die Münsterbrücke, den Limmatquai ab-
wärts, durch den Hirschengraben zum ,, Mohrenkopf", der Woh-
nung Lochers am Neumarkt, und dann vor das Obmannamt. Den
vornehmsten Teil von Lochers Gefolge bildeten zwanzig ,,Hel-
veter" zu Fuss; in den Strassen drängte sich das Volk in Massen,
es rief Hurrah und Hoch, aber auch Pfeifen, Hailoh und Ge-
lächter begleiteten den ,,Triumphator". Er konnte sich unmöglich
darüber täuschen, dass die grosse Ovation zu einem grossen Jux
für das Volk geworden. Vor dem Obmannamt rednerte ihn der
Präses der ,,Helveter" an; Locher antwortete, während ein her-
beibefohlener Dienstbeflissener seinen schlotternden Schimmel
hielt, da seltsamerweise ,,zwei der ersten Fackeln anfingen, sich
in feuerspeiende Berge zu verwandeln, so dass die Pferde neuer-
dings unruhig wurden; also war der Verfasser doch nicht sicher,
zwang sich aber zu einem leichten, sorglosen Ton" (a. a. O. 95).
Die Nachfeier im Schützenhaus, wo Locher noch dreimal sprechen
musste, hob jedoch alsbald das etwas gedämpfte Selbstvertrauen
zur alten Höhe. Seine Feinde und Neider glaubte er zu kennen;
das nächste Kapitel der ,, Freiherren" trägt die Überschrift ,,Die
Verschwörung".
Nach und nach kam er nämlich dahinter, dass ein ,, falsches
Spiel" mit ihm getrieben wurde und dass man ihn hinauszudrängen
versuchte. Im ,, Tagblatt" erst musste er lesen, dass ein ,, Demo-
kraten verein in Zürich" (Direktor Zangger, Aktuar Forrer) ent-
standen war, der sein Stammlokal in der Walderschen Wirtschaft
in Unterstrass hatte. An seinem Fackelzug hatte er zu einer Ver-
o XXVI. KAPITEL: DIE) FREIHERREN VON REGENSBERG 19
Sammlung für die Verfassungsratswahlen auf den i. März in die
Reitschule eingeladen. Bei einem Besuch im Konsumverein in
der Woche vorher sah er dort zufällig den Entwurf eines Tag-
blattinserates Hegen, der eine Versammlung auf den 29. Februar
ins Schützenhaus einlud, unterzeichnet ,,Die Delegierten in Zürich".
Was soll nun das heissen ? ,, Unterdessen war Karl Bürkli ein-
getreten. Als er sah, dass wir den Zettel schon in der Hand hatten,
bekam er einen Anfall seines fatalen Hustens: ,Aha, Sie haben
die Einladung schon gesehen; wir haben gefunden, es sei besser
im Schützenhaus als in der Reitschule, welche vielleicht nicht
einmal voll geworden wäre; Sie werden doch auch kommen?' —
Der Verfasser hatte alle Versammlungen präsidiert, einberufen,
und jetzt fragte man ihn, ob er auch hinkommen werde?" (,,Frei-
herren" VI, 108). Locher antwortete kurz: ,,Ich werde sehen,
vielleicht!" Er kam, sah, siegte. Das Volk verlangte ihn stür-
misch als Vorsitzenden. Er machte sich erst kostbar. Die Ver-
sammlung sei ohne sein Wissen von ,, Delegierten" einberufen,
die sollen jetzt präsidieren, er wolle ihnen nicht ins Handwerk
pfuschen, aber als Repräsentanten der zürcherischen Wähler
könne er die heutige Versammlung nicht ansehen usw. Zangger
suchte umsonst zu beschwichtigen; Locher lief weg und die Ver-
sammlung löste sich auf. Zu der sodann von Locher im ,, Tag-
blatt" auf den 5. März ins Schützenhaus einberufenen Versamm-
lung erschienen 600 Mann. Da ward mit Zangger und den Sepa-
ratisten abgerechnet. Bis jetzt, sagte Locher, habe das ,, Schützen-
haus" regiert, imd zwar mit Glück und Erfolg. Jedenfalls sei die
Sache nicht ganz klar; denn als Präsident vom Schützenhause
hätte er, Locher, zu befehlen gehabt, er habe die Exekutivgewalt
in den Händen (Bravo!). ,,Doch wir wollen Eintracht, keinen
Streit; aber wissen will ich, wer zu befehlen hat." — ,,Wir wollen
Locher und keinen andern," erklärte einstimmig das Volk. Es
gab noch eine erregte Szene auf der Tribüne zwischen Polizei-
leutnant Forrer und Locher, dem jener eine Unwahrheit vorwarf;
dann wurde die Wahlliste aufgestellt. Im ,, Tagblatt" (7. März)
erschienen zwei getrennte Wahllisten: Vorschläge der Schützen-
hausversammlung mit Dr. Friedrich Locher an erster Stelle und
,, unabhängige demokratische WahUiste" mit Zangger an der
Spitze. Die Wege gingen endgültig auseinander.
20 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG o
In der Stadt unterlag Locher im ersten Wahlgang (8. März),
wurde aber dann in Wiedikon im zweiten Wahlgang gewählt.
Doch das eigenthche Plebiszit über ihn erging am 29. März 1868,
als das Volk Alfred Escher das von ihm niedergelegte National-
ratsmandat mit 10,307 Stimmen zurückgab und Locher mit 4232
Stimmen einen ,, Achtungserfolg" gönnte. (Es ist wohl überflüssig,
zu bemerken, dass Zangger bei den Demokraten für Escher und
gegen Locher ,,weibelte".) Im Verfassungsrat verursachte Lochers
Erscheinen einiges Gewisper. Mit kalter Neugier ward der Pam-
phletär gemustert, und auch demokratische Nasen rüm.pften sich.
Der Kloakenreiniger mag nützHche Arbeit verrichten, aber in den
Ratssaal gehört er nicht. Locher, der sich in seiner bestimmten
Erw^artung, mindestens als Vizepräsident des Verfassungsrates
vorgeschlagen zu werden, getäuscht sah, sprach am 4. und 5. Mai
zweimal: in der unerquicklichen zweistündigen Debatte über das
Eröffnungsgebet und zur Begründung eines unmöglichen Ordnungs-
antrags. ,,Wir erwarteten, dass die Mehrheit sich wie Ein Mann
für unsern Antrag erheben werde. Dem war aber nicht so. Als
wir ims umsahen, erhoben sich für unsere Ansicht kaum 40 Mann.
Die Herren Zangger, Bürkh, Schnurrenberger, Krebser und wie
sie alle heissen, blieben an ihren Sitzen kleben" (,, Freiherren"
VI, 139). Es folgte die Wahl der 15er Kommission für die Vor-
bereitung der Art und Weise der Verfassungsberatung. Mit kon-
stanter Bosheit, wie es Locher vorkam, schlug der hinter ihm
sitzende Bleuler-Hausheer ihn für jeden Wahlgang vor, um seine
Niederlage möglichst eklatant zu machen, bis er schliesslich mit
kümmerUchen sechs Stimmen ganz aus der Wahl fiel. Locher
hatte genug. Er verHess den Saal, um nicht mehr zurückzukehren.
,, Der Frosch hüpft wieder in den Pfuhl ..."
Genau anderthalb Tage hatte Lochers eigenthche poHtische
Rolle, als Mitglied des Verfassungsrates, gedauert. Jetzt aber
war das Wildwasser der Pamphlet-Bewegung glücklich abgelenkt;
im Schützenhaus mochte es sich unschädhch austoben. Diese
Schützenhausversammlungen wurden immer turbulenter, das
Pubhkum immer fragwürdiger. Locher aber schnob Rache. Die
Nadelstiche, die er durch zwanzig Jahre vom System habe er-
dulden müssen, sagte er am 17. Mai im Schützenhaus, seien rein
nichts gegen die Dolchstiche, die ihm in diesen acht Wochen von
o XXVI. KAPiTBIy: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 21
seinen eigenen Leuten versetzt worden seien. Er protestiere gegen
eine sich bildende, wohlgeschlossene Clique, die entstanden, kaum
dass er jene andere über den Haufen geworfen habe (Bravo!),
Er dulde keine neue, ,,noch verflüechtere" CUque. Das sollen und
werden diese Herren merken. Er trete jetzt als echter Repu-
blikaner, der sich der Mehrheit füge, zurück, komme aber seiner-
zeit wieder!
Aber auch mit seinem Volk war Dr. Locher nicht zufrieden,
ganz und gar nicht zufrieden. War das auch eine mattherzige
Art, ihn zu unterstützen, seiner Autorität aufzuhelfen! Die Ent-
täuschung des Volksfreundes kam insbesondere im V. Pamphlet,
,,Die Prozesshexe" (August 1868) deutlich zum Ausdruck. „Am
Sonntag riefen sie Vivat, am Donnerstag : Nieder mit dem zweiten
Prinzeps ! . . . . Die Cameraderie wurde Meister. Ein allgemeines
Schmolhs umschlang alle, nur uns nicht Was wollten wir
machen? Sie hatten die Mehrheit. Das Volk schwieg Um
aber Grosses zu leisten, bedarf es der Autorität. Was nützen uns
Sympathien, was nützen uns Demonstrationen ? Warum hat das
Volk uns nicht in jeder Gemeinde gewählt und uns dadurch
Ansehen verheben ? ... Sind wir Sklave des Volkes, verpfhchtet,
uns für sein Wohl abschlachten zu lassen? Gegen unsern Willen
sind wir, zum Besten unserer Gesundheit und Existenz, auf den
Standpunkt des Egoismus zurückgeschleudert worden Ge-
habt Euch wohl ! Wir gehen ins Zuchthaus ! (Es waren vier Tage
für Verleumdung des Oberrichters Salzmann abzusitzen.)
„Wer wird künftig Eure Kleinen lehren,
,, Speere werfen und die Götter ehren,
„Wenn der finstre Orkus uns verschlingt ? "
Im VI. Pamphlet geht das EllageHed weiter (pag. 158 ff.):
,, Keiner der Demokratenführer hat unser Haus wieder betreten . . .
Einer unserer auswärtigen Freunde, welcher zur Zeit unserer
Quasi-Diktatur uns besuchte, erzählte, es sei doch merkwürdig,
jetzt habe er diesen Morgen schon sieben Personen getroffen, welche
alle mit dem Verfasser in die Schule gegangen sein wollten. Nach
unserm Austritt wollte kein Mensch mehr mit uns in die Schule
gegangen sein." Tiefsinnig wird philosophiert: ,,Wir haben mm
aus eigener bitterer Erfahrung gefunden, dass die untern Schichten
22 XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG a
des \'olkes zwar nicht schlechter als die obern, aber doch infolge
ihrer mangelliaften Bildung und prekären Lebensstellung durch-
aus nicht zum Regieren geschaffen sind, Sie sind zu unwissend,
zu leichtgläubig. Gute und schlechte Leidenschaften reissen sie
jeden Augenbhck mit sich fort. Von Verfolgung eines festen poli-
tischen oder sozialen Zieles kann da nicht die Rede sein. Von
Charakter keine Spur! Jeder Schwindler und Gaukler kann sie
betören." Und im VII. Pamphlet, pag. 81/82, wird das treulose
Volk apostrophiert: ,,Habt Ihr mich nicht dreissigtausend Mann
stark aus dem Gefängnis geholt, mich auf ein Pferd gesetzt, mit
Fackeln, Fahnen und Musik nach Hause begleitet, die Nacht
durchschwärmt und acht Tage später — meine Gegner gewählt?
— Wo waren sie, diese Zanggere, Schärere, Schnurrenbergere,
Zieglere, Alt-Pfarrere, Schulmeistere, als es einen grossen un-
gleichen Kampf galt? Nachdem dann der Sieg entschieden war,
da krochen sie überall hervor aus den Zwingern und Hunde-
behältern der Tierarzneischule, wie die Engerhnge aus dem feuch-
ten Boden, und behaupteten, sie haben die Sache gemacht! Ihr
glaubtet ihnen imd gäbet mir den Tritt. Um solche Persönlich-
keiten herum kristalHsiert sich der Janhagel, und das nennt man
— eine Regierung! Ihr seid dazu bestimmt, wie die Stiere mit
dem Kopf an den Boden gebunden zu werden. Sucht Euch einen
andern Narren oder seht selbst, wie Ihr mit Euren Herren fertig
werdet!"
Es muss einer schon ein närrischer Kauz sein tmd das Volk
herzUch schlecht kennen, wenn er glaubt, es genüge, die Herren
mit Kot zu bewerfen und die Parole ,, Nieder mit dem Respekt!"
auszugeben, damit das Volk seinen Respekt dann ihm zuwende.
Dass das Volk nicht jedem poHtischen Gaukler nachläuft — oder
dann nur, um sich über ihn lustig zu machen — , hat ja niemand
schmerzlicher erfahren als Dr. Friedrich Locher. Nach der ersten
Verblüffung war es überraschend schnell darüber im klaren, wen
es in dem Pamphletär vor sich habe. Es ist mit aller wünschbaren
Entschiedenheit zu konstatieren, dass das Volk den Verleumdungs-
feldzug Lochers abgelehnt und verurteilt, der demokratischen
Bewegung aber zugestimmt hat. Sie wäre zum Durchbruch ge-
langt auch olme die Pamphlete, langsamer zwar, aber um so
sicherer imd geordneter. So aber, in dem von Locher aufgewühlten
o XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG 23
wüsten Taumel der lyeidenschaften, vollzog sich der Umschwung
nur zu unvermittelt, und rückläufige Bewegungen in den nächsten
Jahren sorgten für die Wiederherstellung des Gleichgewichts.
Auch im politischen Leben lässt sich ein Gesetz der Entwicklung
erkennen, das Versäumnisse straft und Übereilungen korrigiert.
Der Leser verhert nichts, wenn wir auf die Schilderung der
weitern Wirksamkeit Lochers verzichten. Sie kommt für die Ge-
schichte der Stadt Zürich nicht mehr in Betracht. Es handelt sich
um einen Unglücklichen, der in seiner unverbesserlichen, krank-
haften Verleumdungssucht noch manchem Staatsmann und Politiker
schwere oder doch verdriessHche Tage bereitete, ohne ihnen ernst-
lich etwas anhaben zu können. Der ,, Freiherren von Regensberg"
VI. Teil, ,,Die neuesten Freiherren", an ScheussHchkeit, besonders
Zangger gegenüber, alles Denkbare überbietend, und der VII. Teil,
,,Die kommunen Freiherren" waren in der Hauptsache ehemaHgen
demokratischen ,,Freimden" gewidmet. Das Volk nahm den
Dr. Locher längst nicht mehr ernst. Sein Anerbieten in der Ulk-
Versammlung im Kasino am 20. April 1872, ,,gebt mir sechs
Monate Zeit, und ich werde die Regierung stürzen", beantwortete
helles Gelächter. Seine allerletzte Schützenhausversammlung hielt
der alte Mann am 10. Dezember 1898, wozu ihm der „BolHger-
Handel" Anlass bieten musste. Das Obergericht hatte ihm am
16. November 1898 die Erneuerung seines Fürsprecherpatentes
verweigert ,, wegen schlechten Leumunds", und der Bundesrat,
an den Locher rekurrierte, bestätigte den Entscheid. So ent-
schloss er sich denn, ,,dies kleine Land der Korruption zu ver-
lassen", wie er einem Bezirksblatt schrieb, und siedelte nach Paris
über. Aber auch von Paris her kamen noch Pamphlete, ,, Republi-
kanische Wandelbilder und Porträts" (1901), deren II. Band
jedoch die Polizei in der Druckerei in Zürich beschlagnahmte
und vernichtete. Locher starb infolge eines Unfalls, gi jährig,
im April 1911 in Paris.
In seiner Broschüre ,,Die schweizerische Demokratie in ihrer
Fortentwicklung" hatte Jakob Dubs 1868 klug und vorsichtig
geschrieben: ,,Die Wasser haben das ganze Land überflutet und
es kann dermalen noch kein Sterblicher sagen, was ihr Nieder-
schlag sein wird. Möglicherweise hat die Bewegung die Wirkung
eines reissenden Bergstroms, der mit seinem Schutte die Kultur
24
XXVI. KAPITEL: DIE FREIHERREN VON REGENSBERG
des Landes verwüstet, möglicherweise gleicht sie auch der Ueber-
schwemmung des Nils, welche die Erde für eine neue reiche Ernte
vorbereitet. Einzehie unliebsame Erscheinungen beweisen der-
malen weder für noch gegen, denn auch der Segen spendende Nil
hat ja seine Krokodile."
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SIEBENUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN
Mit dem Jahre 1867 ist unserm republikanischen Kalender ein
neuer Gedenktag eingefügt worden: die „Dezemberfeier"
der Zürcher Demokraten, welche alljährHch die Erinnerung an
die vier grossen Landsgemeinden in Zürich, Winterthur, Uster
und Bülach am 15. Dezember 1867 auffrischt. Allerdings ist die
Dezemberfeier ausschliessHch demokratische Parteiveranstaltung
geblieben, während der Tag von Uster — 22. November 1830 —
gelegentlich in getrennten liberalen und demokratischen Ver-
sammlungen gefeiert wurde; die ,, Novemberfeier" der GrütHaner
aber galt dem Schwur im Rütli, den der praktisch veranlagte
Chronist Ägidius Tschudi auf den 8. November 1307 fixiert hatte,
um der schwankenden Tradition einen festen Halt zu geben.
Der Ustertag brach das ausschliessliche Stadtregiment; er
verschaffte der Landschaft die Gleichberechtigung und machte
den Grossen Rat zum eigentlichen Träger der Staatsgewalt. Die
Dezember-Landsgemeinden bezeichnen eine weitere — und vor-
läufig letzte! — Etappe in der Entwicklung des demokratischen
Gedankens im Kanton Zürich. Ihre Hauptforderungen hiessen:
Referendum und Initiative; ihr Werk war die Verfassung vom
18. April 1869, deren grundlegender erster Artikel lautet: ,,Die
Staatsgewalt beruht auf der Gesamtheit des Volkes. Sie wird
unmittelbar durch die Aktivbürger und mittelbar durch die Be-
hörden und Beamten ausgeübt." Dass die Verfassung von 1869
in ihren wesentlichen Grundlagen bis heute unangetastet blieb,
spricht für die Weitsicht ihrer Schöpfer. Immerhin sind wir auch
damit noch nicht am Ende der Entwicklung angelangt. Noch
besteht — um nur eines zu nennen — im Kanton Zürich die Herr-
schaft des absoluten Mehrs, die unter Umständen die Hälfte der
Aktivbürger ihrer Souveränitätsrechte beraubt; noch sind die
Frauen von der Aktivbürgerschaft überhaupt und vollständig
ausgeschlossen. Ein Abschluss für alle Zeiten wird ja auch niemals
26 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
ZU erreichen sein, weil nicht nur immer neue Bedürfnisse ent-
stehen, sondern auch trotz aller vermeintlichen Sicherstellung
des gleichen Rechts für alle immer wieder neue Vorrechte auf der
einen, poUtische Abhängigkeit auf der andern Seite sich ausbilden.
Der Grundirrtum des in Alfred Escher und seiner Gefolg-
schaft verkörperten ,, Systems" bestand darin, dass es sich als
die letzte und vollkommenste Blüte des demokratischen Ge-
dankens, als die einzig mögliche und unübertreffliche republi-
kanische Staatsform betrachtete. In guten Treuen' konnte das
„System" diese Ansicht vertreten, denn dass es Grosses geleistet
und für des Landes Wohl redlich und fleissig gearbeitet hat, ist
nicht zu bestreiten. Aber es wollte alles in der Hand haben und
alles allein machen. Im Bewusstsein bester Absicht und Einsicht
hielten die Männer des ,, Systems" es nicht für nötig und hatten
auch keine Zeit, mit dem Volk unmittelbar zu verkehren. Was
aber ausserhalb des Kreises von Freunden und Auserwählten an
Wünschen oder Forderungen sich regte, das ward als persönliches
Übelwollen empfunden, als rivalisierender Ehrgeiz oder auch nur
plebejischer Hass und Neid gedeutet. ,,Die Männer des Systems
wollten herrschen und herrschten auch, durch Dorfmagnaten ge-
stützt, die ihrerseits wiederum, nach oben devot und von oben
geschützt, nach unten eben auch wie Magnaten regierten"
(Scheuclizer). Nun lässt sich aber ein intelligentes Volk, für
dessen soziale Hebung und geistige Bildung man nach Kräften
sorgt, wie dies auch von Seiten des ,, Systems" geschah, nicht
auf die Dauer bevormunden. Die Bildung hebt die Standes-
vmterschiede auf und verlangt gebieterisch die poUtische Gleich-
berechtigung. Der Sturz des „Systems" war unvermeidlich, so-
bald es einmal einem genügend grossen Kreise von Intellektuellen
und begabten Männern des Volkes zum Bewusstsein gekommen
war, dass auch der Tag von Uster noch nicht die wahre Freiheit
gebracht, sondern mit der repräsentativen Demokratie nur wieder
eine neue, wenn auch gegen früher erheblich erweiterte Klasse
von Bevorrechteten geschaffen hatte. Jakob Dubs nannte die
von der 1830er Bewegung herbeigeführte Souverän-Stellvertretung
durch den Grossen Rat geradezu eine politische Monstruosität.
,,Unsre Grossen Räte haben mittelst derselben eine Allmacht
erlangt, wie sie jedenfalls kein einziger konstitutioneller Fürst
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 27
Europas hat; sie beherrschen die Gesetzgebung, die Regierung
und die Justiz und disponieren mit souveränster Befugnis über
alle Kräfte des Staates zu ganz beliebigen Zwecken." Im Grossen
Rat von Zürich aber besassen die Systemgetreuen die grosse und
unbedingt ergebene Mehrheit. Sie waren mit ihrem alle über-
ragenden Haupte Alfred Escher die wahren Inhaber der Macht,
von deren Gunst und Wohlwollen alles abhing. Und in diesen
Kreis von Bevorrechteten gelangte nur, wer entweder durch Vor-
züge der Geburt oder des Geldes hiezu prädestiniert und befähigt
schien oder dann wenigstens über jene Biegsamkeit des Charakters
verfügte, die der Umgang mit den Herren erforderte.
Zu der politischen Machtfülle, welche die repräsentative
Demokratie der herrschenden Partei verbürgte, gesellte sich die
wirtschaftliche Vorherrschaft, die Alfred Eschers Eisenbahn- und
Bankgründungen zur Folge hatten. Einer seiner aufrichtigsten
Freunde, Dr. Johannes Scherr, der Bruder des Seminardirektors
Thomas Scherr, hat es bedauert, ,,dass sich Escher von den Wegen
des Staatsmannes ab und auf die des Gründers hinüber hatte
führen lassen. Oder wenigstens hätte er sich nicht zutrauen sollen,
beiderlei Geschäfte zugleich zu betreiben und so eine Arbeitslast
auf sich zu nehmen, welcher Ein Mann unmöglich auf die Dauer
gewachsen sein konnte und welcher auch Escher trotz seiner un-
ermüdUchen Arbeitslust und seines wunderbaren Fleisses in die
Länge nicht gewachsen war. So musste er die Dinge nicht selten
gehen lassen, wie sie gehen mochten, und die Folge war, dass sie
bergab gingen. Herrisches Eingreifen von seiner Seite ab und zu
machte die Sache nicht besser. Aber auch abgesehen hiervon,
tat die Verquickung von Staatsmännischkeit und Gründertum
nicht gut. Sie war, vom politischen Standpunkt aus angesehen,
für die Schweiz jedenfalls kein Glück. Es geschah gewiss in der
besten Absicht, wenn Stämpfli und Genossen in Bern die Eid-
genössische Bank und Escher und Genossen in Zürich 1856 die
Schweizerische Kreditanstalt gründeten, und es ist zweifelsohne
wahr, wenn Escher von der letzteren sagt: ,Diese Anstalt hat
dem Platze Zürich eine finanzielle Bedeutung gegeben, die er
vorher entfernt nicht hatte; sie hat auch zur Befruchtung der
Industrie und Gewerbetätigkeit in Zürich und in der ganzen Ost-
schweiz wesenthch beigetragen.' Wohl und gut. Aber das hätten
28 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
andere auch zuwege bringen können. An kaufmännischen Talenten,
an grossen sogar und in jedem Zweige des Geschäftslebens er-
fahrenen und gewandten, ist bekanntlich in der Schweiz kein
Mangel. An staatsmännischen Kapazitäten dagegen ist hier so
wenig Überfluss wie irgendwo." Der ,, Landbote" hat denn auch
nicht verfehlt, auf den bedenklichen Umstand hinzuweisen, ,,dass
der alles leitende Staatsmann an die Spitze von zwei Gesellschaften
getreten ist, die ihre besondern Interessen haben und über die
mächtigsten Mittel gebieten können. Die Staatspolitik ist damit
allmählich so enge mit der Finanz- und Eisenbahnpolitik ver-
bunden worden, dass es bisweilen den Anschein hat gewinnen
müssen, als sei der Zürcher Staat nur der Appendix der Nordost-
bahn und Kreditanstalt und als richte sich der öffentliche Baro-
meter nach dem Kurszettel dieser beiden Anstalten."
In erhebhchem Masse haben jedenfalls die grosskapitalisti-
schen Unternehmungen Alfred Eschers dazu beigetragen, zu der
politischen noch eine soziale Strömung gegen das ,, System" im
Volke zu erzeugen. Gerade in den kritischen Jahren des Um-
schwunges stellten sich Misswachs, Arbeitslosigkeit, Stockung in
Handel und Industrie ein und schufen ein allgemeines Gefühl
des Unbehagens. Die Krise wurde verschärft durch die von den
Eisenbahn- und Bankgewaltigen auf dem Geldmarkt geschaffenen
Verhältnisse. Die Handwerker hatten Mühe, das für ihre Betriebe
nötige Geld zu erhalten, die Zinsen waren ausserordentlich hoch
und die kleinen Meister gerieten in arge Verlegenheit. Nicht
besser erging es den Bauern, denen man Hypotheken kündete,
um das Geld in rentableren grosskapitahstischen Unternehmungen
anzulegen. Eine Bank für die Bauern gab es nicht. In der von
der Krise hervorgerufenen düstern Stimmung erschienen dem
Volke auch die glänzenden Schöpfungen des ,, Systems", seine
Luxusbauten, seine Anstalten usw. in einem andern Lichte. Sie
sollten, hiess es, in erster Linie den Ruhm der Regierenden weit-
hin verkünden; die Fürsorge für die kleinen Leute kam dabei
nur nebenbei in Betracht. Die Verheerungen der Cholera im
Herbst 1867 offenbarten neben der bestechenden Pracht einzelner
verschönerten Stadtteile eine krasse Rückständigkeit in der sani-
tären Vorsorge für die Quartiere der Armen. Aber bei allen diesen,
den Umschwung fördernden äussern Umständen behält doch der
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-IvANDSGEMEINDEN 29
Ausspruch Zanggers seine Richtigkeit: ,,Der Hauptgrund der Be-
wegung lag darin, dass eine Gruppe hervorragender PersönHch-
keiten nur unter sich verkehrte und die Bedürfnisse des Volkes
nicht kannte."
Wer die Richtigkeit dieses Satzes bezweifelt, unterschätzt die
Bedeutung der Imponderabilien in der Politik. So konnte auch
die ,,Neue Zürcher Zeitung" das , »unüberwindliche Misstrauen"
sich nicht erklären, das ihren sachlichen und gründHchen Wider-
legungen der gegen das ,, System" erhobenen Anklagen überall
entgegentrat. Die Gründe des Misserfolges aller noch so berech-
tigten Verteidigung des ,, Systems" lagen eben nicht im Bereiche
messbarer und wägbarer Argumente. Sie wurzelten im Gefühl
der Missachtung, die der kleine Mann ohne Namen und Geld von
selten der Herren zu erdulden hatte, und es war — davon zeugt
sozusagen jedes Blatt der Revisionsliteratur — der lang verhaltene
Groll über diese Behandlung, der nun mit elementarer Wucht
zum Ausbruch kam. Nicht dass dem Mann des Volkes die Gering-
schätzung etwa immer in groben Worten ausgedrückt worden wäre,
aber gelegentlich bekam er es doch immer wieder zu spüren, dass
er, mochten seine Ansichten noch so vernünftig und berechtigt sein,
nicht eigentlich zählte und nichts galt. Auch ohne Worte spürte
er wohl den unübersteiglichen Zaun der Standesvorurteile, der
ihn von den Herren trennte, und die dann und wann über den
Zaun hinüber bezeugte ,, wohlwollende" und ,, freundliche" Ge-
sinnung konnte ihn über das Vorhandensein der bewussten und
gewollten Schranke nicht täuschen. Nicht die wirklich Vornehmen,
deren Adel der Seele sich niemals und am wenigsten dem kleinen
Mann gegenüber verleugnete, waren der Gegenstand der heftigsten
Angriffe der Revisionisten, sondern die sich vornehm dünkenden
Geldaristokraten, die nicht imstande waren, Argum^ente der ver-
meintlich unter ihnen Stehenden überhaupt sachlich zu würdigen,
sondern in erster Linie fragten : wess' Sohn ist er ? woher kommt
er ? was hat er ? Und nicht durchweg dürfen solche Klagen der
revisionistischen Presse nur als Karrikatur und Übertreibung
abgetan werden. Wenn sogar der erste Obergerichtsschreiber in
einer ernsthaften Druckschrift es als beinahe selbstverständHch
erklärte, dass Frau Justitia im Kanton Zürich, ehe sie die Wage
handhabte, etwas die Binde vor den Augen lüftete und sich die
30 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
Parteien besah (vgl. oben pag. 7), dann ist der Verdacht nicht
ganz abzuweisen, dass bei der herrschenden Partei die allzu hohe
Bewertung der Standes- und Vermögensunterschiede das gesunde
Urteil trübte und den pohtischen Horizont verengte.
Das zeigte sich denn auch unverkennbar bei der im Kampfe
gegen die Re\'ision befolgten Taktik. Sie war von Anfang an ver-
fehlt, auf einen falschen Ton gestimmt. Hatte man früher Un-
bequeme imd Unzufriedene in den eigenen Reihen kalt beseitigt,
nicht achtend ihres hoffnungslosen Widerstandes gegen die hoch-
angesehenen Herren imd Gewaltigen, nicht achtend der gebro-
chenen namenlosen Existenzen und ihrer verborgenen Tränen,
hatte man eine wohlmeinende und freundliche Opposition durch
beharrliches Ignorieren zum Verstummen gebracht, so glaubte
man nun auch die ersten Anzeichen einer feindseligen, gefähr-
Hchen und böswilHgen Opposition durch vornehme Nichtachtung
imschädlich machen zu können. Da dies nicht gelang und der
Anhang der demokratischen Führer sich täglich mehrte, während
doch die ,, elementarste Personenkenntnis" den Leuten hätte
sagen müssen, auf wen sie in diesem Kampfe zu hören hätten,
wollte man dem Volk ,,den Verstand machen". Seht ihr denn
nicht, fragte man halb unwillig, halb angstbedrückt, dass diese
Bewegungsmänner lauter staatsgefährliche Sozialisten und Um-
stürzler sind, katihnarische Existenzen mit dunkler Vergangenheit,
ehrgeizige Streber und Sesseljäger? Und diese Mitglieder des
demokratischen Zentralkomitees, was sind sie anders als ,, abge-
brannte Häuser", Männer, die ihren Beruf verfehlt, die in ihrem
Fach samt und sonders nichts ordentliches geleistet haben ? Der
ebenfalls nicht geschonte Bleuler-Hausheer beklagte sich besonders
über ,,das unaufhörliche Gekrächz des Nachtlieuels Freitags-
zeitung, der den Stadtzürchern eine Art von Diebsfeldzug gegen
die Hauptstadt, Verödung, Ruin der höhern Kulturgebiete, Raub
und Kommunismus in Aussicht stellte." Die geheime, mit Furcht
gemischte Verachtung der Besitzlosen klingt auch mit in dem
Aufruf ,,Zur Sammlung" (Beilage zum Tagblatt 1868, Nr. 49),
der — von den ,, besten Kreisen" ausgehend — in Sperrdruck
mahnte: ,, Wählt keinen von den Schreiern und Wühlern, die
selber nichts haben und nun auf andrer Leute Kosten die Gross-
mütigen machen und meinen, man dürfe den Reichen gewaltsam
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 31
nehmen, was sie nicht gutwillig geben." Am wenigsten aber war
für die Antirevisionisten der Gedanke zu ertragen, dass das Volk
nun über alle Gesetze und Kantonsratsbeschlüsse von finanzieller
Tragweite sollte abstimmen können. Die liberale Partei hatte
nichts gelernt und nichts vergessen und stand noch immer auf
dem gleichen Punkt wie 1842, als sie das sogar von den Konser-
vativen warm befürwortete Veto (fakultative Referendum) be-
bekämpft hatte. Die Mängel des Repräsentativsystems, bemerkte
damals die ,,Neue Zürcher Zeitung", könnten nicht durch das
Veto, sondern nur durch die Weisheit und Würde der Regierenden
und die Einsicht des Volkes gehoben werden. So tönte es auch
jetzt noch bei den Liberalen: solche demokratische Liebhabereien
mögen gepasst haben für Griechen und Römer, die sich Sklaven
hielten ; das Zürcher Volk aber sei ein arbeitsames und hausliches
Volk; es wünsche nicht, das zeitraubende Geschäft vieler Wahlen
imd Abstimmungen zu übernehmen, und masse sich auch nicht
an, selber den Gesetzgeber spielen zu wollen. Auf ,, Zimmerleuten"
wurden Witze gerissen über die Revisionisten und ihre gutgläubige
Herde. Eine Zunftberühmtheit, ihres Zeichens Metzger, spielte
unter dröhnendem Gelächter und Beifall der Versammelten dar-
auf an, dass die Anhänger der Revision wohl in ihrer grossen Mehr-
heit Patienten des Tierarztes Zangger sein möchten. Das hörte
sich im Zunftsaal ganz lustig an, aber draussen, am entscheiden-
den Tage, konnte ein solcher Metzgerwitz ein paar tausend
Stimmen kosten, gerade genug, um das ,, System" über den Haufen
zu werfen.
Das Ziel der Revisionsbewegung war, das Repräsentativ-
prinzip der 31er Verfassung durch den Grundsatz der direkten
Volksgesetzgebung zu ersetzen, damit nicht mehr der Einzelwille
weniger Hervorragender, sondern der Gesamtwille des Volkes die
Geschicke des Kantons bestimme. ,, Unser ausgesprochenes Ziel
ist", sagte der die Bewegung leitende ,,Winterthurer Landbote",
,,die Koterieherrschaft zu beseitigen, die neue Geldaristokratie
zu stürzen und an ihre Stelle die wahre und ehrliche Volksherr-
schaft zu setzen, die Demokratie im besten Sinne des Wortes, bei
welcher alles für, aber auch alles durch das Volk geschieht." In
ihren Aufrufen und Flugscliriften hoben die Demokraten herv^or,
wie sehr das Volk sich selber überlassen worden sei, den poli-
32 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN c
tischen Sinn verloren habe und seine wahren Bedürfnisse nicht
mehr kenne. Die Volksgesetzgebung werde das Volk den Staat
wieder kennen lehren, seine Vertreter aber abhalten, sich auf
un volkstümliche Bahnen zu verirren. Das Referendum werde
gegen die Begehungssünden, die Initiative gegen die Unter-
lassmigssünden des Rates helfen.
Und hinter dieser Bewegung standen Männer! Wir nennen
an erster Stelle Salomon Bleuler-Hausheer, den selbstlosen, un-
ermüdlichen Organisator der demokratischen Partei. Er war
Bürger der Stadt Zürich, geboren im Januar 1829 als Sohn des
Salzfaktors Bleuler am Zeltweg, vor seinem Eintritt ins politische
Leben Pfarrer, zuletzt in Glattfelden. Dank einem Missgriff von
Jakob Dubs kam Bleuler 1859 ^^^ ganz kurze Zeit als Redaktor
an die ,,Neue Zürcher Zeitung" und wurde dann 1860 Eigentümer
und Redaktor des ,,Winterthurer Landboten". Bleuler war nicht
eigentUch Chef der demokratischen Partei, nur Erster unter
Gleichen, persönlich integer, von etwas ungeschliffenen Manieren
und nicht auf den ersten Blick für sich einnehmend, als Politiker
eher eine tragische Gestalt. Sein vertrautester Freund und Be-
rater war der arbeiterfreundHche Philosoph Friedrich Albert Lange
von Duisburg, der Sohn des von der Septemberregierung auf den
verwaisten Lehrstuhl von D. Fr. Strauss berufenen Theologen
Lange. Er kam 1866 als Gymnasialprofessor nach Winterthur
und trat im Dezember in die Redaktion des ,, Landboten" ein.
1870 — 1872 war Lange Professor der induktiven Philosophie an
der Universität Zürich; er wurde dann nach Marburg berufen,
wo er aber schon 1875 starb. Sein Hauptwerk ist die berühmte
,, Geschichte des Materialismus". Lange war wohl der bedeutendste
publizistische Vorkämpfer der demokratischen Bewegung und
einer der populärsten Führer und Sprecher des Zürchervolkes,
was nur mit seiner in Zürich verbrachten Jugendzeit zu erklären
ist. Er gehörte auch dem Verfassungsrat, Erziehungsrat und
Bankrat an.
Um die Freunde Bleuler und Lange gruppierte sich in Winter-
thur ein Kreis schöpferisch begabter Pohtiker, der den Herd der
demokratischen Bewegung darstellte. Durch sie geriet Winterthur
für längere Zeit in einen scharfen Gegensatz zur Hauptstadt, dem
eine gewisse feindsehge Eifersucht zugrunde lag. Diese scheint
ofafomon ^[eufer=^ausßeer
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 33
hauptsächlich vom Stadtpräsidenten Dr. J. J. Sulzer, dem glän-
zenden Antipoden Alfred Eschers, ausgegangen zu sein, der seine
Stadt zu hoher Blüte emporführte, aber auch ihren jähen Sturz
von der eingebildeten Höhe herab vorbereiten half. Winterthur
hatte von Sempers Meisterhand ein Stadthaus in einer den Zürchern
beinahe verdächtig scheinenden Pracht erstellen lassen, und als
nun Sulzer, der Präsident des Verfassungsrates, die Kommissions-
beratungen hie und da nach Winterthur verlegte, war es für viele
eine ausgemachte Sache, dass Winterthur an Stelle Zürichs ,, Resi-
denz" werden wolle. Zum Winterthurer Kreis gehörten ferner:
Pfarrer Gottlieb Ziegler, Gymnasiallehrer und dann Redaktor
des ,, Landboten", der Schwager Bleulers und spätere Regierungs-
rat und Nationalrat, und Advokat Theodor Ziegler, nachmaliger
Stadtschreiber, Stadtpräsident und Nationalbahndirektor. Aus
Zürich führte Tierarzneischuldirektor Rudolf Zangger den Demo-
kraten eine stattHche Kohorte zu, und diesem stadtzürcherischen
Sukkurs ist es zu danken, dass die Revisionssache aufhörte, eine
reine Winterthurer Bewegung mit der Spitze gegen Zürich zu sein.
Im Gefolge Zanggers befanden sich u. a. Ludwig Forrer, den
Treichler ermuntert hatte, die Stelle des Polizeileutnants anzu-
nehmen, die schon für manchen die erste Stufe zur republika-
nischen Ehrenleiter geworden sei, und in der Tat machte —
Bundesrat Forrer hievon keine Ausnahme; sodann Kommandant
Karl Walder, später Regierungsrat, Karl Bürkli, Herman Greuhch
und die übrigen Arbeitervertrauensmänner, nicht zu vergessen
den Freischärler und Terroristen Dr. Friedrich Locher, dessen
ganze politische Weisheit, wie wir ja bereits gesehen haben, sich
auf das Rezept reduzierte: ,, Schrecken muss man und von d.er
Feigheit profitieren !" (vgl. Brief an Karl Walder vom 19. Mai 1866).
Eine Mittelstellung, die in der Folge zum gänzlichen Anschluss
an das System fülirte, nahmen Nationalrat Grunholzer in Uster,
Regierungsrat Dr. Suter in Zürich, Widmer-Hüni u. a. ein, wogegen
der geniale Pfarrer Salomon Vögehn in Uster, gegen dessen allzu
radikale Theologie 78 Kollegen der Landeskirche mit einer öffent-
lichen Erklärung protestierten, Feuer und Flamme für die Revision
war, ebenso wie Sekundarlehrer Caspar Sieber in Uster, nachmaliger
Erziehungsdirektor. Von Fischental war der spätere ,, Bankvater"
Keller, von Bülach der populäre, witzige Bezirksarzt, Bezirksgerichts-
3
34 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
Präsident und Nationalrat Fritz Scheuchzer mit von der Partie.
Aus Wädenswl ist der Gerbereibesitzer und spätere Bundesrat
Walter Hauser anzuführen. Sekundarlehrer Reinhold Rüegg von
Wyla, der 1879 mit Theodor Curti die „Züricher Post" gegründet
hat, trug als Mitarbeiter und sodann als Redaktor des „Land-
boten" mit seiner geistreichen, humorvollen Feder vieles zur stei-
genden Beliebtheit und Bedeutung des demokratischen Haupt-
organs bei. Auch der vielseitige und regsame Dr. Fran9ois Wille
in Meilen, der Vater des Generals Wille, hatte sich unter die
Demokraten verirrt, aber dann im Verfassungsrat bald einmal
die Wahrnehmung gemacht, dass er in den unrichtigen Zug ein-
gestiegen war und nicht in die Gesellschaft gehörte. Indem er
es eine vollständige Mystik, eine Schwärmerei, einen Schwindel
nannte, wenn man jetzt von einer Ära der unmittelbaren Volks -
gesetzgebung spreche, trennte er sich für immer von seinen bis-
herigen Gefährten.
Zum erstenmal trat eine geschlossene demokratische Oppo-
sition gegen die herrschende liberale Partei in die Erscheinung,
als Bleuler-Hausheer auf den 7. Oktober 1860 eine Versammlung
in Uster veranstaltete, zu welcher Gottfried Keller den Aufruf
schrieb, und es ist bemerkenswert, dass dieser Aufruf dem Kanton
Zürich das Zeugnis gewissenhafter und geschickter Verwaltung
im Innern ausstellte, wogegen aber seinen Vertretern in der Bun-
desversammlung ,, teilweise Unselbständigkeit der Gesinnung in
den Angelegenheiten des Gesamtvaterlandes, teilweise Mark-
losigkeit und Verschilf fenheit der Grundsätze" vorgeworfen wurde.
Die von etwa 100 Mann besuchte Versammlung in Uster beschloss
daher, auf die bevorstehenden Nationalratswahlen eine lebhafte
Agitation zu entfalten, um Vertreter von ,, männlicherem, ent-
schiedenerem. Charakter" nach Bern senden zu können. Der
Erfolg war nicht grossartig; im ganzen Kanton brachte es die
Opposition auf kaum 1800 Stimmen. Schon im folgenden Jahr
ging Gottfried Keller der im Entstehen begriffenen ,, Bewegungs-
partei" verloren, obwohl er am 15. Dezember 1861 im Wahlkreis
Bülach gegen einen gouvernementalen Kandidaten in den Grossen
Rat gewählt wurde. Das ,, System" hatte sich den schon berühmten
Dichter- Politiker gefischt und ihn auf den Kanzleistuhl des Staats-
schreibers gesetzt, womit Gottfried Keller politisch ein stiller
o XXVII. KAPITEI.: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 35
Mann wurde, der fleissig seine Akten ausfertigte und sauber
gedrechselte Bettags-Mandate verfasste, bis dann im Jahr 1873
die Regierung richtigerweise diese Bettagsansprachen dem Kirchen-
rat überliess. Als Erfolg der Opposition galt dagegen die am
28. Oktober 1861 vorgenommene Regierungsratswahl von Dr.
Eduard Suter, den seine Kollegen zunächst mit eisiger Kälte
empfingen. Die Wahl von Jakob Dubs (Regierungsrat seit
31. Mai 1854) zum Bundesrat an Stelle von Jonas Furrer am
30. Juli 1861 entzog der liberalen Partei des Kantons Zürich eine
bedeutende Kraft; doch behielt Dubs auch von Bern aus die
politischen Vorgänge in seinem Heimatkanton scharf im Auge
und griff nicht selten mit einem gewichtigen Wort in den Lauf
der Dinge ein.
Als am 25. Januar 1864 Alfred Escher, vom Präsidentenstuhl
des Grossen Rates herab, in stolzer Selbstzufriedenheit, ,,mit der
heitern Ruhe eines Jupiter, der die Wolken zerteilt", eine glän-
zende Lobrede auf seinen Kanton Zürich hielt, da dachte noch
niemand daran, dass drei Jahre genügen würden, um dieser ganzen
Systemsherrlichkeit ein Ende zu machen. Und doch war der
Umsturz bereits am Werk. Die Regierung selber hatte eingesehen,
dass etwas geschehen müsse, wenn nicht alles in Gefahr kommen
sollte, und eine Verfassungsrevision in die Wege geleitet. Der
Grosse Rat entschloss sich zu einer Partialrevision in sieben
Punkten und legte der Volksabstimmung vom 15. Oktober 1865
sieben Verfassungsgesetze vor, darunter als das wichtigste eine
Revision der Art. 93 und 94, wonach künftighin 10,000 Unter-
schriften eine Volksabstimmung über die Frage einer Verfassungs-
revision verlangen konnten. Das Volk griff mit beiden Händen
zu und nahm sämtliche sieben Vorlagen an, mit der grössten
Stimmenzahl aber (19,057 gegen 1595) die genannte Revisions-
bestimmung, welche ihm die Waffe zur Erkämpf ung seines Selbst-
bestimmungsrechtes überantwortete .
Es versteht sich, dass die Opposition die Eroberung des 15. Ok-
tober 1865 nur als Abschlagszahlung betrachtete und nun erst
recht mit ihren Forderungen (Salzpreisherabsetzung, Kantonal-
bank, unentgeltHche Militärausrüstung usw.) aufrückte. Auf
Revisionsversammlungen im ganzen Lande herum wurde unab-
lässig die Werbetrommel gerührt. Auf der liberalen Seite mehrten
36 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
sich die Stimmen, welche vor Vertrauenssehgkeit warnten und
auf eine Reorganisation der Partei hindrängten. Davon sprach
man auch lebhaft in der ,, Akademischen Mittwochgesellschaft",
einer im Jahre 1842 gegründeten freien Vereinigung von Studien-
genossen, an deren Spitze Alfred Escher als princeps juventutis
stand, weshalb Dr. Friedrich Locher sie als die ,, Inkarnation des
Sj'stems", als den geheimen Kabinettsrat der ,, Grossen der Krone
Zürich" dem Volke denunzierte. Von der Akademischen Mittwoch-
gesellschaft angeregt, fand im November 1865 im ,,Zürcherhof"
eine liberale Versammlung statt, an w^elcher Dr. Eugen Escher
präsidierte und der junge Stadtforstmeister Ulrich Meister als
Aktuar debütierte. Zweck der Zusammenkunft war: Sammlung
der liberalen Elemente behufs regerer politischer Betätigung mit
Hülfe besserer Unterstützung durch die Presse, eventuell Grün-
dung eines eigenen Organs oder Ankauf der ,, Neuen Zürcher
Zeitung".
Ihre ersten praktischen Erfolge bei den Grossrats-, Bezirks-
und Nationalrats wählen des Jahres 1866 verdankte die Opposition
ohne Frage zu einem guten Teil der Wirkung des ersten Bandes
der ,, Freiherren von Regensberg". Im ersten Nationalrats Wahlkreis
triumphierte Zangger über den Nordostbahndirektor Stoll. Das
Jahr 1867 brachte die entscheidende Wendung. Die herrschende
Partei sah sich ,,zur Zeit" nicht veranlasst, auf die Petitionen für
Salzpreisherabsetzung, Errichtung einer Kantonalbank usw. ein-
zutreten. Leute, die von Jugend auf in Watte gewickelt waren
und keine Ahnung hatten, was es heisst, für Nahrung und Ob-
dach selber sorgen zu müssen, wiesen es als entwürdigend zurück,
dass der Wehrmann seine Ausrüstung, für die das arme Bauern-
knechtlein den fünften Teil seines Einkommens zu opfern hatte,
gratis erhalten und dadurch ,,zum Taglöhner des Staates" er-
niedrigt werden sollte. Die Sprache der Oppositionspresse wurde
heftiger und nahm besonders die ,, Bankverhinderungskommission",
die ,,Nasführungskommission" des Grossen Rates, aufs Korn. Es
mehrten und erweiterten sich die Vorschläge für eine Änderung
der Verfassungsgrundlagen. Kurz und bündig lautete Scheuchzers
Programm: ,, Initiative und Referendum für das Volk! Mittel
dazu: Volksversammlungen, 10,000 Unterschriften und Ver-
fassungsrat, und zwar lieber heute als morgen!" Ein ausführ-
o XXVII. KAPITEI.: DIE DEZEMBER-I^ANDSGEMEINDEN -^j
licheres Programm veröffentlichte der ,, Landbote"; überdies ver-
fasste Bleuler eine vorzügliche kleine Agitationsbroschüre unter
dem Titel „Warum?" — „Wir wollen also sondieren," schrieb er
am 15. November, ,,und wenn wir den Boden gut finden: Vor-
wärts in geschlossenen Kolonnen! Feuer auf der ganzen Linie!"
Am 18. November, nachdem Tags zuvor die erste Lochersche
Schützenhausversammlung stattgefunden, versammelte sich der
Grosse Rat, und auf den Abend lud Regierungsrat Dr. Suter die
liberalen Grossräte zu einer Besprechung in den ,,Zürcherhof" ein.
Die Versammlung bestellte ein Abwehrkomitee von 17 Mitgliedern;
aber es blieb natürlich im gegnerischen Lager nicht unbemerkt,
dass nun hier von der Wünschbarkeit eines ,, gesunden Fort-
schrittes" und von der Bereitwilhgkeit, notwendige Reformen
durchzuführen, gesprochen wurde, nachdem man bisher alle und
jede Reformbedürftigkeit des Staatsorganismus schlankweg be-
stritten hatte.
Der Ustertag (22. November 1867) zeigte nach langer Dürre
ein kräftiges Wiedererwachen des politischen Lebens. Von der
Feier in Uster schrieb Grunholzer: ,,Sie war eine der schönsten
seit langer Zeit, ganz getragen vom reinen Geiste des wirklichen
Tages von Uster, mit grosser Entschiedenheit dem demokratischen
Fortschritt geweiht, aber auch ebenso entschieden in der Zurück-
weisung aller unlautern Mittel." Während aber in Uster unter
Grunholzers zurückhaltender Leitung eine Resolution nicht ge-
fasst und eine Abstimmung nicht vorgenommen wurde, gestaltete
sich der Ustertag an verschiedenen andern Orten zu einer ent-
schiedenen Stellungnahme für oder gegen die Revisionsbewegung.
Auf der ,, Platte" in Fluntern versammelten sich die Gouverne-
mentalen; Redner waren u. a. die Regierungsräte Treichler, Suter
und Hagenbuch, Grund ton der Toaste: Das System ist kein
Sumpf, seine herrlichen Schöpfungen sind keine Sumpfblüten! —
Im „Ochsen" am Kreuzplatz kamen Vertreter beider Richtungen
zum Wort, als Fortschrittsmann insbesondere Dr. med. Frei. Pfarrer
Spyri tat den für gewisse ,, prinzipiell" fortschrittlich gesinnte,
„zurzeit" aber allemal konservative Liberale charakteristischen
Ausspruch: Am Tage von Uster habe es sich um die heihgsten
Güter gehandelt, jetzt aber nur um formale Fragen, in denen er
das Glück des Volkes nicht erblicken könne. — Im Schützenhaus
38 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
haranguierte Dr. Friedrich Locher die Menge; der „Dilettanten-
Musila-erein", den der Dilettanten-PoHtiker auch aufgeboten hatte,
vermochte nicht einmal in den überfüllten Saal einzudringen.
Literat Honegger donnerte gegen das „Haus mit den vier Türmen"
(Bahnhof, Residenz Alfred Eschers). — Winterthur hatte eine
glänzende Kasino Versammlung ; ,, Millionär und Arbeiter sassen
einträchtig nebeneinander" ; jubelnd wurde das Programm des
,, Landboten" angenommen, das in erster Linie Sammlung der
10,000 Unterschriften und Herbeiführung der Revision mit allen
gesetzlichen Mitteln verlangte. Die Versammlung des neugegrün-
deten liberalen Vereins unter Oberst Fenner stach gegen das
Kasino sehr ab. — Im ,,Kopf" zu Bülach klopften die Systems-
grössen ihren Jass, imbekümmert um die grosse Versammlung im
,, Kreuz", wo für Referendum und Initiative demonstriert und
,,die Sonne und der Tag von Uster" gepriesen wurden. — Hinwil
proklamierte: Vorwärts, aber gegen das Pamphlet! — In Horgen
brachten Dr. J. Ryf imd Widmer-Hüni, beide sonst eher zur Oppo-
sition neigend, aber jetzt regierungstreu, ein Pereat auf das
,, System der Verleumdung" aus. — Alle Grossen von Wald such-
ten durch das Gewicht ihrer Anwesenheit die dortige Versamm-
lung zu einer Kundgebung für die Regierung zu bestimmen;
allein das von Pfarrer Menzi vorgeschlagene Zutrauens votum
wurde mit allen gegen 5 — 7 Stimmen abgelehnt. — Die einzige
Ergebenheitsadresse für das ,, System" kam aus Stäfa, was in
anbetracht der von jener Gemeinde gepflegten revolutionären Er-
innerungen in Regierungskreisen besondere Genugtuung erweckte. -
Die Resolution von Stäfa wendet sich gegen das ,, wühlerische
Treiben einer sogenannten demokratischen Partei", spricht im
allgemeinen die Zufriedenheit mit den staatlichen Zuständen aus
und verlangt Abhilfe, wo solche nötig, mit andern als verwerf-
lichen Mitteln.
Über den Stand der Bewegung hatte der Ustertag 1867 hoff-
nungsreiche Abklärung gebracht. Die von 34 Mann besuchte
Delegiertenversammlung der Demokraten im alten Schützenhaus
am 26. November bestellte ein Zentralkomitee von 15 Mitgliedern
und nahm neben der Unterschriftensammlung die Anberaumung
von Volksversammlungen in Aussicht. Grunholzer, ein ent-
schiedener Gegner dieser Veranstaltung, trennte sich hier von der
o XXVII. KAPITBI.: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 39
Bewegung und lehnte eine Wahl ins Komitee ab. Aber auch
Bleuler-Hausheer war vom Gelingen der Volksversammlungen
noch keineswegs überzeugt und wurde von den Ereignissen fast
wider Willen vorwärtsgetrieben. Nach dem Erscheinen des dritten
Teils der „Freiherren" schrieb er: „Locher hat wieder einen Salto
mortale gemacht, und jetzt müssen wir entweder absatteln oder
alles wagen, allenfalls auch das, dass man mit Locher abrechnet
und seinen Zürchern überlässt, zu marschieren oder nicht. Meine
Stellung in diesem Spiel ist nicht rosig." Aber noch viel weniger
rosig sah es auf der liberalen Seite aus. ,,Am 29. November ver-
sammelte der Präsident (Hans Roth von Hirslanden) die Dele-
gierten aus allen Bezirken in Zürich, um die Stellung der einzelnen
Landesteile kennen zu lernen. Das Bild, das sich aus den ein-
zelnen Berichterstattungen entrollte, war trostlos. Die Bezirke
Winterthur, Hinwil, Uster, Pfäffikon und Bülach, mithin die
Hälfte des Kantons, waren für die Regierungspartei so gut wde ver-
loren. Wo noch, wie in Zürich und Winterthur, Versammlungen
stattfanden und die Bezirksorganisation an die Hand genommen
wurde, machte man bald die Erfahrung, dass man jede Fühlung
mit dem Volke verloren hatte. Männer, die sich früher einer ge-
wissen VolkstümHchkeit erfreuten, entbehrten gleichsam über
Nacht jedes Einflusses auf die Massen." (Koller).
Vom 8. Dezember 1867 ist das Manifest der Demokraten da-
tiert, das — von Sieber verfasst — in seiner Leitartikelbreite und
trockenen Lehrhaftigkeit alles andere eher war als ein ,, zün-
dender Aufruf" und doch als solcher wirkte. Von dem unver-
äusserlichen Recht freier Männer, unter freiem Himmel zu tagen
und die Landesangelegenheiten zu besprechen, erklärten die fünf-
zehn Unterzeichner Gebrauch machen zu wollen, indem sie das
Volk zur Landsgemeinde aufboten, die am Sonntag den 15. De-
zember, nachmittags punkt i Uhr, in Zürich, Uster, Winterthur
und Bülach stattfinden werde. Eine Revision der kantonalen Ver-
fassung sollte verlangt werden, da das reine Repräsentativsystein
der dreissiger Verfassung überwunden sei und der Satz: „alles
für das Volk" ergänzt werden müsse durch den ebenso berech-
tigten: ,, alles durch das Volk". Die Unterzeichner protestierten
gegen die Herabwürdigung des Zürcher Volkes, welche darin liege,
dass man es für unfähig erkläre, den wahren Fortschritt zu er-
40 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
kennen und dafür Opfer zu bringen. „Wir erblicken in dieser
falschen Beurteilung des Zürcher Volkes den hauptsächlichsten
Keim der gegenwärtigen Bewegung!" Unter den aufzustellenden
Forderungen nennt das Programm des Manifests in erster Linie:
„Schwächung des Einflusses der Regierungsgewalt, der Beamten-
imd Geldherrschaft auf die Gesetzgebung durch Erweiterung der
Volksrechte. Zu diesem Ende: das Recht, den Grossen Rat ab-
zuberufen, oder die .zweijährige Amtsdauer. Das Referendum,
d. h. das Recht der Gemeinden, über die Gesetze abzustimmen.
Das Initiativ-Recht, wonach 5000 Bürger eine Gesetzesvorlage
machen können und der Grosse Rat alsdann gehalten ist, sie in
Erwägung zu ziehen." Ebenfalls am 8. Dezember erschien, aus
der Feder von Regierungsrat Dr. Suter, ,,Ein offenes Wort an das
Zürcher Volk", von 46 Liberalen unterzeichnet. Auch diese
Kundgebung, welche die von einer Schmähschrift ihren Ausgang
nehmende Bewegung und das Begehren nach Verfassungsrevision
ablehnte, kargte mit Versprechungen nicht und sprach von gründ-
licher und entschiedener Anhandnahme zeitgemässer Reformen,
Fortschritt auf allen Gebieten des öffentlichen Lebens, ,,aber Fort-
schritt mit Überlegung und Fortschritt mit Gebrauch ehrenhafter
Mittel". Die Liberalen ,, setzen das volle Vertrauen in den ge-
sunden Sinn unseres Volkes" und sind auch überzeugt, ,,dass
unsere obersten Staatsbehörden nichts versäumen werden, um be-
rechtigten Volkswünschen möghchst baldigen Durchbruch zu ver-
schaffen".
Als am Sonntag morgen, den 15. Dezember, ein Unwetter
erster Güte um die Häuser pfiff und der Regen an die Scheiben
klatschte, telegraphierte Oberst Rieter in Winterthur an Alfred
Escher in Bern die unsterblichen Worte, die auch an dieser Stelle
nicht fehlen dürfen:
,,Der Himmel ist voll Sympathie,
,,Es schneit und regnet wie noch nie!"
Von der Versammlung auf dem neuen Exerzierplatz beim
Zeughaus in Zürich erzählt Greulich: ,,Es schneite, regnete und
stürmte derart, dass nur ein bedenklich kleines Häuflein sich beim
damaligen Salzhaus, an der heutigen Theaterstrasse, einfand. Es
war eine kleine Musik dabei. Der Grütliverein war mit der Fahne
erschienen, und dann sah man noch einige Helveterstudenten mit
o XXVII. KAPITEL: DIE DE;ZEMBE;R-I.ANDSGEMEINDE;N 41
roten Mützen. Die Situation war so bedenklich, dass Karl Bürkli
abstimmen liess, ob wir bei diesem Sauwetter überhaupt eine
Versammlung abhalten wollten. Begeistert schrien die Anwesen-
den, es müsse marschiert werden, und so zog man denn der Limmat
entlang hinunter. Aber jetzt ström.ten die Menschen aus den
Gässlein des Niederdorfs nur so herunter. Beim alten Schützen-
haus wurden Katzenköpfe losgelassen, und als der Zug beim Zeug-
haus ankam — die Kaserne stand damals noch nicht — da waren
mindestens 6000 Mann beisammen." Nun in Sturm und Graus
neue Beratung der Führer, ob man anfangen wolle, und Anfrage
an das Volk. ,, Eintreten! Wir halten aus!" war die Antwort.
Kommandant Karl Walder eröffnete die Tagung. In seinem
Militärmantel und verwitterten Scheitel machte er nicht übel
Figur. Nach der Gastrolle Friedrich Lochers und einer Rede von
Dr. Honegger sprach Karl Bürkli : Solches Wetter wie heute sei es
gewesen, als die Zürcher vor 400 Jahren zur Murtenschlacht aus-
zogen. ,,Nun stehn wir auch im Kampf, durchnässt bis auf die
Haut, und hoffen unsern Herzog, den Prinzeps, zu schlagen. Wir
können den neuen Exerzierplatz nicht besser einweihen, als indem
wir einmal mit dem System gründlich und im Feuer exerzieren.
Das System ist wie die Cholera, nicht mit Händen zu greifen,
aber man spürt es in allen Gliedern. Schon lange sagt der Volks-
mund, die Kantonsräte ab dem Lande müssen zuerst im Bahnhof
unten, wo die Regierung Nr. i thront, ja sagen, und dann im Rat-
haus, wo die Regierung Nr. 2 vom System noch geduldet wird,
noch einmal ja !" — Das Programm wurde einstimmig angenommen
und dann bei einer Nachfeier im Schützenhaus gehörig ,, ver-
schwellt".
In Winterthur war Bleuler-Hausheer Tagespräsident. Ausser
ihm sprachen Lehrer Fluck, Nationalrat Fehr, Stadtschreiber
Ziegler, Kantonsrat Elias Süsstrunk, ,,Salz-EHas" genannt wegen
seines Eifers um die Salzpreisherabsetzung. — Bülach war der
einzige Ort, wo die Landsgemeinde im geschlossenen Raum, in
der Kirche, stattfand. Die Rafzer waren besonders zahlreich auf-
gezogen; von ihren Wagen trug jeder eine besondere Inschrift:
,, Referendum", ,, Staatsbank" usw. Der bewegliche Scheuchzer, der
das Volk wie nicht bald einer kannte und zu behandeln wusste, be-
tonte auch hier wieder als Hauptsache Referendum und Initiative.
42 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
Als die Abschaffung der Todesstrafe besprochen wurde, Hess eine
Grabesstimme sich vernehmen: „Wer Menschenblut vergiesst,
dess' Blut soll wieder vergossen werden!" Prompt replizierte ein
bibelfester Neuerer: „Geht uns nichts an! Das steht im Alten
Testament!"
Den kühnen Griff in die Sterne, aus denen von Zeit zu Zeit
die ewigen Menschenrechte wieder heruntergeholt werden müssen,
tat Rudolf Zangger in Uster, das wohl die stärkste Versammlung,
auf dem geweihten Boden des Zimiker, sah. Zangger schilderte, -
manches übertreibend, die herrschenden Zustände; ,,alle imsre
Gerechtigkeit ist wie ein unflätig Kleid," sagte er zur Justiz im
Kanton Zürich. Mit Emphase wies er, wie andere Landsgemeinde-
redner, das den Bewegungsmännern vorgehaltene Streben nach
einem Sessel zurück, ,,imd von euch — hier Versammelte," fuhr
er fort, ,,vom ganzen Volke behaupten eure Gegner, ihr verstehet
noch nicht, eure Interessen selbst zu wahren (stürmisches Hohn-
gelächter). Die Vormmidschaft müsse noch länger andauern, als
wären 37 Jahre der Bildung spurlos an euch vorübergegangen
(Stimme aus dem Volk: ,me cha's ja emal probiere!')". Nicht
weniger Beifall ernteten Sieber, sowie Keller von Fischental in
seinem gemüthchen Zürichdeutsch. Am Bankett, das nach der
Landsgemeinde improvisiert wurde, brachte Salomon Vögelin sein
Hoch den Männern, die vom Feuer des Tages von Uster durch-
glüht, trotz Sturm, und Unwetter nach Uster gekommen waren,
,,und 5000 Stimmen, abgegeben in Sturm und Unwetter, wiegen
mehr als 10,000 Stimmen im Sonnenschein!"
Der ,, Landbote" schätzte die Gesamtbeteiligung an den vier
Landsgemeinden auf rund 20,000 Mann. Die ,,Neue Zürcher
Zeitung" hatte anfänglich an den Zahlen zu markten versucht,
musste es aber bald aufgeben. Klüger schrieb die ,, Freitagszeitung" :
„Die Versammlungen sind nun einmal nicht misslungen, und über
etwas Mehr oder etwas Weniger hinsichtlich ihrer Bedeutsamkeit
ist es unnütz, viele Worte zu verlieren. Ihr Zweck, die Petitionen
und das Programm zu unterstützen, ist erreicht." Die ,,St. Galler
Zeitung" aber urteilte: „Dieser Tag darf ohne Übertreibung ein
zweiter Tag von Uster genannt werden. Er wird für die Geschicke
des Kantons und für die Erringung der Volksrechte in der ganzen
Schweiz von der grössten Bedeutung sein."
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDS GEMEINDEN 43
Am Tage vor Weihnachten präsentierten sich vor dem Gross-
ratspräsidenten Regierungsrat Treichler drei seiner alten Konsum-
vereinsfreunde: Karl Bürkli, Schneider Krebser und Schuster
Boli. Sie waren mit Paketen beschwert, welche die ersten 19,410
Unterschriften für eine Verfassungsrevision enthielten, und Bürkli
sagte bloss: ,,Do bringet mer der Regierig 's gut Jahr!" Insgesamt
gingen 449 Hingaben mit 26,349 Unterschriften ein, und die Re-
gierung ordnete die Volksabstimmtmg auf den 26. Januar 1868
an. Dem Volksentscheid ging eine lebhafte Agitation von beiden
Seiten voraus, und vielfach spitzte der Kampf sich persönlich zu.
Dem Stadtrat Dr. Römer wurde es von seinen liberalen Freunden
verübelt, dass er noch immer mit seinem demokratischen Kollegen
Schnurrenberger verkehrte, und er war genötigt, durch die ,, Frei-
tagszeitung" erklären zu lassen, diese Freundschaft habe mit
Politik nichts zu tun und beruhe darauf, dass er und Kollege
Schnurrenberger während der Cholerazeit Tag und Nacht treue
Waffengefährten waren. Handwerker, welche die Kühnheit hatten,
etwa eine Schützenhausversammlung zu besuchen, wurden von
liberalen Kunden mit der Aufforderung, die Rechnung zu schicken,
bestraft. Das ,, System" stellte sich auf den Standpunkt der
reinen Negation und empfahl Verwerfung der Hauptfrage (Ver-
fassungsrevision) und der Nebenfrage (Revision durch einen Ver-
fassungsrat). Nur die zweite, eventuelle Nebenfrage, Revision
durch den Grossen Rat, sollte bejaht werden. Immer dringlicher,
immer ängstlicher und erregter klang der Unterton in allen Zei-
tungsartikeln, Broschüren und Flugblättern: Ist es denn mög-
Hch, ihr wolltet den Pamphletären nachlaufen, den Zangger,
lyocher, Bleuler mehr Vertrauen schenken als uns! Ihr wolltet
euch getrauen, die Regierung selber in die Hand zu nehmen ?
Und die Antwort des Volkes: fünfzigtausendmal Ja! Bei einer
Beteiligung von 90% der Stimmberechtigten (59,125 von 65,382)
wurden am 26. Januar 1868 abgegeben für die Verfassungsrevision
50,786 Ja und nur 7374 Nein. Mit 47,864 gegen 10,060 Stimmten
wurde die Revision einem Verfassungsrat übertragen. Und auch
die Stadt Zürich befand sich unter den annehmenden Gemeinden ;
sie stimmte mit 2109 gegen 1361 Stimmen der Revision, mit
1966 gegen 1502 Stimmen dem Verfassungsrat zu! Im ganzen
Kanton hatten überhaupt nur zwei Gemeinden die Revision ver-
44 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
worfen: neben dem gründlich vergrämten Regensberg noch
Boppelsen.
Mit vollem Rechte durfte nach einer solchen Abstimmung der
„Landbote" schreiben: ,,Das Volk hat gesprochen, das ganze Volk
hat gesprochen!" Auch die „Neue Zürcher Zeitung" machte sich
keine Illusionen mehr; man wolle im Kanton Zürich etwas Neues.
Die ,,St. Galler Zeitung" schrieb: „Vor diesem einmütigen Volks-
spruch verstummt jede Markterei und kleinliche Deutelei, ver-
stummt das Geschrei über Demagogentum, Pamphletisterpartei
usw. Es ist keine Partei, die hier spricht, es ist das Volk in seiner
ganzen Grösse, es ist die Seele der Repubhk, mit aller Kraft ihrer
Intelligenz, mit aller Menschenwürde, die sie besitzt." In der
,, Sonntagspost" urteilte Grunholzer: ,,Das Resultat ist weniger
eine Desavouierung der bisherigen Regenten, als eine Verurteilung
des absoluten Repräsentativsystems. Die grössere Beteiligung des
Volkes am aktiven Staatsleben ist das Losungswort der Zeit ge-
worden. Der Souverän hat gesprochen; sein Wille geschehe."
Bei der Eröffnung des Grossen Rates am lo. Februar sprach Alfred
Escher als Präsident die Überzeugung aus, dass schon eine nähere,
ruhig prüfende Zukunft, vollends aber die unparteiische Geschichte
die Frage, ob der Kanton Zürich in den beiden letzten Dezennien
sich auf der Bahn des Fortschrittes in geistiger und materieller
Hinsicht bewegt habe, auf eine Weise beantworten werde, welche
denen, in deren Händen sich die Leitung der öffentlichen An-
gelegenheiten bis anhin befunden habe, kaum zum Vorwurf ge-
reichen dürfte.
Der Klagerückzug Ulmers (s. oben pag. 13) vollendete die
Niederlage des ,, Systems", weckte aber zugleich in seinen tüch-
tigen und ehrenwerten Anhängern den entschlossenen Mut, sich
kräftig wieder aufzuraffen, neu zu organisieren und auf die kom-
menden Verfassungsratswahlen hin den Kampf mit aller Energie
wieder aufzunehmen, um auf die Gestaltung der neuen Verfassung
den grösstmöglichen Einfluss zu gewinnen. In der Stadt diente
zunächst der ,, Politische Gemeindeverein" den Liberalen zur
Sammlung. Er war am 13. April 1866 als ,, Stadtverein" unter
dem Präsidium von Stadtschreiber Dr. Eugen Escher gegründet
worden, nachdem das neue Gemeindeorganisationsgesetz vom
15. Oktober 1865 die Niedergelassenen gemeinsam mit den Bürgern
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 45
zur Führung des Gemeinwesens berufen hatte. Im ,, Stadtverein"
sollten Bürger und Niedergelassene zur freien Aussprache der
Gemeindeangelegenheiten sich zusammenfinden. Die Revisions-
bewegung sprengte den Stadtverein, aus dem die demokratischen
Mitglieder ausschieden; die Zurückbleibenden konstituierten sich
als „Politischer Gemeinde verein" , und im Schosse des letztern
wurde der schon seit längerer Zeit bestehende Wunsch, die ,,Neue
Zürcher Zeitung" für die liberale Sache zu erwerben, zur Reife ge-
bracht. Eine Abordnung des Gemeindevereins ersuchte Dr. Eugen
Escher, die Redaktion und geschäftliche Leitung der ,, Neuen
Zürcher Zeitung" zu übernehmen ; als Mitarbeiter hatte er ihr schon
seit Jahren angehört. Der Kaufvertrag mit Orell Füssli, den bis-
herigen Besitzern der ,, Neuen Zürcher Zeitung", kam zustande,
Eugen Escher sagte am 17. Februar 1868 zu, und am 6. März 1868
konstituierte sich die Aktiengesellschaft der ,, Neuen Zürcher
Zeitung".
Die Wahlen in den Verfassungsrat am 8., 22. und 29. März
1868 brachten den Demokraten die grosse Mehrheit. Von 222 Ver-
fassungsräten zählte man 147 demokratische und 75 liberale. In
der Stadt entstieg als erster der Urne Dr. Eugen Escher; dann
aber folgten unmittelbar Zangger, Schnurrenberger und Georg
V. Wyss. Es ist nicht ohne Interesse, bei dieser Gelegenheit die
Stellung der Konservativen zur Revisionsbewegung kennen zu
lernen. Dass Georg v. Wyss von Alfred Escher schlecht behandelt
worden war, haben wir bereits erfahren. Nicht besser erging es
seinem Bruder Friedrich, dessen Grossratskandidatur schon 1866
von Alfred und Eugen Escher bekämpft worden war wegen seiner
Mitgliedschaft im Vorstand der Evangelischen Gesellschaft, wäh-
rend das ,, System" einen Ulmer ohne Beschwerde ertrug. Die
Brüder Georg und Friedrich v. Wyss waren hochachtbare Ver-
treter einer wahrhaft vornehmen konservativen Richtung, die bei
aller Verehrung für das gute Alte doch oft genug für das notwendige
Neue ein rascheres Verständnis und namentlich eine grössere
Opferbereitschaft an den Tag legte als der Durchschnittsliberalis-
mus. Die Wünschbarkeit des fakultativen Referendums war von
den Konservativen längst eingesehen worden, als die ganze liberale
Partei noch dagegen kämpfte. Die amtliche Inventarisation in
allen Todesfällen, manchen Liberalen ein Greuel, wurde von den
46 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
Brüdern Georg und Friedrich v. Wyss rückhaltlos befürwortet.
Charakteristisch ist folgende Äusserung von Friedrich v. Wyss
aus dem Jahre 1869: ,,Mit unsern beiden (jetzt besonders einfluss-
reichen) Ziegler — Regierungsrat G. Ziegler und Stadtschreiber
Th. Ziegler — so grob sie sind, möchte ich noch lieber verkehren
als mit Alfred Escher; es ist doch offener Sinn und Verständnis da,
nicht diese höchst selbstgefällige, abgeschlossene, gescheite und
doch bornierte Weisheit. Der sogenannte liberale Schnürleib, den
wir so manches Jahr getragen, ist zersprungen, und nun läuft alles
durcheinander, Rohes und Gemeines sehr gewöhnlich obenauf,
aber doch auch noch anderes, dem nur die rechte Sprache und die
rechten Organe fehlen. Wer die Gabe hätte, den rechten tiefen
Volkston zu treffen, könnte jetzt mehr Einfluss haben als früher . . .
Man muss freilich lernen, Opfer auf sich zu nehmen und mit dem
Verzicht auf privilegierte Stellungen, Vorteile und Genüsse mehr
Ernst zu machen als früher, sonst bleibt alles ohne Wirkung."
Dass die Brüder v. Wyss und ihre nähern Freunde und Ge-
sinnungsgenossen keine Veranlassung hatten, dem ,, System" in
seinem Existenzkampf mit besonderer Wärme und Hingabe bei-
zustehen, leuchtet ein; ihre Haltung der kühlen Neutralität war
gegeben. Um so lebhafter scheinen sich weitere Kreise von Kon-
servativen, Vertrauensleute der sogenannten ,, Stillen im I^ande",
am Kampf um den Verfassungsrat und die neue Verfassung be-
teiligt zu haben. Die Taktik dieser unsichtbaren, aber einfluss-
reichen Partei erregte ebensowohl Bewunderung als Unwillen.
Ihre Operationen erfolgten von guter Deckung aus. Die Wahl-
Hsten dieser Richtung für den ganzen Kanton in dem schon er-
wähnten Aufruf ,,Zur Sammlung" waren die einzigen, welche
anonym erschienen. Und ihre Bemühungen waren nicht vergeb-
lich. Der Biograph Grunholzers konstatiert, dass die konservativ-
pietistische Liste, die geschickt zwischen demokratischen und
liberalen Namen ihre Kandidaten einstreute, in mehreren Wahl-
kreisen ganz überraschende Erfolge errang. Die ,, Freitagszeitung"
glaubte zum Aufsehen mahnen zu sollen: ,,Es scheint sich zu be-
stätigen, dass nach dem Kampfe zwischen den Liberalen und den
Demokraten die Frommen auf das Schlachtfeld der Erschöpften
treten und das Kreuz des Glaubens wieder wie 1839 ^^^ demselben
aufpflanzen könnten." Jedenfalls konnte man es auf dieser Seite
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 47
nicht gut vertragen, dass manche Herren vom „System" sich aus
den Frommen nichts machten, weshalb sie dann in den reHgiösen
Blättern als solche hingestellt wurden, die ,,den Herrn und sein
Wort nicht achten" und über die nun ein ,, gerechtes Gericht
Gottes" hereingebrochen sei. Allerdings war es auch mit der
Frömmigkeit der Demokraten nicht gerade weit her. Beide Par-
teien, las man deshalb irgendwo, gehen in nichts einig, als in der
gleichinässigen Verwerfung des Evangeliums, und keine von beiden
könne deshalb für die tiefern Bedürfnisse der untern Volksklassen
Befriedigung gewähren. Doch scheint mit der Zeit die Hin-
neigung auf die demokratische Seite die Oberhand gewonnen zu
haben. Das hatte insbesondere die in ihrer Mehrheit systemstreue
GeistHchkeitssynode verschuldet, welche ein neues Kirchenbuch
mit einigen, den Frommen missfallenden Gebeten eingeführt hatte,
was einen bekannten Wortführer der ,, Stillen im Lande" zu fol-
gender öffentlicher Erklärung veranlasste: ,, Meine Stellung ist
noch bewusster und sicherer geworden durch den unglücklichen
Sieg des Systems in der sogenannten Geistlichkeitssynode, welcher
Belial als gleichberechtigt mit Christus in unsern Kirchen und
Schulen erklärt hat. Hoffenthch ist es jetzt keinem Gläubigen
mehr zweifelhaft, ob er sich auf Seite eines solchen Systems oder
auf die der vollen Volksfreiheit zu stellen habe."
Die Beratungen des Verfassungsrates, der sich am 4. Mai 1868
konstituierte — mit Dr. J. J. Sulzer als Vorsitzendem, Ludwig
Forrer und Gottfried Keller als Sekretären — zogen sich hinaus
bis zum 31. März 1869, an welchem Tage die neue Verfassung mit
164 Ja gegen 56 Nein bei 13 Enthaltungen angenommen wurde.
Unter den Annehmenden befanden sich nur zwei Liberale: Abegg
von Küsnacht und Pfarrer Wolff von Weiningen. Die Verfassung
brachte als Hauptneuerungen: Volkswahl der Regierungs- und
Ständeräte, obligatorisches Finanzreferendum, Gesetzes-Initiative,
Kantonalbankartikel, Abschaffung der Todes- und Kettenstrafe.
Die Volksabstimmung vom 18. April 1869 beendete einen Kampf
der Meinungen, der an Hitze und Leidenschaft nicht mehr zu
überbieten war. Von beiden Seiten wurde das gröbste Geschütz
aufgefahren. Dr. Friedrich Locher, der extra von Bern herkam,
um sein Nein abzugeben, hatte ,,Die neuesten Freiherren" ins Volk
geworfen, für welche die ,, Freitagszeitung" gewaltig Reklame
48 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN o
machte. Das Buch wurde in 12,000 Exemplaren gedruckt und
als Agitationsschrift gegen die Verfassung massenhaft verbreitet;
Unbemittelte konnten es gratis beziehen. Es ist eine hauptsäch-
lich auf Zangger vmd einige andere Demokratenführer gemünzte
Schandschrift unbeschreiblich ekelhaften Inhalts. Und nicht genug
damit, dass sich diese Kloake — in Form von ,,Wehr" und ,, Wider-
wehr" Beteihgter — Wochen lang, das Land verpestend, durch die
Spalten der ,, Freitagszeitung" ergoss: dieser Greuel wurde auch
noch dramatisiert und unter dem Titel ,,Die Braut von Zürich", ab-
wechselnd mit der Lokalposse ,, Zürich, wie es weint und lacht",
im Sommertheater zum ,, Weissen Kreuz" in Unterstrass öffent-
lich aufgeführt! Die Art und Weise, wie man sich nun liberaler-
seits Lochers und seines scheusslichsten Werkes gegen die Demo-
kraten bediente, wog die anfängliche Verbindung der Demokraten
mit dem Pamphletär reichlich auf. Man hatte sich in dieser Hin-
sicht gegenseitig nun wirklich nichts mehr vorzuwerfen. Im
übrigen waren Fritz Bürkh und seine ,, Freitagszeitung" in diesem
Kampf wieder einmal ganz auf der Höhe. Er setzte Himmel und
Hölle gegen die neue Verfassung in Bewegung. Den sozialisti-
schen Kladderadatsch (ohne freilich das Wort selbst schon zu
kennen) , den Untergang der alten Eidgenossenschaft malte er
gruselich an die Wand. Über so \äel Register wie der Zeitungs-
schreiber an der Schipfe verfügte die ,,Neue Zürcher Zeitung"
nicht, aber massiv werden konnte sie auch. Noch an den beiden
letzten Tagen sprach sie von Karrikaturen von Volksrechten,
barem Unsinn, Verschleuderung der Staatsmittel, Ruin und Ver-
nichtung des bisher so glücklichen Staatslebens. ,,Mit Nein
sichern wir uns die Ruhe gegen die permanente Wühlerei, die Un-
sicherheit aller Gesetze und die Wucherpflanzen der Demagogie;
mit Ja organisieren wir die permanente Demagogie in noch nir-
gends gesehener Form."
Wenn aber alle Stricke reissen, dann schwingt man sich noch
bhtzgeschwind auf den Boden des Gegners hinüber und sucht
ihn mit seinen eigenen Waffen zu schlagen. Plötzlich erhob sich
bei den Liberalen die laute und resolute Forderung, es sei über
die Verfassung artikelweise abzustimmen. Nicht einmal, sondern
fünfundsechzigmal, zu jedem einzelnen Artikel, habe das Volk
Ja oder Nein zu schreiben. Im Namen der Demokratie, im Namen
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-LANDSGEMEINDEN 49
des Volks und seiner geheiligten Rechte wurde das verlangt, und
es war „schändlicher Volksbetrug, Fälschung der Volksrechte,
Verrat an der Demokratie", als der Verfassungsrat trotz allem
Abstimmung in globo beschloss! Immerhin waren alle diese ver-
zweifelten Anstrengungen nicht nutzlos und die Abstimmung vom
18. April 1869 bot schon ein wesentHch anderes Bild als diejenige
vom 26. Januar 1868, was sich aber ganz natürlich auch daraus
erklärt, dass einzelne Bestimmungen der neuen Verfassung ihr
zahlreiche Gegner schufen, die den Grundsatz der Verfassungs-
änderung selbst unbedenklich bejaht hatten. Die neue Verfassung
wurde bei einer Beteiligung von 91% (58,896 Votanten von
64,737 Stimmberechtigten) mit 35,458 Ja gegen 22,366 Nein
angenommen. Von den 11 Bezirken verwarfen vier: Zürich,
Affoltern, Horgen und Meilen; die ,,Neue Zürcher Zeitung" nannte
sie die ,, intelligenten Bezirke". Die Stadt Zürich lehnte die Ver-
fassung ab mit 1983 Nein gegen 937 Ja.
Am 26. April 1869 trat der Verfassungsrat nochmals zur
Erwahrung der Abstimmungsergebnisse zusammen. „Mit diesem
Tage", schreibt Scheuchzer, ,, waren sämtliche Zwanzigjährige
volljährig und die seit zehn Jahren Falliierten stimmberechtigt.
Die Ketten der Sträflinge fielen, der Henker überlieferte das
blutige Schwert dem Altertümler; die Tore des Schuld turms
öffneten sich für immer." Der ,, Landbote" pries die neue Ver-
fassung als den ersten konsequenten Versuch, die Idee der reinen
Volksherrschaft in einer den modernen Kulturverhältnissen ent-
sprechenden Form durchzuführen und die ehrwürdige, aber
schwerfällige und nur für kleine Verhältnisse geeignete Lands-
gemeinde durch eine Einrichtung zu ersetzen, deren Eckstein die
Abstimmung durch die Urne in den Gemeinden ist. Der „Freie
Rhätier" schrieb: ,,Die Schweiz ist damit für die Selbstregierung
des Volkes erobert und wird hiefür in noch wirksamerer Weise
als bisher den Samen repubHkanischer Ideen auch in die übrigen
Völker ausstreuen."
Und was ist aus allen den düstern Prophezeiungen geworden,
die man an die neue Verfassung knüpfte ? Sie haben sich nicht
erfüllt. Der Kanton Zürich hat mit der direkten Volksgesetz-
gebung im grossen und ganzen gute Erfahrungen gemacht, und
am überzeugendsten in dieser Hinsicht muss die unbestreitbare
50 XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-I/ANDSGEMEINDEN o
Tatsache wirken, dass eine Änderung heute nicht etwa im Sinne
ihrer Abschaffung, sondern nur ihrer Erleichterung denkbar wäre.
Zwar hat sich Karl Bürkli getäuscht, als er in der direkten Gesetz-
gebung das Hauptwerkzeug zur allgemeinen Ivösung der sozialen
Frage erbhckte. Georg v. Wyss behielt recht, der das Referendum
als eine konservative Einrichtung bezeichnete. Schon die Vor-
liebe der Konservativen gerade für dieses Instrument der Volks-
herrschaft bestätigt diese Annahme, und wie oft musste man die
schmerzhche Erfahrung machen, dass es leichter ist, ein Parlament
als ein ganzes Volk von der Notwendigkeit und Nützlichkeit eines
politischen oder sozialen Fortschrittes zu überzeugen ! Gleichwohl
darf das Referendum nicht als kultur- und fortschrittsfeindlich
betrachtet werden; nur rund ein Viertel der Gesetzesvorlagen
sind ihm bisher zum Opfer gefallen. Und andrerseits hat sich
die Initiative bei weitem nicht in dem gefürchteten Masse als
umstürzlerisch erwiesen: das Volk verwirft drei Viertel aller
Initiativvorschläge. Das Volk des Kantons Zürich ist im Grund
des Herzens konserv^ativ, viel konservativer als man denkt, und
könnte noch ein bedeutend grösseres Mass von Volksrechten ver-
tragen, olme deswegen die Selbstbesinnung und den vernünftigen
Gebrauch seiner Freiheit einzubüssen. Der vieljährige Chef der
kantonalen Hberalen Partei, Oberst Ulrich Meister, hat sich als
Alterspräsident des Kantonsrats am 25. Mai 1914 folgendermassen
über seine persönHchen Erfahrungen ausgesprochen:
,, Ehedem ein eifriger und rühriger Gegner der Verfassung
von 1869 und ein überzeugter Verfechter des Repräsentativ-
systems, muss ich heute unumwunden erklären: Die Befürch-
tungen, die dazumal meine oppositionelle Stellung gegenüber der
reinen Demokratie bedingten, sind durch den Gang der Ereignisse
zum Glück nicht bestätigt worden. In einer längern Dauer, als
irgend einer frühern Verfassungsperiode des 19. Jahrhunderts
beschieden war, ist die so hartnäckig bekämpfte Verfassung zu
fruchtbringender Wirkung gelangt. Die Organisation der neu
eingeführten Volksrechte, Referendum, Initiative und Wahl der
Regierung durch das Volk, hat sich zwar nicht als schlechthin
vollkommene Einrichtung erwiesen, aber sie hat den Kanton
Zürich vorwärts gebracht und den pohtischen Sinn des Zürcher
Volkes erweitert. Neue, von den Ideen des Jahres 1869 zum Teil
o XXVII. KAPITEL: DIE DEZEMBER-IvANDSGEMEINDEN 51
abweichende Zeitströmungen, deren umgestaltende Kraft in wirt-
schaftlicher und sozialer Richtung sich vielfach heute schon nach-
drücklich bemerkbar macht, erhielten freie Bahn und finden zu-
gleich weise Einschränkung durch den in Art, i der Verfassung
niedergelegten Grundsatz: ,,Die Staatsgewalt beruht auf der
Gesamtheit des Volkes." Die elementare Krisis, die zurzeit die
Völker auf dem weiten Erdenrund in Bewegung hält, wird sich
im Kanton Zürich wegen der demokratischen Grundlage seines
Staatswesens ohne eruptive Erscheinungen vollziehen und lösen
lassen. Dabei sehe ich voraus, dass einerseits viele zu einer vor-
urteilsloseren Beurteilung berechtigter Neuerungen gelangen, und
dass anderseits bei denen, welche diese Neuerungen im Sturm-
schritt verwirklichen möchten, eine wirklich demokratische Auf-
fassung sich durchringe. Die Mehrheit des Volkes, die in der
Demokratie entscheidet, lässt sich nur für ausgereifte Ideen be-
geistern. Das ist eine geschichtliche Erfahrung, die man nie ver-
gessen und stets beherzigen sollte."
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ACHTUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN
Zürich hatte für einige Jahre die politische Führung im Kanton
an Winterthur abzutreten. Es war keine glückhche Zeit für
unsern Staat, und die reine Demokratie, zur Herrschaft gelangt,
musste schweres Lehrgeld bezahlen. Warum? Weil die Männer,
die das ,, System" gestürzt, nun in dieselben Fehler verfielen, die
das ,, System" zu Fall gebracht. Weil sie, die den Grundsatz auf-
gestellt: ,,Die Staatsgewalt beruht auf der Gesamtheit des Volkes",
vom ersten Tage an gegen diesen Grundsatz sündigten und an
Stelle der wahren Demokratie nur wieder ein ausschliessHches
Parteiregiment aufzurichten trachteten. Weil sie, die nicht genug
die Verquickung von Staatsgeschäften und Eisenbahninteressen
bei Alfred Escher hatten tadeln können, sich jetzt Hals über Kopf
ebenfalls in die gewagteste Eisenbahngründerei stürzten und Auf-
gaben übernahmen, denen sie, die NeuHnge, in keiner Weise ge-
wachsen waren. Konnte doch in Winterthur die Idee aufkommen
und in allem Ernst ins Werk gesetzt werden, eine schweizerische
Eisenbahn ,,Leman-Bodan" zu bauen und diese in einigen Kilo-
metern Entfernung an der Hauptstadt vorbeizuführen, mit dem
ausgesprochenen Zweck, Zürich, das wichtigste Verkehrszentrum
der Ostschweiz, ,, abzufahren", es verkelirspolitisch kaltzustellen
und dadurch den politischen Einfluss Alfred Eschers und seines
Anhangs vollends abzutöten ! — Aber ist es denn eigentUch hoff-
nungslos mit den Menschen und werden sie ewig nichts lernen ?
Wird auch die Geschichte der reinen Demokratie nur immer das-
selbe Schauspiel bald obsiegender, bald unterhegender herrsch-
süchtiger Streber, ein fortwährendes und eintöniges Auf und Nieder
zeigen ? Der Schein spricht dafür, aber er trügt und verbirgt dem
oberflächlichen Beschauer den gewaltigen Fortschritt, der sich in
allen diesen Kämpfen und Niederlagen fast unvermerkt vollzieht
und der erst beim Rückbhck auf einige Jahrzehnte imd beim Ver-
gleich des erreichten und gesicherten Besitzstandes an demokra-
?5
I
^
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 53
tischen Freiheiten und Rechten mit dem Ausgangspunld; des
Kampfes um dieselben klar in die Erscheinung tritt.
Zwar ist ohne weiteres zuzugeben, dass es ein Leichtes wäre,
eine Karrikatur der reinen Demokratie auf Grund der Periode
demokratischer Alleinherrschaft in den siebziger Jahren zu zeich-
nen, und es haben sich denn auch die Gegner der Demokratie
diese Gelegenheit nicht entgehen lassen. In den Salons und an
den Stammtischen wusste man allerhand erbauhche Beispiele auf-
zuzählen von unwürdigen Erkorenen des Volkes, und an ihnen
wurde beflissen demonstriert, ,, wohin wir kommen mit unserer
Demokratie". Und nun gar die mit der Nationalbahn durchge-
brachten 30 Millionen, darunter 3 MilHonen guter zürcherischer
Staatsgelder, musste man da nicht die Frage erwarten: Haben
wir es euch nicht gesagt, dass ihr zur Selbstregierung nicht taugt
und nur den Staat ruinieren werdet ? War es zu verwundern,
wenn die „N. Z. Z." (im August 1882) schrieb: ,,Das sind die
Früchte des zur Zeit der Revisionsperiode so warm befürworteten
Satzes, dass jede Beschränkung der sogenannten Gemeindefreiheit
aufhören müsse und die zürcherischen Gemeinden ohne irgend-
welche Kontrolle von oben ihre Verhältnisse ordnen dürfen. Die
Geschicke haben sich nun erfüllt .... Welche Idee muss man von
der Mehrheit der Stimmberechtigten bekommen, die den ganzen
Jammer mitansehen imd demungeachtet fortwährend diejenigen
auf den Schild erheben und deren volkswirtschaftHche Einsicht
be weihrauchen, welche die Urheber und Förderer dieser trostlosen
Zustände sind? Wird es nicht jedem allmählich klar, dass solche
Zustände nur in Gemeinden mögHch sind, wo die am Gemeinwohl
zunächst Interessierten und am meisten finanziell Mitgenommenen
in der Minderheit sind, dagegen diejenigen zu befehlen haben, die
entweder gar nichts oder wenig bezahlen ? Ist es nicht PfHcht der
Gesetzgebung, solch unnatürHchen Zuständen ein schnelles Ende
zu bereiten; oder soll das Krebsübel noch weiter um sich greifen
und die Grundlagen des Staates der vollständigen Zersetzung
entgegenführen ?"
Davon ist soviel richtig, dass die reine Demokratie gerade in
ihren jungen Jahren die schwerste Belastimgsprobe auszuhalten,
die gefährlichsten Kinderkrankheiten durchzumachen hatte. Aber
sie ist davongekommen, gesund und stark geworden und — nicht
54 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
mehr umzubringen. So sehr es auch gelegentlich einen poHtischen
Streber gelüsten könnte, mit skrupelloser Ausnützung gerade vor-
handener reaktionärer Strömungen im Volk seinen Einfluss zu
befestigen, es wird keiner wagen, etwa mit einem Vorschlag zu
kommen, der hinter die Verfassimg von 1869 zurückginge und die
Volkswahl der Regierung, Referendum und Initiative wieder ab-
schaffen wollte. Die antidemokratische Taktik der Gegenwart,
an der sich auch gesättigte und nichts mehr wünschende Demo-
kraten von 1869 beteiHgen, beschränkt sich auf die Abwehr eines
weiteren Ausbaues der reinen Demokratie. Was die abschrecken-
den Beispiele von Missgriffen des Volks bei der Wahl seiner Be-
amten und Vertreter betrifft, so braucht man nur zu konstatieren,
dass nach vierzigjähriger Dauer der Volksherrschaft die Partei-
komitees und die Wähler selbst nicht etwa laxer geworden sind
in ihren Ansprüchen an die Ehrenhaftigkeit der Kandidaten, dass
vielmehr Vorkommnisse, wie sie aus der ersten Zeit der demo-
kratischen Ära berichtet werden, heute undenkbar wären. Die
Nationalbahn aber — nun, wir werden sogleich davon sprechen;
für einstw^eilen nur soviel, dass an ihrem Untergang nicht die
PoHtik allein schuld war. Es krachte und kriselte an allen Ecken
und Enden; ,, demokratische" und ,,Hberale" Eisenbahnaktien
sanken um die Wette, imd auch die Nordostbahn stand vor dem
Konkurs. Sei man also gerecht und dessen eingedenk, dass die
reine Demokratie tatsächhch ein neugebornes Kind war, zur Welt
gekommen am 18. April 1869 im Kanton Zürich; was vorher Demo-
kratie genannt wurde im Schweizerland, verdiente diesen Namen
nur bedingt oder auch gar nicht, und die Schweiz selbst war darum,
dass sie keinen König hatte, noch lange keine Demokratie. Wie
es vollends vor 1830 oder gar vor der französischen Revolution
ausgesehen hat mit der berühmten ,,SchweizerfTeiheit" unter allen
diesen Geburts- und Zunftaristokratien und selbst in den ,, ur-
demokratischen" Landsgemeindekantonen mit ihrer Geschlechter-
herrschaft, das lehrt kurz imd klar Wilhelm ÖchsHs fesselnde Ein-
leitung zu seiner ,, Geschichte der Schweiz im XIX. Jahrhundert".
Nur wer sich über das Einst und Jetzt einigermassen Rechenschaft
gibt, versteht, was wir den Zürcher Demokraten von 1830 und 1869
schulden, und dankt ihnen deswegen nicht minder, weil sie selber
nicht durchweg den von ihnen verkündeten Idealen entsprachen.
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 55
Die Ausfülirung der Verfassung von 1869 durch die Gesetz-
gebung gehört nicht in den Rahmen dieser Darstellung, der Ver-
lauf der Parteikämpfe nur insoweit, als dadurch der Anteil der
Stadt Zürich und ihrer führenden Männer daran beleuchtet wird.
„Vor den neuen Wagen gehört ein neues Gespann", hiess es auf
demokratischer Seite, weshalb für die erste direkte Volkswahl der
Regierung am 9. Mai 1869 eine ausschliessUche demokratische
lyiste aufgestellt und mit einer Mehrheit von 10,000 Stimmen auch
durchgedrückt wurde. Das geistige Haupt der neuen Regierung
war Gottheb Ziegler von Winterthur. Im neuen Kantonsrat, wie
jetzt der Grosse Rat genannt wurde, zählte man 124 Demokraten,
91 Liberale und 7 ,, Unbestimmte". Bei der konstituierenden
Sitzimg am 14. Juni 1869 wurde Dr. J. J. Sulzer von Winterthur
Präsident, Zangger im 6. Wahlgang genau mit dem absoluten
Mehr von 104 Stimmen Vizepräsident ; der Hberale Gegenkandidat
Treichler erhielt loi Stimmen (der Vorgang wiederholte sich am
12. Januar 1874, als Zangger wiederum genau mit dem absoluten
Mehr von 103 Stimmen — gegen Dr. Conrad Escher — Vize-
präsident wurde). Verstärkt wurde auch die demokratische
Zürcher Vertretung in der Bundesversammlung; die Ständeräte
Rüttimann und Dr. Eugen Escher hatten gleich bei der ersten
Volkswahl zwei Demokraten Platz zu machen. Sogar bis in den
Kirchenrat hinein erstreckte sich die demokratische ,, Säuberungs-
arbeit", indem der Kantonsrat am 18. November 1869 Professor
Alexander Schweizer, den ,,Prinzeps der Kirche", als staatlichen
Vertreter durch Sieber ersetzte, worauf dann die Kirchensynode
Schweizer als ihren Vertreter wählte. Am 17. Mai 1870 schlug
Stadtpräsident Dr. Römer die Wahl zum Vizepräsidenten des
Kantonsrates aus mit der Begründung: ,,Die Parteien stehen
sich gegenwärtig noch so schroff gegenüber, — ja viel zu schroff,
als ich es für das Wohl unseres Staates zuträgHch erachte — ,
dass ich es nicht für mögHch halte, die vermittelnde Rolle,
welche ein an diese Stelle tretendes Mitghed der Minderheit
nach meiner Ansicht übernehmen sollte, durchzuführen; viel-
mehr müsste ich auch bei aufrichtigstem Willen, das Gegenteil
zu bewirken, besorgen, bald nach der einen, bald nach der
andern Seite vielfachen Anstoss zu geben." Erst am 17. Juli
1872 Hess sich dann Römer zum Vizepräsidenten wählen und
56 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
er eröffnete am 17. Februar 1873 als Präsident den Kantonsrat
mit einer bemerkenswerten Rede, in welcher er erklärte, dass
die neue Verfassung nun nicht mehr in Frage gestellt werden
dürfe und dass man jetzt allmählich aus den Stürmen des
Parteilebens herauskommen und den Kampf nur noch um sach-
liche Differenzen führen sollte.
Innerhalb der liberalen Partei war schon bald nach der Ver-
fassmigsre\äsion eine Spaltung eingetreten. Der linke Flügel der
Partei, die ,,Junghberalen" oder ,, Neusilbernen" genannt, denen
die ,, Zürcher Presse" als Organ diente, proklamierte eine fort-
schrittliche Politik auf Grund der neuen Verfassung, während die
Altliberalen sich vollständig mit den Konservativen im ,, Politi-
schen Gemeindeverein" associerten. Es kam wiederholt vor, dass
Kandidaten des Gemeindevereins von Jungliberalen und Demo-
kraten gemeinsam bekämpft wurden. Zum völligen Bruch kam
es infolge der Bewegung für die Revision der Bundesverfassung
im Jahre 1872. Der mehrheitHch konservativ-föderalistische
,,PoHtische Gemeindeverein", der sich am 20. März 1872 neu
konstituierte, bekämpfte die Revision; die revisionsfreundlichen
JimgHberalen dagegen gaben sich im liberalen Stadt verein eine
neue Organisation. In der kantonalen liberalen Partei bekamen
die Junghberalen Oberwasser. Im. ,,Zürcherhof" beschloss am 4. Fe-
bruar 1872 eine Versammlung von 80 Mann unter dem Vorsitz
von Dr. J. Ryf eine Reorganisation der Hberalen Partei, die sich
nun rückhaltlos auf den Boden der Verfassung von 1869 stellen
solle. Fast einstimmig wurde in der kantonalen Partei Versamm-
lung im Kasino am 25. Februar 1872 das Programm der Jungen,
besonders auf die Empfehlung Grunholzers hin, angenommen und
ihnen auch die Leitung der Wahlkampagne für den Regierungsrat
übertragen, wobei sich freilich nicht alle Hoffnungen erfüllten.
Zwar gelang es am 14. April, das Siebersche Schulgesetz zu Falle
zu bringen, das ohne Vermittlung eine ganze Reihe bedeutender
und teilweise tief einschneidender Neuerungen auf einmal ein-
führen wollte, und bei den Regierungsrats wählen am 12. Mai 1872
wurde auch Sieber nicht mehr bestätigt, sondern im 3. Wahlgang
am 9. JuU durch den Liberalen Hertenstein ersetzt. Aber schon
am 22. September 1872 zog Sieber wieder in den Regierungsrat
ein an Stelle des am 12. Juli zum Bundesrat gewählten Scherer;
I
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 57
Sieber hatte bei seiner Wiederwahl im zweiten Wahlgang 28,412,
sein Gegenkandidat Dr. Römer 27,913 Stimmen erhalten.
Die Ivücke im Bundesrat war entstanden durch den Rück-
tritt von Jakob Dubs am 28. Mai 1872. Dubs, welcher neben
Emil Welti im Bundesrat nicht mehr genügend Platz zu haben
glaubte, hatte sich an die Spitze der föderalistischen Gegner der
revidierten Bundesverfassung gestellt und unter dem 29. April 1872
auch ein ,, Offenes Wort an das Zürcher Volk" mit der Aufforderung
zur Verwerfung gerichtet. Er scheint gehofft zu haben, als Führer
der siegreichen antirevisionistischen Strömung, die am 12. Mai 1872
die Revision und damit auch die Verwirklichung einiger neuer
Volksrechte im Bund vereitelte, später wieder in den Bundesrat
zurückkehren zu können. Einstweilen siedelte er nach Zürich
über und Hess sich hier in den Kantonsrat wählen, wo er gelegent-
lich wegen seiner föderalistischen Anschauungen mit Forrer scharf
zusammenstiess. Auch mit Alfred Escher hatte sich Dubs gänz-
lich überworfen, und der Bruch zwischen den beiden früher be-
freundeten Staatsmännern war besonders peinlich in die Erschei-
nung getreten, als im deutsch-französischen Krieg die Frage einer
Besetzung Savoyens durch die Schweiz plötzhch wieder akut
wurde. Während Dubs noch 1859 im Einverständnis mit Escher
die Geltendmachung des der Schweiz nach den Verträgen von
1815 zustehenden Besetzungsrechts als eitle und gefährhche Gross-
tuerei bekämpft hatte, stellte er nun überraschenderweise am
4. November 1870 im Bundesrat als Vorsteher des Politischen
Departements den Antrag, im Falle eines weitern Vordringens der
deutschen Armee nach Südfrankreich Savoyen sofort zu besetzen.
Escher war entrüstet über diesen Antrag, der allerdings durch
die Ereignisse unausführbar gemacht wurde, und trat im National-
rat mit grösster Schärfe gegen den Bundesrat auf. Seine födera-
listischen Verdienste empfahlen Dubs dem Politischen Gemeinde-
verein als Nationalratskandidaten für die Wahlen vom 27. Ok-
tober 1872 ; er drang indessen im ersten eidgenössischen Wahlkreis
nicht durch ; dafür übertrug ihm die Waadt das gewünschte Mandat.
Die Frage der Revision der Bundesverfassung wurde jedoch
durch den neugegründeten radikalen ,, Schweizerischen Volks-
verein" in Fluss gehalten. Eine Sektion Zürich dieses Vereins
konstituierte sich am 18. Mai 1873 im alten Schützenhaus und
58 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
es fülirten die Anstrengungen desselben zu einer Annäherung der
Liberalen und Demokraten auf eidgenössischem Boden. Ein ge-
meinsamer Aufruf beider Parteien forderte anfangs Juli zum
Anschluss an den Volksverein auf, nachdem der liberale Stadt-
verein schon am ii. Juni beschlossen hatte, der kantonalen
Schützenfahne auf der Fahrt zum schweizerischen Volkstag in
Solothurn am 15. Juli 1873 ein starkes Geleite zu geben. Auch
die ,,Neue Zürcher Zeitung" schrieb: ,,Wir müssen aufs Rütli.
Das ist unsere Pflicht, so wahr wir es mit der Zukunft unseres
schweizerischen \^aterlandes ernst meinen." Der von 30,000 Eid-
genossen besuchte Volkstag in Solothurn stimmte dem demo-
kratisch-zentrahstischen Revisionsprogramm mit einigen Kon-
zessionen an die föderalistischen Welschen einstimmig zu und am
19. April 1874 wurde die neue Bundesverfassung angenommen.
Der ,,Lägernbote" schilderte den AnbÜck, der ihm am Verfassungs-
abend auf seiner Hochwacht zuteil wurde: ,,So weit und wohin
das Auge reichte, vom Randen bis zum Rigi, vom Hörnli bis zum
Weissenstein, loderten in unzählbarer Menge die Feuer empor.
Der ganze Nordosten des Kantons, Schaffhausen und Thurgau,
besonders Zürich und Umgebung, die Ufer imd Anhöhen des
Zürichsees, boten ein wahrhaft bezauberndes Bild. Der Einblick-
nach Zug, Luzern und den Aargau Hess auch keine schwarzen
Punkte mehr erkennen. Auch da wars hell geworden, und ver-
gessen wir nicht die Nachbarn jenseits des Rheins, im Gross-
herzogtum Baden; auch sie hatten bis Waldshut hinunter mit
zahlreichen Freudenfeuern ihre Teilnahme zu erkennen gegeben."
Die kantonale demokratische Partei empfand in ihrer Winter-
thurer Tagung vom 13. Dezember 1874 das dringende Bedürf-
nis, sich durch die Schaffung eines 23-gliedrigen Zentralkomitees
eine straffere Organisation zu geben, imd es wurde sodann im
März 1875 ein neues Programm angenommen und veröffentlicht;
bei dieser Gelegenheit entstand in Zürich auch ein demokratischer
Stadtverein, der einer alten Tradition zuliebe das Cafe litteraire
zu seinem Stammlokal erkor. Bei den Regierungsratswahlen vom
2. Mai 1875 siegte die demokratische Liste mit Staatsanwalt Dr.
J. Stössel als neuem Mitglied. Die von hüben und drüben ge-
legentlich laut werdenden Stimmen nach einer Aussöhnimg der
Gegensätze und Einstellung des Parteikampfes fanden wenig
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 59
Beachtung, und im Sommer 1875 sandten die Winterthurer keine
Gabe an das kantonale Schützenfest in Zürich, die Zürcher keine
Fahne an das Schützenfest in Winterthur. Als Prediger der Ver-
söhnung auf demokratischer Seite hatte sich Fritz Scheuchzer in
Bülach hervorgetan. Im November 1872 sprach er von einem
neuen eigenen Programm, das dem kantonalen Parteihader ein
Ende machen sollte; fünf Sechstel des Zürcher Volks, meinte er,
seien dafür, dass man die ,,Brüeler" auf beiden Seiten ,,brüelen"
lasse, bis sie vom Volk ,, geschweiget" werden, das schon lange
an ihrem Treiben steinhart genug habe. Es ist jedoch zu beachten,
dass die Absage Scheuchzers an die Winterthurer Demokraten,
wie wir noch sehen werden, ganz andere Gründe hatte als sein
Friedensbedürfnis. Eine fragwürdige Politik aber ist es , den
Parteikampf, mit dessen Hilfe man eine beherrschende Position
erobert und erlangt hat, was man will, dann auf einmal als „ödes
Parteigezänk", als etwas Verwerfliches und Schädliches zu be-
zeichnen. Der Parteikampf ist niemals zu entbehren und darf
niemals aufhören, wenn nicht das poHtische Leben vollständig
versumpfen soll. Solche Versöhnungs- und Friedensschalmeien
spekuheren nur auf die Bequemlichkeit und Kampfesimlust der
Bürger, die, zur Selbstregierung berufen, diese mehr nur als lästige
Pflicht empfinden und herzHch gerne andern überlassen, für sie
politisch zu denken und zu handeln. Allerdings finden sich auch
immer wieder schlaue und interessierte Streber, die sich ein Ver-
gnügen daraus machen, für die Massen zu denken und sie ent-
sprechend zu lenken, doch das ist dann keine Demokratie mehr.
Parteikampf soll sein und muss sein, aber er braucht nicht not-
wendig mit schlechten Mitteln und auf gemeine Weise geführt zu
werden, er braucht kein ödes Parteigezänk zu sein. Richtig ver-
standen und nobel aufgefasst, dient er der Charakterbildung, der
geistigen Erziehung und dem öffenthchen Wohl im allgemeinen
zur nachhaltigsten Förderung.
Die schwersten Verheerungen in der zürcherischen PoHtik
der siebziger Jahre hat das Eisenbahnfieber angerichtet, das in
der ganzen Schweiz durch die Aussicht auf die baldige Verwirk-
lichung einer Alpenbahn entstanden war. Das Bundesgesetz
vom 23. Dezember 1872 über den Bau und Betrieb von Eisen-
bahnen, das die Konzessionserteilung einheitlich dem Bund über-
6o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
trug, rief einem wahren Wettlauf um Konzessionen. Im Kanton
Zürich hatte ein solcher Wettlauf schon eingesetzt mit dem vom
Volk am 14. April 1872 angenommenen Gesetz, das den neuen
Eisenbahnen unter gewissen Bedingungen eine Staatssubvention
von 50,000 Fr. per Kilometer zusicherte. Bei diesen Bestrebungen
stand Winterthur an erster Stelle. Seine günstige geographische
Lage und sein wirtschaftHclier Aufschwung berechtigten es voll-
auf zu den Bemüliungen, sich möglichst günstige Eisenbahnver-
bindungen zu sichern. Sein Fehler und sein Unglück war, dass
es zu hoch hinaus wollte, seine Kräfte überschätzte und mit I^eiden-
schaft die von ihm gewünschte Lösung einer Verkehrsfrage zur
pohtischen Parteisache machte, für welche imter ungebührHcher
Ausnützung der Macht und Stellung der herrschenden Partei
und Hintansetzung anderer, ebenso berechtigter Eisenbahnbe-
strebungen die IVIittel des Staates in Anspruch genommen wurden.
Es fehlte nicht an warnenden Stimmen. Abgesehen von Fritz
Scheuchzer, der schon anfangs der siebziger Jahre — freihch
nicht ganz uninteressiert — die Winterthurer Eisenbahnpolitik
als ein Unglück und als den Ruin der demokratischen Partei be-
zeichnet hatte, war auch Bleuler-Hausheer ein ganz entschiedener
Gegner dieser grossartigen Eisenbahnpläne und wehrte sich lange,
bevor er ihnen den ,, Landboten" zur Verfügung stellte. Es ist
sehr zu beklagen, dass er schliesslich doch nachgab und der Partei
das Opfer seines Intellekts brachte, und er vor allen andern hat
es schwer büssen müssen. So erschien denn, Ende Februar 1872,
auf Veranlassung von Stadtpräsident Dr. J. J. Sulzer im ,, Land-
boten" zum erstenmal das gross angelegte Projekt einer schweize-
rischen ,, Volksbahn", die als einheitliche Schienen Verbindung die
ganze Schweiz vom Genfersee bis zum Bodensee durchziehen
sollte. Diese ,, Schweizerische Nationalbahn Leman-Bodan" setzte
das Einvernehmen mit den daran interessierten Kantonen Thur-
gau, Aargau, Bern, Solothum voraus, und anfangs schien auch
die Verständigung und begeisterte Mitarbeit derselben auf bestem
Wege zu sein. Allein noch früher als die Winterthurer waren die
alten mächtigen Eisenbahngesellschaften — Nordostbahn, Schwei-
zerische Zentralbahn — aufgestanden, und sie brachten es zuwege,
durch Geltendmachung ihrer Prioritätsrechte und Ausspielen der
einen Lokalinteressen gegen die andern der Nationalbahn nach
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 6i
allen Richtungen, besonders aber nach der Westschweiz, den
Weg zu verlegen, sie auf ein ungünstigeres Trasse abzudrängen
und die notwendigen Verbindungsglieder von ihr abzutrennen.
Es war ein erster schwerer Schlag für die Gründer der National-
bahn, als infolge des Konkurses der Bern-Luzern-Bahn die ber-
nische Eisenbahnpohtik vollständig von den eigenen Sorgen in
Anspruch genommen wurde und an eine Beteiligung an der Natio-
nalbahn nicht mehr denken konnte. Dann fiel auch Solothurn
ab, weil es durch die Gäubahn befriedigt worden war. Im Kanton
Aargau aber blieben nur die Städte Baden, Lenzburg und Zofingen
der Nationalbahnidee treu, nachdem durch den Südbahnvertrag
und den Bötzbergvertrag der übrige Kanton für den Interessen-
kreis der Nordostbahn und Schweizerischen Zentralbahn gewon-
nen war.
Von dem wilden Interessenkampf auf dem Boden des Kantons •
Zürich gewinnt man ein Bild durch den ,,Dettenbergkrieg", in
welchem sogar mit Kanonen geschossen wurde (wenn auch blind).
Erst zogen die Rorbaser und Glattfelder mit Geschützen auf die
Höhen, als ein Entscheid des Regierungsrates die Nationalbahn-
hnie Winterthur-Wagenbreche-Glattfelden begünstigte; dann aber,
als im August 1873 die Nordostbahn endgültig siegte und die Zu-
fahrtshnie zum Rhein von Winterthur über Pfungen-Dettenberg-
tunnel-Bülach-Eghsau gesichert war, veranstalteten die Bülacher
auf dem Dettenberg eine Kanonade und die EgHsauer zogen mit
ihren Katzenköpfen bis an die Dorfgrenze Glattfeldens. Fritz
Scheuchzer hatte sich in diesem Krieg auf die Seite der Nordost-
bahn geschlagen, da ihre Interessen mit denen der Bezirke Bülach
und Dielsdorf sich deckten. Das führte zu einer jahrelangen Ver-
stimmung zwischen Bülach und Winterthur und bitterbösen
Zeitungsfehden. Seinem Freund Lange schrieb Bleuler-Hausheer
am 28. Januar 1873: ,, Politik. Wüstenei weit herum. Ich mag
kaum davon reden. Scheuchzer hat sich illoyal und bübehg be-
nommen. FreiHch tat die Winterthurer Prahlhanserei das ihrige.
Mein Teil ist wie immer, die Prügel für andere einzukassieren
und zwischen Hammer imd Amboss zu stecken. Nüchtern über-
legt, hätte eine massvolle Haltung des Stadthauses manche Spitze
abstumpfen können. Scheuchzer alHiert sich mit der Nordostbahn.
Wohl bekomms. Ich denke, wenn das Stadthaus Winterthur
62 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
einmal etwas bescheidener wird und werden muss, so kommen
wir andere Leute wieder zu Ehren und wird die poHtische Zer-
klüftimg sicli korrigieren." Noch in manchem andern Privatbrief
Bleulers Idingt ein bitterer Sarkasmus über die Winterthurer
Eisenbahngrössen — namentHch den Stadtschreiber Th. Ziegler —
durch. Als Dr. J. J. Sulzer mit dem Stadtschreiber auseinander-
kam und deshalb zurücktrat, wurde Th. Ziegler (September 1873)
Stadtpräsident, Bleuler Stadtschreiber, und nachdem Ziegler als
Direktor an die Spitze der Nationalbahn getreten war, avancierte
der Stadtzürcher Bleuler, allerdings contre-coeur, am 13. Juni
1875 zum Stadtpräsidenten von Winterthur.
Um die Verwirrung im Kanton Zürich zu vollenden, war
auch Jakob Dubs mit einer grossen Eisenbahnimternehmung auf
den Plan getreten, mit deren Hilfe er Macht und Einfluss zu ge-
winnen und Alfred Escher Schach zu bieten hoffte. Dubs gründete
mit dem Beistand des Basler Bankvereins die schweizerische
Aktiengesellschaft für schmalspurige Lokalbahnen, welche nach
seiner Idee nach und nach vollständig an die Stelle der Strassen
zweiter EUasse treten sollten. Und so sehen wir denn auch ihn,
den klugen und vorsichtigen Staatsmann, auf diesem nicht mehr
ungewöhnlichen Wege mit Eifer und Erfolg bemüht, sein und
anderer Leute Geld loszuwerden. Seinen Schmalspurbahnen zuUebe
setzte Dubs im Kantonsrat eine Interpretation des Eisenbahn-
gesetzes vom 14. April 1872 durch, welche keineswegs in der Ab-
sicht der Gesetzgeber gelegen hatte (in dem Sinne nämhch, dass
die Eisenbahnpapiere jeweilen vom Staate verkauft und abermals
zu Subventionen verwendet werden dürfen). Trotzdem blülite
auch für Dubs kein Weizen ; seine Gesellschaft musste mit schweren
Verlusten hquidieren, nachdem sie einzig und allein die Linie
Herisau-Winkeln zustande gebracht hatte. Dubs Uess sich dann,
Ende 1875, nicht ungern ins Bundesgericht nach Lausanne ver-
setzen. In dem unsinnigen Kampf der Interessen, der zwischen
Nordostbahn, Nationalbahn und Schmalspurbahngesellschaft im
Kanton Zürich ausgefochten wurde, verloren alle miteinander
imd niemand kam auf seine Rechnung als der kleine, schlaue
Fritz Scheuchzer in Bülach.
Unter viel ungünstigeren Bedingungen als zu Beginn der
Unternehmung mussten die Nationalbahn-Interessenten eine neue
o XXVIII. KAPITEI.: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 63
Verbindung mit der Westschweiz herzustellen suchen, die über
Baden und Lenzburg nach Zofingen führen und dann in der Rich-
tung Lyss eine (nie ausgeführte) Fortsetztmg finden sollte. In
aller Hast war mit dem Bau der „Ostsektion" begonnen worden,
deren einzehie Linien Winterthur-Singen, Etzwilen-Konstanz
und Emmishof en-Kreuzlingen am 17. Juli 1875 dem Betrieb
übergeben werden konnten, für deren Ausführung aber bereits
auch die für den Bau der Westsektion bestimmten Gelder hatten
verwendet werden müssen. Von der ,, Westsektion" sind, um
dies hier vorauszunehmen, die Linien Baden-Lenzburg-Zofingen
und Suhr-Aarau am 6. September 1877, die Linie Winterthur-
Ef f r etikon - B assersdorf - Kloten - Seebach - Otelf ingen -Wettingen-
Baden am 15. Oktober 1877 eröffnet worden.
Um den Bau der Westsektion zu ermögHchen, hatten im Jahre
1874 die Städte Winterthur, Baden, Lenzburg und Zofingen zu-
handen der Nationalbahn unter Sohdargarantie ein 9 MilUonen-
Anleihen kontrahiert. Für den Fall, dass die Nationalbahn ihren
Verpfhchtungen nicht sollte nachkommen können, war bestimmt,
dass von diesen Winterthur sieben Achtzehntel, die aargauischen
Städte elf Achtzehntel zu übernehmen hätten. Auf Grimd dieser
Abmachungen wurde die Fusion zwischen Ost- und Westsektion
vollzogen und am 5. April 1875 die Gesellschaft der Schweizerischen
Nationalbahn förmlich konstituiert. AUein das 9 MiUionen-Anleihen
machte trotz der Garantie der vier Städte vollständig Fiasko.
Schon zeigte sich am Horizont das Gespenst des Konkurses.
Im Frühjahr 1876 hätte Winterthur noch Gelegenheit gehabt,
sich mit Schaden aus der Sache zu ziehen und weitere Opfer zu
vermeiden, indem es von der Garantie zurücktrat; noch war die
Westsektion nicht gebaut und kein Rappen von dem garantierten
Obhgationenkapital ausgegeben. Allein die Stadt Winterthur
hielt sich ehrenhalber für verpflichtet, den aargauischen Gemeinden
Treue zu halten. ,,Wie der einzelne, so hat auch die Gemeinde
ein gegebenes Wort einzulösen," sagte an der Gemeindeversamm-
lung vom 23. April 1876 Kommandant Schäppi, und die Gemeinde
beschloss, zur Abwendung des Konkurses der Nationalbahn mit
einer weitern Subvention von 600,000 Fr. zu intervenieren. Da
aber die aargauischen Gemeinden selber, für die doch die West-
sektion in erster Linie gebaut werden sollte, während Winterthur
64 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
mit der Ostsektion vorläufig hatte, was es bedurfte, nicht dieselbe
ausdauernde Opferwilligkeit zeigten, war das Unheil nicht mehr
abzuwenden. Das Anerbieten der Nordostbahn, die Ostsektion
zu übernehmen, war von Winterthur abgelehnt und damit die
Nordostbahn nunmehr zum Kampf auf Leben und Tod heraus-
gefordert worden. Zu spät hatte man in Winterthur auch einge-
sehen, welche fatalen Folgen die sublime Idee, Zürich ,, abzu-
fahren", haben musste, und dann gesucht, wenigstens durch
eine Zweighnie den Anschluss Zürichs an die Nationalbahn zu
gewinnen. Zuerst war dafür ein Projekt Kloten-Zürichbergtunnel—
Tonhalle in Aussicht genommen worden, und als sich dies als
unausführbar erwies, erwarb ein Konsortium von ,, Freunden der
Nationalbahn" am 4. Juli 1876 die Konzession für eine Zweig-
lirüe Seebach-Unterstrass-Hirschengraben, mit der Absicht, wenn
nicht Zürich, so doch den Nordostbahnhof zu umgehen und in
einem neuen Bahnhof im ,,Berg" am Hirschengraben den Freunden
vom rechten Seeufer die Hand zu reichen. Das Privatkapital
verhielt sich jedoch feindselig und ablehnend gegen diese Unter-
nehmung, deren Finanzierung gänzHch misslang, womit nun
wirkHch die Lebensader der Nationalbahn unterbunden war.
Aber auch für die Nordostbahn waren jetzt schlimme Zeiten
angebrochen. Noch unter der Direktion von Alfred Escher hatte
sie, um die Winterthurer Konkurrenz zu bodigen, eine ganze
Menge neuer BauverpfHchtungen übernommen. Die Gesamtlänge
dieser neuen Linien betrug 346 Kilometer gegenüber einem Stamm-
netz von 213 Kilometer, ihre Baukosten waren auf 120 Milhonen
veranschlagt gegenüber 76 Milhonen Anlagekapital der alten
Linie. Alfred Escher war Ende 1871 zur Gotthardbahn überge-
gangen und hatte dieser fortan sein Hauptaugenmerk zuzuwenden
(es sind, nebenbei bemerkt, zu dem schon bestehenden Eisenbahn-
Wirrwarr der siebziger Jahre im Kanton Zürich immer noch die
Aufregungen und Kämpfe für die Gotthardsubventionen hinzu-
zudenken, auf die aber hier nicht eingetreten werden kann). Mit
der Nordostbahn bheb Alfred Escher als Präsident des Verwal-
tungsrates in Verbindung. An seiner Stelle war Dr. Eugen Escher,
bisher Redaktor der , .Neuen Zürcher Zeitung", am i. März 1872
in die Nordostbahndirektion eingetreten und hatte nun hier die
undankbare Aufgabe, mit unzulänglichen Mitteln eine Einlösung
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 65
der eingegangenen Verpflichtungen zu suchen und, als dies un-
möglich war, den Ingrimm der Aktionäre und der enttäuschten
Landesgegenden auszubaden. Den grössten Unwillen in den
Aktionärkreisen erregte es, als pro 1876 nur 3% Dividende aus-
bezahlt wurden, und es verbesserte die Stimmung nicht, als be-
kannt wurde, dass das thurgauische Mitglied der Direktion, unter
Benutzung seiner frühern Kenntnis der Sachlage, gleich nach der
betreffenden Sitzung durch ein Billett der Kantonalbank den Auf-
trag zu einem Aktienverkauf ä decouvert, d. h. auf blosse Diffe-
renz hin, erteilt und mit dieser Spekulation ä la baisse 12,000 Fr.
eingesteckt hatte. Die Nordostbahn geriet in die schlimmste
Situation; lehrreichen Aufschluss über ihre ganze Finanzmisere
gibt namentlich Eugen Eschers ,, Lebenslauf in ruhigen und be-
wegten Zeiten". Als Salomon Bleuler gestorben war, las man im
Nekrolog der ,, Neuen Zürcher Zeitung" folgende Worte: ,, . . .Eben-
so wird man hüben und drüben mit Erstaunen hören, dass ihm
die Nordostbahn ihre Rettung vor dem Konkurs verdankt. i\.ls
diese in einem Augenblick höchster Bedrängnis den Stadtrat
Winterthur ersuchte, ihr die benötigte Summe vorzustrecken,
beschloss derselbe mit Stichentscheid Bleulers, ihr zu willfahren."
Ein Bundesbeschluss vom 14. Februar 1878 erstreckte sodann
für die Nordostbahn die VerpfHchtung zum Baubeginn für eine
Anzahl Linien (die sog. Moratoriumslinien Thalwil-Zug, Etzwilen-
Schaffhausen, Bülach-Schaffhausen, Rechtsufrige Zürichseebahn,
Dielsdorf-Niederweningen) um acht Jahre und ermöglichte der
Gesellschaft damit das allmähliche Wiedererstarken.
Die Eisenbahnkalamitäten führten einen poHtischen Um-
schwung herbei und stellten nach und nach das Gleichgewicht
zwischen den beiden grossen Parteien her. Eine entscheidende
Wendung trat ein bei zwei Ersatzwahlen in den Regierungsrat
am 15. April 1877. Das eine der zurückgetretenen MitgHeder war
Gottlieb Ziegler, der als Kollege seines Schwagers Bleuler in die
Redaktion des Winterthurer ,, Landboten" eintrat. Bei der Er-
satzwahl unterlagen die demokratischen Kandidaten Zangger
und Scheuchzer gegen die Liberalen Zollinger und Hafter, und als
Ziegler, der auch das Nationalratsmandat niedergelegt hatte,
sich von seinen Freunden überreden Hess, wenigstens diese Stelle
zu behalten und sich für die Ersatzwahl in den Nationalrat wieder
66 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
portieren zu lassen, zog ihm die Wählerschaft den Liberalen Boss-
hard vor. Am 22. Januar 1878 starb Regierungsrat Sieber. Die
Gesamtemeuerungswahlen für Regierungsrat und Kantonsrat
am 19. Mai 1878 hatten das Resultat, dass für den Regierungsrat
die Demokraten, für den Kantonsrat die Liberalen siegten; es
wurden 11 1 liberale und "]"] demokratische Kantonsräte gewählt;
Zangger, Karl Bürkh, der Riesbacher Ring und einige Winter-
thurer Demokraten waren beseitigt, von der eigentlichen sozia-
listischen Richtung nicht ein einziger gewählt. Bei den Regierungs-
ratswahlen entspann sich der Hauptkampf zwischen Dr. Stössel
und dem von den Liberalen portierten Bundesrichter Dubs, der
jedoch für den zweiten Wahlgang seine Kandidatur zurückzog.
Die Wahlen für die Bundesversammlung im Oktober 1878 ergaben
7 liberale und 7 demokratische Vertreter des Kantons Zürich.
Mit dem liberalen Vormarsch im Kanton Zürich ging ein solcher
in der Eidgenossenschaft parallel : den Präsidentenstuhl des Natio-
nalrates bestieg der liberale Stadtpräsident Dr. Melchior Römer
von Zürich; der radikale Bundesrat Schenk wurde mit nur einer
Stimme über dem absoluten Mehr bestätigt.
Auch in Winterthur war ein gründlicher Stimmungsumschlag
eingetreten, obwohl dort die Nationalbahn durchaus nicht nur
demokratische Parteisache, sondern mehr noch Gemeindeange-
legenheit gewesen war. Hatte doch Bleuler am 12. September 1871
an den damals in London weilenden Reinhold Rüegg geschrieben:
,,Wir leben überhaupt hier in patriarchalischem Frieden, die
Büliler, Ziegler, Bleuler, Keller-Blum etc. einträchtig an einem
Tisch. Das Tösstalbähnh ist gesichert, Winterthur-Waldshut
olme Zweifel dito, die Seebahnen dito, ein wahres Eisenbahnen-
Paradies." An Lange schrieb er am 6. April 1873: ,,Zur National-
bahnfrage: Man konnte am Vorabend der Obhgationengemeinde
ganz gemütlich mit allen Leuten reden, und was mich am meisten
frappierte : die runde Erklärung von wohlliabenden Burgern : wenn
die Milhonäre sich widersetzen, dann stimmen wir zum voraus
mit dem Stadtrat." Ganz anders nun ein (allerdings gegnerischer)
Zeitungsbericht über die Gemeindeversammlung vom Dezember
1877, an welcher eine ,, allerletzte" Subvention von 200,000 Fr.
an das Projekt Seebach-Zürich bewilligt wurde: ,, Während sonst
die demokratische Mehrheit alles niederschrie, was gegen solche
o XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 67
Subventionen sprach, wurde jetzt der aus der Gemeinde gestellte
Antrag auf Nichteintreten und Einsetzung einer Untersuchungs-
kommission nicht durch Schimpfen, Scharren und Stampfen be-
kämpft. Man liess es vielmehr geschehen, dass in offener Ge-
meinde gesagt wurde, die Stimmberechtigten seien hintergangen
und belogen worden. I,ug und Trug habe die Nationalbahn ge-
boren, in Lug und Trug endige sie nun." Bei den Stadtrats-
wahlen vom 7. April 1878 siegte die liberale Opposition; Stadt-
präsident wurde J. J. Spiller, der nachmalige Regierungsrat.
Und die Erklärung hiefür ? Der Konkurs der Nationalbahn.
Am 18. Februar 1878 hatte das Bundesgericht ihre ZwangsHqui-
dation verfügt. vSie konnte den per i. Mai 1878 fälligen Coupon
des 9 Millionen-Anleihens nicht einlösen, und es sollte daher die
Garantie der vier Städte in Wirksamkeit treten. Winterthur
machte auch sofort seine Quote bereit, aber die aargauischen
Städte weigerten sich, das gleiche zu tun. Die Inhaber der Obli-
gationen hielten sich — die Solidargarantie berechtigte sie hiezu
— an Winterthur, und mit Hilfe eines dort am 12. Dezember 1878
von gemeinnützigen und opferbereiten Männern, vorwiegend
Demokraten, gegründeten Kreditvereins war es möglich, den Cou-
pon einzulösen. Aber Winterthur musste auch noch 1879 und 1880
für die aargauischen Städte einspringen und überdies dieTösstal-
bahn über Wasser halten, die ohne das Geschick ihres Anwaltes
Ludwig Forrer (der seit i. Juli 1873 als Anwalt in Winterthur
praktizierte) ebenfalls dem Konkurs verfallen wäre. Die National-
bahn kam im März 1880 zur öffentlichen Versteigerung. Sie fiel
der Nordostbahn anheim, welche die Ostsektion als Ganzes weiter
betrieb, die Westsektion aber in Stücke zerschlug und als Lokal-
bahnlinien teilweise selber betrieb, teilweise sie der Zentralbahn
überliess. Alle an dem Unternehmen zum Teil mit sehr grossen
Summen beteiligten Gemeinden von Kreuzungen bis Zofingen
erUtten schwere Verluste. Ungefähr 30 Millionen an Aktien und
ObHgationen, von denen sich der weitaus grösste Teil in den Händen
der Gemeinden befand, gingen verloren. Winterthur kämpfte
heldenmütig, um seinen Schild blank zu erhalten und allen seinen
Verpflichtungen nachzukommen. Hatte man Fehler gemacht,
so trug man nun auch tapfer die Folgen, und es waren diejenigen,
die in erster Linie für das Unternehmen verantwortlich gemacht
68 XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
wurdcD, die Führer der demokratischen Partei in Winterthur,
nun auch die ersten, welche mit Hab und Gut für die Stadt ein-
standen. Die Haltung Winterthurs in den Tagen der Not und
Drangsal verdient höchste Achtung und Bewunderung, die Akten
des Kreditvereins bilden ein Ruhmesblatt seiner Geschichte.
Aber die Leiden der Stadt Winterthur waren damit, dass
sie ihren Anteil an den Schuldverpflichtungen des 9 Mllionen-
Anleihens in ihre Hand brachte und am 4. Juni 1881 feierHch
verbrennen lassen konnte, noch nicht zu Ende. Noch dauerte die
unlieilvolle Solidargarantie für die aargauischen Städte, und es
gab Gläubiger, welche sie rücksichtslos geltend m.achten. Winter-
tliur wurde hart bedrängt und bis zur Pfändung von Gemeinde-
gut und Konkursansage getrieben. Als sogar Anstalten getroffen
wurden, die gepfändeten Objekte nach Zürich überzuführen und
hier versteigern zu lassen, weil an eine Versilberung in Winterthur
nicht zu denken war, fand am 2. Oktober 1883 in Winterthur eine
gewaltige Protestversammlung statt, die \"on Advokat Forrer
mit Mühe zur Ruhe und Besonnenheit gebracht wurde. Der
Regienmgsrat hatte bereits die Inter^^ention des Bundes ange-
rufen. Am 13. Dezember 1883 kam die Vorlage, welche den Kan-
tonen Zürich und Aargau ein Darlehen von 2,400,000 Fr. für die
Garantiestädte zusicherte, im Nationalrat zur Behandlung, und
da hielt nun Ludwig Forrer eine so gewaltige Rede, dass sich
ihrem Eindruck niemand entziehen konnte, die aargauischen Ver-
treter aber errötend zugehört haben werden. Der Bundesbeschluss
datiert vom 20. Dezember 1883. Von dem Anleihen hatte Winter-
thur ein Drittel zu übernehmen, was ihm dadurch ermöglicht
wurde, dass der Kantonsrat ihm am 19. Februar 1884, nach einer
warm befürwortenden Rede von Oberst Meister, ein Anleihen
von I MiUion zusicherte.
Der demokratischen Partei war im Jahre 1879 eine tüchtige
neue Kraft gewonnen worden in der Person von Theodor Curti,
der mit Reinhold Rüegg Ende März die , .Züricher Post" gründete.
Curti, geboren am 24. Dezember 1848 zu Rapperswil, war seit
1873 Redaktor an der ,, Frankfurter Zeitung". In Zürich griff er
sofort energisch in die Tagespohtik ein und unterstützte lebhaft
die von Dr. Joos in Schaff hausen eingeleitete Bewegung für das
Banknotenmonopol. In einer in Neumünster gehaltenen Rede
o XXVIII. KAPITEL: DIE) HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN 69
fügte Curti dieser Initiative noch die Forderung nach einer Staats-
bank und nach der Volksinitiative für Partialrevisionen der Ver-
fassung bei. Von dem Missbehagen, das sein Auftreten bei der
herrschenden radikalen Partei der Schweiz erregte, zeugt Simon
Kaisers Schrift gegen den ,, Tribun von Neumünster" und den
,,Banknotenspektaker'. Die hberale Partei hielt am 17. Oktober
1880 unter der L<eitung von Oberst Meister im Sihlhölzli eine Ver-
sammlung gegen die Verfassungsrevision ab. Stadtpräsident
Dr. Römer referierte und eine Resolution von Alfred Escher
empfahl dem Volk die Verwerfung des Banknotenmonopols. Es
wurde in der Volksabstimmung vom 31. Oktober 1880 mit grossem
Mehr abgelehnt. In diesem Jahr feierte man auch das 50jährige
Jubiläum des Tages von Uster: die Liberalen in der Tonhalle in
Zürich, die Demokraten in Uster mit Zug in die Kirche.
Der Regierungsrat hatte am 18. Mai 1879 durch die Wahl
von Eschmann und Stadtpräsident Spiller von Winterthur —
gegen die demokratischen Kandidaten Stüssi und Knüsli — eine
starke liberale Mehrheit erhalten. Hertenstein, der am 21. März
1879 an Stelle Scherers (f 23. Dezember 1878) zum Bundesrat
gewählt worden war, wurde im Ständerat ersetzt durch Walter
Hauser von Wädenswil. Am 13. Januar 1879 starb in Lausanne
Jakob Dubs, der ,, grosse Sohn des Amtes" (Affoltern); sein Denk-
mal auf dem Ütliberg wurde am 20. September 1880 enthüllt.
Salomon Bleuler in Winterthur hatte in seiner politischen Tätig-
keit noch viele Bitternisse auszukosten. Auch die Grütlianer,
deren Vertrauensmann und Führer er lange Jahre gewesen, fielen
von ihm ab, als er in der Frage des Getreidemonopols nicht mit
ihnen gehen konnte. Er gab daher am 28. April 1879 sein Kan-
tonsratsmandat den Wählern in Töss zurück, die an seiner Stelle
Pfarrer Albert Locher in WülfUngen, später Redaktor des , .Land-
boten" und Regierungsrat, in den Kantonsrat sandten. Das
Bitterste traf Bleuler im Jahre 1884. Nachdem er das Menschen-
mögliche getan, um die Verständigung über das Millionenanleihen
des Kantonsrates herbeizuführen, nachdem er persönlich Opfer
über Opfer gebracht und hundertmal, ohne mit der Wimper zu
zucken, Tadel und Vorwürfe eingesteckt hatte, die ganz andere
verdienten, erhielt er durch die ,,Neue Zürcher Zeitung" die bru-
tale Aufforderung, sein Mandat als Nationalrat niederzulegen,
yo XXVIII. KAPITEL: DIE HERRSCHAFT DER DEMOKRATEN o
und man Hess durchblicken, dass nur, wenn der ,, Hauptschuldige"
mit Niederlegung seiner Stelle als Nationalrat eine ,, etwelche
Süluie" biete, die Hilfe für Winterthur mögHch sein werde. Bleuler
war auf der Stelle bereit, der Sommation nachzukommen. Er
erklärte im , .Landboten" am 25. Januar 1884: ,,Mit Bezug auf
das öffentlich gestellte Begehren, ich möchte meine Demission
nehmen, erkläre ich unumwunden, dass ich ein solches Kampf-
mittel, einen politischen Gegner niederzustrecken, für illoyal halte,
allein die Wohlfahrt von Winterthur ist mir zu teuer und der
Wunsch nach einer endlichen und guten Lösung der Garantie-
schuldfrage zu sehr Herzenssache, als dass ich zögern könnte, das zu
tun, was nach Ansicht meiner Gegner zum Frieden und zur Lösung
beitragen kann." Salomon Bleuler-Hausheer starb am 12. Februar
1886. Seit dem Tode seiner Gattin (9. September 1885) war er
ein gebrochener Mann. Noch am 26. November 1885 hatte er
seinem Freunde Stephan Born in Basel geschrieben: ,,Das Leben
hat für mich keine Freude und die Pohtik kein Interesse mehr;
ich sehe nur noch den Schein und die Heuchelei und den Inter-
essenmarkt, der darin steckt." Der kranke, müde Mann täuschte
sich; was er in trüben Sinnen niederschrieb, war nicht die Bilanz
seines Lebens und nicht das Fazit der Politik. Er selbst vermochte
das Bleibende und Grosse nicht mehr zu sehen, an dem er redlich
mitgeholfen, aber die andern sahen es und anerkennen es dankbar
noch heute. Und die Politik ist nicht nur Schein und Heuchelei
und Interessenmarkt. Gewiss ist von dem allem ein gut Stück
darin, weil Menschen die Politik machen; aber es überwiegt auch
in der Politik das Edle, Grosse und Ideale, so wahr als in den
Menschen mehr des Guten als des Bösen und Gemeinen ist, —
sonst wäre die Welt schon längst zugrunde gegangen.
►♦♦♦♦»♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦ ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦
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NEUNUNDZWANZIGSTES KAPITEL
DIE ARBEITERBEWEGUNG
Wenn hier die Arbeiterbewegung unter der Ägide der Demo-
kraten erscheint, so hat das nicht den Sinn, dass sie erst aus
der demokratischen Bewegung herausgewachsen sei. Sie ist altern
Datums. Wohl aber waren zur Revisionszeit und noch bei manchen
spätem Gelegenheiten Demokraten und Arbeiter eng verbündete
Waffengefährten und haben einander viel zu verdanken. Es konnte
sogar eine Zeitlang scheinen, dass die demokratische Partei die
Arbeiterbewegung vollständig in sich aufnehmen werde und auch
zugleich eine ,, Arbeiterpartei" sein wolle. Das wenigstens be-
hauptete die liberale und konservative Presse, die für Ludwig
Forrer, Reinhold Rüegg, Bleuler-Hausheer und andere Demo-
kratenführer mit Vorliebe das Stigma ,, Sozialisten" gebrauchte.
Allerdings bekannten sich auch mehrere dieser Demokratenführer
selber als ,, Sozialisten", womit sie aber mehr nur eine prinzipielle
Zustimmung zu den sozialen Forderungen der Arbeiter ausdrücken
wollten. Sie waren auch der aufrichtigen Meinung, dass die Ar-
beiterinteressen in ihrer Obhut wohl aufgehoben seien und Mass
und Tempo der Arbeiterbewegung am besten von ihnen bestimmt
werde. Ohne so weit zu gehen wie Traugott Koller, der (in der
Biographie Grunholzers, pag. 751) schreibt: ,, Nichts ist ungerecht-
fertigter, unsittlicher und verwerflicher, als in einer Republik eine
besondere Arbeiterpartei zu gründen", empfanden doch auch sie
es als unangebracht, ja als schwarzen Undank, als die Arbeiter
sich mit dem Sozialismus des demokratischen Programms nicht
mehr begnügen wollten und auf die Bildung einer eigenen Partei
hinarbeiteten.
Die Arbeiterbewegung ist im Kanton Zürich zuerst in der Ge-
stalt des Kommunismus aufgetreten. Die einfachste Auslegung
des Kommunismus gaben damals die Gassenbuben, welche in
Scharen dem ,, berüchtigten" Agitator Johann Jakob Treichler
nachliefen und im Takt riefen: ,,Dä wott teile! Da wott teile!"
72 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
Es ist schon in unserm ersten Band (pag. 3i4ff.) von Weitling,
Treichler und Karl Bürkli, den ersten Verkündigern des Kommu-
nismus und Sozialismus in unserer Stadt, die Rede gewesen. Noch
nicht so klar wie heute wurde zu jener Zeit der Sozialismus, der
die Verstaatlichimg des Bodens und der Produktionsmittel, sowie
die gemeinsame Produktionsweise anstrebt, definiert imd unter-
schieden vom Kommunismus, welcher darüber hinaus auch das
Privateigentum an den Gebrauchsgegenständen abschaffen will.
Sicher ist aber, dass der Kommunismus in seinen zürcherischen
Verkündigern eine im ganzen sehr massvolle Vertretung gefunden
hat und dass namentlich die sinnlose Teilerei, welche Treichler
zugeschrieben wurde, nur auf Missverständnis tmd Unterschiebung
beruhte. Aber auch von der Sozialdemokratie, die man als ,, an-
gewandten Soziahsmus" bezeichnet hat, lässt sich sagen, dass ihr
der utopistisch-revolutionäre Charakter ihres deutschen Vorbildes
fast gänzlich fehlte, was hauptsächhch davon herrührt, dass die
bessere Hälfte des Programms der Sozial-Demokratie, nämlich
die Demokratie, bei uns zu Recht besteht und die Arbeiter sich
im Besitz der pohtischen Rechte befinden. Bei all ihrer Harm-
losigkeit flössten aber die zürcherischen Kommunisten ihren Mit-
bürgern doch nicht geringen Schrecken ein, und der Staat glaubte
sich gegen ihre Umtriebe durch gesetzgeberische Massnahmen
schützen zu müssen; er erHess das Koalitionsgesetz betreffend die
Handwerksburschen vom Jahre 1844 und das ganz speziell auf
Treichler gemünzte sogenannte ,,Maulkrattengesetz" vom 26. März
1846. Bei Wiederaufnahme seiner politischen Tätigkeit im Kanton
Zürich drängte Treichler nun besonders auf die Selbsthilfe der
Arbeiter. Als im Jahr 1851 im Grütliverein Karl Bürkli die Er-
richtung von staatlichen Lebensmittelhallen empfahl, durch welche
der Zwischenhandel ausgeschaltet werden sollte, wies Treichler
darauf hin, dass die Arbeiterschaft jedenfalls noch lange warten
könne, bis die Zürcher Regierung sich zu solchen Massnahmen
entschhessen werde; übrigens brauchten die Arbeiter dazu die
Regierung gar nicht, sondern könnten sich selber zusammen-
schliessen, einen Verein bilden, durch diesen gemeinsame Einkäufe
machen und einen Laden für den Verkauf einrichten. Das schlug
ein, und mit einem Kapital von 75 Fr. wurde unverzüglich ein
solcher Verein gegründet, dem man den vom Publikum viel be-
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 73
lachten und bewitzelten Namen „Konsum- Verein" gab. Mit
Zigarren wurde der Anfang gemacht, und da man im Konsumverein
für das gleiche Geld 5 bis 7 statt nur 3 bis 4 Zigarren bekam, be-
griffen die Arbeiter schnell den Vorteil, und in kurzer Frist konnte
man schon zum Hemdentuch übergehen. Der Konsumverein
nahm einen fabelhaften Aufschwung. Im dritten Jahr seines Be-
stehens hatte er schon einen Umsatz von 600,000 Fr. und ent-
wickelte sich unter dem umsichtigen Präsidiimi Treichlers zur
ersten bedeutenden Konsumgenossenschaft auf dem Kontinent.
Am 21. und 22. Juli 1851 feierten die Grütlivereine ihr Zentral-
fest in Zürich. Die ,, Freitagszeitung" berichtete darüber: ,,Wer
das stolze Selbstbewusstsein an diesen Leuten, meist blutjungen
Handwerkern, zu beobachten Gelegenheit hatte, musste sich
sagen, dass hier ein Keim in der Entwicklung liege, der, je nach-
dem diese Entwicklung geleitet wird, schöne oder schlimme Früchte
tragen muss . . . Das alte Schützenhaus wurde von den Fest-
feiernden mit farbigen Gläsern illuminiert ; die roten Gläser walte-
ten vor." Der Grütliverein ist 1838 in Genf entstanden, imd die
Sektion Zürich wurde zehn Jahre später gegründet. Von Kom-
munismus wollte der Grütliverein nichts wissen ; um so mehr lag
ihm das Bildungsbedürfnis seiner Mitglieder am Herzen. In
politischer Hinsicht beabsichtigte er, ,,in Wort und Tat die frei-
sinnigen Bestrebungen des Vaterlandes zu unterstützen". Er
galt lange Zeit als die Avantgarde der radikalen Partei und zählte
in seinen Reihen nicht nur Arbeiter, sondern auch eine grosse Zahl
von Kleinmeistem. Im Kanton Zürich bildeten die Grütlivereine
das Bindeglied zwischen Demokraten und Arbeitern. Karl Bürkli
war nach seiner Heimkehr aus Paris im Jahre 1848 un verweilt
in den Grütliverein eingetreten. Im Grossen Rat kämpfte er an
der Seite Treichlers mit Begeisterung für die sozialen und demo-
kratischen Postulate, aber die Zeit war dafür nicht günstig. Als
auf die Maiwahlen 1854 hüi Dubs im ,, Landboten" die verschiede-
nen Programme Treichlers kritisch sezierte und mit Benutzung
ihrer schwachen Seiten journalistisch geschickt widerlegte, galt
der Sozialismus weit herum als abgetan. Die Grossratswahlen
standen ganz im Zeichen dieser Polemik und brachten der Re-
gierungspartei einen glänzenden Sieg. Dubs ward als ein wahrer
Ritter Georg gefeiert und bestieg zur Belohnung für seine Leistung
74
XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG
den Regierungsratssessel. Er liess sich nicht träumen, dass schon
zwei Jahre darauf der so gründUch „erledigte" Treichler ihm
auf demselben Wege nachfolgen werde.
Die Annahme des ihm von Alfred Escher angebotenen Re-
gienmgsratsstulils gab dem Leben Treichlers die tragische Wen-
dmig und war für die Arbeiterbe wegimg ein Verhängnis. Treichler
schien vom Schicksal dazu ausersehen, der geistesmächtige Führer
einer Arbeiterbewegung von bodenständigem schweizerischem
Charakter zu werden und sich in der Geschichte der Demokratie
und des Sozialismus einen grossen Namen zu erwerben. Durch
seine Wahl zum Regierungsrat wurde er aus der verheissimgsvoll
begonnenen Laufbahn hinausgeworfen imd geriet in eine falsche
Stellmig. Wäre die Arbeiterpartei nach ihrer Stärke zum An-
spruch auf einen Sitz im Regierungsrat berechtigt gewesen, dann
hätte diese Wahl nichts Bedenkliches gehabt, sondern der Ge-
rechtigkeitsHebe der liberalen Grossratsmehrheit nur zur Ehre ge-
reicht. Aber sie war nur ein poHtischer Schachzug oder eine Laune
Alfred Eschers, aus dessen Hand Treichler sein Mandat gewisser-
massen als Geschenk erhielt, und wenn auch einige Genossen ihm
zur Annahme rieten, so stand eben doch keine Partei hinter ihm,
und es dauerte denn auch nicht zwei Jahre, so wurde er von
früliem Freunden als Renegat und Apostat verketzert. Treichler
verdiente diese Bezeichniuig nicht. Er hatte mit seiner Wahl
keinen Glaubenswechsel vollzogen und keine Grundsätze abge-
schworen, vielmehr bei ihrer Annahme im Grossen Rat erklärt:
„Ich werde nach wie vor meiner Überzeugung imd meinen Grund-
sätzen treu bleiben und ich sehe namentlich in der mir zuteil ge-
wordenen Ehre eine Aufforderung hiezu." Und man kann auch
tatsächlich nicht sagen, dass er an verantwortlicher Stelle seinen
frühem Grundsätzen zuwider gehandelt hätte, nur war er als libe-
raler Regierungsrat auch nicht mehr in der Lage, für die Ideale
seiner Jugend nachhaltig zu wirken. So blieb die Kluft zwischen
ihm und seinen frühern Kampfgenossen unüberbrückbar. Karl
Bürkü, mit dem er sich auch im Konsumverein überwarf und
sogar vor den Gerichten herumstreiten musste, hegte gegen Treichler
einen lebenslängHchen tiefen Groll und war auch der einzige von
seinen Bekannten, der ihn nie mehr grüsste. Treichler litt unter
dieser Unversöhnlichkeit ; von weicherem Gemüt, als es die scharf
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG . 75
geschnittenen Züge seines Charakterkopfes vermuten Hessen, hatte
er das Bedürfnis, verstanden zu werden. Die Revisionsbewegung
machte seiner poHtischen Wirksamkeit ein Ende. Als nmi die
Demokraten und Arbeiter stark genug gewesen wären, um ihn
aus eigener Kraft zu wählen, übergingen sie ihn. Von seinem
47. Jahre an lag der Schwerpunkt seiner Arbeit auf dem Gebiete
akademischer Lehrt ätigkeit. ,, Nachdem er einige Jahre als Mit-
glied des Obergerichts amtiert hatte, wurde er 1872 zum Pro-
fessor der Rechtswissenschaften an der Zürcher Universität er-
nannt, die ihm schon 1866 für seine Verdienste um die kantonale
Gesetzgebung den Doctor juris honoris causa verliehen hatte.
Seinen akademischen Pflichten widmete sich Treichler mit grossem
Eifer, aber seine bedeutendsten Talente, seine hohen organisatori-
schen Fähigkeiten, sowie seine bei Behandlung grosser politischer
Fragen hinreissende Beredsamkeit vermochte er doch in der Enge
des Hörsaales nicht zu betätigen; ein gefangener Adler, der resig-
niert auf den Gebrauch seiner Schwingen verzichtet, auf denen
er sich in stolzem Fluge zur Sonne hätte erheben können, ein Mann,
den die Kleinheit und Rückständigkeit der Verhältnisse imd der
Zeit, in denen er lebte, sein Bestes zu geben hinderte." (Dr. Hans
Müller.) — Treichler starb am 7. September 1906. —
Als im Jahre 1854 Dubs den Sozialismus im Kanton Zürich
besiegt hatte und an eine gedeüiliche Arbeiterpolitik hier vor-
läufig nicht zu denken war, warf sich Karl Bürkli mit der ihm
eigenen Zähigkeit auf ein Auswanderungsprojekt, das ihm imd
seinen Anhängern imter einem, günstigeren Himmelsstrich eine
Verwirklichung seiner sozialistischen Träume bringen sollte. Von
dem mit ihm befreundeten französischen Sozialisten Victor Con-
siderant war der Plan ausgegangen, in Hoch-Texas eine sozia-
listische Kolonie zu gründen, deren Mitglieder in Phalansterien
nach Fourierscher Idee zusammenwohnen und ein glückliches,
sorgenfreies Dasein führen sollten. Karl Bürkli warb in Zürich
Anhänger für diesen Plan und hielt Propagandaversammlungen
im alten Schützenhaus, wo prächtige Stahlstiche an der Wand
die lycute für den sozialistischen Himmel auf Erden begeisterten;
sie stellten solche Phalansterien dar, grosse palastähnliche Ge-
bäude mit gemeinsamen Haushaltvmgsanstalten, Vergnügimgs-
räumen. Schulen usw., welche für je eine Assoziation oder Phalanx
76 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
bestimmt waren. Bürkli und Lehrer Kaspar Bär übersetzten und
verbreiteten auch die lockende Propagandabroschüre Considerants.
Am Soimtag den 25. März 1855 reiste die erste Kolonne der zürche-
rischen Phalansterianer vom Paradeplatz in Zürich nach Texas
ab. Eine grosse Menge Zuschauer hatte sich eingefunden und viele
gaben den Auswanderern das Geleite bis Baden, wo noch ein
zweites Abschiedsmahl stattfand. Karl Bürkli, ausgerüstet mit
einer ilini vom Konsumverein zum Abschied geschenkten schönen
Jagdflinte, war bereits im Januar über Brüssel, wo ein Kongress
der Fourieristen stattfand, vorausgereist. Leider gingen die
schlimmen Prophezeiungen, mit denen die ,, Freitagszeitung" das
Unternehmen begrüsst hatte, nur zu bald in Erfüllung. Die Kolo-
nisten gerieten in das tiefste Elend und m-anche erlagen dem Klima.
Schon Ende 1855 befand sich die Kolonie in völliger Auflösung.
Der letzte der zürcherischen Phalansterianer, Erwin Bär, lebt
heute noch im National Military Home in Kansas. Bürkli wurde
dann zur Teilnahme an dem Freischarenzug eines gewissen Walker
nach den mittelamerikanischen Staaten gepresst, wobei es ihm
leicht hätte schlimm ergehen können ; Walker büsste das Unterneh-
men mit dem Tode. Nach vielen Gefahren und Abenteuern, doch
guten Mutes, traf Bürkli im Somm-cr 1858 wieder in Zürich ein.
Bei Karl BürkH, den man auch schon ,,den Vater der schweize-
rischen . Sozialdemokratie" genannt hat, war die kritische Ader
besonders stark ausgebildet, und als Kritiker betätigte er sich
denn auch auf den verschiedensten Gebieten. Er brachte eine Be-
wegung in Fluss für die Abschaffung der schweren, imbequemen
!Mihtäruniform und ihre Ersetzung durch ein gefälliges bürger-
liches Wehrkleid. ,,Dem Repräsentativsystem rückte er auf den
Leib und verkündete das Evangeüum der Volksrechte. Den Ban-
ken fhckte er am Zeug und redete der Verstaatlichimg des Kredit-
wesens das Wort. Den Ingenieuren wies er nach, dass ihr Tun
ein halbbatziges sei; die Architekten kanzelte er ab und sagte
ihnen, es sei nichts mit üiren Baus^'stemen." (,, Freie Jugend".)
Über das Wasserbauwesen machte Bürkli viele Studien und ver-
öffenthchte Vorschläge für die Sihlablenkung, die noch bis Ende
derXeunzigerjahre den Grossen Stadtrat beschäftigten. Dasgrösste
Aufsehen aber erregte er als historischer Kritiker, welcher ,, Unsere
fingierten Helden" TeU, Winkelried, Rudolf von Erlach rück-
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG jj
sichtslos ins Fabelreich verwies und die Schlachten von Morgarten
und Sempach in ganz neuer Beleuchtung darstellte. Diese histo-
rischen Schriften verrieten so viele gründliche Sachkenntnisse,
dass Vetter Fritz Bürkli an der Schipfe an die Autorschaft Karl
Bürklis gar nicht glauben wollte und ein freches Plagiat vermutete.
Aber er irrte sich; Karl Bürkli war wirklich der Verfasser, und er
hatte die Genugtuung, dass ein Historiker wie Delbrück seine
Schrift ,,Der wahre Winkelried" einen Beitrag ersten Ranges zur
Kriegsgeschichte nannte, und das zugerische Komitee für das
Morgartendenkmal ihn einlud, seine Forschungen in einer offi-
ziellen Publikation wiederzugeben. Als Vorkämpfer für die Ver-
hältniswahl machte er mit seiner ,, Proporz-Perle", dem eigen-
sinnig festgehaltenen einzigen Wahlkreis für den ganzen Kanton,
den Gegnern der Verhältniswahl ebenso viel Vergnügen wüe ihren
Freunden Verdruss. Am höchsten anzurechnen ist ihm sein un-
entwegtes und konsequentes Eintreten für die Volksrechte. ,,In
der wahren oder Volksrepubhk," schrieb er, ,,befasst sich das
Volk nicht nur mit den Personen — Ratswahlen — , sondern auch
und vor allem mit den Sachen — Gesetzen. Der gewalttätige
Sozialismus und Kommunismus wird durch diese Einrichtung in
sein Nichts geschleudert, seine Zähne und Klauen sind ihm ge-
nommen." In seinem Auftreten oft von einer etwas gesuchten
Derbheit — , er sprach im Kantonsrat nur Dialekt, und oft was für
einen! — bewahrte er doch seinem väterlichen Hause eine schöne
Pietät und erinnerte sich nicht ungern seiner ruhmreichen Vor-
fahren, der Inhaber eines Reichsritter- und Freiherrendiplomes,
,, deren Ahnen auf den Schlachtfeldern von Marignano und Kappel
sich ihres angesehenen Geschlechtes würdig erwiesen".
In den Zürcher Blättern vom Jahre 1857 lesen wir zum ersten-
mal etwas von Umzügen streikender Schuster, und in den spä-
tem Jahren tritt diese Form der wirtschaftlichen Kämpfe immer
häufiger auf. Das Jahr 1872 sah einen grossen und siegreichen
Streik der Schreinergesellen. Ein Gesuch der Meister an die Re-
gierung um Einschreiten war abgewiesen worden mit der Begrün-
dung, dass die Streiker bis jetzt nur von ihrem Rechte Gebrauch
gemacht hätten und nur dann gegen sie eingeschritten werden
könne, wenn sie sich Ungesetzlichkeiten und Gewalttaten zu-
schulden kommen Hessen. Diese Erfahrungen gaben den Gewerbe-
78 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
treibenden des Bezirkes Zürich Veranlassung, eine Unterstützungs-
kasse der Gewerbetreibenden und Arbeitgeber zu gründen, mit
welcher jeweilen den von einem Streik betroffenen Gewerben Hilfe
gebracht werden sollte. Weniger Glück als die Schreiner hatten
im Herbst des gleichen Jahres die streikenden Schmiede und
Wagner, die sich mancherlei Ausschreitungen erlaubten. Nach
acht Wochen endete der Streik mit einer Niederlage der Arbeiter,
die auf die ,,Landtölper' schimpften, welche sich als ,, Streik-
brecher" hatten gebrauchen lassen. Einige der Skandalmacher
waren am 9. September verhaftet imd vor den Polizeipräsidenten
Dr. Römer geführt worden, der sie jedoch mit einer ernsten Er-
mahnung wieder entliess. Im Schützenhaus fanden stürmische
Protest^^ersammlungen gegen die Polizei statt. Auch das Jahr
1873 brachte verschiedene Arbeitseinstellungen; ihre Ursache war
bei den Bauarbeitern die Abschaffung des ,,Znüni imd Zabig",
wofür die Meister fortan 50 Rappen Entschädigung pro Tag be-
zahlten. Im Jahr 1878 kam ein Spenglerstreik usw. Infolge eines
Demonstrationszuges deutscher und italienischer Arbeiter am
II. August erhess die Stadtpolizei im ,, Tagblatt" vom 16. August
1878 ein Verbot von Umzügen mit der roten Fahne für das lau-
fende Jahr.
Einen bösartigen Verlauf nahm der Schlosserstreik vom Jahre
1886. Bald nach seinem Ausbruch hatte der Stadtrat ein Verbot
des Streikpostenstehens erlassen, das von einer Protestversamm-
lung im alten Schützenhaus als ein Gewaltakt und eine arbeiter-
feindliche Einmischung bezeichnet wurde. Da sich diese Mass-
regel als unwirksam erwies, verbot der kantonale Justizdirektor
Spiller das Belagern der Werkstätten und Begleiten nichtstreiken-
der Arbeiter unter Androhung strafrechtlicher Ahndung. Eine von
Conzett geleitete grosse Versammlung im Schützenhaus am 12. Juni
verpfHchtete sich darauf, alles zu tun, ,,um den schmähüchen,
das Proletariat des ganzen Kantons knechtenden Erlass aufzu-
heben und die Genossen, welche verhaftet wurden, durch Zitieren
der schuldigen Beamten vor Gericht zu rächen. Indem wir den
Erlass als Verfassungsbruch und Missbrauch der Amtsgewalt be-
zeichnen, empfehlen wir den Regierungsrat Spiller der gebühren-
den Hochachtung." Am Pfingstsonntag verteilten die Streiken-
den massenhaft Protest-Flugblätter unter das Publikum, welche
■o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 79
die Anwendung von Gewalt in Aussicht stellten, wenn die fried-
lichen Mittel nichts nützen sollten. Dienstag den 15. Juni gab es
einen Krawall vor der Hauptwache. Die Schlosser wollten einen
verhafteten Genossen befreien, wurden aber beim Eindringen ins
Gebäude von den lyandjägern mit aufgepflanztem. Bajonett ab-
gewehrt. Trotzdem musste wegen des wachsenden Tumults der
Verhaftete freigegeben werden. Am Abend wiederholten sich die
Demonstrationen; einige Leute wurden abgefasst und ins Selnau
abgeführt, gefolgt von einer johlenden Menge. Vor dem Gerichts-
gebäude wurde die Polizei mit Steinen beworfen; sie gab einige
Revolverschüsse ab und eine ricochettierende Kugel traf den
Parkettleger Fischer in die Brust. (Es war jedoch keine tödliche
Verletzung; Fischer stand am 6. Oktober mit andern Genossen
vor den Gerichtsschranken im Selnau und erhielt noch zwei Monate
Gefängnis dazu.) Sonntag den 20. Juni wurde auf dem Platz bei
der alten Tonhalle mit Fahnen und Musik eine grosse Volksver-
sammlung abgehalten und eine Resolution angenomm.en, welche
den ,, Amtsmissbrauch" der Polizeidirektion und das ,,Blutver-
giessen" verurteilte und gerichthche Klage in Aussicht stellte.
Die Resolution war der Versammlung vorgelegt und em.pfohlen
worden von alt Pfarrer Albert Locher, Redaktor des ,, Landboten",
Stadtbürger und Bruder des Schlossermeisters Locher, was in
Zürich besonders betont wurde. Andrerseits ging bei der Bürger-
schaft eine Sympathieadresse um für Regierungsrat Spiller, welche
sich rasch mit Unterschriften bedeckte. Am 8. Juli wurde im
Kantonsrat von Dr. Zuftpinger über die Streikaffäre interpelliert
und mit 133 gegen 49 Stimmen das Vorgehen der Justizdirektion
gebilligt. Dr. Amsler hatte unter scharfem Tadel Übergang zur
Tagesordnung beantragt..
In vielen von diesen Kämpfen hatten die Demokraten leb-
haft für die Arbeiter Partei genommen und sich zu ihren Wort-
führern in der Presse und im Ratssaal gemacht. Der grossen Mehr-
zahl der Bevölkerung aber war das aus England herübergekom-
mene Streiken von allem Anfang an zuwider. Sie erblickte darin
nur eine Gesetzwidrigkeit, eine strafbare Störung der öffentlichen
Ordnung, bestenfalls einen Vorwand zum Faullenzen. Am mei-
sten tadelte sie die Beteiligung der fremden Elemente, denen sie
auch die Schuld daran zuschrieb, dass die zürcherischen Arbeiter
8o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG . o
sich der ,, Internationalen Arbeiter- Assoziation" anschlössen und
von ihr alles Heil erwarteten. Für die liberale „Zürcher Presse""
war diese Veremigung nichts anderes als eine „internationale
Schwefelbande", für die „Freitagszeitung" eine Gesellschaft reli-
gions- und vaterlandsloser Tagediebe und Taugenichtse. Von
der Internationale war — wie diese Blätter entrüstet feststellten —
den zürcherischen Arbeitern die Idee gekommen, dass sie als Prole-
tarier — proles, Nachkommen, nannte man im alten Rom eine
Klasse von Bürgern, die dem Staat nur durch ihre Nachkommen
nütze — eine ganz besondere Klasse bilden und sich als solche
im Gegensatz zu allen andern Klassen fühlen sollten. — Der Vor-
läufer der Arbeiter-Internationale war der ,,Bund der Kommu-
nisten" gewesen, der als Geheim verband schon seit 1836 bestanden,
hatte und in dessen Auftrag Marx imd Engels im November 1847
das ,, Kommunistische Manifest" verfassten, das mit den bekann-
ten Worten schliesst: ,, Proletarier aller Länder, vereinigt euch!"
Der ,,Bund der Kommimisten", welcher zuerst den internatio-
nalen Charakter der Arbeiterbewegung betont hat, verlief jedoch
im Sande. An seine Stelle trat die ,, Internationale Arbeiter-
Association", zu welcher eine Verbrüderung englischer und fran-
zösischer Arbeiter auf der Londoner Weltausstellimg von 1862
den Anstoss gab. Ihre förmliche Konstituierung erfolgte am 28. Sep-
tember 1864 zu St. Martinshall in London. Von den Kongressen,
welche die ,,rote Internationale" in den nächsten Jahren veran-
staltete, fanden drei auf Schweizerboden statt: vom 3. — 10. Sep-
tember 1866 in Genf, vom 2. — 8. September 1867 m Lausanne,
vom 8. — 9. September 1869 in Basel. Dieser Basler Kongress be-
schloss u. a. die Abschaffung des Privateigentums an Grund und
Boden. Karl Bürkli hielt einen Vortrag über die unmittelbare
Volksgesetzgebimg, Referendum und Initiative. Bakunm meinte
aber, diese Volksrechte seien nur im Interesse der Bourgeoisie;
die Arbeiterschaft solle sich überhaupt nicht mit Politik befassen,
sondern nur suchen, sich auf dem Wege der Revolution der Herr-
schaft zu bemächtigen und alles niederzuschlagen, wogegen Lieb-
knecht durchblicken Hess, ein solcher Radikalismus, wie ihn Ba-
kunin verkünde, arbeite nur der Reaktion in die Hände; ohne
die politischen Freiheiten und ohne die Beteihgung der Bürger an
der Gesetzgebung könne die soziale Frage gar nicht gelöst werden.
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 8i
Das Haupt der Internationale war der Rheinländer Karl
Marx, Abkömmling einer reichen jüdischen Familie. Er hat den
modernen Sozialismus wissenschaftlich begründet in seinem Haupt-
werk ,,Das Kapital", das ,,die Bibel der Sozialdemokratie" ge-
nannt worden ist. Es ist eine Bibel, die auch von ihren Verehrern
nicht gelesen wird, denn das Evangelium, das sie verkündet, ist
von einer trostlosen Dürre, ein öder Materialismus und Atheismus.
Marx hat in die Arbeiterbewegung den Hass und den Hohn hinein-
getragen. Durch ihn wurde die deutsche Sozialdemokratie, die
eine radikale, aber nützHche Fortschrittspartei hätte werden kön-
nen, eine fanatische und intolerante Sekte. Von einer Begegnung
mit Marx im Jahre 1848 berichtet Karl Schurz u. a. : ,,Ich erinnere
mich noch sehr wohl des schneidend höhnischen, ich möchte sagen,
des ausspuckenden Tones, mit welchem er das Wort , Bourgeois'
aussprach, und als , Bourgeois', das heisst als ein unverkennbares
Beispiel einer tiefen geistigen Versumpfung, denimzierte er jeden,
der seinen Meinungen zu widersprechen wagte."
Karl Marx verursachte mit seinem herrischen, diktatorischen
Wesen, gegen das sich besonders die französischen und west-
schweizerischen Sektionen empörten, den Zusammenbruch der
ersten Internationale im Jahre 1873; sie fiel in eine gemässigte
tmd eine radikale Richtung auseinander, die fortan ihre Tagungen
getrennt abhielten. Eine zweite Internationale entstand aus An-
lass der hundertjährigen Gedächtnisfeier der französischen Re-
volution durch den internationalen Arbeiterkongress in Paris vom
14. bis 20. Juli 1889. Der Kongress von Brüssel im Jahre 1891
erklärte, dass er auf dem Standpunkt des Klassenkampfes stehe
und dass die Arbeiter der ganzen Erde ihre Kräfte vereinigen
sollen, um den Widerstand der kapitalistischen Klassen zu über-
winden und sich die poHtischen Rechte zur Erlangung der po-
litischen Macht zu erringen. In Brüssel schon und dann auch im
Jahre 1893 in Zürich wurden die Anarchisten von den Verhand-
lungen ausgeschlossen. In den alle zwei Jahre stattfindenden
Arbeiterkongressen erblickte die ,, internationale revolutionäre
Sozialdemokratie" ihre offizielle Vertretung. Nim aber ist im
Jahre 1914 auch diese zweite Internationale jammervoll zusammen-
gebrochen. Als der Augenblick gekommen war, da die inter-
nationale Verbrüderung der Arbeiter hätte zur Wahrheit werden
6
82 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
sollen, als die Proletarier allerorten klopfenden Herzens der Er-
füllung der grossen Verheissiingen entgegensahen, dass die inter-
nationale revolutionäre Sozialdemokratie jeden weitern Krieg un-
möglich machen könne und werde, da ward auf einmal das andere
Transparent aufgesteckt: ,, Proletarier aller Länder, tötet euch!"
Die Pariser Genossen revolutionierten nicht und die deutschen
Genossen im Reichstag, iio Mann stark, übernahmen bereitwillig
auch ihrerseits die Verantw-ortung für die Entfesselimg des Welt-
krieges.
Der zürcherischen und schweizerischen Arbeiterbewegung ge-
reichte ihre Verbindung mit der Internationale zum schweren
Schaden und zur fortwährenden Hemmimg. Die Grimdsätze der
Internationale wirkten auf die Bevölkerung abstossend, und da
die Anhänger der Internationale, getreu des Meisters Lehre,
keineswegs darauf ausgingen, für sich imd ihre Sache die Sympa-
thien des Volkes zu gewinnen, sondern sich vom übrigen Volke
möglichst abzusondern imd sich in einen feindseügen Gegensatz
zu allen andern Klassen zu stellen, ist es auch nicht zu verwundem,
dass ihnen die Sympathien des Volkes sich nicht zuwandten. In
einer demokratischen Republik aber, in welcher das Volk selbst
der Souverän ist, braucht jede Partei, die etwas erreichen will,
den guten Willen imd das Vertrauen des Volkes. Es ist zwar nicht
zu bestreiten, dass speziell die deutsche Sozialdemokratie der
zürcherischen Arbeiterbewegung auch vorzügHche und achtungs-
werte Führer gegeben hat, die, wie Greuhch, Seidel, Manz-Schäppi,
vollständige Schweizer geworden sind, selbst wenn der eine oder
andere von ihnen noch kein vollkommen reines Schweizerdeutsch
sprechen sollte. Von Greuhch sagte August Bebel, er sei ,,ganz
verschweizert", und wie oft hat Seidel in Arbeiterversammlungen
leuchtenden Auges unsre herrlichen Schweizer Freiheiten und
Rechte gepriesen und die Genossen aufgefordert, sich ihrer zu
freuen und sie zu gebrauchen! Die schönsten seiner Lieder wid-
mete Seidel, der gefeierte Arbeitersänger, seiner zweiten Heimat,
unserm Schweizerland. Diese und andere Genossen aus dem
Deutschen Reiche haben die nicht geringe Mühe auf sich genom-
men, sich ganz in unsre Schweizerart hineinzuleben, sie verstehen
zu lernen und sich zu eigen zu machen. Das bringen nur die
wenigsten der von draussen hereinkommenden Genossen fertig,
o XXIX. KAPITEL: DIE) ARBEITERBEWEGUNG 83
und für die kurze Zeit, die sie bei uns zuzubringen gedenken,
wollen sie sich damit auch gar nicht erst plagen. So bleiben sie
uns wie wir ihnen fremd, beteiligen sich aber gleichwohl gelegent-
lich sehr lebhaft an unsern wirtschaftlichen und selbst an po-
litischen Kämpfen. Dadurch schädigen und kompromittieren sie
aber nicht selten die vielleicht sonst gute Sache der einheimischen
Arbeiter ; denn so wenig wie anderswo lässt man sich bei uns gerne
von Fremden in die eigenen Landesangelegenheiten hineinreden.
Dazu kommt der bei uns besonders spürbare Einfluss des doktri-
nären deutschen Sozialismus, der mit aller Gewalt und im Wider-
spruch mit dem ganzen Geist und Wesen unsrer Demokratie, die
wohl herrschende Parteien, aber keine herrschenden Klassen kennt,
auch unsern Staat zum reinen ,, Klassenstaat" stempeln will. Re-
volution imd Klassenkampf haben aber in der reinen Demo-
kratie keinen Sinn, und nicht dazu hat imser Volk in jahrhundert-
langen Kämpfen die reine Demokratie errimgen, alle Klassen-
vorrechte abgeschafft und die Gleichheit aller Bürger vor dem
Gesetz durchgeführt, um schliesslich die politische Macht wieder
einer einzelnen Klasse, diesmal dem Proletariat, zu übertragen.
Der Name Greulichs taucht zum erstenmal auf im Protokoll
des (am 10. März 1840 als Gesangverein gegründeten) deutschen
Arbeitervereins ,, Eintracht" im Jahre 1865. Die Eintragung be-
sagt, dass der jvmge, eben aus Deutschland zugereiste Genosse den
Antrag stellte, man möchte ihm die Vereinsvioline zur Benutzung
überlassen, was ihm zugestanden wurde. Herman Greulich ist
am 9. April 1842 in Breslau geboren. Sein Vater war Kutscher
imd Transportarbeiter. Greulich machte eine fünfjährige Lehrzeit
als Buchbinder durch und begab sich im September 1862 auf die
Wanderschaft. Als Abgeordneter des Arbeitervereins Reutlingen
besuchte er 1865 den dritten Veremstag deutscher Arbeiter-
vereine in Stuttgart und machte dort die Bekanntschaft von
Bebel, F. A. Lange u. a. In Stuttgart riet man ihm: ,,Sie müssen
nach der Schweiz, dort werden Sie erst lernen!" Greulich Hess
sich das gesagt sein tmd war einige Wochen später in Zürich, zu-
erst als Buchbinder, dann als Angestellter in einem photogra-
phischen Atelier und schliesslich als Kaffeeröster im Konsum-
verein arbeitend. Im August 1867 wurde die Sektion Zürich der
,, Internationale" gegründet mit Karl Bürkli als Präsident imd
84 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
Greulich als Sekretär. In den Arbeiterversammlungen im Schützen-
haus im Frülijahr 1868 trat Greulich öfters als Redner auf imd ver-
focht den Anspruch der ausländischen Genossen, auch in Ver-
fassungs- und Gesetzesfragen in solchen Arbeiterversammlimgen
mitzusprechen. Eine gewisse Rolle spielte in diesen Schützenhaus-
Zusammenkünften der „Gottist" Clement, halb Sozialist, halb
reHgiöser Schwärmer, dem Greulich entgegentrat, indem er sagte,
er habe dessen grünes Büchlein gelesen, aber auch nicht einen
gesimden Gedanken darin gefunden. Es war aber immerhin nicht
so ungeschickt, dass Clement in einer Versammlung des ,,Po-
htischen Gemeindevereins" zur Besprechung der sozialen Frage
den Vorschlag machte, dass an imsrer Hochschule die ,, kompara-
tive Nationalökonomie" eingeführt werden möchte. Im Gegen-
satz zu den ,, Internationalen" im Schützenhaus verkündete der
GrütHverein öffenthch, dass er nicht in Sozialismus mache und
gegen die Ideen Clements und seiner Genossen sei. Eine ähnliche
Stellung nahm (1868) der ,, allgemeine Arbeiterverein des Kantons
Zürich" ein, welcher in einem Aufruf zur genossenschaftlichen Or-
ganisation sagte: ,,Im Gegensatz zu denen, welche alles Heil von
der Staatshilfe erwarten, ist ein Teil eurer Genossen zusammen-
getreteji, um sich selbst zu helfen. Der Kommunismus, den man
ims von einigen Seiten predigt, bedroht ims mit dem Verlust
unsrer Selbständigkeit und mit der Vernichtung unserer eigenen
wenigen Ersparnisse. Die Anklagen gegen das Kapital haben ims
bisher um keinen Schritt vorwärts gebracht imd können auf die
Dauer uns nur schaden und in den Strudel schwerer Krisen stürzen.
Lasst ims daher die allgemeinen Redensarten und unfruchtbaren
Hirngespinste mit gesunden Schöpfungen genossenschaftlicher
Selbsthilfe vertauschen." Die vom Verfassungsrat getroffenen
Kommissionswahlen gaben der ,, Freitagszeitung" die Beruhigung,
dass der Rat sich von den Schützenhausversammlungen der Inter-
nationale nicht imponieren lassen und den Kanton Zürich nicht
dem Sozialismus entgegenführen werde ; es sei bloss zu gewärtigen,
dass die bisherige radikale Opposition des Grossen Rates ,,auch
wieder System werde, sobald sie auf die ersehnten Sessel ge-
stiegen, dass sie die sozialistische Partei, auf deren Rücken sie
emporgestiegen, unter den Füssen werde zu behalten suchen, und
schliessüch, dass sie zu dem Ende hin lieber mit den I^iberalen
o XXIX. KAPITEI.: DIE ARBEITERBEWE^GUNG 85
wieder Friede machen werde, um gemeinsam den Sozialismus zu
bekämpfen, statt dessen Diktaten sich zu fügen".
Auf Betreiben GreuHchs wurde Ende 1869 eine Probenummer
der ,, Tagwacht", des ersten sozialdemokratischen Blattes der
Schweiz, herausgegeben. Sie erschien von 1870 an zweimal
wöchentlich unter der Redaktion GreuHchs und brachte schon
gleich anfangs ziemlich heftige Artikel wegen der Verwerfung
des neuen kantonalen Fabrikgesetzes am 24. April 1870, obgleich
ein grosser Teil der Arbeiterschaft selber das Gesetz verworfen
hatte, weil es ihren Forderungen zu wenig entsprach. Der deutsche
Arbeiterverein ,, Eintracht" ergab sich 1870/71 dem Patriotismus,
holte seine Fahne hervor und zog in die Tonhalle, um mit den All-
deutschen Sedan zu feiern; den Genossen Greulich wollten die
,, Einträchtler" hinauswerfen, weil er ihren Hurrahpatriotismus
bekämpfte. Am. 4. Februar 1872 beschloss eine Arbeiterversamm.-
lung im alten Schützenhaus, einen Zentralausschuss der Kranken-
kassen und Gewerkschaften als ,, oberste leitende Behörde der
sozialdemokratischen Partei" zu betrachten und ihn mit den
nötigen Anordnungen zu beauftragen, um für die Schweiz eine
grosse, tatkräftige, aber selbständige, d. h. wohl von der Inter-
nationale unabhängige sozialdemokratische Partei zu schaffen.
Etwas Derartiges entstand dann auch wirkhch im Jahre darauf.
Grosses Aufsehen erregte im Jahre 1872 die Auslieferung des am
14. Mai in Neumünster verhafteten russischen Revolutionärs
Netschajeff, welcher am 27. Oktober geschlossen abgeführt wurde,
sich aber dann auf dem Transport nach Sibirien erschoss. Im
Kantonsrat stellte darüber am i. November Professor Gustav
Vogt eine Interpellation.
Es ist zu einem guten Teile das Verdienst GreuHchs und seiner
,, Tagwacht", dass am i. — 3. Jimi 1873 in Ölten der (alte) schweize-
rische Arbeiterbund gegründet wurde als die erste grosse zentrale
Organisation der Arbeiterschaft unseres lyandes, die zugleich
politischer imd gewerkschaftlicher Sammelpunkt der schweize-
rischen Lohnarbeiter war und sich äusserlich unabhängig zur
Internationale stellte, obgleich er ihre grundsätzlichen Anschau-
ungen vertrat. Der Grütliverein schloss sich dem Arbeiterbund
nicht an, begrüsste aber seine Gründung ,,als im Interesse des
Arbeiterstandes liegend" ; dagegen war er dem bürgerlich-radikalen
86 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
„Volksverein" beigetreten. Im Frühling 1874 wollte der schweize-
rische Arbeiterbund seine Delegiertenversammlung in Zürich ab-
halten; er ersuchte den Regierungsrat um Überlassung des Rat-
haussaales zu diesem Zwecke, was auf Antrag Gottlieb Zieglers
olme w^eiteres gestattet wurde. Im Publikum machte diese Er-
laubnis böses Blut, und eine mit 10,675 Unterschriften bedeckte
Petition an den Kantonsrat verlangte ihre Zurücknahme. Nach
lebhafter Debatte überwies am 11. Mai der Kantonsrat auf den
Antrag von Forstmeister Ulrich Meister mit 98 gegen 94 Stimmen
die Petition dem Regierungsrat zur Berücksichtigung. Der Ar-
beiterbund tagte dann auf die Einladung des Stadtrates von
Winterthur im dortigen Stadthaus; der Regierungsrat aber erliess
am 26. Mai eine Verfügung, wonach der Rathaussaal künftig keiner
privaten Veranstaltung mehr einzuräumen, sondern einzig den
Sitzungen von Behörden zu reservieren sei. Von diesem Verbot
wurden für einige Jahre auch die akademischen Rathausvorträge
betroffen. Im Grütliverein war eine Spaltung entstanden über der
Frage der Stellung zum Volksverein und Arbeiterbund. Während
die eine Richtung — hauptsächlich vertreten durch Bleuler-Haus-
heer, der seit 1873 Redaktor und Verleger des , , Grütlianer" war
— den Grütliverein ohne Preisgabe seines nationalen Charakters
auf den Boden des modernen Sozialismus und einer entschiedenen
Sozialreform- stellen wollte, bekämpfte dagegen die ,, nationale"
Richtung, welcher das Zentralkomitee in Bern und der Zentral-
präsident Redaktor Arnold Lang das Panier vorantrug, die Ziele
und Grundsätze der Internationale. Der Streit endete mit dem
Sturz des Zentralkomitees im August 1875; aber schon auf Ende
1877 legte Bleuler Redaktion und Verlag des ,,Grütlianer" nieder.
Dass bei ihm und wohl auch manchen andern Demokraten die
S3^mpathie für die Internationale mehr platonischer Art gewesen
war, zeigt seine scharfe Stellungnahme gegen Greulich, den er noch
im Jahr 1874 in einem Brief an Lange einen ,, genialen Burschen"
genannt hatte, und die Tatsache, dass er bereits im Februar 1878
zwischen sich und den ehemaligen Genossen von der ,, Tagwacht"
das Tafeltuch ein- für allemal feierlich zerschnitt. Im Mai 1879
folgte dann noch eine weitere scharfe Absage im ,, Landboten".
Der gewaltige Kampf um das eidgenössische Fabrikgesetz,
welcher im vSpätjahr 1876 einsetzte, gibt Gelegenheit, auch einer
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 87
neuen politischen Organisation der Konservativen Erwähnung zu
tun: es ist dies der „Eidgenössische Verein", in dessen lebhaft
bewegter Sitzung am 27. November 1876 auf der „Waag" in
kontradiktorischem Verfahren das eidgenössische Fabrikgesetz
behandelt wurde. In schöner Vorurteilslosigkeit hatte man auch
den Sozialdemokraten Greulich, Karl Biirkli, Rudolf Morf u. a.
Zutritt imd Teilnahme an der Diskussion gestattet. Der ,, Eid-
genössische Verein" war am 6. Mai 1875 in Ölten gegründet
worden, die Sektion Zürich hatte sich am 8. März 1876 konsti-
tuiert. Unter den Mitgliedern des ,, Eidgenössischen Vereins"
finden wir eine Reihe von Trägern glänzender Namen aus Basel,
Zürich, der Westschweiz. Das reichste und anregendste Leben
in der Sektion Zürich entfaltete sich zu der Zeit, als Prof. Dr. Georg
V. Wyss das Präsidium, Friedrich Otto Pestalozzi das Sekretariat
inne hatte und der Bruder des letztern, der geistvolle Pfarrer am
Grossmünster, Ludwig Pestalozzi, mit seinen häufigen Vorträgen
das Vereinsleben bereicherte. Eine imposante Arbeiter-Lands-
gemeinde fand am 13. Mai 1877 in Zürich statt, die nach Reden
von Vogelsanger, Salomon Vögelin, Morf und Greulich begeistertes
Eintreten für das Fabrikgesetz beschloss. Demselben Zweck, der
Agitation für das Fabrikgesetz, diente auch der gemeinsame
Pfingstkongress des Grütlivereins und des Arbeiterbundes in
Neuenburg. Es war eine Bewegung, wie sie gleich mächtig in der
schweizerischen Arbeiterschaft nicht mehr vorgekommen ist, und
ihr war denn auch die Annahme des Fabrikgesetzes am 21. Ok-
tober 1877 zu verdanken. Auf dem Neuenburger Kongress (19. bis
22. Mai 1877) wurde auch die Gründung einer geschlossenen
sozialdemokratischen Partei der Schweiz beschlossen; allein der
Allianzvertrag zwischen Arbeiterbund und Grütliverein, welcher
dazu hätte führen sollen, wurde vom Grütliverein in seiner Luzerner
Delegiertentagung 1878 abgelehnt, obwohl der Verein gleich-
zeitig das von der Berner Sektion ausgearbeitete Programm der
sozialdemokratischen Partei der Schweiz annahm. Die sozial-
demokratische Partei der Schweiz konnte tatsächlich erst ins
Leben treten, als der Arbeiterbund sich im Jahre 1880 auflöste,
da die Erfahrung gezeigt hatte, dass eine und dieselbe Organi-
sation der gewerkschaftlichen und der politischen Bewegung
nicht gerecht zu werden vermochte. An die Stelle des Arbeiter-
88 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
bundes trat der schweizerische Gewerkschaftsbund einerseits (mit
der ,, Arbeiterstimme" als Organ) und die schweizerische sozial-
demokratische Partei andrerseits, die aber noch Jahre lang nicht
zu einer eigentlichen Entfaltung kam.
Die „Tagwacht" ging Ende 1880 ein. Greulich war ver-
dienstlos und behalf sich einstweilen mit journalistischer Tätig-
keit für demokratische Blätter. Er hatte 1876 ein Heimwesen in
Hirslanden erwerben können imd war 1879 ^^ Stichentscheid
des Präsidenten Gattiker in das Bürgerrecht von Hirslanden
aufgenommen worden. Noch in der „Tagwacht" luid dann auch
in dem neuen, seit i. Oktober 1879 ^ Zürich erschienenen Blatt
,,Der Sozialdemokrat" trat GreuHch der anarchistischen Richtung
Bakrmins energisch entgegen. Der ,, Sozialdemokrat" war haupt-
sächlich für die Genossen in Deutschland bestimmt, welche durch
das am 21. Oktober 1878 erlassene Sozialistengesetz in ihrer
freien Bewegung schwer gehemmt waren imd deshalb die Zentral-
stelle für ihre agitatorische Tätigkeit nach Zürich verlegt hatten.
Von hier aus versorgte ,,der rote Postmeister" (Motteier) auf
hundert Schleichwegen und mit Schmuggelkniffen aller Art die
Genossen im Reich mit verbotener Literatur. Am 20. — 23. August
1880 imd ebenso am 21. August 1881 tagte auf Schloss W^^den
bei Ossingen ein hauptsächlich von Deutschen besuchter inter-
nationaler Kongress. Die letzte Lebenszeit der ,, Tagwacht"
kennzeichnete ein leidenschaftlicher Kampf des Mitarbeiters
Herter gegen das Offizierskorps, das in einer Versammlung am
27. Oktober 1880 auf ,,Zim.merleuten" unter dem Vorsitz von
Oberst Meister eine Eingabe an den Bundesrat beschloss, aber
den Bescheid erhielt, dass bedauerlicherweise nach gegenwärtigem
Gesetz gegen die „Tagwacht" nicht eingeschritten werden könne.
Zwischen den Demokraten und den Arbeitern war allmählich
eine ziemHch tiefe Entfremdimg eingetreten. Ernüchternd hatte
es schon gewirkt, als auf dem Arbeitertag in Uster am 28. Januar
1877 Regierungsrat Sieber erklärt hatte, dass er ,,im Prinzip"
ganz einverstanden sei mit den gewünschten sozialistischen Neue-
rungen (unentgeltliche Krankenpflege usw.), dass aber der Staat
zu ihrer Ausführung kein Geld habe. Als am 18. Juni 1877 Karl
Bürkli im Kantonsrat gegen die Nordostbahn vorging und unter
schärfsten persönUchen Ausfällen auf den anwesenden Alfred
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 89
Escher strafrechtliche Untersuchung ihrer ,, Misswirtschaft" ver-
langte, erhoben sich für seine Motion nur drei Mitglieder, imd die
daraufhin inszenierte Volksinitiative gegen die Nordostbahn er-
zielte nicht die nötige Unterschriftenzahl. Auf dem Arbeitertag
in Winterthur am 20. Januar 1878 machte Greulich die Dem.o-
kraten für diese Niederlage verantwortlich und warf ihnen vor,
sie hätten die Revisionsbewegung nur benutzt, um sich gute
Plätze imd ihren Unternehmungen, die jetzt vor dem Zusammen-
bruch ständen, die staatliche Unterstützung zu sichern. Auch in
der Frage des staatlichen Getreidehandels, dessen Einführung
der Arbeitertag auf die Initiative des Arbeitervereins Töss hin an-
zustreben beschloss, gingen Demokraten und Arbeiter auseinander,
und bei den Regierungs- und Kantonsratswahlen vom 14. Mai
1878 traten die Arbeiter zum erstenmal als sozialdemokratische
Partei selbständig auf, was ümen aber schlecht bekam, da sie
keine Eroberungen machten und noch verloren, was sie hatten.
Auch Karl Bürkli wurde ,, gesprengt" und erst später in Töss wieder-
gewählt. Die von der Partei ins Werk gesetzte Getreidemonopol-
Initiative, für welche 6072 Unterschriften eingingen, w^urde vom
Kantonsrat am 19. Februar 1879 ablehnend begutachtet und am
4. Mai 1879 vom Volk verworfen.
Als Hauptträger und Förderer der Idee des Getreidemonopols
in der Schweiz ist Robert Seidel anzusehen. Schon auf dem
Winterthurer Arbeitertag vom Januar 1878 wurde auf seinen An-
trag die Zustimmung zu der Anregung des Arbeiter^^ereins Töss
beschlossen, und seitdem hat vSeidel wiederholt den Gedanken
des Getreidemonopols wieder aufgegriffen und in zahllosen Vor-
trägen, in Broschüren und Zeitungsartikeln dafür Propaganda ge-
macht. Es bedurfte aber des europäischen Krieges von 1914/15, um
ihm zum Durchbruch zu verhelfen, und am 7. April 1915 hatte
Seidel die Genugtuung, im Nationalrat den Vertreter des Bundes-
rates die Gedanken und Anschauungen entwickeln zu hören, die
er seit Jahrzehnten verfochten hatte. Robert Seidel ist geboren am
23. November 1850 zu Kirchberg in Sachsen. Er wurde Buckskin-
weber in Crimmitschau und entfaltete im Arbeiterbildungsverein,
im Volksverein usw. eine reiche Tätigkeit als Vorstandsmitglied,
Sekretär und Lehrer. In einem Alter, da andere noch erzogen
werden, mit 19 Jahren, hielt Seidel bereits öffentliche Vorträge
90 XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG o
Über Erziehung. \^on 1870 an arbeitete er als Weber und später
als kaufmännischer Angestellter in verschiedenen Fabriken im
Kanton Zürich und übernahm sodann am i. November 1876 die
Stelle des Zentralbuchhalters bei den sogenannten „Bundesinsti-
tuten" des schweizerischen Arbeiterbmides in Zürich (Druckerei,
Buchhandlmig, Expedition der „Tagwacht"). 1880 erwarb Seidel
nach nur einjährigem Besuch des Seminars Küsnacht das Primar-
lehrerpatent, später auch das Sekundarlehrerpatent. Seidel nahm
lebhaften Anteil an den Verhandlungen des sozialistischen Welt-
kongresses in Chur vom 2. — 4. Oktober 1881. Dieser Kongress,
der vom Generalrat der sozialistischen Partei Belgiens einberufen
worden war, hat seine Vorgeschichte. Er hätte in Zürich statt-
finden sollen; es stellten sich aber die Herren vom ,, Eidgenös-
sischen Verein" (Oberst Eduard Ziegler, Georg v. W^yss, Oberst
Pestalozzi u. a.) an die Spitze einer mächtigen Volksbewegung,
welche in kürzester Frist über 30,000 Unterschriften für eine
Petition gegen die Abhaltung des Kongresses in Zürich zusammen-
brachte. Die Erregung ist zu verstehen, wenn man liest, in welcher
rohen Weise in der internationalen Presse der Zarenmord vom
13. März 1881 in Petersburg (Alexander II.) verherrlicht tmd das
wüste Treiben der Anarchisten in Schutz genommen wurde. Der
Regierungsrat gab am 12. Juni der Petition Folge; die Regierungs-
räte Hauser und Stössel protestierten dagegen zu Protokoll als
gegen eine Verletziuig der verfassungsmässigen Versammlungs-
freiheit. Am 12. Juli wies der Kantonsrat nach zweitägiger Be-
ratung unter Namensaufruf mit 120 gegen 69 Stimmen den Re-
kurs ab, den Karl Bürkli, Herter und Obrist gegen den Regierungs-
beschluss eingereicht hatten. Die demokratische Minderheit des
Kantonsrats rekurrierte ohne Erfolg an das Bimdesgericht. So
lebhaft sich aber die Demokraten für das Recht der Versammlimgs-
freiheit wehrten, missbilligten doch auch sie den verhetzenden
und verletzenden Ton der sozialistischen Presse. Salomon Vögelin
sagte im Kantonsrat einmal, es komme dem mit ruhigem Tem-
perament ausgestatteten Zürcher Bürger widerlich vor, sich in
der ,, Tagwacht" allwöchentlich vor die Alternative gestellt zu
sehen, er sei, wenn er sich dem neuen sozialdemokratischen Evan-
gelium nicht anschliesse, entweder ein Blödsinniger, an Gehirn-
erweichimg Leidender, oder aber ein Schurke. Für den GrütH-
o XXIX. KAPITEL: DIE ARBEITERBEWEGUNG 91
verein bot diese Kongressaffäre den Anlass, sich am 21. August
1881 von den ,, Internationalen" zu trennen und einen Verband
der Grütlivereine des Kantons Zürich zu bilden. Aber schon 1883
fand wieder eine Annäherung statt, und es wurde ein gemeinsames
Komitee der Grütli- und Arbeitervereine eingesetzt.
Im Jahre 1884 wurde Greulich Angestellter und dann Chef
des kantonalen statistischen Bureaus. Kurze Zeit darauf trat er
wieder vollständig in den Dienst der Arbeiterbewegung. Vom
schweizerischen Grütliverein war nämlich die Anregimg zur Grün-
dung eines neuen schweizerischen Arbeiterbundes auf neutraler
Grundlage und mit einem ständigen Sekretariat ausgegangen. In
einer Eingabe an das eidgenössische Handels- und Landwirtschafts-
departement vom 28. August 1886 ersuchte der Grütliverein um
eine Bundessubvention für ein solches Sekretariat. Das Gesuch
fand gute Aufnahme und am 10. April 1887 konnte in Aarau der
neue schweizerische Arbeiterbund konstituiert werden, dessen
Zweck die gemeinsame Vertretung der wirtschaftlichen Interessen
der Arbeiterklasse ist. Zum schweizerischen Arbeitersekretär
wurde am genannten Tage Herman Greulich gewählt; der eben-
falls vorgeschlagene Seidel blieb in Minderheit. Das schweize-
rische Arbeitersekretariat, das seinen Hauptsitz in Zürich hat,
wird vom Bunde mit 25,000 Franken jährlich subventioniert, ein
Beweis, zu welcher Bedeutung und Anerkennung es die Arbeiter-
bewegtuig in der Schweiz gebracht hat. Das Verhältnis zwischen
den zürcherischen Demokraten und den Sozialdemokraten machte
noch mancherlei Wandlungen durch und wechselte zwischen ge-
legentlichen Bündnissen und heftiger Fehde. Besonders ver-
übelte man es bei den Arbeitern den Demokraten, dass sie nach
dem Schlosserstreik von 1886 den Justizdirektor Spiller wieder
wählen halfen. Nach und nach bildete sich dann der Zustand
heraus, den Reinhold Rüegg mit dem gemütlichen Ausspruch
kennzeichnete: ,,Die Demokratie denkt noch keineswegs ans
Einpacken. Sie hat ein bescheidenes Vermögen, bewegt sich in
bürgerlich geordneten Verhältnissen, geniesst die Achtung der
freisinnigen Kreise und lässt die Sozialdemokraten höhnen; das
tut nicht weh."
►♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦
E. E. ScUlatter
^n der ofcßjpfe in Züricß
SECHSTER TEIL
DAS AUFBLÜHEN DER STADT
S¥e/nr/c6 ^7T(pusson
Stadtpräsident
DREISSIGSTES KAPITEL
STADTPRÄSIDENT MOUSSON
Johann Heinrich Emanuel Mousson war der ältere Sohn des
eidgenössischen Kanzlers Johann Marcus Samuel Mousson
(t 22. Juni 1861). Er wurde geboren am 29. September 1803 im
Hause seines Grossvaters, des damaUgen Pfarrers von Lonay bei
Morges. Zwei Monate vor seiner Geburt war sein Vater im Alter
von erst 27 Jahren zum eidgenössischen Kanzler ernannt worden,
und er führte dieses wichtige Amt mit solcher Auszeichnung, dass
ihn die Regierungen von Zürich (1816) und Bern (1821) mit dem
Landrecht, die beiden Hauptstädte mit dem erblichen Bürger-
recht beschenkten. Der mit dem Wechsel des Vororts verbundene
mehrmahge Wohnsitzwechsel des Kanzlers legte den Grund zur
künftigen Bestimmimg seines Sohnes und bedingte dessen Bil-
dungsgang. Heinrich Emanuel Mousson erhielt seinen Unterricht
am Schochschen Institut in Zürich und an der Akademie in Bern.
Nach einem Aufenthalt in Genf bezog er 1824 die Universität
Göttingen als Studierender der Rechte, brachte den Winter
1827/28 in Paris zu und trat sodann als FreiwilHger unter den
Augen seines Vaters in den Dienst der eidgenössischen Kanzlei.
Noch im Jahre 1828 wurde er zum Privatsekretär seines Vaters
befördert. Nach dessen Rücktritt avancierte der bisherige eid-
genössische Staatsschreiber Amrhyn zum Kanzler und Heinrich
Mousson wurde Staatsschreiber. Das Amt entsprach der sorg-
fältigen Vorbildung, die er dazu erhalten hatte, seinen Fähig-
keiten und Neigungen. In Charakter, Überzeugungen tmd Talent
war er dem Vater ähnlich, doch von weicherer Gemütsart. Als
die Wirren von Schwyz imd Basel 1833 die Schweiz erschütterten
und die Mehrheit der Stände mit Waffengewalt gegen die Minder-
heit einschritt, fühlte er sich gedrungen, sein Amt als eidgenös-
sischer Staatsschreiber niederzulegen (5. August 1833), da er die
Fortführung desselben mit seinem der Eidgenossenschaft als
Ganzes geleisteten Eide für unverträglich hielt.
96 XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON o
Mousson Hess sich nunmehr in Zürich nieder, wo er das Bürger-
recht besass, und wurde alsbald zum MitgHed des Grossen Rates
gewählt. 1834 übernahm er das Sekretariat des kaufmännischen
Direktoriums, dem jetzt nach den zwischen Staat und Stadt
geschlossenen Verträgen die Ausführung wichtiger Bauten über-
tragen war. Im Jahr 1836 wurde Mousson MitgHed des Grossen
Stadtrates und des Bezirksgerichts Zürich. Die konservative
Staatsumwälzung von 1839 verschaffte Mousson den Eintritt in
die Regierimg (20. September). Schon im folgenden Jahre wurde
er als Nachfolger von J. J. Hess Bürgermeister und damit Amts-
genosse des weit altem, aber mit ihm befreundeten C. v. Muralt.
Doch auch hier musste nach einigen Jahren eine eidgenössische
Frage Veranlassimg zu seinem Rücktritt werden. Was Mousson
im Jahre 1833 bewogen hatte, seiner damahgen eidgenössischen
Laufbahn zu entsagen, wiederholte sich jetzt in viel grösserem
Masstabe gerade in dem AugenbUck, als ihn sein Amt als Haupt
des Vorortes an die Spitze der Eidgenossenschaft rief. Unter dem
Einfluss der Jesuiten- und Klosterfrage war ein gänzHcher po-
litischer Umschwung im Kanton Zürich erfolgt imd hatte auch
eine andere Zusammensetzimg des Regierungsrates imd Grossen
Rates herbeigeführt, welche dem Bürgermeister als Tagsatzimgs-
präsidenten die Fortsetzung seiner vermittelnden Politik unmög-
Hch machte. Mousson eröffnete zwar noch die Tagsatzung vom
20. Februar 1845 in Zürich und nahm die Gelegenheit wahr, die
Ehre und Unabhängigkeit der Eidgenossenschaft gegen die un-
gebührHche Einmischung Frankreichs in ihre inneren Angelegen-
heiten nachdrückhch zu verteidigen. Aber am 3. April trat er so-
dann mit Bluntschli aus dem Regierimgsrat zurück, bUeb zwar
MitgUed des Grossen Rates, hatte jedoch nun bis 1847 eine ge-
wisse Mussezeit.
Ein neuer, ihm voll zusagender Wirkungskreis eröffnete sich
ihm, als die Stadtgemeinde Zürich ihn am 17. Mai 1847 zum Mit-
gHed des engern Stadtrates berief und im Herbst 1848 auch zum
Vizepräsidenten des Stadtrates beförderte. Mit rüstiger Tätigkeit
und mit der wohltuenden Empfindung, PfHchten obzuHegen, von
denen das Wohl des Ganzen und vieler Einzelner oft weit mehr
abhängt als vom Ausgang poHtischer Parteikämpfe, mag auch ihr
Gebiet vom lauten Treiben des Tages oft weit abHegen, widmete
o XXX. KAPITBL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON 97
sich Mousson nun den wichtigsten Zweigen der städtischen Ver-
waltung. Als ihm am i. Juni 1863 das Amt des Stadtpräsidenten
übertragen wurde, sah er sich in einflussreicher Stellung auch an
einer Aufgabe beteiligt, die ihn an eine frühere vielfach erinnern
musste. Denn an die städtischen Bauten von 1834/40 schlössen
sich nun die Anfänge einer weit umfassenderen baulichen Ent-
wicklung der Stadt an, die neben Umgestaltungen auf allen andern
Gebieten des Gemeindelebens einhergingen und Mousson voll in
Anspruch nahmen. Sein Wirken, seine Leitung des städtischen
Gemeinwesens fand allgemeine Anerkennung. Alle amtUche Arbeit
hinderte ihn nicht, in mannigfachen Kreisen freiwilhger Art für
Zwecke der Wohltätigkeit und rehgiöse Bestrebungen tätig zu
sein. Als Mitghed des Konsistoriums der französischen Kirche in
Zürich, einer 1685 für die aus Frankreich flüchtenden Protestanten
errichteten Stiftung, nahm er einen ihm durch FamiHenerinne-
rungen und ernsten eigenen Glauben nahe liegenden Anteil an der
Leitung ihrer Gemeinde. Er behielt auch bis 1868 seine Stelle
eines Mitgliedes des Grossen Rates unter den Vertretern der Stadt
bei. Indessen hatte ihn schon 1867 ein körperliches Leiden er-
griffen, welches sich zuletzt auf die Stimm.organe warf, ihm all-
mählich sehr hemmend entgegentrat, und nur die Zuvorkommen-
heit seiner Amtsgenossen, die auf sein Verbleiben in den Ge-
schäften grossen Wert legten und seine Aufgabe zu erleichtern
suchten, bewog ihn, noch auszuharren. Als aber ein längerer Auf-
enthalt im Süden im Frühjahr 1869 das Übel nicht zu heben
vermochte und er wenige Tage nach seiner Heimkehr von einer
zweiten schweren Prüfung heimgesucht wurde, indem er plötzHch
nahezu erbhndete, während Stimmlosigkeit ihn des Gesprächs mit
andern beraubte, legte er am 3. Juli 1869 alle seine Stellen nieder.
Als die städtischen Behörden in einer von der goldenen Verdienst-
medaille begleiteten Urkunde, die er nicht selbst zu lesen im-
stande war, ihren Dank für seine zweiundzwanzigj ährige Wirk-
samkeit aussprachen, lehnte er das ihm erteilte Lob ab. In stiller
Ergebung trug er die Heimsuchung, bis ihm am Tage nach der
Weihnacht, die noch einmal die Seinigen um ihn versammelte, die
ersehnte Erlösung zuteil wurde. Dritthalb Wochen früher war
ihm sein einstiger Amtsgenosse v. Muralt als 90 jähriger Greis im
Tode vorangegangen. (Nach den Nekrologen von Georg v. Wyss^
98 XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON o
dem Schwager Moussons, in der Allg. deutschen Biographie und
der „N.Z.Z.")- *
In die Amtsjahre des Stadtpräsidenten Mousson fällt eine
wichtige rechtliche und organisatorische Änderung der Stadt-
verwaltung: die völlige Rechtsgleichheit zwischen Bürgern und
Niedergelassenen in Gemeindeangelegenheiten. Zuerst brach sich
das Prinzip Bahn auf dem Gebiete der Schule, etwas früher auf
dem Lande, etwas später in der Stadt, die in dieser Beziehung
infolge eines besondern Gesetzes noch eine bevorzugte Stellung
inne hatte. Noch in den fünfziger Jahren hatten — wie Treichler
in einem Rathausvortrag am lo. Januar 1884 über ,, Politische
Wandlungen in der Stadt Zürich" ausführte — die Nieder-
gelassenen zum städtischen Schulwesen rein nichts zu sagen. Die
städtischen Schulen waren ihren Kindern zwar nicht verschlossen,
aber wenn sie das hohe Schulgeld von 12 bis 20 Fr. für einen
Primarschüler nicht bezahlen konnten oder wollten, so mochten
sie ihre Kinder in die von mildtätiger Hand gestiftete Armen-
schule zum Brunnenturm schicken. Eine Knabensekundarschule
gab es nicht. Endlich verlangten die Niedergelassenen, im Schul-
wesen in der Stadt nicht schlechtem Rechtes zu sein als in jeder
Landgemeinde. In der Bürgerschaft hegte man dagegen die
grössten Bedenken, da die Niedergelassenen bereits die Mehrheit
bildeten. ,,War es da," sagte man, ,, nicht eine Pflicht der Be-
hörde gegen die vorangegangene und die kommende Generation,
wenigstens die hergebrachten bürgerlichen Schulen gegen die
Fluktuationen einer so zahlreichen, allen Zufälligkeiten preis-
gegebenen Gemeindeversammlung sicher zu stellen?" Daher ver-
langten die, welche so sprachen, einen doppelten Schulorganismus
für die Stadt Zürich : bürgerliche Schulen unter einer bürgerlichen
Behörde und Gemeindeschulen unter einer besondern Gemeinde-
schulpflege. Doch siegte auch hier schliesslich der Einheits- und
Solidaritätsgedanke: nur eine städtische Schulgemeinde, nur
eine Stadtschulpflege, nur ein Schulfond. Ja, die neue, nun-
mehr aus Bürgern und Niedergelassenen bestehende Schulgemeinde
geht noch einen Schritt weiter: Einstimmig beschliesst sie 1860
auf Antrag der neuen Stadtschulpflege, dass in Zukunft in Zürich
wie in allen andern Gemeinden des Kantons nur noch eine, die
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o XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON gg
Kinder aller Volksklassen umfassende Primarschule bestehen soll;
daher seien die beiden Schulanstalten, in welche die Primar-
schule der Stadt Zürich bis anhin zerfiel, nämlich die städtische
KJnaben- und Mädchenschule und die sogenannte Gemeindeschule
im Brunnenturm, in eine Primarschule zu verschmelzen.
Unter den sieben Verfassungsgesetzen, welche das Volk am
15. Oktober 1865 mit wuchtigem Mehr annahm, befand sich auch
das Gesetz über die Organisation der Gemeindebehörden, welches
die Vertretung der Niedergelassenen regelte, und dann folgte,
vom Grossen Rat am 25. April 1866 erlassen, das neue Gemeinde-
gesetz. Dasselbe brachte die Einfühnmg der ,, Einwohner-
gemeinde", innerhalb welcher die Bürgerschaft als besondere
Sektion ihre eigenen Angelegenheiten ordnen sollte. Auf dieses
Gesetz stützte sich die neue Stadtverfassung: die städtische
Gemeindeordnung vom i. Juli 1866. Die bisher den 13 Zünften
zustehende Wahl des Grossen Stadtrates, der mit Einschluss des
engern siebengliedrigen Stadtrates 60 Mitglieder zählen sollte,
ging auf den einheitlichen Wahlkörper der Gesamtgemeinde über,
und als eine bezeichnende Wirkung dieser Änderung wurde es
u. a. angesehen, dass bei einer Wahl in den Grossen Stadtrat am
5. August 1866 Karl Bürkh über den greisen Führer der Alt-
Konservativen, Oberst Nüscheler, siegte. Als erster Vertreter der
Niedergelassenen im engern Stadtrat wurde am 29. Juli 1866
Spenglermeister Schnurrenberger-Dickenmann, der spätere Ver-
walter des BurghölzH, gewählt. Auf dem Stadthaus in Zürich war
damit die rein bürgerliche Fahne niedergeholt.
Am IG. Mai 1865 wohnten in Zürich 15,000 Menschen der
Hinrichtung des Mörders Götti bei. Es war dies die letzte öffent-
liche und überhaupt die letzte Hinrichtung im Kanton Zürich. —
Am Dienstag den 24. Juli 1866 fuhren vier zweispännige Wagen
in den Posthof von Zürich ein. Sie brachten Fässchen mit der
Aufschrift „Württembergische Staatskasse". Ihr Inhalt bestand
aus gemünztem Gold, total 1,800,000 Gulden, die vor den Preussen
geflüchtet wurden. Der württembergische Finanzminister be-
gleitete persönlich den Transport und deponierte den Staatsschatz
bei der Kreditanstalt. Auch die Frankfurter hatten einen grossen
Teil ihrer Gelder und Wertpapiere nach Zürich gesandt. — Im
Jahre 1867 sollte in unserer Stadt das eidgenössische Musikfest
loo XXX. KAPITEL: STADTPR.\SIDENT MOUSSON o
stattfinden; man war aber in Verlegenheit um ein geeignetes
Lokal. Da kam Professor Karl Keller auf den glücklichen Ge-
danken, das alte Kornhaus am Sei zu diesem Zwecke herzustellen,
imd es gelang ihm, den Stadtrat mid dann auch die Gemeinde für
diese Idee zu gewinnen. Das Gebäude wurde seit dem Bezug
des neuen Kornhauses beim. Bahnhof im Jahre 1860 zu allen mög-
lichen Zwecken benützt. Neben der S^magoge der Israehten hatten
darin die Musensöhne ihren Fechtboden; zur Seite einer Dienst-
männeranstalt tönte das Gepolter einer Schreinerwerkstäl te, wäh-
rend in einer andern E'^ke um Trödelkram und alte Möbel ge-
feilscht wurde und Ratten mid Mäuse überall herumhuschten.
Nun sollte dieses alte Kornhaus ausgehöhlt und in eine Tonhalle
umgewandelt werden, die zugleich auch andern öffentlichen
Zwecken, wie namentlich der Gemeindeversammlung, dienen
konnte; hatte doch die Kirchenpflege St. Peter schon zu ver-
stehen gegeben, dass die Abhaltung der Gemeindeversammlungen
in ihrem Gotteshaus an Sonntagvormittagen ihr nicht mehr passe.
Nun fand freilich die städtische Baukommission, dass die Lage
des alten Kornhauses für Gesellschafts- und öffentliche Zwecke
imgünstig sei, und beantragte deshalb, den Kredit für den Umbau
auf das im Hinblick auf das eidgenössische Musikfest durchaus
erforderliche Mass zu beschränken. In diesem Sinne fasste auch
die Gemeinde am 3. März 1867 Beschluss. An der Gemeinde-
versammlung zu St. Peter, die wegen anderer wichtiger Trak-
tanden den ganzen Tag dauerte, nahm auch Musikdirektor Wil-
helm Baumgartner teil, der allen Schweizern lieb und wert ist
allein schon wegen seiner Komposition von Gottfried Kellers ,,0
mein Heimatland" und dessen Denkmal in der Platzpromenade
am 15. November 1891 enthüllt wurde. Baumgartner hielt den
ganzen Tag in der ungeheizten Kirche aus, um nur ja den Augen-
blick nicht zu versäumen, da die Tonhalleangelegenheit zur Ab-
stimmung kommen würde, und mit seiner Stimme zur Annahme
mitzuhelfen. Er zog sich, bereits leidend, eine schlimme Er-
kältung zu, an deren Folgen er am Abend des 17. März starb.
Die Kornliaus-Tonhalle aber, welche bequem 700 Sänger und Mu-
siker und 3600 Zuhörer fasste, bestand am eidgenössischen Musik-
fest, Mitte Juli 1867, die Probe aufs glänzendste, und nament-
lich die Akustik war tadellos. Noch niemals seien Zürich, meinte
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o XXX. KAPITEI,: STADTPRÄSIDENT MOUSSON loi
die „Freitagszeitung", solche musikalische Genüsse geboten
worden, und der Wunsch setzte sich fest, dass die Darbietungen
der Musik, die — ausser den in den Kirchen abgehaltenen Chor-
aufführungen — im Kasino nur einem kleinen Kreise zugänglich
waren, zum Gemeingut der ganzen kunstliebenden Bevölkerung
gemacht werden möchten. Das war nur möglich durch den voll-
ständigen Ausbau der Tonhalle, zu welchem Zweck sich anfangs
1868 eine Gesellschaft bildete, die mit dem Stadtrat einen Ver-
trag über den von der Stadt auszuführenden Ausbau und die
von der Gesellschaft zu übernehmende Miete abschloss. In der
Gemeindeversammlung vom 3. Mai 1868 wurde dieser Vertrag
genehmigt. ,,Und zu was allem," schrieb die ,, Ausstellungs-
zeitung" 1883, ,,hat im Laufe der Jahre der Tonhallesaal und der
Pavillon schon dienen müssen! Die grossen Aufführungen des
Gemischten Chores, Männergesangfeste, Totenfeiern, bewegte Ge-
meindeversammlungen, politische Meetings, religiöse und sozia-
listische Feste, Ledermessen, Maskenbälle und Tanzfeste, alles
hat die gastliche Tonhalle beherbergt, und der anstossende Pa-
villon, infolge des künstlerischen Sinnes des rührigen und stets
erfinderischen Tonhallepächters, Herrn Krug, in einen Palmen-
garten umgewandelt, diente und dient bis zur Stimde geselligen
Vereinigimgen jeder Art."
Vom Mai bis August 1867 vollzog sich etappenweise der Um-
zug der Insassen des alten Spitals bei der Predigerkirche in die
Räume des aufgehobenen Klosters Rheinau. ,, Transport um
Transport ging zu Fuss und im Wagen durchs Niederdorf nach
dem Bahnhof, die Kräftigen zuerst, die Kranken und Schwachen
nachher. Die Bewohner des Niederdorfs winkten den Scheidenden
mit Tüchern zu und riefen ihnen ein Lebewohl nach." Diesen selbst,
an sorgsame Pflege im Spital gewohnt, kam es vor, als müssten
sie nach Sibirien. Nur die Irren bheben in Zürich zurück und
warteten auf die Vollendung der Anstalt Burghölzli, welche — •
bereits unter Dach — einen imponierenden Eindruck machte.
Ende Juli 1867 wurde in Zürich die Cholera eingeschleppt. Zu-
erst erkrankte und starb ein von Rom gekommenes Kind des
Kunstmalers Müller aus Basel, das sich im ,, Schwarzen Weggen"
im Niederdorf in Pflege befand. Dort holten dann eine Wäscherin
von Hottingen und ein im Haus verkehrender Postkommis den
I02 XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON o
Todeskeim. Gleich nach den ersten Fällen wurde eine Sanitäts-
kommission mit Polizeipräsident Dr. Römer an der Spitze ein-
gesetzt, welche das Menschenmögliche zur Lokalisierung der Seuche
vorkehrte, und als einige Tage lang keine neuen Erkrankungen
erfolgten, glaubte man sie bereits erloschen. Aber am 12. August
brach sie mit neuer Heftigkeit aus. Stadtschreiber Dr. Eugen Escher
berichtet in seinem ,, Lebenslauf": „Im ganzen erkrankten in
Zürich und Umgebmig von etwa 55,000 Einwohnern bis Ende Ok-
tober, wo die Seuche erlosch, 771 und starben 499 ; die heimgesuch-
teste Woche war diejenige vom 15. bis 21. September mit 231 Er-
krankungen und 153 Todesfällen; am schlimmsten war der 17. Sep-
tember, an welchem die Zahl der Erkrankungen gegenüber dem
vorhergehenden Tag von 43 auf 60 sprang. Es war eine eigentüm-
lich schwere Zeit, welche damals die Bevölkerung durchlebte, nur
zu vergleichen mit dem Aufenthalt in einer von der Aussenwelt
abgesperrten, vereinsamten, zu jeder Stunde des Tages und der
Nacht von unberechenbaren Geschossen heimgesuchten Festung.
Dieser Eindruck musste sich namentHch auch mir aufdrängen,
weil ich bei den Gegen vorkehren gegen den unsichtbaren Feind,
über dessen Verheerungen fast stündlich Bericht ins Stadthaus
kam, selbstverständlich auch Anteil hatte und eines Morgens direkt
an die nahe Gefahr erinnert wurde, da man mir meldete, dass
der nebenanwohnende Stadtratsweibel, welchen ich noch spät
abends in gutem Befinden gesprochen, von der Krankheit ergriffen
sei und bereits am Sterben Hege. Mit dem Gedanken, des kommen-
den Tages ungewiss zu sein, pflegte man sich abends zu trennen,
und in meiner Haushaltung war stets alles für den schhmmeren
Fall vorgesehen. Glücklicherweise blieben wir alle verschont, ob-
schon oder weil wir unser gewohntes, allerdings sehr regelmässiges
Leben unverändert fortführten und ich allabendlich auch mit
meiner bisherigen Gesellschaft beim Bier zusammentraf. Recht un-
heimlich war über die ganze Zeit die schauerUche Öde der Strassen,
und noch schwebt mir vom damahgen Bettag (der in die schlimmste
Zeit fiel) ein Abendspaziergang im Gedächtnis, den ich bei herr-
hchem Wetter und wundervoller Gebirgsaussicht mit meiner Frau
nach Enge machte, fast ohne einem lebenden Wesen zu begegnen.
,,Es wäre jedoch irrig, anzunehmen, dass die Leute sich angst-
erfüllt in ihre Häuser verkrochen hätten. Wer geblieben war (und
o XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON 103
es waren darunter viele, die ganz wohl sich hätten flüchten können,
ohne eine Pflicht zu verletzen), stellte ausnahmslos seinen Mann:
der Geistliche wie der Arzt, der vStadtrat wie der Polizeiangestellte,
der Kaufmann wie der Handwerker und Taglöhner. Alles war be-
müht, dem Übel nach Möglichkeit zu steuern, eingetretenes Elend
zu mildern und jeder Anwandlung unwürdiger Entmutigimg vor-
zubeugen. Aus der ganzen Ostschweiz kamen nach Zürich anerken-
nende und ermunternde Worte für diese Haltung, und unter
anderem suchten befreundete Glamer ihren Dank für Zürichs
Hilfe beim grossen Brand werktätig zu beweisen, zuerst durch
eine grössere Sendung von Veltlinerwein, welcher an die Kranken
und die am meisten exponierten Hilfspersonen (Ärzte, PoHzei-
angestellte und Cholerawäscherinnen) abgegeben wurde, und daran
anschliessend durch eine Geldkollekte, welche man anfänglich,
um nicht etwa zu verletzen, vermieden hatte. Es traten ferner in
Zürich Männer aus den verschiedensten Ständen zur Beratung
zusammen, ob nicht zur Verbesserung der während der Seuche
bei den unbemittelten Klassen zutage getretenen Misstände
weiteres geschehen und zunächst eine Volksküche (Speiseanstalt)
an Stelle der während der Seuche in der Kaserne improvisierten
Suppenanstalt bleibend eingerichtet werden solle. Durch Aufruf
vom 8. Oktober 1867 wurde dann auf den 11. gl. Monats ins alte
Schützenhaus eine öffentliche Versammlung einberufen, um hierfür
eine Gesellschaft zu bilden und die Vorsteherschaft zu wählen,
deren Präsidium mir übertragen wurde; als Gesellschaftskapital
wurden 24,880 Fr. beigebracht, statt des verlangten Maximums von
10,000 Fr. Mit Energie wurde zur Einrichtung der Speiseanstalt
in einem damals noch an der Löwengasse stehenden, seither be-
hufs Anlage des Bahnhof quartiers beseitigten Zeughaus geschritten,
so dass dieselbe schon am 21. Oktober eröffnet werden konnte. Im
Anfang war der Besuch recht befriedigend, über 500 Personen täg-
Hch, sank aber vom folgenden Frühjahr an immer mehr, so dass
im Frühjahr 1869 die mit grossen Hoffnungen begonnene Anstalt
eingestellt wurde ; ein erheblicher Teil des Kapitals blieb immerhin
gerettet und wurde dem damals in Ausführung genommenen
Kinderspital in Hottingen zugewendet."
Recht übel traf es in dieser Cholerazeit mit ihrem Besuch in
Zürich die Kaiserin Elisabeth von Österreich, welche am Samstag
I04 XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT MOUSSON o
den 24. August hier eintraf tmd bei strömendem Regen von einer
grossen Volksmenge erwartet wurde. Sie stieg im ,,Baur au lac"
ab. Der Zweck ihrer Reise nach Zürich war der Besuch ihrer
hier weilenden Schwestern, von denen die eine, die Gräfin Trani,
im ,,Venedigli" in der Enge, die Exkönigin von Neapel aber im
Seefeld woluite. Schon nach wenigen Tagen verreisten die drei
Schwestern an den Rheinfall, um dort den Kaiser Franz Joseph
zu erwarten, mit dem sich die Kaiserin nach Paris begab. Beim
Abschied von Zürich hatte die Kaiserin versprochen wieder-
zukommen, imd sie kam wieder, aber — im Sarge! Am Freitag
den 9. September 1898 stiess ihr in Genf Luigi Luccheni seine
spitzige Feile ins Herz. Der Hofzug mit der Leiche passierte
Zürich am ]\Iittwoch den 14. September, nachmittags nach 4 Uhr.
,,Fast lautlos fuhr er in die Bahnhofhalle ein. Er zählte sieben
Wagen; im dritten lag die Kaiserin. Durch die Fenster sahen wir
von einem danebenstehenden leeren Eisenbahnzug aus den braunen
Eichensarg, mit einigen Kränzen bedeckt. Den reichsten Blumen-
schm.uck fülirte der zweite Wagen mit sich. Einige Kranzspenden
der versammelten Österreicher Zürichs wurden noch in den Wagen
untergebracht, eine neue Lokom-otive vorgespannt, und dann rollte
der Zug in geisterhafter Geräuschlosigkeit wieder fort."
In dem wichtigen Amt des Stadtschreibers trat im Frühjahr
1868 ein Wechsel ein infolge des Übertritts von Dr. Eugen Escher
zur ,, Neuen Zürcher Zeitimg". Der letztere hatte seine Stelle als
Nachfolger von Stadtschreiber Heinrich Gysi-Schinz (f 1878) am
I. Februar 1857 angetreten. Dr. jur. Eugen Escher, geb. 1831, be-
gann seine Laufbahn im Jahre 1854 als Kommissionssekretär beim
Bezirksgericht Zürich und wurde dann Ende 1855 zum Mitglied
des Bezirksgerichts gewählt. Als Stadtschreiber wurde er sogleich
Mitghed einer schon 1855 eingesetzten Kommission für Revision
der sogenannten ,, Stadtverfassung" und erhielt dadurch Ge-
legenheit, auf diejenigen Änderungen in der städtischen Ver-
waltungsorganisation hinzuwirken, welche durch das auf den
20. Juni 1855 in Kraft getretene Gemeindegesetz oder sonst durch
die veränderten Zeitverhältnisse und mit Rücksicht auf die an
die vStadtbehörden herantretenden gesteigerten Anforderungen
angezeigt schienen. ,,Vor allem bemülite ich mich, die noch immer
sich zeigende, aus altern Zeiten überkommene Geheimnistuerei
o XXX. KAPITEL: STADTPRÄSIDBNT MOUSSON 105
Über die Vorgänge und Bestrebungen in der Stadtverwaltung zu
beseitigen und an deren Stelle eine regelmässige, sich gegenseitig
stützende und fördernde Wechselwirkung zwischen Behörden und
Bevölkerung zu setzen. Zu diesem Ende kamen jährliche Ge-
schäftsberichte der Stadtbehörden an den Grossen Stadtrat und
die Gemeinde, sowie Jahresvoranschläge und Rechnungsübersich-
ten zur Einführung. Aus den stadträtlichen Verhandlimgen, so-
weit dieselben sich zur Veröffentlichung eigneten, erhielten die
öffentlichen Blätter regelmässige Mitteilungen. Die Sitzungen des
Grossen Stadtrates wurden öffentlich erklärt."
Zum Stadtschreiber an Stelle von Dr. Eugen Escher wurde
im April 1868 gewählt Johann Bernhard Spyri, der bisherige
Rechtskonsulent der Stadt Zürich. Spyri war 1821 geboren imd
hat als Fürsprech und Redaktor der konservativen ,, Eidgenös-
sischen Zeitung", ganz besonders aber durch seine treffliche Amts-
führimg als Stadtschreiber sich einen sehr geachteten Namen ge-
macht. Noch bekannter als er war seine Gattin, die liebens-
würdige, geistvolle, sinnige Jugendschriftstellerin Johanna Spyri,
Verfasserin des ,, Heidi" usw. (f 7- Juli 1901). Von ihrer ersten
Erzählung schrieb Widmann: ,,Wie eine feine Musik läuten, der
Seele nur hörbar, die Glocken von Peschiera am Gardasee bis
hinauf zu den blumigen Matten Sils und Maloja. Es war nicht
berechnende Kunst, die das erreicht. Es war das echte Talent,
das Johanna Spyri von ihrer Mutter Meta Heusser, der Dichterin
schöner geisthcher Lieder, geerbt hatte". — Spyris Nachfolger
als Rechtskonsulent der Stadt Zürich wurde Fürsprech Dr.
Georg Mousson, der dritte Sohn des Stadtpräsidenten (Rechts-
konsulent bis 1903, 1 1905)- Ein Enkel des Stadtpräsidenten, Sohn
des Bankiers Rud. Em. Heinrich Mousson-v. May, ist Regierungs-
rat Dr. H. Mousson, und ein jüngerer Bruder des Stadtpräsidenten
(geb. 1805, t 1890) war der ausgezeichnete Professor der Physik
Joh. Rud. Albert Mousson. Stadtschreiber Bernhard Spyri starb
im Amte am 19. Dezember 1884. Sein Konkurrent bei der Be-
werbung um das Stadtschreiberamt im Jahre 1868 war Dr. Römer
gewesen, dem dann jedoch — am 22. August 1869 — die Ehre
der Wahl zum Stadtpräsidenten vorbehalten blieb.
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EINUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DIE GROSSE BAUPERIODE
Von einer ,, grossen" Bauperiode wird man sprechen dürfen,
wenn in wenigen Jahrzehnten, 1860 — 1889, sechs neue
Stadtquartiere entstehen, zwei neue Brücken über die Limmat
geschlagen werden, der See sich mit den Quaianlagen umsäumt,
mit Wasserversorgung und ,, Kloakenreform" den sanitären An-
forderungen Genüge geleistet wird und durch neue Eisenbahn-
verbindungen, Tram und Telephon der Verkehr eine ungeahnte
Ausdehnmig gewinnt.
Mit der baulichen Entwicklung Zürichs in dieser Zeit ist vor
allem der Name von Dr. Arnold Bürkli-Ziegler verknüpft, dessen
Lebensbild Dr. J. Escher-Bürkli im Neujahrsblatt des Waisenhauses
1905 gezeichnet hat. Stadtingenieur Arnold Bürkli war der Sohn
von Rittmeister und Stadtpräsident Georg Konrad Bürkli. Als
er am 2. Februar 1833 geboren wurde, bewohnten seine Eltern den
sog. ,, hintern Tiefenhof" (an dessen Stelle sich heute der Neubau
der Eidgenössischen Bank erhebt), siedelten aber bald in den
Neuen Seidenhof über. Bürkli absolvierte die Industrieschule
mit glänzenden Zeugnissen, praktizierte sodann als Ingenieur-
gehilfe beim städtischen Strassen- und Wasserbauwesen und, im
Jahre 1853, '^^ Dienst der Nordostbahn beim Bau der Eisenbahn
Zürich-Winterthur. Nach weiterer Ausbildung auf der Bau-
akademie in Berlin trat er 1858 in den Dienst der Veremigten
Schweizerbahnen in St. Gallen und wurde am 4. Dezember 1860
an die neugeschaffene Stelle eines Stadtingenieurs von Zürich ge-
wählt. Am 21. Mai 1860 war vom Grossen Stadtrat ein ,, Bau-
kollegium" bestellt worden, das dem Stadtrat in allen wichtigen
Baufragen an die Hand zu gehen hatte, und eine der ersten Auf-
gaben, die es dem, Stadtingenieur zuwies, war die Vermessung
der Stadt. Dann bemühte es sich auch, bei den kantonalen Be-
hörden den Erlass eines Baugesetzes für städtische Verhältnisse
auszuwirken, und auf seinen Antrag beschloss die Gemeinde am
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o XXXI. KAPITEIv: DIE GROSSE BAUPERIODE 107
21. November 1861, an den Kantonsrat eine Petition in diesem
Sinne zu richten. Das Gesetz wurde entworfen und trat am
30. Jimi 1863 in Kraft. Auf Grund desselben arbeitete Bürkli
eine allgemeine Bauordnung und spezielle Baureglemente für die
neuen Quartiere aus. Kloakenreform und Wasserversorgung
waren Bürklis Meisterwerk. Sein organisatorisches Talent, sein
technisches Geschick, die sichere und zielbewusste Durchführung
der beiden grossen Werke rückten Bürkli in die erste Reihe der
Fachleute und machten ihn zum. berühmten Manne. Zürich war stolz
auf seinen Stadtingenieur, und der Grosse Stadtrat verlieh ihm
1873 die goldene Verdienstmedaille. Zehn Jahre später, beim
50jährigen Jubiläum der Hochschule Zürich, verlieh ihm die medi-
zinische Fakultät die Würde eines Doctor medicinae honoris causa
wegen seiner Verdienste um die Sanierung der Städte, speziell
Zürichs. Sein Name erhielt europäischen Ruf, und imausgesetzt
wurde Bürkli von Städten der Schweiz und des Auslandes als Ex-
perte bei Wasserversorgungen und andern komplizierten Arbeiten
berufen. Der Stadt erwies er sich ausser in seiner amtlichen Stel-
lung noch besonders nützlich durch seinen freudigen und pflicht-
eifrigen Dienst bei der Feuerwehr, der er von 1878 an als Ober-
feuerkommandant vorstand. Im Militär erreichte er den Grad
eines Majors des Genie. Erst in vorgerückten Jahren nahm Bürkli
an der Politik teil. Anfangs der achtziger Jahre wurde er Mit-
glied des Grossen Stadtrates, wo er sein gewichtiges Wort für die
Einführung der elektrischen Beleuchtung einlegte und sich an der
Organisation der Licht- und Wasserwerke beteiligte. 1883 trat
er auch in den Kantonsrat ein, übernahm während mehre-
ren Jahren die Führung der liberalen Partei und leistete als
Kommissionspräsident einen Hauptanteil an der Ausarbeitung
des neuen Baugesetzes (von 1893). In den Nationalrat wurde
Dr. Arnold Bürkli 1888 gegenüber dem. Sozialdemokraten Vogel-
sanger gewählt. In der Gesellschaft der Schildner zum Schneggen
und auf der Zunft zur Meisen war Bürkli ein besonders reges
Mitglied. Er liebte es, seine Umgebung froh und heiter zu sehen,
und sparte Arbeit tmd Mühe nie, wenn es galt, einem engern oder
weitern Kreise Anregung oder Vergnügen zu bereiten. Als Präsi-
dent seiner Zunft bemühte er sich eifrig um eine gediegene und
würdige Gestaltung der Sechseläuten-Umzüge. Ein erster Schlag-
io8 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
anfall, der ihn am. 3. November 1891 in Martigny traf, nötigte ihn
zur Niederlegmig aller seiner Ämter und Verpflichtmigen ; seine
Bibliothek schenkte er, damit sie nicht brach Hege, dem eidgenös-
sischen Potyteclmikum. Noch einige Jahre genoss er eines schönen
Abendfriedens imd entschlief alsdann in der Frühe des 6. Mai 1894.
Ein Denkstein, der sein Bild und seinen Namen kommenden Ge-
schlechtern überliefert, ist in den Ouaianlagen am 24. Juni 1899
enthüllt worden.
Der zweite der hervorragenden Männer Zürichs, die im Zu-
sammenhang mit der grossen Bauperiode genannt werden müssen,
ist Arnold Vögeli-Bodmer. Als er am 26. Mai 1906 aus dem Bau-
kollegium zurücktrat, hob der Stadtrat in einem offiziellen Dank-
schreiben die Verdienste hervor, die er als kmidiger Beirat der
Leitung jener Verwaltungsabteilung geleistet, ,,der Sie von 1865
bis 1879 selbst in so trefflicher Weise vorgestanden sind, in
den Jahren, da Zürich zu einer modernen Stadt umgeschaffen
wurde, so dass Ihr Name, verbunden mit den bedeutendsten
Bauten imd Anlagen jener Zeit, in der Geschichte des modernen
Zürich unvergessen bleiben wird". Arnold Vögeli ist geboren am
27. Oktober 1826. Er trat 1841 in die k. k. Ingenieur-Akademie
in Wien ein, wurde Leutnant imd später Hauptmann im In-
genieurkorps und machte manchen interessanten Garnisonsdienst
mit. Am 4. Mai 1849 stand er in den Laufgräben von Malghera bei
Venedig zum erstenmal im Feuer und bewahrte als Andenken an
diese Zeit ein kaiserliches Schreiben vom 11. Juni 1849 mit dem
Ausdruck ,, allerhöchster Zufriedenheit bei der Belagerung und
Einnahme von Malghera". Seinen letzten Dienst in der öster-
reichischen Armee leistete Vögeli als Chef des k. k. Geniestabes
der Bundesfestung Mainz. 1861 quittierte er diesen Dienst, ver-
sehen mit einem ehrenvollen Zeugnis ,,für seine ausgezeichnete
und vor dem Feind tapfere Dienstleistung". Nun öffnete sich ihm
auch eine schöne Karriere in der eidgenössischen Armee. Vögeli
wurde am 14. März 1861 Major im eidg. Generalstab, am 6. Januar
1863 Sekretär der kantonalen Militärdirektion in Zürich, am
25. Februar 1865 kantonaler Waffenkommandant des Genie.
Ziun Oberstleutnant im eidg. Generalstab avancierte er am
6. April 1866, zum eidgenössischen Oberst am 25. März 1870,
und vom 18. Januar bis 26. März 1871 hatte er Grenzdienst zu
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 109
tun als Stabschef der 5. Division beim Übertritt der Bourbaki-
Armee. Am 13. Februar 1875 übertrug ihm der Bundesrat das
Kommando der 7. Armee-Division, das er bis Ende 1888 führte.
Seiner Vaterstadt hat Arnold Vögeli seit seiner Rückkehr aus
dem Ausland wertvolle Dienste geleistet, vorerst als MitgUed des
Baukollegiums von 1861 an und gleichzeitig als Sekretär der
Aktiengesellschaft für die Erstellung billiger Wohnungen im Sihl-
feld, deren Präsidium er seit 1868 bekleidete. Am 15. Oktober
1865 wurde er in den engern Stadtrat, am 6. Mai 1866 in den
Grossen Rat gewählt. Er war ferner Präsident der militärisch-
mathematischen Gesellschaft, Gründer und Präsident des schweize-
rischen Vereins der Dampfkesselbesitzer, Vorstandspräsident der
Blinden- und Taubstummenanstalt, Vorstandsmitglied des Kinder-
spitals usw. Die so ausgezeichnete Durchführung der Landes-
ausstellung 1883 war in der Hauptsache das Werk und Verdienst
Vögelis und bildete den Anlass, dass ihn der Bundesrat zum
schweizerischen Generalkommissär an der Pariser Weltausstellung
1889 ernannte, wo er sich den wärmsten Dank seiner Landsleute
erwarb und vom eidg. Handelsdepartement mit einer Statue von
Raimondo Pereda, die an der Ausstellung prämiiert worden war,
beschenkt wurde. Aus dem Stadtrat ist Arnold Vögeli im Mai
1879, aus dem_ Kantonsrat im April 1893 zurückgetreten, aber
bis ans Ende nahm der verehrungswürdige Greis an den öffent-
lichen Dingen das lebendigste Interesse. Er starb am 4. Juni 1915.
Wir könnten nun mit Alfred Escher weiterfahren, welcher für
kurze Zeit Präsident des städtischen Baukollegiums gewesen ist.
Nicht darin lag aber seine Bedeutung für die Stadt Zürich; viel-
mehr ist es die Entwicklung des Eisenbahnwesens, die in Alfred
Escher ihren verdientesten Förderer gefunden hat. Sein Lebens-
bild im, 24. Kapitel hat bereits auf die Kämpfe um die Gotthard-
bahn hingedeutet, die in Stadt und Kanton Zürich mit besonderer
Vehemenz geführt wurden und mit der Bewegung für die Hebung
der Verkehrslinien Zürichs — ganz abgesehen von der National-
bahnkalamität — das Jahrzehnt 1870 — 1880 vollständig aus-
füllten. Zürich interessierte sich nicht nur für die unmittelbar hier
anschliessenden neuen Linien, sondern beteiligte sich auch aufs
HO XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
lebhafteste an den Diskussionen über den Gotthard und seine
Zufahrten, über die Bötzbergbalm (eröffnet am 20. Sept. 1875),
Effretikon-Wetzikon usw., und die um jene Zeit in Zürich amtende
,, Eisenbahnkommission" war massgebender als der Stadtrat. Über
Gebühr mischten sich in diese Eisenbahnfragen parteipolitische
Interessen. Kampf gegen den Gotthard war für viele Leute gleich-
bedeutend mit Kampf gegen Alfred Escher. Politische Gegner
Eschers bestimmten die Wetzikoner Volksversammlung am 17. Ok-
tober 1863 zu einer Protesteingabe an den Grossen Rat gegen eine
Beteiligung des Staates am Gotthardunternehmen, und es be-
durfte einer zweimaligen Volksabstimmung (am 19. Mai und
27. Oktober 1878), um dem Gotthard die zürcherische Nach-
subvention zu sichern. Beim Ausbau des zürcherischen Eisenbahn-
netzes äusserten sich nicht selten Eifersüchteleien zwischen den
einzelnen Landesgegenden. Als die Nordostbahn die Linie durch
das — wie behauptet wurde — geld- imd volksarme Reppischtal
projektierte, opponierte der See, und ein Nationalrat vom linken
Ufer behauptete im Grossen Rat, es sei ja eine einzige Gemeinde
des Bezirks Horgen reicher als das ganze Amt Affoltern! Die
grossartige Einweihungsfeier der Reppischtalbahn (Zürich-Affol-
tern-Zug) am 30. Mai 1864 versöhnte jedoch viele Gegner mit ihr.
Ein Jahr später, am 30. April 1865, konnte die Linie Örlikon-
Bülach-Dielsdorf eingeweiht werden. Der vermehrte Verkehr er-
forderte einen Neubau des Bahnhofs Zürich. Er war am 15. Ok-
tober 1871 vollendet und stand folgenden Tages dem. Publikum
zur Besichtigung offen. Eine bewundernde Menge wälzte sich
abends durch die riesige Halle, und die glänzend erleuchteten Wart-
säle mit ihren schwellenden Polstern, mit den vSpiegeln, Buketts
und plätschernden Springbrunnen, und nicht am wenigsten wurde
der Luxus der Wirtschaftseinrichtungen und die ,, Noblesse" der
Toiletten bestaunt.
Die nächste Eisenbahnlinie, welche in den Bahnhof Zürich
eingeführt werden konnte, war die Linksufrige Zürichseebahn, er-
öffnet am 20. September 1875. Schon beim Bau dieser Linie
imd bei allen weitern Arbeiten bis 1895 stand der Nordostbahn
eine vorzügliche Kraft zur Verfügung in dem spätem Oberingenieur
Doctor honoris causa Robert Moser. Als betriebstechnische Neue-
rung brachte die ,, Linksufrige" die elektrischen Signalglocken auf
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE iii
den Stationen. Reich an Enttäuschungen ist die Geschichte der
Rechtsufrigen Zürichseebahn. Die ersten Unternehmer, Kuchen &
Napier, beabsichtigten, die Linie nach einem Projekt von Kantons-
ingenieur Weth zur Tonhalle und dann auf einer eisernen Brücke
über den Seeausfluss aufs linke Ufer und in den Bahnhof Enge zu
führen. Mit aller Macht wehrte sich Stadtingenieur Bürkli gegen
den die Stadt einschnürenden und verunstaltenden ,, eisernen
Ring" und arbeitete ein Gegenprojekt mit Trasse auf dem rechten
Ufer bis zur Walche aus. Aber Einsprachen bei der Regierung
gegen das Projekt Wetli blieben erfolglos. Da versammelten sich
am 3. Mai 1873 in der Tonhalle 2000 Bürger zu einem energischen
Protest ; in seiner entschiedenen und eindrucksvollen Rede erklärte
hier Stadtrat und Bauherr Oberst Vögeli, dass die Haltung der
Regierung ihr nicht zur Ehre gereiche und nicht im Interesse des
Landes liege. Die Gemeindeversammlung vom 18. Mai 1873 be-
willigte darauf 114 Millionen für die Rechtsufrige Zürichseebahn
unter der Bedingung, dass nach dem Projekt Bürkli gebaut werde.
Es gelang nun, die Konzession auf die Nordostbahn zu übertragen,
welche mit den Erdarbeiten an der Münchhaldenstrasse am 31. De-
zember 1874 begann. Aber nachdem der Tunnel Tiefenbrunnen
1877 zu Vi vollendet war, mussten wegen der Nordostbahn-
krisis die Arbeiten eingestellt werden. Erst viel später konnte man
sie — unter Verlängerung des rechtsufrigen Trasses bis zum
Letten — wieder aufnehmen und am 15. März 1894 die Strecke
Stadelhof en-Rapperswil, am i. Oktober 1894 das letzte Teilstück
Zürich- Stadelhof en dem Verkehr übergeben.
Am 19. Februar 1872 wurde in Zürich ein Initiativkomitee
gegründet für den Bau der Ütlibergbahn. Noch am 22. Oktober
gleichen Jahres erteilte der Kantonsrat die Konzession, und die
Erdarbeiten konnten am 7. November 1873 beginnen. Die Bau-
ausführung begegnete grossen Schwierigkeiten, förderte aber auch
zahlreiche antiquarische Funde zutage. Schon früher hatten die
Überreste des römischen Refugiums und des Wachtturms auf dem
Kulm die Antiquarische Gesellschaft und ihren Präsidenten
Dr. Ferdinand Keller stark beschäftigt, während andere Gelehrte
die sagenhafte Eroberung der Burg des Lüthold von Regensberg
auf dem Ütliberg durch die Zürcher unter Anführung Rudolfs von
Habsburg im Jahre 1268 behandelten. Nun wurden besonders
112 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
beim Bau des Bahnhofs Ütliberg eine Reihe von römischen Gräbern
abgedeckt, welche Dr. Heinrich Zeller- Werdmüller des genauesten
untersuchte imd beschrieb. Weitere Entdeckungen machte man
bei der Abtragung der alten Hochwacht auf dem Kulm und beim
Bau des an Stelle des Beyelschen Gasthauses aus dem Jahr 1839
errichteten grossen Hotels und Restaurants Uto-Kulm. Die
Ütlibergbahn wurde am 12. Mai 1875 eröffnet. Sie war die erste
Bergbahn, welche so bedeutende Steigungen ohne Zahnrad, durch
blosse Adhäsion, überwand, und es war besonders der Energie
des langjährigen verdienten Verwaltungsratspräsidenten Oberst
Huber- Werdmüller zu verdanken, dass das Adhäsionssystem ge-
wählt wurde. Zwischen Station Selnau (417,03 m ü. M.) und
Bahnhof Ütliberg (816,03 m) wird auf einer Strecke von 9130 m
eine Steigtmg von genau 399 m überwunden. Anfangs übertraf
der Zudrang zur Ütlibergbahn alle Erwartungen. Am, 8. August
1875 fuhren auch die Exkaiserin Eugenie und ,,Lulu" auf den
Üthberg; eine grosse Volksmenge befand sich auf dem Kulm,
doch wussten die wenigsten um die Anwesenheit der Kaiserin und
Napoleons IV. Im November 1876 erhielt Schiffsvermieter Treich-
1er in Zürich die Erlaubnis, mit seinem kleinen Dampfschiff den
Schanzengraben zu befahren imd beim Botanischen Garten einen
Landungssteg für die Ütlibergbahn anzulegen. Bald aber sank die
Frequenz der Bahn auffallend. Dazu kamen missliche Verhält-
nisse auf dem Kulm. Ein Gross- Spekulant, der fast bei allen
wichtigeren Liegenschaftenkäufen die Hand im Spiel hatte, kaufte
schon 1872 alles Erreichbare auf dem Ütliberg zusammen, erbaute
das Kulm-Hotel und später noch ein zweites, grösseres ,, Hotel
Ütliberg" auf der ,,Ägerten". Am Montag nachmittag den 4. No-
vember 1878 genossen die Bewohner Zürichs den schaurig-schönen
Anblick des brennenden Kulm-Hotels. Bald darauf verkaufte und
verpachtete der Eigentümer sem Ütlibergbesitztum und zog sich
auf ein Stadthotel zurück, und hier kam es im Oktober 1880 bei
einem Streit mit seinem Schwiegersohn an den Tag, dass dieser
auf sein Anstiften das Kulmhotel angezündet hatte. Der Kriminal-
rom.an des Spekulanten schloss mit dem Zuchthaus ab. — Im
Jahre 1881 kaufte HoteUer Landry das ,, Hotel Ütliberg", das er
1897 an die Ütlibergbahngesellschaft wieder verkaufte, und diese
führt seitdem das Hotel und das neue kleinere Restaurant Ute-
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 113
Kulm. — In Zürich hätten wir nur noch die Seilbahn zum Poly-
technikum zu erwähnen, welche am 8. Januar 1889 eröffnet wurde.
Der Bau hatte jahrelange Verzögerungen erlitten, bis das Trasse
bestimmt und für den Durchbruch der Häuserreihe am Seüer-
graben das Restaurant ,,Ivimmatbrücke" abgebrochen war.
Es war für die Stadt Zürich von Wichtigkeit, dass das Bau-
gesetz von 1863 in seinem § 62 eine Reform des Kloakenwesens
durch Erstellung unterirdischer Abzugskanäle in allen Strassen
forderte. Kleinere Kanäle dieser Art waren von Bürkli zum Teil
schon in Angriff genommen worden. Der erste grosse Kanal
wurde 1864 beim Bau der Bahnhofstrasse gelegt und war dazu be-
stimmt, die Abwässer des grössten Teils der ,, kleinen Stadt" auf-
zunehm.en. Im Zusamm^enhang mit der Kanalisation hatte eine
gründliche Änderung der Abortverhältnisse und die Beseitigung
der alten schrecklichen ,,Ehgräben" stattzufinden. Bürkli unter-
nahm 1864 zu diesem Zweck eine Studienreise nach Frankreich
und England und legte ihre Ergebnisse in einem sorgfältigen Be-
richte nieder. Die Gemeindeversam.mlung vom 3. März 1867 ge-
nehmigte das Projekt, und es wurde zur Durchführung der Kloaken-
reform ein besonderes i^nleihen von einer Million aufgenommen.
Bürklis Vorschläge zur Entwässerung von Zürich bestanden in
einem einfachen System von Kanälen, gemeinsam für Schmutz-
und Regenwasser, in Verbindung mit der Anwendung von beweg-
lichen Abtrittkübeln. Mit den letztern wurde im Niederdorf der
Anfang gemacht imd sodann die Kanalisation nach imd nach in
den einzelnen Stadtteilen durchgeführt. Ein noch weiter gehendes
Projekt Bürklis vom Jahre 1874 bezweckte die Klärung der Ab-
wässer durch die Anlage von Rieselfeldern im Limmattal, und es
vollzog auf seinen Antrag der Grosse Stadtrat am 24. Februar
1874 vorsorglich die nötigen Landkäufe. Während jedoch Bürkli
mit dem Strickhofdirektor Hafter eine Studienreise zur Besich-
tigung von Berieselungsanlagen unternahm, erhob sich gegen
sein Projekt eine starke Opposition, namentHch von selten der-
jenigen Gem_einden, auf deren Gebiet das Berieselungsfeld geplant
war. Da bei den Handverkäufen im Limmattal auch der oben er-
wähnte Spekulant beteiligt war, wurde dieser Umstand von der
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114 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Opposition mit durchschlagendem Erfolg gegen das Projekt aus-
gebeutet. Ganz gebrochen kehrte Bürkli aus der Gemeinde-
versammlung vom 2. Februar 1879, welche sein Projekt verwarf,
nach Hause zurück. Immerhin wurde in einer zweiten Gemeinde-
versammlmig, acht Tage später, die Abrechnung über die Land-
käufe genehmigt, und im folgenden Jahre beschloss die Gemeinde
sehr vernünftigerweise, das Land zu behalten und zu verpachten,
das Hardhüsli aber der Abfuhrunternehmung zur Verfügung zu
stellen. ^
Für die Wasserversorgung hatte Bürkli schon im Jahre 1863
ein erstes Projekt ausgearbeitet. Weitere Studien und Besichti-
gungen im Ausland führten ihn im Jahr 1867 dazu, ein doppeltes
System vorzuschlagen: vermehrte Quellwasserzuleitung für die
öffentlichen Brunnen und Verwendung von filtriertem Fluss-
wasser für den Hausgebrauch. Obwohl gegen diese letztere Ver-
wendungsart viele Befürchtungen laut wurden, genehmigte die
Gemeinde am 6. September 1868 das Projekt. Es wurde ein Filter
im Limmatbett, oberhalb der Münsterbrücke, gebaut, das gereinigte
Wasser durch eine im Fluss versenkte Rohrleitung zum Pump-
werk am Obern Mühlesteg gefülirt, von dort in die Reservoirs in
der Spitalwiese und bei der Sternwarte hinaufgepumpt und in
die Stadt verteilt. Bald genügte aber das Pumpwerk nicht mehr.
Im September 1871 waren von den 1480 Wohnhäusern der Stadt
schon 902 an die Wasserversorgung angeschlossen. Es musste ein
provisorisches neues Pumpwerk mit Dampfbetrieb beim Kornhaus
hinter dem Bahnhof errichtet und benutzt werden bis zur Voll-
endvmg des grossen Pumpwerks im Letten, das im Mai 1878 dem
Betrieb übergeben wurde. Es pumpte nicht nur Brauchwasser,
sondern lieferte mittelst Drahtseiltransmission und Wassertrans-
mission auch Triebkraft über die Limmat ins Industriequartier.
Im Jahre 1883 schritt die Stadt zu einer bedeutenden Erweiterung
der Wasserversorgung durch Angliederung einer dritten Druck-
zone mit Reserv^oir an der Klein joggstrasse auf der Höhe des
Forstes. Man glaubte damit die Wasserversorgung für längere
Zeit erledigt zu haben, als im Frühjahr 1884 eine schwere
Typhusepidemie ausbrach, deren Ursache in einer Schadhaftigkeit
des Filters und der Wasserleitung in der Limmat vermutet wurde.
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 115
Es führte das zu einer totalen Änderung der Wasserfassungsan-
lage. Das Wasser wurde nun nicht mehr der Ivimmat entnommen,
sondern im See gefasst, etwa 200 m oberhalb der Quaibrücke in
12 m Tiefe, und es hatte vor dem Eintritt in das Pumpwerk eine
Filteranlage im Industriequartier, beim Einfluss der Sihl in die
Limmat, zu passieren. Mit Eröffnung der neuen Anlagen im
Jahre 1886 war eine zweite Bauperiode der Wasserversorgung
abgeschlossen. s|.
Der Bau der Bahnhofstrasse an Stelle des alten Fröschen-
grabens (1864), der Bahnhof brücke (1863) und des Bahnhof-
quartiers wurde im I. Band, Seite 346/347 erwähnt. Das Bahnhof-
quartier belebte sich ziemlich rasch mit stattlichen Bauten. In
der ,, Ausstellungszeitung" wurde an die in dieser Gegend statt-
gefundenen Hinrichtungen erinnert und beigefügt: ,,Ich sehe ihn
noch, den Besitzer des Kartoffelackers, der, mit einem, grossen
Prügel bewaffnet, das schaulustige Volk daran zu hindern suchte,
seine Pflanzung zu verwüsten, während die armen Sünder in einem
Zweispänner langsam vorüberfuhren. Heute gleitet der Tramway
in seinem würdigen Tempo über die Stelle, wo Todesqualen aus-
gestanden wurden, und elegante Luxusläden wachsen da, wo vor
25 Jahren noch Kartoffeln wuchsen." Die Einmiündung des Renn-
w^egs in die Bahnhofstrasse erforderte die Niederlegung des Renn-
wegtors (1866), dessen gewaltiges Mauerwerk der Zerstörung zähen
Widerstand bot. Ausserdem mussten (1872) noch acht Häuser
am innern Rennweg niedergerissen werden. Von der Ausmündung
des Rennwegs an wurde eine neue Strasse nach dem Ötenbacherhof
(Areal der Strafanstalt) und am Wollenhof vorbei zum Obern
Mühlesteg und eine w^eitere Strasse als Zufahrt vom Lindenhof
her erstellt. Der ,,Rain", ein eigenartiger Baurest mitten im Renn-
weg, wurde 1880 abgetragen. 1878 kaufte die Stadt den Wollen-
hof zur Sicherung des Zugangs von der Schipfe zum Bahnhof.
Der geradlinigen Fortsetzung der Bahnhofstrasse zum See
stand der Baugartenhügel mit dem Kratzturm im. Wege (der
Standort des Kratzturms befindet sich genau in der Mitte der
Fahrbahn der obern Bahnhofstrasse und wird von der südlichen
Baulinie der Börsenstrasse geschnitten). Der an den Kratzturm
sich schmiegende Baugartenhügel war einer der malerischen Punkte
ii6 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
des alten Zürich und bot in seiner reizvoll gelegenen Gartenwirt-
schaft einen herrlichen Ausbhck auf See und Gebirge. Der Wunsch,
dieses charakteristische Wahrzeichen dem Stadtbild Zürichs zu
erhalten, lässt sich verstehen, doch hielt der Stadtingenieur die
Beseitigung im Interesse einer rationellen Gestaltung des neuen
Stadthausquartiers für unvermeidlich. Die Lösung der Frage
wurde dringhch, als das Projekt des Börsenbaues, der in das
Baugartenareal hineingestellt werden sollte, auftauchte und Gefahr
bestand, dass die zu seinen Gunsten von den Erben Bodmer zur
,,Arch" gemachte Schenkung von 500,000 Fr. dahinfallen könnte,
wenn die Baufrist nicht innegehalten würde. Die Opposition gegen
die Pläne des Stadtingenieurs ging von der Baugartengesellschaft
aus, welche den Baugarten als Stammlokal von der Stadt ge-
pachtet und zu den ihr dienlichen Tagesstunden für sich reserviert
hatte, so dass das weitere Publikum nur zu bestimmten Zeiten
Zutritt zum Baugarten erhielt. Die Baugartengesellschaft, eine
anfänglich ziemlich exklusive geselHge Vereinigung, ist am 5. Sep-
tember 1802 auf der ,,Waag" gegründet worden. Sie benützte
schon seit 1807 den Baugarten als Sommerlokal, mid nun tat es
ihr begreiflicherweise leid genug, das lieb gewordene Heim ver-
lassen zu müssen. Doch machte sie für ihren Widerstand nicht
egoistische, sondern allgemeine Interessen geltend: sie wollte, wie
es in einer Publikation hiess, die Stadt ,,an zu unvorsichtig raschem
Vorgehen in der Bauentwicklung" zu verhindern suchen. Als die
Gemeinde am 19. März 1876 den Vertrag mit der Kaufmännischen
Gesellschaft über den Börsenbau angenommen hatte, wurde der
Baugartengesellschaft die Pacht gekündet mid zugleich der Wunsch
geäussert, dass sie noch vor Ablauf des Pachttermins den Bau-
garten räumen möge. Darauf trat die Gesellschaft zunächst nicht
ein, doch einigte man sich schUesslich auf den 31. Oktober 1876
als Räumungstermin. Die Gesellschaft versuchte dann noch, auf
dem Wege einer in Umlauf gesetzten Petition den Zeitpunkt des
Abbruchs hinauszuschieben; sie wurde jedoch abgewiesen, imd
am 22. Januar 1877 vergab der Stadtrat die Abbruchsarbeiten.
Stadtrat Vögeli, obwohl Mitghed der Baugartengesellschaft, hatte
mit aller Energie den Standpunkt des Stadtingenieurs verfochten
und das Vorgehen der Gesellschaft missbüligt. Im März 1877
wurde der Kratzturm abgetragen, der alte Kratzplatz und der bis
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 117
zum See reichende Baugarten vereinigten sich mit den seit 1850
bestehenden „Stadthausanlagen"; an der Westseite der durch-
geführten Bahnhofstrasse erstand in den Jahren 1877 — 1880 der
stolze Börsenbau (mit südlich anstossendem Haus Abegg, 1901),
der Börse gegenüber, an der Nordseite der Börsenstrasse, baute
Henneberg 1882 sein palastähnliches Geschäftshaus und den Stadt-
hausanlagen gegenüber, Börsenstrasse 10, Guyer-Zeller 1885 sei-
nen ,,Gryffenberg". Der Baugartengesellschaft aber kehrten nach
ihrer Vertreibung aus dem Stammsitz viele ihrer Mitglieder grol-
lend den Rücken, und die noch übrig bleibenden wurden vom
letzten überlebenden Vorstandsmitglied, Oberst Vögeli-Bodmer,
auf den 13. Januar 1904 zusammenberufen, um die förmliche
Liquidation zu beschliessen. Auf der Saffran fand am 11. Fe-
bruar 1904 die letzte Generalversammlung statt.
Wenn schon ums Jahr 1220 Bischof Otto von Freising den
Ausspruch ttm konnte: ,,Wen Gott lieb hat, dem schenkt er ein
Haus in Zürich", was hätte er erst im 19. Jahrhundert sagen
müssen beim Anblick dessen, was aus dem Fröschengraben ge-
worden ist! Zürich begann auch im Innern eine schöne Stadt zu
werden, und das von Bürkli bei der Quaifeier zitierte Wort Ben-
venuto Cellinis: ,, Zürich, eine wunderherrliche Stadt, schmuck wie
ein Juwel", das in bezug auf seine Lage zu allen Zeiten Geltung
hatte, wurde nun erst zur vollen Wahrheit. An der Bahnhof-
strasse erstanden Jahr um Jahr elegante moderne Bauten und
gaben ihr mehr und mehr ein grosstädtisches Aussehen. Um den
Bahnhofplatz, auf dem 1880 zu Ehren des eidgenössischen Sänger-
festes eine Prachtsfontäne ihren Wasserstrahl emporsandte — an
der Stelle, wo 1889 das Alfred Escher-Denkmal enthüllt wurde —
reihten sich die Hotelpaläste, erst das ,, National" und dann (1882)
das ,, Viktoria". Von den modernen Privathäusern an der Bahnhof-
strasse war eines der ersten dasjenige des Photographen Ganz;
1869 wurde das Haus Waltisbühl erbaut, 1870 das jetzt schon
wieder verschwundene ,, Windegg" beim Paradeplatz, 1883 das
Haus des Stadtpräsidenten Römer usw. Eine besondere An-
ziehungskraft übte die Gegend der Bahnhofstrasse auf die Banken
aus. Zuerst etablierte sich (1872) die ,, Meisenbank" (Bank in
ii8 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Zürich) auf dem Platz vor der alten Hochscliule; 1875 bezogen
Leu & Cie. iliren ersten grossem Bau an der Bahnhofstrasse
(später an die Bank in Baden abgetreten). Die Kantonalbank
verlebte ilire Jugendjahre in ziemlich patriarchalischen Verhält-
nissen in dem im Hof gelegenen Wohnhaus des alten Feldhofs;
den Dienst der heutigen „Safes" und „Tresors" versah damals ein
riesiger Bernhardiner, der dann aber abgetan werden musste, weil er
noch mehr als die Diebe die Kunden abschreckte. Als die Kan-
tonalbank durch Spekulation aus dem Feldhof verdrängt wurde,
kaufte sie 1872 das Wohnhaus zur „Marienburg" in den hintern
„Tiefenhöfen". Dieses für Bankzwecke ebenfalls wenig geeignete
Haus machte 1902 dem heutigen Prachtbau Platz. Die Schweize-
rische Kreditanstalt befand sich bis 1868 im alten Postgebäude,
dem heutigen Zentralliof, und musste dann einer Erweiterung des
Telegraphenbureaus weichen. Sie siedelte vorerst in die hintern
Tiefenhöfe über, sicherte sich dann aber einen beträchtlichen
Teil des Feldhof areals am Paradeplatz. Im Februar 1873 geneh-
migte der Stadtrat die Pläne für den imposanten Neubau mit
Hauptfassade im reichsten Renaissancestil, der im Jahr 1877 be-
zogen wurde. Den übrigen Teil des Feldhofs hatte der mehr-
erwähnte Spekulant in seine Hände gebracht, der es verstand, die
eidgenössische Post aus der Poststrasse wegzulocken und im Neu-
bau auf dem Feldhofareal an der Bahnhofstrasse einzulogieren,
der am i. Dezember 1873 bezugsfertig war und bis 1898 benutzt
wurde. Das verlassene Posthaus aber bauten Spekulanten zum
,, Zentralhof" um und verkauften das anstossende Areal mit reichem
Gewinn an Private. Der aus 15 Wohnhäusern bestehende Block
mit grossem Hof entstand in den Jahren 1873 — 1875. Der benach-
barte Häuserblock des ,, Kappelerhof es" war etwa ein Jahrzehnt
später vollendet, und er schnitt schon tief ins alte Kratzquartier ein.
Das Kratzquartier! Wer kennt sich dort noch aus? Wer
erinnert sich noch an das ,,Cafe Frieden", über dessen Stätte
heute der Postturm ragt, an den ,, Gasthof zur Sonne" (ungefähr
in der Mitte der heutigen Postfassade), an den ,, Goldenen Ring"
(beim Eingang ins Metropol- Restaurant an der Fraumünster-
strasse) ! Verschwunden ist die ganze Herrlichkeit. Auch dem
alten Stadthaus, samt der ,, Bauhütte", schlug seine Stunde. Es
wurde 1886 abgebrochen, nachdem 1885 das neue Verwaltungs-
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53
i
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 119
gebäude im Fraumünsteramt, Ecke Fraumünsterstrasse-Kappeler-
gasse, bezogen worden war (es ist dies der ältere Teil des heutigen,
viel grösseren Stadthauses). Der Häuserblock am Stadthausquai
Nr. I — 7, an der Stelle des alten Stadthauses, wurde 1887 — 1889
erbaut. Mit den alten Gassen und Plätzen des Kratzquartiers ist
auch sein Name verschwunden; es heisst jetzt Stadthausquartier.
Vom Selnauquartier (u. a. Westend-Terrasse, 1872 erbaut)
und Stadelhof erquartier, deren Entstehen ebenfalls in die ,, grosse
Bauperiode" fällt, ist im I. Band, Seite 343 imd 345, gesprochen
worden. Am 19. Dezember 1880 erhielt der Stadtrat vom Grossen
Stadtrat den Auftrag, die Ausfüllung des Hafens bei der Tonhalle
sofort einzuleiten. Eine mit 800 Unterschriften bedeckte Petition
hatte schon vorher den Stadtrat ersucht, den sog. ,, Trump 1er-
turm" zu beseitigen. Als ,, Trümpierturm" bezeichnete der Volks-
mimd das ehemals an der Torgasse Nr. 37 stehende Trümpler-
Greutersche Wohnhaus. Die Torgasse bildete vor 1839 ^^^ zu-
sammenhängende Häuserreihe vom Oberdorf türm (bei der jetzigen
Somienapotheke) bis an den Seeausfluss. Der unterste Teil der
Torgasse, das Trümpierhaus Nr. 37, das Haus zum ,,Egli" Nr. 39
und das Magazin für das nach Luzern, Zug etc. zu verschiffende
Salz weitete sich zu einem zusammenhängenden Block von un-
regelmässigem Grundriss. Nun wurde beim Durchbruch des
Sonnenquai 1839 dieser ganze Block von der Torgasse abgeschnit-
ten, imd das dem Durchbruch ziuiächst stehende Haus Nr. 37
erhielt dadurch die turmähnliche Gestalt, die ihm seinen Über-
namen eintrug. Das Haus zum ,,Egli" mit anstossenden Gebäu-
lichkeiten wurde um die Mitte des Jahrhunderts zum ,, Hotel
Bellevue" ausgebaut, auf welches Wirt Gujer vom ,, Raben" oder
,, Hotel Bilharz" (Hechtplatz i) herüberkam. Durch den Abbruch
des im Jahr 1879 von der Stadt angekauften Trümpierhauses
wurde das ,, Bellevue" nach dem Sonnenquai hin freigelegt; auf
der andern Seite führte ein schmaler Uferweg seiner Front entlang.
Nach dem Bellevueplatz war dem Hotel das 1850/52 errichtete
neue Salzhaus vorgebaut, das dann ungefähr gleichzeitig wie das
Trümpierhaus wieder abgebrochen wurde, während durch den
Quaibrückenbau und die Hafenausfüllimg der Uferweg sich zum
120 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Quai erweiterte. Das aus seinen Anbauten allmählich herausgeschälte
Hotel Bellevue kauften 1872 Ermell & Pohl, welche mit ihm
später einen bedeutend verschönernden Umbau vornehmen Hessen.
Als ,,Zährmgerquartier" ist die Gegend des alten Spitals
(Band I, 26, 332) zu betrachten. Der Hauptbestandteil seines
Strassennetzes ist die Zähringerstrasse, von der Seitenstrassen
nach dem Niederdorf und Seilergraben laufen. Im April 1878
wurde mit dem Abbruch der alten Häuser, den Strassenbauten, der
Kanalisation und gleichzeitig auch mit der Erstellung von neuen
Häusern durch Private begonnen. 1883 konnte die Durchführung
dieser Regulierung als vollendet betrachtet werden. Der Erstel-
lung dieses Quartiers fiel auch der letzte, von der alten Befestigung
noch übrig gebliebene Turm, der Ketzerturm oder Gräbliturm am
Seilergraben, zum Opfer. Er hatte noch bis in die neuere Zeit als
Hochwacht, dann als Magazin und Eiskeller gedient und wurde
auch zum Felletrocknen ausgeliehen, und zwar bis 1866, als mit
Rücksicht auf die Geruchsnerven der Professoren am Polytech-
nikum ein Verbot dagegen erging. Der Baumeister, welcher 1878
den Abbruch übernahm, hatte das Unglück, dass ihm der alte
Turm ausbrannte und ein grosser Teil des Abbruchmaterials samt
Gerüst vernichtet wurde. ^^
Durch die Erfahrung belehrt, dass der Limmatquai von An-
fang an viel zu schmal angelegt worden war, genehmigte die Ge-
meinde am 6. November 1887 das grössere Projekt des Grossen
Stadtrates zur Verbreiterung (9 m Fahrbahn mit je 3 m Trottoir
zu beiden Seiten) gegenüber einem billigeren des engern Stadt-
rates. Die Verbreiterung war 1891 durchgeführt. Den Angaben
über Metzgpassage, Schlachthaus, Walche im I. Band (vgl. Re-
gister) sei noch beigefügt, dass die entscheidende Gemeindever-
sammlung für die Erweiterung der Metzgpassage am 14. April 1862
stattfand, die alte Metzg 1865 abgebrochen wurde, das Schlacht-
haus ,, Walche" am i. Mai 1865 bezogen werden konnte und am
IG. April 1866 die Metzger zu Ehren der Eröffnung der neuen
Fleischhalle einen kostümierten Umzug (Mordnacht 1350) ver-
anstalteten. 1867 wurden die ersten privaten Fleischverkaufs-
lokale in der vStadt herum genehmigt und eröffnet. Gegenüber
der Fleischhalle entstanden die Neubauten der Gesellschaft zum
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 121
,,Schneggen" (1864) und der Museumsgesellschaft (1866). Der
„Schneggen" trägt die goldenen Jahrzalilen 1444 — 1864. Seit-
herige Forschungen haben aber ergeben, dass die Entstehung der
Gesellschaft viel weiter hinaufreicht als bis 1444. Der „alte
Schneggen" stand am Platz des heutigen Museums und es hatten
dort die Ratsherren ihre Trinkstube. Der sog. ,,neue Schneggen"
wurde 1398 — 1400 an das damals neue Rathaus angebaut. Er
stiess im rechten Winkel an die Nordostecke des Rathauses und
sprang gegen die Marktgasse hin vor, und es steht fest, dass eine
„Gesellschaft der Schildner zum Schneggen" als Erbauerin und Be-
sitzerin dieses Hauses anzusehen ist, so dass für jeden einzelnen
sein Schild der Titel des förmlichen Anteilrechtes am Hause war.
Seit dem Alten Zürichkrieg kam für die Schildner auch der Name
,, Böcke" oder ,, Schwertler" auf. 1694 wurde der ,,neue Schneggen"
gleichzeitig mit dem Rathaus niedergerissen. (Einweihung des
jetzigen Rathauses am 22. Juni 1698.) Den ,, Schildnern" wurde
die „Schützenstube" im Haus zum Schütz zugewiesen. Sie bauten
an seiner Stelle 1754 ein neues Gesellschaftshaus, das 1864 — 1866
durch das heutige Gesellschaftshaus ersetzt wurde. Die Museums-
Gesellschaft hatte zuerst ihr Lesezimmer im Haus zum „grossen
Erker" im Oberdorf; seit 12. April 1843 wohnte sie im ,, Rüden"
bei der adeligen Gesellschaft zur Miete, seit 1867 im eigenen Heim.
Auf dem „Rüden" hatte seit 31. Dezember 1349 die ,, Gesellschaft
der edlen Leute" ihre Trinkstube. Am 30. November 1643 kaufte
die adelige Gesellschaft das Haus; 1868 verkaufte sie es der Stadt
und löste sich 1879 auf. — Weniger glückHch als der Limmat-
quai war die gegenüberliegende Schipfe, deren Korrektion na-
mentlich von Fritz BürkH schon von den 60er Jahren an un-
ablässig gefordert wurde. Er erlebte sie nicht mehr, und ob die
heutige Generation sie noch sehen wird, ist die Frage. Im Haus
zum ,, grossen Luchs" an der Schipfe ist im Jahre 1865 die erste
schweizerische Brief Umschlagfabrik von F. Wagner gegründet und
damit in unserm Lande eine neue Industrie eingeführt worden.
Die Gemeindeversammlung vom 18. Mai 1873, welche die
Rechtsufrige Zürichseebahn auf das richtige Geleise brachte, be-
auftragte zugleich den vStadtrat, sofort nach Sicherstellung dieser
122 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Bahn der Gemeindeversammlung eine Vorlage betr. Ausführung
der neuen Quaianlagen samt Brücke über die Limmat zu machen,
in dem Sinne, dass diese Bauten, soweit sie städtisches Gebiet
betreffen, mit Vollendimg der beidseitigen Seebahnen ebenfalls
vollendet würden. Der Stadtrat hatte aber schon von sich aus,
im August 1872, den Gemeinden Riesbach, Enge und Wollishofen
einen Vorschlag zu gemeinsamer Ausführimg der Quaibauten
unterbreitet. Wollishofen lehnte, weil zu weit entlegen, ab, da-
gegen fiel in Enge und Riesbach die Anregung auf günstigen Boden.
Nach dem Gemeindebeschluss von 1873 arbeitete dann Stadt-
ingenieur Bürkli, gemeinsam mit dem damaligen Bauvorstand
der Gememde Riesbach, Oberst P. E. Huber-Werdmüller, das
erste Projekt aus, das denn auch bei der Plankonkurrenz von 1874
über 27 andere Projekte den Sieg davontrug. Bürkli gehörte auch
der aus Vertretern der drei Seequaigemeinden gebildeten ,, See-
quai-Kommission" an, und auf sein Betreiben war schon 1871
durch das neue Wasserbaugesetz Vorsorge getroffen, dass bei
grössern Quaianlagen die Anstösser zu einem entsprechenden Bei-
trag an die Kosten verpfhchtet werden konnten, wodurch die
finanzielle Basis für grosse Unternehmimgen dieser Art gewonnen
war. Doch bheben noch grosse Schwierigkeiten zu überwinden.
In der ,, Freitagszeitung" äusserte sich (1879) ^^^ heftige Oppo-
sition gegen den ,, Quaibautenschwindel", welcher es wohl zuzu-
schreiben war, dass die am 18. Mai 1880 für die Bildung eines
,, Seequai- Gar antievereins" verlangten Beiträge nicht gezeichnet
wurden. Der Verein konstitmerte sich gleichwohl im Jimi 1880.
Der endgültige Entscheid fiel aber erst am 4. September 1881,
an welchem Tage, nach mühsam zuwege gebrachter Finanzierung,
den gleichzeitigen Gemeindeversammlungen von Zürich, Enge
imd Riesbach der Vertrag über die Quaibaute zur Genehmigung
vorgelegt wurde. In Zürich wurde der Vertrag mit 1576 gegen
373 Stimmen angenommen, in Enge imd Riesbach nahezu ein-
stimmig, imd mit Kanonendonner ward das grosse Ereignis ge-
feiert. Die Ausführung wurde einer besondern ,, Quai-Unterneh-
mung" übertragen, die im Februar 1882 Bürkli zu ihrem leitenden
Ingenieur berief. Infolgedessen verliess Bürkli den Dienst der
Stadt, aber nur, um eine erweiterte Wirksamkeit für ein neues
Zürich anzutreten; war doch der Zusammenschluss der drei Quai-
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 123
gemeinden zur Durchführung des grossen gemeinsamen Unter-
nehmens nur der Vorläufer der ein Jahrzehnt später erfolgten
Vereinigung Zürichs mit seinen Ausgemeinden. Grosse vSchwierig-
keiten bereitete beim Bau der Quaibrücke die schlechte Beschaffen-
heit des rechtseitigen Ufers, und ein guter Freund ärgerte Bürkli
täglich mit der „Dummen Frage" im „Tagblatt": „Wann wird
endlich die Quaibrücke mit dem Festlande verbunden?" Zur
Strafe für die Neckerei musste ihm dann der gute Freund die
ersten 100,000 Fr. für die Dampfschwalbengesellschaft zeichnen.
Da von einer förmlichen Einweihung der Quaibrücke abgesehen
werden sollte, veranstaltete Bürkli von sich aus eine kleine Fest-
lichkeit: Am Silvesternachmittag des Jahres 1884 bewegte sich
über die zum erstenmal geöffnete Brücke ein langer Zug, voran die
Arbeiter mit ihren Werkzeugen, dann eine endlose Reihe von
Wagen, eleganten Equipagen, Müllerei- und Bierfuhrwerken und
Geschäftswagen aller Art. Zweieinhalb Jahre später war die ganze
Quaianlage, soweit sie vorerst geplant war, vollendet. Ein fröh-
licher Kinderumzug und eine imposante, würdevolle Volksfeier
gaben dem denkwürdigen Momente die Weihe. Anerkennung,
lyob und Auszeichnung senkten sich von allen Seiten auf den Er-
bauer des grossen Werkes; die drei Quaigemeinden stifteten einen
Lorbeerkranz, und der Vertreter der Stadt sprach es aus, dass der
Name Bürklis auf immer mit den Quaianlagen verbunden sein
werde, die ein Denkmal zu seiner Ehre seien, dauernder als Erz,
Mehr noch freute ihn wohl das schlichte Denkblatt seiner Unter-
gebenen, welches lautete: ,,Die Arbeiter der Direktion am Quai-
bau in Zürich stiften dieses Andenken dem Quai-Ingenieur
A. Bürkli-Ziegler von Zürich, in Erinnerung an dessen väterliche
Fürsorge für die Arbeiter, überreicht am Tage der Eröffnung des
Quais nach fünfjähriger Bauzeit am 3. Juli 1887". Und der
Sprecher der Abordnung fügte hinzu: ,,Möge dieses Andenken
Ihnen dienen zur Erinnerung, dass Sie zu dem grossen Werke, das
Sie geschaffen, auch manch gutes Werk getan haben." Mit der
Quaifeier war auch eine feierliche Taufe von Brücke imd Quais
verbunden: Quaibrücke, Stadthausplatz (jetzt Bürkliplatz), Alpen-
quai, Mjrthenquai, Utoquai und Seefeldquai lauteten die von der
Terrasse verkündeten Namen. Noch im gleichen Jahr, am 18. De-
zember 1887, beschloss die Gemeinde Riesbach Fortsetzung des
124 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Seefeldquai bis zum Zürichhorn, das sie schon am 17. Dezember
1882 angekauft hatte, um es in eine öffenthche Anlage umzuwan-
deln, mid mit den neuen Quais wurde auch der Hafen Riesbach
eröffnet, der den eingedeckten Hafen beim Bellevue ersetzte.
Die hölzerne Rathaus- oder Gemüsebrücke erfuhr in den
Jahren 1880/1881 einen gründlichen Umbau, wobei auch die Ver-
kauf släden auf der Brücke beseitigt wurden. Die Gemeinde hatte
am 15. Februar 1880 den Umbau beschlossen und dabei die Er-
richtung einer Gem.üsehalle auf der Brücke vorgesehen. Dagegen
erhob sich jedoch Opposition; eine Petition von Salomon Vögelin,
Bezirksrichter Heinrich v. Wyss u. a. ersuchte den Stadtrat, dieses
das Stadtbild verunstaltende ,, Denkmal der Geschmacklosigkeit"
nicht zu bauen (Januar 1881), und die Petition hatte Erfolg. Als
während einer Kantonsratssitzung der ,, Metzgerstein" bei der Ge-
müsebrücke, ein Findling in der Limmat, gesprengt wurde, sollen
verschiedene Ratsherren erschrocken und ,, weiss" geworden sein.
Zu gleicher Zeit wie die Gemüsebrücke wurde der Waisenhaussteg
umgebaut, d. h. fahrbar mit dem Obern Mühlesteg verbunden;
die Arbeit war ,, nützlich, solid, aber bis zur Unschönheit einfach".
In Aussersihl wurde 1865 dringend die Entfernung der hölzer-
nen, gedeckten Sihlbrücke gefordert, durch welche sich täglich
iioo Fuhrwerke imd 11,000 Personen, oft mit Lebensgefahr, win-
den mussten. Als am 12. März 1866 der Grosse Rat, entgegen dem
Verwerfungsantrag der Winterthurer, den Kredit bewilligte,
krachten die Mörser in Aussersihl, und noch im Oktober wurde
an den Abbruch imd Neubau geschritten. — Im gleichen Jahre
1866 wurden auch gebaut die Militärbrücke bei den Stallungen
an der Sihl und die Usteribrücke über die Mündung des 1862 in
die Süll abgelenkten Schanzengrabens. Die Gessnerbrücke über
die Sihl, in der Richtung der Usteribrücke gelegen, kam erst 1885
dazu. Für eine fahrbare Brücke beim Sihlhölzli bewilligte der
Grosse Stadtrat den nötigen Kredit am 24. Oktober 1886. — Die
Zollbrücke beim Bahnhof war von der Nordostbahn erbaut wor-
den, welche sie gemäss Vertrag mit dem Stadtrat 1861 dem öffent-
lichen Verkehr übergab. — Der Mattensteg zwischen Industrie-
quartier und Platzpromenade wurde 1880 erstellt, der Draht-
Sa
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 125
schmidlisteg 1872, der Lettensteg 1877 erbaut. Die eiserne Fach-
werkbrücke von Wipkingen stammt aus dem Jahr 1871.
,,Im- Kräuel" hiess die Gegend am Unken Sihlufer, etwa von
der jetzigen Kaserne an bis ins Hard. Sie lag im Gemeindebann
Aussersihl, aber die Stadt besass dort noch manche Liegenschaft;
auch viel Bürgerland befand sich von altersher im „Kräuel". Der
Name dünkte aber die Bewohner der dortigen Gegend längst nicht
mehr schön, und es wurde schon 1866 vorgeschlagen, statt dessen
,,Sihlvorstadt" zu sagen. Nun aber entstand seit Mitte der siebziger
Jahre im untern ,, Kräuel" ein eigenthches Industriequartier; im
Jahre 1875 wurden mit der Nordostbahn Unterhandlungen geführt
über Anlage und Betrieb eines besondern Industriegeleises, das
1883 dem Verkehr übergeben wurde. Es verkehrten darauf im
genannten Jahr 4300 Wagen.
Der Bau der Kaserne liess trotz des schon 1864 mit dem Staat
abgeschlossenen Vertrags (Band I, 346) sehr lange auf sich warten.
Auch der Brand der alten Kaserne im Thalacker am 9. Juni 1871,
bei dem der Feuerwehrmann Schreiner Waser das Leben verlor,
förderte den Beginn der Bauarbeiten nicht im gev/ünschten Masse
und es musste noch eine Petition im Jahre 1872 nachhelfen. Das
Übrige tat dann der Brand der Militärbaracken A, B, C auf dem
Kasernenareal im Dezember 1872, wodurch das Militär gänzlich
obdachlos wurde. Erst am 18. Mai 1873 bewilligte die Volksab-
stimmung die erforderlichen Kredite und 1876 war die Kaserne
vollendet. Hinter der Kaserne, von dieser durch den 37,000
Quadratmeter grossen Exerzierplatz getrennt, stehen die Zeug-
häuser, im Geviert angeordnet und im Charakter der Kaserne an-
gepasst. Die Stallungen am rechten Sihlufer, die zuerst als Zeug-
haus benützt worden waren, umfassen ein Magazingebäude für
Artilleriematerial, ein Stallgebäude für 120 Pferde und einen
Reitschopf, sowie — durch eine Strasse getrennt — ein Hauptge-
bäude mit grosser Reitbahn in der Mitte und beidseitig anstos-
senden Stallungen für insgesamt 240 Pferde. Die hübsche Allee
der Sihl entlang vor der Kaserne wurde 1880 angelegt.
126 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Unter den neuen Strassenzügen und Korrektionen nimmt die
grossartige Korrektion der Rämistrasse eine hervorragende Stelle
ein; im August 1885 wurde der darauf bezügliche Vertrag mit
der Immobiliengesellschaft (Architekt Heinrich Ernst) genehmigt.
Der alte Kartoffelmarkt wurde in eine Anlage umgewandelt und
1887 mit der Waldmannstrasse ein Durchbruch nach der Neustadt
vorbereitet, der aber durch spätere Projekte hinfällig geworden ist.
Oben an der Rämistrasse, Ecke Zeltweg, steht das ehemalige Haus
zum ,, Pfauen". Dieser Name ist auf das am Zelt weg ihm gegenüber
errichtete Sommertheater und dann auf die grosse Baute Hürli-
manns zum ,, Pfauen" übergegangen. Im neuen ,, Pfauen" fand
am 9. März 1887 der erste Maskenball statt. In den Jahren 1875
bis 1879 wurde zur Verbindung der neuen schönen Hottinger-
strasse mit dem Hirschengraben die Heimstrasse gebaut und der
Heimplatz angelegt, auf welchem 1883 die schweizerischen Sänger
ihrem Ignaz Heim ein Denkmal errichteten. 1861 war die Freie
Strasse, 1876 die Bergstrasse und die Dufourstrasse, 1884 die
Weinbergstrasse angelegt worden.
Im Juni 1866 wurde der Judenfriedhof beim ,,Geerenhölzli"
eröffnet. Im Dezember 1873 kaufte die Kirchgemeinde Neumünster
die ,, Pfaffenhalde", links von der Forchstrasse gegen die Rehalp,
zur Anlage eines neuen Friedhofs, der am 23. August 1874 mit
einer Ansprache von Pfarrer Hiestand eingeweiht wurde. Der
alte Friedhof St. Anna, mitten in der Stadt, wurde parzelliert,
die dort bestatteten Gebeine Lavaters ausgegraben und am
II. Februar 1882 an der Nordmauer zu St. Peter wieder beigesetzt,
wobei Antistes Finsler, ein Urenkel Lavaters, eine Rede hielt.
Die feierliche Eröffnung des Zentralfriedhofes durch Ansprachen
von Stadtpräsident Dr. Römer und Pfarrer Furrer vom St. Peter
fand statt am 7. Oktober 1877. Auf demselben wurde im nächst-
folgenden Jahrzehnt ein Krematorium erbaut, welches am 15. Juni
1889 eröffnet werden konnte. Dasselbe war ein Werk des Feuer-
bestattungsvereins Zürich, als dessen Gründer Johann Jakob
Wegmann-Ercolani anzusehen ist. Er war der erste, der im Jahre
1874 durch seine Schrift ,,Über Leichenverbrennung als ratio-
nellste Bestattungsart, dem gesunden Menschenverstand gewid-
met", für die Kremation Propaganda machte und auf den 6. März
1874 zu einer ersten Versammlung ins Kasino einlud. Sie war
I
§
§
5)
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 127
SO stark besucht, dass schon am 10. März eine zweite, noch grössere
Versammlung in der St. Peterskirche stattfinden musste und dort
auch die Statuten des Feuerbestattungsvereins angenommen wer-
den konnten. Dem ersten Vorstand gehörten u. a. an die Profes-
soren Albert Heim, G. Kinkel, F. Goll, Eugen Huber, E. Kopp.
Am I. Juli 1900 ging das Krematorium in den Besitz der Stadt
über. Nachdem durch Gesetz vom 29. Juni 1890 die unentgelt-
liche Beerdigung im Kanton Zürich eingeführt worden war, wur-
den auch die I^eichenverbrennungen in Zürich mit dem Über-
gang des Krematoriums an die Stadt unentgeltlich erklärt. — Zu
St. Jakob zogen sich längs der Badenerstrasse zwei Gottesäcker
hin: rechts der am 29. April 1821 eingeweihte Friedhof „Grabes-
nacht-Frühlingsmorgen", auf welchem 1844 ein Bethaus errichtet
wurde (Band I, 389) ; dieser Friedhof wurde nach der Einweihung
des Zentralfriedhofs noch 22 Jahre in Stand gehalten und dann
1898 aufgehoben. Der alte Friedhof St. Jakob, links der Badener-
strasse, wurde 1850 vom Stadtrat an die KathoUken abgetreten,
1861 von ihnen erweitert und mit einer Kapelle versehen. 1870
eröffneten die Katholiken einen neuen Friedhof im „Löchli"-
Wiedikon an der heutigen Elisabethenstrasse, welcher 1892 ge-
schlossen und 1910 aufgelassen wurde.
Zürichs Stolz ist der reiche Kranz von Schulen und Anstalten
an den Hängen des Zürichbergs. Das im Jahr 1864 bezogene eid-
genössische Polytechnikum (s. 23. Kapitel) erhielt seine Ergän-
zung durch eine Reihe von Annexanstalten: die land- und forst-
wirtschaftliche Schule (1874), das Chemiegebäude (1886), das
Physikgebäude (erbaut 1887 — 1890), die Festigkeits- oder Material-
prüfungsanstalt, 1879 eröffnet in einem Gebäude im Areal der Nord-
ostbahn und dann im Jahre 1893 im Neubau an der Leonhard-
strasse untergebracht. Zum Kantonsspital erhielt der Staat
im Jahre 1870 einen zweiten imposanten Bau: die Anstalt
Burghölzli für Geisteskranke. 1875 wurde die kantonale Frauen-
klinik eröffnet, 1877 das Bürgerasyl neben dem Pfrundhaus, 1882
das Pathologische Institut beim Kantonsspital, 1885 das kanto-
nale Gebäude für Physik und Physiologie an der obern Rämi-
strasse. Nachdem die Chemie am Polytechnikum 1886 ihren Neu-
128 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
bau erhalten hatte, wurde das Gebäude hinter dem Polytechnikum
an der Rämistrasse 1887 zum kantonalen Chemiegebäude umge-
wandelt.
Weniger zahlreich waren in diesen Jahren die kirchlichen
Bauten. Im Jahr 1864 hatte Mathilde Escher, die Tochter Kaspar
Eschers im Felsenhof, die ,,neue St. Anna-Kapelle" erbauen
lassen. Sie war mit einer Anstalt für körperlich schwache, aber
voUsinnige Kinder verbunden und es sollte das Haus auch als Ab-
steigequartier für Prediger, Missionare usw. dienen. Mathilde
Escher starb am 27. Mai 1875. — Am 17. August 1884 konnte die
Kirche Unterstrass eingeweiht werden, am 16. September 1884
die Synagoge der Israeliten an der Löwenstrasse, im August 1889
die Friedenskirche der Evangelischen Gemeinschaft am Hirschen-
graben. Als im Jahre 1882 Enge zur selbständigen Kirchgemeinde
erhoben worden war, wandelte man das ans alte Bethaus angebaute
SchuUiaus in ein Pfarrhaus um; Ersatz für die Schule war bereits
geschaffen in dem 1874 erbauten Schulhaus auf dem Gabler. Im
Jahre 1861 erklang zum erstenmal ein Glöcklein auf der Kirche
Fluntem. Das neue Geläute im Fraumünster wurde am 18. Ok-
tober 1874 eingeweüit und im St. Peter feierte man am 15. August
1880 die Glockenweihe. ,,Zum erstenmal genoss die Stadt das
herrliche Zusammenläuten mit Grossmünster und Fraumünster;
besonders das As der 123 Zentner schweren Glocke von St. Peter
klang majestätisch in die Ohren jedes Zuhörers." 1876 wurde im
Grossmünster die neue Orgel, 1889 das neue Geläute eingeweiht.
Das Kasino am obem Hirschengraben war 1873 von der Stadt
erworben und dann gegen Ablösung der staatlichen Eigentums-
rechte im Fraumünsteramt an den Kanton abgetreten worden,
der das Haus mit einem Aufwand von 180,000 Fr. zum Ober-
gerichtsgebäude mit Schwurgerichtssaal umbaute (1874). Ausser-
süü eröffnete 1863 das grosse Zentralschulhaus an der Lang-
strasse, Riesbach 1874 das Schulhaus an der Mühlebachstrasse,
1875 das Gemeindehaus an der Feldeggstrasse. Die Stadtgemeinde
beschloss am 11. Mai 1873 den Bau des Linthescher-Schulhauses
und des Schanzengrabenschulhauses. Das im Jahr 1865 nach
Plänen von Prof. G. Semper erbaute Geschäftshaus Theodor
Fierz zum „vSonnenbühl" darf hier erwähnt werden, weil es später
ebenfalls öffentlichen Zwecken zu dienen hatte.
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§:
II
^
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 129
Am 12. Februar 1839 gründeten zehn Männer aus Zürich und
Umgebung den „ChristUchen Verein" zur Erhaltung des evan-
geUsch-reformierten Christenglaubens in den Volksschulen. Ver-
anlassung dazu boten die Berufung von David Friedrich Strauss
und die Verhältnisse im Staatsseminar Küsnacht. Durch die
der Straussischen Bewegung folgende Revolution wurde der
„Christliche Verein" von seinen Zielen abgelenkt und blieb dreissig
Jahre lang unfruchtbar. Dann erinnerte er sich plötzlich wieder
seines einstigen Zweckes, und am 14. Juli 1868 beantragte der
1839 viel genannte Fürsprech Heinrich Spöndlin die Gründung
eines christlichen Seminars in der Ostschweiz. Am 3. Mai 1869
konnte die Eröffnung mit sechs jungen Leuten stattfinden, und
zwar im ,, Kreuzhof", Forchstrasse Nr. 26, in der Wohnstube
des neugewählten Direktors, Sekundarlehrer Heinrich Bachofner
(geb. 19. Mai 1828, f 15. Juni 1897). Eine zweite Eröffnung fand
statt am 15. Mai 1870 im ehemahgen Gasthaus und Sommer-
theater zum ,, Weissen Kreuz" in Unterstrass. Ebenfalls aus
den Kreisen des ,, Christlichen Vereins" hervorgegangen ist die
Freie Schule Zürich i. Eine Versammlung zu St. Anna, in welcher
Bachofner referierte, beschloss ihre Gründung am 12. Februar
1874. Das Haus der Freien Schule an der Ötenbachstrasse wurde
am IG. August 1876 eingeweiht (Rektor: J. Hof stetter - Bader,
t 6. August 1914). Als dritte Schöpfung des ,, Christlichen Ver-
eins" darf die Anstalt für Epileptische auf der Rüti angesehen
werden, welche im September 1886 eröffnet worden ist (erster
Hausvater: Friedrich Kölle, f 9- März 1905). Zu den Anstalten
der ,, Evangelischen Gesellschaft" (gegründet 1837) gehört die
Diakonissenanstalt Neumünster (1858), welche 1886 ihr erstes
grosses Krankenhaus eröffnen konnte. Das Altersasyl zum
,,Wäldli" baute sie 1881 auf einer von der Familie Schulthess-
V. Meiss in Hottingen geschenkten Liegenschaft. Die 1885 er-
baute Villa ,,Patumbah" fiel nach Ableben des Erbauers Kauf-
mann Grob-Zundel durch Schenkung seiner Witwe ebenfalls der
Evangelischen Gesellschaft zu. 1884 kaufte die Gesellschaft den
,, Kleinen Widder" am Renn weg, um ihn zu einer Herberge und
Volksküche umzuwandeln. Der ,, Eleonorenstiftung" verdankt der
1874 erbaute Kinderspital seine Entstehung, 1887 öffnete der
Privat-Spital vom ,, Roten Kreuz" in Fluntern seine Tore, 1889,
I30 XXXI. KAPITEI.: DIE GROSSE BAUPERIODE c
am 25. August, weihte Bischof Haas das katholische Gesellen-
haus am Wolfbach ein.
Bis zum Jahr 1873 wurde die „Neue Zürcher Zeitmig" bei
Orell Füssli im „Elsasser" gedruckt. Dann übernahmen den
Druck Zürcher & Furrer, die zu diesem Zweck das Haus zum
„Wellenberg" an der Ecke Brunngasse-Niederdorf ankauften.
Orell Füssli erwarben eine Liegenschaft an der Bärengasse und am
20. August 1881 wurde mit einer Dampferfahrt nach der Ufenau,
an der 350 Geschäftsangehörige teilnahmen, der Umzug vom ,, El-
sasser" in den ,, Schwarzen Bären" gefeiert.
Das Berichthaus an der Münstergasse konnte im Jahr 1880
das isojährige Jubiläum von Buchdruckerei und ,, Tagblatt" be-
gehen, und im Jahre 1914 waren es nun auch schon hundert
Jahre, seitdem die Firma sich in den Händen der Familie Ulrich
befand. Bis zum Jahr 1882 stand ihr als Chef Oberrichter Jo-
hann Caspar Ulrich vor (f 14. Oktober 1883). Ihn unterstützte
seit 1857 sein älterer Sohn Carl H. Ulrich-Gysi (f 13. JuU 1899)
und von 1870 an auch der jüngere Sohn Fritz Ulrich- von Orelli
(t 6. April 1908). Aus den engen und dunkeln Räumen an der
Münstergasse-Ankengasse zog das Berichthaus im November 1884
um ins ,, Grüne Schloss" am Zwingiiplatz. Dieses ,, Grüne Schloss"
hat eine interessante Vergangenheit, die bis ins 13. Jahrhundert
hinauf reicht. Eine Gedenktafel über der Haustür erinnert an
den Chorherrn und Magister Felix Hemmerlin, den Vorsteher der
Stiftsschule, der von 1440 — 1450 hier wohnte imd von dem die
Redensart vom ,, Meister Hämmerü" herrührt. Felix Hemmerlin,
der für seine Ideale hundert Jahre zu früli geboren war, schrieb
gegen die Missbräuche in der Kirche, wurde dem Bischof von Kon-
stanz ausgehefert und von ihm zuerst im Schloss Gottheben, dann
in Luzem lebenslänglich eingekerkert. 1531 — 1536 wohnte Antistes
Bullinger, der Nachfolger Zwingiis, im ,, Grünen Schloss", das bis
1835 Wolinung von Chorherren am Grossmünster blieb und dann
an die Familie des Goldschmieds Fries überging. Von ihr kaufte
das Berichthaus das ,, Grüne Schloss", um es gründlich umzubauen
imd durch einen ausgedelinten Neubau an der Blaue Fahne-
Strasse zu erweitern. An der fröhlichen ,,Hausräuke" am 18. Ja-
o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 131
nuar 1885 war auch Stadtpräsident Dr. Römer, ein Neffe des ver-
storbenen Oberrichters Ulrich, anwesend und erinnerte sich in
einem humorvollen Toast der Jugendzeit, da auch er noch gelegent-
lich im Geschäfte mithalf, z. B. beim Adressenschreiben über
Neujahr.
Schon in den Jahren 1864/65 beschäftigte man sich in Zürich
mit dem Gedanken an eine Strassenbahn. Stadtingenieur Arnold
Bürkli begründete in einem Bericht die Ansicht, ,,dass die Strassen-
bahn ein wirksames Mittel zur Hebung des Verkehrs und eine
Wohltat für das Publikum sei". Er fand dafür nicht genügende
Beachtung. In Riesbach, wo das Bedürfnis nach einem derartigen
Verkehrsmittel am stärksten empfunden wurde, richtete Lohn-
kutscher Furrer im Jahr 1865 einen Omnibusdienst ein, der aber
nach vier Jahren als zu unrentabel wieder aufgegeben werden
musste. Kein besseres Resultat hatten die weiteren Versuche mit
Omnibusfahrten 1869 — 1871 und 1877. Dann aber wurde durch
ein von Gemeinderat P. K. Huber- Werdmüller namens der Ge-
meinde Riesbach im Oktober 1876 eingereichtes Konzessions-
gesuch für eine Linie Flühgasse-Stadtgrenze (Falkengasse) die
Strassenbahnfrage ernstHch in Fluss gebracht. Arnold Bürkli und
sein Freund Huber- Werdmüller erhielten von der Gemeindekom-
mission den Auftrag, einen einlässlichen Bericht zu erstatten. Sie
kamen darin (1877) zu dem Schlüsse, es liege eine rationell ange-
legte und betriebene Strassenbahn so sehr im Interesse der Stadt
und der Aussengemeinden, dass es sich rechtfertigen würde, aus
öffentlichen Mitteln dafür Opfer zu bringen. Der Bericht empfahl
ferner Bau und Betrieb der Strassenbahn durch die Gemeinde selbst.
Dafür war aber die Zeit noch nicht reif, hatte man doch alle Mühe,
die öffentliche Meinung überhaupt für eine Strassenbahn zu ge-
winnen. Nur in der Enge bildete sich im Februar 1879 ein „Tram-
way-Klub" und in Riesbach beschloss Ende September 1879 ^i^^
Volksversammlung die Einleitung einer Massenpetition für den
Bau einer Strassenbahn. Erst im Jahre 1881 schlössen sich die
Gemeinden Zürich, Riesbach, Enge und AussersÜil zusammen,
um durch öffentliche Ausschreibimg zur Bewerbung um die Kon-
zession von Strassenbahnen auf ihrem Gebiet einzuladen, und
132 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
Arnold Bürkli wurde Präsident der Strassenbahnkommission. Es
musste auf fremde Bewerbung um die Konzession abgestellt wer-
den, da die Gemeindeversammlungen jede finanzielle Beteiligung
an dem Unternehmen verweigerten. Die Konzession für den Bau
der Strassenbahn erhielt unter verschiedenen Bewerbern die Lon-
doner Firma Meston & Co., die sich verpflichtete, von den Aktien
selber einen Betrag bis zu 450,000 Fr. fest zu übernehmen. Dieser
unzweideutige Akt des Zutrauens in die Sache führte einen Um-
schwung in der öffentlichen Meinung herbei, so dass statt der
ausgeschriebenen 400,000 Fr. in Aktien die vollen 850,000 Fr. ge-
zeichnet wurden. Am 16. Mai 1882 konnte man mit dem
Schienenlegen für die Pferdebahn beginnen mid es wurden eröff-
net: am 5. September 1882 die Linie Tiefenbrunnen-Bahnhof-
Paradeplatz, am 24. September die Linie Paradeplatz- Stockgasse
(Enge), am 28. September die Linie Helmhaus-Paradeplatz-Zen-
tralfriedhof. Das Präsidium der den Betrieb leitenden Aktien-
gesellschaft übernahm P. E. Huber- Werdmüller, welcher in einem
Dokument bei Anlass seines Rücktritts 1883 als der Mann be-
zeichnet viird, ,,dem die Strassenbahn ganz eigenthch ihre Ent-
stehung und erste Einrichtung verdankt." — Huber-Werdmüller,
geboren am 24. Dezember 1836, war einer der ersten Schüler des
Polytechnikums. Er hat die Maschinenfabrik Örükon gegründet,
die als Schmiede und Walzwerk 1864 ihren Betrieb eröffnete
und nach ihrer Umgestaltung im Jahre 1876 unter Hubers per-
sönlicher Leitung 1878 — 1894 ihren heutigen Weltruf erwarb. Ihm
gebührt u. a. ein Hauptverdienst am Zustandekommen (1891) der
ersten elektrischen Kraftübertragung auf grosse Distanz Lauffen
a. Neckar-Frankfurt, 175 km. Oberst Huber war auch Mitgründer
tmd Präsident der Ütlibergbahn, der Aluminium-Industriegesell-
schaft Neuhausen, des Vereins schweizerischer Maschinenindu-
strieller und des Arbeitgeberverbandes der schweizerischen Ma-
schinenindustriellen. Grosses hat ihm namentlich seine Gemeinde
Riesbach zu verdanken, für deren bauüche Entwicklung er als
Gemeinderat und Bauvorstand in der weitsichtigsten und erfolg-
reichsten Weise tätig war. Strassenbahn, Rechtsufrige Zürichsee-
bahn und Quaibauten bezeichnen nur die wichtigsten Fragen,
mit deren glücklicher Lösung der Name von Oberst Huber- Werd-
müller verknüpft bleibt.
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 133
Das Hör- und Sprech-Telephon des Taubstummenlehrers
Alexander Graham Bell in Boston, das eine nahezu vollkommene
Übermittlung der Sprache auf elektrischem Wege ermöglichte,
hielt seinen Einzug in Europa im Jahre 1876 und wurde von der
deutschen Reichspostverwaltung 1877 eingeführt. In der Schweiz
war es wiederum die Stadt Zürich, die auf diesem Gebiete bahn-
brechend voranging, und es konnten die Gäste des eidgenössischen
Sängerfestes im Juli 1880 sich zu ihrem masslosen Erstaunen von
der Wirklichkeit und Brauchbarkeit dieser wunderbaren Erfin-
dung überzeugen, da der bekannte Elektriker W. Ehrenberg an
verschiedenen Punkten der Festhalle bei der alten Tonhalle Tele-
phon-Sprechstationen eingerichtet hatte. Trotzdem hatte auch
das Telephon, wie alles Neue, mit viel Misstrauen und Gering-
schätzung zu kämpfen. Man betrachtete es mehr als Spielerei,
und sogar die ,,Neue Zürcher Zeitung" vermutete, das Telephon
werde nach wenigen Jahren wieder verschwinden! Durch diese
Skepsis liessen sich aber die beiden Männer nicht beirren, die in
klarer Erkenntnis der eminenten Bedeutung des Telephons sich
im April 1880 um die Konzession für ein Telephonnetz bewarben:
Dr. J. Ryf und Paul F. Wild, und es ist in erster Linie das Ver-
dienst dieser Männer, dass Zürich das erste grosse Telephonnetz
der Schweiz erhielt und die erste öffentHche Telephonanlage auf
dem Kontinent in Zürich errichtet wurde. Vorsichtig verklausu-
herte der Stadtrat seine Konzessionserteilung: die Zürcher Tele-
phongesellschaft, auf welche die Konzession übergegangen war,
erhielt die Erlaubnis, auf ihre Gefahr eine Telephoneinrichtung
in der Stadt probeweise zu erstellen, unter Vorbehalten und Be-
dingungen, welche für eine definitive Konzession völlig freie Hand
liessen. Die Bundeskonzession lautete auf fünf Jahre mit dem
Vorbehalt des Rückkaufs, von dem der Bund denn auch im Jahre
1885 Gebrauch machte, da der Telegraph einen gefährlichen Kon-
kurrenten im. Telephon erhalten hatte. Als Gründungstag des
Zürcher Privatnetzes ist der 15. August 1880 anzusehen. Die
ersten Einrichtungen erstellte die ,, International Bell Telephon Co."
in New- York; doch bald errichtete die Gesellschaft selber ein
Fabrikationsgeschäft im Industriequartier. Schon im November
1880 konnte trotz vieler Schwierigkeiten ein Nachtdienst einge-
richtet werden. Die Abonnementsgebühr betrug anfänglich 150 bis
134 XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE o
250 Fr. jährlich für die einfache Verbindung, also beispielsweise
für eine Leitung von der Wohnung ins Geschäft oder von einem
Geschäft ins andere; Telephonzentralen mit Umschaltungen zur
Herstellung beliebiger Verbindungen gab es vorerst nicht. Zur
Zeit der Gründung zählte man 200 Abonnenten. Die erste inter-
urbane Verbindung in der Schweiz wurde 1882 zwischen Zürich
und Winterthur erstellt.
*
Es sei gestattet, in einem ,, Anhang" zu diesem Kapitel noch
einige ,, Kleinigkeiten" zu erwähnen, die ein gewisses Interesse
beanspruchen dürfen: wir meinen die Errichtung des ersten elek-
trischen Uhrennetzes in Zürich im Jahr 1868, die Gründung eines
Verschönenmgsvereins für den Zürichberg 1873, das erste Adress-
buch für die Stadt Zürich von Orell Füssli & Co. 1875. Früher
als alle diese Neuerungen, schon anfangs der sechziger Jahre, war
in Zürich die elektrische Hausklingel aufgekommen. ,, Manche
unserer altern Leser erinnern sich gewiss noch des nachhaltigen
Eindrucks, den die sauberen weissen Porzellantaster an den Haus-
türen auf sie machten; es war etwas Geheimnisvolles damit ver-
bunden. Xur wenige unter uns damaligen Schuljungen hatten
einen annähernd richtigen Begriff von der Sache; etwas Furcht
vor etwaigen elektrischen Schlägen machte einen anfänglich
etwas ängstlich, bis man die Ungefährlichkeit einsehen lernte,
sehr zum Ärger der betreffenden Hausbesitzer" (Prof. Tobler). —
Die erste Molkerei in Zürich, die einer sanitarisch einwandfreien
Müch Versorgung Bahn brach, wurde am 15. Oktober 1887 in Ausser-
sihl von Dr. Nikiaus Gerber eröffnet.
In den Jahren 1880 und 1890 verzeichnet die Chronik ,,See-
gefrörene". Besonders ,, glanzvoll" gestaltete sich die erstere. Tau-
sende von Schlittschuhläufern tummelten sich auf der spiegel-
glatten Fläche. Vom Sonntag den i. Februar 1880 berichtet die
,, Freitagszeitung", dass sich 60 — 80,000 Menschen auf dem See
herumtrieben. Etwa 60 Wirtschaften waren errichtet worden
und es entwickelte sich ein Leben und Treiben wie an einem Volks-
feste. Die Züge von Basel, Aarau und Winterthur brachten Scharen
von Besuchern. Noch lebhafter ging es am folgenden Sonntag
zu; allein das Bureau Reinhardt brachte in einem Extrazug von
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o XXXI. KAPITEL: DIE GROSSE BAUPERIODE 135
Basel 500 Gäste und selbst von Frankfurt a. M. kamen einige be-
währte Schlittschuh- Virtuosen. „Die Freude wurde diesmal um
so weniger gestört, als nicht mehr übermütige Reiter und Schlitten-
lenker sich in die Menge schreckend und gefährdend eindrängen
durften, während dann allerdings abends eine überfröhliche Jugend
durch unvorsichtiges Hantieren mit ihren Fackeln den Leuten
lästig wurde. Den wahren Schluss aller dieser Feste machte der
Fackeltanz des Seeklubs und seiner Dämchen, Feuerwerk und
Illumination anstehender Herrenhäuser, — eine wahre italienische
Nacht. Diese Festlichkeit sammelte dann aber allerdings eine
solche Menge Menschen auf einem Punkt, dass es einen gewal-
tigen, erschreckenden, wenn auch imgefährlichen Krach gab.
Während an den Eingängen des Sees in Zürich, Neumünster und
Enge Büchsen für die Armen aufgestellt waren, schwärmten die
Mitglieder des Seeklubs, elegante junge Damen begleitend, welche
Sammelbüchsen trugen, auf dem See herum und brachten hier
noch mehr als die andern Kassen zusammen. Und nun, da die
Herrlichkeit ein Ende hat, darf mit hoher Anerkennung hervor-
gehoben werden, dass die städtische Polizei und ihre Angestellten
in musterhafter Weise für die Sicherheit der Eisbesucher und für
die Ordnung auf dem Eise selbst bis ans Ende gesorgt haben."
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ZWEIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GRENZBESETZUNG 1870/71
Im Sommer 1870 brach über Europa das Unglück des deutsch-
französischen Krieges herein. Der schweizerische Bundesrat
stand auf seinem Posten. Als am 15. Juli das französische Parla-
ment die Kriegskredite bewilligte, wurden die Kantonsregierungen
telegraphisch ersucht, die Mobilisation vorzubereiten, und am
16. Juli wurden dann die Divisionen I, II, VI, VII und IX auf-
geboten. An Zürcher Truppen befanden sich dabei: in der VI. Divi-
sion (Oberst Albert Stadler von Zürich) die Parkkompagnie 35
(Heusser), in der VII. Division die Infanteriebataillone 64 (Schellen-
berg) und 48 (Ammann), und die Sappeurkompagnie 7 (Brunner),
in der IX. Division die Dragonerkompagnie 19 (Arbenz). In den
Tagen des 19. — 21. JuH wurden von der Bundesversammlung
General Hans Herzog von Aarau und Generalstabschef Rudolf
Paravicini von Basel gewählt und beeidigt. Der General übernahm
am 22. Juli den Oberbefehl. Insgesamt wurden 37,423 Mann
nebst 3541 Pferden und 66 Geschützen aufgeboten, mit denen
unsere Nordgrenze von Schaffliausen bis Pruntrut zu besetzen
war. Da aber der Kriegsschauplatz sich mehr und mehr von der
Schweizergrenze entfernte, konnten die Truppen des ersten Auf-
gebots nach sechswöchentHchem Dienst gegen Ende August wieder
in die Heimat entlassen werden. Zum Grenzschutz genügten zwei
neu eingerückte westschweizerische Brigaden.
Mit tiefster Anteilnahme verfolgte man überall im Schweizer-
land den Gang der kriegerischen Ereignisse. Ganz besonders nahe
ging den Zürchern das Schicksal der von lange her befreundeten
Stadt Strassburg, die seit dem 13. August unter dem Feuer der
deutschen Kanonen stand. Als sich nun dort plötzlich das Ge-
rücht verbreitete, dass die Schweiz der belagerten Stadt hilf-
reiche Hand bieten wolle, schien diese Nachricht den Bewohnern
unglaubhch. Sie sollte sich jedoch im vollen Umfang erwahren.
Der Gedanke, der hauptsächlich von Staatsschreiber Dr. Bischoff
o
I
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 137
von Basel angeregt worden war, hatte sofort gezündet. Am 7. Sep-
tember traten in Ölten unter dem Präsidium von Bundesrat Schenk
Vertreter von Basel, Bern und Zürich zusammen, um die Sache
energisch an die Hand zu nehmen. Die Konferenz bestellte eine
Delegation aus den Herren Staatsschreiber Dr. Bischoff, Stadt-
präsident Oberst Otto von Büren von Bern und Stadtpräsident
Dr. Melchior Römer von Zürich, mit dem Auftrag, sich unverzüg-
Hch nach Strassburg, resp. ins deutsche Hauptquartier zu begeben,
um den bedrängten Bewohnern Strassburgs Hilfe und Zuflucht
in der Schweiz anzubieten und darauf hinzuwirken, dass die Tore,
mit Unterbrechung des Bombardements, für einige Stunden zu
sicherem und ruhigem. Ausgang geöffnet werden. Gleich am fol-
genden Tage machte sich die Delegation auf den Weg. General-
leutnant V. Werder, der Kommandant der gesamten Belagerungs-
armee im Hauptquartier zu Miuidolsheim, gab im allgemeinen seine
Zustimmung zu dem Unternehmen, nur sollten ihm gewissenhaft
und in beschränktem Masse angefertigte Leisten zur Genehmigung
unterbreitet werden, worauf er dafür sorgen wolle, dass die Leute
ungehindert aus der Festung und über den Rhein spediert werden.
Sonntag der 11. September, dieser ewig denkwürdige Tag
— so erzählt Stadtpräsident Dr. Römer — brach mit vollem
Sonnenglanze an. Gegen 11 Uhr schwiegen die beidseitigen Bat-
terien auf der Route Eckboldsheim-Königshofen ; wir machten
uns auf den Weg. Der Trompeter und der Parlamentär mit der
weissen Fahne reiten voraus. Von Zeit zu Zeit ist eine Barrikade,
womit alle Wege verrammelt sind, zu passieren. Endlich ausser-
halb Königshofen winkt von weitem die weisse Fahne des fran-
zösischen Offiziers. MiHtärisch höflich, ja freundHch war das
Rendez-vous der Offiziere. Die Briefe werden abgegeben, der
Regu eingehändigt, und nun geht's unter französischer Eskorte
in die Festung hinein. Die Fallbrücke ist heruntergelassen, das
grosse Tor öffnet sich: welch unerwartetes Schauspiel bietet sich
unsern Augen dar ! Im Torweg steht die ganze Commission muni-
cipale in Galakleidung, um uns festhch zu begrüssen, umringt
von der Menge der herbeigeeilten Bürger. Ehe wir uns versehen,
ist ein Kreis um uns gebildet. Der Maire, ein würdiger alter
Mann, mit den Amtsinsignien angetan, verliest mit bewegter
Stimme eine Adresse, auf welche Dr. Bischoff französisch ant-
138 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
wortet. Rechts und links am Arm genommen, ging's nun zu Fuss
in die Stadt hinein. Nach dem offiziellen Empfang im Sitzungs-
saal der Gemeindekommission Hessen wir uns zu General Uhrich
führen, einem Mann von 68 Jahren, von dem feinen chevale-
resken Benehmen des französischen Offiziers.
Donnerstag den 15. September, 10 Uhr, begleitete General
Uhrich selbst mit einigen hohen Militärpersonen die Auswande-
rungskolonne vor die Festung hinaus. Diesseits der Barrikaden
harrten sechzig mit Stroh gepolsterte Wagen der AnkömmHnge.
Welch ein Anbhck, als nun plötzHch ein langer Zug von Kutschen,
Gasthof- und Eisenbahnomnibussen, alle vollgepfropft, langsam
angefahren kamen, ihnen folgend eine lange Reihe von Frauen und
Kindern zu Fuss (Männer waren, mit Ausnahme einer Anzahl
älterer, keine herausgelassen worden). Alle Gesichter strahlten
vor Freude und Dank. Als alles verpackt und jeder Wagen mit
mihtärischer Bedeckimg versehen war, setzte sich der Zug unter
berittener Eskorte nach Rheinau in Bewegung.
Am Freitag abend, den 16. September, langte ein erster
Transport von 70 befreiten Strassburgem in Zürich an. Sie
wurden am Bahnliof empfangen und nach dem alten Schützenhaus
geführt, wo Erfrischungen für sie bereit standen. Eine grössere
Anzahl traf dann am Samstag ein. Doch haben die Strassburger
im allgemeinen von der ihnen angebotenen Gastfreundschaft der
Schweiz nur einen massigen Gebrauch gemacht. Durch die Be-
müliungen der Schweizer Delegation wurden insgesamt etwa
2000 Personen aus der belagerten Stadt gerettet, von denen in-
dessen manche es vorzogen, ihre Bekannten im Elsass und Baden
aufzusuchen, statt nach der Schweiz zu kommen. An Dankbarkeit
hat es Strassburg deswegen doch nicht fehlen lassen. Am 12. Ja-
nuar 1871 wurde den Mitghedern der Schweizer Delegation in
Basel von einer Strassburger Deputation ein prachtvolles photo-
graphisches Album überreicht, und im Jahre 1872 übersandte der
Munizipalrat von Strassburg dem von Stadtpräsident Römer
präsidierten Zürcher Komitee für das eidgenössische Schützen-
fest als Gabe ein schwer silbernes Cafeservice mit Sevresschalen,
das hernach dem glücklichen Gewinner von der Gesellschaft der
Böcke abgekauft wurde und im Gesellschaftshaus zum Schneggen
aufbewahrt wird. Aber auch noch im Jahre 191 4 sind wir wieder-
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 139
um an die Freundschaft zwischen Zürich und Strassburg erinnert
worden. Es war am 18. April, an der Feier zur Einweihung der
neuen Universität, als beim Bankett im Pavillon der Tonhalle
der Rektor der Universität Strassburg, Prof. Dr. Chiari, im Tone
herzHcher Freude und Dankbarkeit dieser Freundschaft gedachte.
Angetan mit seinem malerischen Ornat und der goldenen Amts-
kette, sprach der Redner vom Podium aus zu der aufmerksam
lauschenden Versammlung. Er pries das um Jahrhunderte zurück-
reichende, ganz besonders freundnachbarhche Verhältnis zwischen
den beiden Städten, sprach von der berühmten siebzehnstündigen
Hirsbreifahrt von 1576, von der Strassburger Expedition des Jahres
1870, von dem in Strassburg 1884 zu Ehren Zürichs errichteten
Zürcherbrunnen, um mit dem bewundernden Ausruf zu schHessen,
dass die Zürcher auch mit dem jetzt eingeweihten prachtvollen Uni-
versitätsbau wiederum bewiesen haben: ,, Wollen ist Können!" —
Für die Schweiz brachte der deutsch-französische Krieg
schwere wirtschaftliche Nachteile, aber auch politische Gefahren
mit sich. Abgesehen von der Möglichkeit, infolge einer Verletzung
unserer Neutralität selbst in den Krieg verwickelt zu werden,
konnte imter Umständen der Ausgang des gewaltigen Ringens
für uns eine weittragende Bedeutung erhalten. Da war es denn
nur natürlich, dass unser Volk die mit dem Krieg zusammenhängen-
den Fragen und Problem^e eifrig erörterte und auch mit der Be-
kundung seiner Sympathien nicht allzu ängstHch zurückhielt.
Diese Sympathien standen im Anfang des Krieges überwiegend
auf deutscher Seite, namentHch bei den gebildeten Ständen, wo
man zu der Lauterkeit der deutschen Politik ein unbegrenztes Zu-
trauen hatte und den französischen Angriffskrieg auf das schärfste
verurteilte. Die in der Schweiz lebenden Deutschen fühlten sich
hier heimisch und durften kein Bedenken tragen, einen Aufruf
zur Gabensammlung für Vertvundete und Kranke vom 22. Juli
1870 — unterzeichnet vom Rektor der Universität Zürich, Prof.
Gusserow, Kaufmann O. Wesendonck und andern — nicht nur an
ihre Landsleute, sondern an die Bevölkerung des Kantons Zürich
zu richten, mit dem Beifügen: ,,Sind wir doch alle schon oft Zeu-
gen gewesen, dass Zürich stets in erster Linie stand, wenn es sich
um Werke der NächstenHebe handelte." Ganz vereinzelt bHeben
Stimmen wie die eines ,, schlichten, aber aufrichtigen Repubh-
I40 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
kaners" in Nr. 378 der ,,N. Z. Z.", welcher den Krieg als eine un-
ausbleibliche Folge der 1866er Ereignisse und der preussischen
Eroberimgspohttk hinstellte. Aber gerade der Umstand, dass auch
in deutsch-schweizerischen Blättern solche vereinzelte kritische
Aussetzungen erscheinen konnten, und der Standpunkt, wonach
die deutsche Diplomatie in ihrem Wesen von jeder andern total
verschieden, ein deutscher Krieg in keiner Weise mit irgend einem
andern Krieg zu vergleichen wäre, in der Schweiz nicht ganz un-
geteilte Zustimmung fand, wurde in Deutschland nicht verstanden,
und mit grosser Verwunderung mussten die Schweizer erfahren,
dass gerade die süddeutschen Blätter sich in immer heftiger wer-
denden Angriffen auf die Schweiz ergingen. Das kam den Schwei-
zern um so seltsamer vor, als ja kaum fünf Jahre vergangen waren,
seitdem auch Süddeutschland im Kampf gegen das aufstrebende
Preussen gestanden und ebenfalls zu jener ,,Welt des Hasses und
Neides" gehört hatte, gegen welche sich Preussen nach Bismarcks
Behauptung mit ,,Blut und Eisen" durchsetzen musste. Ruhig
und würdig wies die ,,N. Z. Z.", die unter der ausgezeichneten
Redaktion von Dr. Eugen Escher die streng neutrale Stellung
der Schweiz mit Takt und Entschiedenheit verteidigte, die unge-
bührhchen Zumutungen deutscher Blätter zurück. ,, Früher" —
so sagte sie am 23. August — ,, wären alle Deutschen mit der Neu-
tralität unseres Landes zufrieden gewesen; jetzt deutet man mit-
unter ziemlich unverblümt an, dass die Schweiz sich ihrer Stam-
mesven\'and tschaft erinnern und als Staat sich nicht in Neutralität
einhüllen, sondern für die kämpfenden Stammesgenossen aktiv
Partei ergreifen sollte. Diejenigen, welche uns solche Andeutungen
machen, erinnern sich wohl kaum, dass die Schweiz nur zum Teil
aus deutschen Elementen besteht, dass ihr Lebensprinzip gerade
im Hintansetzen der sprachUchen Stammesven\^andtschaft berulit,
dass sie nicht in der Ausbildung weniger kolossaler Staaten auf
Grundlage der Sprachgemeinschaft das richtige Ziel staatlicher
Fortentwicklung erbHckt, sondern dass sie in Sicherung der Frei-
heit der Einzelnen die oberste Staatsaufgabe erkennt. Der Schweiz
zvmiuten, dass sie in einem Kampfe zwischen Deutschland und
Frankreich der Stammesvenvandtschaft wegen Partei nehme,
heisst nichts anderes, als ilir zumuten, sich selbst zu zertrümmern,
sich selbst den Todesstoss zu geben."
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 141
Wenn die Vehemenz des deutschen Pressekrieges gegen unser
Land eine Einschüchterung der Schweizer bezweckte, dann zeigte
die Erfahrung, dass damit das gerade Gegenteil bewirkt wurde
und die deutschen Sympathien in der Schweiz in Gefahr kamen,
immer mehr zu schwinden. Viel trug dazu auch das Unglück
Frankreichs bei, das bei uns tiefes und aufrichtiges Mitleid erregte.
Befürchtungen, die in der Schweiz für das eigene Schicksal sich
regten, erhielten neue Nahrung durch deutsche Zeitungsstimmen,
die ungescheut das Recht der Schweiz auf ihre selbständige Fort-
existenz bestritten. Auch eine Autorität wie Professor Adolf
Wagner kam in einer Broschüre zu dem Schlüsse, ,,dass diese
Zv\4schenstaaten (Holland und die Schweiz) nach geographischer
Lage, Nationalität, volkswirtschaftlichen Interessen naturgemäss
ein Teil Deutschlands sind ..." Selbst die „N. Z. Z.", die sich
fortwährend die grösste Mühe gab, zur Ruhe und Besonnenheit
zu mahnen, konnte sich der Bemerkung nicht enthalten, es sei
keinem zu verargen, wenn er vorläufig noch einiges Misstrauen
setze in die Friedensliebe einer Macht, ,,die innert ein paar Lustren
drei Eroberungskriege geführt hat." Den Gipfel des Hohnes
gegen die Schweiz erreichte die süddeutsche Presse beim Übertritt
der Bourbaki- Armee in die Schweiz, den sie mit wahren Ausbrüchen
der Schadenfreude begleitete. So schrieb das ,, Ulmer Tagblatt"
— um nur ein Beispiel von vielen zu nennen — unter der Über-
schrift ,,Wir gratuHeren": ,,Wir gönnen unsern liebenswürdigen
Nachbarn diese ungebetenen Gäste wahrüch von ganzem Herzen
und hätten gar nichts dagegen einzuwenden, wenn es doppelt
so viele wären ... Es unterliegt gewiss keinem Zweifel, dass diese
80,000 Gefangenen für die Schweiz eine wahre Kalamität sein
werden, aber gerade das ist's, was wir ihr gönnen . . . Erwägen
wir überdies, aus welchem Gesindel die Bourbakische Armee
grösstenteils besteht, dann wahrlich können wir nur wiederholen,
was wir oben gesagt: Wir gratulieren!" Gegenüber solchen klein-
lichen Gehässigkeiten wirkten doppelt wohltuend die abmahnen-
den Korrespondenzen einzelner in der Schweiz lebender Deutscher,
und mit Dankbarkeit wurde davon Notiz genommen, dass die
massgebende deutsche Presse, vorab die ,, Norddeutsche Allge-
meine Zeitung", wiederholt ihrer Anerkennung der vollkommen
loyalen Haltung der Schweiz Ausdruck gab. Befreiend wirkte
142 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
aber besonders die deutsche Note vom 14. Dezember 1870 nach
Wien, aus welcher mit Sicherheit hervorging, dass kein Nachbar-
staat Deutschlands von diesem irgendwelche Annexionsgelüste zu
befürchten hatte.
Die Kriegslage erforderte am 3. Oktober 1870 ein erneutes,
teilweises Aufgebot der III. Division, die nach tmd nach komplet-
tiert wurde, worauf aber auch die IV. und V. Division noch auf-
geboten werden mussten. Es war am Sonntag den 15. Januar,
als durch die zürcherischen Dörfer der Generalmarsch rasselte
und die Truppen der V. Division auf die Grenzwache nach den
verschneiten Höhen des Jura rief. Zu dieser Division gehörten
die Zürcher Bataillone 9 (Huber), 34 (Goll) und 11 (Graf), die
Dragonerkom-pagnien 3 (Hablützel) und 12 (Maggi) und die Acht-
Pfünder-Batterie Nr. 4. Einige Offiziere dieser Truppen haben
interessante Aufzeichnungen über die Grenzbesetzung veröffent-
licht, so der Waffenoffizier (Kommandant des FuhnA'esens) des
Bataillons 9, Zeller- Werdm.üller, Major Dr. Conrad Escher vom
Bataillon 11 (Kom.mandant des Bataillons und Major waren da-
mals noch nicht wie heute in einer Charge vereinigt) und Leut-
nant Othmar Blumer, der spätere Ständerat, von der Dragoner-
kompagnie 3. Am 19. Januar übernahm General Herzog abermals
den Oberbefehl und verlegte die nach Basel instradierte V. Division
weiter westwärts gegen Delsberg. Das Bataillon 9 war am. 17. Jan.
in Zürich beeidigt worden. Es wurde folgenden Tages nach Ölten
transportiert und trat dann den Marsch durch den Jura an. Am
24. Januar sam.melte sich die Brigade (13) bei Pruntrut. ,,In
tiefem Schweigen harrten die Truppen angesichts der Stadt Prun-
trut hinter ihren Gewehrpyramiden auf weitere Befehle, während
sowohl von Beifort her als in der Richtung von Abbevillers und
Blamont unausgesetzter Kanonendonner herüberdröhnte." Am
27. Januar kam das Bataillon 9 hart an die Grenze in das typische
Schmugglerdorf Fahy. Acht Tage vorher hatten dort in geringer
Entfernung noch Kämpfe stattgefunden. Man sah mit blossem
Auge die Verwüstungen in Abbevillers, und in einem Wäldchen
auf Schweizergebiet wurden noch preussische Tornister gefunden.
Am 30. Januar ging's nach Pruntrut zurück und dann über Dels-
berg und Tavannes nach Biel. — Bataillon 11 war am 21. Januar
aus Zürich in Pratteln und Umgebung eingetroffen; es wurde
o XXXII. KAPITEI.: GRENZBESETZUNG 1870/71 143
am 22. nach Kleinlützel verlegt, wo auch die Dragonerkompagnie 3
im Quartier lag, kam dann nach Beaucourt und Saignelegier und
nach einem beschwerlichen Nachtmarsch am 29. /30. Januar nach
Chaux-de-Fonds, von dort am 31. Januar nach Neuenburg und
folgenden Tages im Extrazug nach Yverdon. — Die Dragoner-
kompagnie 3 stand am 19. Januar in Basel zur Verfügung des
Kommandanten der V. Division, Carl Meyer« von Bern, ,,und seines
ebenso vorzüghchen wie liebenswürdigen Stabschefs Oberst Vögeli
von Zürich". Die Kompagnie, welche die ganze Grenzstrecke von
Basel bis Genf im Sattel zurückgelegt hat, traf am i. Februar
über Chaux-de-Fonds und Colombier in Yverdon ein.
Am 28. Januar 1871 langten in Pontarher die Trümmer der
französischen Ostarmee (Bpurbaki) in einem Zustand vollstän-
diger Demoralisation und Auflösung an. Nach dem Selbstmord-
versuch Bourbakis von General CUnchant gefülirt, vom Korps
Werder von Norden her, vom Korps Manteuffel von Westen und
Süden bedrängt, verriet die erschütterte Armee die deutHche Ab-
sicht, auf Schweizerboden überzutreten. Am Mittwoch den
I. Februar früh um vier Uhr wurde im Quartier des Generals
Herzog in Verrieres-Suisse zwischen ihm und dem französischen
Parlamentär Oberstleutnant Cheval eine Konvention für den
Übertritt abgeschlossen, deren Zustandekommen General CHn-
chant in Verrieres-frangaises sehnsüchtig erwartete. Noch vor
fünf Uhr brachte ihm Oberstleutnant Cheval, begleitet von dem
Adjutanten des Generals Herzog, Oberstleutnant Siber, das Doku-
ment, das CHnchant beinahe unbesehen unterzeichnete, tmd nun
ergossen sich die Kolonnen in ununterbrochenem Zuge rulielos
und rastlos, 48 Stunden lang, hinein in die freie Schweiz.
Es waren im ganzen 8y,84y Mann, 11,800 Pferde, 285 Kanonen
und II 58 verschiedene Fuhrwerke, welche in den Tagen vom i.
bis 3. Februar die Schweizergrenze passierten. Die Mannschaften
mussten beim Überschreiten der Grenze die Waffen niederlegen
und wurden dann in Kolonnen von 1000 und 1500 Mann abgeteilt
zum Weitertransport nach dem Innern des Landes. 33,500 Mann
kamen bei Verrieres herein, 54,000 Mann über die waadtländischen
Jurapässe bei S'^-Croix, Jougne-Vallorbe, über den Mont Risoux
ins Jouxtal hinab und durch das Dappental nach S'-Cergues. iVn
der Entwaffnung bei Jougne-Ballaigues war auch das Zürcher
144 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
Bataillon 34 beteiligt. Das Bataillon 9 begegnete den ersten Fran-
zosen in Biel am 4. Februar. Es waren Liniensoldaten und Moblots,
halb verhungerte, halberfrorene wankende Gestalten. In Neuen-
burg fielen am 5. Februar den Zürchern 57 gefangene pommersche
Grenadiere durch ilire Sauberkeit inmitten des unordentHchen
Haufens der Franzosen auf. In Colombier, wo das Bataillon die
Parkwache zu übernehmen hatte, sah es greuHch aus. ,,In den
ausgedehnten fünfstrahligen Alleen standen Tausende von Pferden
zur Untersuchung und Behandlung. Vor Hunger hatten sich die
armen Tiere Mähnen und Schweifhaare abgefressen und an den
prachtvollen Kastanien- und Lindenbäumen die Rinde bis weit
hinauf abgenagt, wie man auch im Artilleriepark vielfach auf
durchgenagte Radspeichen und Deichseln traf. Im Schlamm lag
allerlei Gerät umher, selbst Kürassierhelme mit Tigerfellbelag und
Rosshaarbusch, dazwischen tote frisch geworfene Füllen. Abseits
war eine mächtige Grube ausgegraben zur Aufnahme der abge-
standenen oder wegen Krankheit und Rotzverdacht getöteten
Pferde. Über alles regierte die Hünengestalt des uns wohlbekannten
Oberpferdearztes Direktor Zangger (von Zürich)." Das Bataillon 9
wurde am 16. Februar in die Heimat entlassen.
Bataillon 11 stand vom i. bis 11. Februar in Yverdon. Es
hatte die ankommenden Franzosen nach allen Seiten zu verteilen,
zu eskortieren und die an der Grenze liegenden Ortschaften nach
hangengebüebenen Franzosen abzusuchen. Die Schilderungen
des Leutnants Lavater, die Dr. Conrad Escher in seinen Erinne-
rungen mitteilt, geben ein anschauhches Bild von den chaotischen
Zuständen in der nach Yverdon hereinflutenden französischen
Armee. Mit einem Teil des Bataillons hatte Major Escher dann
noch im Jouxtale Grenzwach tdienste namentlich gegen die Ein-
schleppung der Rinderpest zu versehen, die andern Kompagnien
wurden nach Cossonay, Nyon und S*-Cergues dirigiert. Vom 11.
bis 26. März war das ganze Bataillon in Genf vereinigt. Besonders
anstrengend war der Dienst vom 14. März an beim Rücktransport
der Internierten. Fortwährend langten die Eisenbahnzüge mit
den Internierten aus der Schweiz an, die am Bahnhof in Empfang
genommen und truppenweise nach S^-Juhen begleitet werden
mussten. Sonntag den 26. März schlug für das Bataillon 11 die
Stunde der ersehnten Heimkehr.
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 145
Unvergessliche Eindrücke hatte auch die Dragonerkompagnie 3
in Yverdon und Orbe gesammelt. Ein schwerer und mühseHger,
aber auch höchst interessanter Dienst war ihr beim Einmarsch
der Franzosen geworden. Leutnant Blumer stand unter dem
direkten Befehl des Stabschefs Oberst Vögeli, mit dem er am
3. Februar zur Grenze ritt und dort Zeuge des Einzugs endloser
französischer Kolonnen war. Am 7. März kam. die Kompagnie
nach Genf und hörte dort am 11. März ohne Freude, dass General-
marsch geschlagen wurde für das Aufgebot der nichtzürcherischen
Bataillone nach — Zürich, wo die bedrohte Ordnung wieder her-
gestellt werden sollte. Die Entlassung der Dragoner erfolgte am
13. März.
Die französischen Internierten wurden auf sämtliche Kantone
mit Ausnahme von Tessin, Appenzell I.-Rh. (wo preussische
Ulanen interniert waren), Neuenburg und Genf verteilt. Auf den
Kanton Zürich entfielen bei der ersten Verteilung 11,031 Mann,
zu denen aber noch Nachzügler kamen, so dass der Etat vom
25. Februar 11,556 gesunde und 727 kranke, zusammen 12,283
Internierte aufwies. In Zürich wurden die Franzosen mit grosser
Spannung erwartet. Es gab Leute, welche die ganze Nacht auf
dem Bahnhofplatz zubrachten, um. den Moment der Ankunft nicht
zu verpassen. Als am 4. Februar morgens 3 Uhr ein grosser Trans-
port eintraf, ward den Franzosen von der Volksmenge ein herz-
licher Willkomm geboten. ,,Vive la France!" — ,,Vive la Smsse!"
— ging es hin und her. Einige Deutsche, welche ,,Vive la Prusse!"
dazwischen riefen, wurden verprügelt. Die Stadt Zürich behielt
von dem ersten Transport von 4700 Mann zunächst 3600, darunter
das ganze 92. Linienregiment; ein Zug mit 1000 Internierten
war schon am Abend des 3. Februar direkt nach Winterthur
weiter gefahren. Eben dahin kam auch die berittene Gendarmerie,
die eine Regimentskasse mit 95,000 Fr. mitgebracht hatte. An-
dere Abteilungen wurden per Schiff in die Dörfer am See gebracht,
800 Mann kamen nach Uster in die Fabrik Zangger & Gyr usw.
In Zürich verteilte man die gesunden Internierten auf die ehemalige
Speiseanstalt im Zeughaus beim Bahnhof, auf die übrigen Zeug-
häuser, die Reitschule, die Stallungen im ,, Platz" und die Prediger-
kirche. Damit nicht auch das Grossmünster in Anspruch genommen
werden musste, hatten die Herren Escher vom Felsenliof ihr
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146 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
neues Zwirnereigebäude am Untern Mühlesteg zur Verfügung ge-
stellt. Für die Kranken und Verwundeten waren die schöne Bürgli-
terrasse, die Schiesstände beim neuen Schützenliaus im Sihlhölzli
imd die Spannweid angewiesen. Als Absonderungshaus für Pocken
und andere ansteckende Krankheiten diente die Stephansburg.
Zur miHtärischen Bewachung der Internierten, die der kantonale
Mihtärdirektor Oberst vScherer zu leiten hatte — Platzkomman-
dant in Zürich war Oberst Rudolf Hess, — waren zuerst die
Bataillone 85 und 8y aufgeboten worden, die dann (am 21. Februar)
von den Reser\'ebataillonen 86 und 88 und der Jägerkompagnie des
Bataillons 29 abgelöst wurden. Die Internierten wurden im Kanton
Zürich von den miHtärischen Behörden keineswegs verhätschelt,
sondern eher streng gehalten, so dass sogar der eidgenössische In-
spektor Oberst Trümpy fand, man dürfte die Zügel ohne Schaden
etwas locker lassen. Grossartig wie immer war in Zürich die Wohl-
tätigkeit. Beim Hilfskomitee auf dem Rüden türmten sich die
Kleider, Hemden, vStrümpfe, Schuhe usw. zu Bergen, und über-
dies gingen in bar 25,443 Fr. ein.
Den Wunsch der Schweiz, die Internierten Mitte Februar
zurückschaffen zu dürfen, hatte Deutschland am 14. Februar
abgewiesen ; man sollte damit warten bis nach Abschluss des Präli-
minarfriedens. EndHch konnte der Beginn des Rücktransportes
auf den 8. März festgesetzt werden, wurde dann aber auf Wunsch
des zum Empfang seiner heimkehrenden Söhne noch nicht vor-
bereiteten Frankreich nochmals auf den 13. März hinausgeschoben.
Trotzdem reiste die berittene Gendarm^erie schon am 7. März von
Winterthur ab, und das 92. lyinienregiment verliess Zürich am
Mittwoch den 8. März. Bevor jedoch die Rücktransporte fort-
gesetzt werden konnten, trat noch ein Ereignis ein, das — nach
seiner politischen Bedeutung masslos übertrieben — für Zürich
von den unangenehmsten Folgen war: der Tonliallekrawall von
Donnerstag den 9. März 1871. Zum voraus sei festgestellt, dass
die Franzosen für die Störung der deutschen Siegesfeier in der
Tonhalle der geringste Teil der Schuld trifft. Die Beteiligung der
Internierten am Bombardement auf die Tonhalle war nicht er-
liebHch ; bei der Inspektion in den Interniertenlagern am Donners-
tag Abend fehlten nur etwa zehn Mann. Was die Gesinnung der
Offiziere betrifft, so darf vielleicht an einen Vorgang am 14. Februar
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o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG i8;o/7i 147
erinnert werden. An jenem Tage trafen in Zürich die 57 gefangenen
Pommern ein, die die Bourbakiarmee mitgebracht hatte und die
nun in Basel ausgewechselt werden sollten. Am Bahnhof Zürich
wurden sie von den hiesigen, ausserordentlich zahlreich versam-
melten Deutschen mit Jubel empfangen. Abends veranstalteten
diese in einem öffentlichen, jedermann zugänglichen Restaurant
der Stadt eine Feier zu Ehren der Pommern; laut erschallten
in der fröhlichen Runde die deutschen Kriegs- und Siegeslieder.
Da traten einige französische Offiziere ein. Man Hess sich dadurch
nicht stören, machte ihnen vielmehr freundlich Platz; die Fran-
zosen setzten sich zu den Preussen, und hell klangen die Gläser
zusammen.
Ob die Deutschen nicht besser getan hätten, auf Üire Sieges-
feier zu verzichten, kann man ruliig daliingestellt sein lassen, da
ihr Vorgehen, man mag es jetzt beurteilen wie man will, das Vor-
gefallene in keiner Weise entschuldigt. Über Fragen des Taktes
— und eine solche lag hier vor — gehen bekanntlich oft in den
besten FamiHen die Meinungen auseinander. Nur das lässt sich
vielleicht sagen: wenn denn doch, trotz ernstlicher Abmahnung,
durchaus gefeiert werden musste, wobei die MögHchkeit einer
Störung Wochen vorher vollständig klar vorausgesehen wurde, wie
dies die Verabredungen m.it den Behörden beweisen, dann hätte
diese Störung auch in Kauf genommen werden können und brauchte
nicht so ungeheuer tragisch aufgefasst zu werden, zumal man mit
der Feier nicht nur sich selbst, sondern auch dem gastfreundlichen
Lande, wo sie stattfand, erhebliche Ungelegenheiten bereitete.
Die volle Verantwortung für den wüsten Rimimel fällt auf ein-
heimische Kiemente, die aber wieder nur einen kleinen Teil der
Bevölkerung ausmachten. Die weitaus meisten Stadtbewohner
lagen friedlich in den Federn und hörten am Freitag Morgen mit
Staunen, was vorgefallen war. Für das Treiben der Krawallanten
aber ist kein Wort der Verurteilung scharf genug. Wir wollen
nichts davon hören, dass auch in monarchischen Polizei- und Mili-
tärstaaten solche Krawalle häufig vorkommen. Dort sind sie
eine natürliche Erscheinung, bei uns, wo das Volk regiert, eine
Schande und Unnatur. Immerhin sind auch die innerpolitischen
Verhältnisse in jenem Mom.ente nicht ganz ausser acht zu lassen.
Nach dem grossen Sieg der Demokraten standen sich die Parteien
148 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
im Kanton Zürich noch unversöhnt gegenüber. Die politischen
Gegensätze erstreckten sich sogar auf die Sympathien und Anti-
pathien während dem Krieg. Bei den Liberalen und Konserva-
tiven hielt man mehr auf die deutsche Seite; die Demokraten be-
kundeten offen üire Vorliebe für die französische Republik. Auch
eine gewisse Passivität der städtischen Bevölkerung den Vor-
gängen bei der Tonhalle gegenüber mag sich aus einem Rest poli-
tischer Verbitterung teilweise erklären. Ohne mit den Radau-
brüdern im mindesten zu sympathisieren, gönnte man der vom
Volk gewählten Regierung die Verlegenheit. ,,Es war," schrieb
die ,, Freitagszeitung", ,,die Genugtuung, unsere Regierung in
dem ihr prophezeiten Kampfe mit den schlimmen Elementen zu
sehen, durch welche sie sich hatte emporheben lassen, und die
Hoffnung, dass die Regierung diese Aufrührerrotte zwar wohl be-
siegen könne, aber dabei werde offenbar werden, wie unfähig das
demokratische Regiment sei und wie grosse Gefahren es dem
Lande bereitet habe."
Doch nun wird es Zeit, den Hergang zu erzählen.
Im ,, Tagblatt" vom 31. Januar 1871 erschien folgendes In-
serat:
Deutscher Kommers.
Die neueste entscheidende Wendung im deutsch-franzö-
sischen Kriege hat bei den Unterzeichneten den Gedanken an-
geregt, die staatliche Neugestaltung Deutschlands durch einen
Abend-Kommers zu feiern. Zu Festen ist die Zeit nicht an-
getan, in anspruchsloser Form wollen wir den grossen Moment
im Kreise Gleichgesinnter begehen. Wir laden demnach alle
hier wohnenden Deutschen, die mit uns in der Wiederaufrich-
tung des deutschen Reiches ein freudiges Ereignis erblicken,
sowie alle Schweizer, die Freunde der deutschen Sache sind,
höfüchst und dringend ein, an dem Abend-Kommers im grossen
Saale der Tonhalle Donnerstag den 2. Februar teilzunehmen.
G. Semper, Professor. — O. Wesendonck.
A. Gusserow, Professor. — A. Exner, Professor.
Diese Ankündigung erregte in einigen Kreisen der Stadt Ver-
wunderung und Aufregung, die noch vermehrt wurde, als ihr auf
dem Fusse die Nachricht vom Übertritt der Bourbaki folgte. Die
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 149
Polizei fand in einigen Wirtschaften lithographierte Zirkulare mit
einem Protest gegen die Feier: ,,Wie weit haben wir es gebracht
und wie weit werden wir es noch bringen mit der Aufrechthaltung
unserer Neutralität, wenn Behörden und demokratisch gesinnte
Vereine, sowie alle rechtgesinnten Bürger ruhig zusehen, wie in
unserem Lande solche FeierHchkeiten, resp. Demonstrationen unter
dem Titel Deutscher Kommers zur Frohlockung über den Mord
an einer Schwesterrepublik in öffentlichen Lokalen gehalten wer-
den können" usw. Das Komitee für den deutschen Kommers teilte
im ,, Tagblatt" vom 2. Februar mit, ,, wegen der durch das Ein-
rücken der Franzosen in die Schweiz über den Kanton hereinge-
brochenen Kalamität" werde der Festkommers auf unbestimmte
Zeit verschoben. Eine Einsendung vom gleichen Tage in der „N.
Z. Z." empfahl den Deutschen, doch lieber nach Friedensschluss
eine allgemeine Friedensfeier zu veranstalten, zu welcher dann
auch die Franzosen und alle andern Nationalitäten eingeladen
werden könnten. Eine längere Einsendung aus deutschen Krei-
sen in der ,, Freitagszeitung" rechtfertigte das Vorgehen der Deut-
schen und erklärte zum Schluss: ,, Solchen Drohungen gegenüber
ist dem Komitee die Feier des Festes nicht mehr bloss Sache des
Herzens, sondern Sache der Ehre. Es wird Vorkehrungen treffen,
um Störungen zu vermeiden und durch eine anderweitige Art der
Einladung Störer fern zu halten. Im übrigen aber verlassen sich
die Festteilnehmer auf die staatUche Ordnung des Kantons Zürich ;
sie werden es nötigenfalls darauf ankommen lassen, ob das freie
Versammlungsrecht und der Schutz der Gesetze auch den hier
lebenden Deutschen gewährleistet ist. Das Fest wird daher ge-
feiert werden, wenn der Kanton wieder beruhigt und der Friede
gesichert ist."
Am 2. März erfolgte im ,, Tagblatt" die definitive Einladung
auf Donnerstag den 9. März, abends 8 Uhr. Erneuten Vorstellungen
gegenüber, dass man doch wenigstens warten möchte bis nach
der Abreise der Franzosen, wurde deutscherseits betont, die aber-
malige Verschiebung wäre lächerhch und würde als eine Feigheit
erscheinen. Gerade jetzt feiere ganz Deutschland den Sieg, und
da könne man hier nicht erst hintennach hinken. Die Abreise der
Franzosen sei übrigens schon festgesetzt gewesen, ihre abermahge
Verschiebung nicht Schuld der Deutschen. Und schüessHch werde
I50 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
die Feier im geschlossenen Räume und nur für Eingeladene ab-
gehalten. Unter diesen Auspizien fanden schon von Dienstag ab
vorsorgliche Besprechungen zwischen Stadt- und Kantonspolizei
über die zu treffenden Massnahmen statt. Der kantonale Militär-
direktor Oberst Scherer befand sich bei einer nationalrätlichen
Kommission in Bern. Ihn ersetzten in der Oberleitung der Inter-
nierten-Bewachung Oberst Stadler und dessen Adjutant Stabs-
major Ulrich Meister; stellvertretender Militärdirektor war Re-
gierungsrat Walder. Mittwoch den 8. März machte Direktor Marck
namens des deutschen Komitees dem Polizeidirektor Müller offi-
ziell Mitteilung von dem abzuhaltenden Kommers und bat um
polizeilichen Schutz. Auf Donnerstag nachmittag 2 Uhr wurden
die Herren Wesendonck und Marck aufs Platzkommando in die
Kaserne beschieden, wo ihnen der Adjutant des Platzkomman-
danten Hess, Stabshauptmann Pestalozzi, mitteilte, dass eine
Störung des Festes zu befürchten sei; die Truppen würden aber
zu seinem Schutze herbeieilen. Die Bemerkimg von Hauptmann
Pestalozzi, dass man das Fest hätte verschieben sollen, beantwor-
tete Herr Marck damit, dass an den Dispositionen nun nichts
mehr geändert werden könne. Zwischen Oberst Hess und seinen
Vorgesetzten scheint nicht das beste Einvernehmen bestanden
zu haben und der letztere beklagte sich u. a. darüber, dass noch
am Donnerstag abends 5 Uhr die eben von der Grenze heimge-
kehrte Dragonerkompagnie 12, die einige Stunden später ausge-
zeichnete Dienste hätte leisten können, ohne sein Vorwissen ent-
lassen wurde. Auf abends 7 Uhr bat Oberst Hess noch Professor
Wislicenus zu sich in die Kaserne und empfahl ihm als dem Fest-
präsidenten, dafür zu sorgen, dass die Festteilnehmer, unbeküm-
mert um das, was draussen vorgehe, in der Tonhalle bleiben;
für die Ordnung vor der Tonhalle würde gesorgt werden.
Als gegen 8 Uhr die ersten Gäste mit ihren Damen bei der
Tonhalle ankamen, fanden sie die Zugänge von halbwüchsigen
Schlingeln belagert, die ümen Schimpfnamen zuriefen. Schlim-
meres noch Hessen die Haufen von Männern ahnen, die sich nach
und nach dazu gesellten. Der grosse Tonhallesaal war mit den
deutschen Farben geschmückt ; eine imposante Figur der Germania,
am Rhein Wache haltend, von Maler Witt, leuchtete den Ein-
tretenden entgegen. Auf dem Podium der deutsche Sängerverein
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 151
„Liedertafel" und die Kapelle Dietrich. Man sang zuerst „Wir
sind vereint zur guten Stunde". Dann hielt Professor Wislicenus,
ein eingebürgerter Deutscher, die Begrüssungsansprache, die mit
einem Hoch auf das Deutsche Reich und das deutsche Volk endete.
Nachdem die etwa 900 Personen zählende Versammlung zur
Musikbegleitung den Choral „Nun danket alle Gott" und hierauf
die Liedertafel Geibels „Nun lasst die Glocken von Turm zu Turm"
gesungen, sprach begeistert Professor Johannes Scherr, bisher
einer der radikalsten Deutschen. ,, Dummheit, Unwissenheit, Ge-
meinlieit, Neid und Bosheit sind grosse Gewalten auf Erden," rief
der Redner aus, ,,aber die vereinigte Macht dieser fünf Gross-
mächte reicht doch nicht aus, den Ruhmesglanz des kolossalen
Werkes zu trüben, welches Deutschland binnen sieben Monaten
geschaffen hat. Mit dauernderen Flammenzügen als sie der BHtz
in die Felsen schreibt, wird die Geschichte die Einzelheiten dieser
Arbeit in das Buch der Ewigkeit schreiben, und dort wird, wenn
die Leidenschaften, die Verhetzungen und Gehässigkeiten von
heute längst verschollen sein werden, zu lesen sein, dass die Gross-
artigkeit des welthistorischen Dramas von 1870/71 auf deutscher
Seite insbesondere beruht i. auf der quellenlautern und spiegel-
blanken Reinheit und Gerechtigkeit unserer Sache, 2. auf Deutsch-
lands Alleinstehen, so dass es ohne alle und jede Unterstützung
von aussen, aus seines Wesens innerstem " Kern heraus, ganz und
gar aus eigener Kraft seine staunenswerten Erfolge errang, 3. auf
der Einlieit aller deutschen Stämme, Stände und Volksschichten
in dem nationalen Gedanken."
Schon während der Rede von Professor WisHcenus waren
einige Steine klirrend durch die Oberfenster hereingeflogen und
die Ansprache Scherrs begleitete ein immer stärker werdender
Steinhagel auf die Tonlialle, so dass man sich allmähHch aus der
Mitte des Saales unter die Galerien zurückziehen musste. Heftiges
Poltern an den Türen und fortwährendes ScheibenkHrren Hessen
die Absicht eines Einbruchs von aussen vermuten. In eine unan-
genehme Situation gerieten besonders die zahlreichen Zürcher,
die, der Einladung folgend, gekommen waren, um ihre Sympathie
für die deutsche Sache zu bekunden. Sie hatten nun eine vier-
stündige Belagerung mit ihren deutschen Freunden durchzu-
machen imd wurden von ümen mit bitteren Vorwürfen über die
152 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
,, saubere Ordnung" in unserem Lande regaliert. Plötzlich ent-
stand auf dem Podium ein furchtbarer Lärm. Man sah, wie dort
Sänger und Musiker nach der Seitentür stürzten, die zum
nebenanhegenden Bierlokal, dem sogenannten ,, Schlauch", hinab-
führte, und um diese Türe ein wütender Kampf entbrannte. Die
jungen Leute im Saal, namentlich eine Anzahl Polytechniker,
eilten aufs Podium, demoHerten die Musikpulte, um sich mit
Stücken davon zu bewaffnen, traten Stulilbeine und Stuhllehnen
ab oder brachen Latten aus den Dekorationsstützen. Einer sprang
mit beiden Füssen aufs Klavier und wurde wieder herunterge-
stossen. Alles hieb wie toll auf die Türe los, die schliessHch den
Fusstritten und Schlägen von aussen und innen nachgab. Im
,, Schlauch", ihrem gewohnten allabendlichen StammJokal, hatte
sich eine Anzahl französischer Offiziere eingefunden, darunter
der Bataillonskommandant Comte de VitroUes, die Hauptleute
Cardozo und Delacour, die Leutnants und Secondeleutnants Ben-
sas, Poirel, Hubert, Didier, de Raimond, Monteaux, die Sergeants
Peyre tmd Castanet; auch einige Soldaten und ein hitziger kleiner
Turco waren da. Anfänglich verhielten sich die Franzosen rvihig
an üiren Tischen, gerieten aber durch den Lärm draussen und die
Siegesheder im Saal mehr und mehr in Aufregung. Wie auf ein
verabredetes Zeichen erhoben sich auf einmal alle; man hörte
rufen ,,Vive la France !" — ,,On nous insulte !" Der ganze Haufen
der Offiziere drängte sich in den dunkeln Gang, der zur Treppe
und der Tür nach dem Podium führte. Tonhallewirt Boller, der
diese Türe vorsorglich verschlossen hatte und die Tonlialle-Vor-
standsmitgüeder Fürsprech Dr. G. Mousson und Lehrer Bosshard
versuchten umsonst, mit Wort und Tat den Franzosen zu wehren.
Wirt Boller eilte schliesslich barhaupt hinaus, den Obersten Hess
zu suchen und militärische Hilfe zu erbitten. Die Franzosen be-
arbeiteten die Podium türe mit einer dicken Stange (Baumstütze),
mit der sie die beiden untern Füllungen durchbrachen, worauf
deutsche Fäuste die Stange ergriffen und hereinzogen. Die Offi-
ziere fuchtelten mit den Säbeln durch die Lücken; Sergeant Peyre
der so unvorsichtig war, den Kopf hindurchzustecken, erhielt einen
furchtbaren Schlag, taumelte die Treppe herab und stürzte beim
Büffet bewusstlos nieder. Nun sprang auch die Tür auf, die Deut-
schen stürzten sich mit Hurrah auf die Franzosen und warfen sie
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 153
die Treppe hinunter. Am Fuss der Treppe wilder Kampf. Mit
vollen und leeren Biergläsern und Weinflaschen, Zündholzsteinen,
Porzellanunterlagen wurden die Deutschen bombardiert, und sie
hieben mit ganzen Sesseln und Fragmenten von solchen um sich.
Acht Deutsche wurden verwundet, darunter der Photograph Riedel
erheblich. SchUesslich gelang es mit Hilfe der Polizei, die Fran-
zosen zu entwaffnen und zu verhaften oder aus dem Lokal zu
werfen, und die Deutschen, einmal im Zuge, hatten die grösste
Lust, durch einen ,, Ausfall" den von Demonstranten angefüllten
Salzhausplatz (Bellevueplatz) zu säubern, was aber Regierungsrat
Walder nicht gestattete. Bei der Rückkehr packten der Poly-
techniker Eichenberger und andere trotz ernstlicher Abwehr des
Ingenieurs Münch im Seefeld den noch immer am Boden liegenden
Sergeanten Peyre und schleppten ihn aufs Podium hinauf, um ihn
als ,, Gefangenen" der Versammlung zu zeigen. Nachdem sich
diese genugsam an dem Anblick erbaut, wurde Peyre auf der Treppe
der Polizei übergeben. Nicht lange nach dieser Szene erschien
die behäbige Figur des Obersten Hess im Saal. Er bat das Komitee,
die Musik nicht mehr spielen zu lassen, und verschwand wieder.
Als bald darauf doch wieder Musik im Saal erschallte, kam Adju-
tant Pestalozzi mit dem Befehl, das Fest nunmehr abzubrechen
und die Lichter herunterzuschrauben, weil das für die Sicherheit
der Kommersteilnehmer unbedingt erforderlich sei. Mit einigem
Murren wurde gehorcht, und es hatte das Aufhören der Musik und
das Dunkelwerden der Tonhalle sofort eine beruhigende Wirkung
auf die Volksmasse. Die Festteilnehmer wurden von den Offi-
zieren nach und nach hinausbegleitet, aber es wurde 3 Uhr morgens,
ehe die Tonhalle geschlossen werden konnte.
Draussen vor der Tonhalle war es nach dem Ausspruch des
Instruktors Vogler den ganzen Abend ,, krautig" zugegangen. Das
anfängliche Aufgebot nichtuniformierter Stadt- und Kantons-
polizisten hatte nicht genügt, um die gegen die Tonhalle drängende,
auf die Deutschen und die Regierung schimpfende Volksmenge
zurückzuhalten, welche schon anfing. Steine nach den Fenstern
und dem Vordach der Tonhalle zu werfen. Die Regierungsräte
Müller und Walder, Stadtpolizeipräsident Hagenbuch und fünf
höhere Offiziere waren auf dem Platz. Sie wurden beschimpft,
verhöhnt und sogar tätlich angegriffen, so dass Oberst Stadler
154 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
den Säbel zog und einen Angreifer verletzte. Aus der Menge wurde
ilim zugerufen, dass sein Haus demoliert werden solle, worauf er
nach Hause eilte und dann nach etwa einer Stunde wieder geholt
wurde. Nim rückte uniformierte Polizei an, der es für kurze Zeit
gelang, das Volk gegen das Salzhaus und die Kronenhalle zurück-
zudrängen und einige Leute zu verhaften, darunter einen Mann
mit einer Mistgabel, der nachher wiegen Säuferwahnsinns ins Burg-
hölzli kam. Jeder Steinwurf, der eine Scheibe zertrümmerte,
wurde vom Volk mit Jubel und Bravo begleitet. EndUch erschien
auch das heiss ersehnte Militär auf dem Platz, Oberst Hess an der
Spitze von 150 Mann vom Bataillon 88, von der Menge mit Pfeifen
und Johlen begrüsst. Die wogende Masse übersehend, fand Oberst
Hess, dass er zu schwach sei, um etwas ausrichten zu können, und
Hess deshalb die Soldaten untätig über eine Stunde bei der Kronen-
halle stehen. Dann rückte eine Abteilung ein Stück weit in der
Tonliallestrasse vor, wobei Adjutant Pestalozzi fast vom Pferde
gerissen wurde. Als der stellvertretende Militärdirektor Walder
die Abteilung bei der Kronenhalle zur Tonhalle hinüber dirigieren
wollte, erhielt er den Bescheid, die Soldaten hätten strengen Be-
fehl, niemandem zu gehorchen als dem Obersten Hess. Diesem
war inzwischen aus der Mitte des Publikums geraten w^orden, die
Truppen zurückzuziehen, da sich das Volk dann eher beruliigen
würde. Oberst Hess zog deshalb seine Kompagnie auf den Hecht-
platz und zmn Eingang in die Stadelhoferstrasse zurück. Dann
wieder von allen Seiten bestürmt, er möchte doch jetzt einmal ein-
greifen, beharrte Oberst Hess dabei, ohne schriftlichen Befehl nichts
tun zu können. Bei der Stadelhoferstrasse vereinigten Wirt Boller
und Pohzeipräsident Hagenbuch Üire Vorstellungen und Stabsmajor
Meister machte ihn energisch für alle Folgen seiner Inaktivität ver-
antwortlich. Aber erst dem Regierungsrat Walder, der mit Hess
endlich auf dem Hechtplatz zusammentraf, gelang es, den letztern
zum Einschreiten zu bestimmen. Die Menge hatte nach dem Ab-
zug der Truppen auch die Ost- und Südseite der Tonlialle in An-
griff genommen, und es war schwierig für das Militär, die beiden
befohlenen Stellungen beim. Haupteingang und beim Restaurant
einzunehmen, wo es weiterhin — mit Front gegen die Tonhalle ! —
ohne Befehle und Verhaltungsmassregeln stehen gelassen wurde
und die ganze Arbeit der übermenschHch angestrengten Polizei
o XXXII. KAPiTEIv: GRENZBESETZUNG 1870/71 155
überliess. Das Steinwerfen war, wie die ,, Freitagszeitung" schrieb,
förmlich organisiert. ,, Baumstarke Kerle sahen wir, denen Hinten-
stehende die massenhaft herbeigefülirten Steine boten, sogar bis
zwischen die Soldaten mit einem ,Excusez!' sich vordrängen und
sicher zielend werfen." Dem früheren Stadtpräsidenten Oberst
Ziegler, welcher den Soldaten zuzusprechen versuchte, wurde be-
deutet, er solle zuerst die Uniform anziehen, wenn er hier befehlen
wolle. Er ging heim, kam in Uniform zurück und gesellte sich
unterstützend dem Stabsmajor Meister bei, der es schliesslich dazu
brachte, dass das Militär in der Richtung auf das Salzhaus vor-
rückte und den Platz räumte. Uro. 2^ Uhr konnten die Truppen
in die Kaserne zurückkehren. Die Polizei hatte 29 Tumultanten
verhaftet, die im Weiberbau des Zuchthauses im Ötenbach unter-
gebracht wurden.
Am Freitag morgen sah die Tonlialle traurig aus; kaum eine
Scheibe mehr ganz, der Platz mit faustgrossen Steinen übersäet.
Nachmittags, als das Lokal für die Börse in der Tonhalle geöffnet
wurde, vermochten einige Leute in den grossen Saal einzudringen,
wo sie die Germania zerstörten und die deutschen Fähnchen zer-
rissen. Stadtschreiber Bernhard Spyri, Pfarrer Paul Hirzel,
Pestalozzi-Wiser und Direktor G. Stoll veröffentlichten eine
,, Adresse der zürcherischen Bevölkerung", in welcher der Ent-
rüstung über das Vorgefallene Ausdruck gegeben und der Re-
gierungsrat ersucht wurde, ,, gegenüber den beleidigten Deutschen
Dolmetscher unserer Gefülile zu sein". Die Adresse wurde in der
Eisenhandlung Joh. David Wiser am Münsterhof und in der Kunst-
handlimg Gramer & Lüthi aufgelegt und von 437 Einwohnern
unterzeichnet. (Der Regierungsrat erklärte am 18. März, er sei
lücht in der Lage, die Adresse eines Teils der Einwohnerschaft
an einen andern Teil in amtlicher Stellung zu vermitteln, und ver-
wies auf die einmütige Kundgebung des Kantonsrates, der er sich
anschliesse; hierauf richteten die obgenannten Herren die Adresse
mit den Unterschriften direkt an das deutsche Komitee.) Fast
sämtHche schweizerische Professoren der Universität und des
Polytechnikums drückten in einer von G. v. Wyss verfassten
Adresse iliren Kollegen deutscher Abkunft das tiefe Bedauern über
den Krawall aus. Der städtische Schulrektor Zschetzsche, ein
eingebürgerter Deutscher, telegraphierte am Freitag früh an den
156 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
Bundespräsidenten Dubs und an den Gesandten des Norddeut-
schen Bundes in Bern, General v^on Röder; letzterer begab sich
daraufhin zum Bundespräsidenten und verlangte Auskunft, die
der Bundesrat unverzüglich telegraphisch von Zürich einholte.
Das Telegramm Zschetzsches an den norddeutschen Gesandten
war später noch Gegenstand eines Pressprozesses. Die Regierung
berief am Freitag vormittag die 2. Jägerkompagnie des Bataillons 29
vom Unken Seeufer nach Zürich und bot für Samstag die Scharf-
schützenkompagnien 47 und 74 auf. Das Komitee für den deut-
schen Kommers richtete eine scharfe Eingabe an den Regierungs-
rat, indem es die Behörden für alle Folgen verantwortlich machte,
strenge Bestrafung auch der fehlbaren Beamten verlangte und sich
eventuell weitere Schritte vorbehielt. Der engere Ausschuss des
Komitees (Marck, Wesendonck, Wislicenus) veröffentHchte eine
Kundgebung in der Presse, die unter Darlegung der Besprech-
ungen mit den Behörden alle Verantwortlichkeit seitens der Deut-
schen ablehnte und deren Schutzlosigkeit beklagte. Freitag abends
zwischen g und 10 Uhr rotteten sich in der Gegend der Straf-
anstalt einige hundert Männer zusammen mit der Absicht, die
Gefangenen im Weiberhaus zu befreien. Auf dem Lindenhof
hielten ein Schweizer und dann ein Deutscher Ansprachen an die
Gesellschaft, dann begann das Bombardement mit Pflastersteinen.
Die Strafanstalt war stark mihtärisch besetzt. Von der Kaserne her
kamen mehrere Patrouillen, geführt von Stabsmajor BluntschH.
Ein Freiwilhger wurde von der Truppe abgedrängt und lebens-
gefährlich misshandelt. Da die Soldaten mit Steinen beworfen
wurden, schössen sie mit ihren Gewehren in die Luft; ein Schuss
traf den württembergischen Schneider Teufel, der an seinem
Kammerfenster im dritten Stock der Wirtschaft Stutz gegenüber
der Strafanstalt stand. Teufel war aus Paris ausgewiesen worden
und hatte hier Arbeit gefunden. Die Grabrede hielt ihm der Rektor
der Universität Zürich, Professor Gusserow. Das Resultat des
Krawalls vor der Strafanstalt waren weitere Truppenaufgebote
(ganzes Bataillon 29 und Dragonerkompagnie 19).
Als am Samstag morgen den 11. März der Regierungsrat sich
zu seiner ordenthchen Sitzung versammelte, lagen bereits Polizei-
rapporte vor, nach denen man auf eine wachsende revolutionäre
Bewegung schliessen musste. Nicht nur sollte der Angriff auf das
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 157
Zuchthaus wiederholt werden, sondern man sprach auch — in
einigen Spelunken — von einem Sturm aufs Rathaus und dem
Sturz der Regierung. Es wurde im Rathaus die Frage erörtert,
ob nicht der Sitz der Regierung in die Kaserne verlegt werden
sollte. Einstweilen erHess der Regierungsrat eine Proklamation
an die Bevölkerung, welchem Beispiel auch der Stadtrat folgte.
Die tollsten Gerüchte zirkulierten. In einer mittags i Uhr in
der Kaserne abgehaltenen Konferenz, an welcher die Regierungs-
räte Ziegler und Walder, Polizeipräsident Hagenbuch, Oberst
Stadler und Major Meister teilnahmen, betonte speziell Oberst
Stadler die Notwendigkeit weiterer Truppenaufgebote, da man
sich auf das Stadtbataillon wegen seiner revolutionären Gesinnung
nicht verlassen könne. So müssten eben eidgenössische Truppen
herbeigezogen werden, resümierte Ziegler. An den Bundesrat gingen
im Lauf des Nachmittages folgende Depeschen des Regierungs-
präsidenten Gottlieb Ziegler:
3 Uhr 25: ,, Heute wächst die Bewegung. Es steht eine Revo-
lution bevor von unklarem, aber drohendem Charakter. Wir bitten
um eidgenössisches Aufsehen."
5 Uhr 35: ,, Situation kritisch. Zuverlässigkeit teils aufge-
botener Truppen zweifelhaft."
Um 5 Uhr 45 lief vom Bundesrat die telegraphische Mitteilung
ein, dass er vier Bataillone Infanterie und zwei Batterien nach
Zürich aufgeboten habe. Die Truppen wurden unter den Befehl
des Obersten Eduard v. Salis gestellt. Überdies ernannte der
Bundesrat einen eidgenössischen Kommissär in der Person des
Landammanns Dr. Heer von Glarus. Die beiden Batterien 16
und 17, Appenzell und St. Gallen, kamen nicht nach Zürich, son-
dern wurden alsbald wieder entlassen. Die aufgebotenen Batail-
lone waren das 17. (Aargau) und 49. (Thurgau), die beide noch in
Genf standen, sowie die St. Galler Bataillone 31 und 63. Für den
Samstag, den letzten der kritischen Tage, musste Zürich freiüch
noch mit den eigenen Kräften auszukommen suchen, und das
war auch ohne alle Schwierigkeiten mögHch. Die vorhandenen
Truppen wurden auf die wirkhch oder vermeintlich bedrohten
Punkte, Rathaus, Zuchthaus, Zeughäuser, Druckereien der ,, Neuen
Zürcher Zeitung" im Elsasser und der ,, Freitagszeitung" an der
Schipfe, Villa Wesendonck usw. verteilt, 1000 französische In-
158 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
temierte aus den Zeughäusern sofort nach Genf abgeschoben.
Beim Rathaus war schon von 6 Uhr an eine formidable Kriegs-
macht aufgestellt: die Scharfschützenkompagnie 47, das Batail-
lon 29, die Dragonerkompagnie, die den Rathausquai und die
Zugänge von Marktgasse und Limmatquai her besetzt hielt, für
die neugierige Bevölkerung ein sicheres Zeichen, dass es hier etwas
zu sehen geben werde, weshalb sie sich denn auch entsprechend
zahlreich einstellte. Die zweifelhaften Elemente bildeten eine
Minderheit. Die Zeit des stundenlangen Wartens vertrieb sich die
Menge mit dem unaufhörlichen Singen von Vaterlandsliedern,
und waren es auch nicht gerade Huldigungen, die dann und wann
zum Saale des in Permanenz tagenden Regierungsrates empor-
stiegen, so schien die ganze Situation für die Regierung denn doch
von ferne nicht so gefährlich wie damals, da die Revolution unter
den Fenstern des Rathauses Psalmen anstimmte. ,,Der hostile
Charakter der Bewegung eher abnehmend", telegraphierte der
Regierungspräsident um 9 Uhr 50 nach Bern. Eine kompakte
Masse drängte sich immer näher an das Rathaus heran und war
nur schwer zurückzulialten, da das MiHtär nicht brutal vorgehen
mochte. In der vordersten Reilie stand ein bäumiger Kerl mit
einem Knüppel, Pankraz Meyenberg, Kesselschmied in der Neu-
mühle. Der Scharfschützenhauptmann ging auf ihn zu mit den
Worten: ,, Guter Freund, Ihr scheint mir gerade der rechte Mann
zu sein, um uns ein wenig zu helfen; macht doch, dass die Leute
zurückbleiben!" — ,,Ja, wenn es so gemeint ist," sagte geschmei-
chelt der Keulenmann, ,,ja wohl! — Zurück da, ihr Leute!" —
Wieder verging eine Stunde, ohne dass etwas geschah. Da ward
es dem Pankraz zu dumm. Er hielt eine Ansprache an das Volk,
woraus zu entnehmen war, dass man sich oben an der Strehlgasse
wieder treffen wolle. Wirklich fand sich am bezeichneten Ort ein
Haufen dunkler Gesellen ein, die Pankraz mit einer zweiten An-
sprache anim.ierte. Die Detektive Wolfer und Rüegg folgten ihm
auf den Fersen, und beim Ötenbach kamen noch die uniformierten
Polizeisoldaten Graf und Gulil dazu. Pankraz begrüsste die un-
erwünschte Gefolgschaft: ,, Wollt Ihr auch einstehen und mit-
machen?" — ,,Das würde sich für uns nicht schicken," sagten
die Polizeimänner. ,,Dann macht, dass Ihr fortkommt!" Sofort
waren die Polizisten umringt, bekamen Steine an den Kopf und
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 159
Rücken und flohen das Lindenhof gässchen hinauf. Gulil zog den
Säbel, Pankraz ilim nach und suchte ilim die Waffe zu entreissen.
Bei dem Ringen verlor Gulil die PoHzeimütze, mit der dann nach-
her Pankraz als HäuptHng der Bande stolz sich schm.ückte. Stock-
finstere Nacht; nur beim Zuchthausportal verbreitete eine er-
schöpfte Laterne einen zweifelliaften Schein. Man hörte Pfiffe
vom Lindenhof, vom Rennweg, von der Schipfe herauf. Das Ge-
sindel gab sich Signale, und es waren verschiedene dabei, die von
einem früheren Aufenthalt im ötenbach her über die erforderliche
Ortskenntnis verfügten. Es mochte auf Mitternacht gehen, als
etwa dreissig Mann in den matten Schein vor dem Zuchthaus-
portal heraustraten und mit Pflastersteinen den Artillerieangriff
auf das in Dunkel und tiefer Stille Hegende Gebäude markierten.
Sechs schleppten eine 20 Fuss lange Gerüststange herbei, m.it der
sie einen Fensterladen zertrümmerten, aber dann auf ein Gitter
stiessen und nun gegen das Portal operierten. Scharfe Augen
hatten jede Bewegung verfolgt. Im Weiberbau lag die 2. Jäger-
kompagnie des Bataillons 29, den Finger am Drücker des Gewehrs.
Zweimaliger Trom,melwirbel warnte die Stürmenden und mit
lauter Stimme forderte Major Escher-Hess aus einem Fenster
auf, den Platz zu verlassen, ansonst geschossen werde. Einige
Schüsse an eine gegenüberliegende Mauer unterstrichen die War-
nung. ,,Ihr habt ja keine Kugeln," höhnte die Sippschaft und
berannte von neuem das Tor. Jetzt folgten gezielte Schüsse.
Vier Männer wälzten sich in ihrem Blute. Zwei bHeben tot auf dem
Platze, zwei starben bald nachher. Mehrere wurden verwundet.
Fritz Bürkü sah, wie man einen am Brunnen vor dem Rennweg-
tore wusch. Als man einen der Toten in der Anatomie untersuchte,
fand man seine Kleider voll Ungeziefer, und der Mann hatte —
keine Zehen!
Die Lektion der 29er vor dem Zuchthaus war genügend. Die
Stürmer Hessen die Gerüststange fallen und flohen, aber nur,
um vor dem Rathaus nochmals mit drohenden Worten und Ge-
bärden zu demonstrieren und nach der Absetzung der Regierung
zu schreien. Doch auch hier bedurfte es nur einiger Revolverschüsse
in die Luft von Oberst Hess und einem andern Offizier, um die
letzten Radaumacher zu verscheuchen. Um halb ein Uhr traf,
vom MiHtärdirektor Oberst Scherer am Bahnhof empfangen und
i6o XXXII. KAPITEL,: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
zum Rathaus geleitet, der eidgenössische Kommissär Dr. Heer
in Zürich ein. Er kam post festum ; die Sache war vorüber ....
Zürich unter dem Schutz der eidgenössischen Bajonette, ver-
beiständet von einem eidgenössischen Kommissär! Ein bitteres
und schmerzliches Gefühl. Konnte man uns diese Demütigung
nicht ersparen ? So fragte sich am Sonntag jedermann, und ein
heisser Zorn kochte in der Bürgerschaft gegen eine Regierung, die
so furchtsam gewesen, wegen eines Haufens von Strolchen das eid-
genössische Aufsehen anzurufen. Den Ausgangspunkt der ganzen
dummen Geschichte, den deutschen Kommers, hatte man schon
fast vergessen; jedenfalls aber hatten die Skandale vom Freitag
und Sam_stag mit deutschen Sympathien oder Antipathien nicht
das geringste mehr zu tun. An den Mauern der Stadt prangte am
Sonntag vormittag die Proklamation des eidgenössischen Kom-
missärs mit der Mahnung an die Bevölkerung, die Ordnung auf-
recht zu halten und ihm zu ersparen, von den Mitteln der Gewalt
Gebrauch zu machen! Man schämte sich fast, die eidgenössische
Vermahnung zu Ende zu lesen, und mit gemischten Gefühlen
wohnten am Nachmittag halb 6 Uhr die Stadtzürcher dem Ein-
marsch der beiden St. Galler Bataillone bei, denen von Genf her
um 6 14 Uhr die Aargauer und im Laufe der Nacht die Thurgauer
folgten. Eidgenössischer Platzkommandant war Oberst Trümpy.
Am 15. März konnten die Aargauer und Thurgauer wieder ab-
marschieren; die St. Galler hatten noch bis zum 18. zu bleiben.
Mit den Internierten wurde nun so rasch als möglich abge-
fahren. Acht Tage lang bot der Bahnhof Zürich, den im ganzen
24,500 Mann passierten, ein überaus belebtes Bild. An der SÜil
war eine eigene Restauration errichtet worden, wo die Franzosen
nochmals erquickt wurden. Die letzten Internierten aus dem
Kanton Zürich kamen am 19. März zu Schiff an und marschierten,
die Marseillaise singend, flinken Schrittes die Bahnhofstrasse
hinunter. Den Franzosen, unter denen sich noch zahlreiche Re-
konvaleszenten befanden, mag es vorgekommen sein, als kämen
sie aus einer guten warmen Stube heraus beim Verlassen der
Schweiz in Verrieres-fran<;aises, wo sozusagen nichts zu ihrem
Empfang vorbereitet war und sie die erste Nacht auf heimatlichem
Boden wieder in Schnee und Eis unter freiem Himmel zubringen
mussten, um dann zu Fuss den langen Weg nach Lyon zurückzu-
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 161
legen. 90 Internierte der Stadt Zürich hatten hier in kühler Erde
ihren dauernden Aufenthalt gefunden. Ihre Landsleute errichteten
ihnen auf dem kathoUschen Friedhof in Wiedikon ein Denkmal,
das am 17. März 1872 mit sieben Reden eingeweiht wurde. Es
trägt die Inschrift: ,,Aux Fran9ais internes morts ä Zürich, vic-
times de la guerre 1870 — 1871, leurs compatriotes et amis suisses.
Sont enterres ici" — und dann folgen 51 Namen von den in Wiedi-
kon Begrabenen. Auf der Rückseite des Denkmals sind die 20
Internierten vom Friedhof Neumünster und die 19 vom Friedhof
des Kantonsspitals verzeichnet. Als der Friedhof im ,,Löchli"
Wiedikon 1910 aufgelassen wurde, versetzte man das Franzosen-
Denkmal auf den Friedhof Manegg.
Der Kantonsrat war von seinem Vizepräsidenten, Stadt-
schreiber Th. Ziegler von Winterthur, auf Montag den 13. März
1871 zu einer ausserordentHchen Sitzung eingeladen worden.
Obwohl der Regierungspräsident Gottlieb Ziegler erklärte, noch
keinen Bericht erstatten zu können, wurde eine Kommission mit
Stadtpräsident Dr. Sulzer von Winterthur an der Spitze eingesetzt
zur Prüfung der Akten und Berichterstattung auf den folgenden
Tag. Vorläufig begnügte sich der Rat damit, auf den Antrag von
Dr. Frey sich zum Zeichen der Entrüstung über die Vorgänge von
den Sitzen zu erheben. Am 14. März begründete Dr. Sulzer fol-
genden Antrag der Kommission: „Der Kantonsrat, überzeugt, dass
der Kanton Zürich fähig ist, die Ordnung in seinem Gebiete mit
eigenen Kräften aufrecht zu erhalten, beschHesst : Der Regierungs-
rat wird beauftragt, diese Anschauungsweise dem Bundesrat kund
zu tun, mit dem Ansuchen, es solle derselben bei weitern Schluss-
nahmen Rechnung getragen werden." In seinen Erläuterungen
der Vorgänge bei der Tonhalle, die von denen beim Zuchthaus
total verschieden waren, führte er die ersteren auf drei Momente
zurück: den ,,Deutschenhass" in einem Teil der Bevölkerung, das
Mitleid mit den Franzosen und die Stimulation, welche die An-
wesenheit der Internierten bewirkte. Bezüglich des „Deutschen-
hasses" Hess sich Dr. Sulzer nach der ,,N. Z. Z." ungefähr folgender-
massen vernehmen: „Es ist eine eigentümliche Walirnehmung
unter uns, dass, während wir desselben Stammes sind, dieselbe
Sprache sprechen und von denselben Kulturelementen getragen
werden, doch ein so grosser Teil des Volkes von tiefer Abneigung
II
i62 XXXII. KAPITAL: GRENZBI3SETZUNG 1870/71 o
gegen die politische Stellung unseres Nachbarreiches erfüllt ist ... .
Wenn die Stellung der Deutschen noch dieselbe wie vor zehn
Jahren gewesen, so wäre eine solche Spannung nicht eingetreten;
seither aber sind die Forderungen und Ansichten der deutschen
Nation ganz andere geworden. Sie war von der Überzeugung er-
füllt, dass ihr nicht die Achttmg gezollt würde, auf die sie An-
spruch machen dürfte. Dies hat sie nun in glänzendem Siegeslaufe
erreicht. Was heisst aber das, eine Machtstellung ersten Ranges
in Europa erringen? Das, jedem andern, sobald es beliebt, Furcht
einzuflössen. Wer diese Stellung einnimmt, muss sich nicht wun-
dern, dass man ihm nicht mit Liebe entgegenkommt. Von der
Furcht zum Hass ist aber nur ein kleiner Schritt. Wenn daher
in tmserer Bevölkerung Befürchtungen aufgetaucht sind, so ist
das nichts Unerklärliches." Die Ausführungen des Referenten
blieben im Rate nicht ohne lebhaften Widerspruch. Dr. Alfred
Escher erklärte den Deutschenhass als etwas durchaus Verwerf-
liches. ,,Wenn zwei Nationen miteinander in friedlichem Verkehr
leben sollen, so ist es die deutsche und die schweizerische." Er
erinnerte auch daran, dass das offizielle Deutschland uns gegen-
über stets eine freundliche Stellung eingenommen hat. A. Guyer
beantragte geradezu, die deutsche Kolonie einzuladen, ihre Sieges-
feier wann imd wo immer nochmals abzulialten unter Zusicherung
unbedingten Schutzes. G. v. Wyss teilte vollständig die Auffassung
Alfred Eschers. ,, Soviel ist gewiss, dass dieser sogenannte Deut-
schenhass etwas ganz Unverständiges ist. Unsere Verwandtschaft
mit der deutschen Nation in Sprache und Sitte, Wissenschaft
und Kunst sollte hinreichen, uns davor zu bewahren. Seit vierzig
Jahren ist an unsern Unterrichtsanstalten eine Reilie ausgezeich-
neter Männer Deutschlands in allen Gebieten der Wissenschaft
tätig, rmd bin ich auch nicht mit jeder Richtung, die sie vertraten,
einverstanden, so muss ich doch sagen: ihnen verdankt das Zürich
des 19. Jahrhunderts einen guten Teil seines geistigen Lebens
und des Rulimes, den es beansprucht." Andere Redner kritisier-
ten aufs schärfste die Regierung und die beklagenswerte eidge-
nössische Intervention. Alt-Regierungsrat Dr. Suter beantragte
ein Tadelsvotum. Widmer-Hüni und Reiff-Huber ergingen sich
in heftigen Vorwürfen. ,,Die Intervention anzurufen," sagte der
letztere, ,,ist eine Schmach an unserem MiUtär. Es wundert mich
o XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 163
nicht, wenn Soldaten und Offiziere weinten und ihre Degen zer-
brechen wollten, als sie dem eidgenössischen Militär Platz machen
sollten. Ich liebe die Eidgenossen, aber diesmal wünschte ich sie
zum Teufel." Für diesen Ausdruck erhielt der Redner einen Ord-
nungsruf. Kommandant Hotz beantragte eine allgemeine Am-
nestie für die am Auflauf vom 9. März beteiligten Angeklagten,
zog dann aber, von dem allgemeinen Gelächter überrascht, den
Antrag wieder zurück. Der Kommissionsantrag fand einhelhge
Annahme; das Tadelsvotum von Dr. Suter wurde abgelehnt. Der
schriftHche Bericht der Regierung kam erst am 9. Mai zur Behand-
lung. Es wurde davon einfach Notiz am Protokoll genommen,
da die Kommission sich auf irgend einen Antrag nicht hatte einigen
können. Die Kostennote für die eidgenössische Intervention —
62,277 Eranken und 18 Rappen — hat dann der Hberalen politi-
schen Agitation, so für die Wahlen von 1872, noch verschiedentlich
gute Dienste geleistet.
Der Tonhallekrawall und seine Folgen erzeugten in Zürich
eine so verdriessliche Stimmung, dass man sogar auf das Sechse-
läuten vom 27. März verzichtete. Am meisten aber klagten die
Deutschen. Mehr als alles andere hatte sie die Rede von Dr. Sulzer
im Kantonsrat gekränkt. Dass man in amtlicher Stellung von
,,Deutschenhass" sprechen und ihn noch halbwegs rechtfertigen
konnte, war den Deutschen ganz unbegreifHch. Mehrere deutsche
Professoren haben wegen dieser Rede Sulzers Zürich verlassen,
und auch O. Wesendonck verkaufte seine Villa in Enge (die spä-
tere Kaiser-Villa ,, Rietberg") und siedelte nach Dresden über.
Der Philolog und Archäolog Prof. Benndorf sagte in seinem De-
missionsgesuch vom 16. April: ,,Bei der andauernden Stimmung,
welche die hiesige Bevölkerung gegen die Deutschen erfüllt, und
nach den bekannten Ereignissen, deren Motive im hohen Kantons-
rate Verteidigung gefunden haben und für welche der hohe Re-
gierungsrat eine wiederholt erbetene Genugtuung durch eine ver-
söhnliche Erklärung den hier anwesenden Deutschen zu geben ab-
gelehnt hat, ist es mir zur innerlichen UnmögHchkeit geworden,
meine Stelle an der Universität länger zu bekleiden." Auf die
Adresse der 437 deutschfreundlichen Stadtzürcher antwortete
das deutsche Komitee in der Presse mit einer Kundgebung vom
30. März, worin es heisst: ,,Wir bedauern nur, dass die von Ihnen
164 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
kundgegebenen S3^mpathischen Anschauungen seitens der obersten
Behörde nicht geteilt oder doch nicht zu bestimmterem Ausdruck
gebracht worden sind. Es musste uns mit Befremden erfüllen,
dass der hohe Regierungsrat sich damit begnügt, auf die einmütige
Manifestation des hohen Kantonsrates vom 13. hinzuweisen und
dieser Erklärung der obersten Landesbehörde seinerseits beizu-
pflichten, — denn wir vermögen in dem vom h. Kantonsrate durch
gemeinsames Aufstehen ausgesprochenen , tiefen Bedauern' und
der Entrüstung über die letzten tumultuarischen Vorgänge doch
kaum etwas weiteres als eine allgemeine MissbilHgung der die
Republik Zürich betreffenden Gesetzesverletzungen zu erbHcken.
Weder bei diesem Akte, noch überhaupt sonst in irgend einer offi-
ziellen Äusserung ist der Deutschen oder der Beleidigungen, welche
sie als Deutsche erfahren, auch nur mit einem Worte Erwähnung
getan worden, vielmehr geschah es im Schosse der obersten Landes-
vertretung, dass in fast offizieller Weise der in der Schweiz ver-
breitete .Deutschenliass' verteidigt und gegen erhobene Einsprache
nachdrückHch in Schutz genommen wurde." An der Hochschul-
feier am 29. April, bei welcher das Bankett ausfiel, klagte der
Rektor Professor Gusserow: ,,Noch ist nicht von mir und einem
grossen Teil meiner Kollegen das Wort genommen, das in der
höchsten Behörde dieses Landes ausgesprochen wurde, dass wir
als Deutsche verhasst seien, verhasst in dem Gemeinwesen, dem
wir unsere besten Kräfte in ehrhcher Arbeit gewidmet."
Es musste erwartet werden, dass die Zürcher Vorfälle der
deutschen Presse neuen Anlass bieten würden, sich intensiv mit
der Schweiz zu beschäftigen. Ein wahrer Platzregen von Leit-
artikeln über den ,,Deutschenhass in der Schweiz" ergoss sich
auf unser unglückHches Land, und diesmal machten auch die
grossen Blätter Chorus mit den andern. Die ,, Karlsruher Zeitung"
meinte, durch die Rede von Dr. Sulzer habe die Affäre pohtische
Bedeutung erlangt, und die ,, Norddeutsche Allgemeine Zeitung"
Hess sich vernehmen: ,,Den ,Deutschenhass' findet Herr Sulzer
gerechtfertigt in der Schweiz, die über den ganzen Krieg deutscher-
seits aufs lo3'alste behandelt wurde, trotzdem ihre Presse die gute
deutsche Sache systematisch verleumdete! Den Deutschenhass
rechtfertigen, vollends in der deutschen Schweiz, die so sehr auf
die gute Nachbarschaft angewiesen ist, dass sie heute ihre samt-
o XXXII. KAPITEL: GRBNZBESETZUNG 1870/71 165
liehen höheren Bildungsanstalten, ilire Hochschulen, Polytechni-
kum, Theater, Konzerte und so manche Werkstätten schliessen
müsste, wenn ilir die Deutschen den Rücken kehrten, — ist ein so
bodenlos verrücktes Unterfangen, dass nur der Dr. Sulzer es wagen
konnte." — Die deutschen Herzensergiessungen wollten kein
Ende nehmen. — ,,Es sollte uns wundern," schrieb am 20. April
die ,,N. Z. Z.", ,,wenn zur Stunde nicht jeder regelrechte deutsche
Quartaner mit dem gleichen dankbaren Stoffe beschäftigt wäre ....
Eine Menge deutscher Zeitungen und Wochenschriften haben sich
mit der genauesten Prüfung von Herz und Nieren unseres Landes
befasst und gar wenig Gutes dabei herausgebracht; so ziemlich
alle sind sie darüber einig, dass sehr vieles faul sei im Staate Däne-
mark, und auch an solchen fehlt es nicht, welche auf die Frage
der Fortexistenz der Schweiz ihre schwarze Kugel bereits abge-
geben haben ..." Leider wurde die Hetze noch von Zürich aus
geschürt, von Deutschen, die sich über angeblich geflissenthche
Verschleppung der gerichtHchen Untersuchung beklagten, imd nicht
fehlen durfte auch in der „Augsburger Allgemeinen Zeitung" der
,, geborene Schweizer", der in dem deutschen Blatte über unsern
tiefen Fall weinerlich Busse tat. Doch schliesslich, nachdem sich
aus den Fenstern des deutschen Zeitungshimmels vierzig Tage und
vierzig Nächte lang die Flut über den sündHchen Hass der Schweiz,
insbesondere Zürichs gegen Deutschland ergossen hatte, ,,also dass
bereits die fünfzehn Ellen des Wasserstandes über allen Schweizer-
bergen erreicht sein mochten" (,,N. Z. Z."), war doch ein Abnehmen
zu verspüren, und das Beste dazu tat dann wiederum ein Deutscher
in Zürich, der seinen Landsleuten durch die ,, Augsburger Allge-
meine" sagte: ,,Nun aber höre man endlich in Deutschland auf,
unsere Lage als entsetzlich und unerträghch darzustellen, dadurch
die Schweizer unverdienterweise zu verletzen und unserer Stellung,
sowie dem Wohle unserer Lehranstalten dadurch wirklich zu scha-
den. Es ist nicht so schHmm. Viele von uns haben von Anfang an
den Humor nicht verloren, und diejenigen, welche früher etwas stark
erregt waren, sind fast sämtUch längst wieder beruhigt, da sie sehen,
dass die besseren Kreise dem Treiben durchaus fern standen und es
verurteilten, und dass die eidgenössische Justiz kein leeres Wort ist."
Das gerichtHche Nachspiel zimi Tonhallekrawall vollzog sich
in zwei Akten. Schauplatz war beidemal der Kantonsratssaal,
i66 XXXII. KAPITEL: GRENZBESETZUNG 1870/71 o
zuerst für die kriegsgerichtlichen Verhandlungen vom 13. und
14. April 1871, bei denen vier französische Offiziere zu je drei
Monaten Gefängnis, Kosten und Entschädigungen verurteilt wur-
den, und dann für die Eidgenössischen Assisen vom 30. Mai bis
7. Juni 1871, vor deren Schranken 41 Angeklagte zu erscheinen
hatten. In seinem Plaido^-er führte der zum Bundesanwalt be-
stellte Fürsprech J. Weber von Lenzburg u. a. aus: ,,Ich fühle
gegenüber unserem Lande die heiHge Pflicht, hier laut und ener-
gisch zu protestieren gegen alle jene unwahren und unlautern
Beweggründe, die jenen Vorfällen schon haben unterschoben wer-
den wollen, namenthch feierlichen Protest einzulegen gegen die
Zutat, als ob dem Schweizer\^olke oder auch nur dem kleinsten
Teile desselben das HässHchste, das eines Menschen und speziell
eines freien Volkes Unwürdigste anklebe: der NationaHtätenhass.
Nein, meine Herren ! Der Absolutismus allein kann den Nationah-
tätenhass für seine Zwecke erzeugen und gebrauchen; auf dem
freien Boden gemeiner schweizerischer Eidgenossenschaft wächst
diese Pflanze nicht und wird nicht wachsen, sogar wenn man sie
mit Gewalt importieren wollte. Das Land, das seit Jahrhunderten
allen KationaUtäten die Türe geöffnet, weiss nichts von Völker-
hass!" Unter Berufung auf zahlreiche Zeugenaussagen legte der
Bundesanwalt dar, dass die in Arbeiterkreisen bestehenden Anti-
pathien gegen die Deutschen mit politischen Erwägungen nichts
zu schaffen haben. ,,Aber wenn sich der Arbeiter durch den Deut-
schen vielleicht aus der Werkstatt hinausgedrängt sieht, weil
dieser besser und billiger arbeitet, wenn er sich durch ihn in seinen
ökonomischen Interessen, in seinem täglichen Brotverdienste ver-
letzt imd geschädigt fühlt, — das bleibt sitzen, das pflanzt einen
Groll, der allerdings bei geeignetem Anlass zu Überschreitungen
führen kann." Unter den Verurteilten befand sich auch Pankraz
Meyenberg. Er erhielt 9 Monate Gefängnis. Zwei Jahre darauf
hat Me^^enberg auf dem Milchbuck bei Zürich einen jungen bay-
rischen Schlossergesellen umgebracht vmd ist dann zu lebensläng-
lichem Zuchthaus verurteilt worden.
Es war wie ein ,, Nachbeben" zu den grossen Erschütterungen
des Jahres 1871, als im folgenden Jahre über der Frage , .Deutsch-
land und die Schweiz" nochmals eine heftige Diskussion ent-
stand, hervorgerufen durch keinen Geringern als unsern vortreff-
o XXXII. KAPITEL: GRENZBBSETZUNG 1870/71 167
liehen Staatssehreiber Dr. Gottfried Keller. Professor Gusserow
ging weg — er folgte einem Ruf nach Strassburg — , und am
Abschiedsbankett entbot ihm der Staatsschreiber beim perlenden
Champagner den Scheidegruss und trug ilim auf, den alten Ver-
bündeten der Schweizer, den Strassburgern, zu sagen, sie sollten
sich nicht zu sehr grämen, dass sie zum Deutschen Reiche zurück-
gebracht worden seien. Wenn das Deutsche Reich sich so entfalte,
dass es Staatsformen der verschiedensten Art, also auch die der
Schweiz, in sich aufnehmen und ertragen könnte, so dürfte —
aber nur dann! — auch an uns Schweizer der Gedanke heran-
treten, wieder zu Kaiser und Reich zurückzukehren. Wann aber
das geschehen werde, sei nicht zu berechnen ; es könne Jahrhunderte,
es könne aber auch bloss Jahrzehnte anstehen. — Es war das eine
regelrechte Entgleisung des Meisters Gottfried, doch ist der Ort
und die Stunde zu bedenken, und in Zürich war man sich nach
der ersten Überraschung bald darüber klar, wie absurd es wäre,
einem Manne mangelnden Patriotismus vorzuwerfen, der mit
seinem ganzen Wesen in der Heimat wurzelte und mit seinen
Dichtungen für Heimathebe und Schweizersinn mehr getan hat
als Generationen schweizerischer vStaatsmänner.
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DREIUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DER LETZTE ANTISTES
Neben dem ,, Grünen Schloss" am Zwingliplatz steht das alte
Pfarrhaus zum Grossmünster. Nach der Gedenktafel an
seiner breiten Fassade war es vor der Reformation Amtswohnung
des Kustos der Propstei, seit 1536 des Antistes der zürcherischen
Kirche Heinrich BulHnger und seiner Nachfolger bis 1833. Aber
auch der 22. imd letzte in der ehrwürdigen Reihe der zürcherischen
Antistes seit ZwingU, Diethelm Georg Finsler, wohnte wieder in
diesem Pfarrhause. Vorausgegangen waren ihm als Antistes im
Laufe des letzten Jahrhunderts: Hans Jakob Hess, Diakon am
Fratmiünster und dann Pfarrer am Grossmünster, zum Antistes
gewählt am 9. Februar 1795, t 29. Mai 1828; Georg Gessner,
Pfarrer am Fraumünster und dann am Grossmünster, gewählt
am 18. Juni 1828, zurückgetreten am 26. September 1837; Hans
Jakob FüssH, Pfarrer am Neimiünster, gewählt am 19. Dezember
1837, vom Grossen Rat am 20. Dezember 1849 nicht mehr be-
stätigt und ersetzt durch Pfarrer Faesi zu St. Peter, der aber die
Walil ablehnte; Hans Jakob Brunner, Pfarrer in Regensdorf imd
dann am St. Peter, gewählt am 24. Mai 1850, zurückgetreten am
2. Oktober 1866.
Antistes D. G. Finsler ist geboren am 24. Dezember 1819 im
Haus zum ,, gelben Ring" im Kratzquartier. Sein Vater, Johann
Georg Finsler, geb. 1793, war Pfarrer der Gemeinde Wipkingen,
die damals noch als Filiale des Grossmünsters kein eigenes Pfarr-
haus besass, weshalb ihre GeistHchen meist in der Stadt wohnten.
Pfarrer J. G. Finsler Hess sich im Jahre 1823 nach Wangen wählen
und wurde 1830 Dekan des Kapitels Uster, 1838 Mitglied des
Kirchenrates. Er war eine Zierde seines Standes und einer der
begabtesten und tüchtigsten GeistHchen des Kantons; von ihm
stammt u. a. ein trefflicher Katechismus, welcher Jahrzehnte
hindurch im Gebrauch stand. Es war ein herber Verlust für die
zürcherische Landeskirche, als der ausgezeichnete Mann im kräf-
'Diefßefm Qeorg Tinsfer
Cä>nfisfes
o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 169
tigsten Alter 1839 durch den Tod hinweggerafft wurde. Die
Gattin (f 1879), eine Tochter des Antistes Gessner und als
solche Enkelin Lavaters, siedelte mit der Familie wieder nach
Zürich über. Hier besuchte Diethelm Georg Finsler, der in Wangen
überaus glückhche Jugendjahre verlebt hatte, das Gymnasium
und als Studiosus der Theologie die Universität, wo ihn besonders
Alexander Schweizer und Ferdinand Hitzig fesselten. Er bestand
1842 die theologische Prüfung und wurde ordiniert, bezog aber
dann noch für zwei Semester die Universität Bonn und hörte
dort u. a. den greisen Ernst Moritz Arndt und Gottfried Kinkel.
Bestimmend aber für seine theologische Richtung war der Ein-
fluss des Vermittlungstheologen Karl Immanuel Nitzsch. Den
Abschluss der Studienjahre bildete eine Reise durch Holland und
einen grossen Teil von Deutschland.
In die Heimat zurückgekehrt, fand Finsler ein lohnendes
Arbeitsfeld als Vikar des Antistes FüssH am Neumünster. Volle
sechs Jahre hindurch versah Finsler dieses arbeitsreiche Amt,
das für ilm eine vortreffhche Schule und Vorbereitung auf die
spätere Wirksamkeit in der Stadt geworden ist. 1849 wurde
Finsler zum Pfarrer der kleinen Landgemeinde Berg am Irchel
gewählt und trat im Februar 1850 diese Stelle an, nachdem er
noch zuvor den Ehebund geschlossen hatte mit Elisabetha Zeller
von Zürich (f 20. September 1894). Der Ruf nach dem idyllischen
Dorfe mit seinen 600 Einwohnern hatte Finsler besonders gelockt,
weil dort das Pfarramt Müsse liess zu intensiver theologischer
Fortbildung und fruchtbarer literarischer Tätigkeit. Nach beiden
Richtungen hat Finsler die köstlichen Jahre von Berg voll aus-
genützt, ohne jedoch im geringsten die eigene Gemeinde zu ver-
nachlässigen. Er selber nannte später die Wirksamkeit in Berg
die glückhchste Zeit seines Lebens, und das grösste KompHment
für den gelehrten Pfarrherrn war es, als eine Bäuerin ihm sagte,
man könne mit ihm so gut reden, wie wenn er selber ein Bauer
wäre. Finsler wurde ein eifriger Mitarbeiter am ,, Kirchenblatt für
die reformierte Schweiz"; er verfasste die Biographien von An-
tistes FüssH und Antistes Gessner, seinem Grossvater, und gab
1854 ein grundlegendes Werk „KirchHche Statistik der reformierten
Schweiz" heraus, an dem er nahezu fünf Jahre gearbeitet hatte.
Im ersten grössern Teil dieses Werkes werden die kirchlichen
I/o
XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES
Verhältnisse eines jeden der evangelischen Kantone, das gottes-
dienstliche Leben, die Verfassung, das Sektenwesen usw. auf
Grund eines sorgfältigen Detailstudiums eingehend dargestellt; im
zweiten wird unter dem bescheidenen Titel einer vergleichenden
Übersicht eine zusammenfassende Geschichte der kirchlichen Ver-
fassung und des Kultus der evangelischen Schweiz seit der Refor-
mation gegeben, so dass die Schrift noch immer für die Kenntnis
unserer vaterländisch-kirchlichen Entwicklung eine der wichtigsten
Fundgruben bleibt. Für dieses Werk verHeh dem Verfasser die
Universität Basel bei üirem 40oiährigen Jubiläum im Jahre 1860
die Würde des Doctor honoris causa.
Es konnte nicht fehlen, dass die Aufm.erksamkeit der kirch-
lichen Kreise und der Behörden schon recht bald auf den talent-
vollen Pfarrer von Berg gerichtet wurde. 1856 erfolgte seine Wahl
zum Mitglied des Kirchenrates, und als 1866 Antistes Brimner
zurücktrat, ernannte der Grosse Rat zu dessen Nachfolger am
30. Oktober 1866 den Pfarrer und KÜrchenrat Finsler. ,,Der An-
tistes," so bestimmt § 11 des Kirchengesetzes vom 20. August
1861, ,,ist der Vorsteher der evangehsch-reformierten Geisthchen
des Kantons und von Amtes wegen Präsident der Synode und
des KÜrchenrates." Für dieses Amt war Finsler wie geschaffen.
Er war der T3^pus des evangehschen ,, Kirchenfürsten" schon
nach seiner äussern, würdigen und imponierenden Erscheinung,
noch mehr aber durch seine hervorragende Begabung, die wissen-
schaftHche Tiefe, die überlegene Klugheit und das feine diplo-
matische Geschick, das ihn in so manchen schwierigen Fällen die
seinem konzilianten Wesen entsprechende Vermittlung glückhch
finden Hess. Es mögen unter den Antistes der zürcherischen
Landeskirche nur wenige gewesen sein, die den letzten Inhaber
dieses Amtes an geistiger Bedeutung überragten.
Die Wahl zum Antistes liess es Finsler wünschbar erscheinen,
seinen Wohnsitz wiederum in die Nähe der Stadt zu verlegen.
Noch im Jahre 1866 erfolgte seine Berufung an die Kirche Wip-
kingen, wo schon sein Vater gewirkt hatte, und 1867 fand die
Übersiedlung statt. Es war dies aber nur ein Provisorium. Nach
altem Brauch gehörte der Antistes an die Hauptkirche der Stadt,
und als im Jahre 1871 der hervorragende Grossmünsterpfarrer
Professor Alexander Schweizer seinen Rücktritt nahm, wurde am
o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 171
19. März 1871 Antistes Finsler zu seinem Nachfolger gewählt. Am
gleichen Tage wählte die Grossmünstergemeinde zum zweiten
Pfarrer den seit 1867 an der Kirche wirkenden Vikar Ludwig
Heinrich Pestalozzi (geb. 21. November 1842, t 28. September
1909), Sohn von R. A. Pestalozzi-Wiser am Münsterhof (f 3. Fe-
bruar 1895). In schönem brüderlichem Einvernehmen haben
trotz mancher Verschiedenheiten des Wesens die beiden Geist-
lichen am Grossmünster 27 Jahre hindurch miteinander gearbeitet.
Ludwig Pestalozzi gehörte der streng-positiven Richtung an. Sein
Ideal war ein ,,irenisches" Christentum, das allen konfessionellen
Differenzen möglichst aus dem Wege zu gehen und die Einheit des
Geistes mit der christlichen Gesamtkirche anzustreben sich be-
mühte, wogegen Finsler jederzeit mit Nachdruck an der Zwingli-
kirche die Traditionen ZwingUs hochhielt und noch in seinem
letzten Hirtenbrief gegen die römische Propaganda seine war-
nende Stimme erhob. Sehr verschieden waren auch die ausser-
amtHchen Arbeitsgebiete der beiden Grossmünsterpfarrer. Finsler
stand als Antistes im Mittelpunkt der kirchlichen Interessen und
nahm in der kirchHchen Presse und Literatur eine führende Stellung
ein, beteiligte sich aber auch als MitgUed des Verfassungsrats und
des Kantonsrates (von Anfang der Sechzigerjahre bis 1896) mit
regem Eifer am staatlichen und politischen Leben; er vertrat im
Kantonsrat mit Würde und Geschick seine Kirche und als ge-
wandter Redner verstand er es namentlich, die Behandlim.g des
Kirchengesetzes auf eine höhere Stufe zu heben. Pestalozzi jedoch
wurde schon durch seine ausgeprägt konservative Gesinnung von
der aktiven PoHtik ferngehalten; er führte seine eigene und un-
abhängige Kirchenpolitik in dem von ihm geistreich und originell
redigierten ,,EvangeHschen Wochenblatt", das nach seinem Hin-
schied, mit dem Schluss des 50. Jahrganges 1909, eingehen musste,
weil die PersönHchkeit Pestalozzis, atif die das Blatt vollständig
zugeschnitten war, nicht ersetzt werden konnte. Die Sorge und
Arbeit Pestalozzis galt vornehmHch der EvangeHschen Gesell-
schaft imd ihren Werken und Anstalten, insbesondere aber dem
Evangelischen Seminar, dem er jahrzehntelang als Präsident des
Komitees vorstand.
Antistes Finsler hat auf die Gestaltung des kirchlichen Lebens
im Kanton Zürich und über seine Grenzen hinaus einen grossen
172 XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES o
Einfluss ausgeübt. Er besass einen klaren Blick für die Erforder-
nisse einer fortgeschrittenen Zeit und auch den nötigen Mut,
neue Wege entschlossen zu beschreiten. In den ersten Jahren
seiner Amtstätigkeit hatte er die schwierige Hturgisclie Frage zur
Erledigung zu bringen. In der Synode von 1868, die darüber zu
beschliessen hatte, beantragte er die Einführung einer zweiteiligen
Liturgie, deren Formulare den Anforderungen beider Richtungen
für alle Anlässe, auch die Sakramentsverwaltung, entsprechen
sollten, wobei für diejenigen der Reformrichtung namentlich die
Weglassung des ApostoUkums bei Taufe und Abendmahl in Be-
tracht kam. Er bestritt, dass mit dieser Zweiteihgkeit ein Ja und
ein Nein ausgesprochen werde, da in beiden Formen das Wesent-
liche der christhchen Lehre enthalten sei, beide mithin auch von
den positiven GeistHchen gebraucht werden könnten, und empfahl
der Synode die Annahme als den einzigen Weg, um aus der herr-
schenden Anarchie wieder zu einer gewissen Ordnung und Einheit
innerhalb der Landeskirche zu gelangen. Er fand zwar im Kreis
der Synode heftigen Widerspruch, aber schHessHch wurde das
vorgelegte Kirchenbuch doch von der Mehrheit dem Grossen Rat
zur Einführung empfohlen und damit dem Grundsatz der Gleich-
berechtigung der beiden Richtungen die kirchhche Sanktion
erteilt. Jahrzehntelanger Bemühungen bedurfte es, um eine zeit-
gemässe Reorganisation der Landeskirche in die Wege zu leiten
und durchzuführen. Nachdem schon 1830 und 1850 die Ab-
schaffung der reinen GeistHchkeitssynode und die Einführung
einer gemischten Volkssynode als Grundlage einer neuen Or-
ganisation vergebUch versucht worden war, stellte Finsler 1864
eine dahin zielende Motion — mit demselben negativen Ergebnis.
Nach Annahme der neuen kantonalen Verfassung vom Jahre 1869
machte sich die Revisionsbedürftigkeit des Kirchengesetzes von
1861, einer Schöpfung des Repräsentativstaates, doppelt fühlbar,
allein die unter Finslers Leitung in den Jahren 1871, 1873, 1883
und 1893 unternommenen Anläufe der Sjmode fülirten wiederum
zu keinem Resultat. Erst am 3. November 1895 hat dann endlich
das Volk ein Gesetz betreffend die Kirchensynode imd die Wahl-
art des Kirchenrates angenommen, das die gemischte oder Volks-
synode von Laien und Geistlichen einführte und das Amt des
Antistes abschaffte. Die gemischte Synode wurde erstmals am
O
o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 173
26. April 1896 gewählt, und es ging im I. Kreis der Stadt Zürich
Antistes Finsler als Erstgewählter mit der höchsten Stimmenzahl
aus der Urne hervor. Am 9. Juni sprach ihm in ihrer konsti-
tuierenden Sitzung die neue Synode, die er als ältestes Mitglied
zu eröffnen hatte, den einmütigen wärmsten Dank aus für die
ausgezeichnete Leitung der zürcherischen Kirche während dreier
Jahrzehnte und wählte ilm mit allen gegen seine eigene Stimme
zum ersten Mitglied des Kirchenrates. Die erste Aufgabe der
neuen Synode war die Ausarbeitung des Kirchengesetzes zu-
handen des Kantonsrates. Sie beauftragte damit den Kirchen-
rat, und dessen Entwurf, der in der Hauptsache das Werk Finslers
war, wurde sodann durchberaten und am 23. Juni 1899 als Ini-
tiativvorschlag dem Kantonsrat eingereicht. Da der kantonsrät-
liche Gegenvorschlag vom 24. März 1902 nur wenige Änderungen
enthielt, zog die Synode zu seinen Gunsten am 30. April 1902
ihren Initiativvorschlag zurück, worauf das Volk am 26. Oktober
1902 mit grossem Mehr das neue Kirchengesetz annahm. Die auf
Grund desselben von der Synode ausgearbeitete neue Kirchen-
ordnung trat 1904 in Kraft. Finsler hat die Vollendung des
Werkes nicht mehr erlebt; dennoch trug dasselbe die unverwisch-
baren Spuren seines Geistes.
Von 1862 bis 1895 war Finsler Mitglied, seit 1872 Präsident
der Prüfungsbehörde des theologischen Konkordats; er war Mit-
glied der Abgeordnetenversammlung der reformierten Kirchen-
behörden, als deren erste Frucht die Erhebung des Karfreitags
zum allgemeinen kirchhchen Feiertag im Jahre 1858 zu betrachten
ist. Finsler hat sich auch grosse Verdienste um die Schaffung und
Einführung des neuen Kirchengesangbuches in acht deutsch-
schweizerischen Kantonen erworben. Er leitete viele Jahre als
Präsident die aus Vermittlungstheologen bestehende ,, Schweize-
rische Kirchengesellschaft" und war auch Präsident des pro-
testantisch-kirchlichen Hülfsvereins im Kanton Zürich. Von seinen
Hterarischen Erzeugnissen verdient besonders hervorgehoben zu
werden die ,, Geschichte der theologisch-kirchhchen Entwicklung
in der deutsch-reformierten Schweiz seit den dreissiger Jahren"
(1881), ein wertvolles kulturhistorisches Opus ,, Zürich in der
zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts" (1884) und die letzte Arbeit,
eine ,, Geschichte der zürcherischen Hülfsgesellschaft 1799 bis
174 XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES o
1899". Im Kantonsrat hat Finsler eine sehr geachtete Stellung
eingenommen und sich öfters durch unabhängige Gesinnung her-
vorgetan; so gehörte er auch zu den fünf einzigen Stadtzürchern,
welche der Stadt\^ereinigung beipfHchteten. Was er auf dem
Gebiete des Armenwesens geleistet, das bezeugt die grossartige
Tätigkeit des „FreiwiUigen Armenvereins", dessen Schöpfer er im
Jahr 1879 gewesen. Der Verein hat sich nach der Stadt\^ereinigung
zur ,, Freiwilligen und Einwohner-Armenpflege" erweitert, und
Finsler war bis an sein Ende ihr Präsident.
In der EÜrche und auf der Kanzel Zwinghs zu wirken, das war
für den Antistes Finsler stets ein erhebender Gedanke, und er hat
getan, was in seinen Kräften stand, um im Volk das Verständnis
für das Werk des grossen Reformators und zugleich seine pietät-
volle Verehnmg zu mehren. Er hat es zustandegebracht, dass im
Jahre 1884 der 400jährige Geburtstag Zwinghs festhch begangen
wurde, und er hat in einem vortrefflichen kleinen Schriftchen sein
Lebensbild dem Volke wieder vorgeführt. Antistes Finsler ist es
auch, dem Zürich sein ZwingHdenkmal zu verdanken hat. Aller-
dings ist die erste Anregung dazu nicht von ihm ausgegangen,
sondern von Pfarrer Heinrich Lang am St. Peter, aber Finsler
hat den Gedanken freudig aufgegriffen und in zäher, unermüd-
hcher, dreizehnjähriger Arbeit zur Verwdrkhchung gebracht.
Finsler hat am 17. Juni 1872 eine Zusammenkunft veranstaltet,
bei welcher die einleitenden Schritte zur Ausführung des Denk-
mals beschlossen wurden, und er stand dann auch während der
ganzen Zeit an der Spitze der Denkmalskommission. Drei Vor-
träge Finslers zugimsten des Denkmals, die nachher auch im
Druck erschienen, trugen wesenthch dazu bei, das Interesse für
Zwingh und sein Werk neu zu beleben und die Arbeit des Ko-
mitees zu fördern. So war es denn auch für Antistes Finsler ganz
persönhch ein Ehren- und Freudentag, als am Dienstag den
25. August 1885 das Zwinglidenkmal bei der Wasserkirche ent-
hüllt werden konnte. Am Vorabend hatte zur Einleitung der
Feier der ,, Dramatische Verein" Charlotte Birch-Pfeiffers Drama
,, Ulrich Zwinghs Tod" im Stadttheater zur glanzvollen Auf-
führung gebracht. Am Dienstag den 25. August, vormittags
gegen 11 Uhr, bewegte sich unter dem Geläute aller Glocken der
Stadt der Festzug vom Grossmünster zur Wasserkirche. Die
o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 175
Sängervereine „Harmonie" und „Männerchor" hatten sich bei
dem Denkmal aufgestellt, und sie sangen zur Eröffnung des Fest-
aktes mit Orchesterbegleitung Nägelis „Lichtschöpfer". Dann
hielt Antistes Finsler die eindrucksvolle Weiherede, kräftig,
würdig und versöhnlich, indem er auch dem anwesenden Bild-
hauer Nater für sein sinniges, herrhches Kunstwerk dankte. Wäh-
rend die Hülle fiel, intonierte die Stadtm.usik ,, Konkordia" das
ZwingHHed ,,Herr, nun heb den Wagen selbst", worauf Stadt-
präsident Dr. Römer in formschöner Ansprache das Denkmal in
die getreue Obhut der Stadt übernahm ; die Stadt Zürich, betonte
er, werde dem Streben Zwingiis Treue bewahren; sein Geisteswerk
soll Zürichs Bekenntnis bleiben bis auf die spätem Geschlechter.
Von den beiden Sängervereinen wurde nun mit Instrumental-
begleitung die Festkantate von Conrad Ferdinand Meyer, kom-
poniert von Gustav Weber, vorgetragen. Hierauf begab sich die
Festgemeinde zum Bankett in den Tonhallepavillon, bei dem
wiederum Finsler den ersten Toast ausbrachte, indem er u. a.
darauf hinwies, dass die Feier für die Katholiken nichts Ver-
letzendes haben könne, denn sie gelte nicht nur dem Kirchen-
gründer, sondern auch dem schweizerischen Staatsmanne, ohne
den die Schweiz nicht das hätte werden können, was sie geworden
ist; oder man solle einen grössern nennen als ZwingU! — Abends
waren Stadt und Seeufer wunderbar illuminiert.
Als Höhepunkte im Leben Finslers dürfen auch die beiden
Jubiläen betrachtet werden, die er im Jahre 1896 gefeiert hat:
am 23. Juni das 50] ährige oder genauer gesagt das 52jährige
Jubiläum seiner Wirksamkeit in der zürcherischen Landeskirche,
am II. Oktober — zusammen mit seinem Kollegen Pestalozzi — •
das 253 ährige Jubiläum seines Pfarramtes am Grossmünster.
Beide Anlässe häuften eine Fülle von Ehren und Anerkennung auf
sein Haupt: kantonale und städtische Behörden, die alte und die
neue Synode, die Vorstände der schweizerischen kirchüchen Ver-
einigungen, die zürcherischen Vertreter in der Bundesversammlung
fanden sich durch Zuschriften oder Delegationen unter den Gratu-
lanten ein. Bei dem erstem Jubilämn überreichte alt Pfarrer
Scheller im Namen des Kirchenrates eine kalHgraphisch ausgeführte
Dankesurkunde und sprach in seiner Rede nur die allgemeine Über-
zeugung aus, als er sagte, dass das nunmehr aufgehobene Amt des
176 XXXIII. KAPITEI.: DER LETZTE ANTISTES o
Antistes keinen würdigeren zu seinem letzten Träger hätte haben
können als Finsler. Beidemal schloss sich an die kirchhche Feier
ein ungemein belebtes Bankett mit zahllosen Toasten in den
Übungssälen der neuen Tonil alle. Der Flut der Lobreden hielt
der greise Antistes aufrecht und mit gutem Humor stand.
Zwei Jahre rüstiger Wirksamkeit waren ihm noch vergönnt,
dann wollte es Abend werden um den letzten Antistes. Er sah
sich im Oktober 1898 genötigt, seine Demission als Pfarrer am
Grossmünster auf den i. Mai 1899 einzureichen. Aber schon am
I. April 1899, am frühen Morgen des Karsamstags, erlosch sein
]Lebenslicht. Er hatte noch die grosse Freude erlebt, dass ihm am
12. Februar 1899 die Grossmünstergemeinde seinen Sohn, den
Pfarrer und Dekan Rudolf Finsler in Hausen am Albis, zum Nach-
folger gab, dessen feierhcher Einsatz am 25. Juni erfolgte. Das
Leichenbegängnis des Antistes am 4. April war von einer ergreifen-
den Weihe; die Trauerrede seines Amtsbruders Pestalozzi gehörte
zu den ehrendsten und beredtesten Zeugnissen für die reiche Saat
seines gesegneten Lebens.
Es wird sich im weitern Verlauf unserer Darstellung kaum
mehr Gelegenheit bieten, nochmals auf die Kirche und ihre Würden-
träger zurückkommen, weshalb vielleicht hier noch einige Worte
beigefügt werden dürfen über die Entwicklung des kirchhchen
Lebens in der Stadt Zürich. Von den vier Pfarrkirchen der Stadt —
Grossmünster, Fraumünster, St. Peter und Predigern — war, mit
Ausnahme des Fraumünsters, jede mit einer Reihe von FiHalen
versehen, in besonders stattHcher Zahl die grosse Mutterkirche
zu St. Peter. Vom Grossmünster hatte sich, wie wir bereits im
I. Band (Seite 133) gesehen, schon im Jahre 1834 die Kirchgemeinde
Neumünster abgelöst. Im gleichen Jalire erhielt Wipkingen das
Recht der eigenen Pfarrwahl, und am 14. Januar 1865 wurde es
durch Beschluss des Regierungsrates selbständige Pfarrei. Die
volkreichste städtische Kirchgemeinde war längere Zeit die Pre-
digergemeinde. Zu ihr gehörten auch die FiUalen Unterstrass,
Oberstrass und Fluntern, denen das Kirchengesetz vom Jahre
1861 die Selbständigkeit gab; ihre vollständige rechtliche Ab-
lösung erfolgte allerdings erst durch das Gesetz vom 20. August
t) XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 177
1893. Die Kirchgemeinde St. Peter umfasste die Filialen Wollis-
hofen, Enge, Wiedikon und Aussersihl. Am 20. April 1853 hat der
Grosse Rat Wollishofen zur eigenen Kirchgemeinde erhoben; die
drei übrigen wurden ebenfalls durch das Kirchengesetz von 1861
abgelöst, aber nicht vollständig, so dass zwischen ihnen und der
Mutterkirche St. Peter noch im Jahre 1882 ein förmlicher Aus-
scheidungsvertrag abgeschlossen werden musste. Das Recht der
eigenen Pfarrwahl erhielt Aussersihl bereits durch das Wahlgesetz
vom 2. April 1850. Für die vier Pfarrgemeinden der Stadt hat
eine Reihe von Jahren zur Besorgung der gemeinsamen kirch-
lichen Interessen eine Gesamtkirchenpflege bestanden, die dann
durch das Gesetz betreffend das Gemeindewesen vom Jahr 1875
in Wegfall kam. Ein neuer, wenn auch ziemHch loser Verband
umschHngt seit dem Jahr 1906 die 13 Kirchgemeinden der ver-
einigten Stadt Zürich; durch ihn wurde eine kirchliche Zentral-
kasse geschaffen, deren Zweck darin besteht, einzelne Verbands-
gemeinden, die wegen geringen eigenen Vermögens und geringer
Steuerkraft stark belastet sind, so zu unterstützen, dass sie ihren
kirchHchen Bedürfnissen, wenn möghch, ohne den Steuerfuss von
jährlich i Promille zu überschreiten, ausreichend Genüge leisten
können. Das Volk erteilte am 18. April 1909 dem Initiativvor-
schlag der 13 Kirchgemeinden die Sanktion.
Unter den Geistlichen, die im Laufe des vergangenen Jahr-
hunderts, speziell in der zweiten Hälfte, an stadtzürcberischen
Kirchen wirkten, finden sich eine Reihe bedeutender Namen, von
denen hier aber nur einige wenige herausgegriffen werden können.
Am Grossmünster hat vor Finsler der hier schon öfters erwähnte
grosse Denker und scharfsinnige Kirchenpolitiker Professor
Alexander Schweizer gepredigt (geb. 14. März 1808 in Murten,
t 3. Juli 1888). Er war am 11. Februar 1844 installiert worden
als der erste Geistliche in der Stadt, welcher von der Gemeinde
selbst nach der neuen Wahlart gewählt wurde; vorher besass nur
die St. Petersgemeinde das uralte Vorrecht, ihren Geistlichen, den
sie selbst besoldete, frei aus allen Geisthchen des zürcherischen
Ministeriums zu wählen. — Einer grossen BeHebtheit und zahl-
reichen Zuhörerschaft erfreute sich Jahrzehnte hindurch am Frau-
münster Pfarrer und Dekan G. Rudolf Zimmermann (Pfarrer von
1849 bis 1898, 1 8. Juni 1900). Sein Nachfolger, Pfarrer und Kirchen-
12
178 XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES o
rat Adolf Ritter (geb. ii. Januar 1850 in Seegräben -Wetzikon,
f 18. Oktober 1906) hat sich seinen grossen Ruf als Kanzelredner
am Neumünster erworben, wo er von 1878 bis 1898 wirkte und dort
einen neuen Aufschwung des lange Zeit gänzHch darniederliegenden
kirchhchen Lebens herv^orbrachte. Ritter hatte auch schon vor
Adolf Stöcker in Berlin den Plan gefasst, dem gottentfremdeten
Grosstadtproletariat das Evangelium wieder nahe zu bringen, und
im alten Schützenhaus tapfer mit den Sozialdemokraten um das
Christentum gestritten (Ende der Siebziger] ahre). Bei St. Peter
ist vor allem zu nennen Diakon Heinrich Hirzel, ,,der Helfer",
das Ideal eines Pvcformers, wie ihn der Konservative Blösch ge-
nannt hat, charaktervoll schon als Knabe — nie kam über seine
Lippen der Name des Spielkameraden, durch dessen Schuld er
die Sehkraft eines Auges verlor, — als Mann der Träger aller
gemeinnützigen und schulfreundlichen Bestrebungen. Geboren am
17. August 1818 als Sohn des nachmaligen Regierungsrats Kaspar
Hirzel, amtete er zuerst als Pfarrer in Sternenberg und Höngg,
wurde 1857 Diakon zu St. Peter und erst 1870 Pfarrer (f 29. April
1871). Die Wahl des neuen Helfers zu St. Peter an Hirzels Stelle
am 5. März 1871 war eine heiss umstrittene; sie fiel auf Hirzels
Freund und Gesinnungsgenossen, den freisinnigen Württemberger
Heinrich Lang (geb. 1826, f 13. Januar 1876), der also nur noch
wenige Wochen mit Hirzel zusammen wirken konnte. Wie Lang,
hatte auch Pfarrer und Erziehungsrat Joh. Jak. Wissmann in
Meilen gewirkt, bevor er an die Peterskirche berufen wurde (geb.
15. August 1843, t II- Juni 1903). Man kann von Pfarrer Wiss-
mann nicht sprechen, ohne an die Waldmannfeier vom 23. Juni
1889 zu denken, an welcher er mit seiner mächtigen Stimme auf
dem Münsterhof die Festrede hielt. Dekan und Professor Dr. Konrad
Furrer (geb. 5. November 1838, t I4- April 1908) hat nach Ab-
schluss seiner Studien 1863 eine Fusswanderung durch Palästina
gemacht und darüber ein treffhches Buch veröffentHcht. Er wurde
noch im gleichen Jahre Pfarrer in Schüeren und 1871 der Nach-
folger Salomon Vögelins in Uster. 1878 erfolgte seine Wahl an die
St. Peterskirche. Neben dem Pfarramt widmete sich Furrer Jahr-
zehnte hindurch der akademischen Lehrtätigkeit und bot in zahl-
losen Vorträgen über religiöse und zeitgeschichtHche Themata
weitesten Volkskreisen Anregung und Belehrung. Stark besucht
o XXXIII. KAPITEL: DER I.ETZTE ANTISTES 179
waren seine Kontroversen mit atheistischen SoziaHsten im Vereins-
haus „Eintracht" (1893), die Vorträge über allgemeine biblische
Fragen in der Tonhalle (1895) und über den Katholizismus (ge-
halten im St. Peter 1899). Das 200jährige Bestehen der jetzigen
Kirche St. Peter (eingeweiht am 21. November 1706) feierte
Furrer 1906 in einer würdigen Denkschrift. — An der Prediger-
kirche nennen wir Dr. Paul Hirzel, (geb. 26. April 1831 in Leipzig,
t 21. Juni 1908, Pfarrer an der Predigerkirche 1862 bis 1875).
Hirzel trat 1874 an die Spitze des städtischen Schulwesens und
war für nahezu zwei Jahrzehnte der eigentliche Mittelpunkt von
Zürichs Bildungsbestrebungen. Pfarrer Walter Bion, der Gründer
der Ferienkolonien, des Erholungshauses Fluntern, des Spitals
zum Roten Kreuz (geb. 29. April 1830, f 3- September 1909,
Pfarrer beim Prediger 1873 bis 1904) hat durch ein warmherziges
Christentum der Tat Zürich Ehre gemacht und seinen guten
Ruf in der Welt gemehrt. An seinem 25 jährigen Jubiläum im
Mai 1898 gratulierten u. a. Henri Dunant, der Gründer des Roten
Kreuzes, Professor Röntgen, die Städte Baden-Baden und Aachen
usw. — An der St. Anna-Kapelle pastorierte von 1873 bis 1908
Pfarrer Edmund FröhHch (geb. 17. Mai 1832 in Aarau, f 30. Sep-
tember 1908).
In den Neunzigerjahren kam eine Richtung unter der Geist-
lichkeit auf, die das Schwergewicht der Lehre auf die sozialen
PfHchten der Kirche und des Christentums überhaupt gegenüber
den Enterbten dieser Erde legte und den ,, Mammonsdienst" der
Kirche und der christHchen Gesellschaft, die durch übel ver-
standene Wohltätigkeit sich der schwereren Pflicht der wahren
Bruderliebe zu den Armen und Geringen zu entledigen suche, mit
harten Worten geisselte. Nachdem bereits um 1895 Pfarrer
J. Probst in Horgen (f 28. Mai 1910 in Basel), dem Beispiel
Fr. Naumanns, Paul Göhres und anderer deutscher ,, Kanzel- und
Kathedersozialisten" folgend, in Rede und Schrift den Kampf
gegen die ,, pflichtvergessene Kirche" eröffnet, wurde der eigent-
liche Herold dieses sozialen Evangeliums Lic. theol. Hermann
Kutter. Geboren am 12. September 1863 in Bern, hatte er von
1887 bis 1898 in Vinelz am Bielersee als Pfarrer gewirkt und in
jenen Jahren bei häufigen Besuchen im württembergischen Bad
Boll von Christoph Blumhardt mancherlei Anregung empfangen,
i8o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES o
war aber schon frühzeitig durchaus eigene Wege gegangen. Kutter
wurde am 25. September 1898 zum Pfarrer von Neumünster als
Nachfolger von Pfarrer Ritter gewählt. Seine Predigten, die mit
schonungsloser Energie den Mammonismus in jegHcher Form be-
kämpften, übten eine grosse und dauernde Anziehimgskraft aus.
Noch mehr Aufsehen erregten aber seine zahlreichen Schriften,
besonders das viel zitierte Buch ,,Sie müssen", das die göttlichen
Triebkräfte in der sozialdemokratischen Bewegung nachzuweisen
unternahm. Obwohl nun aber seine Schriften manche Berührungs-
punkte mit der Sozialdemokratie aufweisen, verschrieb er sich der
sozialdemokratischen so wenig wie irgend einer andern Partei und
unterschied sich dadurch von andern sozialen Pfarrern, die — wie
Paul Pflüger — den ausgesprochenen Parteimann mit dem Geist-
lichen vereinigten. Ebensowenig bemühte sich Kutter um die
Sammlimg und Organisation seiner begeisterten Anhänger unter
der Jüngern Geistlichkeit und in der Laienwelt und hielt sich
vielmehr von allen derartigen Bestrebungen grundsätzHch fern.
Einen hervorragenden Organisator, Wortführer und literarischen
Vertreter fand sodann die rehgiös-soziale Gruppe — so geheissen
zum Unterschied von den kathohschen ChristHch-Sozialen — in
Pfarrer Leonhard Ragaz in Basel, der am 6. Juli 1908 zum ausser-
ordentlichen Professor an der Universität Zürich gewählt wurde
und dessen Bestreben es war, den neuen sozialen Ideen auch an
der theologischen Fakultät Eingang zu verschaffen. Eine Monats-
schrift ,,Neue Wege", von Ragaz und einigen seiner Gesinnimgs-
genossen herausgegeben, dient einer zahlreichen Gemeinde von
Bekennern der religiös-sozialen Grundsätze, besonders auch in
der^ sozialdemokratischen Partei, welcher Ragaz persönlich bei-
getreten ist. Sein Einfluss geht aber über den Rahmen der Partei
weit hinaus, und besonders in den Wirrnissen der mit dem Welt-
krieg zusammenliängenden Fragen ist Ragaz zu einem geistigen
Fülirer imd Halt für Tausende geworden. Kutters unbestrittenes
Verdienst bleibt es jedoch, das religiös-soziale Problem in der
Schweiz recht eigentlich in Fluss gebracht zu haben. Wie mit
mächtigen Posaunenstössen hat er durch eine gewollt einseitige
und scharfe Kritik an der Kirche und ihren Versäumnissen zahl-
reiche Schläfer aufgeschreckt, junge Theologen mit neuer Begeiste-
rung für ihr Amt erfüllt und in Laienkreisen, die der Kirche schon
o XXXIII. KAPITEL: DER LETZTE ANTISTES 18 1
völlig entfremdet waren, wieder Interesse und Verständnis für sie
wachgerufen.
Eine letzte Bewegung auf kirchlich-religiösem Gebiet, die hier
noch Erwähnung verdient, weil sie für die Zukunft der zürche-
rischen Landeskirche von Bedeutung werden kann, ging aus von
der neuen Bibelübersetzung, die von der Kirchensynode am
21. November 1906 beschlossen und einer siebengliedrigen Kom-
mission hervorragender Fachmänner übertragen worden ist. Diese
Kom.mission hat im Jahre 1913 einige Proben ihrer Arbeit ver-
öffentlicht und damit eine ausserordentlich lebhafte Diskussion in
Vorträgen, Zeitungen und Zeitschriften entfesselt. Von positiv-
kirchlicher Seite wurde der Kommission nichts Geringeres als ein
Attentat auf das , .Fundament des Christentums" vorgeworfen, weil
sie zu Math, i, 16 folgende Fussnote angebracht hatte: ,, Einige
Zeugen, zum Teil von hohem Alter, lassen in verschiedener Weise
erkennen, dass Jesus einer andern Gestalt des Textes zufolge als
ehelicher Sohn des Joseph und der Maria betrachtet wurde." Ob-
wohl der Text dieser Fussnote schlechterdings nichts anderes be-
sagt, als was auch von der Bibel selbst bezeugt wird (nämlich dass
Jesus von seinen Zeitgenossen als Sohn Josephs und der Maria
betrachtet wurde), so dass auch die vier Vertreter der Evangeli-
schen Gesellschaft in der Bibelübersetzimgskommission der Auf-
nahme dieser Note zustimmten, erregte sie in streng bibelgläubigen
Kreisen einen Sturm der Entrüsttmg, der sich besonders in zahl-
reichen Einsendungen der ,, Zürcherischen Freitagszeitung" wider-
spiegelte. Die Kirchensynode jedoch anerkannte am 25. November
1914 in vollem Umfang die gediegene tmd mühevolle Arbeit der
Kommission und ermunterte sie, im gleichen Sinn und Geist weiter-
zufahren.
► ♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦♦
VIERUNDDREISSIGSTES KAPITEL
LANDESAUSSTELLUNG 1883
Den 29. Februar 1880, es war der so selten eintretende fünfte
Sonntag des Schaltmonats, verkündete gegen die Mittags-
stunde Kanonendonner von der Höhe des Polytechnikums herab
den Zürchern, dass der Durchstich des Gotthard vollzogen sei.
Tausende von Spaziergängern blickten an dem schönen Sonntag-
nachmittag südwärts nach dem schneeglänzenden Kranz der
Berge, wo rechts an der Pyramide des Bristenstocks in der dunkeln
Tiefe des Alpenwalles die letzte Schranke gefallen war, welche den
Süden vom Norden trennte, und jede Unterhaltung bewegte sich
um das inhaltsschwere Ereignis und seine Folge. In einem kleinen
Kreise von Bekannten tauchte an jenem Abend, wie J. Hardmeyer-
Jenny in seiner ,, Ausstellungszeitung" erzählt, der Gedanke auf,
die nun in erreichbarer Nähe stehende Eröffnung der Gotthard-
bahn durch eine schweizerische Landesausstellung zu feiern, und
aus der lebhaften Diskussion ging die Idee siegreich hervor. Die
schweizerische Landesausstellung in Zürich 1883 ist verknüpft mit
der Eröffnung der Gotthardbahn, wie im Jahre 1914 die schweize-
rische Landesausstellung in Bern mit der Eröffnung des Lötsch-
berg, wenn auch beidemal der Ausstellungstermin hatte hinaus-
geschoben werden müssen. Die Ausstellung in Zürich war ge-
sichert, nachdem einmal die Kaufmännische Gesellschaft mit
ihrem Präsidenten, Kommandant Konrad Bürkli, an der Spitze
die einleitenden Schritte übernommen und zunächst ein kantonales
Komitee gebildet hatte. Die schweizerische Ausstellungskommis-
sion tagte zum erstenmal in Bern am 3. März 1881 unter dem
Vorsitz von Bundesrat Droz. Das generelle Programm bestimmte,
dass die Landesausstellung ,,alle Erzeugnisse der Industrie, der
Gewerbe, des Kunstgewerbes, der bildenden Künste und der
Landwirtschaft der ganzen Schweiz vereinigen, sowie das ge-
samte Unterrichtswesen zur Darstellung bringen soll". Es war
dies die vierte schweizerische Landesausstellung; vorausgegangen
o XXXIV. KAPITEI.: I.ANDE;SAUSSTELI.UNG 1883 183
waren ihr die schweizerischen Industrie- und Gewerbeausstellungen
von St. Gallen 1843 und Bern 1848 und 1857; ^-ber welcher Unter-
schied zwischen der St. Galler und der Zürcher Ausstellung!
Dort 185 Aussteller, die ihre Gegenstände in einigen Sälen unter-
brachten; in Zürich 5000 Aussteller und eine kleine Ausstellungs-
stadt mit Gebäudekomplexen, in denen sich mehr als 10,000
Menschen bewegen konnten. So gross aber auch der Plan der
Zürcher Landesausstellung im Vergleich mit frühern Veranstal-
tungen gedacht war, in bezug auf die Hauptsache, die Zahl der
Besucher, hatte man immer noch viel zu bescheiden gerechnet,
denn statt der erwarteten 600,000 stellten sich wohlgezählte
1,759,940 Besucher ein! Die Landesausstellung war aber auch
mustergiltig organisiert und wurde geradezu glänzend durchgeführt.
Am I. Mai, dem Eröffnungstage, stand sie — von einigen nicht
nennenswerten Kleinigkeiten abgesehen — fix und fertig da,
,, Katalog in die Hand"; pünktlich mit dem Sonntag den 30. Sep-
tember, der mit 28,081 Besuchern die höchste Tagesfrequenz der
ganzen fünfmonatlichen Dauer aufwies, wurde sie geschlossen, imd
die Rechnung ergab bei 3,637,973 Fr. Einnahmen ein Benefiz
von 23,289 Fr. Dieses Schlussresultat, wie überhaupt der alle
Hoffnungen übersteigende Erfolg der schweizerischen Landes-
ausstellung in Zürich war vor allem der unermüdlichen Hingabe
und Begeisterung der Mitgheder des Organisationskomitees zu
danken. An seiner Spitze stand als Präsident Oberst A. VögeH-
Bodmer; als Ausstellungssekretär fungierte Ingenieur A. Jegher;
Direktor der Ausstellung war Oberst Zuan-SaHs; unter den
übrigen um die Ausstellung verdienten Männern sollen wenigstens
noch der Präsident des Preisgerichtes, Eduard Guyer-Freuler, die
Ausstellungsarchitekten A. Pf ister und W. Martin und der Aus-
stellungsingenieur Emil Bavier genannt werden.
Als sehr glückUch erwies sich insbesondere die Wahl des Aus-
stellungsplatzes, die für Zürich beinahe einer Entdeckung gleich-
kam. Es wurde dazu nämHch die Platzpromenade ausersehen,
und da waren es nun vorab die Stadtzürcher, welche ganz erstaunt
die Augen aufrissen ob dem herrlichen Park, den die Ausstellungs-
künstler ihnen vor die Augen gezaubert, der sich aber bei näherem
Zusehen als der längst in ihrem Besitz und zu ihrer freien Ver-
fügung stehende ,, Platzspitz" erwies. Seitdem dort unten, im
i84 XXXIV. KAPITEL: LANDESAUSSTELLUNG 1883 o
18. Jahrhundert, der alte Bodmer seine ambulanten Kollegien ge-
halten, war die schöne Promenade mehr und mehr in Vergessen-
heit und Verlassenheit versunken; die herrlichen alten Bäume be-
schatteten nüchterne Bürgergärten und wucherndes Domgestrüpp,
und auch als sie ihrem ursprüngHchen Zweck wieder zurück-
gegeben war, kamen nur etwa Dienstmädchen, alte Frauen und
Bummler aller Art in den Platzspitz oder es tummelte sich ge-
legentlich ein Reiter auf seinen Pfaden. Erst der Landesausstellung
von 1883 war es vorbehalten, die Platzpromenade wieder zu vollen
Ehren zu ziehen. Alle Beschreibungen stimmen darin überein,
dass der von dem Halbrund der Kastanienbäume eingerahmte
Platz vor der Industriehalle, in dessen Mitte eine hochaufstrah-
lende mächtige Fontäne blitzte, den Glanzpunkt des Ausstellungs-
parkes bildete. Das Hauptgebäude, an der Stelle des heutigen
Landesmuseums — es hatte ihm auch das sog. neue Kornhaus
beim Bahnhof weichen müssen — war in einem seiner Aufgabe ent-
sprechenden Stil von provisorischen Festbauten gehalten. Reich
dekorierte offene Giebelfronten mit Galerien und schlanken Türm-
chen maskierten glückhch die monotonen langgestreckten Dach-
flächen. Dekorationsmalerei belebte die Felder und tiefliegenden
Stellen, während die Hauptteile in einem mit dem Grün der Um-
gebung harmonierenden Tone, ähnlich dem der Alphütten, ge-
halten war. Von dem nach dem Park sich öffnenden Portale
gingen zwei offene arkadenartige Galerien je im Viertelskreis aus,
die sich einerseits an die Hauptrestauration, anderseits an den
Pavillon für Hotelwesen lehnten und so mit den gegenüberstehen-
den Kastanienbäumen den Kjreis um den Springbnmnen schlössen.
Eine Anzahl anderer Ausstellungsbauten und Pavillons einzelner
Aussteller waren malerisch im Park herum zerstreut: auf einer
kleinen Anhöhe der sohd konstruierte Pavillon der Konditorei
Sprüngli, der jetzt als alkoholfreie Wirtschaft vom Frauen verein
betrieben wird, daneben das in einer Felsen- und Erdhöhle kühl
gebettete Aquarium, an der Eimmat der Forstpavillon, eine phan-
tastische Zusammenstellung von einzelnen kleinen Gebäudeteilen
verschiedener Höhe und Gestalt mit einem viereckigen Haupt-
turm, dicht dabei im Gebüsch eine Klubhütte der Sektion Uto
S. A. C, weiter unten gegen den Platzspitz der Pavillon für Ke-
amik. Für das die Ausstellung nicht betretende Publikum stellte
o XXXIV. KAPITEL: LANDESAUSSTELLUNG 1883 185
eine über den Platzspitz hinwegführende Hochpasserelle die Ver-
bindung zwischen DrahtschmiedHsteg (Limmat) und Mattensteg
(Sihl) her. Dicht unterhalb dieser Hochpasserelle hingen die
Glocken der Giesserei Rütschi in Aarau, die je vor 12 Uhr und
6 Uhr zwanzig Minuten lang ihr Spiel erklingen Hessen. Zu unterst
im Spitz ragte eine 38 m hohe, aus dem Sihlwald stammende
Flaggenstange mit mächtiger eidgenössischer Fahne.
Ein grosser Teil der Ausstellung hatte im Industriequartier
errichtet werden müssen und war mit der Platzpromenade durch
zwei hölzerne Brücken verbunden, so namentlich die gewaltige
Maschinenhalle. Ihre beiden langen Trakte stiessen rechtwinkHg
zusammen und umfingen ein für kleinere Annexbauten und für
Rasen- und Blumenbeete bestimmtes Terrain. Um die langen
Fluchten der Maschinenhalle, die sich von der Platzpromenade
aus etwas einförmig ausnahmen, zu unterbrechen und zu be-
leben, wurde im Scheitel des Gebäude winkeis eine Rotunde in
Holzkonstruktion erbaut. Ihre Höhe bis zur Spitze der turmartig
sich aufbauenden Laterne betrug 30 m. Eine Treppe von 106
Stufen führte den Besucher auf die Plattform des Gebäudes, auf
welcher sich eine entzückende Aussicht über Ausstellung, Stadt
imd Hochgebirge bot. Hinter der Maschinenhalle lag die Ab-
teilung für Landwirtschaft. Für die temporären Tierausstellungen
(Kleinvieh, Pferde, Rindvieh, Hunde) waren von der Militär-
direktion die MiHtärstallungen imd die zugehörige Reitschule
bereitwilhg eingeräumt worden. Eine Geflügel- und Vogel-
ausstellung nahm der Turnschopf und Spielplatz des Linthescher-
Schulhauses auf.
Weit weg vom Ausstelltmgspark, draussen am See, ausser-
halb der alten Tonhalle, war der Kunstpavillon errichtet, ein Ge-
bäude im Stil eines antiken Wohnhauses (Front gegen die Ton-
halle), wobei freilich der reiche Mittelbau mit den vier korin-
thischen Säulen auf hoher Estrade, dem Frontispize und der
Ornamentik des Vestibüls mehr einem Tempel ähnelte. Wie man
sich denken kann, gehörte der Kunstpavillon zu den schönsten
und reichsten Partien der Ausstellung. Der Anblick des Äussern
wurde allerdings etwas beeinträchtigt durch die allzu aufdringHche
Nähe der am Ufer, wenig oberhalb des Dampfschiffsteges errich-
teten Festhalle und die auf gar keinen Stil Anspruch erhebende
i86 XXXIV. KAPITEL: LANDESAUSSTELLUNG 1883 o
Tonhalle. Man betrat den Tonhallefestplatz von der Tonhalle-
strasse (jetzt Theaterstrasse) aus, ungefähr gegenüber dem heutigen
Corso. Ausgedehnte Rasen- und Gartenanlagen breiteten sich
vor dem Eintretenden aus, die gegen die Stadt hin von der Ton-
halle mit angebautem Palmengarten, südwärts von der Kunst-
lialle und nach dem See hin durch die speziell für die Ausstellungs-
anlässe von der Tonhallegesellschaft erbaute Festhalle begrenzt
waren.
Nun aber noch etwas über den Verlauf der glanzvollen schweize-
rischen Landesausstellung in Zürich 1883. Bei zweifelliafter Wit-
terung, die sich aber dann doch bis abends 10 Uhr hielt, fand am
I. Mai die Eröffnung statt. Im maurischen Saal des Hotel ,, Na-
tional" und im ,, Viktoria" wurde den eidgenössischen Ehrengästen,
die mit dem Extrazug um 9 Uhr 30 von Bern her eingetroffen
waren, ein Gabelfrühstück serviert. Ein langer Kutschenzug
brachte die Herren zur Tonhalle, wo um 11 Uhr der Eröffnungs-
akt beginnen sollte; eine zahllose Menschenmenge füllte die
dekorierten Strassen. Nach der vom Orchester gespielten Ouver-
türe zum ,, Sommernachtstraum" von Mendelssohn, dirigierte in
der Tonhalle Kapellmeister Friedrich Hegar die von ihm kom-
ponierte, von (dem still und unscheinbar bei den Zuhörern sitzen-
den) Gottfried Keller gedichtete Kantate, während der ebenfalls
anwesende Conrad Ferdinand Meyer ein von der ,, Ausstellungs-
zeitung" publiziertes prachtvolles Festgedicht zu dem grossen Tag
beigesteuert hatte. Es folgte die Eröffnungsrede des Präsidenten
des Organisationskomitees, Oberst Vögeli-Bodmer, und die
Schlüsselübergabe an Herrn Bundesrat Droz, der seinerseits mit
einer längern Rede dankte. Keller-Baumgartners ,,0 mein Heimat-
land", von Attenhofer dirigiert, schloss die Feier. Unmittelbar
daran knüpfte sich die Besichtigung des Kunstpavillons. ,,Gar
malerisch hatten sich die Weibel alle zu beiden Seiten der Treppe
des weiss schimmernden Atriums des prachtvollen Gebäudes auf-
gestellt, und die Herren Oberst Theodor de Saussure von Genf
und Professor Salomon Vögelin, Präsident der Gruppen moderne
und historische Kunst, umgeben von ihrem Stabe, empfingen die
Gäste." In der schmucken Festhalle am See wartete ihrer der
gedeckte Tisch. Vom Festzug, der um 2 Uhr 15 abmarschierte,
berichtet die ,, Freitagszeitung": ,,Man hat schon prunkvollere
o XXXIV. KAPITEL: LANDESAUSSTELIvUNG 1883 187
und buntere Festzüge in Zürich gesehen, aber wohl noch keiner
war mit der Pünktlichkeit und Sicherheit angeordnet und geführt
wie dieser: alles traf auf die Minute genau ein und ging seinen
vorgeschriebenen Gang, wie wenn es vorher eingeübt worden wäre.
Der Zug, dem Militär vorausging und nachfolgte und Spalier
bildete, bestand zwar meist nur aus schwarz gekleideten, bezyhn-
derten und bloss mit Festabzeichen geschmückten Herren, aus-
genommen einige höchste Mihtärpersonen in Gala, darunter
General Herzog, ausgenommen auch noch die sämtlichen Standes-
weibel in den kantonsfarbigen Mänteln — eine Erinnerung an die
alten Tags atzungsauf märsche. Aber eine überaus sinnige und
freundhche Anordnung war es, dass etwa tausend weissgekleidete
und rot und blau beschärpte kleine Mädchen mit Blumenkörben
in den Händen zu beiden Seiten des ganzen langen Zuges mit-
zogen — ein herzerfreuender Anblick. Da gingen voran die Herren
Bundesräte und fremden Diplomaten, dann kamen die Abgeord-
neten der Kantone mit ihren Standesweibeln, natürlich unsere
Regierung in corpore und der Stadtrat ebenfalls, dann die Sänger
der Harmonie und des Männerchors. Es ging der Zug durch die
geschmückten Strassen zum ,, Platz" hinunter, mit drei Musik-
korps, unter Glockengeläute und Kanonensalven, durch eine un-
geheure, wohl in die 30,000 Köpfe sich belaufende Menschenmenge.
Unter dem Portal der Ausstellung erwartete den Zug der Direktor,
Oberst Zuan-Salis. Und das Resultat der Besichtigung ? All-
gemeines Erstaunen darüber, was die Schweiz in der Industrie
alles zu leisten imstande sei, aber auch Bewunderung des künst-
lerischen Geistes und feinen Schönheitssinnes, mit welchem die
ganze Ausstellung angelegt und die Ehrenzeugen des schweize-
rischen Gewerbefleisses und des schweizerischen Kunstsinnes auf-
gestellt, angeordnet und herausgeputzt sind. Männer, die schon
Weltausstellungen gesehen haben, bekennen laut, dass sie wohl
schon grössere und reichere Ausstellungen gesehen, aber noch
keine so schön und zweckmässig bis aufs kleinste gelungene."
Abends 7 Uhr Soiree familiere in der Festhalle am See. ,,Aus dem
wogenden Meer der Freude stiegen wie drei Raketen drei Reden
auf: Erziehungsdirektor Grob feierte den Triumph des mensch-
lichen Geistes, den Patriotismus und die Einigkeit; Stadtpräsident
Dr. Römer entbot den Willkommensgruss der Stadt Zürich, und
iö8 XXXIV. KAPITEL: LANDESAUSSTELLUNG 1883 o
der französische Gesandte Arago trank auf das Wohl der kleinen
grossen Schweiz. Zwei nachher noch folgende Redner versanken
im Festgewoge, das über ihnen zusammenschlug, so dass man sie
nur noch mit den Händen über dem Wasser herumfuchteln sah."
Eine brillante Illumination mit nautischen Spielen sollte den
Sclilusseffekt bilden, doch nun Hess der Regen sich nicht mehr
halten vmd prasselte so mächtig nieder, dass schon bald nach
IG Uhr das allgemeine Lichterlöschen an beiden Ufern des Sees
begann.
Nach den ersten drei Wochen konnte die ,, Ausstellungs-
zeitung" einen vielversprechenden Anfang und zunehmenden Be-
such konstatieren. Am 27. Mai wanderte die hohe und ungebeugte
Gestalt des Generalfeldmarschalls Moltke durch die Ausstellung,
geführt vom Präsidenten Oberst Vögeli. Aussprüche des grossen
Schweigers über das von ihm Beobachtete sind nicht bekannt
geworden. Überraschend und erschreckend verbreitete sich am
I. Juni in der Stadt die Kunde, ,,die Ausstellung brennt!" Es
war Feuer in einem kleinen Gebäude der städtischen Material-
verwaltimg in unmittelbarer Nachbarschaft der Maschinenhalle
ausgebrochen, das jedoch vom Dach der letztern aus durch die
Feueru'ehr lokalisiert werden konnte. Folgenden Tages feierten
die Preisrichter ein gemütliches Fest. Festliche Tage brachte der
Ausstellung am 5., 6. und 7. Juni der Besuch des Orchesters des
Scalatheaters in Mailand. Die Bundesversammlung stattete am
20. und 21. Juni der Ausstellung ihren offiziellen Besuch ab. Ein
internationaler Presskongress, der aber vom Ausland nur sehr
schwach besucht war, sollte am 29. Juni und den folgenden Tagen,
gleichzeitig mit einer internationalen Regatta auf dem See, ge-
halten werden. Die Tagung hatte die Gründimg des schweize-
rischen Pressvereins am 2. Juli zur Folge. ,,Den 9. August gegen
Mittag spazierte der milHonste Besucher durch das Tor der Aus-
stellung. War es ein biderbes Bäuerlein? War es eine Mode-
dame ? Niemand weiss, woher er kam der Fahrt und was sein
Nam' und Art, kein Ehrentrimk wurde dem absonderlichen Mil-
lionär gereicht. Für die Ausstellung aber war der miUionste Gast
sieben Wochen vor ihrem Schlüsse hochbedeutsam." Sehr belebt
war am 24. und 25. August das Fest der Aussteller, an dem auch
die Vertreter der Behörden in grosser Zahl teilnahmen. Am 6. Sep-
o XXXIV. KAPITBL: LANDESAUSSTELLUNG 1883 189
tember sah sich noch der Exkönig von Portugal die Ausstellung
an. Viel zu schnell für die Männer der Ausstellungsleitung kam
der Schlusstag heran. Weit davon entfernt, mit einem Seufzer
der Erleichterung die Last der Arbeit und Verantwortung ab-
zulegen, nahmen sicli diese Wackern den Torschluss zu Herzen
wie ein tieftrauriges Familienereignis. Der offizielle Bericht sagt
wörtlich: ,,In so freudig gehobener Stimmung die Eröffnung ge-
feiert worden, so reich in fast übergrosser Freude das Aussteller-
fest vorübergegangen — so ernst andächtig lauschte die kleine
Gemeinde, welche am 2. Oktober gemeinsam den Abschiedsgang
durch die ehrwürdigen Hallen getan, den ernsten Worten, in denen
Herr Vögeli den Ausstellern, den Behörden und dem Volke dankte,
die durch ihre Arbeit und durch ihr Vertrauen uns die Erfüllung
unserer Aufgabe ermöglicht, und der Vorsehung, die gütig alles
Missgeschick von uns abgewendet. Und als hierauf Herr Bundes-
rat Droz das farbenprächtige Bild des verflossenen Sommers an
unserm geistigen Auge vorüberziehen Hess, als er im Namen des
Schweizervolkes erklärte, Zürich und das Zentralkomitee habe
sich um das Vaterland verdient gemacht und nun mit bewegter
Stimme das Schlusswort sprach — da schämten sich die Männer,
die sonst jedem Ereignis ruhig ins Auge zu schauen gewohnt sind,
der Tränen nicht, die sich unter ihren Wimpern hervordrängten.
Aus der Halle heraus intonierte die Musik den Choral ,,Es ist be-
stimmt in Gottes Rat", und die schweizerische Landesausstellung
war geschlossen. — Eine wohltuende Überraschung harrte noch
des Zentralkomitee und seines Präsidenten, indem bei der dem
Schlussakt folgenden Tafel Herr Stadtpräsident Dr. Römer in
feierhcher Ansprache laut Beschluss des Stadtrates dem Herrn
A. Vögeli- Bodmer die goldene Verdienstmedaille der Stadt Zürich
überreichte, die höchste Auszeichnung, welche die Stadt Zürich
einem ihrer Bürger verleihen kann. Stürmischer Beifall dankte
dem Redner und der Behörde, in deren Namen er gesprochen."
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FÜNFUNDDREISSIGSTES KAPITEL
GOTTFRIED KELLER
Ein Stadtkind war er, ein Gassenbüblein aus dem Rindermarkt,
dem die Armenschule zum ,, Brunnenturm" die Geheimnisse
des ABC erschloss; ein JüngHng mit gänzhch verfehltem Bildungs-
gang, der noch in reifern Jahren sich und den Seinen keine Antwort
zu geben wusste auf die bange Frage, ob wohl jemals etwas Rechtes
aus ihm würde oder nicht. Und diese ,, verbummelte Existenz",
dieser Gottfried Keller brauchte nur anzufangen, zu schreiben
und zu dichten, so wies ihm die deutsche Literaturgeschichte
einen Platz in der unmittelbaren Nachbarschaft Goethes an. Doch
es ist hier nicht der Ort, den Dichter Gottfried Keller zu würdigen ;
hiefür wird man sich an die gelehrten Kenner und Forscher der
Literatur und ihrer Geschichte zu wenden haben, tmter denen vor
allen Jakob Baechtold mit seinem grundlegenden biographischen
Werke und sodann Emil Ermatinger in Zürich sich die grössten
Verdienste um Gottfried Keller erworben haben. Aber auf imserm
Gang durch die letzten hundert Jahre der Zürcher Stadtgeschichte
dürfen wir nicht vorbeigehen an dem Haus zur ,, Sichel" am Rinder-
markt, ohne seines berühmten Bewohners zu gedenken und mit
ein paar Strichen den äussern Lebensgang des Mannes zu zeich-
nen, der so viel zu Zürichs geistiger Bedeutung beigetragen hat,
und dieser Versuch ist sehr erleichtert worden durch manchen
freundlichen Rat und Fingerzeig Prof. Ermatingers. Zürich ist
Gottfried Keller dankbar für »seine tiefe HeimatHebe, für den Zauber
der Anmut, mit dem er seine historischen Gestalten umwob, für
den verklärenden Schimmer, den seine Dichtungen auf die Gassen
der Stadt, auf ihre Feste und ihren Alltag, ihre Freuden und Küm-
mernisse ausgegossen. Ein Grosser verdient genannt zu werden,
wer immer in freudiger Lebensbej ahtmg seinen Mitmenschen den
Mut und die Lust zum Dasein hebt, die Augen für die Schönheiten
der Umwelt und den verborgenen Reichtum des eigenen Gemütes
öffnet. Solch ein Grosser war Gottfried Keller.
x^
o XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KEI.I.ER 191
Einige seiner besten Charakterzüge hatte er vom Vater geerbt.
Der Drechslermeister Hans Rudolf Keller von Glattfelden war
schon kein gewöhnlicher Mann gewesen. Geboren 1791 als Sohn
eines Küfers, hatte er von langer Wanderschaft etwas fremdartig
Schwung\'olles in die Heimat zurückgebracht. Er trug einen grünen
Frack und feine Wäsche und sprach immer Schriftdeutsch. Frisch-
weg warb er um die fast dreissigj ährige EHsabeth Scheuchzer, die
Tochter des in Glattfelden angesessenen ,,Chirurgus" aus Gottfried
Kellers ,, Johannisnacht" : Johann Heinrich Scheuchzer von Zürich,
1751 — 1817, dessen Sohn Heinrich, der Bruder von Gottfried
Kellers Mutter, 1856 als Arzt in Glattfelden starb. Die Trauung
fand am 3. Mai 1817 im Kirchlein zu Glattfelden statt, imd bald
darauf siedelte das junge Paar in die Stadt Zürich über. Es be-
wohnte zuerst das Haus zum ,, Goldenen Winkel" am Neumarkt,
in der Nähe des Kronentors, dann den ,, Greifen" am Rindermarkt
imd seit 1821 das inzwischen käuflich erworbene Haus zur ,, Sichel"
neben dem ,, Greifen". Mit der UebevoUen Erinnerung des früh Ver-
waisten hat Gottfried Keller im ,, Grünen Heinrich" die tätige,
hilfsbereite Art des Vaters, seinen Eifer um die Volksbildung, sei-
nen Wissenstrieb, seinen rührenden Ideahsmus geschildert. Kellers
Vater, sagt Otto Stoessl, stellt etwa die gute Grundmasse der
Zürcher Stadtbevölkerung, das ,, auf strebende, bildungsbefhssene,
poHtisch energische und gut radikale Kleinbürgertum dar, während
die Mutter einen angebornen, frauenhaften Konservatismus ruhiger
Gesittung bewährte". Von der nicht alltägHchen Art des Vaters,
dem auch eine gewisse dichterische Veranlagung nicht abging,
zeugte besonders die Zartheit des eheHchen Verhältnisses. Meister
Keller ertrug es mit Lächeln, als seine Frau einmal sagte, wenn er
doch nur Gottfried heissen würde statt Rudolf, das wäre ein so viel
schönerer Name. Er wusste, dass einst eine stille Neigung den
Jxmker Gottfried von Meiss auf Schloss Teufen und die Tochter
des Chirurgus von Glattfelden einander genähert hatte, und als
ntm am 19. JuH 1819 im Haus zum ,, Goldenen Winkel" Zürichs
grösster Dichter geboren wurde, da hat der glückliche Vater ohne
Wissen seiner Frau den Junker Meiss zum Taufpaten erbeten, wohl
wissend, welche Freude er ihr damit bereiten werde. Und der Junker
hat dem Knäblein seinen Namen gegeben und bei der Taufe am
28. Juli in der Predigerkirche sich als Paten eintragen lassen.
192 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER o
Leider starb der treffliche Vater schon am 12. August 1824.
Die Mutter — die nicht ganz dem Bild derjenigen des „Grünen
Heinrich" entspricht — besass zwar vorzügHche Eigenschaften und
war eine verständige und resolute Frau; es gelang ilir aber nicht,
die Erziehung und Bildung des talent- und phantasievollen Sohnes
in feste, geordnete Balmen zu lenken. Was ihr an praktischem
Geschick vielleicht abging, ersetzte sie durch eine unerschöpfHche
Liebe und Hingabe, durch eine Aufopferung sondergleichen. Gott-
fried Keller erkannte das und hielt Mutter und Schwester, die für ihn
sich plagten und für ihn darbten, in hohen Ehren. ,,Wenn ich mir
einst einige Ehre erwerbe," schreibt er aus BerHn, ,,so habt Ihr den
grössten Teil daran durch Eure stille Geduld." In seinem Tagebuch
findet sich die Aufzeichnung: ,,Ich bin die unnütze Zierpflanze, die
geruchlose Tulpe, welche alle Säfte dieses Häufleins edler Erde auf-
saugt . . . Indessen bin ich stolz auf unser verborgenes Leiden und
auf die Stärke und Kraft meines armen alten Mütterchens tmd auf
den stillen Wert meiner Schwester. Das übertrifft alle Fraubase-
reien meiner öffentHchen Beziehungen." Die Mütter in Gottfried
Kellers Dichtungen zeugen davon, was er von seiner Mutter ge-
halten, und vom ,, Grünen Heinrich" sagte ein Kritiker: ,,Noch nie
ist ein Gedicht der Liebe zwischen Mutter und Sohn gedichtet
worden, so einfach und innig, so wahr und schön."
Die ersten Jahre nach des Vaters Tod führte die Mutter die
Drechslerwerkstatt noch weiter und heiratete dann auch den ersten
Gesellen; aber es war das ein Irrtum, und die Ehe musste wieder
geschieden werden. Mutter Keller war eine ganz vortreffUche Brief-
stellerin. ,,Die Antworten der betrübten und doch immer wieder zu
jedem Opfer für den Sohn bereiten Frau, die mit kummervollem
Herzen dem fernen Kinde zur Erheiterung erzählten kleinen Nach-
richten aus der Nachbarschaft gehören zu den rührendsten und
in ihrer einfältigen Vornehmheit und ursprüngHchen Feinheit er-
greifendsten Äusserungen elementarer mütterHcher Natur." Das
Haus zur ,, Sichel" war von oben bis unten vermietet und auch auf
dem eigenen Stockwerk jeder Raum durch Abgabe an Kostgänger
nutzbar gemacht. Von ihren sechs Kindern waren der Witwe nur
zwei gebheben, Gottfried und Regula (geb. 1822), und dieses Ge-
schwisterpaar blieb auch auf eine weite Strecke seines Lebenslaufes
aufeinander angewiesen. Regula gab nicht allzuviel auf des Bruders
Q XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER i93
Schriftstellerei ; dass er Staatsschreiber geworden, machte ihr be-
deutend mehr Eindruck. Sie ist nicht zu vergleichen mit „Betsy",
der ebenbürtigen Schwester Conrad Ferdinand Meyers, aber sie hat
sich ein Anrecht auf den Dank der Nachwelt erworben dadurch,
dass sie dem Bruder und der Mutter ihre Jugend und ihr Lebens-
glück opferte. Mit ihrem Verdienst als Schneiderin im Kundenhaus
und später als Verkäuferin in einem Schirmladen hielt sie den
Haushalt über Wasser und steuerte nach Kräften bei zum Unter-
halt des Bruders in Deutschland. Und als die Mutter gestorben
war, führte sie ihm die Junggesellenwirtschaft in ihrer sparsamen
imd mehr als einfachen Weise. Geistig vermochte sie ilim nichts
zu bieten, imd zwischen den beiden Geschwistern war ,,ein ewiges
Gebrumm". Doch das zunehmende Alter schloss sie immer enger
zusammen, und als im Jahr 1888 die Schwester starb, trauerte
Keller aufrichtig um sie.
Als sinniger Knabe hat der Dichter seine glückhche Kindheit
im behagUchen Gesumme seiner Gasse verdämmert, in der Armen-
schule die ersten Freundschaften geschlossen und auch den ersten
Widersacher, das ,, Meierlein", gefunden. Wie manche von Gott-
fried Kellers Hausgenossen und heben Nachbarn am Rindermarkt
haben später als lebensvolle Gestalten die Szenen des ,, Grünen
Heinrich" und der ,, Züricher Novellen" bevölkert und durch die
Berührung mit des Dichters Zauberstab ihre papierne Unsterblich-
keit erlangt ! Früh äusserte sich bei dem Knaben der künstlerische
Gestaltungstrieb in allerhand wimderbaren Malereien, mit Vor-
liebe Morgenrot oder Abendrot darstellend, in schnurrigen ,, Lau-
nen" und Einfällen, mit denen er ein zusammengekleistertes Notiz-
buch füllte, besonders aber in den ersten dramatischen Versuchen,
bei deren glanzvollen Auffülirungen die Nachbarskinder Rordorf
mitzuwirken hatten. Von 1831 — 1833 hat Gottfried Keller als der
Sohn eines Ansassen das sogenannte ,, Landknabeninstitut" an der
Stüssihofstatt besucht und dann die kantonale Industrieschule im
Chorherrenstift beim Grossmünster bezogen, die ihn aber schon im
folgenden Jahre schmähHch ausstiess, tmd zwar einer ganz ein-
fältigen Geschichte wegen. Einige Herrensöhnchen aus einer altern
Klasse, die gegen einen unbehebten Lehrer eine Demonstration in-
szenierten, hatten die Unschuld aus dem Rindermarkt zum Mit-
gehen angestiftet, die dann auch hängen blieb, während sie selber
13
194 XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KELLER o
frei ausgingen. Gottfried Keller hat diese ungerechte Relegation,
der er die Schuld an seinem ,, verhunzten" Bildungsgang zuschrieb,
tief und lebenslang empfunden. Mühsam den Weg seines geistigen
Fortkommens selber suchend, blickte er noch öfters schmerzHch
,, durch das verschlossene Gitter in den reichen Garten der reifern
Jugendbildung".
Es fiel ilim ein, Maler zu werden, und er zog zunächst mit sei-
nen Gerätschaften und reichhchem Papier zu Onkel Scheuchzer
nach Glattfelden, der ihm schon öfters ein trautes Ferienheim ge-
boten hatte. Dort verbrachte der fortgejagte Industrieschüler ganz
vergnügte Sommermonate, indessen zu Hause die Mutter sich um
seine Zukunft härmte und bei Freunden und Bekannten herum-
lief, um sich guten Rat zu holen. Aber als der Sohn im Herbst 1834
mit einigen Malereien heimkehrte, wusste sie noch immer nicht,
wo aus und an. Der erste Lehrmeister, den sie scliHessUch ausfindig
machen konnte, war ein Stümper, und der zweite zwar ein grosser
Künstler, aber — wahnsinnig! Unterdessen nahm der hoffnungs-
volle Sohn an Jahren imlieimhch zu. Er war zu Weihnachten 1835
in der Predigerkirche konfirmiert worden, wurde aber unversehens
20 Jahre alt, bevor sich irgend ein gangbarer Lebensweg für ihn
zeigte. In diese Zeit fallen auch seine ersten, nicht für den Druck
bestimmten schriftstellerischen Versuche: phantastische Erzäh-
lungen, Landschaftsschilderungen, Gedichte und ÄhnHches. In
den Skizzenbüchern aus diesen Jahren treten die Zeichnungen vor
dem Geschriebenen mehr und mehr zurück. Schon ringt in Gott-
fried Keller, ihm selber unbewusst, der werdende Dichter mit dem
angehenden Maler.
Darüber allerdings ist er sich nun klar geworden, dass er in
der Heimat nichts mehr lernen kann und mag und dringend der
Ausbildung in einer wirkhchen Kunststadt bedarf. So beschliesst
er denn, nach München zu ziehen, und die gute Mutter ist einver-
standen, so sehr sich auch ihr ganzes Wesen gegen die abenteuer-
Hche Künstlerlaufbahn sträubt. Es gelingt ihr auch — nicht ohne
Widerstand der Vormundschaftsbehörde in Glattfelden — ein ,, Per-
gamentlein" aus des Vaters Erbe zu versilbern, und mit einem
Betriebskapital von 50 Gulden zieht Gottfried Keller im Mai 1840
in München auf. Das langt nun allerdings nicht weit, und bald ist
das ganze ,, Pergamentlein" von 236 Gulden aufgezehrt. Der Mutter
o XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KELIvER 195
und der Schwester Sparpfennige wandern nach München, und
immer wieder schreibt Gottfried um Geld. Er drängt die Mutter,
eine Hypothek auf das Haus zu nehmen. Sie kann sich dazu erst
entschHessen, als sie — tödlich erschrocken — vor den Polizei-
präsidenten zitiert wird, bei dem aus München polizeiliche Recher-
chen wegen Nichtbezahlung eines Mietzinses eingegangen sind. Mit
schwerem Herzen macht die Mutter 300 Gulden flüssig, die von
den Münchener Schulden restlos aufgesogen werden. — Und doch
lebte Gottfried Keller keineswegs unsohd. Er arbeitete im Schweisse
seines Angesichts, sparte und schränkte sich aufs äusserste ein.
Tagelang genoss er nichts als ein Stück Brot und ein Glas Bier und
kam in der Gesundheit ganz herunter; er wurde auch auf den Tod
krank und sah im halben Fieber zuweilen etwa einen Landsmann
auf einen Augenblick an sein Bett treten mit der teilnehmenden
Frage: ,, Hat's dich, Strabo!" Das Schlimmste aber war, dass es
auch in München mit der Malerei nicht geraten wollte und nagende
Zweifel an seiner Begabung als Künstler ihn quälten. Seine mangel-
hafte Vorbildung hinderte ihn daran, dem damals üblichen allge-
meinen Akademieunterricht regelmässig zu folgen, und so wurde
auch der Münchener Aufenthalt nur eine Fortsetzung seines schrul-
lenhaften und unterbrochenen Bildungsganges. Bei seinen eigenen
Bildern verfolgte ihn andauerndes ,,Pech". Dem einen, für das ihm
50 — 60 Gulden in Aussicht standen, brannte der Ofen ein Loch in
die Leinwand, die er doch nur hätte trocknen sollen. Ein anderes
sandte Keller auf die Ausstellung nach Zürich. Schlecht verpackt
und von einem Fulirmann gleichgültig transportiert, kam es in einem
traurigen Zustand in Zürich an, und die Mutter hatte Laufereien
genug, bis das Bild gereinigt und hergestellt in der Ausstellung
hing. Dann schrieb sie dem Sohne: ,, Gestern ging ich auf die Aus-
stellung mit Regula und noch mehreren Bekannten, weil bloss die
Freitage in der Woche frei sind. Dein Bild befindet sich an einem
schönen Platze im zweiten Zimmer; es vv^urde mit grossen Augen
von uns Nichtkennern bewundert. Ich stand lange mit Nachdenken
dabei imd berechnete eben die Kosten der Rahme und die Zeit der
Arbeit. Und dann wieder die Besorgnis, wenn es hier nicht ver-
kauft wird! Freude und Kummer wechselten stets meine Ge-
danken." Die trübe Ahnung trog die Mutter auch diesmal nicht;
das Bild fand keinen Käufer. In München trieb Gottfried Kellers
196 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KEI.LER o
Künstlerschicksal dem Schiffbruch entgegen. Er brachte seine
ganze künstlerische Habe dem Trödler tmd fand — vom Hunger
bezwungen — Arbeit als Anstreicher von Flaggenstangen für irgend
ein Prinzenfest. Aus allen Nöten und Verlegenheiten flüchtete
Gottfried Keller im November 1842 nach Hause.
Es folgten sechs Jahre des ungewissen Lebens, und doch hat
Gottfried Keller auch diese schweren Jahre, an die er später nur
mit Grauen zurückdachte, nicht umsonst gelebt; denn in dieser
Zeit hat sich sein eigentüches Wesen durchgesetzt und ist er zum
Dichter geworden. Mit allem Eifer wurde zwar die Malerei vor-
derhand noch weiter betrieben, und da der Mutter Dachstübchen
zu klein war für die riesigen Kartons, mietete Keller ein kleines
AteHer in der Nähe. Aber die Bude war kalt und unfreundlich,
und immer häufiger und länger zog sich der Maler von der Staffelei
hinter den warmen Ofen zurück, um sich in seine Bücher zu ver-
tiefen, an seinem Tagebuch zu schreiben oder einem melanchoH-
schen Spintisieren sich hinzugeben. Dabei kam ihm der Gedanke,
einen traurigen kleinen Roman zu schreiben über den tragischen
Abschluss einer jungen Künstlerlaufbahn, an welcher Mutter und
Sohn zugrunde gingen. Es sollte ein elegisch-h^risches Buch wer-
den mit heitern Episoden und einem zypressendunkeln Schluss,
wo alles begraben wurde. Das waren die Anfänge des ,, Grünen
Heinrich" ! Doch bald durchkreuzte diesen Plan eine andere Ent-
deckung. Ein Band der Gedichte Herweghs, den er eines Mor-
gens im Bett durchblätterte, weckte in seiner Brust den Lieder-
born. Mit Macht brach der Quell der Poesie hervor und die Verse
strömten ihm mit einer Leichtigkeit zu, die ihn selber in Erstaunen
setzte. Die Farben auf seiner Palette trockneten vollends ein, und
Keller begab sich, mit seinem Sammetfräcklein angetan, jeden
schönen Morgen in den Platzspitz, wo Limmat und Sihl zu-
sammenfHessen, und richtete sich unter einem der Bäume häus-
Hch ein. Eine Menge von Gedichten sind auf diesem idyllischen
Fleckchen Erde entstanden. 1843 ist das Geburtsjahr von Gott-
fried Kellers Lyrik. Ihre Stoffe fand er zum Teil in den pohti-
schen Strömungen jener von Jesuitenlärm und Sonderbund er-
füllten Tage. Das erste gedruckte Gedicht Gottfried Kellers führt
den Titel ,,Loyolas wilde verwegene Jagd". Eine konservative
Nachbarin wurde von dem , .garstigen pohtischen Lied", als es am
o XXXV. KAPITEI/: GOTTFRIED KEI^LER 197
3. Februar 1844 in der „Freien Schweiz" erschien, so in Wut ver-
setzt, dass sie darauf spuckte und weglief.
Den ersten Schritt zur Ruhmeshalle deutscher Dichter tat
Gottfried Keller am 17. August 1843, an welchem Tage er eine
Auswahl seiner Gedichte zur Prüfung und Beurteilung an Dr.
Julius Fröbel in Hottingen sandte. Er kam damit vor die rechte
Schmiede. Fröbel, der Gründer des ,, Literarischen Comptoir" in
Zürich und Winterthur und Redaktor des ,, Schweizerischen Re-
publikaner", antwortete am 30. August aufmunternd und wies
Keller an Ludwig Folien, den Romantiker des Deutschtums, der
in Hottingen ein gasthches Haus für seine Freunde und Ge-
sinnungsgenossen führte. Folien nahm sich des jungen Dichters
Hebevoll an und gab sich redliche Mühe, Keller bei der not-
wendig befundenen Umarbeitung und Läuterung seiner Gedichte
anzuleiten. Die Verbindung mit Fröbel und Folien wurde für
Gottfried Keller überaus wertvoll und anregend. Br machte die
persönhche Bekanntschaft grosser deutscher Dichter wie Ferdinand
Freiligrath und Hoffmann von Fallersleben, schloss Freundschaft
für das Leben mit Wilhelm Schulz, dem gewandten Publizisten,
und bewegte sich fortan mit Behagen in einem Kreise deutscher
und schweizerischer Literaten und Politiker. ,, Junge Liebesleiden-
schaft zu der reizenden Winterthurerin Luise Rieter, freilich so
enttäuscht, wie eben jede Kellersche Werbung barock und vergeb-
lich, die Energie dichterischer Sehnsucht, das feurige, aber aller-
dings fahrige politische Treiben im bewegten Strom des damaHgen
Schweizer Lebens, welches zu einer Neugestaltung der Dinge führte,
Zechgelage und Ausflüge im sommerHchen Land erfüllten diesen
Lebensraum mit lautem Schall." Dem JesuitenHed folgten, wie
Keller erzählt, ,, andere Dinge dieser Art, Siegesgesänge über ge-
wonnene Wahlschlachten, Klagen über ungünstige Ereignisse, Auf-
rufe zu Volksversammlungen, Invektiven wider gegnerische Partei-
führer usw., und es kann leider nicht geleugnet werden, dass ledig-
lich diese grobe Seite meiner Produktionen mir schnell Freunde,
Gönner und ein gewisses kleines Ansehen erwarb. Dennoch be-
klage ich heute noch nicht, dass der Ruf der lebendigen Zeit es
war, der mich weckte und meine Lebensrichtung entschied."
Am 13. September 1843 entstand das Lied ,,0 mein Heimat-
land, o mein Vaterland". Keller hat von diesem Gedicht nie viel
198 XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KEI^LER o
gehalten und immer behauptet, dass es seine Volkstümhchkeit nur
der am lo. Juni 1846 komponierten Melodie Wilhelm Baumgartners
verdanke. Es wurde zum erstenmal im März 1851 vom Studenten-
gesang\^erein öffentlich gesungen. Baumgartner hat sich einmal
bei einer Begegnung unter dem Helmhaus dem Dichter vorgestellt,
und seitdem verband diesen eine innige Freundschaft mit dem
,, Spielmann treu und klug". ,,0 mein Heimatland" war das erste
von den 15 Gedichten Kellers, die Baumgartner komponiert hat.
Bei seiner Maifahrt 1858 sang der Studentengesang\^erein in An-
wesenlieit Kellers und unter des Komponisten Leitung das herr-
liche Lied auf dem Rasengrün der Ufenau. Übermannt von Freude
und Dank fiel der Dichter dem Freunde um den Hals.
Aber Keller empfand das Bedürfnis, sich auch aktiv an der
Bekämpfung der Jesuiten und aller schwarzen Reaktion im Schwei-
zerland zu beteiligen. Er befand sich unter dem kleinen Häuflein
von Zürcher FreiwilUgen, die im Dezember 1844 den Luzerner
Freischaren zu Hülfe kommen wollten, aber schon in Albisrieden
aufgelöst wurde. Auch beim Freischarenzug vom 31. März 1845
machte Keller an der Seite von Grunholzer, Sieber, Treichler, Boss-
hard-Jacot u. a. mit. Diesmal kam man bis Maschwanden, aber
wieder nicht über die Grenze des Kantons hinaus. Dubs, der an
dem Gewalthaufen vorüberritt, rief dem martialisch ausgerüsteten
Keller lachend zu: ,, Gottfried, du hast ja einen hölzernen Feuer-
stein!" (Er hatte vergessen, das Sperrhölzchen am Gewehrschloss
durch den Feuerstein zu ersetzen.) Ohne kriegerischen Riihm
musste die von Statthalter Hegetschweiler am Weitermarsch ver-
hinderte Streitmacht heimkehren. Dafür feierte Keller in be-
geisterten Versen die grosse Volksversammlung von Unterstrass
am 26. Januar 1845 und die Befreiung von Dr. Steiger in Luzern.
Eine weitere Liederreihe verdankte ihr Entstehen einem Aufent-
halt Gottfried Kellers in Glattfelden im JuH und August 1845.
Unterdessen hatten, anfangs 1845, im ,, Deutschen Taschen-
buch" von Fröbel und Folien die ersten Gedichte Gottfried Kellers
den Weg in die grosse öffentHchkeit gefimden. Sie erschienen
unter dem Titel: ,, Lieder eines Autodidakten. Gottfried Keller
von Glattfelden bei Zürich." Die Kritik Hess sich sofort sehr gün-
stig vernehmen. Das Stuttgarter ,, Morgenblatt" feierte Keller als
das bedeutendste l3'rische Talent, das in der Schweiz laut geworden.
o XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER 199
Enthusiastisch begrüssten ihn auch die „Jahrbücher der Gegen-
wart"; Dichter und Maler zugleich, sei Keller von einer Muse der
andern abgenommen worden. Folien vermochte den Verleger Anton
Winter in Heidelberg zu bestimmen, ein Bändchen ,, Gedichte"
Gottfried Kellers herauszugeben, das anfangs 1846 erschien. Auch
diesmal bereitete die Kritik dem Dichter eine glänzende Aufnahme ;
nur wurde gelegentlich die radikale Bisenfresserei der politischen
Lieder getadelt.
So schön diese Erfolge waren, für die Prosa des Alltags, die
vor allem ein genügendes Auskommen verlangte, bedeuteten sie
immer noch zu wenig. Gottfried Keller war jetzt bald dreissig
Jahre alt und streckte noch immer die Füsse unter der Mutter Tisch.
Er war über zwei Dinge im Klaren : dass er Dichter werden wollte
und dass dazu noch eine tüchtige akademische Bildung gehörte.
„Und hier" — so erzählt der Deutsche Otto Stössl schhcht und
schön — ,, griff sein Vaterland ein wie ein besonderes, über einem
wertvollen Menschen waltendes Schicksal, das einen Gefährdeten,
Irrenden kräftig beim Schöpfe fasst tmd zurechtsetzt. Dass tmd
wie die damalige Zürcher Regierung und ihre Leute diese Hilfe ge-
leistet, gereicht dem Lande zu hohen Ehren. Freilich gibt das
glückhche Gehngen dem Unternehmen erst den Glorienschein des
Verdienstes, aber eben wie die Heimat einem fahrigen, seiner selbst
wahrhch nicht sichern Menschen, der kaum die erste Probe der Be-
gabung abgelegt, beispringt, ohne viel zu fragen und zu bedingen,
einfach weil Hilfe not tut und schon durch den ersten Ruf einer
Begabung gerechtfertigt und verdient genug ist, wie man den
jungen Mann zu seiner dichterischen Ausbildung in die Fremde
schickt, damit aus ihm werde, was da mag, das ist ein Stück Kunst-
politik und praktischen Erziehimgseifers von seltener Würde und
Freüieit staatlichen Empfindens und Wirkens. Man vergleiche da-
mit nur das gequälte, bureaukratische, mit gestempelten Wohl-
verhaltungs- und Bildungszeugnissen ausgewiesene, ängsthch airf
die möglichst zeitige Wiedervergeltung bedachte, karge, von kläg-
lichem Protektionswesen korrumpierte, nicht dem ersten Besten,
sondern oft genug dem ersten Schlimmsten zufallende Stipendien-
almosen, das, anderwärts üblich, mehr beschämt als fördert, das,
mit einem penetranten Armenleutegeruch behaftet, den Bedürf-
tigen zu einer Art von Sünder macht, der, um es zu erjagen, ein
200 XXXV. KAPITEI,: GOTTFRIED KELI.ER o
Spiessrutenlaufen durch ein Spalier von salbungsvollen und ver-
ständnislosen Quasigönnern antreten muss. Und wie abhängig
wird sonst durch eine solche öffentliche Gabe der Empfänger, dem
für alle Zeiten politisch und gesellschaftlich der Mund geschlossen
ist, der sich nur zu Dankesbezeugungen und loyalen Kundgebungen
öffnen darf. Für Keller bedeutete diese Hilfe gar keine Verpfhch-
tung ausser der selbstverständlichen eines gewissenhaften, strengen
künstlerischen Verhaltens. Hat er doch in spätem Jahren, selbst
als besoldeter Regierungsmann, zu jeder Zeit die Freiheit seines
Wortes gewahrt und zum Besten seines Vaterlandes ausgenützt,
ohne Rücksicht auf Einzelne oder auf herrschende Gönner."
Einige deutsche Professoren an der Universität Zürich, die
Keller im Follenschen Hause kennen gelernt, darunter Ferdinand
Hitzig xmd K. J. Löwig, suchten den Bürgermeister Alfred Escher
und die Regierungsräte Eduard Sulzer und Rudolf Bollier für den
prächtigen und hochbegabten jmigen Menschen, der in Gefahr
stand zu verbummeln, zu interessieren. Eduard Sulzer Hess Keller
zu sich kommen, und das Resultat der Unterredung war ein Sti-
pendium von 800 Fr., das ihm am 26. September 1848 bewilHgt
wurde. Damit ging Keller im Oktober nach Heidelberg, um sich
zunächst auf dramaturgische Studien zu werfen. In einem aber-
maUgen Missverstehen eines jugendHchen Spieltriebes richtete er
seine Pläne auf das Drama und schlug damit wiederum einen Ab-
w^eg ein; die Folge war, dass die erwarteten Leistungen ausbheben
und neue Enttäuschungen Platz griffen, bis dann die harte Hand
des Schicksals den Widerstrebenden auf den Weg stellte, der ihm
bestimmt war. In Heidelberg fand Keller auserlesene Gesellschaft
bei dem Literar- imd Ktmsthistoriker Hermann Hettner, dem
Philosophen Christian Kapp, von dessen Tochter Johanna er das
zweite, zierHche Körbchen empfing, dem Anatomen Jakob Henle,
der Keller in Zürich kennen gelernt und von ihm geschrieben hatte :
,,Für uns war es ziemlich dasselbe, ob ein junger zahmer Bär oder
ein Poet mit uns zu Tische sass; denn ausser einigem unartiku-
lierten Gebrumme bekamen wir nichts von ihm zu hören." Der
Philosoph Ludwig Feuerbach hat Keller in Heidelberg den Glauben
an den persönlichen Gott wegdisputiert, doch stand der Dichter
in späteren Jahren dem Gottesglauben weniger schroff ablehnend
gegenüber. Als das Stipendium aufgezehrt war, fing das Borgen
o XXXV. KAPITEI,: GOTTFRIED KELLER 201
bei der Mutter wieder an. Zum Trost schrieb er dazu: „Ich lebe
jetzt ziemhch wohlfeil. Es ist hier Sitte, dass man seine Be-
suche am Abend nach 7 Uhr macht, wo man dann mit den Leuten
Tee trinkt und etwas Wurst oder Schinken isst. Da ich in mehreren
Häusern eingeführt bin und jede Woche einmal hingehen muss,
so habe ich mir das gemerkt und studiere nun jeden Abend, wo
ich hingehen wolle."
Zum Glück hatte die weitherzige Zürcher Regierung abermals
ein Einsehen und bewilUgte im Oktober 1849 ein zweites Stipen-
dium von 1000 Fr., das Keller für einen Aufenthalt in Berlin be-
stimmte, wo er dem Theater näher zu sein hoffte. Im April 1850
fand die Übersiedlung statt, aber aus dem Studienaufenthalt in
BerHn wurden fünf lange, bittere, entscheidende Jahre. ,,BerHn
war meine Korrektionsanstalt", pflegte Gottfried Keller zu sagen.
Fortwährend peinigten ihn Verlegenheiten und damit verbundene
Demütigungen. UnvergessHch bHeb ihm — es war im zweiten
Jahr des Berliner Aufenthalts — die Szene in dem Bäckerladen,
wo er mit seinem letzten Groschen ein Brot kaufte, die elegante
Bäckerstochter aber verächthch den Groschen als gefälscht zurück-
wies, so dass er das Brot wieder hinlegen und beschämt aus dem
Laden schleichen musste. An diesem ganzen Tag ass er nichts. Er
war auch in Berlin ,, immer derselbe unentschlossene, schweigsame,
dahinträumende Gottfried Keller, welcher jedesmal erst zum Han-
deln gelangte, wenn üim das Wasser bis an die Seele ging, aber
auch immer derselbe ehrHche, wahrhaftige, sich selbst getreue
Mensch." Kellers sauerstes BerHner Tagewerk, das sich durch
fünf Jahre hindurch zog, war der schon 1846 begonnene Jugend-
roman. ,,Der grüne Heinrich", ein reich ausgestalteter und gemüts-
tiefer selbstbiographischer Roman. Gottfried Keller konnte sich
zur schriftstellerischen Arbeit jeweilen nicht leicht aufraffen; für
ihn hatte nur die Erfindung einer Dichtimg und das stille Aus-
denken derselben Reiz; aber das Niederschreiben war ihm lästig,
und er entzog sich dieser Aufgabe so lange als mögHch. Die Sorge
ums tägHche Brot trieb ihn, das Werk, von dem nur einige Seiten
geschrieben waren, schon im Februar 1850 dem Verleger Vieweg
in Braunschweig anzubieten, der mit überraschender Bereitwillig-
keit darauf einging und mit Keller einen Vertrag abschloss. Aber
bis Vieweg nun den Dichter dazu brachte, seine Verpflichtungen
202 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER o
ZU erfüllen und seine Nachlässigkeit zu üben\-inden, das war für
ihn ein hartes Stück Arbeit, denn Gottfried Keller hatte in diesen
Dingen eine Art, die auch den gutmütigsten und geduldigsten
Verleger zur Verzweiflung bringen konnte. ,,Der Briefwechsel,
womit die beiden Kontrahenten einander mit aller HöfHchkeit
und Erbitterung bekriegten, ist einer der merkw^ürdigsten Bei-
träge zur Entstehungsgeschichte eines Manuskriptes." Aber auch
für Keller war die Niederschrift des hundertmal ven\'ünschten
Romans eine Qual, ein wahres Martyrium. Ohne den Zwang der
Not hätte er mit Freuden den ganzen Plan fahren lassen. Am
Palmsonntag 1855 ,, schmierte" Keller buchstäbHch unter Tränen
das letzte Kapitel des ,, Grünen Heinrich" aufs Papier und Hess
zum grossen Verdruss des Verlegers seinen Helden sterben. Im
Mai konnte der vierte imd letzte Band endhch die Presse ver-
lassen. Dem buchhändlerischen Erfolg hatte die verzettelte Er-
scheinimgsweise schwer geschadet. Den Rest der Auflage kaufte
Keller später zurück und Regula heizte damit den Ofen.
1851 Hess Keller bei Vieweg ein Bändchen ,, Neuere Gedichte"
erscheinen; dagegen verlautete von Dramen nichts. Nachdem er
bereits einen dritten Staatsbeitrag von 500 Fr. erhalten und ver-
braucht hatte, sandte am 29. Mai 1852 Alfred Escher im Auf-
trag des Erziehungsrates ,, nicht ohne Bedenken" ein letztes Sti-
pendium von 600 Fr. ,,Wir glauben im Erziehungsrat," schrieb
Escher dazu, ,,Sie sollten mit Ihren Dichtungen etwas zuversicht-
hcher imd mutiger ans Tageslicht treten." 1853 begann Keller
mit der Niederschrift des satirischen Gedichts ,,Der Apotheker
von Chamounix", das aber erst nach dreissig Jahren in den ,, Ge-
sammelten Gedichten" Aufnahme fand. Es gehörte zu den Eigen-
tümhchkeiten Kellers, die herrHchsten Sachen Jahre und Jahrzehnte
lang im Pult liegen zu lassen und dann etwa gelegentHch auf irgend
einen äussern Anstoss hin zu veröffentHchen. So geschah es auch
mit den zum Teil in BerHn entstandenen Sinngedicht-Novellen und
den ,, Sieben Legenden". Mit der grössten Leichtigkeit imd in
einem Zuge schrieb Gottfried Keller 1854 ^^^1 1855 den Novellen-
kranz ,,Die Leute von Seldwyla". Auf einem Stadthintergrund,
von welchem Keller sagt, es rage in jeder Stadt und jedem Tal der
Schweiz ein Türmchen von Seldwyla, spielt sich das einzelne Ge-
schehen dieser Novellen mit ihrer Besonderheit und Fülle ab:
o XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KELLER 203
„Pankraz der Schmoller", ,,Frau Regel Amrain und ihr Jüngster",
„Romeo und Julia auf dem Dorfe", ,,Die drei gerechten Kamm-
macher" und das Märchen ,, Spiegel das Kätzchen". Ein zweiter
Band der ,, Leute von Seldwyla" erschien 1874 mit den Novellen:
„Kleider machen Leute", „Der Schmied seines Glücks", „Die
missbrauchten Liebesbriefe", ,,Dietegen" und ,,Das verlorene
Lachen". Es ist namentlich dieser zweite Band nach Stössls Cha-
rakteristik ein ,, ideales" Stadtbild von grimmiger Komik, eine naive
Kritik der Abenteuerpolitik und eines ,, grosszügig" fabuherenden
Spekulantenwesens der modernen Stadt und zugleich der Schweizer
Stadt mit ilirer provinzialen Begrenzung und Beschränktheit, mit
Leichtsinn und Abenteuerlust, mit Sucht nach Gold tmd Glanz
ohne ernste Arbeit und Mühe, mit Leidenschaft in Genuss und Aus-
beuten jeder Konjunktur ohne wahre Zucht, dabei mit einer ge-
wissen Anmut und Naivität, mit einer schHessUchen Gutmütig-
keit des Menschenschlages, welcher zwar keinen wahren ganzen
Mann hervorbringt, aber auch keinen völHg verkommen lässt, so
dass immer eine ältere Generation bankerotter Nichtstuer die inter-
essierte Zuschauergallerie für die jüngere der befHssenen Wind-
beutel und Unternehmer abgibt.
Immer dringlicher hatte die Mutter den fernen Sohn zur Heim-
kehr gemahnt. Sie war in beständiger Sorge um ihn, da er sie oft
lange Zeit — einmal anderthalb Jahre — ohne alle Nachricht Hess.
Er mochte nicht von seiner traurigen Lage schreiben, mochte aber
auch nicht heimkommen, bevor der ,, Grüne Heinrich" erledigt
und die Schulden bezahlt waren. Die Mutter schickte ihm nicht
nur Geld — sie hatte ihr Haus am Rindermarkt verkauft imd war
nach der ,, Platte" imd dann nach Hottingen gezogen — , sondern
auch Hemden, die aber Keller wegen ihres Schnittes und ihrer
,, Grobheit" in Verlegenheit setzten. ,, Einzig das Hemd, welches
eine breite Brust ohne Falten hat, trage ich, auch wenn ich wohin
eingeladen bin, da es wegen seines wunderbaren Schnittes Auf-
sehen erregt. Als mich ein Frauenzimmer befragte, ob man in der
Schweiz solche Hemden trage, sagte ich: Ja, es sei ein schweize-
risches Nationalhemd, und als solches darf ich es in der vornehm-
sten Gesellschaft tragen, da das Fremdländische immer nobel ist."
In der Nachschrift heisst es noch: „Das Nationalhemd geht nun
auch bergab." Von dem Eindruck, den Keller in der Berliner Ge-
204 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER o
Seilschaft hen^orrief, schrieb Ludwig Pietsch: ,,In seiner urvN^üch-
sigen schweizerischen Derbheit machte der kleine, breitschultrige,
untersetzte, eisenfeste, wortkarge, bärtige Mann mit den schönen
ernsten und feurigen dunkeln Augen unter der mächtigen Stirn,
der indes, wenn ihn etwas oder irgend wer ärgerte, nicht nur sehr
unverhohlen seine Meinimg äusserte, sondern auch immer bereit
war, ihr mit seinen kräftigen Fäusten mehr Nachdruck zu geben,
zwischen den abgeschliffenen Berliner Menschen eine ganz eigen-
tümliche Figur. Dass er nicht allzu viel von ihnen hielt, daraus
machte er kein Geheimnis." Die Not Kellers vermehrte noch eine
heisse, unerwiderte Liebe zu der anmutigen Betty Tendering, dem
,,Dortchen Schönfund" im,, Grünen Heinrich", das er im Duncker-
schen Hause kennen gelernt. Den Freunden in der Heimat,
namentlich Jakob Dubs und Alfred Escher, gelang es schliessHch,
Keller durch Bezahlung seiner Schulden von Berlin loszueisen.
Für das Unternehmen wurden Anteilscheine zu 300 Fr. ä fonds
perdu ausgegeben, die Keller aber alle zurückkaufte. Dubs trug
ilim auch eine Professur für Kirnst- imd Literaturgeschichte am
neu zu eröffnenden Polytechnikum an; Keller lehnte ab, weil sie
ihn seiner dichterischen Arbeit zu sehr entzogen hätte. Zu Weih-
nachten 1855 war der nun schon zu einer gewissen Berühmtheit
gelangte Dichter wieder in der Heimat.
Er Hess es sich wohl sein in der Obsorge der Mutter und im
Kreis der Freunde, dem die bedeutendsten Professoren am Poly-
technikum, Fr. Th. Vischer, G. Semper, P. Bolle}-, Jakob Burck-
hardt, ferner Moleschott von der Universität und andere ange-
hörten. Er vertrug sich gut mit Richard Wagner und war häufi-
ger Gast in der Villa Wesendonck, wo er nicht selten die Musiker
Th. KÜrchner und Friedrich Hegar antraf. Auch bei Dr. Fran9ois
Wille in Meilen ging Keller aus und ein. Am Hebsten aber war
ihm die Gesellschaft Baumgartners, Rudolf Kollers und Gottfried
Sempers. Sorglos mit der Zeit umgehend, ergab sich Keller einem
verspäteten Studententreiben und häufigen Zechgelagen im Kreise
lustiger Genossen. Literarisch waren diese Tage nicht besonders
ertragreich. Es entstanden einige Gedichte und Festgesänge; für
die Schillerfeier in Bern dichtete er einen Prolog und schilderte
in dem Aufsatz ,,Am Mythenstein" unübertrefflich die liebUche
Feier der Einweihung des Schillerdenkmals am 21. Oktober 1860.
o XXXV. KAPITEI,: GOTTFRIED KEIvLER 205
Die einzige grössere und besonders in der Schweiz ungemein dank-
bar aufgenommene Arbeit war die reizvolle, herzerfrischende Ge-
schichte: „Das Fähnlein der sieben Aufrechten", die später in die
Sammlung der ,, Züricher Novellen" überging. Sie erschien zuerst
in Berthold Auerbachs ,, Volkskalender" für das Jahr 1861.
Doch dem grossen und reichen Talent Gottfried Kellers drohte
neuerdings das Los des Verbummeins, und zum zweitenmal streckte
das Vaterland seine schützende Hand nach ihm aus. Verblüffend
für alle Welt kam am 14. September 1861 seine Wahl zum Staats-
schreiber des Kantons Zürich. Es war ein gewagter Schritt, und
die übelsten Prophezeiungen knüpften sich daran. Das Hauptver-
dienst an dieser kühnen Tat, die für Gottfried Keller nach dem
Ausspruch seines Biographen Baechtold zur moralischen Rettung
wurde, gebührt dem Regierungsrat Franz Hagenbuch. Zu gönnen
war es der Mutter Kellers, dass ihr nun die grosse Ehre und
Freude zuteil wurde, mit dem Sohne die stattUche Amtswohnung
im Steinhaus an der obern KÜrchgasse beziehen zu dürfen, wo
sie am 5. Februar 1864 die Augen schloss. Gottfried Keller hat
das Zutrauen seiner Wahlbehörde vollauf gerechtfertigt und ist
ein ausgezeichneter Staatsschreiber geworden. Zwar gleich im
Anfang sah es nicht danach aus; vielmehr schienen die Tadler
allzu früh Recht zu bekommen: am Vorabend seines Amtsan-
tritts (23. September 1861) beteiligte sich Keller an einer tollen
Kneiperei, und am folgenden Vormittag musste Regierungsrat
Hagenbuch seinen SchützHng aus dem Bette holen. Der Staats-
schreiber erhielt den ersten, aber auch den letzten ,, Ruf fei". Der
Grosse Rat drückte der Regierung seine Missbilligung der ,, unge-
schickten Wahl" dadurch aus, dass er den Staatsschreiber nicht
wie übHch zu seinem ersten Sekretär wählte. Erst im Mai 1862
wurde er zweiter Sekretär. Eine bedeutende politische Rolle hat
der Staatsschreiber Keller nicht gespielt und im Grossen Rat,
dessen MitgHed er als Vertreter Bülachs war, nur selten ge-
sprochen. Als ,, Systemler" wurde er 1866 von seinem Wahlkreis
fallen gelassen. Dass die demokratische Regierung ihn nicht ent-
liess, als sie 1869 ans Ruder kam, wunderte ihn selber. Er ist
auch mit den Demokraten gut gefahren, hat aber seine Über-
zeugung gewahrt und den Regierungsräten, als sie ihm nach
seinem Rücktritt am 8. JuH 1876 ein Abschiedsmahl bereiteten
2o6 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KEW.ER . o
und einen Silberbecher überreichten, derb die Meinung gesagt: ,,Es
war eigentlich kommun undankbar," sagte sich Gottfried Keller
selber hintendrein.
Eine schöne Feier bereiteten ihm seine Mitbürger an seinem
50. Geburtstage, den 19. Juli 1869. Die Anregung dazu war von
den Studenten ausgegangen, die in grossartigem Fackelzug abends
9 Uhr auf dem Paradeplatz vor dem Hotel Baur en ville aufzogen
und deren begeisterter Sprecher besonders das patriotische Ele-
ment in den Dichtungen Kellers pries. Der Gefeierte, zwischen den
Säulen auf dem hohen Balkon stehend, dankte mit bewegten Wor-
ten. Dann wurde er in vierspänniger Kutsche zum Kommers nach
der alten Tonhalle geführt, an welchem ihm der Dekan der philo-
sophischen Fakultät, Georg von Wyss, das Diplom des Ehren-
doktors überreichte. Im Herbst 1872 fuhr Gottfried Keller nach
München, alte Erinnerungen aufzufrischen, 1873 an den Mondsee
im Salzburgischen, 1874 nach Wien. Die Geschäfte des Staats-
schreibers hielten die Muse Kellers im Banne ; immerhin traten 1872
aus verborgenen Tiefen, wo sie seit langem schlummerten, die
,, Sieben Legenden" ans TagesHcht, ein wahres Wunderwerk an
Feinheit und Grazie. Der ersten Auflage musste sofort eine zweite
folgen. Und 1874 feierten die ,, Leute von Seldw^da" ihre literarische
Auferstehung. Die Vorbereitung auf den Ruhestand bedeutete
der Wohnungswechsel Kellers im April 1875 ; er siedelte über nach
dem herrhch gelegenen ,,obern Bürgli" in der Enge.
Der Dichtkunst zurückgegeben, machte sich Gottfried Keller
unverweilt an die Herausgabe seiner anmutigen ,, Züricher No-
vellen", um deren Zustandekommen sich Julius Rodenberg in
Berlin kein geringes Verdienst erwarb, da er es verstand, den
schwer zu behandelnden Dichter sachte und unmerklich vorwärts
zu schieben und von ihm nach und nach die heblichen Gaben für
seine ,, Deutsche Rundschau" herauszulocken. Sie sind dort in
den Jahren 1876 und 1877 erschienen in der Form einer Rahmen-
erzählung (der ,,Herr Jacques") als Fassung für die köstUchen
Edelsteine ,,Hadlaub", ,,Der Narr auf Manegg" und ,,Der Land-
vogt von Greifensee", denen Keller noch ,,Das Fähnlein der sieben
Aufrechten" und ,, Ursula" beigab. Die ,, Züricher Novellen"
fanden wiederum eine ungemein warme Aufnahme; die Stadt
Zürich insbesondere fühlte sich durch sie geehrt, und am 28. April
o XXXV. KAPiTEIv: GOTTFRIED KEIvI^ER 207
1878 schenkte die Bürgergemeinde dem Dichter unter jubehider
einlielUger Zustimmung das Ehrenbürgerrecht. Sein 60. Geburts-
tag am 19. Juli 1879 ward im engern Kreis froh gefeiert, und die
Ansprache hielt der älteste der anwesenden Freunde Kellers, alt
Regierungsrat Franz Hagenbuch.
Gottfried Keller hat in den Jahren beschaulicher Müsse nach
seinem Rücktritt als Staatsschreiber literarisch eifrig und aus-
dauernd gearbeitet. Neben kleinem Sachen reifte auch ein rei-
cher Blütenstrauss seiner schönsten Gedichte. Vor allem aber ging
er nun tapfer an die Umarbeitung und Neuausgabe seines Jugend-
romans ,,r)er grüne Heinrich", — „denn wie ich höre," äusserte
er einmal, ,,wird der arme Kerl in den Mädchenpensionaten,
wenn der Sprach- und Literaturlehrer auf das Kapitel des Romans
zu sprechen kommt, stets heraufbeschworen und vor die unauf-
merksamen Schülerinnen hingestellt, herumgedreht, hin und her
geführt und muss als abschreckendes Beispiel dienen, wie ein
Roman nicht beschaffen sein soll, und es hilft gegen diese grau-
same Belästigung nicht der Umstand, dass der Ärmste j a mittels
der Vorrede die Erklärung in der Tasche mit sich führt, dass er
kein rechter Roman sei!" Die Umarbeitung machte aber dem
Dichter beinahe so viel Mühe, Not und Verdruss, wie die erste
Niederschrift, und auch sie konnte nicht in einem Zuge durch-
geführt und herausgegeben werden ; dafür war dann aber auch der
neue ,, Grüne Heinrich", als er Ende 1880 vollendet vorlag, nach
kompetentem Urteil eine ganz wesentliche Verbesserung und Ver-
feinerung des alten. Gottfried Keller selber war davon so sehr
überzeugt, dass er wünschte, die erste Ausgabe möchte für immer
begraben bleiben; ,,die Hand soll verdorren, welche je die alte
Fassung wieder zum Abdruck bringt," rief er drohend aus. Glück-
licherweise hat sich Emil Ermatinger an diese — übrigens kaum
sehr ernst gemeinte imd jedenfalls nicht berechtigte — Ver-
wünschung nicht gekehrt und im Jahre 1914 eine ,, Studienaus-
gabe" des alten ,, Grünen Heinrich" bei Cotta in Stuttgart bewerk-
stelHgt, die zu den wertvollsten Erscheinungen auf diesem Gebiete
gehört. Wie aufschlussreich und anregend eine Vergleichung der
beiden Ausgaben des ,, Grünen Heinrich" sein kann, das hat in
fesselnder Weise die Arbeit von Franz Beyel ,,Zum Stil des Grünen
Heinrich" gezeigt, durch die wir einen Einblick erhalten in des
2o8 XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER a
Dichters ,, Werkstatt"; indem wir sehen, was und wie er änderte,,
erfreuen vvdr uns nicht nur an seinem verfeinerten und veredelten
Sprachgefühl und seiner vollendeten Meisterschaft des Stils, son-
dern erfahren auch über Wesen, Charakter imd Gesinnung Kellers
mehr als durch manche geistreiche Abhandlung, denn — ,,le st^^le
c'est riiomme".
Das nächste, was aus des Dichters Händen her^'-orging, war
das ,, Sinngedicht", mit dessen Niederschrift Keller schon 1855 be-
gonnen hatte und die er nun 1880 einfach da fortsetzte, wo er
fünfundzwanzig Jahre früher aufgehört hatte. Das ,, Sinngedicht"
erschien 1882 in BerHn und ist wiederum eine Rahmenerzählung,
welche sechs Novellen umfasst, in denen alle Saiten des Liebes-
und Ehegeschicks voll angeschlagen werden. 1883 kamen die ,, Ge-
sammelten Gedichte" heraus. Am Ende — wie am Anfang — des
künstlerischen Schaffens von Gottfried Keller steht ein Roman:
,, Martin Salander", in welchem die Kritik trotz mancher Schön-
heiten ein Abnehmen der geistigen Spannkraft des Dichters und
namentlich eine Abkehr von seinem frühern fröhHchen Optimis-
mus zu grämHch moraUsierender Busspredigt bemerkt haben will.
Durfte das ,, Fähnlein der sieben Aufrechten" als Ausdruck der
Zufriedenlieit mit den vaterländischen Zuständen gelten, so regten
sich schon im ,, Verlorenen Lachen" manche Zweifel; ,, Martin
Salander" aber wird ,,eine Kette bitterer Seufzer, eine Reihe un-
wirscher Geständnisse" genannt, welche zum Aufsehen mahnen
und Schäden in unserem Volksleben biossiegen wollen. Indessen
ist das Werk, das eine vollendete Kunstarbeit zeigt, unvollständig;
es hätte noch ein zweiter Teil folgen sollen, in welchem Keller seine
Hoffnungen auf die junge Generation in dem Sohn Salander zu
verkörpern gedachte; ,,denn er bückte nicht ohne Trost in die Zu-
kunft imd schied nicht als vergrämter Pessimist von dieser Erde"
(Adolf Frey).
Über das Verhältnis Kellers zu Conrad Ferdinand Meyer hat
sich der letztere in den folgenden einfachen Worten geäussert: ,,Die
»Deutsche Dichtung' ersucht mich um einige Aufzeichnungen über
Keller, in der natürHchen Voraussetzung, dass wir ims als Lands-
leute nahe standen. Das war nun nicht der Fall; doch haben wir
uns immerhin gekannt und es fand zwischen uns ein freundHches
Verhältnis statt. Er zeigte sich mir immer — oder fast immer
o XXXV. KAPITBL: GOTTFRIED KEILLER 209
— liebenswürdig und geistreich unterhaltend, womit ich mich gerne
zufrieden gab. Meinerseits begegnete ich ihm immer mit Ehrer-
bietung und hielt diesen Ton fest, wenn er auch gelegenthch dar-
über spottete und einmal einen ,in Ehrerbietung' unterzeichneten
Brief mit ,in Ehrfurcht' erwidert hat." Baechtold fügt hier bei:
,,In ihrem Bildungsgange, in ihrer Eigenart grundverschieden,
waren die beiden Männer zur Zeit ihrer persönlichen Begegnung
bereits zu fertig, zu abgeschlossen in sich, als dass einer dem an-
dern noch Zugeständnisse machen konnte. Aber beide Dichter
waren zu neidlos und gerecht, als dass sie sich nicht anerkannt
hätten".
Im Herbst 1882 erfolgte der Umzug Kellers ins ,, Thaleck",
Ecke Zeltweg- Gemeindestrasse in Hottingen, da der weite Weg
ins ,,Bürgli" und die Unwirtlichkeit während des langen Winters
der kränkelnden Regula zu beschwerlich geworden war. Bei Keller
machte sich das Alter mit seinen Beschwerden geltend; er zog sich
mehr und mehr in sich zurück und vereinsamte vollends, als ihm
am 6. Oktober 1888 die Schwester genommen wurde. Glückhcher-
weise brachte ihm der Umgang mit Arnold BöckHn, der für einige
Jahre in Hottingen sein Atelier aufgeschlagen, viel Freude tmd Er-
heiterung. BöckHn wurde ihm ein fast unzertrennUcher Gefährte,
ein unermüdhcher Berater und Helfer auch in allen kleinen Nöten
und VerdriessHchkeiten, und setzte den häufigen üblen Latmen
Kellers eine unerschütterhche Geduld und Heiterkeit entgegen. Das
Jahr 1889 brachte die Ausgabe von Gottfried Kellers ,, Gesammel-
ten Werken" in zehn Bänden und die Feier seines 70. Geburtstages,
dessen geräuschvollen Veranstaltungen er sich allerdings durch die
Flucht nach Seelisberg entzog. Dort hinauf folgte ihm der Kanzler
der Eidgenossenschaft und überreichte ihm ein von J. V. Widmann
verfasstes, kostbar ausgestattetes Glückwunschschreiben des Bun-
desrates. Ehrungen aller Art häuften sich auf sein Haupt; aus
Berlin kam eine Adresse, unterzeichnet von mehreren hundert be-
rühmten Namen, Generalfeldmarschall Moltke an der Spitze. Auch
eine goldene Medaille ward zu seinen Ehren geprägt.
Mit seiner Gesundheit ging es nun unaufhaltsam abwärts;
ein greisenhaftes Siechtum war im Anzüge. In seinem letzten Brief
an Sigmxmd Schott in Frankfurt vom 4. Februar 1890 bemerkt
er u. a. in halb erstorbenen Schriftzügen: ,,Ich werde nicht mehr
14
2IO XXXV. KAPITEL: GOTTFRIED KELLER o
lange vermeiden können, von einem gewissen Fuhrwerk (wohl dem
Totenwagen) Gebrauch zu machen." Sein Testament hatte er
schon am ii. Januar 1890 in Gegenwart von Arnold Böckhn und
Prof. Dr. Albert Schneider, dem Testamentsvollstrecker, nieder-
schreiben lassen; Haupterben sollten werden der zürcherische
Hochschulfond und die schweizerische Winkelriedstiftung; der
Stadtbibliothek waren die Bibliothek und die goldene Medaille be-
stimmt. In seinen ,, Erinnerungen an Gottfried Keller" berichtet
C. F. Meyer von dem letzten Besuch, den er dem kranken Dichter
machte, und den mit ihm geführten Gesprächen. ,, Inzwischen
drehte er unaufhörlich die Karte, durch die ich mich gemeldet hatte,
bis ich sie ilim sachte aus den Fingern zog. ,Ich meinte nur,' sagte
er, ,in den schönen weissen Raum Hesse sich ein Vers schreiben.*
, Welcher denn?' fragte ich. ,Nun, zum Beispiel,' sagte er: ,Ich
dtüde, ich schulde,' womit er wohl den Tod meinte, den wir alle der
Natur schuldig sind. Stunden vergingen so, und es wurde Zeit
zum Scheiden. ,Wir wollen vom Sommer Heil erhoffen,' sagte ich.
,Ja', scherzte er, ,und ein Landhaus am Zürichberg mieten.' Es
war ein Jammer. Ich glaubte nicht an seine Genesung, und er
wohl auch nicht. Die Tränen traten mir in die Augen und rasch
nahm ich Abschied."
Gottfried Keller entschlummerte sanft am 15. Juli 1890, nach-
mittags gegen 4 Uhr. Die Stadt Zürich bereitete ihrem grossen Mit-
bürger ein prunkvolles L<eichenbegängnis. Das ganze Schweizerland
in den Vertretern seiner höchsten Behörden schritt im Zuge, eine
ungeheure Menschenmenge bedeckte die grünen Hänge der Rämi-
strasse, in die der Kondukt vom Zeltweg her einbog. In der dicht
gefüllten Fraumünsterkirche wurde die mit dem Trauermarsch aus
der Eroica eingeleitete Abdankung gehalten. Dekan Zimmermann
verlas die Liturgie und Professor Stiefel hielt die Gedächtnisrede.
Dann brauste als ergreifendste Totenklage Gottfried Kellers ,,0
mein Heimatland" durch die Halle. Der Leichenzug bewegte sich
zum Zentralfriedliof, wo auf den Stufen des Krematoriums vStadt-
präsident Hans Pestalozzi dem Toten den letzten Gruss des dank-
baren Vaterlandes entbot. ,,In der dämmerigen Halle des in seiner
edlen Form ergreifenden kleinen Tempels steht der weisse Tannen-
sarg des Dichters, mit Blumen überdeckt. Eine KHngel ertönt.
Von imsichtbarer Kraft geschoben, gleitet er leise vor eine eiserne
i
o XXXV. KAPITEI.: GOTTFRIED KELIyER 211
Türe. Sie öffnet sich. Eine sonnenähnliclie Glut umloht die Um-
risse des Sarges. Ein AugenbUck, und unhörbar schHesst sich die
Pforte wieder. Ein kurzes Flammenbad, und alle Schauer der Ver-
nichtung sind aufgehoben. Was an Gottfried Keller sterblich war,
hat der Aschenkrug gesammelt."
Seit dem Jahre 1892 schmückt die Marmorbüste des Staats-
schreibers Dr. Gottfried Keller, von Richard KissHngs Meister-
hand, die Eingangshalle des Rathauses in Zürich. Am Sechseläuten
den 18. April 1898 enthüllte die Zunft Hottingen eine Gedenk-
tafel am Sterbehaus Gottfried Kellers am Zeltweg. Die Stadt-
bibHothek, die Hüterin kostbarer geistiger Schätze des Verewigten,
eröffnete am 26. JuH 1899 ein ,, Gottfried Keller-Zimmer" und
am 8. August 1901 fand auf dem Zentralfriedhof die feierliche Bei-
setzung der Asche Gottfried Kellers in dem von der eidgenössischen
Winkelriedstiftung und dem zürcherischen Hochschulfond errich-
teten Denkmal (von Prof. Bluntschli und Richard KissUng) statt.
Am lebendigsten aber bleibt Gottfried Kellers Andenken unter
uns durch seine Werke. ,,Das Ausserordentliche Kellers", sagt
Conrad Ferdinand Meyer, ,,Hegt wohl darin, dass er die spezifische
Vaterlandsliebe des Schweizers und seine gottlob noch immer auf-
rechten ethischen Eigenschaften der Gradheit und Pflichttreue mit
einer ungewöhnhch starken Phantasie und ihren Launen und Ver-
wegenheiten vereinigt, eine seltene Mischung, die sich nicht so bald
wiederholen wird. Doch ist es natürhch, in dieser Stunde der
Landestrauer voraus seine tiefe AnhängHchkeit an die Heimat zu
preisen, mit der er ganz und gar verwachsen ist. Er hat die Heimat
sehr geliebt, die es ihm mit gleicher Liebe vergilt."
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SECHSUNDDREISSIGSTES KAPITEL
STADTPRÄSIDENT RÖMER
Als Mitglied der „Gelehrten Gesellschaft" in Zürich, in welcher
■ die ehemalige „Gesellschaft der Gelehrten auf der Chor-
herren" weiterlebt, übernahm es Ständerat Dr. Paul Usteri, für
das Neujahrsblatt des Waisenhauses 1901 das lyebensbild des
Stadtpräsidenten Dr. Melchior Römer zu schreiben, und es ist
diese Quelle, welcher wir im Nachstehenden, mit einigen Er-
gänzungen, teils auszugsweise, teils wörthch folgen. Die Ein-
schiebtmgen, welche hauptsächlich das chronologische Bild der
Stadtereignisse aus der Amtszeit Römers vervollständigen sollen,
werden auch ohne jedesmaligen Vermerk als solche leicht kennt-
lich sein.
Die Familie Römer stammt aus Mastricht in den Nieder-
landen. Eine alte Chronik sagt von ihrem Stammvater: ,, Matthias
Römer von Mastricht nat: Flöchnete sich anno 1568 wegen der
Rehgion n acher Achen, zur Zeit der Wüterey des Duc d'Alba in
den Niderlanden: uxor Maria van Tongern. Er hatte drey Brüder
/ davon zwey in der Flucht von Mastricht über die Maass geschwum-
men / da der Jüngere von ihnen ertrunken / der Eitere aber hatte
geheüerathet / von welchem auch ein Sohn und ein Sohns Sohn
bekannt worden / der dritte und jüngste Bruder Johannes hate
auch geheüerathet und ist anno 1647 zu Amsterdam ohne Kinder
gestorben." Von der Familie der Römer in Aachen verpflanzte
sich ein Zweig nach Stuttgart, ein anderer nach Zürich, das von
jeher eine Stütze des neuen Glaubens gewesen war. Die hier ein-
gewanderte Famihe Römer, welche hauptsächlich der Kaufmann-
schaft, namentlich dem Leinwandhandel oblag, erfreute sich
grossen Ansehens. Sie erhielt 1622 das Bürgerrecht und kam
auch in den Rat. Das ansehnliche Römerhaus im Bleicherweg
(Nr. 44) war längere Zeit im Besitze der Familie. Die Eltern
von Stadtpräsident Römer waren Melchior Römer, Kaufmann,
und Maria Magdalena Ulrich, die Schwester von Oberrichter Dr.
Ötadipräsideni
Nach Photographie von R. Ganz
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 213
Ulrich im Bericlithaus , eine sehr verständige, streng kirchhch
gesinnte Frau. Melchior Römer jun. ist geboren am 16. Juni 1831
in der Werdmühle; aber nicht hier, sondern in dem Haus zur
,,Trülle", gegenüber dem gewaltigen Rondell des Rennwegtores,
verbrachte er seine Jugend imd fast die ganze spätere Ivebenszeit.
Das Haus stand an einem sonnigen, kurzweiligen Platz. Es hatte
eine freie Aussicht nach Süden über den tiefhegenden Fröschen-
graben und das Glacis (beide jetzt in der Bahnhofstrasse aufge-
gangen) hinweg und zwischen dem Kratzturm und den hohen
Bäumen des Baugartens hindurch auf den See und das Alpen-
gebirge von Schwyz und Glarus. Auf der Ostseite senkte sich eine
steile Strasse nach der Werdmühle und der Scheune des I^ohn-
kutschers Dürr, nach der dortigen Säge und andern ,, Gewerben",
welche die Wasserkraft der ,, zahmen Sihl" benutzten, und durch
deren Wirrnis ein kundiger Fussgänger schliessHch beim alten
Schützenhaus vorbei in grossem Bogen den Weg nach dem Bahn-
hof der Nordbahn fand. Die „Trülle" schloss freundhche Zimmer
und grosse Kammern von puritanischer Einfachheit in sich, die
mit dem weiten, gegen das SihlwiesH und die zahme Sihl sich er-
streckenden Garten ein recht behagHches Wohnen gestatteten.
Vor der Haustüre fehlte nicht die steinerne Bank zum Ausruhen
am Feierabend. Nach Westen schlössen sich die Seidenhöfe an,
die an Alter und Einfachheit mit der „Trülle" wetteiferten; im
ganzen eine stille Gegend mit alt eingesessenen Bewohnern, die
auch alle imtereinander bekannt waren.
Römer besuchte von 1837 — ^^44 die allgemeine Stadtschule,
die auch für ihn den Grund legte zum Zusammengehen und Zu-
sammenleben der nach Erziehung, Bildung und sozialer Stellung
so verschiedenen Bevölkerimgsschichten unserer Stadt. Von 1844
bis 1851 durchlief er das kantonale Gymnasium und galt als
Musterschüler; dazu trug wohl hauptsächlich die mütterhche Er-
ziehung bei, die auf gute Ordnung in allen Dingen hielt. Nach
wohlbestandener Maturität bezog Römer die Universität Zürich
zum Studium der Rechte, das er von 1853 an in Berlin fortsetzte.
Das Doktorexamen bestand er 1855 in Zürich mit einem zivil-
rechthchen Thema und sprach in seiner Inauguralrede in glän-
zender Weise über ,,Die heilende Kraft der Zeit". Im Januar
1856 trat der neue juris utriusque doctor seine Auslandsreise an.
214 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
doch ^'er^veilte er zunächst einige Monate in Yverdon bei seinen
Verwandten, wo ihm das Französische geläufig wurde, und ging
dann im Juni nach Paris und im August nach London. Nach seiner
Heimkehr, 1857, brachte ihm die Wahl zum Adjunkten des Statt-
halteramtes Zürich die erste öffentliche Stellung. Seine Funktion
bestand in der Voruntersuchung von Polizei- und Straffällen, so-
wie im Vollzug der Straf urteile und der ,, Wortzeichen" (des Schuld-
verhafts gegenüber Schuldnern, die wegen Unvermögens oder aus
bösem Willen ihre Gläubiger nicht befriedigt hatten). Das Amt
machte ihn bekannt und trug ihm die Wahl zum ,, Wahlmann",
d. h. zum Mitglied der Bezirkswählerversammlung, des Wahl-
kollegiums für die zu jener Zeit meist indirekt erfolgenden Wahlen
ein. Bald fand seine Tätigkeit weitere Anerkennung bei seinen
Mitbürgern. Im September 1859 wählte ihn die Zunft zur Gerwe
zum Mitghed des Grossen Stadtrates und gab ihm damit zum
erstenmal Gelegenheit, sich näher mit den Fragen der städtischen
Verwaltung zu beschäftigen. Im nächsten Jahre folgte die Wahl
in die grössere Stadtschulpflege.
Zur Anbahnung und Durchführung von Reformen imd
Neuerungen in der bis dahin mit wenig Steuern (1861: 2,2 Pro-
mille des Vermögenskatasters) schhcht und recht verwalteten
Stadtgemeinde, die 1860 nicht mehr als 20,381 Einwohner auf
ihrem 187 Hektaren umfassenden Stadtgebiete zählte, bedurfte es
junger Männer mit Weltkenntnis und Unternehmungslust, und
bereits hatte die Behörde angefangen, sich zu verjüngern. Und da
der junge Statthalteradjunkt Römer in seinem schwierigen Amte
sich zu kehren so wohl verstanden hatte, wählte ihn die Bügerschaft
bei den Erneuerungswahlen des Jahres 1861 (10. Juni) zum Mit-
ghed des Stadtrates. Seine Kollegen übertrugen ihm das Polizei-
präsidium, nach welchem Amte zu keiner Zeit starke Nachfrage
sich bekundet hat, für dessen fachmännische und praktische Lei-
tung ihn aber seine juristischen Studien und vor allem das Amt,
von dem er herkam, voll befähigten. Mit dieser neuen Beamtung
und mit der bereits im Frühjahr 1862 erfolgenden Wahl zum Mit-
glied des Grossen Rates war Römers künftige lyebensaufgabe be-
stimmt. In ihrer Erfüllung bekundete er von Anfang an den
offenen und weiten Bück und die echt liberale Gesinnung, die ihn
auch pohtischen Gegnern sympathisch und achtungswert machten.
D. K. 1853
N^"-:^^
^aus „zur '^rüffe" am Tröscßengraben
o XXXVI. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT RÖMER 215
Um nur eine der politischen Streitfragen jener Tage hervorzuheben,
sei an die Judenemanzipation erinnert, für welche Dr. Römer
mit Alfred Escher und andern offen und unerschrocken eintrat.
In der obersten städtischen Behörde war nun mit Dr. Römer,
seinem Schulfreund und Jahrgänger Stadtrat Heinrich Landolt
(seit 1857 im Amt), Stadtschreiber Dr. Eugen Escher, Stadt-
ingenieur Arnold Bürkli und dem 1865 in den Stadtrat eintretenden
Oberst A. Vögeli-Bodmer ein Kreis von Männern gebildet, in dem
sich hauptsächlich die Entwicklung der Stadt in den sechziger
und siebziger Jahren verkörpern sollte.
Zu Anfang der sechziger Jahre zeigten unsere Strassen noch
recht das Bild der Universitätsstadt. Die bunten Mützen der
zahlreichen Korps, Landsmannschaften und Burschenschaften,
die sich aus Studierenden der Universität und auch aus Poly-
technikern rekrutierten, traten als interessante Staffage des Stadt-
bildes stark hervor und der Student mit seinem jugendhchen
Frohmut galt als ein Faktor, dessen Bedeutung für Zürichs gesell-
schafthches Leben jedermann vor Augen stand. Nun waren
gerade beim Amtsantritt Römers als Polizeipräsident Studenten
und Polizei wieder einmal gründlich aneinander geraten, und die
letztere wurde in ihrer kleinstädtischen Unbeholfenheit Gegenstand
des unbarmherzigsten studentischen Ulkes. Römer aber ver-
stand Spass, nahm den studentischen Übermut nicht für ein
Kapitalverbrechen, und wenn einmal bei der Heimkehr aus der
Kneipe das billige Mass nicht eingehalten wurde, schaffte ein
ernstes, aber freundliches, vom akademischen Bürger zu einem
ebensolchen gerichtetes Wort Ordnung. So viel Kleinigkeiten und
Kleinhchkeiten des täglichen Lebens der Vorsteher einer Stadt-
polizei zu kosten bekommt, so waren sie Römer doch nicht zu
gering; denn er sagte sich, dass sie im einzelnen Fall doch die
Beteihgten nahe berührten, die sich in ihren Gewohnheiten und
Gebräuchen nicht gern stören lassen, und dass viele Leute speziell
nach dem Auftreten der Polizei die ganze Stadtverwaltung als
gut oder schlecht beurteilen. Römer sorgte denn auch bald nach
seinem Amtsantritt für eine schmucke Uniformierung des Polizei-
korps, die im wesentlichen bis heute beibehalten wurde. Nach
Entlassung der Nachtwächter im Jahre 1865 wurde das Korps
verdoppelt und in verschiedenen Richtungen besser rekrutiert.
2i6 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
ausgebildet und höher gelöhnt. Mit demselben bestand Römer
während der Choleraepidemie des Jahres 1867 (in der Altstadt
217 Erkrankungen und 136 Todesfälle) durch furchtlose Tätigkeit
und Handreichung eine rechte Feuerprobe. Aber auch ohne diese
Leistung in ernster Zeit erw^arb sich Römer als Pohzeipräsident
die Achtung und Zuneigung der Bürgerschaft, denn ihm bheb seine
Hebenswürdige Art, mit dem PubUkum zu verkehren, auch in den
Verdriesshchkeiten des Amtes allezeit treu. Regen Anteil nahm
Römer als Vorsteher der Sanitätspolizei an der mit Anfang der
sechziger Jahre einsetzenden Periode der baulichen Entwicklung
der Stadt. In jenen Jahren (1865) trat er überdies in die engere
Stadtschulpflege ein. BegreifHcherweise passte auch das patri-
archaHsche Gewand der Stadtv^erwaltung nicht mehr zu den grossen
Ansprüchen der modernen Zeit. Und in der Tat führte die Auf-
hebung des kantonalen Gemeindegesetzes vom 20. Juni 1855 und
das neue Gesetz vom 25. August 1866 die Gleichstellung der
Niedergelassenen mit den Bürgern herbei, von denen die erstem
jedoch nur sehr langsam von der ihnen von Anfang an zustehen-
den Mehrheit in der Gemeindeversammlung Gebrauch machten.
Die neue Gemeindeordnung beschränkte die Zahl der Mitglieder
des Stadtrates von 9 auf 7, schaffte die Pohzeikommission ab
und verheh dem PoHzeipräsidenten eine grössere Kompetenz und
freiere Stellung. Im Jahre 1867 wählte der Stadtrat Römer zu
seinem Vizepräsidenten und designierte ihn damit, soviel an ihm
lag, der Bürgerschaft gegenüber als künftigen Stadtpräsidenten,
als welcher er denn auch nach dem Rücktritt des verdienten Stadt-
präsidenten Mousson am 22. August 1869 gewählt wurde.
Die Gemeindeordnung nahm in bewusster Absicht davon Um-
gang, dem Stadtpräsidenten eine Verwaltungsabteilung im engern
Sinne zuzuteilen, sondern sie übertrug ihm bloss die Leitung der
unter besondern Kollegien stehenden Dienstzweige des bürger-
hchen Armenw^esens, des Waisenhauses, des Pfrundhauses, sowie
der Stiftungen. Dadurch wurde einerseits dem Stadtpräsidenten
die nötige Zeit für das Studium allgemeiner Fragen reserviert und
ihm anderseits im Kollegium eine von vornherein bedeutende,
weil unabhängige Stellung eingeräumt, indem er nicht als Ab-
teilungsvorstand für seine Anträge einzustehen und zu kämpfen
und im Interesse ihres Erfolges solchen anderer Kollegen Rück-
90
o
tu
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 217
sichten zu tragen hatte. Römer verstand es denn auch meisterhch,
sich in das neue Amt einzuarbeiten und aus dessen bevorzugter
Stellung heraus die städtischen Geschäfte zu leiten. Er wurde
auch nie zum Bureaukraten, und wie er selbst stets in freund-
lichem Tone Audienzen erteilte, so legte er Wert darauf, dass man
überall in der Stadtverwaltung die lycute nicht ,, anschnauze",
sondern sich hilfsbereit erweise, und dass die Beamten stets sich
bewusst bleiben, dass sie des Publikums wegen da seien und nicht
das Publikum ihrethalben. Eine Aufgabe besonderer Art war
der Vorsitz in der Gemeindeversammlung, die zu Römers Zeit
teils in der Peterskirche, teils im grossen Saal der alten Tonhalle
abgehalten wurde. Seine helle Stimme und deutliche Diktion,
dazu die völhge Beherrschung der formalen Seite der Geschäfte
imponierte auch einer durch scharfe Gegensätze und lebhafte
Rede und Gegenrede erregten Gemeindeversammlung von vielen
hundert, ja tausend Köpfen. Dabei Hess der Stadtpräsident es
sich nicht nehmen, wenn ein harter Kampf stattgefunden hatte,
zum Schluss der Debatte ein offenes Wort an seine Mitbürger
zu richten, um die Anträge und das Vorgehen der Stadtbehörde
zu rechtfertigen; er war auch frei genug, begangene Irrtümer der
Behörde unumwunden anzuerkennen. Als MitgHed des Grossen
Rates hatte Römer die demokratische Bewegung des Jahres 1867
sich entwickeln sehen. Von Haus aus den konservativen Klreisen
nahestehend, war er selbst eine durchaus frei angelegte, jeder
Angstmeierei abgeneigte Persönhchkeit. Die Politik des ,, Sy-
stems" fand er zu starr und hielt deshalb in den Wogen der Re-
visionsbewegung anfangs eher zurück, hatte auch in Stadtrat
Schnurrenberger, den er als Vertreter der städtischen demokra-
tischen Partei in die Stadtbehörde gebracht hatte, persönHche
Beziehungen zur Revisionspartei. Römer wurde 1868 als Ver-
treter der hberalen Partei in den Verfassungsrat gewählt, der ihn
in die 35er Kommission zur Vorbereitung der Verfassungsrevision
delegierte, und 1869 trat er in den Kantonsrat ein, welcher ihn in
die wichtigste Kommission, die 21er Kommission für Revision
der Gesetzgebung wählte. Auch der Kommission für Revision
des Strafgesetzbuches gehörte er an.
Am 17. Januar 1869 hatte die über 850 Mann starke Gemeinde-
versammlung Beibehaltung der Jahresmessen beschlossen und den
2i8 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
damaligen Polizeipräsidenten Römer beauftragt, Vorschläge über
Bestellung und Instruktion einer grössern Einwohnerkommission
zu machen, deren Aufgabe es sein sollte, über zeitgemässe Um-
gestaltung der beiden Jahresmessen zu beraten. Das Resultat
dieser Beratungen war die einstweihge Fortdauer der Jahres-
messen, die erst mit Gemeindebeschluss vom lo. Februar 1878
gänzlich abgeschafft wurden. — Im Jahre 1870 galt es für die
städtische Abordnung, bei Beratung eines neuen Strassengesetzes
im Kantonsrat der Stadt die zur selbständigen Durchführung
der städtischen Strassenbauten nötige Freiheit zu sichern. — Am
eidgenössischen Schützenfest, welches am 13. Juh 1872 unter
Mitwirkung der Konstanzer Regimentsmusik eröffnet wurde, be-
grüsste Stadtpräsident Dr. Römer die Schützen und Gäste im
Namen der Stadt Zürich. Französische und deutsche Schützen
nahmen friedlich nebeneinander am Schiessen und an den Ban-
ketten teil. Der Festplatz befand sich an der Strasse nach Alt-
stetten, in der Nähe der beiden Friedhöfe, imd den Weg zur
Festhütte säumten Bildnisse bedeutender Männer aus den 22 Kan-
tonen ein.
Im Oktober 1872 wurde Römer zum MitgUed des Nationalrates
gewählt. Er war damit berufen, an der Beratung der Verfassungs-
revision von 1874 mitzuwirken, deren Annahme am 19. April jenes
Jahres er dann vom Erker des alten Stadthauses aus am folgenden
Tage, dem Sechseläuten, in begeisterten Worten der Bürgerschaft
verkündete. Zu diesem Akte hatten sich die Bürger Zürichs, die
Sänger voran, in hellen Scharen mit Zunftfahnen und Musik auf
dem Stadthausplatz eingefunden. Römer gehörte in Bern dem Zen-
trum an, das eine Reihe hervorragender Männer unter der Führung
Alfred Eschers zu seinen Mitgliedern zählte. Den Nationalrat präsi-
dierte Römer im Jahre 1878. Nach dem Tode von Bundesrat
Scherer im Frühjahr 1879 trat die Kandidatur Römers für den
Bundesrat in den Vordergrund. Da aber die damalige Zusammen-
setzung der obersten Bundesbehörde den Eintritt eines Militärs
wünschbar machte, wurde Regierungsrat Hertenstein gewählt. —
1873 folgte die Wahl Römers zum Präsidenten des Kantonsrates,
welche Stellung er noch zweimal, 1878 und 1886 einnahm. — Die
Bürgergemeinde beschloss am 2. März 1873 die Abschaffung der
besondern Waisenhauspfarrei.
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 219
Im Sihlliölzli wurde vom i. bis 3. August 1874 das eidge-
nössische Turnfest gefeiert. — Im Herbst des gleichen Jahres kam
die Gründung der Höhern Töchterschule zustande. Es war eigent-
lich ihre zweite Gründung. Als Stiftungsurkunde ist der Beschluss
vom 5. März 1774 anzusehen, durch welchen Bürgermeister und
Rat von Zürich den Chorherrn Leonhard Usteri ermächtigten, die
von Üim vorgeschlagene Höhere Töchterschule zu eröffnen. Sie
begann ihre Wirksamkeit am 22. April 1774 in der Wohnung der
ersten Lehrerin, Jungfer Susanna Gossweiler. 1793 wurde das Haus
zum ,,Napf" an der Napfgasse erworben, wo die Töchterschule
bis 1853 bHeb. Sie war 1803 von der Stadt übernommen und
durch Anfügung von Unterklassen erweitert worden. Bei der Re-
organisation des städtischen Schulwesens zu Anfang der Dreissiger-
jahre wurden die vier untern Klassen der städtischen Primar-
schule zugeteilt, die drei obern in eine Mädchensekundarschule
umgewandelt und bald noch durch Anfügung einer vierten (ober-
sten) Klasse ergänzt. Eine ,, Höhere Töchterschule" war das nun
allerdings nicht mehr, und sie bezog darum auch als gewöhnHche
,, Mädchenschule" am 7. August 1853 das neue Grossmünster-
schulhaus (Band I, 337). Zwanzig Jahre später trat das Bedürfnis
nach einer Höhern Töchterschule abermals und dringend hervor.
Es sollte nun aber eine wirkliche ,, Höhere Töchterschule" werden,
d. h. eine Mittelschule für die weibHche Jugend im Anschluss an
die Sekundärschule. Ihre Gründung wurde am 20. September
1874 durch die Schulgemeinde beschlossen und zu Ostern 1875
die Schule mit loi Schülerinnen eröffnet. Schon im folgenden
Jahre gesellten sich dazu die Seminarklassen, nachdem 1874 zum
erstenmal Lehrerinnen in der Volksschule des Kantons Zürich An-
stellung gefimden hatten. Die Abschaffung des Schulgeldes durch
die Gemeindeordnung vom i. Januari894 erleichterte den Besuch
der Schule auch den Unbemittelten, und die Aufhebung der
4. Sekundarklasse in der Altstadt führte den Fortbildungsklassen
eine grössere Schülerzahl zu. Es wurden besondere Handelsklassen
gegründet, und als der Zudrang von Seminaristinnen und Matu-
randinnen zu gross wurde, schritt man 1904 zur Errichtung einer
Gymnasialabteilung. Zum ersten Rektor der Höhern Töchter-
schule wurde im Jahr 1874 Ferdinand Zehnder, damals Prorektor
der Höhern Mädchenschule in Winterthur, gewählt (f 22. Sep-
220 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
tember 1885). Ihm folgten Pfarrer Weitbrecht von Waiblingen,
1892 Dr. Salomon Stadler, 1911 Dr. Wilhelm von Wj^ss. Die
Handelsschule wird von Rektor Schurter geleitet.
Im Jahre 1874 gelang es Stadtpräsident Römer, im Verein mit
Stadtschreiber Spyri, im Interesse der Erhaltung des Bürgerprin-
zips in unserm Gemeinwesen, dessen Bürgerschaft stationär bheb,
die unentgeltHche Einbürgerung von Schweizerbürgern nach zehn-
jähriger Niederlassung in der Wohngemeinde in das neue Gemeinde-
gesetz zu bringen, das vom Volk am 23. Juni 1875 angenommen
wurde. Für die Stadt Zürich mit Üiren zahlreichen, seit Dezennien
hier niedergelassenen FamiHen zürcherischer und schweizerischer
Gemeinden war diese Neuerung von imgewöhnHcher Bedeutimg.
Die erfreuten Neubürger hielten am i. April 1876 im grossen Saal
der Tonhalle eine Feier, bei welcher Stadtpräsident Römer eine
seiner prächtigen Reden hielt. — Am 30. Mai 1875 beschloss die
Stadtgemeinde ohne Opposition die sofortige Einführung der
Stimmurne für die städtischen Wahlen, ,,was uns", bemerkte die
,, Freitagszeitung", ,,ganz an die japanischen Daimios erinnert, die
sich den Bauch selber aufschUtzen, um der Hinrichtung zu ent-
gehen. Durch diesen Beschluss ist allerdings der Minoritätsherr-
schaft der Konserv^ativen zugunsten der Demokratisch-Liberalen
das Ende bereitet; wenn aber die Frucht erst einmal zeitig ist, so
fällt sie schliesslich in den Schoss der Demokratisch-Sozialen." Den
Beschluss der Kirchgemeinde Neumünster vom 13. Juni 1875, die
unentgeltHche Beerdigung einzuführen, bezeichnete die ,, Freitags-
zeitung" als reinen Kommunismus, der eine beträchtHche Steuer-
erhöhung für die Besitzenden zur Folge haben werde. — Es ist
selbstverständlich, dass Stadtpräsident Römer auch ein hochge-
schätzter Präsident seiner Zunft zur Gerv\-e und Schuhmachern war
(1871 — 1886), an den Sechseläutenfeiern sich als treffhcher Spre-
cher erwies imd mit Vergnügen die Besuche der Schwesterzünfte
empfing, die nicht zum mindesten seiner Person galten. Hier und
auch bei Anlässen im Famihenkreise floss ihm ein echt zürich-
deutscher Toast mühelos von den Lippen. Als treuer Solui der
Landeskirche und fleissiger Kirchgänger, dem die Religion Herzens-
bedürfnis war, imterliess er es nicht, die neuen Geistlichen der
städtischen Kirchgemeinden bei ihrem Einsatz in das Amt will-
kommen zu heissen. — Das Jahr 1874 brachte die Gründung des
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 221
Gewerbemuseums, dem Römer in den achtziger Jahren als Mit-
ghed und Präsident angehörte.
Im Sommer 1876 wurde das fünfzigjährige Jubiläum des
Sängervereins vom Zürichsee in der Tonhalle gefeiert; zum ersten-
mal zog eine Ferienkolonie von Pfarrer Bion in die Berge. — Wie
schon angedeutet, war dem Stadtpräsidenten die Leitung des
Armenwesens, des Pfrund- und Waisenhauses übertragen. Im
fernem beteiligte sich Römer mit Freuden an der Gründung des
freiwilligen Armenvereins (1874 — 1878), den der ihm nahestehende
Antistes Dr. Finsler ins Leben rief. Mit besonderer Liebe widmete
er sich aber dem Waisenhaus, das er stets als ,, Augapfel Zürichs"
pries. Es war Römers Verdienst, dass der ihm bekannte da-
mahge Pfarrer Moritz Hofer in Sumiswald (geb. 27. Juli 1849,
1 12. April 1906) vom Stadtrat am 7. März 1882 zum Waisenvater
berufen wurde. Bei der Einführung Hofers in sein Amt am 7. Mai
1882 sprach Stadtpräsident Römer : ,,Wir übergeben Ihnen die Perle
unserer bürgerlichen Stiftungen, den Augapfel unserer Bürger-
schaft, unser Waisenhaus". Waisenvater Hof er hat sich in seiner
Stellung die Dankbarkeit und Anerkennung Zürichs in hohem
Grade erworben. Der Stadtrat schenkte ihm schon 1885 das
Bürgerrecht und schickte ihm am Neujahrsmorgen 1886 den
Bürgerbrief durch den Weibel ins Haus.
In Hinsicht auf die Organisation der Stadtverwaltung gab
das Gemeindegesetz von 1875 Anlass zu der neuen Gemeinde-
ordnung vom 26. April 1877, welche die Verschmelzung der Schul-
gemeinde mit der politischen Gemeinde — unter Beibehaltung des
DuaHsmus von Stadtrat und Schulpflege — statuierte; als Schul-
präsident wurde am 13. Mai 1877 ^^^ ^^74 erstmals gewählte alt
Pfarrer Paul Hirzel beim Prediger bestätigt. — Zum erstenmal
erhielten 1877 die Stadtbürger keinen Bürgernutzen mehr. — Mitte
Juh 1880 wurde in der Tonhalle und einer dabei errichteten Fest-
hütte das eidgenössische Sängerfest gefeiert; ein Festmarsch von
Attenhofer leitete die Eröffnung ein. Die eidgenössische Sänger-
fahne wurde am Schluss in die Wohnung des Stadtpräsidenten
gebracht. Eine Nachfeier hielten dann die Sängervereine ,, Har-
monie" und ,, Männerchor" am 2. Oktober. ,,Als Denkmal des
herzhchen Einvernehmens der beiden in edelster Weise rivaUsieren-
den Vereine wurde eine gegenseitige Ehrenmitgliedschaft derselben
222 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
errichtet und überdies die beiden Festpräsidenten, Regierungs-
präsident Zollinger und Stadtpräsident Römer, zu Ehrenmitgliedern
beider Vereine ernannt.
Das eidgenössische Polytechnikum feierte am 31. Juli 1880
sein 253 ähriges Jubiläum, für welchen Anlass man die Sängerfest-
hütte bei der Tonhalle noch hatte stehen lassen. Der Festakt am
Vormittag fand im Börsensaal statt. Es sprachen Schulratspräsi-
dent Kappeier, Bundesrat Anderwert und Prof. Rambert. Am
Bankett in der Tonhalle hörte man Toaste von Nationalrats-
präsident Ruchonnet, Regierungspräsident Stössel und Stadtpräsi-
dent Römer. Der Generalversammlung der Gesellschaft ehemahger
Polytechniker am Sonntag den i. August folgte wiederum ein Ban-
kett in der Tonlialle und eine Rundfahrt auf dem See. Einen leich-
ten Schatten hatte auf die Feier der Volksentscheid vom 30. No-
vember 1879 geworfen, durch welchen die Abmachungen mit dem
Bund über die weitere BaupfHcht Zürichs gegenüber dem Poly-
technikum verw^orfen worden waren. — Im Dezember 1880 wurde
der 80. Geburtstag des berühmten Altertumsforschers und Grün-
ders der Antiquarischen Gesellschaft, Dr. Ferdinand Keller, ge-
feiert, zu dessen Ehren Professor Salomon VögeUn eine Festschrift
„Aus der Familie Keller vom Steinbock" herausgab. Der Jubilar
überlebte den Ehrentag nicht mehr lange ; er starb am 21. Juli 188 1.
Das Präsidium der Antiquarischen Gesellschaft hatte er aber schon
im Jahr 1871 an den damals erst 28] ährigen Sekretär der Gesell-
schaft, Professor Dr. Gerold Meyer von Knonau, Ordinarius für
Allgemeine Geschichte an der Universität, abgetreten. Geboren
am 5. August 1843, gehört Prof. Meyer von Knonau schon seit 1866
dem Lehrkörper der Universität an und leitet seit nunmehr 44 Jah-
ren die ihm so sehr am Herzen liegende Antiquarische Gesellschaft.
Unter den Werken von Prof. Meyer von Knonau sind an erster
Stelle zu nennen die Jahrbücher des Deutschen Reichs unter
Heinrich IV. und Heinrich V., die St. Gallischen Geschichts-
quellen, die Biographie von Georg von Wyss, die historischen Vor-
träge und Aufsätze ,,aus mittleren und neueren Jahrhunderten",
nicht zu reden von der überaus grossen Zahl kleinerer Schriften.
Eine monumentale ,, Festgabe" mit reichen wissenschaftlichen Bei-
trägen ist zu seinem 70. Geburtstag 1913 erschienen; die Gesell-
schaft der ,, Schildner zum Schneggen" besitzt seit langen Jahren
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 223
in Prof. Meyer von Knonau ihren verehrten Obmann. x\m 20. Ok-
tober 1900 feierten Prof. Dr. Meyer von Knonau und Prof. Dr.
J. R. Rahn das 30jährige Doppeljubiläum ihrer Ernennung zu
Professoren an der Hochschule. In den nahe verwandten und
vielfach ineinander übergreifenden Gebieten der Geschichte und
der Kunstgeschichte haben die eng verbundenen Freunde eine
reiche wissenschaftliche und lehrende Tätigkeit entwickelt. Joh.
Rudolf Rahn (geb. 24. April 1841, f 28. April 1912) ist auch neben
seiner Berufsarbeit als Mitglied gelehrter Gesellschaften und als
Privatmann eifrig für vaterländische Bestrebungen und Unter-
nehmungen, besonders auf künstlerischem Felde, tätig gewesen.
Von seiner feinen Künstlerhand zeugen die 1911 bei seinem 70. Ge-
burtstag von Freunden und Verehrern herausgegebenen ,, Skizzen
und Studien" aus seinen Zeichnungsmappen.
Anfangs Juli 1882 wurde in Zürich das Allgemeine deutsche
Musikfest gefeiert ; es galt in erster Linie dem berühmten Kompo-
nisten Franz Liszt, den der Stadtpräsident am Bahnhof begrüsste.
— Die Hochschule Zürich beging am 2. und 3. August 1883 ihre
Halbjahrhundertfeier, die in der Festschrift von Professor Georg
von Wyss ihr bleibendes Denkmal erhielt. Eine ganze Menge be-
rühmter Professoren, die früher in Zürich gewirkt, waren als Ehren-
gäste an der Feier erschienen, so Gusserow, Dernburg, Wislizenus,
Moleschott u. a. Alle schweizerischen und die meisten deutschen
imd österreichischen Universitäten waren durch Deputationen ver-
treten. Am Morgen des ersten Festtages bewegte sich der feierHche
Zug vom Polytechnikum herab durch die mit Fahnen geschmückten
Strassen zum Grossmünster, das der Wohlklang der Attenhofer-
schen Kantate erfüllte; den viel zitierten Text dazu hatte Gott-
fried Keller gedichtet:
Kein fürstlicher Reichtum,
Kein Erbe der Väter
Erhält uns die Schule;
Auf schwankem Gesetze
Sie steht in den Äther
Des tägUchen Willens,
Des täglichen Opfers
Des Volkes gebaut!
Der Festrede von Rektor Prof. Steiner folgten die üblichen
Ehrendoktor-Ernennungen. Nachmittags fand im Rathaussaal die
224 XXXVI. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
offizielle Begrüssung durch Erziehungsdirektor Grob imd Stadt-
präsident Römer statt. Alt Oberrichter Escher überreichte als Er-
trag einer Sammlung von Freunden der Hochschule eine Gabe von
50,000 Fr. zirr Aufbesserung der Lehrergehalte, Prof. Kesselring
8000 Fr. als Kollekte von ehemaligen schweizerischen Studierenden
der Hochschule für bedürftige Studenten. Das glänzende Fest-
mahl in der Tonhalle würzte eine Menge von Toasten. Am zweiten
Festtag fuhr man nach der Ufenau und abends hielten die Studen-
ten einen Fackelzug ab. — Die nächste grössere Feier — am
6. Januar 1884 — galt dem 400jährigen Geburtstag Ulrich Zwingiis,
die mit allgemeinem Glockengeläute um 7 Uhr eingeleitet und durch
einen Festgottesdienst geweiht wurde; die Kirchensteuer fiel dem
Zwinglidenkmal zu. Um halb 11 Uhr spielte die Stadtmusik ,,Con-
cordia" auf der Münsterterrasse einige Choräle. Abends 6 Uhr be-
gann in der Tonhalle die allgemeine Feier mit Reden von Prof.
Meyer von Knonau und Antistes Finsler. Der Gemischte Chor sang
drei von Zwingli gedichtete und komponierte Lieder. Eine aka-
demische ZwingHfeier schloss sich am 7. Januar an, wobei Prof.
Alexander Schweizer die Festrede hielt. Ein Festkommers wurde
im kleinen Tonhallesaal abgehalten imd eine ZwingH-Ausstellung
im Linthescher- Schulhaus war vom 4. — 8. Januar dem Publikum
geöffnet. (Der ZwingH-Denkmalfeier am 25. August 1885 haben
wir im 33. Kapitel gedacht.)
Nach dem Tode Bernliard Spyris im Dezember 1884 wurde
das Amt des Stadtschreibers der Stadt Zürich in die Hände von
Dr. jur. Paul Usteri gelegt, der ihm vom 13. Januar 1885 bis
21. August 1892 seine Kräfte tmd Talente widmete. — In das Jahr
1886 fiel das 25jährige Jubiläum Dr. Melchior Römers als Mitglied
des Stadtrates. Eine Deputation des letztern brachte dem an der
Junisession der Bundesversammlung in Bern weüenden Jubüar
die ihm vom Grossen Stadtrat verHehene goldene Verdienst-
medaille imd eine Glückwunschadresse seiner Kollegen. Leider
folgte sehr bald nach diesem Jubüäum ein schmerzlicher Zu-
sammenbruch; doch hat sich Römer von der schweren Erschütte-
rung seiner Gesundheit zum guten Teil wieder erholt. — In diesem
Jahre 1886 hat sich nach hartem Kampfe die von England herüber-
gekommene Heilsarmee, die heute in den allerbesten Beziehungen
zu den Behörden lebt und für ihre Sozialwerke von der Stadt eine
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 225
jährliche Subvention von 3500 Fr. erhält, ihren Platz in Zürich
erobert. Die abenteuerlichsten Gerüchte waren Üir vorangegangen
und im Jahr 1883 schon wurde unwahrerweise von Extrasitzungen
des Regierungsrats zur Abwehr dieses „Schwindels" berichtet.
Von ilirem Auftauchen in SchHeren, Rapperswil, Uster im Jahr
1885 las man ungefähr mit den nämlichen Gefühlen wie vom Auf-
treten der Phylloxera. An der Spitze des Korps zur Eroberung
der Hauptstadt stand der preussische „Stabshauptmann" Schaaff,
der mit grosser Zähigkeit und Energie die Glaubens- und Ge-
wissensfreiheit auch für die Heilsarmee durch alle Instanzen er-
stritt. Am 28. Juni 1885 wurde von der Heilsarmee der „Grünen-
hof" in Hottingen (Ecke Bergstrasse- Jupiterstrasse, jetzt von Ita-
lienern bewohnt) gemietet. Die Versammlungen gaben bald zu
Störungen und Skandalen aller Art Anlass. Der Statthalter büsste
den Versammlungsleiter, weil er nicht im Besitz eines ,, Patentes
für Schaustellungen" sei. Schaaff rekurrierte an das Bezirksgericht,
das die Busse aufhob. Der Staatsanwalt appellierte ans Oberge-
richt, zog dann aber wegen eines inzwischen gefällten bundesge-
richtHchen Entscheides zugunsten der Heilsarmee die Appellation
wieder zurück. Andrerseits hatte Schaaff einige Störer der Ver-
sammlungen verzeigt, die vom Bezirksgericht und Obergericht ver-
urteilt wurden. Die Versammlungen im ,, Grünenhof" wurden poli-
zeiHch verboten und ein Rekurs gegen dieses Verbot vom Regie-
rungsrat abgewiesen, worauf Schaaff den Rekurs ans Bundesgericht
weiter zog und die Versammlungen trotz Verbot fortsetzte. Die
Besucher dieser Versammlung wurden „wegen Ungehorsams gegen
amtHche Verfügungen" angeklagt, aber vom Bezirksgericht frei-
gesprochen. Vom Bundesgericht wurde am 20. Februar 1886 der
Rekurs Schaaff s gutgeheissen und nur für Kinder unter 16 Jahren
der Versammlungsbesuch verboten. Die Bevölkerung verhielt sich
noch längere Zeit feindhch gegen die ,,neue Mode" und las mit
Schmunzeln eine öffentHche Erklärung des Spritzenkorps Neu-
münster, das sich gegen die Beschuldigung verwahrte, absichtlich
drei Heilsarmee-Offiziere gespritzt zu haben. Ein Heilsarmee-
lokal in Aussersihl wurde demoUert und im Jahre 1887 verbot die
Regierung öffentliche Heilsarmee-Umzüge. Mit ihrer segensreichen
Tätigkeit auf sozialem Gebiet hat dann die Heilsarmee einen gänz-
lichen Umschwung der öffentHchen Meinung herbeigeführt. Seinen
15
226 XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER o
ersten Besuch in Zürich, im Kasino Hottingen, machte General
Booth, der Gründer der Heilsarmee, am 7. und 8. Mai 1888. — Im
Oktober 1888 starben rasch nacheinander drei Männer von ver-
schiedener Stellung und weit bekanntem Namen: am 17. Prof.
Salomon VögeHn, am 20. Schulratspräsident Kappeier und am
23. alt Stadtrat Schnurre uberger. — Am 7. März 1889 rasselte
wieder einmal der Generalmarsch für ein Truppenaufgebot nach
dem stets unruliigen Tessin.
Die letzten Amtsjahre des Stadtpräsidenten Dr. Römer waren
vielfach von unbefriedigenden Gesundheitsverhältnissen getrübt.
Er hielt so lange als möglich Stand, doch war er zu seinem Schmerze
schliesslich zum Rücktritt von allen seinen Ämtern auf den 30. März
1889 gezwungen. Nach schweren Leidensj ahren folgte am 2. April
1895 die Auflösung. Am 5. April fand die feierHche Beerdigung
statt, bei welcher Antistes Finsler im Fraumünster den Verstorbe-
nen als Staatsmann, FamiHenvater und Freund der zahlreichen
Trauerversammlung schilderte und Stadtpräsident Pestalozzi die
hohen Verdienste Römers um die Stadt Zürich und ihre Verwal-
tung hervorhob. ,,Bis in seine letzten Tage," fügte der Redner bei,
,, verfolgte er mit Aufmerksamkeit die äussere Entwicklung seiner
geUebten Vaterstadt. Als er nicht mehr gehen konnte, Hess er sich
im Wagen nach den Punkten hinführen, von wo er sie überblicken
konnte. Nun haben sich die treuen Augen für immer geschlossen.
Aber seine Werke folgen Üim nach. Der letzte Stadtpräsident des
alten Zürich wird auch beim neuen Zürich stets in dankbarem An-
denken bleiben." Dann ging's hinauf zum Friedhof auf der Hohen
Promenade, wo bei den Strahlen der sinkenden Abendsonne die
sterbüche Hülle des Stadtpräsidenten der Erde übergeben wurde.
,, Römer war vor allem" — so sagt Ständerat Usteri am Schluss
seiner anziehenden Biographie des Verewigten — ,,eine aufrichtige,
wohlwollende Natur, bestrebt, dem Wahren zu helfen, dem Un-
recht zu wehren, das Gute zu fördern. In seinem Auftreten hielt
er durch ein feines und gemessenes Benehmen eine magistrale
Würde inne, die aber die Vertraulichkeit im Umgange keineswegs
fernhielt. Der Stolz des begüterten Stadtzürchers aus aristo-
kratischer Familie lag seinem Wesen völlig fern, ebenso fern wie
der Glaube an die gute alte Zeit. Seine Freundlichkeit im Umgang
und seine elegante Beredsamkeit schaffte ihm in allen Schichten
o XXXVI. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT RÖMER 227
der Bevölkerung Freunde und Anhänger. Römer hielt in politi-
schen Kämpfen Mass; denn er vergass nicht, dass die streitenden
Brüder nach der Entscheidung wieder zu gemeinsamer Arbeit
berufen seien und dass seine Stellung dann gerade ihm die Auf-
gabe zuweise, in der Hitze des politischen Kampfes gerissene Fäden
wieder neu zu knüpfen. Die Intrigue lag ihm fern. Seinen Ver-
kehr durfte auch ein anderer kennen. ,Ich habe keine Geheim-
nisse,' sagte er, und ermächtigte den Stadtschreiber, die an seine
persönliche Adresse geschriebenen Briefe zu öffnen und zu durch-
gehen. Zweimal kam er bei Wahlen in Konkurrenz mit vStadt-
schreiber Bernhard Spyri, das erste Mal 1859 bei der Wahl des
Rechtskonsulenten und 1868 bei der Wahl des Stadtschreibers,
und beide Mal unterlag er gegenüber Spyri trotz seiner ernstlichen
Bewerbung. Gleichwohl war das Verhältnis zwischen beiden stets
ein ungetrübtes, ja ein freundschaftliches. 1881 — 1883 Hess Römer
neben dem väterlichen Haus zur Trülle an der Bahnhofstrasse
von seinem Vetter, C. C. Ulrich, Stadtrat und Bauherr, einem
künstlerisch veranlagten und auch sonst vielfach talentierten
Manne, ein Wohnhaus im Stil moderner Renaissance erbauen, das
eine Stätte freier und edler Gastlichkeit wurde. Und im Ess-
zimmer malte in seinem Auftrag der alte Freund Stückelberg al
fresco die Szene aus Gottfried Kellers Hadlaub, da Fides auf der
Burg Manegg dem Sänger den Kranz in die Locken drückt, eine
treffliche, wirkungsvolle Komposition, zugleich eine Ovation an
den grossen Zürcher Dichter, der unserer Vaterstadt in dem präch-
tigen Novellenkranz der altern und neuern Geschichte durch eine
glänzende Reihe lebenswahrer und duftiger Gestalten ein unver-
gleichliches Denkmal gewidmet hat."
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SEBENUNDDREISSIGSTES KAPITEL
DIE STADTVEREINIGUNG
ZU Beginn und am Scliluss der Stadtpräsidentschaft von Dr.
Melchior Römer stand auf der Tagesordnung die Frage der
Stadtvereinigung. Noch haben wir nicht die nötige Distanz ge-
wonnen, noch stehen wir zu nahe am Fuss des von uns über-
stiegenen Berges, um rückschauend beurteilen zu können, wie er
sich in die Kette der übrigen Höhen und Tiefen der städtischen
Geschichte einreiht, welche Stellung und Bedeutung ihm in dem'
Gesamtbilde Zürichs in den letzten hundert Jahren zukommt.
Aber nach dem Urteil derjenigen, welche unter dem Zwang
einer historischen Notwendigkeit die Stadtvereinigung in Angriff
genommen und durchgeführt haben, hat seit 1798 kein Ereignis
tiefer in die Geschichte der Stadt Zürich eingegriffen, nachhaltiger
auf ihre Entwicklung eingewirkt, und es gewinnt nicht den An-
schein, als ob mit dem zunehmenden zeitlichen Abstand dieser
Eindruck mehr und mehr schwinden müsste; im Gegenteil! Aus
der Ferne gesehen, wächst dieser Berg zu immer mächtigerer
Höhe, imd andere Gipfel, die zuvor den ersten Rang behaupteten,
treten hinter ihm zurück.
Der geniale Bluntschli war der erste, welcher — in den dreis-
siger Jahren — den Gedanken an die Stadtvereinigung zur öffent-
lichen Diskussion stellte. Wie viel leichter wäre sie damals durch-
zuführen gewesen, mit wie viel geringern Opfern! Aber schliess-
lich hatte auch die schöpferische Kraft der Regenerationszeit ihre
Grenzen, und die Stadtvereinigung blieb liegen. Ende 1860 trat,
wie wir gesehen haben, Dr. med. Emanuel Hauser in Aussersihl
mit einem Vereinigungsprojekt auf den Plan. Hauser (geb. 1816,
t 25. Januar 1907 in St. Gallen), der noch unter Hans Georg
NägeH AktivmitgHed des Sängervereins Zürich gewesen, hat sich
lebenslang einen idealen Sinn bewahrt und für das Gemeinwesen,
in dem er wirkte, seine besten Kräfte eingesetzt. Im Namen
imd Auftrag einer grössern Anzahl von Bürgern Aussersihls trat
^3
§
•i
I
I
a
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 229
er am 12. Januar 1861 an den Stadtrat Zürich heran mit dem
Begehren um völlige Verschmelzung der Gemeinde Aussersihl
mit der Stadt Zürich. Weil aber diese Petition von der Gemeinde-
behörde von Aussersihl nicht offiziell unterstützt wurde, fand sie
beim Stadtrat Zürich kein Gehör. Die ablehnende Haltung des
letztern hatte noch eine Reihe anderer Gründe: Die starke In-
anspruchnahme der Stadt durch die eben unternommenen grossen
bauHchen Aufgaben, die befürchtete Steuererhöhung, der rein
landwirtschaftüche Charakter des äussern Aussersihl usw. Auch
glaubte man nicht, dass der Grosse Rat einer Verschmelzung zu-
stimmen werde. Zu wenig verblasst war noch die Erinnerung an
frühere städtische Privilegien, zu lebendig dafür der Antagonismus
von Zürich und Winterthur, als dass eine glatte Zustimmung zu
einer solchen Gebietserweiterung der Stadt hätte erhofft werden
dürfen. Die Verhältnisse drängten jedoch mit Macht auf ein
wenigstens teilweises Zusammenarbeiten der Behörden von Zürich
und den angrenzenden Gemeinden. Auf dem Vertragswege wurde
am 18. Juni 1864 eine ,, Gemeindekommission der Stadt Zürich
und Ausgemeinden" gegründet, von welcher sich jedoch die Ge-
meinde Enge noch jahrelang fern hielt. Stadtrat Römer wurde
Präsident der Polizeisektion dieser Kommission. Die Institution
hat manches Gute gewirkt und hie und da auch die Bildung
spezieller Verbände zur Erstellung öffentHcher Einrichtungen er-
leichtert. Allein es fehlten ihr alle Kompetenzen zu eigenen und
durchgreifenden Massnahmen. Wie in der alten Eidgenossenschaft
die Gesandten der Stände immer erst heimzuberichten hatten
und von den Kantonen dann die einen wollten, die andern nicht,
so dass etwas Neues und Erspriessliches bestenfalls auf dem Kon-
kordatsweg zu erreichen war, so war es auch mit dieser ,, zürche-
rischen Tagsatzung", wie Römer die Gemeindekommission titu-
lierte. Erst das Gemeindegesetz vom 27. Juni 1875, welches
Gemeindeverbände für spezielle Aufgaben gestattete, schuf die
rechtliche Basis für die Konzentration öffentlicher Einrichtungen
und damit auch für die ,, Gemeindekommission" in Zürich, ohne
dass jedoch damit Reibungen und Anstände aller Art verschwun-
den wären. Praktische Bedürfnisse hatten längst vorher die Ge-
meinden Riesbach, Hottingen und Hirslanden zu einem engern
Verbände unter sich veranlasst zum Behuf gemeinsamer Besorgung
230 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
des Strassenunterhalts und gewisser weiterer Verwaltungszweige.
Als aber auf Grund eines ziemlich allgemein lautenden Vertrags-
artikels im Jahre 1873 die „Zentralkommission Neumünster" eine
Subventionsübemahme für die rechtsufrige Zürichseebahn ver-
anlasste, wurden die dahin zielenden Beschlüsse vom Regierungsrat
wegen Überschreitung der Kompetenz aufgehoben. Eine wichtige
Einigung fand statt in den Jahren 1872 und 1873 mit Bezug auf
die Erweiterung des zürcherischen Waffenplatzes. Hier einigten
sich nämlich die Stadt Zürich, die neun angrenzenden Ausgemein-
den und Wolhshofen dem Kanton gegenüber auf die Verpfhchtung,
die Wollishofer Allmend auf ihre Kosten zu erweitern, wenn der
Kanton ohne Verzug eine neue Kaserne in Aussersihl erbaue.
Die Übereinkunft kam zustande, und es trat in ihr zum erstenmal
die Stadt Zürich mit sämtlichen Ausgemeinden (ausser Wip-
kingen) als ein Ganzes in Aktion. In dasselbe Kapitel gehört die
Bildung der Quai-Kommission durch die Gemeinden Zürich,
Riesbach und Enge. Bei der Anlage ihrer Kanalisation und Wasser-
versorgung zog die Stadt von Anfang an auch das Gebiet der
Ausgemeinden mit in Berechnung und schloss dann in der Folge
Verträge mit den letztem für beide Unternehmungen. In diesem
Zusammenhang könnte auch noch die in spätere Jahre fallende
gemeinsame Errichtung des Katasterbureau, des Gewerbemuseums
und der Strassenbahn und der Anschluss an die Gasversorgung
genannt werden. ,,So kam es, dass es zuerst der Techniker war,
der die Einheit der zürcherischen Gemeinden in den Gemeinde-
einrichtungen zur Wahrheit machte, während die politischen
Formen die alten blieben und desgleichen die wirtschaftlichen
Grundlagen in den Gemeinden."
Unter den ersten Pionieren der Stadtvereinigtmg ist Dr. jur.
Conrad Escher-Ziegler in Enge zu nennen. Er ist geboren am
27. Juli 1833 in dem alten Patrizierhaus ,,zum Brunnen", zwischen
Bahnhofstrasse und Peterskirche, das jetzt dem Neubau der Bank
Leu & Co. weichen musste. Nach Absolvierung der städtischen
Unter- und Mittelschulen studierte Escher die Rechte an den Uni-
versitäten Zürich, Leipzig und Göttingen und promovierte am
letztern Orte. Er unternahm nun einige Reisen und trat dann 1860
als Sekretär des neu gegründeten Baukollegiums in den städtischen
Dienst ein. Dem Stadtrat, zu dessen MitgHed er 1863 gewählt
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 231
wurde, gehörte er nur kurze Zeit an, da er schon 1866 nach Enge
übersiedelte. Dafür wirkte er dann von 1866 — 1872 als Mitglied
und zeitweise als Präsident des Bezirksgerichts Zürich. Die Ge-
meinde Enge verdankt ilim u. a. eine sehr tatkräftige und opfer-
freudige Förderung ihres Kirchenbaues. Im Militär avancierte er
bis zum Oberstleutnant. Seit 1867 und bis zum Jahr 1911 gehörte
Dr. Escher dem Kantonsrat an, dessen Präsidium er 1883/84 inne
hatte. Im Grossen Stadtrate (1892 — 1911) zählte er zu den ein-
flussreichsten Mitghedern. I^ange Jahre war er auch Mitglied des
Bankrates der Kantonalbank und drei Jahre hindurch dessen Präsi-
dent. Ganz besondere Verdienste erwarb sich Dr. Conrad Escher
als Mitglied und Präsident des Konvents der StadtbibHothek.
Der zweite hervorragende Vorkämpfer der Stadtvereinigung
aus der Altstadt ist Stadtschreiber Dr. jur. Paul Usteri, dessen
Name an den berühmten Staatsmann der Regenerationszeit, seinen
Urgrossvater, erinnert. Paul Usteri ist geboren am 12. August 1853
in Zürich. Er durchlief die öff entheben Schulen der Vaterstadt,
absolvierte das Gymnasium und studierte dann die Rechte an den
Universitäten Lausanne, München, Zürich und Berhn, worauf er
1877 in Zürich promovierte. 1878 wurde Usteri zum Gerichts-
schreiber des Bezirks Meilen gewählt. Die selbständige imd im-
abhängige Tätigkeit in einem Kreis einsichtiger und erfahrener
Männer, als einziger ständiger Gerichtsbeamter des Bezirks, dessen
politische und kulturelle Verhältnisse sich noch überbhcken Hessen,
sagte Usteri so sehr zu, dass er 1881 eine Kandidatur für das Ober-
gericht — allerdings auch mit Rücksicht auf den hochbetagten
Gerichtspräsidenten — ablehnte. Nach wenigen Jahren aber ver-
schaffte ihm die Wahl zum Stadtschreiber eine neue einflussreiche
Stellung, die er namentUch als Mitglied wichtiger städtischer Kom-
missionen, wie als Mittelsmann zwischen Stadtrat und Grossem
Stadtrat, welch letzterem er zugleich als Sekretär angehörte, zur
Geltung bringen konnte. Von hervorragender Bedeutung wurde
die Wirksamkeit Usteris bei den Vorarbeiten für die Stadtvereini-
gung. Die wichtigen Weisungen des Stadtrates vom 31. Juh 1889
imd 25. Januar 1890, sowie die Eingabe an die kantonsrätHche
Kommission vom 14. Juni 1890 sind in der Hauptsache sein Werk.
Die Wahl Usteris zum Mitglied des Kantonsrates im September
1899 gestattete ihm, neben der XXIer Kommission, der er nicht
232 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
angehörte, einen gewichtigen Einfluss auf die Gestaltung des neuen
Gemeinwesens auszuüben. Yon Bedeutung war dann auch wieder
seine Mitwirkung bei Beratung des neuen Baugesetzes 1893. Präsi-
dent des Kantonsrates war er 1897. Wegen der Vorarbeiten für
die Gründung der Schweizerischen Nationalbank trat er 1906 aus
dem Kantonsrat zurück.
Nach Annahme des Zuteilungsgesetzes wurde Usteri Präsident
und Referent der XXIer Kommission der Abgeordnetenversamm-
lung für die neue Gemeindeordnung. Am 9. August zum MitgHed
des Stadtrates gewählt, übernahm er die Leitung des Bauwesens
und brachte u. a. die periodischen Konferenzen der bei baiüichen
Fragen beteiHgten Chefs der verschiedenen Dienstabteilungen zu-
wege, in der Absicht, die Einheit und Zusammenarbeit derselben
zu sichern. Auf seine Initiative zurückzuführen ist auch die neue
Geschäftsverteilung der Mitgheder des Stadtrates mit der haupt-
sächHchsten Neuerung der Zweiteilung des Bauwesens, wie sie
jetzt besteht. Im Jahre 1896 folgte Usteri einem Ruf in die Direk-
tion der Schweizerischen Lebensversichertmgs- und Rentenanstalt,
die er mit dem 31. Dezember 1912 wieder verliess, um die Leitung
der Organisationsarbeiten der ,, Schweizerischen Unfallversiche-
rimgsanstalt in Luzern" zu übernehmen. Am Tage der Verwerfung
der lex Forrer, der ersten Kranken- und Unfallversicherungsvor-
lage (20. Mai 1900) wurde Dr. Paul Usteri an Stelle des verstorbe-
nen Othmar Blumer zum Ständerat gewählt. Er wirkte dort
namentlich auf folgenden Gebieten: Einrichtung und Leitung der
ständigen Kommission für die Bundesbahnen; Reglement der neu
geschaffenen Finanzdelegation und Mitglied derselben; Anleihens-
angelegenheiten, Nationalbank, Zivilgesetzbuch, ObHgationenrecht,
Kranken- imd Unfallversicherung, Militärversicherung, Zolltarif,
Militärorganisation, Verwaltungsgericht. 1909/1910 war Usteri
Präsident des Ständerates und nahm als solcher am Empfang des
Präsidenten der französischen Repubhk teil. Bei dieser und andern
Gelegenheiten kam er in Berührung mit diplomatischen Kreisen
und war auch 1908 Delegierter des Bundesrates beim Mehlzollkon-
fhkt. Im Jahre 1906 wurde Usteri zum Vizepräsidenten des Bank-
rates der Schweizerischen Nationalbank und zum Präsidenten des
Komitees der Zürcher Zweiganstalt gewählt und nahm an den weit-
schichtigen organisatorischen Arbeiten der Bank und ihrer Zweig-
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 233
anstalten sowie an ihrem Ausbau und ihrer Verv\^altung Anteil. Im
Jahre 191 2 erfolgte die Wahl Usteris zum Präsidenten des Ver-
waltungsrats der ,, Schweizerischen Unfallversicherungsanstalt in
Luzern", die völlig neu zu organisieren ist in personeller, ver-
sicherungstechnischer und baulicher Hinsicht. Sie wird nach ihrer
Eröffnung, die auf den i. Januar 1917 in Aussicht genommen ist,
vermutlich einen Versicherungsbestand von 600,000 Personen und
einen Umsatz in einfacher Aufrechnung von rund 30 Millionen Fr.
aufweisen. Seiner mihtärischen PfHcht genügte Usteri in den
Jahren 1875 — 1894. Er quittierte den Dienst im Jahre 1896 mit
dem Grad des Oberstleutnants als Kommandant des 22. Infanterie-
Regiments.
Es hat nun im Jahre 1874 Dr. Conrad Escher — um hier den
Faden der Vereinigungsgeschichte wieder aufzunehmen — in einer
Artikelserie der ,, Neuen Zürcher Zeitung" (Nr. 266 — 286), die her-
nach als Broschüre (,, Zürich und die Ausgemeinden. Eine Betrach-
tung und Anregung") erschien, die Notwendigkeit der Vereinigung
hauptsächlich auch im Hinbhck auf eine gesunde Entwicklung der
Gemeindefinanzen betont. ,, Einem Fremden, der, mit den hiesigen
Verhältnissen nicht näher bekannt, auf dem Dampfboot sich der
Stadt Zürich nähert oder den Tunnel bei Wipkingen verlässt und
auf der dortigen Eisenbahnbrücke nach Süden blickt, präsentiert
sich die Stadt Zürich samt den Ausgemeinden bereits als Eine grosse
Stadt. Wenn er das statthche Häusermeer, das sich an die beid-
seitigen Bergabhänge hinaufzieht, überschaut, kann er es kaum
glauben, dass dasselbe von 10 — 11 selbständigen Gemeinden ge-
bildet werde, die rücksichtlich ihrer Verwaltung unter sich in fast
gar keinem Zusammenhang stehen." Nach gründhcher Unter-
suchung der bestehenden Verhältnisse und ihrer Mängel kommt
Dr. Escher dazu, nun zunächst die Zentralisation des Bau- und
Strassenwesens und hernach des Pohzeiwesens vorzuschlagen,
auch die Gemeinde Enge zum endhchen Beitritt in die ,, Gemeinde-
kommission" zu mahnen. Es ist ihm, wie er sagt, nicht darum zu
tun, ,,eine Verschmelzung der Ausgemeinden mit der Stadt Zürich
in Anregung zu bringen, obschon dieselbe früher oder später ge-
wiss kommen wird und nach unserer Ansicht auch nicht zu weit
hinausgeschoben werden sollte. Die Zeit wird nicht ausbleiben,
wo selbst das Interesse zu einer gänzlichen Vereinigung führen
234 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
wird, nicht nur der besser situierten Gemeinden miteinander,
sondern auch dieser mit den Gemeinwesen, die sich in schwierigen
ökonomischen Verhältnissen befinden, in der Art, dass die erstem
unterstützend den letztern an die Hand gehen werden." Er schlägt
darum vor, dass die einzelnen Gemeinwesen sich, ähnlich wie die
Kantone zugunsten der Eidgenossenschaft, der Besorgung gewisser
Verwaltungszweige zugunsten des Ganzen begeben sollten.
,,Die zeitgemässe Schrift wurde gelesen und — vergessen,
auch von Aussersihl, obschon letzteres, schon anno 1873 bei
7 Promille Gemeindesteuer (exkl. Armensteuer) angelangt, bereits
besondere Ursache gehabt hätte, die so bestimmt hinausgeworfene
ZentraHsationsidee zu erfassen und festzuhalten" (Fritschi-Zing-
geler). Über die Gründe der ungenügenden Beachtung des Mahn-
rufs von Dr. C. Escher äussert Dr. P. Usteri (Lebensbild Römer) :
„Man stand sich, teils wegen der Kämpfe in der kantonalen
Pohtik, teils aus dem Gegensatz von Stadt und Land, wie er in
einem überlebten Gedankenkreis noch bestand und dem sich
führende Männer der Ausgemeinden auch in Fragen von all-
gemeinem städtischen Interesse hin und wieder noch zuneigten,
trotz der Nachbarschaft, manchmal auch wegen derselben, recht
fremd gegenüber, und die Lust am Negieren Hess mancher Gemeinde-
behörde eine Gemeindevereinigung noch keineswegs als begehrens-
wert erscheinen. Auch verleitete die Grösse und Schwierigkeit
der Vereinigung zur Hoffnung, dass sie eher Schritt für Schritt
werde durchgeführt werden können (Rechenschaftsbericht des
Stadtrates von 1875)." Gegen das im Sommer 1879 vom Industrie-
quartier ausgegangene Bestreben, sich der Stadt anzugliedern,
wodurch der Gemeinde Aussersihl ein grosses Steuerkapital ent-
zogen worden wäre, legte der Gemeinderat Aussersihl beim Stadt-
rat feierhche Verwahrung ein.
Auf dem heute nicht mehr ungewöhnlichen, damals aber
durchaus neuen Wege einer ,, Dummen Frage" auf der letzten Seite
des ,, Tagblattes" wurde die Angelegenheit der Stadtvereinigung
sodann von privater Seite vor die breiteste Öffentlichkeit gebracht
und mit Beharrhchkeit durch Monate hindurch je alle 8 — 10 Tage
dieser öffenthche Appell erneuert. Es war am 9. November 1881,
als das ,, Tagblatt" zum erstenmal folgendes Inserat veröffent-
lichte: ,, Frage. Wann werden die Ausgemeinden mit der Stadt
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 235
vereinigt ?" Das Inserat war aufgegeben worden von dem unter-
nehmenden und weitsichtigen Kaufmann Karl Fierz-I^andis,
der nicht zufrieden war mit dem Verlauf der Stadtgrenze bei
der Hohen Promenade, durch den sein neuerworbenes Gut wider
seine Annahme nicht der Stadt, sondern der Gemeinde Hottingen
zugeteilt war. Seinen Zweck, die öffentliche Diskussion über die
Vereinigungsfrage in Fluss zu bringen und nicht mehr einschlafen
zu lassen, erreichte Fierz vollständig. Die Vereinigung wurde
Tagesgespräch, die Meinungen darüber gingen aber weit aus-
einander, und von einigen wurde die ,, Frage" des unbekannten
Einsenders eine ,, Dumme Frage" gescholten. Von daher stammt
der Brauch, dass einer, der im allgemeinen Sprechsaal des ,, Tag-
blattes" etwas recht Gescheites vorbringen will, ihm in der Regel
den Titel „Dumme Frage" gibt. Von der Wirkung jenes Inserates
auf die Öffentlichkeit sagt Fritschi-Zinggeler : ,,Die Frage schien
keinen Tod zu haben; immer wieder erschien sie, und wenn man
glaubte, derselben endHch los zu sein, stand sie erst recht wieder
da. Kurz, es war nicht mehr zum Aushalten." Benjamin Fritschi-
Zinggeler, Redaktor des demokratischen ,, Zürcher Volksblattes"
in Aussersihl, war gerade um jene Zeit, am 30. Oktober 1881, in
den Gemeinderat von Aussersihl gewählt worden, und mit ihm
erhielt jene Behörde die eigentliche treibende Kraft, die in zäher
Ausdauer auf die Vereinigung lossteuerte. Wenn die gegnerische
Presse ihn gelegentHch den ,, Vereinigungsdiktator" nannte, so
kennzeichnete sie damit am besten seine hervorragende Rolle in
der grossen Sache. Fritschi ist 1842 in Teufen-Freienstein geboren.
Er hat das Lehrerseminar Küsnacht besucht und eine Zeitlang als
Lehrer gewirkt. Dann ging er zur Industrie über und war in Em-
brach und Kloten Fabrikdirektor. 1878 kam er nach Aussersihl,
gründete die ,, Freien Stimmen vom Uto" und vereinigte sie mit
dem 1881 angekauften ,, Zürcher Volksblatt". Im Stadtrat, dem
er von 1892 — 1914 angehörte, verwaltete er nacheinander das
Gesundheitswesen, das Schulwesen und das Bauwesen II. — In
seiner (März 1887 erschienenen) Schrift: ,,Die Vereinigung von
Zürich und Ausgemeinden" erzählt Fritschi im Anschluss an das
Tagblattinserat weiter: ,,So nahm denn — mittlerweile hatten sich
nämhch die Gemeinderäte von Zürich und Ausgemeinden zu einem
hoffnungsvollen Verein zusammengeschlossen — das Präsidium des
236 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
letztern, Herr Präsident Schellenberg in Hottingen, mangels an-
derer Traktanden Veranlassung, auf die immerw-ährende Frage
im ,, Tagblatt" die Aufmerksamkeit der andächtig Versammelten
zu lenken, kurz auseinandersetzend, dass der Frage einige Berechti-
gung durchaus nicht abzusprechen sei, indem die zurzeit bestehende
Zehngemeindewirtschaft grosse Ungerechtigkeiten im Gefolge habe
(Hinweis auf Aussersihl). In der Diskussion fand die Auffassung
des Vorsitzenden zum Teil lebhafte Unterstützung, ja man sagte
sich so en famille, die Vereinigung von Zürich imd Ausgemeinden
sei eigentüch nur eine Frage der Zeit und müsse einmal kommen,
nur — per se — jetzt noch nicht."
Immerhin wurde doch in jener Sitzung auf den Antrag
Fritschis beschlossen, sich einmal von einem Mitglied einen Vor-
trag über die Vereinigungsfrage halten zu lassen. Die Aufgabe
wurde, wie recht imd biUig, Herrn Dr. Conrad Escher übertragen,
welcher sodann in seinem Referate auf die teilweise Vereinigung
tendierte. Ein zweites Referat, von Fritschi-Zinggeler, im Sommer
1882 vertrat den Standpunkt der totalen Vereinigung. Es hatte
zur Folge, dass eine Elferkommission mit dem weitern Studium
der Angelegenheit beauftragt wurde. Ein Memorial Fritschis an
die Kommission vom 25. November 1882 gab ihren Arbeiten eine
bestimmte Grundlage. In den ersten Monaten des Jahres 1883
wurde auf die Anregimg des Zentralkomitees der Landesausstellung
eine pro^^sorische ZentraHsation des Polizei wesens geschaffen, die
aber auf viel Widerwülen stiess und allgemein als verfehlt betrachtet
wurde, ohne dass man sich heute über die Gründe dieses Miss-
erfolges recht klar werden kann. Aus der dadurch erzeugten
Stimmung heraus verfasste auch Gemeindeschreiber Elias Hasler
in Enge, Mitglied der Elferkommission, am 24. Juni 1883 ein
Memorial an die letztere, das einen andern Standpunkt einnahm
als das Memorial Fritschi. Hasler wollte von der Enquete bei den
Gemeinderatskanzleien, welche Fritschi vorschlug, absehen und
die prinzipiellen Vorfragen direkt von der Kommission selbst
prüfen und entscheiden lassen. Die Kommission kam zu dem
Schlüsse : Das eine tun imd das andere nicht lassen ! Die Enquete
bei den zehn Gemeinderatskanzleien (Wollishofen imd Wipkingen
kamen anfangs nicht in Frage, Hirslanden nur wegen seiner Zu-
gehörigkeit zur Neumünstergemeinde) wurde angehoben und —
o XXXVII. KAPITEIv: DIE STADTVEREINIGUNG 237
mit Ausnahme von zweien — von ihnen auch durchgeführt;
das Programm Hasler aber überwies man an vier Subkommis-
sionen, von denen — keine einzige auch nur je eine Sitzung hielt!
„Alle Nachfragen über den Gang und Stand der Angelegenheit
— und es geschahen deren viele — blieben wirkungslos, ja zum
Teil ohne alle Antwort. Man hatte die beste Gelegenheit, an solch
passivem Widerstand zu verzweifeln."
Mittlerweile gingen die Geschicke ihren Gang. Das zweite
(private) Anleihen der Gemeinde Aussersihl im Betrage von
300,000 Fr. ging zur Neige, während die provisorischen Schul-
lokalitäten sich mehrten, ohne dass irgendwelche Hoffntmg vor-
handen war, von privater Seite ein drittes Anleihen erhältlich
machen zu können. So beantragte denn der Gemeinderat Ausser-
sihl bei der Budgetberatung des Frühjahrs 1885 der Gemeinde-
versammlung, es sei eine Petition an den Kantonsrat zu richten
mit dem Ersuchen um Prüfung einer gänzlichen Vereinigung von
Zürich und Ausgemeinden und Gewährung eines Staatsanleihens
an die Gemeinde Aussersihl zur Sicherung ihres einstweihgen
Fortbestandes. Die Behörden von Aussersihl erblickten in der
gänzlichen Vereinigung die einzige Rettung, weil eine dauernde
Unterstützung der Gemeinde durch immer erneuerte Staats-
anleihen kaum anging und andererseits das Scheitern der PoHzei-
zentraHsation gelehrt hatte, dass auf dem Wege der Freiwilligkeit
eine Vereinigung von Zürich und Ausgemeinden nicht Zustande-
kommen werde.
Die vom Gemeinderat Aussersihl ausgearbeitete, grösstenteils
von Benjamin Fritschi verfasste Petition wurde von der Gemeinde-
versammlung Aussersihl am i. November 1885 gutgeheissen und
eingereicht. Sie wurde vom Winterthurer ,, Landboten" mit fol-
genden Worten charakterisiert: ,,Ein schwerv/iegenderes Akten-
stück ist schon lange nicht mehr im Umkreis der poHtischen Fragen
des Kantons Zürich aufgetaucht. Ohne jemanden anzuklagen,
ohne einen Vorwurf zu erheben, tritt eine ansehnliche Gemeinde,
die zweitgrösste des Kantons, vor die oberste Landesbehörde mit
dem Nachweis, dass sie, unschuldigerweise, dem unausweichhchen
Verderben entgegengetrieben wird. Und dieser Nachv/eis ist ein
unwidersprechlicher. Seine Quintessenz hegt in der Blösstellung
eines Prozesses, bei dem die um ihrer Abhängigkeit und Armut
238 XXXVII. KAPITEI,: DIE STADTVEREINIGUNG o
willen vom Gemeinwesen mehr verlangenden als ihm gebenden
Elemente von einem mächtigen, in sich alle Bedingungen des
Gedeihens tragenden sozialen und politischen Körper ausgeschie-
den, beiseite zusammengeschoben und sich selber überlassen
werden. In Aussersihl, wo aus leicht wahrzunehmenden Gründen
Haus und Grund wohlfeil, zeitweise fast wertlos sind, wächst die-
jenige Bevölkerung lawinenartig, welche dieser Wohlfeilheit be-
darf. Jahr um Jahr lassen sich in ihr fast tausend neue Bewohner
nieder, Jahr um Jahr nimmt die Schülerzahl um etwa 150 zu,
mit andern Worten um ein grosses Schulhaus und ein paar Lehrer ;
die Strassen wollen unterhalten, die öffentliche Ordnung gewahrt,
die Bewohnerschaft mit Wasser, Licht und Abzugskanälen ver-
sorgt sein; die Nachbarschaft, das innige Verwachsensein mit
Gemeinwesen, welche auf der Höhe moderner städtischer Ent-
wicklung stehen, macht jedes Zurückbleiben in solchen Dingen
auffälliger, stossender, entfremdender als es draussen in länd-
lichen KJreisen erschiene. Mit jener schwellenden Zunahme an
Säften geht parallel eine bedrohliche Abnahme an Kräften. Ausser-
sihl ist der einzige Teil von Gross-Zürich, in welchem das Steuer-
kapital, auf den Kopf bezogen, in den letzten Jahren abgenommen
hat, und dieses Kapital ist gesetzlich fast die einzige Quelle, aus
welcher die Gemeindebedürfnisse bestritten werden müssen. Die
tatsächliche heutige Last und noch mehr die unausweichlich er-
scheinende künftige Vermehrung derselben halten den Zuzug von
neuen Kapitalkräften ab und bringen die noch gebliebenen in
Versuchung, sich diesem Verhängnis durch die Flucht zu ent-
ziehen."
Aus der umfangreichen Petition selbst, welche nachweist, dass
die totale Vereinigung nicht etwa nur im Interesse von Ausser-
sihl, sondern in demjenigen des ganzen Platzes Zürich liege, sei
nur folgende charakteristische Stelle noch hervorgehoben: ,,Herr
Präsident, hochgeehrte Herren! Wenn Zürich und Ausgemeinden
zuwarten müssten, bis die Total-Zentralisation allgemein als nicht
mehr verfrüht erklärt würde und folglich ohne viel Opposition
und Schwierigkeit durchzuführen wäre, so könnte man das laufende
und folgende Jahrtausend noch ruhig ablaufen lassen; denn so
reif, dass er quasi von selbst Realität gewänne, wird der Gedanke
überhaupt nie ; das liegt in seiner Natur. Geschichte aber, die sich
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 239
nicht machen will, so sehr sie sich machen sollte, die muss ge-
macht werden. Grosse Gedanken sind, nachdem sie einmal er-
kannt worden und die Zeit für sie gekommen, was im vorliegenden
Fall ernstlich niemand bestreiten wird, nicht mehr sich selbst und
dem Zufall zu überlassen." In ihrem zweiten Teil begründet die
Petition das Begehren um ein zunächst zinsfreies staatliches
Darlehen von 300,000 Fr.
Die Aussersihler Petition wurde am 16. November 1885 vom
Kantonsrat zum Bericht und Antrag an die Regierung gewiesen.
Der Regierungsrat bestellte für die Vorarbeit aus seiner Mitte
eine dreigliedrige Kommission (Eschmann, Nägeli, Em. Grob) und
wies die Frage des Darlehens an die Finanzdirektion ; die weiteren
darauf bezüglichen Verhandlungen des Kantonsrates endeten mit
der Gewährung eines von Aussersihl mit 4% zu verzinsenden
Darlehens von 300,000 Fr. am 16. August 1886. Ein weiteres
Darlehen von 100,000 Fr. (ebenfalls ä 4%) wurde am 21. Februar
1888 gewährt und zugleich der Regierungsrat ermächtigt, der
politischen Gemeinde Aussersihl unter gleichen Bedingungen
nötigenfalls weitere Darlehen bis auf den Gesamtbetrag von höch-
stens 150,000 Fr. zu bewilligen; auch wurde der Regierungsrat
eingeladen, die Frage zu prüfen, durch welche Massnahmen der
unhaltbare finanzielle Stand der Gemeinde Aussersihl dauernd
gebessert w^erden könnte, und darüber binnen Jahresfrist dem
Kantonsrat Bericht und Antrag zu hinterbringen. Mit Lebhaftig-
keit bemächtigte sich nun auch die öffentliche Diskussion des
Gegenstandes. Die kantonale statistische Gesellschaft, unter dem
Vorsitz von Regierungsrat Dr. Stössel, veranstaltete eine Reihe
von Vorträgen, in denen Dr. Zuppinger, Erziehungssekretär C. Grob,
Stadtrat Schlatter und Dr. C. Escher die weitschichtige Frage von
verschiedenen Gesichtspunkten aus beleuchteten. Die Gemein-
nützige Gesellschaft Aussersihl Hess sich von den Pfarrern Hart-
mann Hirzel und Denzler darüber referieren. Mehrere Versamm-
lungen der Kantons- und Gemeinderäte von Zürich imd Ausser-
sihl befassten sich mit Organisationsentwürfen von Präsident
Schneider in Riesbach und von der ,,Zentralisationskommission"
von Aussersihl (Schenkel, Fritschi-Zinggeler, JuHus Weber, Dr.
Amsler). Mit einem eigenen, vollständig ausgearbeiteten Ent-
wurf trat in seiner Schrift Fritschi-Zinggeler (März 1887) an die
240 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
Öffentlichkeit. Sehr \'iel kam nun für die gedeihliche Weiter-
ents\-icklung der Angelegenheit auf die Haltung der Stadt an,
und für diese war es wiederum bedeutsam, dass Stadtpräsident
Dr. Römer ohne Zögern und mit Entschiedenheit für die Ansicht
eintrat, die Stadt solle sich nicht in Gegensatz zur Petition von
Aussersihl stellen, sondern ihre Bereitwilligkeit erklären für 'eine
Vereinigung auf gesetzlicher, organisch und finanziell zuverlässiger
Grundlage. Als von konservativer Seite eine die Stellung der
Stadt zur Vereinigung betreffende Motion eingebracht wurde, er-
klärte Stadtpräsident Dr. Römer in der Sitzung des Grossen
Stadtrates vom i8. Februar 1886, dass der Stadtrat gegen die
Vereinigung der Stadt und ihrer Ausgemeinden keine Opposition
erheben werde, indem die letztere auch der traditionellen Politik
der Stadtbehörde entgegenlaufen würde, die stets für eine mit den
Verhältnissen Schritt haltende Entwicklung der Gemeindeorgani-
sation eingetreten sei. Stadtpräsident Römer bildete mit Dr. Ams-
1er, Dr. C. Escher, Albert Fierz, Gemeindepräsident J. Schneider
und Stadtschreiber Dr. Paul Usteri das Bureau der „Vereinigung
der Kantonsräte und Gemeindebehörden von Zürich und Aus-
gemeinden", welche in emsiger Arbeit, durch Vorbesprechungen,
durch Sammlung und Sichtung der Gemeinde- und Verbands-
rechnungen usw. die ,, Grundzüge einer Organisation für die neue
Stadtgemeinde Zürich" feststellte und in einem Bericht von
50 Druckseiten im Januar 1888 publizierte. Wir wollen daraus
hier nur den Vorschlag erwähnen, auch Wipkingen und Wollis-
hofen in die Vereinigung einzubeziehen, mit folgender Begründung :
,,]Mit Bezug auf die Gemeinde Wipkingen war massgebend, dass
ihr Gebiet von Unterstrass und Aussersihl umfasst ist und dass
das Pumpwerk der Brauchwasserversorgung im Gemeindebann
Wipkingen liegt. Bei Wollishofen kam einmal in Betracht, dass
die Lage dieser Gemeinde am linken Seeufer so ziemHch den
äussern Quartieren von Riesbach und Hirslanden auf dem rechten
Ufer entspricht und der Waffenplatz (zugleich Gemeindeschiess-
platz) zum grossen Teil in ihrem Gebiet liegt, sodann, dass die
Ortschaften Unter- und Mittelleimbach die Elemente zu einer
selbständigen Gemeindebildung nicht besitzen, die Einbeziehung
von Leimbach ohne diejenige von WolHshofen aber aus topo-
graphischen Rücksichten nicht angeht. Es wird dann aber ge-
t) XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 241
boten sein, die Ortschaft Oberleimbach, die nur politisch mit
Wollishofen zusammenhängt, mit ihrer Schul-, Kirch- und Armen-
gemeinde Adliswil, resp. Klilchberg, zu vereinigen und sie damit
zum Bezirk Horgen zu schlagen" (was dann auch geschah). Im
Auftrag der regierungsrätlichen Kommission verarbeitete das
kantonale statistische Bureau die von den Gemeinden ausgefüllten
Fragebogen zu zwei Heften, von denen das eine die Verhältnisse
der politischen Gemeinden, das andere diejenigen der Primar-
und Sekundarschulkreise und der Bürgergemeinden behandelte.
Aus der fleissigen Feder von Staatsschreiber Stüssi kam noch dazu
ein Gutachten über die Frage vom Staats- und gemeinderechtlichen
Standpunkt aus mit dem Vorschlag der nötigen Änderungen an
den bestehenden Gesetzen.
Auf diesem reichen Material fusste die regierungsrätliche Vor-
lage, welche am 15. Juli 1889 vom Kantonsrat an eine XXIer
Kommission (Präsident Dr. C. Escher) gewiesen wurde. Aber die
dieser Kommission gesetzte Frist bis Ende Dezember 1889 erwies
sich als viel zu knapp für die zu bewältigende Riesenarbeit. Neues
Material musste beigebracht, die Eingaben von Gemeinden und
Privaten mussten geprüft und insbesondere die Finanzfrage gründ-
lich studiert werden. Wollishofen protestierte in seiner Eingabe
vom 25. August 1889 energisch gegen jede Einbeziehung in die
Vereinigung; Enge bemühte sich, in einer 5 Bogen starken Bro-
schüre andere Mittel und Wege gegen die Bedrängnis von Ausser-
sihl ausfindig zu machen und vorzuschlagen; Fluntern empfahl
eine nur teilweise Vereinigung, während man in der Stadt Zürich
bestrebt schien, die Lösung der Frage hinauszuziehen. So kam es,
dass die Kommission erst am 28. Oktober 1890 ihre Arbeit dem
Kantonsrate vorlegen konnte. Vorher aber hatte der Kantonsrat
der Gemeinde Aussersihl noch ein viertes Darlehen von 400,000 Fr.
zu bewiüigen, was am 7. Juli geschah. Die Stellungnahme der
Stadt Zürich zur Vereinigung kam in dem einstimmigen Beschluss
der imponierenden Gemeindeversammlung vom i. Februar i8gi
in der alten Tonhalle zum Ausdruck. lyangwierige und mühevolle
Verhandlungen im Stadtrat und Grossen Stadtrat waren voraus-
gegangen. Der Grosse Stadtrat hatte am 15. Januar als Antrag
an die Gemeinde die ,, Bedingungen" festgestellt, unter denen die
Stadt der Vereinigung zustimmen könne. Dem vermittelnden
16
242 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
Einfluss des Stadtpräsidenten Hans Pestalozzi gelang es sodann,
in einer ausserordentlichen Sitzung des Grossen Stadtrates am
29. Januar die letzten Differenzen hinsichtlich dieser Anträge zu
beseitigen und auch die „Bedingungen" in ,, Vorbehalte" herab-
zumildern. Am Vorabend der Gemeindeversammlung legte noch
Kantonsrat Friedrich Otto Pestalozzi in einem Artikel der ,, Neuen
Zürcher Zeitung", welcher ohne Zweifel die Auffassung der grossen
Mehrheit der städtischen Stimmberechtigten wiedergab, den
Standpimkt der konservativen Stadtbürger dar und schloss seine
Ausführungen mit den Worten: ,, Nicht Obstruktion und nicht
Verschleppung, sondern verständige Mitarbeit mit weitem Blick
für die Zukunft, aber auch ruhige Festigkeit, wo es sich um die
Verteidigung seines guten Rechtes handelt, sei Zweck und Ziel
der Versammlung vom kommenden Sonntag." Vor der Gemeinde
referierte Stadtrat Meyer; eindrucksvolle Voten hörte man von
Kommandant Schulthess, Prof. Georg von Wyss und Dr. Zuppinger.
Gegen die ,, Vorbehalte" erhob sich keine Stimme. Sie verlangten
in der Hauptsache:
1. Umwandlimg des Nutzungsgutes in eine Stiftung der neuen
Bürgergemeinde und Nutzniessungsberechtigung an den bürger-
lichen Stiftungen und Fonds seitens der bisherigen Stadtbürger
während einer Übergangsperiode von 25 Jahren.
2. Einheit des jetzigen Stadtgebietes als Wahl- und Verwal-
tungskreis der neuen Gemeinde.
3. Einführung des 7. und 8. Schuljahres für die Alltagsschule.
4. Verzicht des Staates auf die der Gemeinde Aussersihl ge-
machten Darlehen.
5. Herbeiziehung des Einkommens für die Gemeindesteuern.
Zuweisung der Hälfte der Erbschaftssteuer an die Gemeinde und
Aufstellung eines Steuermaximums von 6 Promille für die Ver-
mögenssteuer.
6. Ablehnung einer besondern Staatsaufsicht, dagegen Ein-
räumung eines erweiterten Rekursrechtes gegenüber Gemeinde-
beschlüssen.
Es sei hier gleich vorausgeschickt, dass vom Kantonsrat nur
Nr. I imd 2 dieser Vorbehalte glatt angenommen wurden. Nr. 3,
pro forma ebenfalls akzeptiert, ward durch separate Volksab-
o XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG 243
Stimmung illusorisch gemacht, Nr. 4 verworfen, Nr. 5 und 6 nur
teilweise berücksichtigt.
Am Tage nach der Gemeindeversammlung, Montag den
2. Februar 1891, begann die Beratung im Kantonsrat. Uner-
wartet rasch konnte der allgemeine Ratschlag geschlossen werden.
Durch den grundlegenden § i wird das Gebiet der politischen
Gemeinden Aussersihl, Enge mit Leimbach, Fluntern, Hirslanden,
Hottingen, Oberstrass, Riesbach, Unterstrass, Wiedikon, Wip-
kingen und Wollishofen (ohne Oberleimbach) der Stadt Zürich
zugeteilt. Die bürgerlichen Angehörigen der aufgehobenen Ge-
meinden werden Bürger der Stadt Zürich. Der Protest Wollis-
hofens gegen seine Einverleibung blieb mit 13 Stimmen gegen
168 in Minderheit. § 6 bestimmt, dass der Genuss der bürger-
lichen Stiftungen und Separatfonds während 25 Jahren (also bis
31. Dezember 1917) den Bürgern der einzelnen Gemeinden ver-
bleibt, aber auch mit dieser Frist wurde es manchen Stadtbürgern
nicht ganz leicht, nun auf einmal 10,000 neue Bürger unentgelt-
lich ins Stadtbürgerrecht aufnehmen zu sollen. Eine besondere
Schulgemeinde und einen Sekundarschulkreis Zürich soll es nicht
geben, sondern nur eine Stadt. Dagegen bleiben die Kirchge-
meinden getrennt. § 12 trifft folgende Kreiseinteilung:
I. Zürich (bisherige Stadt),
IL Enge (Enge und Wollishofen),
HL Aussersihl (Aussersihl und Wiedikon),
IV. Unterstrass (Unterstrass, Oberstrass und Wipkingen),
V. Neumünster (Riesbach, Hirslanden, Hottingen und Flun-
tern) .
vStatt der Gemeindeversammlung, die im neuen Zürich
20,000 Stimmberechtigte zählen würde, wird die Urnenabstim-
mung eingeführt. Ein grosser Teil der bisherigen Befugnisse muss
auf den Grossen Stadtrat übertragen werden; doch kann man
gegen dessen Beschlüsse das Referendum anrufen und es steht
den Stimmberechtigten auch ein ausgebildetes Vorschlagsrecht
(Initiative) zur Verfügung. Ausser dem Grossen Stadtrat gibt
es folgende Behörden: Stadtrat (9 Mitglieder), Waisenamt, Armen-
pflege, eine Zentralschulpflege, fünf Kreisschulpflegen, Zivilstands-
amt, Betreibungs- und Friedensrichterämter, Steuer- und Taxa-
244 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
tionskommissionen. Zur Erleichterung des Gemeindehaushalts
werden folgende neue Steuern eingeführt: Einkommensteuer,
Feuerwehrersatzsteuer, Zuschlag zur Hundetaxe und zu den
Gebühren für notariahsche Eigentumsübertragungen. Die Haus-
haltungssteuer soll aufhören, dagegen die Mannssteuer auf den
anderthalbfachen Betrag erhöht werden. Nach § 85 sollen diese
neuen Steuern auch für Winterthur gelten, dessen Behörden sie
dringend gewünscht haben. Als eine Art Reservesteuer wird der
Stadt Zürich noch die Mietwertsteuer eingeräumt. Einen ganz
besondern Wert legte man in der Stadt Zürich auf den § 92,
welcher der neuen Stadtgemeinde gestatten sollte, an Stelle der
in städtischen Verhältnissen absolut ungenügenden Ergänzungs-
und Singschule für diejenigen Kinder, welche nicht die Sekundär-
schule oder eine andere höhere Bildungsanstalt besuchen, die
Volksschule um zwei Jahreskurse zu erweitern. Dagegen erhob
sich mm im Ratssaal und ausserhalb desselben hartnäckiger
Widerstand. Die Landgemeinden, die ihre Ergänzungsschüler
leicht bei den Feldarbeiten beschäftigen konnten, wollten die
Not der städtischen Jugend, welcher nach dem Fabrikgesetz auch
die Fabrik bis zum 14. Jahr verschlossen war, nicht begreifen.
PoHtischen Doktrinären erschien das Verlangen Zürichs als Frevel
an der Rechtsgleichheit von Stadt und Land, als Sünde wider
den heiligen Geist von Uster. Zwar wurde vom Kantonsrat das
7. und 8. Schuljahr schliesslich doch bewilligt, aber mit der Klausel,
dass der § 92 gesondert zur Volksabstimmung kommen solle,
womit sein Schicksal von vorneherein besiegelt war. Damit hatte
man in den Augen vieler städtischer Stimmberechtigten so ziem-
lich die einzige Perle aus dem Gesetz herausgebrochen. Bezüglich
der auf 950,000 Fr. sich belaufenden Darlehen an Aussersihl hatte
die Kommission vorgeschlagen: ,, Behufs Erleichterung der öko-
nomischen Ausgleichung zwischen den in die Vereinigung ein-
bezogenen Gemeinden verzichtet der Staat auf die Rückforderung
der Anleihen bis zum Betrag von 500,000 Fr." Gegen diese neue
,, Begehrlichkeit" der Stadt ritt der im Zeichen der Stadtvereini-
gung gegründete ,, Landschaftsklub" eine schneidige Attacke; es
kam sodann mit Stichentscheid des Präsidenten Wirz ein Beschluss
zustande, der wenigstens den Zinsfuss herabsetzte, aber in der
zweiten Lesung am 27. April wurde auch diese \''ergünstigung
o XXXVII. KAPITEL: DIE) STADTVEREINIGUNG 245
wieder gestrichen. Das mit der Hauptvorlage im Zusammenhang
stehende Verfassungsgesetz, das besondere gesetzliche Bestim-
mungen für Gemeinden mit mehr als 10,000 Einwohnern gestattet,
gab nicht viel zu reden. Die erste I^esung war am 10. März be-
endet, die zweite erfolgte, wie erwähnt, am 27. April, die Haupt-
abstimmung am II. Mai. Sie ergab unter Namensaufruf 169 Ja
und II Nein bei 7 Enthaltungen. Von den Stadtzürchern stimmten
für Annahme Antistes Dr. G. Finsler, Schulpräsident Paul Hirzel,
Professor Elias Landolt, Stadtforstmeister Ulrich Meister, Stadt-
schreiber Dr. Paul Usteri.
Der Volksabstimmung vom 9. August 1891 ging in der Stadt
Zürich eine Zeit der Erregung und Gemütsbewegung voraus, die
man nur mit jenen Tagen vergleichen kann, da der Grosse Rat
die Aufhebung des Chorherrenstiftes imd die Schleifung der
Festungswerke beschloss. So nah wie jene ,, grundstürzenden"
Umwälzungen ging vielen Bürgern Zürichs die Tatsache, dass die
gute alte Stadt Zürich nun einfach aufgehen sollte in einem grössern
Gemeinwesen, dem sie zwar den Namen geben durfte, dessen neue
Bürgerschaft aber gegenüber den bisherigen Stadtbürgern eine
erdrückende Mehrheit bildete. Nicht ,, zugeteilt" wurden in ihren
Augen die Ausgemeinden der Stadt Zürich, sondern die letztere
wurde von den Ausgemeinden aufgesogen. Nicht ein Gross-Zürich
sahen ihre politischen und finanziellen Befürchtungen entstehen,
sondern ein ,, grosses Aussersihl". Und wie war es nun mit den
Vorbehalten der Gemeindeversammlung vom i. Februar, die nur
zum kleinsten Teil Berücksichtigung fanden ? Die Frage wurde
verschieden beantwortet. Männer wie Stadtpräsident Pestalozzi
hielten sich an die Bedingungen des Gemeindebeschlusses ge-
bunden und fühlten sich deshalb, ganz besonders auch wegen der
Ausmerzung des Schulartikels, in ihrem Gewissen verpfHchtet,
gegen die Vereinigungs vorläge Stellung zu nehmen. Die fünf an-
nehmenden Kantonsräte dagegen erklärten in einer öffentlichen
Kundgebung am 6. August, dass sie dem Gemeindebeschluss
nicht die Bedeutung zumessen konnten, eventuell gegen ihre
eigene Überzeugung stimmen zu müssen, sondern nur nach besten
Kräften für seine Geltendmachung zu wirken, was auch geschehen
sei, und die Gemeinde selbst bestätigte am 9. August die Richtig-
keit dieser Interpretation ihres Beschlusses. Die genannten Herren
246 XXXVII. KAPITEL: DIE STADTVEREINIGUNG o
wiesen auch darauf hin, dass mit der Verwerfung des Vereinigungs-
gesetzes nicht etwa die Annahme des Schulartikels gesichert sei
und dass ein brauchbares Projekt für eine nur teilweise Ver-
einigung noch von keiner Seite vorgeschlagen werden konnte.
„Die Unternehmen, die bisher auf dieser Basis gegründet worden
sind, zeigen uns denn auch, dass auf diesem Wege befriedigende
Resultate nicht zu erreichen sind, wie das z. B. bei den Strassen-
bahnen immer deutlicher zutage tritt. Die Leistungen der gut-
situierten Gemeinden und die Beaufsichtigung der von ihnen
unterstützten Gemeinwesen würden ein Hineinregieren der Zentral-
gemeinde in die Gemeinden bedingen, so dass die gewünschte
Selbständigkeit der letztern eben doch in allen wesentHchen Fragen
verloren ginge. Wir bekämen nur zu den schon vorhandenen
Verwaltungen einen neuen bureaukratischen Apparat hinzu, in
noch vermehrtem Masse als jetzt würde eine Unsumme von Zeit
imd Arbeit an die Aufrechterhaltung zweckwidriger Organisationen
nutzlos vergeudet." Der bäuerlichen Opposition gegen die Ver-
einigung trug der Gründer des Bauernbundes, Konrad Keller in
Hofstetten-Oberglatt, mit seiner Flugschrift ,,Neu-Babylon" die
Fahne voran.
Auf der andern Seite kämpfte in der vordersten Reihe für die
Vereinigung Stadtschreiber Dr. Paul Usteri, der noch während
der Verhandlungen des Kantonsrates auf die Gestaltung der
Dinge durch eine Serie von zwölf Artikeln in der ,, Neuen Zürcher
Zeitung" (1891, Nr. 17 ff.) unbestreitbar einen nachhaltigen Ein-
fluss ausgeübt hatte. In klaren Auseinandersetzungen wurde hier
auch einem weitern Publikum die Tragweite der Stadtvereinigung
eindrückhch gemacht, deren Bedeutung über die Grenzen des
Kantons hinausreichte und ein Gemeinwesen schuf, welches der
Bevölkerungszahl nach grösser war als sieben Kantone und sechs
Halbkantone: die erste Grosstadt der Schweiz mit vollständiger
Autonomie. Usteri zeigte, dass die bisherigen Gemeindegrenzen
Zürichs nicht so alten Ursprungs sind, wie viele annahmen. Mit
ganz besonderm Nachdruck trat er aber dafür ein, dass der herr-
liche Sihlwald bei der Stadt Zürich bleibe und nicht etwa in das
Eigentum einer aus den bisherigen Stadtbürgern gebildeten Kor-
poration übergehe. ,,Es gibt wohl wenig Eigentum, das so lange
in einer und derselben Hand gelegen hat wie der Sihlwald, der
o XXXVII. KAPITE)!.: DIE) STADTVEREINIGUNG 247
schon zur Zeit der allerersten eidgenössischen Bünde den Bürgern
von Zürich das Holz lieferte. Bereits der erste Richtebrief, der
auf die Zeit vor 1280 fällt, regelt den Holzbezug, und noch ein-
gehender tut dies der zweite Richtebrief von 1304. Mehr als
600 Jahre hat also die Stadt Zürich durch alle Stürme der Jahr-
hunderte hindurch dieses kostbare Besitztum sich zu erhalten ge-
wusst. Und wenn in der Neuzeit infolge des Hinzutritts der nicht
bürgerhchen Einwohner zur Gemeindeverwaltung die rechtHche
Stellung des Sihlwaldes zur Stadt als Bestandteil des speziell
bürgerhchen Nutzungsgutes eine etwelche Veränderung erfahren,
so hat dafür die Bürgergemeinde durch ihren Verzicht auf jede
persönliche Nutzung und die Bestimmung des Waldertrages für
die Förderung idealer Bestrebungen den Sihlwald in Tat und
Wahrheit in noch viel höherm Masse zu einem öffentlichen Gute
der Stadt Zürich geschaffen als dies zu Zeiten der Fall gewesen,
da entsprechend den damaligen Anschauungen der Holznutzen
der Bürger im Vordergrund stand Der Sihlwald und die
Stadt Zürich sind, soweit nur die geschichtliche ÜberHeferung
reicht, zusammen gewesen. Der Sihlwald gehört zur Stadt Zürich;
er soll auch in Zukunft bei ihr bleiben und nicht das Eigentum
einer Holzgenossenschaft werden." Wer wollte sich heute nicht
von Herzen dessen freuen, dass es gelungen ist, den Sihlwald der
Stadt zu erhalten! Neben den von so vielen hervorragenden und
achtungswerten Männern vorgetragenen Argumenten für die
Vereinigung mag auch das Gutachten des konservativen Prof.
Dr. Andreas Heusler in Basel von bestimmendem Einfluss auf das
Abstimmungsergebnis gewesen sein. Prof. Heusler machte u. a.
gegenüber der Anfechtung einiger sogenannten „Ausnahmebestim-
mungen" darauf aufmerksam, „dass auch die Vereinigung Zürichs
und seiner Ausgemeinden etwas höchst Ausserordentliches, Singu-
läres. Exzeptionelles ist, das im ganzen Kanton und in keiner
einzigen Gemeinde desselben irgend eine Analogie findet und daher
auch gar wohl und ohne Gefahr weiterer Konsequenzen singulär
behandelt werden kann." Was aber speziell die Stellung der
Stadt zur Vereinigungsfrage anbelangt, so fragt Prof. Heusler:
„I. Wodurch sind die Ausgemeinden das geworden, was sie jetzt
sind ? Nicht durch die in ihnen selbst liegenden Bedingungen und
Kräfte, sondern durch die von der Stadt Zürich ausgehende
248 XXXVII. KAPITE;!,: die STADTVEREINIGUNG o
Attraktionskraft. Die Stadt hat den Sammelpunkt gebildet für
die grosse Ausdehnung der Ausgemeinden; nicht nach Riesbach,
Hottingen usw., sondern nach Zürich ist der Zufluss der Be-
völkerung gerichtet gewesen. Ist es billig, dass die Stadt die zu-
fäUige Beschränktheit ihres Bannes ausnutze und allen Schwierig-
keiten imd Lasten, welche durch die von ihr hervorgerufene Be-
völkerungszunahme entstanden sind, aus dem Wege gehe ? Wiegt
der Umstand, dass tatsächlich Zürich zur Grosstadt geworden ist,
nichts gegenüber dem Umstand, dass rechthch die Stadt nicht
grösser geworden ist ? 2. Was hat Zürich zu der in kommerzieller,
wissenschaftlicher, künstlerischer Beziehung, kurz in allen Rich-
tungen des Kulturlebens so bedeutenden und grossartig ent-
wickelten Stadt gemacht, als welche wir sie jetzt sehen ? Ist es
nur die kleine Stadtgemeinde Zürich, die das zuwege gebracht
hat? Niemand glaubt das. Mitgewirkt haben auch die Aus-
gemeinden. Das kleine Zürich von 26,000 Einwohnern hätte nie
die Kräfte vereinigt, die ihm solche Erfolge ermöglichten."
Das Ergebnis der Volksabstimmung vom 9. August 1891 war
für die Stadt Zürich eine Überraschung. Man hatte bestimmt
auf Verwerfung gerechnet; nun war die Vereinigung angenommen,
und zwar auch von der Stadt Zürich selber. In Oberstrass donnerten
die Mörser und in Aussersihl feierte man ein zweitägiges Fest.
In Ziffern lautete das Abstimmungsresultat (bei 79,899 Stimm-
berechtigten) :
Zuteilungsgesetz 37,843 Ja 24,904 Nein
Verfassungsgesetz 36,019 ,, 25,197 ,,
Schulartikel 27,408 ,, 32,081
Der Schulartikel war mit Ausnahme Zürichs von sämtlichen
Bezirken verworfen worden; das Zuteilungsgesetz hatten ausser
Enge und Wollishofen sämtliche Ausgemeinden mit starken Mehr-
heiten angenommen; in Enge betrug die verwerfende Mehrheit
bloss fünf Stimmen (448 Ja, 453 Nein), in Wollishofen stand der
verwerfenden Mehrheit (256) eine ansehnliche annehmende Minder-
heit (124) gegenüber. Die Stadt Zürich gab 2535 Ja imd 1781 Nein.
Die Gemeinde Wollishofen rekurierte gegen ihre zwangsweise
Eingemeindung beim Bundesgericht und bei der Bundesversamm-
lung. Das Bundesgericht wies am 21. November 1891 den Rekurs
o XXXVII. KAPITE;!.: die STADTVEREINIGUNG 249
einstimmig ab; die Bundesversammlung erledigte ihn am letzten
Tage der Dezembersession durch diskussionslosen Übergang zur
Tagesordnung. Zum Zeichen dessen, dass WoUishofen nicht auf-
hören werde, gegen die Vereinigung ,,hautement" zu protestieren,
Hess es einen allerletzten Protest in seinen Kirchturmknopf ein-
kapseln.
Zunächst war nun für das neue Gemeinwesen ein städtischer
„Verfassungsrat", die Abgeordneten Versammlung für die Aus-
arbeitung einer Gemeindeordnung zu wählen. Die Wahl der
118 Abgeordneten erfolgte am 18. Oktober 1891 (es waren 63 Libe-
rale, 44 Demokraten und 11 Sozialdemokraten). In ihrer konsti-
tuierenden Sitzung auf dem Rathaus am 14. Dezember 1891 wählte
die Abgeordnetenversammlung zu ihrem^ Präsidenten Erziehungs-
sekretär C. Grob, zu Vizepräsidenten Oberst Ulrich Meister und
Fritschi-Zinggeler, als Sekretäre Gemeindeschreiber Elias Hasler,
Bausekretär Heinrich Wyss und Gemeindeschreiber Bebie. Die
Ausarbeitung der Gemeindeordnung übertrug die Versammlung
einer XXIer Kommission mit Stadtschreiber Dr. Paul Usteri als
Präsidenten. Das Plenum beriet die Vorlage zwischen dem 19. April
und 22. Juni 1892 durch. In der ersten Abstimmung Neu-Zürichs
am 24. Juli 1892 wurde die Gemeindeordnung mit 11,702 Ja gegen
II 95 Nein angenommen. Zur Erwahrung des Abstimmungs-
ergebnisses fand sich am 30. Juli die Abgeordnetenversammlung
nochmals im Rathaus ein, und dann begab sie sich, nach Verzicht
auf das letzte Taggeld zugunsten der Ferienkolonien, zu einer
Schlussfeier auf den Ütliberg. Der grosse Saal des Restaurants
auf dem Kulm umschloss nun bald eine fröhhche Tafelrunde.
In zierlichen Hexametern pries in seinem Eröffnungstoast Präsi-
dent C. Grob das vollendete Werk und Zürichs künftige Grösse,
brausend erscholl das Hoch der Gäste und hell klangen die
Gläser aneinander. Mächtig brach die Begeisterung sich Bahn.
Es „stiegen" der Reden viele, und in den beziehungsreichen
Toasten begegneten sich alte und neue Zeit. Golden strahlte in-
dessen das Abendrot durch die Fenster, und nach Beendigung
eines gemeinsamen Kantus strömte alles hinaus, um einen Sonnen-
vmtergang zu schauen, wie ihn in solcher Pracht keiner der An-
wesenden jemals gesehen. Als die feurige Kugel hinter den Bergen
versimken, blieb jeder wie gebannt auf dem Platze stehen. Ein
250 XXXVII. KAPITEL: DIE STADT VEREINIGUNG o
schwarzer Wolkenvorhang verhüllte den westlichen Horizont, dar-
innen klaffte ein langer, zackiger Riss, durch welchen man wie
durch den Sprung eines riesigen, russigen, gluterfüllten Kessels
in ein Meer von Feuer blickte, während durch andere, einzelne
Öffnungen die Sonnenstrahlen büschelweise und immer mehr sich
verbreiternd hervordrangen, gerade wie man sie etwa auf alten
Bildern gemalt sieht. Im Süden aber rollte der Donner, und
schlängelnde, leuchtende Blitze zerrissen ab und zu den Wolken-
schleier, während noch kurz zuvor ein Regenbogen seine schil-
lernde Brücke von Berg zu Berg geschlagen. Die wunderbare
Pracht dieses Sonnenuntergangs bildete den Glanzpunkt des Festes
auf dem ÜtHberg, und es war ganz erhebend, die in hartem
Kampf so oft gegeneinander ringenden, in manchem Sturm er-
grauten Männer nunmehr vom Zauberbann der Natur umfangen,
in feierhcher Eintracht ein altes schönes Kinderlied singen zu
hören, das unsterbliche ,,Goldne Abendsonne, wie bist du so
schön" . . .
Doch nicht alle sangen sie mit. Ernst und schweigend standen
einige der Abgeordneten am Geländer der Terrasse, ganz ver-
sunken in das Bild der scheidenden Sonne, und jeder wusste, was
der andere in diesem Augenblick dachte imd empfand: Ja, so
scheiden wir von dir, du liebes altes Zürich, schmerzbewegt und
doch hochgemut, und wenn einmal, so gilt es heute:
Was vergangen, kehrt nicht wieder,
Aber ging es leuchtend nieder,
Leuchtet's lange noch zurück.
■53
II
SIEBENTER TEIL
DIE GROSSTADT
^ QU^^^
^^^j^.Sp^i^'Zfc^^^
Nach Photographie von Ph. & E. Liuk
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ACHTUNDDREISSIGSTES KAPITEL
STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI
Hans Konrad Pestalozzi wurde geboren am 2. Juli 1848 als
jüngstes von vier Geschwistern im Haus zum hintern „Pe-
likan" an der Talgasse. Der Vater war Inhaber eines Rohseiden-
geschäftes und hatte daneben mannigfache wissenschaftliche und
künstlerische Interessen; die Mutter, eine lebhafte, gesellige Frau,
nahm, regen und tätigen Anteil an der Entwicklung der Kinder.
Es war ein gut altzürcherisches Milieu mit allen seinen Vorzügen,
namentlich auch einer einfachen Lebensführung, in dem Hans
Pestalozzi aufwuchs. Nach Absolvierung der Industrieschule bil-
dete er sich 1865 — 1868 an der Bauschule des Polytechnikums
zum Architekten aus und erwarb im August des letztern Jahres
das Diplom.. Auch nach dem Examen beschäftigte ihn sein hoch-
verehrter lychrer Gottfried Semper in seinem Atelier mit den
Plänen für die Wiener Hofmuseen. Im Sommer 1869 folgte die
Artillerie-Aspirantenschule in Thun ; sie legte den Grund zu seiner
militärischen Karriere, welche mit dem Grad eines Obersten der
Artillerie abschloss. Die im Spätherbst 1869 beginnenden Wander-
jahre führten ihn zunächst nach Paris, wo er im Atelier Jaeger
Anstellung fand. Als der Krieg gegen Deutschland ausbrach, be-
fand sich Pestalozzi im Auftrag Jaegers in Creuse noire bei Mäcon;
er hatte dort den Umbau von Wohn- und Fabrikgebäuden zu
leiten, kehrte dann aber, als der Krieg auch die Schweiz zur
Grenzbesetzung nötigte, nach Zürich zurück. Die folgenden Jahre
wurden abwechselnd in Wien, bei Gottfried Semper, und auf
Studienreisen in Italien zugebracht. 1874 nach Hause zurück-
gekehrt, etablierte er sich als Architekt im väterlichen Hause, in
einem Eckzimmer, dessen Fenster die eingeritzten Namen fran-
zösischer Offiziere trugen, welche 1798/99 hier einquartiert waren.
Pestalozzi baute in Zürich eine Reihe von Wohnhäusern und
Villen, erst allein, dann unter Beteihgung seines künftigen Schwieger-
vaters August Stadler. 1881 suchte ihn Stadtpräsident Dr. Römer
-54 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
für den Eintritt in den Stadtrat zu gewinnen; Pestalozzi, dem
sein Beruf lieb war, hatte dazu anfänglich keine Lust. Als er
aber im Herbst in Basel an der Jahresversammlung des Schweiz.
Ingenieur- und Architektenvereins einem von P. Reber ver-
fassten Festspiel beiwohnte, das den Dienst für die Öffentlichkeit
als das Höchste pries, änderte er seinen Sinn und stellte sich dem
Stadtpräsidenten zur Verfügimg. Damit war nun freilich die Wahl
noch nicht gesichert; sie kostete vielmehr noch einen ziemlich
ernstlichen Kampf, der jedoch am 13. November 1881 mit dem
Siege Pestalozzis endete. Er erhielt 1458, der demokratische Gegen-
kandidat Nötzli, Redaktor des ,, Nebelspalter", 823 Stimmen.
Im Stadtrat übernahm Pestalozzi das Hochbau- und Pro-
menadenwesen und die Baupolizei; er wurde Mitglied einer Reihe
wichtiger Kommissionen und es eröffneten sich ihm sofort reiche
und dankbare Arbeitsgebiete. Daneben nahmen neue grosse Pro-
bleme, die der Stadtrat zu lösen hatte, seinen Eifer in Anspruch.
Im Jahre 1885 wurde Pestalozzi auch in die Stadtschulpflege
gewählt ; ferner war er Quästor des PoHzeirates im Polizeiverband
von Zürich und Ausgemeinden, Mitglied der Gemeindekommission,
des VervN'altungsausschusses und des Direktionskomitees für die
Quaibauten und Delegierter im Strassenbahn verband. In den
Kantonsrat trat Pestalozzi am i. Mai 1887 an Stelle des zurück-
getretenen Dr. Römer.
Als im Jahre 1889 Dr. Römer auch als Stadtpräsident zurück-
trat, warf die Vereinigungsbewegung schon ihre hohen Wellen,
und man wünschte mit dem Nachfolger Römers jetzt schon den
Mann zu bezeichnen, der später an die Spitze von Gross-Zürich
treten sollte. Neben ihm wurde auch Stadtschreiber Dr. Paul
Usteri als Kandidat genannt und von den Demokraten gegen
ihn Stadtrat Baltensberger portiert. Dieser erhielt bei der Wahl
am 5. Mai 925 Stimmen; Hans Pestalozzi war mit 1576 Stimmen
zum Stadtpräsidenten gewählt. Die Stadtvereinigung nahm für
die nächste Zeit den Hauptteil der Kräfte der städtischen Be-
hörden in Anspruch. Dass und warum Stadtpräsident Pestalozzi
dazu kam, schliesslich ein ,,Nein" gegen das Zuteilungsgesetz ab-
zugeben, haben wir gesehen. Der Entscheid ist Üim wahrüch
nicht leicht gefallen; er entsprang seiner innersten Überzeugung,
und der ]\Iut, mit welchem er ihr Ausdruck gab, ist ebenso hoch
o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 255
anzuschlagen wie die Haltung seiner Wählerschaft, da diese seine
Überzeugung ehrte und ihn wieder wählte, obschon sie in ihrer
Mehrheit die Vereinigung angenommen hatte. Die Situation war
für Pestalozzi um so kritischer, als ein erheblicher Teil der frei-
sinnigen Führerschaft daraufhin arbeitete, nunmehr Stadtschreiber
Dr. Usteri zum Stadtpräsidenten zu machen in Anbetracht seiner
vorzüglichen Qualifikation zu dem Amt und seiner hohen Ver-
dienste um das Zustandekommen der Vereinigung. Die Mehrheit
der freisinnigen Partei konnte sich aber doch nicht entschliessen,
dem bisherigen verdienten Stadtpräsidenten den Abschied zu
geben, und Dr. Usteri verzichtete freiwillig und ritterlich auf eine
Kandidatur.
Am 8. Mai 1892 waren die Behörden der alten Stadt, Stadtrat
und Grosser Stadtrat, für den Rest der am 31. Dezember 1892
zu Ende gehenden Lebensdauer der alten Stadtverwaltung noch-
mals gewählt worden. Mitglieder des letzten Stadtrates der alten
Stadt waren Pestalozzi, Koller, Schwarz, Ulrich, Baltensberger,
Meyer, Schlatter; Präsident des letzten Grossen Stadtrates Dr.
J. Ryf. Der Stadtrat und der Grosse Stadtrat für die erweiterte
Stadt Zürich wurden gewählt am 21. August 1892. Als Stadtrat
erhielt Hans Pestalozzi 12,281 Stimmen (das Maximum), als
Stadtpräsident 10,438 Stimmen. Neben ihm waren Mitglieder
des Stadtrates der erweiterten Stadt: Dr. Paul Usteri, August
Koller, Johannes Schneider, Heinrich Walcher, Johann Caspar
Grob, EHas Hasler, Benjamin Fritschi-Zinggeler, Jakob Vogel-
sanger.
Stadtrat Usteri ist, wie bereits erwähnt, 1896 zurückge-
treten. Es folgte ihm am 21. Juiü 1896 Stadtingenieur Johannes
Süss, welcher 1904 zurücktrat (f 8. Februar 1904). Süss hatte
als Stadtratskandidat gesiegt über den von einer frondierenden
Richtung der Freisinnigen portierten Obersten Ulrich Wille, der
damals mit dem Bimdesrat in einen Kompetenzkonflikt geraten
und aus dem eidgenössischen Dienst ausgetreten war. Auch bei
der Nationalratswahl vom 25. Oktober 1896 unterlag seine Kan-
didatur, und es siegte im dritten Wahlgang Schäppi über Wille
und Greuhch. — An die Stelle von Stadtrat Süss wählte am
31. Januar 1904 die Gemeinde Dr. jur. Heinrich Mousson (geb.
1866). Auf den Vorschlag des ,, Gemeinde Vereins für das vereinigte
256 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
Zürich" am 24. April 1898 zum Mitglied des Grossen Stadtrates
gewählt, 1904 Stadtrat, 1905 Kantonsrat geworden, trat Mousson
1912 in den Regierungsrat über. Sein Stadtratsmandat erhielt
am 3. März 1912 Dr. jur. Arnold Bosshardt, der aus einfachen
bürgerlichen Verhältnissen stammt. Er wurde geboren am 9. März
1 871 in Aarau als Sohn des Baumeisters Arnold Bosshardt von
Zürich. Nach Absolvierung des Gymnasiums in Zürich machte
er seine juristischen Studien an den Universitäten von Genf,
Freiburg i. B., Leipzig imd doktorierte in Zürich. Nach kurzer
Betätigung als Auditor am Bezirksgericht Pfäffikon wurde er im
Mai 1897 vom Regierungsrat zum Sekretär- Stellvertreter der
Finanzdirektion, Abteilung Steuerwesen, gewählt. Im Jahre 1899
übertrug ihm der Regierungsrat die Stelle des Sekretärs der
Direktion des Innern und des Armen wesens. 1907 wurde Dr. Boss-
hardt als Nachfolger von Dr. Klöti Sekretär der Baudirektion;
1908 übertrug ihm der Verw^altimgsrat der Elektrizitätswerke
des Kantons Zürich auch das Sekretariat dieser Behörde. Auf
die Anregung von Dr. Bosshardt wurde 1900 das ,, Schweize-
rische Zentralblatt für Staats- und Gemeindeverwaltung" ge-
gründet. Zusammen mit Dr. C. A. Schmid und Pfarrer Wild rief
er die ständige Kommission der schweizerischen Armenpfleger-
konferenz ins Leben, der er auch als Präsident vorstand; zugleich
war er Vorsitzender des 600 Mitglieder zählenden Vereins der
Staatsbeamten des Kantons Zürich. Dr. Bosshardt verwaltet seit
seiner Wahl das städtische Schulwesen.
August Koller, frülier Lehrer an der Knabenprimarschule und
an der Mädchenschule, war Steuervorstand im alten Stadtrat und
bekleidete das nämhche Amt im neuen. Er starb, erst 53 Jahre
alt, am 15. November 1896. — Ihn ersetzte am 6. Dezember 1896
Redaktor Robert Billeter von der ,, Neuen Zürcher Zeitung".
Nach drei Jahren ging derselbe zur ,, Schweizerischen Kredit-
anstalt" über, und es wurde an seine Stelle am 18. Februar 1900
gewählt Bezirksrichter Robert Welti. Bei den Erneuerungswahlen
am 21. April 1907 von dem Jüngern Mitbewerber Klöti überholt,
trat auch Welti in die Direktion der Kreditanstalt ein. Dr. jur.
Emil Klöti, geb. den 17. Oktober 1877 in Winterthur, besuchte
die dortige Volksschule und das Gymnasium, bestand 1896 das
Maturitätsexamen und widmete sich von 1896 bis 1900 dem
o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 257
Studium der Rechtswissenschaft imd der Nationalökonomie. Er
erwarb den Doktortitel 1900 an der Universität Zürich mit einer
Dissertation über die Proportionalwahl in der Schweiz, die zu den
grundlegenden Arbeiten über diese Frage gehört. Im Herbst 1900
wurde Klöti zum II. Sekretär des kantonalen Steueramtes, im
Mai 1902 zum Sekretär der Direktion der öffentlichen Bauten
gewählt. Klöti war von 1907 bis 1909 Vorstand des Steuerwesens,
von 1909 bis Frühjahr 1910 Vorstand des Finanzwesens und seit
1910 Vorstand des Bauwesens I.
Johannes Schneider, geb. 1847 als Sohn kleiner Bauersleute
in Zumikon, bildete sich auf dem Bureau von Dr. A. Schnei-
der, dem spätem Professor, zum Rechtsagenten aus, beteiligte
sich an der demokratischen Bewegung von 1867, wurde Gemeinde-
rat in Riesbach und Kantonsrat und galt als eine Stütze des sog.
,, Riesbacher Rings". Nach dem Zusammenbruch dieses Regi-
ments führte Schneider als Gemeindepräsident die Verwaltung
der Gemeinde in die Bahnen solider und ernsthafter Wirtschaft
zurück. Bekannt sind seine Verdienste um das Zustandekommen
der rechtsufrigen Zürichseebahn, der Strassenbahn, der Quai-
anlagen. Die Bevölkerung von ganz Zürich hat ihm die Erhaltung
eines Juwels zu danken: die Energie Schneiders hat es durch-
gesetzt, dass der Staat das Zürichhom um einen massigen Preis
der Gemeinde Riesbach verkaufte, statt um eine höhere Summe
an einen Privaten, und so dem lieblichen Platz der Charakter
einer öffenthchen Anlage gewahrt wurde. Nach langem Leiden
starb Schneider am 29. März 1897. — Am 25. April 1897 wurde
zum Stadtrat gewählt der damahge Direktor der Landwirtschaft-
lichen Schule im Strickhof, Jakob Lutz, der 1901 zum Regierungs-
rat vorrückte. Bei dieser Gelegenheit trat am 24. November 1901
Robert Billeter wieder in den Stadtrat ein.
Heinrich Walcher, der frühere Gemeindepräsident von Ausser-
sihl, der Schulter an Schulter mit Fritschi-Zinggeler die Vereinigung
durchgekämpft hatte, trat 1898 aus dem Stadtrat zurück und
starb am 18. Mai 1901 in stiller Zurückgezogenheit. Sein Nach-
folger wurde zunächst Architekt E. J . Müller (gewählt am 24. April
1898, nicht mehr bestätigt 1901) und dann am 21. April 1901
Stadtschreiber Heinrich Wyss. Geboren 1854, stammt Wyss — wie
alle lebenden MitgHeder des Geschlechts — von dem altern Bürger-
17
258 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
meister Da\dd v. Wyss (1737 — 1815) ab. Dessen einer Sohn war
der jüngere Bürgermeister David von W^^ss, Vater von Georg
von W^'ss und Friedrich von Wyss. Ein zweiter Sohn des altern
Bürgermeisters David von Wyss war der Kaufmann Melchior
von Wyss; dessen Sohn Oberrichter Moritz von Wyss {'\2^. Januar
1903) war der Vater des Stadtschreibers Heinrich Wyss, der für
sich das Adelsprädikat abgelegt und sich der sozialdemokratischen
Partei angeschlossen hat. Sein Grossvater mütterhcherseits war
Dr. med. Hans Konrad Rahn, einer der Führer der 1839 er Bewe-
gung. Heinrich W5^ss studierte in Zürich und Göttingen die Rechte,
wurde 1875 Substitut des Bezirksgerichtsschreibers in Zürich,
1878 Mitglied des Bezirksgerichts. Zehn Jahre später trat er als
Sekretär der Bauverwaltung und Substitut des Stadtschreibers
in den Dienst der Stadt. An den Arbeiten für die Stadtvereinigung
beteiUgte er sich als MitgHed der Abgeordnetenversammlung.
Zum Stadtschreiber wurde er am 8. September 1892 gewählt.
Nebenher hatte er auch der Stadtschulpflege der alten Stadt, seit
1889 als Ersatzmann, von 1901 bis 1904 als MitgHed dem Kas-
sationsgericht angehört. Im Stadtrat leitete Wyss neun Jahre
lang die erste Abteilung des Bauwesens und am Schluss noch kurze
Zeit das Finanzwesen. Der Kantonsrat wählte ihn am 23. August
1910 zum Mitglied des Obergerichts; doch blieb Wyss als Mit-
gHed des Grossen Stadtrates, dessen Präsident er 1913/14 war,
mit der Stadtverwaltung in Verbindung. — Als Nachfolger von
Heinrich Wj^ss im Stadtrat wurde am 23. Oktober 1910 im zweiten
Wahlgang Pfarrer Paul Pflüger gewählt. Er ist geboren am
3. Januar 1865 als Sohn eines Missionars in BrasiHen und studierte
von 1883 bis 1887 Philosophie, Theologie tmd Jurisprudenz in
Basel, Lausanne und Zürich. Von 1887 bis 1897 wirkte er als
Pfarrer in Dussnang (Kt. Thurgau). Am 14. November 1897
wurde er nach lebhaftem Wahlkampf, an dem sich auch die sozial-
demokratische Partei zugunsten Pflügers beteiligte, zum Pfarrer
in Aussersihl gewählt. Im Jahre 1900 wurde Pflüger in den Kan-
tonsrat, 1901 in den Grossen vStadtrat gewählt. Im Stadtrat über-
trugen ihm seine Kollegen die Verwaltimg des Vormundschafts-
und Armen Wesens.
Johann Caspar Grob, geb. 1841 in der Gemeinde Maschwanden,
widmete sich dem Lehrerberuf, wirkte in Unterstrass, dann vier
^aicob ^ogelsanger
T>X T. Crismann
^r (SmJl9Cföti gfans cr(aegefi
Sfadfrdfe
o XXXVIII. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT PESTAI^OZZI 259
Jahre als Rektor der Höhern Töchterschule in Aarau und wurde
im Jahr 1876 zum Sekretär der zürcherischen Erziehungsdirek-
tion berufen. Im Stadtrat tat er Grosses für das städtische Schul-
wesen und für gemeinnützige Bestrebungen aller Art; im Kan-
tonsrat machte er sich besonders verdient als Kommissionspräsi-
dent für das Schulgesetz. Caspar Grob starb nach längerem
Leiden an einem Herzschlag am 21. Oktober igoi. — Die ent-
standene Ivücke wurde ausgefüllt durch Professor Dr. Friedrich
Erismann (gewählt am 24. November igoi). Er wurde am 24. No-
vember 1842 geboren in Gontenschwil, Kanton Aargau, wo sein
Vater damals Pfarrer war. Sein späterer Bildungsgang führte ihn
an die Kantonsschule in Aarau und nach abgelegter Maturitäts-
prüfung zunächst an die medizinische Fakultät der Universität
Zürich, sodann nach Würzburg, Prag und zurück nach Zürich.
Hier widmete sich Erismann nach Absolvierung seiner Studien
und des Staatsexamens im Kanton Aargau speziell der Augen-
heilkunde und versah während zwei Jahren (1865 bis 1867) die
Assistentenstelle bei dem berühmten Ophthalmologen Professor
Horner. Nachdem er im Jahre 1867 sich den Doktortitel er-
worben hatte, wandte er sich behufs weiterer Ausbildung in sei-
ner Spezialität nach Heidelberg, Berlin und Wien. 1869 Hess er
sich als praktischer Augenarzt in St. Petersburg nieder und
wandte sich später ganz der Hygiene zu. Im russisch-türkischen
Krieg 1877 leitete er als Chef einer Sanitätskommission die Des-
infektionsarbeiten auf Schlachtfeldern, in Kriegsspitälern und
Wohnstätten im Gebiete des ausgedehnten Kriegsschauplatzes.
Am 12. Dezember 1881 wurde Erismann zum Professor der
Hygiene an der Universität Moskau ernannt. Mehrmaliges Ein-
treten zugunsten der Studenten bei sogenannten Studenten-
unruhen führte zu Differenzen, die nach und nach seine Stel-
limg erschütterten. Im Sommer 1896, während er in der Schweiz
in Urlaub war, erhielt er die unerwartete Nachricht, dass der
Unterrichtsminister durch eine geheime Verfügung seine Ent-
lassung von der Professur ausgesprochen habe. Er siedelte mit
seiner Familie nach der Schweiz über und Hess sich in Zürich
nieder. Am 24. April 1898 wurde er als MitgHed des Grossen
Stadtrates gewählt, am i. April 1900 als Mitglied der Bezirks-
schulpflege, am 16. April 1901 als Mitglied der Zentralschulpflege.
26o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
Im Stadtrat wurde Erismann als Vorstand des Gesundheitswesens
bezeichnet und verbHeb seither in dieser Stellung.
Der frühere Gemeindeschreiber von Enge, Elias Hasler,
wurde nach seinem Rücktritt aus dem Stadtrat ersetzt durch
Hans Naegeli. Der letztere wurde geboren am 31. Januar 1865
zu Nuolen im Kanton Schwyz. Nachdem die Familie wieder in
ilire Heimatstadt Zürich zurückgekehrt, durchlief er hier die Pri-
marschule tmd das damals noch bestehende dreiklassige städ-
tische Realgymnasium. Dann folgte der Besuch des kantonalen
Gymnasiums. Im Herbst 1883 bezog Naegeli die Universität
Zürich zum Studium der Theologie. Nach Beendigung der Prü-
fungen und einem kurzen Aufenthalt in Deutschland bekleidete
er einige Monate das Amt eines kantonalen Hilfspredigers und
versah in den Jahren 1889 und 1890 die Stelle eines Pfarrvikars
in Neumünster. Auf Beginn des Jahres 1891 trat er in den Ver-
waltungsdienst über imd amtete bis zur Vereinigung der Ausge-
memden mit der Altstadt als Aktuar der Stadtschulpflege imter
Schulpräsident Paul Hirzel. Dann wählte ihn der Stadtrat zum
I. Sekretär der bürgerlichen Verwalttmg, der die bürgerliche Armen-
pflege, die Forstverwaltung und die bürgerlichen Güter und Stif-
tungen zugeteilt waren. Nach Aufhebimg dieser Verwaltimgs-
abteüung, die Ende 1895 notwendig wurde, damit aus dem über-
lasteten Bauwesen zwei Abteilungen gebildet werden konnten,
und nachdem die bürgerliche Armenpflege dem Stadtpräsidenten,
die übrige bürgerliche Verwaltung dem Finanzvorstande über-
tragen worden war, bHeb er unter Stadtpräsident Pestalozzi als
I. Sekretär der Armenpflege tätig, bis er auf i. Januar 1901
vom Stadtrate als Nachfolger von Erziehungssekretär Dr. F. Zol-
linger zum I. Schulsekretär gewählt wurde. Daneben bekleidete
er seit 1893 das Sekretariat der Waisenhauspflege. 1895 — 1901
gehörte Naegeli der Kreisschulpflege V, 1898 — 1901 der Zentral-
schulpflege als Mitglied an. Am 21. April 1907 wurde er in den
Stadtrat gewählt und erhielt das Vormundschaftswesen zugeteilt,
dem sich im Herbst infolge Revision der Gemeindeordnung auch
noch das bürgerliche Armenwesen beigesellte. Im Oktober 1910
übernahm Naegeli das durch den Übertritt von Stadtrat Wyss
ins Obergericht freigewordene Finanzwesen, dem er heute noch
vorsteht.
o XXXVIII. KAPITEIv: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 261
Benjamin Fritschi ist 1914 zurückgetreten. Hans Kern, sein
Nachfolger, gewählt am 29. März 1914, ist ein Bürger der ehe-
maUgen Gemeinde Riesbach. Geboren am 5. Februar 1867,
durchhef er die Volksschule und das Gymnasium in Zürich und
studierte 1885 — 1890 an den Universitäten Zürich und Berlin
Jurisprudenz, Nationalökonomie, Finanzwissenschaft tmd Sta-
tistik. Am I. Juli 1891 wurde Kern zum Vorsteher des kantonalen
Bureaus für Fabrik- und Haftpflichtwesen ernannt, womit die Stelle
eines kantonalen Fabrikinspektors verbunden ist. Er bekleidete
dieses Amt bis 1898 und war daneben auch MitgHed verschiedener
Schulbehörden. Mitglied des Bezirksgerichtes Zürich war Kern
vom I. Januar 1899 bis i. August 1906. Seit dieser Zeit lei-
tete er als kaufmännischer Direktor die Firma Löhle & Kern,
A.-G. für Eisenbau, in Zürich. Dem Grossen Stadtrat gehörte
er seit der Stadtvereinigung an und präsidierte diese Behörde
1909/10. In den Jahren 1895/96 war er Mitglied des Kantons-
rates; 1902 neuerdings gewählt, ist er bis heute Mitglied desselben.
Als eifriger Müitär absolvierte Kern in den Jahren 1885 bis 1887
die kriegswissenschaftliche Abteilung des eidgenössischen Poly-
technikums. Seit 31. Dezember 1909 bekleidet er den Rang eines
Oberstleutnants der Infanterie und kommandiert zurzeit das In-
fanterie-Regiment Nr. 27, das sog. Stadtregiment.
An die Stelle des verstorbenen Stadtpräsidenten Hans Pesta-
lozzi wurde am 22. August 1909 zum MitgHed des Stadtrates ge-
wählt Oberst Emil SchneebeH (geb. 1854 zu Affoltern a. A.), der
sich 1914 aus Gesundheitsrücksichten leider zum Rücktritt ge-
nötigt sah (t 19. Oktober 1914). Sein Nachfolger, Dr. jur. Adolf
Streuli, ist geboren am 25. August 1868 als Sohn einer Bauern-
famiHe in Horgen. Er machte eine mehrjährige Notariatslehre
durch, an die sich das Universitätsstudium anschloss. 1890 er-
warb er das Notariatspatent und begab sich für ein Jahr nach
Paris, wo er als Volontär auf einem der schweizerischen Gesandt-
schaft attachierten Anwaltsbureau tätig war. Noch in Paris er-
hielt er eine Stellung bei der Zürcher Kantonalbank. Sodann
wirkte er drei Jahre als Substitut im Stadtnotariat. Von 1893 bis
1897 amtete er als Bezirksanwalt; dann zwei Jahre als Rechts-
konsulent bei einer zürcherischen Versicherungsanstalt. Während
dieser Zeit bestand er das Rechtsanwaltsexamen. Hierauf nahm er
262 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
seine Studien, speziell der wirtschaftspolitischen Fächer, wieder
auf und promovierte 1902, als Schüler Herkners, mit der damals
viel beachteten Dissertation über ,,Die Zürcher Liegenschaften-
krise". 1899 erfolgte seine Wahl zum Handelsregisterführer; igo6
kam dazu noch die Stellvertretimg im Börsenkommissariat, 1914
das Amt eines Bankrates der Kantonalbank. Dem Grossen Stadt-
rat gehörte StreuH seit 1907 an. Die unbestrittene Wahl zum
Stadtrat, in dem er das Steuerwesen verwaltet, erfolgte am 6. Sep-
tember 1914.
Jakob Vogelsanger, das letzte noch im Amt stehende Mit-
glied des am 21. August 1892 für das vereinigte Zürich erstmals
gewählten Stadtrates, wurde geboren als Sohn einfacher lyandleute
am I. Juli 1849 in dem schaffhausischen Randendorfe Beggingen.
Er kam 1856 nach Zürich, besuchte hier die Schulen, nahm teil
an allen sich bietenden Fortbildungsgelegenheiten und pflegte
eifrig das Selbststudium insbesondere auf dem Gebiete der Ver-
fassimgs- und Rechtskunde und der sozialen Fragen. Die demo-
kratische Revisionsbewegung von 1867 lenkte mächtig sein In-
teresse dem öffentlichen Leben zu. Mit 18 Jahren schloss er sich
dem Schweizerischen Grütlivereine an, dessen publizistischer
Führer er später während vieler Jahre gewesen ist. 1870 trat er
zur Journalistik über, übernahm die Parlamentsberichterstattung
für die ,,Bemer Tagespost" über die Bundesrevisionsverhandlungen
der eidgenössischen Räte und beteihgte sich unter Allemann, dem
nachmaligen Herausgeber des ,, Argentinischen Wochenblattes", an
der Redaktion des damals in Bern erschienenen ,,Grütlianer".
1875 zog ihn Bleuler-Hausheer, dem der Grütliverein die Re-
daktion des Vereinsorgans übertragen hatte, nach Winterthur, wo
er neben Bleuler und Reinhold Rüegg am ,, Landboten" und dem
„Grütlianer" mitarbeitete und 1878 die selbständige Leitung des
letztern zugewiesen erhielt. Die Führung des ,, Grütlianer" be-
hielt er, jeweilen den wechselnden Druckorten folgend (Winter-
thur, Bern, Chur, Zürich), bei bis 1892. In Chur war er während
sechs Jahren Mitglied des Grossen Stadtrates. 1890 erfolgte die
Rückkehr nach Zürich, wo ihn 1891 Oberstrass in den Gemeinde-
rat und die Sekundarschulpflege und in die Abgeordnetenversamm-
limg für Neu-Zürich, 1892 in den Kantonsrat wählte und ihm das
Bürgerrecht verlieh. In der Abgeordnetenversammlung war Vogel-
ßof}. Bernhard Spyri
Or. Gugen Gscker
gfeinncß C^yss "Dr. ^ud. O^offinger
Stadtscßrefber von Zürich
o XXXVIII. KAPITEIv: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 263
sanger Mitglied der XXIer Kommission für Vorberatung der
Gemeindeordnung. Im Stadtrat stand er bis 1898 dem Polizei-,
dann bis i. Dezember 1901 dem Gesundheits-, darauf bis Frühjahr
1907 dem Vormundschafts- und seither dem Polizeiwesen vor. Von
1890 bis 1905 war Vogelsanger als Vertreter des I. eidgenössischen
Wahlkreises auch Mitglied des schweizerischen Nationalrates.
In der Reihe der Stadtschreiber von Zürich ist Dr. jur.
Rudolf Bollinger der achte. Es sind ihm vorangegangen: Hans
Heinrich Hofmeister, gewählt 1803, Johannes Nüscheler 1830,
Heinrich Gysi-Schinz 1839, Dr. Eugen Escher 1856, Johann
Bernhard Spyri 1868, Dr. Paul Usteri 1885 und Heinrich Wyss
1892, dem am 29. Mai 1901 Dr. Bollinger folgte. Er ist ge-
boren am 7. Juni 1856 in Zürich, besuchte hier die Volksschule
und das Gymnasium, studierte an den Universitäten Zürich,
lyeipzig und Berlin die Rechtswissenschaft, promovierte 1885 mit
einer Arbeit ,,Zur Revision der Lehre von der Klagänderung".
Schon vorher stand Dr. Bollinger in der Praxis als stellvertretender
Untersuchimgsrichter und Substitut des Bezirksgerichtsschreibers
m Winterthur. Er wurde sodann im Dezember 1886 zum Sekretär
des Freiwilligen Armenvereins in Zürich gewählt und blieb lange
Jahre hindurch Berufsarmenpfleger, seit 1895 als Generalsekretär
der Freiwilligen und Einwohnerarmenpflege in Zürich. Als Ver-
treter der freisinnigen Partei war Dr. Bollinger von 1891 — 1894
Mitglied des Kantonsrates und Grossen Stadtrates. Seine Wahl
zum Stadtschreiber als Nachfolger von Stadtrat Heinrich Wyss
erfolgte am 29. Mai 1901. Es verdient besonders hervorgehoben
zu werden, dass Stadtschreiber Dr. Bollinger in den letzten Jahren
mit grosser Energie imd Sachkenntnis für entschlossene Mass-
nahmen gegen die Überfremdung der Schweiz tätig war und auch
Vorsitzender der interkantonalen sog. ,, Neunerkommission" ist,
die sich das Studium dieser Frage zur Pflicht gemacht hat. Dr. Bol-
linger wurde zu dieser Stellung geführt durch seine vieljährigen
Erfahrungen als Berufsarmenpfleger und Einbürgerungsbeamter.
Wir kehren zum Beginn der Stadtverwaltmig des vereinigten
Zürich zurück. Nach der Wahl des neungliedrigen Stadtrates am
21. August 1892 amteten nun während des grössern Teils dieses
Jahres Stadtrat und Grosser Stadtrat der alten und der neuen
Stadt Zürich nebeneinander, und das ,, Tagblatt" und städtische
264 XXXVIII. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
Amtsblatt brachte stets zweierlei Rubriken amtlicher Anzeigen :
,, Stadt Zürich" und „Erweiterte Stadt Zürich". Der neue Stadt-
rat konstituierte sich am 30. August und wählte Fritschi zum
Vizepräsidenten; der neue Grosse Stadtrat, 118 Mitgheder stark,
setzte sich zusammen aus 64 Freismnigen, 34 Demokraten, 13 So-
zialdemokraten und 7 Konservativen. Er konstituierte sich am
17. September imd übertrug das Präsidium Dr. Conrad Escher.
Am 4. September erfolgte die Wahl der Zentralschulpflege, der
Friedensrichter, Betreibungsbeamten, am 25. September die-
jenige der Kreisschulpflegen. Viele Reden begleiteten im Sihl-
hölzH beim letzten Knabenschiessen des alten Zürich am 22. August
1892 den Übergang aus der alten in die neue Zeit, tmd es
dauerte Jahre, bis (am 27.728. August 1899) die schöne Insti-
tution im neuen Zürich wieder auferstand. Die letzte Gemeinde-
versammlung des alten Zürich fand statt am 11. Dezember 1892
in der St. Peterskirche. Hiebei schenkte die Bürgergemeinde dem
Kapellmeister Lothar Kempter das Bürgerrecht imd ermächtigte
den Stadtrat, den im Gebiet der erweiterten Stadt Zürich woh-
nenden Beamten, Lehrern, Angestellten tmd Arbeitern schweize-
rischer Nationalität, welche seit Mai 1889 der Stadtverwaltung
gedient hatten imd ins Bürgerrecht aufgenommen zu werden
wünschten, die Einkaufssumme zu erlassen. (Hievon machten 176
Petenten Gebrauch). Der alte Grosse Stadtrat, am 29. Dezember
1892 im Linth-Escherschulhaus unter dem Vorsitz seines Vize-
präsidenten Dr. Rud. Spöndlin zu seiner letzten Sitzung versam-
melt, votierte eine Dankesurkunde an die Mitglieder des ab-
tretenden Stadtrates. Der alte Stadtrat seinerseits schloss am
30. Dezember seine Tätigkeit mit der Schenkung des Bürgerrechts
an Professor Jakob Baechtold, Professor Erwin Zschokke und
Konsul Heinrich Angst. Hierauf machte er endgültig dem neuen
Stadtrat Platz, welcher unter dem i. Januar 1893, d. h. beim
tatsächlichen und rechtlichen Beginn der neuen Stadtverwaltung,
im ,, Tagblatt" einen warmen Appell an die ,, lieben Mitbürger"
richtete. Seine eigentliche und imwidersprechliche Sanktion
durch die Bevölkerung erhielt der neue Stand der Dinge aber
doch erst, als einmal das erste Sechseläuten von Gross-Zürich
darüber gegangen war. Das geschah am 17. April 1893. An diesem
Tage, nach der Mittagstafel, versammelten sich sämtliche Zünfte
5
i
o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 265
mit ihren Musikkorps auf dem altehrwürdigen Lindenhof, der im
Laufe der Jahrhunderte schon so manchen feierHchen Aufzug
der Zünfte gesehen, jetzt aber wohl eine der imposantesten Volks-
versammlungen umfasste, die je unter dem Laubdach der Linden
getagt. Dirigiert von Lehrer Baur, sang der gewaltige Männerchor
,, Brüder, reicht die Hand zum Bunde". Dann bestieg das Redner-
pult Oberst und Nordostbahn-Direktor Hans Wirz-Nägeli, unter
dessen Vorsitz der Kantonsrat das Zuteilungsgesetz beraten
hatte. Er entrollte eine sehr interessante Geschichte der Zünfte
und des Sechseläutens und erinnerte u. a. an die erste gemein-
same Versammlung der Zünfte Zürichs auf dem Lindenhof am
Sechseläuten des Jahres 1838. Damals hielten die Zünfte eine Art
Totenfeier um die letzten politischen Vorrechte, welche der Stadt
Zürich durch die Verfassungsrevision des vorhergehenden Jahres
verloren gegangen waren; ,, heute aber dürfen wir mit Freuden
konstatieren, dass dafür der Sinn für Geselligkeit nicht nur keine
Einbusse erlitt, sondern, losgelöst von allem poHtischen Hader,
sich nur um so freier entwickelte. Das halten wir Zünfter hoch;
nach poHtischem Einfluss sehnen wir uns nicht zurück". Mit weit-
schallender Stimme antwortete dem Sprecher der Zünfte als Ver-
treter der zugeteilten Ausgemeinden Direktor Lutz vom Strick-
hof, nachmaliger Stadtrat und Regierungsrat. Mit Nägelis ,, Stehe
fest, o Vaterland" schloss die Feier, und man zog gemeinsam
zum Feuer im ,, Kratz", wo der ,,Bögg" schon tüchtig aus seiner
Tabakpfeife qualmte.
Im Neujahrsblatt des Waisenhauses von 1912, das dem
Stadtpräsidenten Pestalozzi gewidmet war, schrieb dessen Nach-
folger, Stadtpräsident Billeter: ,,Es ist unmöglich, hier die Ent-
wicklung Zürichs seit der Vereinigung zu schildern. Sie ist
sicherer, grosszügiger imd günstiger vor sich gegangen als irgend
jemand zu hoffen gewagt hatte. Die Stadt stellt ein durchaus
festgefügtes, kräftiges und leistungsfähiges Gemeinwesen dar. Was
man am meisten befürchtete, die Erschütterung der Finanzen,
ist nicht eingetreten, und wenn diese auch gespannt waren, was
angesichts der gewaltigen Aufgaben der Gemeinde nicht ver-
wunderlich ist, so hat ihr Kredit sich dennoch befestigt, das beste
Zeichen allgemeinen Vertrauens. Pestalozzi hat dieser Auffassung
in einem Vortrage Ausdruck gegeben, den er zehn Jahre nach
266 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
der Vereinigung im Verein städtischer Beamter imd Angestellter
über die Entwickltmg des Gemeinwesens hielt (es war dies am
23. August 1902, vgl. „N. Z. Z." Nr. 243 ff.).
„Im November 1906 veranstaltete der Stadtrat eine seinen
Wünschen und seiner Art entsprechende kleine Feier zu Ehren der
fünfundzwanzigjährigen Wirksamkeit Hans Pestalozzis im Stadt-
rat von Zürich. Herzliche Freude machte ihm die ihm vom Stadt-
rat nebst einer Urkunde überreichte, eigens erstellte Wappen-
scheibe. Im Kantonsrat, dessen Vorsitz er 1901/02 inne hatte,
nahm er mit Eifer und Interesse an den Verhandlungen teil. Die
Beratimg des Zuteilungsgesetzes am Anfang und die Vorbereitung
des Baues der neuen Hochschulgebäude am Ende seiner Wirk-
samkeit im Rate gaben ihm besondem Anlass zu emsiger Arbeit.
Er war Präsident der Kommission, die die wichtigen und um-
fangreichen Vorlagen des Regierungsrates wegen der Ablösung der
Pflicht des Kantons, für das eidgenössische Polytechnikum die
Gebäude zu erstellen, und wegen des Baues der neuen Hoch-
schulgebäude vorzubereiten hatte. Als Dr. Römer 1890 aus dem
Nationalrat schied, wurde Pestalozzi auch hier sein Nachfolger.
Er nahm 1905 seinen Rücktritt wegen seiner Wahl in den Ver-
waltimgsrat der Bundesbahnen, dessen zahlreiche Sitzungen ihn
so sehr in Anspruch nahmen, dass er dem einen oder andern
Ehrenamte entsagen musste. Frohe Tage, die ihn mit stolzer
Genugtuimg erfüllen mussten, brachte der Juni 1898. Am 24. — 26.
dieses Monats fand mit grossen Festen die Eröffnung des Schweize-
rischen Landesmuseums statt, in Gegenwart des Bimdesrates und
der Bundesversammlung. Als Präsident der Landesmuseumskom-
mission hatte er schwierige und verantwortungsvolle Tage hinter
sich. Die Städte imd grössern Orte verdanken Pestalozzi die An-
regung zur Gründung des Schweizerischen Städteverbandes. Er
brachte sie während der Landesausstellung in Genf vom Jahre
1896 vor. Im folgenden Jahre fand dann in Zürich die Konsti-
tuierung und erste Versammlung des Verbandes statt. Beson-
dere Ehrung gebülirt Pestalozzi für sein Wirken im schweize-
rischen Verein vom Roten Kreuz. Er war seit 1890 Mitglied und
Präsident des Vorstandes des Zweig Vereins Zürich, den er nach-
drückhch förderte. Unter seiner Leitimg wurde die Sammlung
für die Verwundeten im südafrikanischen Kriege von 1900 an die
o XXXVIII. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 267
Hand genommen und mater seiner Mitwirkung die weit umfassende
Hilfeleistung für die Opfer des Erdbebens in Süditalien von 1908
durchgefülirt. Im Mai 1908 übernahm Pestalozzi das Präsidium
des Schweizerischen Vereins vom Roten Kreuz. Am 12. und 13. Juni
1909 leitete er noch die Delegiertenversammlung im Rathaus
in Zürich. Zwei Tage darauf, am 15. Juni, raffte ihn der Tod
plötzlich vom Feld der Arbeit hinweg."
Das Leichenbegängnis Pestalozzis am 17. Juni gehörte zu
den grossartigsten, die Zürich je gesehen. Die kirchliche Feier
fand im Fraumünster statt. Die Leichenpredigt hielt Pfarrer
Ludwig Pestalozzi vom Grossmünster, selber auch ein müder
Mann, den bald die Grabesruhe umfangen sollte. Galten die
sympathischen Worte des Predigers vor allem der Persönlichkeit
des Verstorbenen und seinem durch manchen intimen Zug gekenn-
zeichneten, wahrhaft vornehmen und achtunggebietenden Wesen,
so schilderten alsdann im Namen der städtischen Behörden Stadt-
rat Billeter und der Präsident des Grossen Stadtrates, Dr. Schmid,
das reiche Wirken imd Arbeiten des bis zum Tode pflichtge-
treuen obersten Magistraten der Stadt. Im Zug, der hernach
unter leichtem Gewitterregen zum Friedhof aufbrach, wurden etwa
3000 Teilnehmer, zwei Musikkorps und 54 Fahnen von Zünften,
Vereinen und Studenten gezählt. Das nimmer rastende, ruhelos
hastende Leben der Grosstadt schien einen Augenblick zu pau-
sieren, als man den Stadtpräsidenten zum Friedhof geleitete.
Tram- und Wagenverkehr stockte vollständig in den Strassen, die
der Leichenkondukt passierte; wie eine Mauer stand das Volk in
ehrfurchtsvollem Schw^eigen dem Weg entlang, die Maurer und
Zimmerer auf den Baugerüsten hielten in der Arbeit inne, die
Schreiber in den Kontoren eilten zu den Fenstern, Kunden und
Verkäufer drängten sich unter der Ladentür, dann aber, als er
vorüber war, schlugen alsbald die gestauten Wogen des Strassen-
lebens wieder zusammen, und weiter flutete der Strom im alten
Bett, als wäre nichts geschehen. Am reich geschmückten Grabe,
gegenüber von Gottfried Kellers Ruhestätte, sprachen noch im
Namen der Bundesbahnbehörden alt Bundesrat Lachenal und für
den nähern Freimdeskreis Oberst Ulrich Meister. Die Stadt Zürich
stiftete ihrem verehrten Oberhaupt ein Grabmonument als Zeichen
und Sinnbild ihrer Dankbarkeit.
268 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
In die Zeit des Stadtpräsideuten Pestalozzi fiel der Tessiner
Prozess vor den eidgenössischen Assisen im Rathaussaal vom
29. Jimi bis 14. Juli 1891. Der Gerichtshof bestand aus den
Bimdesrichtern Olgiati (Präsident), Morel und Broye, die Anklage
führte Generalanwalt Scherb. Die zwanzig Angeklagten wurden
verteidigt von den Anwälten Forrer, Prof. Zürcher, Dr. Amsler,
Emil Müller, Dr. Kurz und Dr. Weibel. Als am 14. Juli die An-
geklagten freigesprochen wurden, brach im Saal und auf der Tri-
büne ein ungeheurer Jubel los. Anwälte und Angeklagte um-
armten sich mit Freudentränen. Der Tumult wälzte sich die
Treppe hinab und ward auf der Strasse fortgesetzt. Ein viel-
sagendes Echo fanden die Freudenausbrüche des Bürgertums über
den Sieg der Revolution in der sozialdemokratischen Presse. —
FreundUchere Erinnerungen weckt das 700jährige Jubiläum des
ersten eidgenössischen Bundesbriefes von Brunnen vom i. August
1291. Die Hauptfeier am i. August 1891 fand in Schw^^z und auf
dem RütH statt. Durch die reich beflaggte Stadt Zürich bewegte
sich an diesem Tag ein festhcher Zug mit der Stadtmusik ,, Kon-
kordia" an der Spitze zum Münsterhof, wo Pfarrer Bion die Fest-
rede hielt; am Abend gemütUche Vereinigung auf dem Bauschänzli,
Illumination und Höhenbeleuchtimg. Einer Anregung Berns Folge
gebend, hat dann der Bundesrat 1899 die Kantone zu regelmässiger
Abhaltung der Bundesfeier mit Glockengeläute von 8^4 bis 8% Uhr
abends eingeladen; sie fand in dieser Weise zum erstenmal am
I. August 1899 statt.
Die neue Stadt\^erwaltung bedurfte wie die alte eines amt-
lichen Publikationsorgans, als welches wiederum das ,, Tagblatt"
bestimmt wurde; den Vertrag mit der Buchdruckerei Berichthaus
hat die Stadtgemeinde am 10. Dezember 1893 angenommen. —
Das Jahr 1894 sah die schöne kantonale Gewerbeausstellung in
der alten Tonhalle und den daran angeschlossenen umfangreichen
Bauten. Am 15. Juni eröffnet, endigte sie am 16. Oktober mit
einer gelungenen Schlussfeier. — Schwere Ruliestörtmgen er-
eigneten sich in den Tagen vom 26. bis 28. JuH 1896 in Aussersihl.
Sie richteten sich gegen die besonders im untern Industriequartier
und einigen abgelegenen Vierteln zahlreich angesiedelten Italiener,
gegen deren lärmende Gewohnheiten längst eine Misstimmung sich
angesammelt hatte. Verschärft durch wiederholte Stechereien,
o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 269
kam der Unwille zur Entladung, als in der Nacht vom 25.726. Juli
der elsässische Scherenschleifer Remettre an der Brauerstrasse
erstochen wurde. Sonntag abend, den 26. Juli, begannen die
ItaUenerhetzen und das Bombardieren von ItaUenerwirtschaften in
der Gegend der Langstrasse. Am Montag nahmen die Ruhe-
störungen einen so bedroliHchen Charakter an, dass die in der
Kaserne stehende Rekrutenschule ausrücken musste. Die Inter-
nierung von Verhafteten lockte am Dienstag abend den grossen
Haufen der Krawallanten vor die Kaserne, wo ihnen die Rekruten-
schule mit Mühe, aber kaltblütig Stand hielt. Mittwoch vormittag
erging der Generalmarsch in den Dörfern am See, und am Nach-
mittag rückten die Bataillone 70 und 71 und 80 Mann Kavallerie
ein. Der an Wohnungen und MobiHar der ItaUener angerichtete
Schaden wurde auf 8900 Fr. geschätzt. Von den 197 Verhafteten
kamen am 28. September 22 zur gerichtlichen Aburteilung. Der
Krawall von Aussersihl gab Anlass zu weitschichtigen Verhand-
lungen im Grossen Stadtrat und Kantonsrat und zu einer Reihe
polizeilicher und fremdenpolizeihcher Massnahmen. — 108 Ver-
treter aller Stände und Parteien forderten auf zu einer Protest-
versammlung auf dem Münsterhof am 11. Oktober 1896 gegen die
Christenmetzeleien in Armenien; Pfarrer Furrer vom St. Peter
hielt die eindrucksvolle Ansprache. — • Vom 23. bis 28. August
1897 wurde in der Tonhalle der internationale Kongress für
Arbeiter schütz abgehalten.
Am 6. Januar 1900 starb Nationalrat Dr. Cramer-Frey, der
hervorragendste parlamentarische Vertreter der zürcherischen und
ostschweizerischen Handelswelt. Er fand am 28. Januar 1900
seinen würdigen Nachfolger im Sekretär des Schweizerischen
Handels- und Industrie-Vereins, Dr. Alfred Frey (geb. 1859). ^^^
hat am 9. März 1907 der Grosse Stadtrat das Bürgerrecht ge-
schenkt ,,in Ehrung seiner Verdienste um die wirtschaftliche Ent-
wicklung des Kantons und der Stadt Zürich und um die Ordnung
der Handelsvertragsbeziehungen der Schweiz". — Grosses In-
teresse brachte Zürich dem Burengeneral Delarey entgegen, der
in Begleitung des Kommandanten Ferreira und des Pastors Scho-
walter am 27. November 1902 in Zürich eintraf. Bei einem Bankett
im Hotel Bellevue überreichte das Zürcher Burenkomitee (Präsi-
dent Pfarrer Schönholzer, Quästor Direktor Dr. SchärtHn) dem
270 XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o
General einen Check von 100,000 Fr. für die notleidenden Buren. —
Die Stadtbehörden hatten am 10. April 1903 den Besuch von
39 engHschen Bürgermeistern (Lordmayors) und Stadträten, die
im ,,Baur au lac" bewirtet wurden. — Von einer schweren Kata-
strophe am Piz Blas wurde am 26. Juni 1903 die 2. Klasse des
Oberg^-mnasiums betroffen; ilire Opfer waren Professor Gröbli
und die Schüler Ad. Odermatt, B. Hofmann und R. Liebmann. —
Gegen den Wimsch des Stadtpräsidenten Pestalozzi, welcher der
Stadt nicht diese fortwährenden Aufwendungen zumuten wollte,
fanden in Zürich kurz nacheinander drei eidgenössische Feste statt :
das eidgenössische Turnfest vom 18. bis 21. Juli 1903, das eid-
genössische Sängerfest vom 14. bis 18. JuH 1905 und das eid-
genössische Schützenfest vom 7. bis 18. Juh 1907.
Nach jahrelangen, leider vergebhchen Bemühungen ist ein
Versuch, das für Zürichs enormes Wachstum viel zu eng geschnürte
Zuteilungsgesetz vom 9. August 1891 zeitgemäss zu revidieren, in
der Volksabstimmung vom 20. August 1903 gescheitert; es wurde
venA^orfen sowohl das neue Verwaltungsgesetz für die Stadt Zürich,
wie der gesondert vorgelegte Verfassungsartikel 55^^^ der die Ueber-
tragung der LehrenA'ahlen in der Stadt an den Grossen Stadtrat er-
mögÜclien sollte. Den Verhandlungen im Kantonsrat hatten zwei
Initiativen zugrunde gelegen: die ,,behördhche" Initiative des
Grossen Stadtrates und die Initiative von Dr. Wettstein und Ge-
nossen, welche gegenüber der erstem der Gemeindeautonomie
grössern Spielraum gewähren wollte. Die Gemeinde hatte es am
19. August 1900 mit Mehrheit abgelehnt, den Vorschlag Wettstein
dem Kantonsrat als ,, Gemeinde-Initiative" einzureichen. Da aber
die bejahende Minderheit immerhin über 5000 Stimmen zählte,
stritt man sich lange Zeit um die ,, Doktorfrage", ob das nim trotz
Ablehnung durch die Mehrheit eine ,, Gemeinde-Initiative" sei oder
nicht. Der Kantonsrat benutzte für seine Vorlage aus beiden Initia-
tiven, was ihm gut schien. Nachdem die Änderung des Zuteilungs-
gesetzes verunmögUcht war, konnte auch die von der Gemeinde am
8. September 1907 angenommene neue Gemeindeordnung keine
durchgreifenden Neuerungen bringen, da man in bezug auf die
wünschenswertesten Änderungen an das bisherige Gesetz gebunden
blieb. — Am 10. Dezember 1904 beschloss der Grosse Stadtrat die
Schaffimg der Stelle eines Schularztes; vom Stadtrat wurde am
o XXXVIII. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI 271
II. Januar 1905 zum Schularzt gewählt Dr. med. Adolf Kraft.
Durch Beschluss des Grossen Stadtrates vom 12. Oktober 1907
folgte dann noch die Schaffung der Stelle eines Schulzahnarztes
und die Eröffnung einer Schulzahnklinik. Die Bürgergemeinde
verv\^arf am 24. September 1905 eine Vorlage über Erleichterung
der Einbürgerung.
Das eidgenössische Polytechnikum feierte am 29. und 30. Juli
1905 sein 50J ähriges Jubiläum. Ein Festzug, in dem auch ein
Trüpplein Veteranen von 1855 marschierte, bewegte sich am ersten
Tag vom Polytechnikum herab zur Festhalle des eidgenössischen
Sängerfestes auf dem Tonlialleplatz, wo der eigentliche Festakt
mit Reden von Schulratspräsident Dr. Gnehm und Direktor
Dr. Franel stattfand. Beim Festbankett in der Tonhalle sprach
u. a. Bundesrat Forrer. Stadtpräsident Pestalozzi Hess nach einem
warmen Toast durch einen Stadtratsweibel Bürgerrechtsbriefe an
19 Professoren, die seit zehn Jahren und länger am Polytechnikum
wirkten, verteilen. Die wertvollste Erinnerung an das 50jährige
Jubiläum des eidgenössischen Pol5rtechnikums bildet die im Auf-
trag des schweizerischen Schulrates von Professor Wilhelm Oechsli
verfasste, gross angelegte ,, Geschichte der Gründung des eidge-
nössischen Polytechnikums mit einer Übersicht seiner Entwick-
lung 1855 — 1905". Sie erschien in vornehmer Ausstattung als
erster Teil der ,, Festschrift" zum Jubiläum, eines Prachtwerkes,
dessen zweiter Teil, ,,Die bauliche Entwicklung Zürichs in Einzel-
darstellungen, herausgegeben von Mitgliedern des zürcherischen
Ingenieur- und Architektenvereins", eine reiche Fundgrube für
Zürichs Baugeschichte darbietet. Das Werk Oechslis ist ein Aus-
schnitt aus der Geschichte der Schweiz und ihrer geistigen Kultur
in der wichtigsten und interessantesten Periode der neuern Zeit.
Es würde für sich allein dem Verfasser einen ehrenvollen Platz in
der Reihe der schweizerischen Geschichtsschreiber sichern. Aber
wir verdanken ihm noch viel mehr, und am höchsten wird die
Nachwelt unter seinen Schöpfungen wohl die bis jetzt auf zwei
Bände gediehene ,, Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert"
stellen, deren Fortsetzung die gesamte Gelehrten- und Laienwelt
schweizerischer Geschichtsfreunde mit Sehnsucht erwartet. Prof.
Dr. Wilhelm Oechsli ist geboren am 6. Oktober 1851 zu Riesbach.
Er besuchte das Gymnasium in Zürich und studierte an der
272 XXXVIII. KAPITEI/: STADTPRÄSIDENT PESTALOZZI o-
hiesigen Universität Theologie, vertiefte sich aber bald auch in
Literatur luid Geschichte, hörte kunstgeschichtliche Vorlesungen
bei Salomon Vögelin und philosophische bei Fr. A. Lange. Nach
Absolvierung des theologischen Vorexamens 1871, besuchte Oechsli
mehrere deutsche Universitäten und arbeitete u. a. in Mommsens
Seminar in Berlin. 1873 doktorierte er in Zürich mit zwei ge-
schichtlichen Abhandlungen. Nach einer praktischen Lehrtätig-
keit in Frankreich wirkte Oechsli von 1876 bis 1886 als Geschichts-
lehrer an den höheren Schulen Winterthurs und wurde 1887 als
Professor der Schweizergeschichte an das eidgenössische Poly-
technikum berufen. — Von den eidgenössischen Räten wurde in der
Dezembersession 1910 ein Postulat erhebhch erklärt, infolge dessen
das Polytechnikum fortan den Namen ,, Eidgenössische Technische
Hochschule" zu füliren hatte. — Ein grosser Volkstag für die
neue eidgenössische Militärorganisation, an welchem Bundesrat
Forrer die begeisternde Ansprache hielt, wurde am 27. Oktober
1907 auf dem Münsterhof abgehalten. — Am i. Juli 1908, während
man in den Kreisen der Presse Vorbereitungen traf für den am
4. beginnenden schweizerischen Pressetag in Zürich, erschien zum
erstenmal über unserer Stadt ein ZeppeUn-Luftschiff, gefülirt von
dem Grafen ZeppeHn persönHch, der einen freundlichen Karten-
gruss herabsandte. Jauchzende Bewunderung stieg von den
Gassen, Dächern und Türmen der Stadt zu dem Luftschiff empor,
das in majestätischem Fluge nordwärts entschwebte.
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NEUNUNDDREISSIGSTES KAPITEL
KUNST UND LITERATUR
Iimmat- Athen ward Zürich oft genannt; es ist ein altbekannter
^ Musensitz und lässt sich nicht leicht in der Liebe zu den Wissen-
schaften, in der Pflege aller schönen Künste von Städten gleichen
Ranges übertreffen. Vielgestaltig und ausgedehnt sind die Schatz-
kammern von Zürichs geistiger Kultur, aber beklemmend eng der
Raum, der für sie in diesen Blättern zur Verfügung steht. Können
und wollen unsere Aufzeichnungen nirgends Anspruch auf Voll-
ständigkeit erheben, dann gewiss am allerwenigsten in dem Kapitel
über ,, Kunst und Literatur". Wir können nur eben die Tür ein
klein wenig öffnen zu diesem Reich des Schönen und durch den
Spalt einen flüchtigen Blick hineinwerfen.
Mehreren der holden Musen sind im Lauf der letzten Jahr-
zehnte neue Tempel errichtet worden. Zuerst erstand das Stadt-
theater; sieben Vierteljahre nach dem Untergang des alten Aktien-
theaters in der ehemaligen Barfüsserkirche konnte es eröffnet
werden. Für die Besucher der Vorstellung am Neujahrstage 1890
war es keine geringe Überraschung, als während des vierten Aktes
der Präsident der Theater-Aktiengesellschaft, Eisenhändler S. Kis-
ling, plötzlich an die Rampe trat und folgende Worte an das
Publikum richtete: ,,Es kann nicht weiter gespielt werden; die
Vorstellung muss abgebrochen werden. Ich ersuche das Publikum,
das Theater sofort, aber ruhig zu verlassen. Gefahr ist keine vor-
handen." In wenigen Minuten war das Theater geleert, und als
die Leute ins Freie traten, schlugen schon die Flammen zum
Dache hinaus. Zuerst wurde nun für die abgebrannten Künstler
gesorgt — es hatte keiner zu darben — und dann ging man mit
bewunderungswürdiger Energie an das Projekt für ein neues
Theater. Der Bau wurde der Wiener Firma Fellner & Helmer
übertragen. Schon am 30. September 1891 konnte die Eröffnungs-
vorstellung stattfinden, zu welcher Conrad Ferdinand Meyer einen
stimmungsvollen Prolog, Carl Spitteler und Lothar Kempter ein
18
274 XXXIX. KAPITEI/: KUNST UND UTERATUR o
hübsches Festspiel beigesteuert hatten. Eine empfindliche Kon-
kurrenz erwuchs dem Stadttheater durch die in seiner Nachbar-
schaft errichtete, im April 1900 eröffnete Varietebühne des Corso-
theaters. Das 1899 umgebaute Pfauentheater ist zurzeit als Annex
für das Schauspiel dem Stadttheater angegliedert. Auch das
Theater verdankt in der Hauptsache sein Bestehen und Gedeihen
privater Initiative. Die Stadt gewährt ihm Subventionen und hat
als Gegenleistung die regelmässigen Volksvorstellungen zu sehr
niedrigen Preisen ausbedungen. Direktor Alfred Reucker hat
seit längern Jahren das Stadttheater mit solcher Auszeichnung
geführt, dass ihm die Universität Zürich bei ihrer Haus-
weihe 1914 den Ehrendoktorhut verlieh. Derselben Ehre war
bereits am 28. Februar 1911 der musikalische Leiter des Stadt-
theaters, Lothar Kempter, teilhaftig geworden. Geboren 1844 im
Bayrischen, wurde Kempter 1875 erster Kapellmeister am alten
Theater; er übernahm 1879 auch die Leitung der populären Ton-
hallekonzerte, 1886 ein Lehramt an der Musikschule und leitete
von 1906 bis 191 1 den Lehrergesangverein. Zwei Opern Kempters
haben in Zürich ihre Erstaufführung erlebt. Er ist auf den 31. Mai
1915 in den Ruhestand getreten.
Häufige Gäste auf der Bühne des Stadttheaters oder des
,, Pfauen" sind die begeisterten und wohlgeschulten Dilettanten des
,, Dramatischen Vereins Zürich". Er verdankt seine Gründung
dem am 21. November 1899 verstorbenen Gerold Vogel, einem
städtischen Beamten, dessen Vater, Sekretär Friedrich Vogel, sich
die grössten Verdienste um Zürichs Lokalgeschichte erworben hat
durch die Umarbeitung und Fortsetzung von Hans Heinrich
Bluntschlis ,,Memorabilia Tigurina". Dem Andenken Gerold
Vogels ist die pietätvolle Erinneruugsschrift ,,Ein Zünfter von
echtem Schrot und Korn" von Dr. Friedrich Meyer gewidmet.
Der ,, Dramatische Verein", gegründet am 20. Oktober 1855, nannte
sich anfänglich ,,Didascalia" und vollzog am i. März 1866 eine
zweite Konstituierung als ,, Musikalisch-dramatischer Verein".
Seine Geschichte soll eine auf das Jahr 1916 geplante Jubi-
läums-Festschrift veröffentlichen. Zu den Glanztagen des Ver-
eins gehörten die Aufführungen bei der Einweihung des Zwingli-
Denkmals 1885, für dessen Verwirklichung er früher als irgend
jemand tätig war; stiftete er doch schon am 14. Juli 1871 einen
o XXXIX. KAPITEI,: KUNST UND LITERATUR 275
Beitrag von 1000 Franken zu diesem Zweck. Der ,, Dramatische
Verein" hat eine grosse Zahl von Dialekt-Lustspielen zürcherischer
Dichter als Premieren zur Aufführung gebracht; wir nennen nur
die Namen von August Corrodi, Leonhard Steiner, Ulrich Farner,
Wilhelm Niedermann, EmiHe Locher- Werling, J. Wiss-StäheH.
Mit dem Ausbau der Quaianlagen war der alten Tonhalle am
Utoquai das Urteil gesprochen. Das unschöne ehemahge Kornhaus
passte nicht mehr in die neue Umgebung, und ein Umbauprojekt
vom Jahre 1883 wurde wieder fallen gelassen. 1887 veranstaltete
die Quaibaudirektion einen Wettbewerb zur Erlangung von
Plänen für einen Neubau, wobei die Wahl zwischen den beiden
Bauplätzen am alten Ort oder am Alpenquai offen gelassen wurde.
Im Mai 1891 erfolgte die Gründung der Neuen Tonhalle- Gesell-
schaft, und am 12. Juli desselben Jahres entschied sich eine be-
wegte Gemeindeversammlung zu St. Peter nach einem markigen
Votum des Bauherrn Ulrich mit 595 gegen 181 Stimmen für den
Bau am Alpenquai. Den Vertrag mit der Tonhalle- Gesellschaft
über die Abtretung des Platzes und eine »Subvention von 300,000 Fr.
genehmigte der Grosse Stadtrat am 5. Mai 1892. Fellner & Helmer
in Wien, durch den Theaterbau gut eingeführt, erhielten am
4. April 1893 auch den Auftrag für den Neubau der Tonhalle.
Sowohl das Theater wie die Tonhalle sind ,, Pfahlbauten": ersteres
steht auf 1830, letztere auf 2120 Pfählen, die in die Seeauffüllung
eingerammt werden mussten. In den glanzvollen Tagen vom
19. bis 22. Oktober 1895 fand die Eröffnungsfeierlichkeit statt,
eingeleitet durch eine Festouverture von Hegar und eine prächtige
Rede des Präsidenten der Tonhalle-Gesellschaft, alt Pfarrer Frick-
Forrer. Verdiente Ehrung ward auch dem Vorstandspräsidenten
Koch-Vlierboom zuteil, der schon für das Theater, besonders aber
für die Tonhalle seine ungewöhnliche Energie eingesetzt hatte.
Für das erste Konzert im Prunksaal der neuen Tonhalle am 20. Ok-
tober hatte der Gemischte Chor das ,, Triumphlied" von Johannes
Brahms gewählt, und der Meister selbst dirigierte die Aufführung.
Ein Beifallssturm ging durch das Haus, als er erschien ; die Geiger
erhoben sich und klopften mit den Fiedelbogen auf die Noten-
pulte, Sänger und Publikum klatschten und riefen Bravo. Brahms
war den Zürchern kein Unbekannter, und öfters schon hatte Hegar
ihm den Taktstock überlassen; hier in Zürich hat Brahms, der
276 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
eine Zeitlang in einem Bauernhaus an der Kueserstrasse wohnte,
sein „Deutsches Requiem" komponiert, von dem mehrere Teile
nach Manuskript dem Meister im Musiksaal von einem dem Ge-
mischten Chor entnommenen Elitechor unter Hegars Leitung vor-
getragen wurden. In die Leitung der übrigen Eröffnungskonzerte,
an denen auch der Viohnvirtuose Joseph Joachim mitwirkte,
teilten sich Hegar, Attenhofer und Angerer.
Zürich ist die Wiege des schweizerischen Volksgesanges und
speziell des vierstimmigen Männerchors. Hans Georg Nägeli (f 1836)
hat dieser neuen Kunstgattung das Dasein gegeben und damit
eine Unzahl von Gesangvereinen in der ganzen Schweiz und über
ihre Grenzen hinaus zum Leben erweckt (im Jahr 1914 bestanden
in Zürich 95 Sänger\^ereine, darunter 53 Männerchöre). Nägeli
gründete am 2. Oktober 1826 den ..Sängerv'erein der Stadt Zürich"
und lehrte ihn seine Weisen. Eine seiner frühesten Kompositionen
ist das allbekannte ,, Freut euch des Lebens" (Gedicht von Martin
Usteri) ; von ihm sind die vielgesungenen Lieder ,,Goldne Abend-
sonne", ,,Nach der Heimat süsser Stille", ,, Stehe fest, o Vater-
land". In seinem Sinne wirkte weiter ein Hans Ulrich Wehrli,
der Schöpfer des Sempacherliedes ; in Zürich empfing fruchtbare
Anregung J. R. Weber, der Berner ,, Sängervater" (,,Es lebt in
jeder Schweizerbrust"), und sein Sohn Gustav Weber (,, Wald-
weben") hat hier seine Erfolge errungen. Wir könnten noch
nennen Franz Abt (,,Wenn die Schwalben heimwärts ziehn", ,,Die
Abendglocken klingen", ,,Über den Sternen"), Ignaz Heim (,,Wenn
der Schnee von den Alpen niedertaut", ,, Siehst du am Abend die
Wolken ziehn"), Wilhelm Baumgartner (,,0 mein Heimatland",
,,Noch ist die blühende, goldene Zeit") und viele andere. Der
,,Stadtsänger\'erein" oder ,,Nägeliverein" machte verschiedene
Schicksale durch. PoUtische Streitigkeiten infolge des ,,Züri-
putsches" sprengten 1841 einen grossen Teil seiner Mitglieder ab,
die einen neuen Sängerv'^erein, die ,, Harmonie", gründeten und
bald den alten Verein überflügelten, obgleich diesen Wilhelm
Baumgartner leitete. Und noch ein zw'eiter ,, Männerchor" spaltete
sich in den Sechziger] ahren von den ,, Stadtsängern" ab, ver-
einigte sich aber wieder mit ihnen, als Carl Attenhofer die Nach-
folge Baumgartners angetreten hatte, und von da an nannte sich
der Gesamtv^erein ,, Männerchor Zürich". Unter Attenhofers Füh-
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 277
rung gelangte der , ,Männerclior" zu höchster Blüte und schritt
von Sieg zu Sieg. Attenhofer hat die Aufführung grosser Chor-
werke mit Orchesterbegleitung in Zürich eingeführt und fast alle
grossen Chorballaden Friedrich Hegars, die zu den stolzesten Auf-
gaben aller grossen Männergesangvereine deutscher Zunge gehören,
erstmals aufgeführt. Auf mancher Sängerfahrt hat der ,, Männer-
chor" den Ruhm der Zürcher Sangeskunst auch im Ausland ver-
breitet; er war 1879 i^ Strassburg, Frankfurt und Köln, 1888 in
Mailand, wo das deutsche Lied im Scalatheater höchste Triumphe
feierte, 1897 in Augsburg, München und Innsbruck, 1908 in Paris,
das die Sänger im Stadthaus empfing und ihrem Konzert im
Trocaderopalast mit Entzücken lauschte ; auch dem versammelten
Ministerium Clemenceau wurde ein Konzert geboten.
Carl Attenhofer, der populärste schweizerische Liederkomponist,
ist geboren am 5. Mai 1837 i^i Wettingen als Sohn des damaligen
Pächters der Klosterwirtschaft. Er zeigte früh musikalische Be-
gabung und spielte im Kadettenkorps Baden die erste Trompete.
Einen trefflichen Musikunterricht empfing Attenhofer von dem
Seminarlehrer Dr. Daniel Elster, der auch seine Eltern zu be-
stimmen vermochte, ihn für die Musik ausbilden zu lassen. Er
bezog das Konservatorium in Leipzig und lernte dort unter den
Jüngern Mitschülern Friedrich Hegar kennen. Nach seiner Heim-
kehr wurde Attenhofer Musiklehrer im Kloster Muri und 1864
Musikdirektor in Rapperswil. Dort hat er sich mit der glänzenden
Durchführung des XII. Eidgenössischen Sängerfestes 1866 weit-
reichenden Ruhm erworben. Der Männerchor Zürich, der Männer-
chor Aussersihl und der Studentengesangverein bewarben sich um
ihn; er sagte allen dreien zu und siedelte 1867 nach Zürich über.
Fast ein halbes Jahrhundert hindurch hat Attenhofer in Zürich
gewirkt als Leiter von Männerchören in Zürich, Winterthur und
Uster, als Lehrer an der Töchterschule und am Lehrerinnen-
seminar, als Dirigent des Lehrerinnenchors und zusammen mit
Hegar als Direktor des Konservatoriums. ,, Unvergleichlich reich
floss der Quell seiner Lieder und Tonschöpfungen auf volkstüm-
hchem, vaterländischem, romantischem und kirchHchem Gebiet,
in ernster und heiterer Art, in kleinen Liebesliedern und in Messen,
in Chören und Instrumentalmusik." Welchen Wohllaut wecken in
der Erinnerung nur schon die Liedernamen ,,Das weisse Kreuz im
278 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
roten Feld", „Mein Schweizerland, wach auf", ,,Vale carissima",
,,Ein Wanderbursch mit dem Stab in der Hand", ,, Margret am
Tore", ,,Der treue Kamerad". Attenhofers Lieder sind Volksgut
geworden. Auch ihm können die Verse gelten, die Gottfried Keller
seinem Freunde Baumgartner widmete:
,,Lenz- und sommerlang, sein Spiel zur Hand,
Ging er treulich mit dem Vaterland;
Mit dem Vaterland und allen Freien
Ging er stets dem goldnen Licht entgegen;
Freiheit, Licht und Wohlklang, diesen dreien
Galt der Takt von seines Herzens Schlägen."
,, Attenhofers schönste Gabe," sagt Bundi, ,,war die natür-
liche, frisch quellende Erfindung, das gesunde, ungekünstelte Aus-
geben einer warmen, echten Empfindung. Er hat dem Schweizer-
volk so recht nach dem Herzen gesungen, und darum hat es ihn
auch ins Herz geschlossen. Weit im Lande herum blickte man zu
Attenhofer hinauf nicht wie zu einer kalten Berühmtheit, sondern
wie zu einem lieben Freunde." Unübertrefflich war Attenhofer als
Chordirigent; nie werden die Zuhörer des Eidgenössischen Sänger-
festes 1905 in Zürich den Eindruck vergessen, den der von Atten-
hofer geleitete Massenchor von 6000 Sängern auf sie machte. Mit
schwärmerischer Verehrung hingen die Schülerinnen des Semi-
nars an ihm; den Studenten hat er, der immer jung geblieben
war, versprochen, dass der Studentengesangverein der letzte sein
werde, den er abgeben werde. Aus seiner dunkeln Augen Glut
strahlte die Begeisterung für alles Edle und Schöne, die unbezähm-
bare Energie und die tiefe Herzensgüte. Noch war er mit 68 Jahren
nicht alt, als er in weiser Selbstbeschränkung im Jahre 1904 den
Dirigentenstab des Männerchors, den er 38 Jahre hindurch ge-
führt, an eine jüngere Kraft, den hochbegabten modernen Künstler
Volkmar Andreae, abgab. Von den Singstudenten nahm er im
Oktober 1913 Abschied. Seine letzten Kräfte an der Seite seines
Freundes Hegar galten dem Konserv^atorium. Attenhofer und
Hegar, die Dioskuren, wie Gottfried Keller und Conrad Ferdinand
Meyer in der Literatur, die grössten im Reiche der Musik! Noch
im März 1914 schleppte sich Attenhofer im Konservatorium von
Prüfung zu Prüfung; dann brach er zusammen. Am 22. Mai ist
er gestorben. Bei der Trauerfeier im Fraumünster sprachen Prof.
Dr. Arnold Me^^er, Robert Thomann, der Präsident des Männer-
o XXXIX. KAPITEIv: KUNST UND LITERATUR 279
chors, und Rektor Dr. Wilhelm v. Wyss tiefempfundene Worte
des Dankes und der Erinnerung. Hegar dirigierte den Gesang des
Attenhoferschen Liedes mit dem wehmutsvollen Schlüsse: ,,So
treuen Kameraden find' ich wohl nimmermehr!"
Der Sängerverein „Harmonie Zürich" ist am 12. Februar 1841
gegründet worden. Als dritter Dirigent nach W. Krauskopf
(1841 — •1844) und Franz Abt (1844 — 1852) leitete ihn Ignaz Heim
von 1852 bis 1872. In die Anfangsjahre von Heims Zürcher Wirk-
samkeit fiel noch die für Zürich so anregende Tätigkeit Richard
Wagners, des grossen Reformators der Oper und Schöpfers des
Musikdramas. Er war 1849 als Flüchtling von Dresden gekommen
und blieb mit kurzen Unterbrechungen Gast unserer Stadt bis
1858. Ignaz Heim, der von Laufenburg stammte, aber in Deutsch-
land geboren (7. März 1818) und aufgewachsen war, wohnte neben
dem ihm eng befreundeten Richard Wagner in den Escherhäusern
am Zeltweg. Heim hat sich besonders als Herausgeber neuer
Liedersammlungen und Redaktor der bekannten ,, Synodalhefte",
die seit ihrem Erscheinen 1862 in raschem Fluge das Land er-
oberten, einen bedeutenden Namen gemacht. Wegen beginnender
Erblindung musste Heim 1872 die Direktion der ,, Harmonie"
niederlegen. Er starb am 3. Dezember 1880. Sein von Baptist
Hoerbst geschaffenes Denkmal wurde am 4. November 1883 ent-
hüllt. Nach Heims Rücktritt wurde Franz Behr (1872 — 1875),
dann Hegar (1875 — 1878) Direktor der ,, Harmonie". Nach ihm kam
Gustav Weber, der 1872 als Nachfolger Theodor Kirchners Or-
ganist am St. Peter, 1876 Organist am Grossmünster wurde und
an der Knabensekundarschule, am Realgymnasium und an der
Kantonsschule Gesangunterricht erteilte. Erst 41 Jahre alt, wurde
er am 12. Juni 1887 hinweggerafft, kurz nachdem ihm — zugleich
mit Attenhofer — der Grosse Stadtrat am 22. Mai 1887 das
Bürgerrecht geschenkt hatte. Der nächste ,,Harmonie"-Dirigent
war Gottfried Angerer, ein früherer württembergischer Lehrer, ge-
boren den 3. Februar 1851, Schöpfer zahlreicher MännerchorHeder
(,,Zieh mit", ,, Eidgenossen, Gott zum Gruss"). Für das Knaben-
schiessen hat er ein nettes, von Ernst Zahn gedichtetes Knaben-
lied komponiert und auch andere Kinderlieder herausgegeben, für
welche ihm gewöhnlich Konrad Gachnang, ein um die ,, Harmonie"
vielverdienter Musikfreund, die Texte heferte. Angerer, dem 1897
28o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
das Bürgerrecht geschenkt wurde, erteilte auch an der Kantons-
schule und am Konservatorium Unterricht und gründete dann
eine eigene Musikakademie. Neben der „Harmonie", die von 1887
bis 1909 unter seinem Szepter blühte, leitete er mit grossem Erfolg
den ,, Männerchor Enge". Nach seinem Tod (19. August 1909)
folgte das Interregnum Castelberg und seit 1911 die Direktion von
Peter Fassbänder (geb. 1869 in Aachen), der bisher Musikdirektor
in Luzern gewesen. — Schon zwei Jahre nach ihrer Gründung
hat die ,, Harmonie", 1843, ein eidgenössisches Sängerfest durch-
geführt, und seitdem in ununterbrochenem Fortschreiten Ruhm
und Ehre in der Schweiz und im Ausland erworben. 1856 zog die
,, Harmonie" mit einem warmen Hirsbrei nach Strassburg ; 1863
fuhr sie nach Stuttgart, 1874 nach Reutlingen, 1892 nach Karls-
ruhe. Eine weitere Sängerreise nach Süddeutschland und an den
Rhein schloss sich 1898 an; 1903 wurde Wien, 1911 Amsterdam
und Hamburg besucht. Von besonderm Werte waren für sie die
Welschlandfahrten 1896 zur Landesausstellung in Genf und 1914
zum Eröffnungskonzert an der erhebenden Genfer Zentenarfeier,
dem letzten schönen Bundesfest der Eidgenossen vor dem Krieg.
Als Geburtstag des ,, Gemischten Chors Zürich" ist der 28. Ok-
tober 1863, als Hauptgründer Professor Karl Keller zu betrachten.
Schon im November 1862 war ein ,, Gemischter Gesangverein" ge-
gründet worden, der sich dann an die ,, Harmonie" anschloss und
bewirkte, dass diese sich in zwei Sektionen, Männerchor und Ge-
mischter Chor, teilte unter dem gemeinsamen Präsidium von
Dr. Heinrich Honegger und der gemeinsamen Direktion von Ignaz
Heim. 1864 wurde die Verbindung mit der ,, Harmonie" gelöst
und ein neuer Vorstand mit Prof. Keller als Präsident bestellt.
Von 1865 bis 1901 hat Friedrich Hegar den ,, Gemischten Chor"
dirigiert und dieser Epoche seinen Stempel aufgedrückt. Auf ihn
folgte (1901 — 1902) Hermann Suter und seit 1902 Volkmar Andreae.
Dieselben Männer, die mit der Gründung des Orchestervereins
1862 dem musikalischen Leben Zürichs neue Impulse gaben —
Professor Keller, Gerold Eberhard, Moritz von Wyss — haben
den ,, Gemischten Chor" geschaffen und ihn in engstem Einverneh-
men mit Hegar zur Blüte emporführen helfen. Ihnen ist bei-
zugesellen Professor Dr. Hans Wirz, Präsident des ,, Gemischten
Chors" seit 1880 (f 23. August 1914). Eine Reise ins Ausland hat
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o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 281
der „Gemischte Chor" nur einmal unternommen: im April 1911
führte er in Mailand Bachs Matthäuspassion auf, die in Italien
noch nie zuvor zur Aufführung gelangt war.
Friedrich Hegar wurde am 11. Oktober 1841 in Basel geboren
und erhielt schon von den Eltern den musikalischen Vorunterricht.
1857 bezog er das Konservatorium in Leipzig, war für kurze Zeit
Konzertmeister in Warschau und übernahm 1861 eine vStell-
vertretung für Stockhausen zu Gebweiler im Elsass. Theodor
Kirchner veranlasste ihn, 1863 nach Zürich überzusiedeln. Hier
begann Hegar seine Tätigkeit als Konzertmeister des Orchester-
vereins und Chordirektor am Theater. 1864 rückte er zum Kapell-
meister vor, 1865 wurde ihm die Leitung des ,, Gemischten Chors",
des ,,Stadtsänger^^ereins" und der Abonnementskonzerte der All-
gemeinen Musikgesellschaft übertragen. Er wurde und blieb auch
das geistige Haupt der Kammermusikaufführungen, an welchen er
selbst als Geiger regelmässig Anteil nahm. Hübsch hat Hegar ein-
mal erzählt von den Konzerten im alten Kasino, zu denen sich
die vornehmen Damen noch in Sänften tragen liessen; in den
Pausen wurde Eis und Limonade serviert, die Gläser und Schälchen
stellte man dann unter den Stuhl, wo sie gelegentlich während der
Symphonie mit einem Fuss in klirrende Berührung kamen. 1868
ernannte die Tonhalle- Gesellschaft Hegar zu ihrem Kapellmeister.
Nur vorübergehend war dagegen seine Tätigkeit als Direktor der
,, Harmonie" und Gesanglehrer an der Kantonsschule. Einen
ehrenvollen Ruf nach Basel hat Hegar 1875 abgelehnt und zur
einzigen Bedingung seines Bleibens gemacht, dass eine Musik-
schule gegründet werde. Diese konnte am 24. April 1876 eröffnet
werden im Musiksaal und im Fraumünsteramt gegenüber der jetzi-
gen Post. Noch im Herbst desselben Jahres bezog sie das alte
Schulhaus zum ,,Napf" an der Napfgasse, und am 10. Juli 1901
war es ihr vergönnt, als ,, Konservatorium für Musik" den Neubau
an der Florhof gasse zu beziehen und mit dieser Feier ihr 25] ähriges
Jubiläum zu verbinden. Als Hegar i8g6 für einige Jahre seinen
Wohnsitz nach Aarau verlegte, wurde ihm als zweiter Direktor
Attenhofer zur Seite gestellt, der dieses Amt auch nach der dauern-
den Rückkehr Hegars nach Zürich beibehielt.
Hegars glänzende Leistungen als Chor- und Orchesterdirigent,
die von ihm erzielte, von wahrhaft künstlerischem Geist getragene,
282 XXXIX. KAPITEI,: KUNST UND LITERATUR o
technisch exakte und schwungvolle Wiedergabe grosser Orchester-
werke, die vom „Gemischten Chor" unter seiner Leitung — viel-
fach zum erstenmal in der Schweiz — aufgeführten hervorragenden
Kompositionen aus alter und neuer Zeit, vor allem aber seine
eigenen Schöpfungen haben seinen Ruf in alle Lande verbreitet.
Dass Hegar allen Lockungen von aussen widerstand und unserer
Stadt treu blieb, vergilt ihm das dankbare Zürich mit gleicher
Treue und Anhänglichkeit und hat sie auch schon bei gutem An-
lass zum Ausdruck gebracht. Am ii. Mai 1873 ist ihm das Bürger-
recht geschenkt worden; 1889, am Dies academicus, erhielt er,
gleichzeitig mit Attenhofer und Böcklin, die Ernennung zum
Ehrendoktor der Universität. Zu seinem im grössten Stil gefeier-
ten 25iährigen Jubiläum am 19. und 20. Oktober 1890 stiftete
auch Conrad Ferdinand Meyer einen poetischen Gruss. Immer
wieder muss man, von Hegar sprechend, auch Attenhofers ge-
denken. Kaum jemals sonst haben sich zwei kongeniale Naturen
so gut verstanden und so trefflich einander in die Hände gearbeitet.
Hegar schenkte dem Männerchor und seinem Dirigenten manche
neue Komposition und schätzte sich glücklich, in seinem Freunde
Attenhofer und dem ,, Männerchor" Organe zu finden, die mit
aufopferungsvollem Bemühen und liebevoller künstlerischer Ein-
sicht in seine Intentionen eindrangen und ihnen den denkbar voll-
kommensten Ausdruck verliehen. Mit berechtigtem Stolz hat
Robert Thomann am Sarge Attenhofers die Hegarschen Männer-
chonverke genannt, die von Attenhofer aus der Taufe gehoben und
in die singende Welt eingeführt worden waren: ,, Bundeslied",
,,Die beiden Särge", ,, Rudolf von Werdenberg", ,, Totenvolk"
(Attenhofer gewidmet), ,, Hymne an den Gesang", ,,Der Daxel-
hofen", ,, Kaiser Karl in der Johannisnacht", ,, Königin Berta",
Von andern berühmt gewordenen Werken wäre vor allen zu nennen
das Oratorium ,,Manasse"; dann ,, Schlaf wandel", ,,Festouverture"
für grosses Orchester, ,,Ahasvers Erwachen", ,,Das Herz von
Douglas", ,, Heldenzeit", ,,1813". Der letztere Chor war Preis-
gesang am Sängerwettstreit in Frankfurt a. M. 1913 und musste
von jedem Chor einzeln gesungen werden. Hegar war auch Mit-
glied der Redaktionskommission für das auf Anregung des deutschen
Kaisers herausgegebene Volksliederbuch und gehörte der Dele-
gation an, die dem Monarchen das vollendete Werk überreichte.
o
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 283
Mit dem Jahre 1896 begann das teilweise Abrüsten. Hegar
trat zurück als Dirigent des (1891 gegründeten) Lehrergesang-
vereins, 1901 als Direktor des „Gemischten Chors", der ihn bei
der Abschiedsfeier zum Ehrendirektor ernannte. Besonders ein-
drucksvoll aber gestaltete sich nach Hegars Rücktritt als Kapell-
meister der Tonhalle- Gesellschaft sein letztes grosses Konzert im
festlich bekränzten Tonhallesaal am 3. April 1906. Schon beim Be-
treten des Dirigentenpultes begrüsste ihn eine Ovation. Am Schluss
des Konzertes überreichte ihm Frau Staehelin-Baechtold mit
einer Ansprache in gebundener Rede einen Lorbeerkranz, und in
diesem Moment brachen aus allen Winkeln des Podiums Heinzel-
männchen und -Weibchen hervor, die ein Blumenbombardement
auf den Dirigenten eröffneten. Alsbald beteiligte sich auch das
Orchester an der Attacke, und von den Galerien herab ergoss sich
ein dichter Blumenregen auf sein Haupt. Im anstossenden Pa-
villon folgte ein Bankett mit vielen Toasten und einer geist- und
gemütvollen Rede Hegars. Dank sagte er dabei auch seinem
Freunde Adolf Steiner- Schweizer, Doctor honoris causa der Uni-
versität Zürich, dem allbekannten A. S. der ,,N. Z. Z.", der mit
seiner Jahrzehnte hindurch geübten, überaus gewissenhaften,
sachHchen und vornehmen Kritik den Kunstbestrebungen wertvolle
Dienste geleistet hat. Was freilich die Kritik im übrigen betraf,
meinte launig Hegar, so möchten die Herren entschuldigen, wenn
er ihre guten Ratschläge über Tempo, Dynamik usw. jeweilen nicht
befolgte, ,,und zwar aus dem einfachen Grunde, weil ich fest
überzeugt war, dass ich das ganz gewiss besser verstand".
Als Attenhofer gestorben war, legte Friedrich Hegar auch die
Direktion des Konservatoriums nieder; allein der Krieg sprach
sein Veto und gönnte Hegar sein otium cum dignitate nicht: für
seinen am 2. Juli 1914 gewählten Nachfolger Volkmar Andreae,
der nun vorerst und für unbestimmte Zeit sein Bataillon zu kom-
mandieren hatte, musste Hegar einspringen und die Bürde des
Amtes weiter tragen. — Volkmar Andreae ist Bürger von Fleurier
und am 5. Juli 1879 in Bern geboren. Er hat dort das Gymnasium
und die Musikschule unter Karl Munzinger besucht, 1897 bis 1900
am Konservatorium in Köln studiert und von 1900 bis 1901 als
Solorepetitor an der Hofoper in München gew'irkt. Am 5. No-
vember 1902, nach erfolgreicher Aufführung seines von ihm selbst
284 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
dirigierten Chorwerks „Charons Nachen", wurde er zum Direktor
des „Gemischten Chores" gewählt. 1904 übernahm er an Stelle
Attenhofers die Direktion des „Männerchors" und 1906 als neu-
ernannter Kapellmeister auch die Leitung der Abonnements-
konzerte der Tonhalle- Gesellschaft. Im Februar 1914 ernannte
ihn der Erziehungsrat zum Universitäts- Musikdirektor und er-
teilte ihm die venia legendi für Musikgeschichte und Komposi-
tionslehre. Gleiclizeitig übernahm er die Leitung des verwaisten
Studentengesangvereins. Von Andreaes Kompositionen ist bis
jetzt die bedeutendste die Oper „Ratcliff", die 1914 am deutschen
Tonkünstlerfest in Essen aufgeführt wurde. Ihre Aufführung am
Zürcher Stadttheater hat bis heute der Krieg verhindert. Auch
Volkmar Andreae trägt seit April 1914 den Ehrendoktorhut der
Universität Zürich. — Indem wir uns zum Verlassen des musi-
kaHschen Gebietes anschicken, gewahrt unser Auge noch einen
neuen Stern, eben erst über dem Horizont erschienen, von noch
nicht bestimmbarer Grösse, aber — wie die musikalischen Astro-
nomen versichern — bereits von intensivem Licht : Othmar Schoeck
aus Brunnen, Direktor des Lehrergesangvereins Zürich und des
Männerchors Aussersihl.
Länger als die dramatische Kunst und die Musik hatte die
bildende Kunst auf ein neues Heim zu warten. Ihre Pflege war
durch mehr als ein Jahrhundert Sache der ,, Zürcher Künstler-
gesellschaft", die im Jahr 1787 entstand, zunächst als ,, Samstags"-,
dann ,, Donnstags- Gesellschaft" mit vorwiegend geselligen Zwecken.
Als ,, Zürcher Künstlergesellschaft" konstituierte sie sich neu im
Herbst 1803, und von ihr ist drei Jahre später auch der Anstoss
ausgegangen zur Gründung des Schweizerischen Kunstvereins.
Mit Vertrag vom 28. Januar 181 3 erwarb die Gesellschaft das ehe-
malige Ottsche Gütchen im ,,Berg", das sie zu dem heimeligen
,,Künstlergütli" umbaute. Das Ausstellungsgebäude kam 1846
dazu und wurde im folgenden Frühjahr mit einer Jubiläums-
ausstellung eröffnet. Im Lauf der Jahrzehnte machte sich starker
Platzmangel geltend. Ein an sich unbedeutender Vorfall verhalf
im Jahr 1895 der Gesellschaft unverhofft zu einem kleinen Aus-
stellungsgebäude in der Stadt selbst: von der Kommission für die
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 285
Weihnachtsausstellung 1894 im Börsensaal war ein von privater
Seite offeriertes Bild von Gabriel Max, ,,Die Braut von Korinth",
zurückgewiesen worden, wie es scheint mehr aus sittlichen als
aus künstlerischen Gründen, doch wurde auch der künstlerische
Wert des Bildes allgemein nicht hoch angeschlagen. Es entstand
«ine Bewegung, die zur Bildung eines neuen Vereins für Kunst-
pflege, ,, Künstlerhaus Zürich", führte und dem in kürzester Frist
450 Mitglieder beitraten, während die alte Gesellschaft nur etwa
150 Mitglieder zählte. Die Seele des neuen Vereins war Redaktor
Albert Fleiner von der ,,N. Z. Z." (f 1902). Bei der Konstituierung
am 13. Februar 1895 übernahm Prof. F. Bluntschli das Präsidium;
Vizepräsident wurde Stadtbaumeister Gustav Gull. In einer schon
am 30. Januar 1895 im Hotel Baur au lac eröffneten Ausstellung
erhielt man Gelegenheit, ,,Die Braut von Korinth" nebst einigen
neuen Bildern Böcklins usw. zu sehen. Das Bestreben des jungen
Vereins ging auf rasche Erstellung eines Ausstellungsgebäudes,
für das Prof. Bluntschli ein Projekt entwarf. Schon am 15. Juli
1895 konnte dieses unscheinbare ,, Künstlerhaus" an der Ecke
Talgasse-Börsenstrasse eröffnet werden. Es hat als Schutz- und
Zufluchtshütte der Zürcher Kunst während fünfzehn Jahren
schmerzens- und enttäuschungsreicher Bemühungen für einen
Kunsthausbau unschätzbare Dienste geleistet. Dass man zu einem
Neubau nur mit vereinten Kräften gelangen konnte, war auch dem
Künstlerhaus- Verein klar, und er versagte sich deshalb nicht, als
schon in seinem Gründungsjahr unter dem Vorsitz von Ober-
ingenieur Robert Moser Kommissionssitzungen anberaumt wurden
für eine Fusion mit der alten Gesellschaft. Diese Wiedervereinigung
kam dann im Mai 1896 zustande unter dem Namen ,, Zürcher
Kunstgesellschaft" und dem Präsidium von Dr. C. von Muralt.
Die alte Künstlergesellschaft hielt am 18. Juni 1896 ihre letzte
Sitzung ab. Dem scheidenden Präsidenten F. O. Pestalozzi wurde
in Anerkennung seiner hohen Verdienste um die Gesellschaft in
der Einkleidung eines Festspiels des nie versagenden Gesellschafts-
poeten Leonhard Steiner eine silber-vergoldete Nautilusschale
überreicht.
Die Kunstgesellschaft verwahrt in ihren Archiven eine ganze
Sammlung gescheiterter Pläne. Man versuchte es mit einem Bau
beim KünstlergütH ; man wollte das alte Kaufhaus verwerten;
286 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
Projekte bestehen für den Platz zwischen Theater und Utoquai,
für das Tonhalleareal in mehreren Variationen. Ein flotter Über-
bauungsplan Gulls für das ganze Areal und ein darauf gestütztes
prachtvolles Projekt Bluntschlis scliien die beste Aussicht zu
haben. Die Inanspruchnahme der Stadthausanlagen verweigerte
die Gemeinde am 30. April 1899. Schliesslich verfiel man auf das
Gut zum ,, Lindental" am Heimplatz. Diese Liegenschaft war
Besitztum von Stadtrat Heinrich Landolt-Mousson (f 6. Januar
1885), der sie der Stadt zu einem sehr niedrigen Preis für öffent-
liche Zwecke testamentarisch zur Verfügung stellte, mit dem Vor-
behalt des lebenslänglichen Nutzniessungsrechts für die Witwe.
Die Zeit drängte, da das ,, Künstle rgütli" in die Grundrisspläne für
die neue Universität einbezogen werden und in absehbarer Zeit
verschwinden sollte. Man wagte eine Anfrage bei Frau Stadtrat
Landolt und erhielt die generöse Erlaubnis, schon zu ihren Leb-
zeiten den Garten des ,, Lindentals" zu überbauen. Demgemäss
beschränkte sich das Projekt für eine erste Bauperiode auf das
Hauptgebäude mit dem Ausstellungsflügel längs dem Heimplatz;
eine spätere Bauperiode wird durch den rückwärtigen, für die
Gesellschaftsräume bestimmten Flügel das Kunsthaus mit dem
noch stehenden Wohnhaus verbinden. Mit der Stadt kam ein Ver-
trag über Abtretung imd Arrondierung des Terrains nebst einer
Barsubvention von 100,000 Fr. zustande, dem die Gemeinde am
15. JuH 1906 ihre Zustimmung gab. Der imposante, streng künst-
lerisch gegliederte Bau wurde von Prof. Karl Moser (Curjel & Moser
in St. Gallen und Karlsruhe) ausgeführt und am Einweihungstag,
den 17. April 1910, in feierlicher Ansprache dem Präsidenten der
Kunstgesellschaft, Oberst Paul Ulrich, übergeben, der seit längern
Jahren an der Spitze der Gesellschaft steht und sich namenthch
mit seinen erfolgreichen Bemühungen um den Neubau ihre leb-
hafte Dankbarkeit erworben hat. Ein glanzvoller Sechseläuten-
umzug am folgenden Tage besiegelte die Besitzergreifung Zürichs
von seinem neuen Kunsthaus, und das nächste Neujahrsblatt
der Gesellschaft mit dem Titel ,, Künstlergut, Künstlerhaus,
Kunsthaus", verfasst von dem einflussreichen Kunstkritiker
Dr. Hans Trog, setzte dem freudevollen Ereignis ein würdiges
Hterarisches Denkmal. Es war ein \^■ehmütiger Abschied vom
alten ,,Künstlergütli", als am 30. September 1909 eine letzte
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o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 287
gesellige Zusammenkunft in seinen vertrauten Räumen stattfand,
die so viele geist- und witzsprühende Vereinigungen der Künstler-
gesellschaft gesehen. Zu ihren heitersten Erinnerungen gehörte
wohl das Kostümfest am 13. Februar 1886, bei welchem man dem
mit seinem Freunde Böcklin anwesenden Gottfried Keller lauter
Figuren und Gruppen aus seinen ,, Züricher Novellen" vorführte
und von ihm eine artige Dankrede hörte.
Es kann sich auch in bezug auf die ausübenden Künstler der
Vergangenheit und Gegenwart für uns nur darum handeln, ein-
zelne Namen beispielsweise herauszugreifen. So sei unter den
altern Malern Professor Johann Jakob Ulrich genannt, der Sohn
des Landschreibers von Andelfingen und Bruder von Oberrichter
Ulrich im Berichthaus. Geboren am 28. Februar 1798 zu Andel-
fingen, hat er schon 1799 seine erste Reise in die Welt gemacht,
und zwar im Korb auf dem Kopf einer Botenfrau, die ihn vor den
anziehenden Franzosen und Österreichern zu den Grosseltern nach
Weisslingen flüchtete. Ulrich hat sich seine künstlerische Aus-
bildung und seinen Ruf als Landschafts- und Marinemaler in
Paris erworben. In die Heimat zurückgekehrt, eröffnete er hier
Ende der vierziger Jahre eine Zeichenakademie, aus welcher auch
Rudolf Koller hervorgegangen ist. Im Zürcher Kunsthaus be-
findet sich u. a. sein bekanntes und vielbeachtetes Ölgemälde
,,Der Waldbach" (1853). 1855 wurde Ulrich zum Professor des
Landschaftzeichnens am neugegründeten Polytechrükum ernannt.
Er starb am 17. März 1877.
Der eben erwähnte berühmte schweizerische Tiermaler Johann
Rudolf Koller ist am 21. Mai 1828 in Zürich geboren (f 5. Januar
1905), Er malte schon 1845/46 wochenlang Pferdestudien in
württembergischen Gestüten, ging dann an die Akademie nach
Düsseldorf und von dort mit seinem Freund Arnold BöckHn
(1885 — 1892 in Zürich, f ^6. Januar 1901) nach Brüssel, später
nach Paris, wo er mit Böcklin Bett und Atelier teilte. Durch die
Februarrevolution 1848 nach Hause vertrieben, setzte Koller seine
Studien bis 1851 in Bayern fort, richtete dann in Oberstrass sein
erstes TierateHer ein und bezog 1862 sein am Zürichhorn gelegenes
Heimwesen ,,zur Hornau" mit Wohnhaus, Atelier und Stall.
Koller ist einer der bedeutendsten Tiermaler aller Zeiten. Pferd
und Rind, Hund und Ziege, Schaf und Esel hat er gleich vortreff-
288 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o.
lieh in der Ruhe wie in der lebhaftesten Bewegung gemalt. Oft
hatte er auf der Wiese vor seinem Wohnhaus am Zürichhorn zwölf
Staffeleien aufgestellt und war von einer zur andern geeilt, je
nachdem eines seiner Tiere sich gelegt hatte. Auch als Land-
schafter gebührt Koller ein Ehrenplatz. Am populärsten ist un-
zweifelhaft seine ,,Gotthardpost" geworden. Zu Ehren seines.
70. Geburtstages wurde 1898 im Börsensaal eine ,, Koller- Jubi-
läumsausstellung" veranstaltet. Am „Rudolf Koller-Abend" im
Tonhallepavillon, 4. Juni 1898, proklamierte Professor Wilhelm
Oechsli namens der philosophischen Fakultät den Jubilar zum
Doctor pliilosophiae honoris causa. Auch bei diesem Anlass
fehlte nicht ein zierliches Festspiel Leonhard Steiners, des liebens-
würdigen Dichters, Aquarellisten und Landschafters (geb. 9. No-
vember 1836 in Zürich), der als Kaufmann erst mit 48 Jahren der
Kunst sich zuwandte und mit bewundernswerter Frische und Aus-
dauer bis in sein hohes Alter auf diesem Felde tätig geblieben ist.
Albert Welti, von Zurzach stammend, ist verewigt haupt-
sächhch durch sein herrliches Landsgemeindebild im Ständerats-
saal in Bern, zu dem er — früh vollendet — freilich kaum noch
die Kartons hatte fertigstellen können; die Ausführung auf der
Wand war von vornherein seinem Freunde Willielm Balmer vor-
behalten. Welti ist am 18. Februar 1862 in Zürich geboren als
Sohn des Spediteurs Welti-Furrer, hat in Böcklins Atelier in Hot-
tingen gearbeitet und dann in München, Pullach und Solln, mit
kräftiger Unterstützung seines Mäzens, des ostpreussischen Guts-
besitzers Rose, ein ideales und fruchtbares Künstlerdasein im
Kreise seiner FamiHe geführt. Aus dem von seinem trefflichen
Kunstgenossen W. L. Lehmann (geb. 7. März 1861 in Zürich, in
München lebend) mit Wärme gezeichneten Lebensbild Albert
Weltis im Neujahrsblatt 1913 der Kunstgesellschaft tritt uns ein
edler Mensch und ein ganzer Mann entgegen, den man lieb ge-
winnen muss, dessen vollen künstlerischen Wert aber vielleicht
erst eine spätere Zeit zu würdigen vermag. Allzu frühe senkten
sich die Todesschatten auf sein trautes Heim. Vorahnend schrieb
er, der am 7. Juni 1912 in Bern die Augen schloss, unter die dem
Begräbnis seiner jäh verstorbenen Frau gewidmete Radierung:
Glück und Unglück, Beides trag in Ruh;
Alles geht vorüber und auch Du.
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 289
Als Meister der Plastik nennen wir Richard Kissling, Doctor
honoris causa der Universität Zürich, Ehrenbürger der Stadt,
Schöpfer des Alfred Escher-Denkmals, der Gottfried Keller-Büste
im Rathaus und des unübertrefflich eindrucksvollen Teil-Denkmals
in Altdorf, dessen preisgekrönter Entwurf 1892 im Helmhaus
ausgestellt war. Bildhauer Richard Kissling ist am 15. April 1848
in Wolfvvil im Kanton Solothurn geboren, hat als Schüler Ferdi-
nand Schlöths in Rom seine Ausbildung erhalten und weilt seit
1883 in Zürich. Von seinen übrigen Werken sind am bekanntesten
das Fontana-Denkmal in Chur, das Vadian-Denkmal in St. Gallen,
die mächtigen Gestalten an den Giebelfeldern der Kuppel des
Parlamentsgebäudes in Bern, die Figuren am Hauptportal des
Bahnhofs Luzern. — Nicht ganz übergehen möchten wir in unserm
Stadtbuch die populäre und originelle Gestalt Urs Eggenschwylers,
dem weitern Publikum mehr als Tierfreund und Tiergartenbesitzer
denn als Künstler bekannt. Dem mit rührender Hingabe zwischen
seinen Käfigen hausenden Löwen- und Bärenvater sieht aller-
dings nicht jeder an, dass in der rauhen Hülle ein begabter Künst-
ler steckt. Urs Eggenschwyler, geboren am 24. Januar 1849
in Subigen (Kanton Solothurn), wurde schon im dritten Lebens-
jahr infolge einer Krankheit schwer übelhörig, was seiner Aus-
bildung ungemein hinderlich war. Immerhin brachte er es zu
recht ansehnlichen Kunstleistungen; wir erinnern an den Löwen
in carrarischem Marmor für das Museum in St. Gallen, die vier
Löwen auf der Stauffacherbrücke, die Bären am Parlaments-
gebäude in Bern usw. Am liebsten ist dem Künstler allerdings der
persönliche Umgang mit seinen Tieren. Die ihm eine Zeitlang
anvertrauten beiden abessinischen Löwen, welche Minister Alfred
Hg der Stadt Zürich schenkte, erkennen ihn noch jetzt, wenn er
sie gelegentlich im Zoologischen Garten in Basel besucht.
Zur Architektur übergehend, beginnen wir mit dem auch heute
noch unübertroffenen Erbauer des Polytechnikums: Gottfried
Semper, der im Jahre 1803 in Hamburg geboren ist (f 15. Mai
1879 i^ Rom). Sein stolzer Name eröffnete die Reihe der Be-
rufungen an das Eidgenössische Polytechnikum, dem er von 1855
bis 1871 seine Dienste lieh. Kein Geringerer als Richard Wagner
19
290 XXXIX. KAPITEl,: KUNST UND LITERATUR o
hatte Alfred Escher, Kern und Staatsschreiber Hagenbuch aiif
Semper, seinen Dresdener Schicksalsgenossen, aufmerksam ge-
macht. Semper erbaute von 1858 bis 1863 das Polytechnikum,
1861 bis 1864 die Sternwarte, 1865 bis 1869 das Winterthurer
Stadthaus; auch das Geschäftshaus Fierz auf dem Sonnenbühl
und der Turm der Kirche Affoltern a. A. sind seiner Hände Werk.
Noch während seiner Wiener Zeit (1871 — 1879) stand er in Ver-
bindung mit seinen Zürcher Freunden, zu denen auch Gottfried
Keller gehörte. Mit ihm sass Semper am Abend des 21. September
1869 in der gehebten Stammkneipe zur ,,Bollerei" an der Schiff-
lände, als er aus der Zeitung die Nachricht vom Brande seines
Dresdener Hoftheaters erfuhr und in erschütterndes Schluchzen
ausbrach. Die Anfertigung der ihm übertragenen Pläne für den
Neubau füllten Sempers letzte Zürcher Jahre aus.
Das bekannteste Wahrzeichen der Baukunst von Professor
Dr. Alfred Friedrich Bluntschli ist die Kirche in Enge. Er hat
ausserdem mehrere Villen und zusammen mit Prof. Lasius die
eidgenössischen Gebäude für Chemie und Physik erbaut. Der
hervorragende Künstler ist der Sohn des genialen Staatsmannes
J. C. Bluntschli, geboren in Zürich am 29. Januar 1842. Seine
Ausbildung erhielt er unter Semper, dessen späterer Nachfolger
er wurde, am Polytechnikum und an der Ecole des beaux arts in
Paris. Er Hess sich 1866 in Heidelberg, 1870 in Frankfurt a. M.
nieder und führte in Verbindung mit Architekt Mylius eine grosse
Zahl von Monumentalbauten in Frankfurt a. M. und andern
deutschen Städten aus. 1881 wurde er als Professor der Baukunst
ans Polytechnikum berufen, von welcher Stelle er vor kurzem
zurücktrat.
Erbauer der Universität, von der im 44. Kapitel noch ge-
sprochen wird, ist der am 10. August 1860 zu Baden im Aargau
geborene Architekt Karl Moser. An der Bauschule des Poly-
technikums und der Ecole des beaux arts ausgebildet, war er von
1885 an in Wiesbaden praktisch tätig und associierte sich dann
1888 mit Arcliitekt Curjel in Karlsruhe. 1915 folgte er, als Nach-
folger Bluntschlis, einem Ruf als Professor der Baukunst an die
Eidgenössische Technische Hochschule. Ausser der Universität
und dem Kunsthaus baute Professor Moser in Zürich noch die
St. Antoniuskirche mit ihrem wuchtigen Turm, die Josephskirche
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 291
und verschiedene Villen, in St. Gallen Bank- und Geschäftshäuser
und das Hedwigschulhaus. Schaffhausen verdankt ihm das Zoll-
und das Regierungsgebäude, Basel die Pauluskirche, Bern die
Paulus- und die Johanniskirche. In Tablat und Bruggen hat
Moser die protestantischen Kirchen, in Deutschland eine grosse
Zahl öffentlicher und privater Gebäude erstellt.
Wir schliessen die Reihe der Architekten mit zwei Männern,
die in engster Beziehung zur Stadtverwaltung standen: Stadtrat
und Bauherr Ulrich und Stadtbaumeister Gull. C. C. Ulrich-Näf
(geb. 1846, t 13- März 1899) war der jüngste Sohn von Ober-
richter Ulrich im Berichthaus. Vom Polytechnikum weg ging er
für zwei Jahre zur praktischen Ausbildung nach Paris und war
dann in Zürich und Schaffhausen als Architekt tätig. Zusammen
mit E. Schmid erhielt er den ersten Preis bei der Plankonkurrenz
für die Quaibauten und führte mit Albert Müller den Bau der
Börse aus. 1879 trat er in den Stadtrat ein und leitete von 1881
bis zur Stadtvereinigung das Bauwesen der Stadt Zürich. Ulrich
hat bei einer Masse baulicher Angelegenheiten, die bei der raschen
Entwicklung der Stadt immer zahlreicher wurden, einen ent-
scheidenden Einfluss ausgeübt, wozu ihn sein weiter freier Blick
und sein entschieden künstlerischer Sinn in ungewöhnlichem
Masse befähigten. Er wusste mit grosser Menschenkenntnis tmd
viel Geschick stets die tüchtigsten Mitarbeiter zu gewinnen. In
der Armee bekleidete er zuletzt den Grad eines Obersten des
Genie und war auch Obmann der Stadtschützengesellschaft. In
geselligen Kreisen eine wahre Frohnatur und im Umgang von
grosser Leutseligkeit, erfreute sich der stattliche Mann mit dem
buschigen, hoch erhobenen Haupt der Sympathien der ganzen Be-
völkerung. Zahllose landschaftliche und architektonische Skizzen,
die er auf Reisen und in Kurorten mit erstaunlicher Leichtigkeit
aufs Papier warf, zeugen von seiner hohen künstlerischen Begabung.
Gustav Gull hat dem Stadtbild Zürichs bleibende Züge ein-
gegraben und zu seiner Verschönerung mit Meisterwerken der
Architektur beigetragen. DeutUcher noch als die Gegenwart
werden einst spätere Geschlechter die Hand Gulls erkennen und
höher sie lobpreisen, wenn einmal der von ihm projektierte, von
der Gemeinde beschlossene stolze Bau des zentralen Stadthauses
der Silhouette Zürichs die bestimmenden Linien geben wird. In
292 XXXIX. KAPITEI.: KUNST UND WTERATUR o
einem spätem Kapitel, das der baulichen Entwicklung Zürichs in
den letzten Jahrzehnten gewidmet ist, werden wir dem Namen
Gulls immer wieder begegnen; hier ist nur eine knappe Lebens-
skizze in die Reihe der Träger zürcherischer Baukunst einzufügen.
Gull wurde am 7. Dezember 1858 in Altstetten bei Zürich geboren
und durchlief die Bauschule des Polytechnikums und die Ecole
des arts decoratifs in Genf. Am Bau des Bundesgerichtsgebäudes
in Lausanne erhielt er die praktische Ausbildung. Von 1895 bis
1900, in der der Stadtvereinigung folgenden wichtigen Bauperiode,
war Gull Stadtbaumeister von Zürich. Unter Gulls Bauten wird
stets an erster Stelle das Schweizerische Landesmuseum zu nennen
sein. Das Stadthaus im Fraumünsteramt erregt Bewunderung
nicht am wenigsten durch seine geniale, künstlerisch vollendete
Verbindung mit dem Fraumünster, und auch die Fraumünsterkirche
selbst trägt in Stein gemeisselt den Namen Gustav Gulls, ihres
ungewöhnlich geschickten Restaurators. Bereits treten auch in den
nach und nach entstandenen Bauten auf dem Ötenbach- und
Werdmühleareal die Umrisse des künftig dominierenden Stadt-
teiles von Zürich hervor, und zu dem auf der Hohen Promenade
ragenden Bau der Höhern Töchterschule hat Gull die Pläne ent-
worfen. Eine neue gewaltige und ehrenvolle Aufgabe hat ihm das
eidgenössische Departement des Innern mit den Bauten für die
Eidgenössische Technische Hochschule übertragen. Diese Anstalt
berief ihn 1900 zum Professor für Architektur, und die Universität
zeichnete ihn 1905 aus mit der Ernennung zum Doctor honoris causa.
*
Vor der Literatur im engern Sinne ist der Geschichtschreibung
und Altertumsforschung zu gedenken, für welche Zürich glänzende
Namen aufzuweisen hat. Es wird an anderer Stelle auf die Ver-
dienste von Gerold Meyer von Knonau (s. S. 222), Wilhelm OechsH
(S. 271), Georg von Wyss (S. 353), J. R. Rahn (S. 223) hingewiesen.
Hier soll noch der Name von Paul Schweizer beigefügt werden.
Geboren 1852 als Sohn des geistvollen Theologen Professor Ale-
xander Schw-eizer, ist nach einer kürzern Wirksamkeit als Privat-
dozent an der Universität Tübingen Paul Schweizer von 1881 bis
1897 Staatsarchivar in Zürich gewesen, 1892 ausserordentlicher, 1909
ordentlicher Professor für allgemeine Geschichte und Hilfswissen-
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o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 293
Schäften an der Universität Zürich geworden. Zu seinen bedeutend-
sten Werken gehören das Urkundenbuch der Stadt und Land-
schaft Zürich und die Geschichte der schweizerischen NeutraHtät,
über welche er auch in den sturmerregten, gefahrvollen Tagen der
Gegenwart Kundgebungen veröffentlicht hat, die durch ihre ruhige
Klarheit und SachHchkeit wahrhaft wohltätig wirkten. — Das ge-
nannte Urkundenbuch gibt willkommenen Anlass, auch des Mit-
arbeiters an diesem Werk, alt Oberrichter Dr. Jakob Escher-Bodmer,
Ehrendoktor der Universitäten Zürich und Göttingen, zu ge-
denken, der am 24. Januar 1909 fast gijährig starb, nachdem er
bis in seine letzte Lebenszeit mit unverv/üstlicher Gesundheit und
beneidenswerter Geistesfrische seinen wissenschaftlichen Arbeiten
obgelegen. — Mit Dankbarkeit ist ferner an Professor Dr. Karl
Dändliker zu erinnern (geb. 1849, t '^4- September 1910), den
Verfasser einer dreibändigen ,, Geschichte der Schweiz" und der
hier ganz besonders hervorzuhebenden ,, Geschichte der Stadt und
des Kantons Zürich", die er allerdings leider nicht mehr zu voll-
enden vermochte; sie ist dann in seinem Sinn und Geist und in
vorzüglicher Weise zu Ende geführt worden von seinem begabten
Schüler und Mitarbeiter Dr. Walter Wettstein, Redaktor des
Schaffhauser ,, Intelligenzblattes". Abgesehen von diesen auch
von uns reichlich benützten Arbeiten Dändlikers und Wettsteins,
wären noch eine Menge grösserer und kleinerer Publikationen des
überaus fleissigen und gewissenhaften Historikers Dändliker zu
nennen. Im Pfarrhaus Rorbas aufgewachsen, hat DändHker nach
Absolvierung des akademischen Bildungsganges von 1872 bis 1910
am Lehrerseminar Küsnacht gewirkt und daneben an der Universi-
tät und am Polytechnikum, an welchen beiden Anstalten er sich
schon 1875 habilitiert hatte, eine anregende akademische Lehr-
tätigkeit ausgeübt.
Seit seiner Gründung hat das Schweizerische Landesmuseum
keinen grössern Verlust erlitten als am 27. Februar 1903, an
welchem Tage Heinrich Zeller- Werdmüller aus dem Leben schied.
Er war zwar kein Beamter dieser Anstalt, aber der vorderste und
vornehmste ihrer freiwilligen Mitarbeiter, denen das Landes-
museum seine ehrenvolle Stellung unter den Museen der Welt
mit zu verdanken hat. Heinrich Zeller, geboren am 2. April 1844,
war ein Zürcher Stadtkind. Er widmete sich der kaufmännischen
294 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
Laufbahn, lebte aber daneben seiner Liebhaberei für die historische
Forschung, bei welcher ihm sein phänomenales Gedächtnis zu-
statten kam. Diese Gabe fand ihre Ergänzung in einem unermüd-
lichen, eisernen Fleiss und angestrengter geistiger Tätigkeit zu
jeder Zeit, die ihn befähigte, neben seinen bis i8g6 beibehaltenen
geschäftlichen Stellungen die umfassendsten Kenntnisse zu sam-
meln und gründliche wissenschaftliche Arbeiten ausztiführen. Dem
Landesmuseum trat er zum erstenmal näher durch seine Mit-
arbeit an dem bekannten Album ,, Zürichs Bewerbung", das in
der unglaublich kurzen Zeit von einem Monat geschrieben, illu-
striert und verteilt, von grosser Wirkung für den endgültigen Ent-
scheid zugunsten Zürichs als Sitz des Landesmuseums war. Damit
begann eine ungemein vielseitige und uneigennützige Tätigkeit
Zellers im Interesse des Landesmuseums, für das er Ausgrabungen
persönlich leitete, Auslandreisen ausführte, die Waffensammlung
ordnete, Münzen und Medaillen katalogisierte und dem Direktor
als Berater bei jeder grossen und kleinen Angelegenheit zur Seite
stand. Für sein grösstes Werk, die mittelalterlichen Burganlagen
der Ostschweiz und die Statistik der zürcherischen Burgen, er-
nannte ihn am 2. Januar 1893 die Universität Zürich zum Ehren-
doktor. An Zellers Grabe schilderte Prof. G. Meyer von Knonau
mit warmen Worten seine Verdienste um die Antiquarische Ge-
sellschaft und die Gesellschaft für die Erhaltung schweizerischer
Kunstdenkmäler. Namentlich hob er auch hervor seine erstaun-
lich eingehende Vertrautheit mit der Geschichte seiner Vaterstadt,
seine mustergültige Ausgabe der in den Zürcher Stadtbüchern ent-
haltenen Zeugnisse aus einer der wichtigsten Perioden der städti-
schen Entwicklung und seine eingreifende Beteiligung an der Aus-
gabe des ZürcherUrkundenbuches. — Einen ehrenvollen Namen hat
auch Sekundarlehrer und Privatdozent beider Hochschulen Dr. h. c.
Jakob Heierli hinterlassen als Gründer der Schweizerischen
Gesellschaft für Urgeschichte und Verfasser des grundlegenden
Werkes über die ,, Urgeschichte der Schweiz" (geb. 11. August
1853 in Speicher, f 18. Juli 1912).
Eine leise Erinnerung an die einleitenden Sätze dieses Kapitels
wird am Platze sein, wenn wir am Ende unseres Rundganges noch
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 295
den Garten der Poesie und des zürcherischen Schrifttums betreten:
unsere Jubiläumsschrift will keine Literaturgeschichte sein und
muss darum gar vieles, was in eine solche gehören würde, ganz
beiseite lassen und im übrigen sich mit einigen Andeutungen be-
gnügen, bei denen — dem Zweck und der Anlage dieses Buches
gemäss — überall das Heimische, Lokalgeschichtliche wegleitend
zu bleiben hat. So sei denn, nachdem für Gottfried Keller und
Conrad Ferdinand Meyer besondere Abschnitte vorbehalten worden,
zunächst einmal der Denkstein erwähnt, den im Jahre 1914
Dr. Gottfried Bohnenblust mit einer neuen kritischen Ausgabe von
Heinrich Leutholds Dichtungen diesem Unglücklichen errichtet
hat. Die entscheidende Tat für Leutholds Ruhm war freilich die
Herausgabe seiner Gedichte durch Baechtold (unter Mithilfe von
Gottfried Keller) im Jahre 1879. Eigenes, tragisches Geschick
spricht aus den Versen, die der am i. Juli 1879 in geistiger Um-
nachtung verstorbene Dichter aus Sophokles übersetzt hatte:
Niemals geboren sein wäre das Beste,
Auch in der Kindheit zu sterben ist gut.
Und die gleiche melanchoHsche Stimmung kommt zum Ausdruck
in dem kleinen Gedicht ,,Blätterfair', das an der Spitze der Baech-
toldschen Sammlung seiner Poesien steht:
Leise, windverwehte Lieder,
Mögt ihr fallen in den Sand.
Blätter seid ihr eines Baumes,
Welcher nie in Blüte stand.
Welke, windverwehte Blätter,
Boten naher Winterruh',
Fallet sacht! . . . Ihr deckt die Gräber
Mancher toten Hofifnimg zu.
Wir wenden uns der reichen und duftenden Blumensaat eines
liebenden zu : Adolf Frey, der Verfasser der klassischen Biographie
von Conrad Ferdinand Meyer, der ,, Erinnerungen an Gottfried
Keller", des BöckHn- und Koller-Buches, ist selbst ein Dichter von
kaum zu übertreffender Formvollendung und Tiefe der Gedanken
und darum der berufenste Interpret jener Geistesheroen, die die
Schweizer Kunst und Literatur als ihre Grössten ehrt. Manche
seiner Lieder sind von Brahms, Hegar, Niggli, Othmar Schoeck
komponiert worden. Seine ,, Gedichte" mit dem packenden Toten-
tanz-Zyklus und die „Neuen Gedichte" allein schon sichern ihm
296 XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR o
dauernden Dichterruhm; aber er meisterte auch die dramatische
Form (,,Erni Winkelried"), schuf Festspiele (zur 550jährigen
Feier von Zürichs Eintritt in den Bund) und schrieb den reich-
bewegten historischen Schweizerroman „Die Jungfer von Watten-
wil". Von Freys weitern wissenschaftlichen Arbeiten werden die
Beiträge zu einem Laokoon-Kommentar und die Studien über
Albrecht von Haller und Gaudenz von Salis-Seewis in erster Linie
genannt. Hegar hat nicht nur die Kantate Freys zur Universitäts-
einweihung und sein preisgekröntes Gedicht ,,1813" komponiert,
sondern auch zu seinem, von dem literarischen Zürich als ein
Ereignis gefeierten 60. Geburtstag (18. Februar 191 5) einen ,,Fest-
gruss" geschaffen. Schon während seiner Lehrtätigkeit an der
Kantonsschule Aarau hat Adolf Frey, von 1883 bis 1891, als Privat-
dozent an der Universität Zürich gewirkt und sodann 1898 den
Lehrstuhl für deutsche Literaturgeschichte bestiegen. Er ist ein
Sohn des Dichters Jakob Frey und ein Bruder des Nationalrats
Dr. Alfred Frey.
In der Feuilletonredaktion der ,,N. Z. Z." folgte Ende 1891
auf Carl Spitteler, den Dichter des ,, Olympischen Frühlings",
Jakob Christoph Heer, geb. 17. Juli 1859 ^^ Töss. Zum Lehrer
ausgebildet, amtete er vor seiner Berufung an die ,,N.Z.Z." u. a.
in Aussersihl. Von 1899 ^^^ ^9^2 lebte Heer in Stuttgart als lite-
rarischer Leiter der ,, Gartenlaube" und kehrte dann als freier
Schriftsteller in die Schweiz zurück. Seine Romane ,,An heiligen
Wassern", ,,Joggeli, die Geschichte einer Jugend", ,,Der König
der Bernina", ,, Felix Notvest" usw. gehören auch in Deutschland
zu den begehrtesten Büchern der Leihbibliotheken. — Fritz Marti,
ebenfalls aus dem Lehrerstande hervorgegangen, trat am i. Ok-
tober 1899 die Nachfolge Heers an der ,,N. Z. Z." an. Er ist
am 24. April 1866 im aargauischen Othmarsingen geboren; seine
meistgelesenen Werke, ,, Das Vorspiel des Lebens", ,, Sonnenglaube",
,,Die Schule der Leidenschaft", tragen alle die Kennzeichen
eines reichen Gemütes und eines grundehrlichen und gütigen
Wesens. Viel zu früh ist Fritz Marti am 8. August 1914 seinem
Beruf und seinen Freunden entrissen worden ; sein Nachfolger ist
der geistreiche Literarhistoriker und Kritiker Eduard Korrodi.
Jakob Bosshart, der Rektor des Zürcher Gymnasiums, erweist sich
in seinen alpinen Erzählungen ,,Im Nebel", ,,Das Bergdorf" als
o XXXIX. KAPITEL: KUNST UND LITERATUR 297
trefflicher Kenner und Beobachter bäuerHchen Lebens; von leiser
Schwermut überschattet sind seine Novellen „Früh vollendet",
„Durch Schmerzen empor". Von Adolf Voegtlin kennt auch ein
weiterer Kreis die eindrucksvollen Erzählungen „Meister Hans-
jakob, der Chorstuhlschnitzer von Wettingen", ,, Heinrich Manesses
Abenteuer und Schicksale", sowie das Trauerspiel ,,Hans Wald-
mann". Meinrad Lienert, aus Einsiedeln stammend, ist durch
seine ,, Wildleute", ,,Die Geschichten aus der Sennhütte", ,,Die Ge-
schichten aus den Schwyzer Bergen" berühmt geworden, ganz be-
sonders aber durch seine meisterhaften Kindergeschichten und
unübertroffenen Dialektdichtungen (,,'s Schwäbelpfyffli"). Ernst
Zahn, ein Bürger unserer Stadt, ist von der kraftvollen Schilde-
rung des innerschweizerischen Berglebens (,, Albin Indergand",
„Helden des Alltags", ,,d'Clarie-Marie", „Schattenhalb") zur Dar-
stellung städtischer Konflikte übergegangen, als deren Schauplatz
man unschwer Zürich erkennt (,,Was das Leben zerbricht" u.a.).
— Zu einer Jüngern Schule begabter Literaten gehören Heinrich
Federer (,,LachweilerGesclüchten", ,,Berge und Menschen", ,, Jung-
fer Therese", ,,Sisto e Sesto", ,,Umbrische Geschichten"), Emil
Ermatinger, Verfasser der neuen grossen Gottfried Keller-Biogra-
phie (,, Jenseits des Tages", ,, Weggefährten", ,,Der Weg ins
Leben"), Konrad Falke (,,Carmina Romana", ,,Astorre"), Ernst
Eschmann („Volksfrühling", ein Zürcher Roman), Robert Faesi
(, .Zürcher Idylle"), Hans Roelli, Max Geilinger. Aus dem ge-
mütlichen alten Zürich möchten wir einen Namen nicht vergessen :
J. Hardmeyer- Jenny, den langjährigen Redaktor der , .Zürcher
Wochenchronik" und geschickten Gelegenheitsdichter, mit seinen
köstlichen Erinnerungen aus vergangenen Tagen. Dem unbestreit-
baren Bedürfnis der gebildeten Kreise nach einem freien, von der
Parteischablone nicht eingeengten Meinungsaustausch kommt in
hervorragendem Masse die politisch-literarische Zeitschrift ,, Wissen
und Leben" entgegen, die von Prof. Dr. Ernst Bovet begründet
wurde und von ihm mit einem vorbildlichen Idealismus unter-
halten wird; die Schriftleitung lag während mehrerer Jahre in den
Händen von Dr. Albert Baur.
Unter den zürcherischen Schriftstellerinnen und Dichterinnen
nimmt Johanna Spyri (s. S. 105) einen hohen Rang ein. — Nanny
von Escher, die Hüterin teurer Familientraditionen — sie ist
298 XXXIX. KAPITEI.: KUNST UND WTERATUR o
eine Tochter des Obersten Hans Conrad von Escher — , deren Tus-
culum auf dem Albis ein Wallfahrtsort der Freunde geistreicher
Unterhaltung über Zürichs literarische und historische Erinne-
rungen geworden ist, hat ein Bändchen feinsinniger Gedichte, ein
Vers-Epos aus der Untergangszeit der alten Eidgenossenschaft
,, Kleinkindleintag" und ein dramatisches Spiel ,,Die Escher von
Wülflingen" herausgegeben. Die letztere Gelegenlieitsdichtung
wurde mit einer zweiten gleichartigen von Dr. Eugen Ziegler,
,,Salomon der Letzte von Wülflingen" als Festspiel am künst-
lerischen Bazar, den der Kunstverein Winterthur zu Gunsten der
Erhaltung des Schlosses Wülflingen veranstaltet hatte, aufgefülirt;
in einem niedhchen Bändchen ,,Auf Schloss Wühhngen" vereinigt,
sind die beiden Dichtimgen bei Schulthess & Co. in Zürich er-
schienen. Von Nanny von Escher stammt auch die Inschrift auf
dem Schlachtendenkmal 1799 auf dem Zürichberg. — Werke von
Clara Holzmann-Forrer, deren Dichtergabe seinerzeit von ihrem
Lehrer Pfarrer Ritter angeregt und gefördert worden ist, sind
die ,, Gedichte" (1886), die Gedichtsammlung ,, Blütenschnee"
(1895), ,,Neue Gedichte" (1908), ,, Jungbrunnen, ein Buch für
Kinder" (19 10), — Erzeugnisse einer echten Poesie. Stolzbeschei-
den durfte Clara Forrer von sich sagen:
Ich weiss, mir ^^^nkt ein stiller Port,
Mein Tag flieht nicht vergebens.
Und wenn die Flut mich schrecken will,
So singe ich zum Saitenspiel
Die Lieder meines Lebens.
Wiederholt sind in diesen Blättern auch schon die feinen
lokalgeschichtlichen Skizzen von Olga Amberger erwähnt worden.
Hedwig Bleuler- Waser, die Gesclüchtschreiberin des Lesezirkels
Hottingen, ist durch ihre umfangreiche und gediegene Arbeit
über Ulrich Hegner in den literarhistorischen Kreisen eingebür-
gert worden. Maria Waser, Verfasserin zahlreicher kunstkritischer
und Hterarischer Essays, die besonders in der von ihr, gemeinsam
mit ihrem Gemahl, Professor Dr. Otto Waser (Verfasser von
,, Meisterwerke der griechischen Plastik"), redigierten angesehenen
Zeitschrift ,,Die Schweiz" zur Veröffentlichung gelangten, ist
durch das Meisterv\^erk ihres historischen Romans ,,Die Geschichte
der Anna Waser" ein Liebling namentlich der gebildeten Frauen-
o XXXIX. KAPITEI.: KUNST UND LITERATUR 299
weit geworden. Die Jugendliteratur haben Lily von Muralt,
Maria Wyss, Thekla von Muralt-Ulrich, Emma Wüterich-Muralt
durch manche treffliche Gabe bereichert.
Zur Hebung des literarischen Interesses und zur Mehrung der
Freude an einheimischer und fremder Dichtung hat keine Ver-
einigung mehr beigetragen als der Lesezirkel Hottingen. Den von
ihm veranstalteten literarischen Abenden verdankt das Zürich
unsrer Tage mannigfachste Anregungen und unauslöschliche Ein-
drücke. Seine Trachtenfeste und ,, Kränzchen", zu denen nicht
selten ganze Scharen von sangesfrohen Teilnehmern aus andern
Kantonen beigezogen wurden, wirkten auf unser Publikum wie
eine Offenbarung, ,, welches Kleinod wir, unbeschadet unsrer
nationalen Einheit, in der kulturellen Verschiedenartigkeit der
Volksstämme besitzen, die in unsern Bergen nebeneinander woh-
nen". Seine Sommerfahrten ins Land hinaus boten eine Fülle
edler Genüsse und anmutigster GeselHgkeit. Mit Erstaunen er-
fährt man aus der Festschrift von Hedwig Bleuler-Waser zum
25jährigen Jubiläum des Lesezirkels am 4. und 9. November 1907,
wie rasch dieser Verein, der ganz aus der Familie Bodmer in Hot-
tingen herausgewachsen ist, aus bescheidenen Anfängen sich zu
einem angesehenen und in der ganzen Schweiz anerkannten Ver-
treter der literarischen Interessen unseres Landes entwickelt hat.
Der ,, Lesezirkel Hottingen" ist, nachdem ein erster Gedanke schon
im Hottinger Turnverein von Wilfried Treichler geäussert worden
war, am 4. November 1882 im ,, Sonneneck" in Hottingen von
zwölf Jünglingen, unter denen sich der eigentUche Gründer und
nachmahge ständige Präsident Hans Bodmer befand, konstituiert
worden. Es wurde vorerst eine Lesemappe mit Zeitschriften, der
„Thek", in Zirkulation gesetzt, und diese älteste, grundlegende
Institution des Vereins ist auch heute noch seine sorgsam gepflegte
Hauptaufgabe. Es kamen dann dazu eine Leihbibliothek und die
Veranstaltung von literarischen Vorträgen. Mit dem im Jahre
1891 im Gemeindehaus Hottingen eröffneten Lesezimmer wurde
eine weitere Institution geschaffen, die dem Lesezirkel hernach
die 1896 gegründete Pestalozzi- Gesellschaft abnahm; in den wei-
testen Volkskreisen werden namentlich die in allen Stadtteilen er-
öffneten, stets stark besuchten Lesesäle der Pestalozzi- Gesellschaft
als grosse Wohltat empfunden, und auch ihre Volksbibhotheken,
300 XXXIX. KAPITEI,: KUNST UND WTERATUR o
Volkslehrkurse und Volkskonzerte werden von vielen geschätzt, die
dieser Bildungsmittel sonst nicht teilhaftig würden. Der „Lesezirkel
Hottingen" setzte sich nach den Statuten von 1896 den Zweck,
„durch geeignete Veranstaltungen den Sinn für Literatur zu pflegen" .
Seinen Aufschwung verdankt er insbesondere seinen öffentlichen
Anlässen und Festlichkeiten. Durch sie wurde er „ein soziales We-
sen, dem sich die verschiedensten persönlichen Beziehungen nicht
nur innerhalb seines Mitgliederkreises und seiner engern Gemeinde,
sondern in der ganzen Heimatstadt und im Schweizerlande herum,
ja über seine Grenzen hinaus erschlossen. Man kann wohl sagen,
dass seit dem Tage des Schweizer Trachtenfestes (1896) der Lese-
zirkel in der ganzen Schweiz immer mehr angesehen wird für eine
Art Verwalter und Popularisator heimischer Kulturschätze, von
dem ähnliche Bestrebungen und Vereinigungen Rat und Hilfe
begehren." Nichts Lieblicheres als diese Dichterfeiern (Klop-
stocks auf der Au, Gessners im Sihlwald) , diese mit ebensoviel Ge-
schmack als Kunstsinn durchgeführten Sommerfeste auf der
Ufenau, in Rapperswil, in Stein am Rhein, die immer wieder an
Gottfried Kellers Verse erinnern:
Ja, dieses Volk, in reg' empfimdnem Triebe,
Eilt aller Kunst voran xind übt sich frei.
Gesetzlos spielend auf den freien Fluren!
Da sieht man oft auf kaum ergrünter Wiese
Ein leicht' Gerüst, drauf unter Frühüngswolken
In bvmter Tracht voU Eifer es tragieren,
Von seiner eignen Menge ernst umringt.
Und schliesst die Handlung, so begehn die Spieler
Vereint in einem Zuge mit den Hörern
Des Orts Gemarkung feierHchen Schrittes.
So freut das Volk der trauten Heimat sich!
Zu den reizendsten winterlichen Anlässen in Zürich aber ge-
hören stets die unter dem Namen ,, Kränzchen" in der Tonhalle
abgehaltenen Feste, bei denen die sämtlichen Lokalitäten eine
stilgerechte Ausschmückung erhalten, die noch tagelang eine viel
bewunderte Sehenswürdigkeit zu bleiben pflegt. Unter ihnen sind
die „Frühlingsmesse von vSeldwyla", ,,Die Bauernkirchweih", ,,Die
Orientreise", die RöseHgarten-Auffühnmgen besonders eindrück-
Hch gebUeben. Mit seinen ,, Literarischen Abenden", die jeden
Winter stattfinden, bezweckt der Lesezirkel, hervorragende Er-
scheinungen oder bestimmte Gebiete der Literatur durch Vor-
o XXXIX. KAPITEI.: KUNST UND LITERATUR 301
träge, Rezitationen und kleinere dramatische oder musikalische
Aufführungen zu lebendiger Anschauung zu bringen. Dabei wird
die Literatur der Gegenwart möglichst in der Weise herangezogen,
dass Dichter und Schriftsteller Proben aus ihren Werken persön-
lich vorlesen, und mancher Träger eines berühmten Namens in
der Schweiz und im Ausland ist der Gemeinde des Lesezirkels auf
diese Weise auch von Angesicht bekannt geworden. Für die
literarischen Feinschmecker aber besteht dann noch ein literarischer
Klub. ,,In diesem zugleich beweglicheren und engmaschigeren
Netz Hessen sich dann allerlei feinere literarische Spezialitäten und
Merkwürdigkeiten, auch unausgewachsene Exemplare, oder zur
Abwechslung auch Amphibien aus benachbarten Gebieten auf-
fangen", sagt die Verfasserin der Festschrift. Ausser diesem
schönen Buche verdanken wir dem ,, Lesezirkel Hottingen" noch
manche andere wertvolle und interessante literarische Publikation,
die durch seine Feste veranlasst wurde. Das neueste ist der
Prachtband ,,Schwyzerländli", ein Gemälde des schweizerischen
Volkslebens im Spiegel des mundartlichen Liedes, illustriert durch
22 farbige Trachtenbilder nach altern Miniaturküpferchen. Eine
neue Quelle der Unterhaltung und Anregung hat der Verein sei-
nen Mitgliedern erschlossen mit seinem Organ, ,,Der Lesezirkel".
Noch immer fehlt dem ,, Lesezirkel Hottingen" das seinen
Zwecken genügende eigene Heim mit Vortrags-, Lese- und Gesell-
schaftsräumen; es soll aber ein solches unter dem Namen ,, Gott-
fried Keller-Haus" erstehen, zu dem am Jubiläum von 1907 mit
einem namhaften Beitrag der Grundstein gelegt worden ist. Eine
patriotische Tat vollbrachte der ,, Lesezirkel Hottingen" in Ge-
meinschaft mit andern mit der Gründung der ,, Schweizerischen
Schillerstiftung", die den Zweck hat, Schriftsteller, die sich um
die schweizerische Nationalliteratur verdient gemacht haben, in
schwierigen Lebenslagen zu unterstützen und auch auf andere
Weise (Stipendien an jüngere Talente, Volksausgaben von Meister-
werken schweizerischer Dichtkunst) die nationale Literatur zu för-
dern. An der vom Lesezirkel am 9. Mai 1905 in der Tonhalle ver-
anstalteten Schillerfeier ist von Bundesrat Forrer die Gründung
der ,, Schweizerischen Schillerstiftung" proklamiert worden.
VIERZIGSTES KAPITEL
CONRAD FERDINAND MEYER
„In meinem Wesen und Gedicht
„Allüberall ist Firnelicht,
„Das grosse stille Leuchten."
C. F. Meyer.
Wie zwei Türme ragen aus dem literarischen Zürich des 19. Jahr-
hunderts die Namen Gottfried Keller und Conrad Fer-
dinand Meyer: viereckig, trutzigHch, wie aus unbehauenen Quadern
gefügt der eine, rund, mit sorgsam geglätteter Oberfläche der
andere. Welcher von ihnen der grössere sei, ist eine der müssigen
Fragen, wie sie Goethe, der mit Schiller verghchen wurde, mit
den Worten zurückwies: ,, Freut euch doch Heber, dass ihr zwei
solche Kerle habt!" Gottfried Keller und Conrad Ferdinand
Meyer waren grundverschieden bis in die innersten Wurzeln ihres
Wesens; sie dürfen nicht gegeneinander abgeschätzt und gewogen
werden. Welchen Gegensatz bietet trotz mancher ÄhnHchkeiten
— die früh verwitwete, kummerreiche Mutter, die treue, nur für
den Bruder lebende Schwester, der fatale Ruf einer ,, verfehlten
Existenz" — schon ihr äusserer Lebensgang! Das MiUeu, aus
welchem Gottfried Keller hervorging, war der Rindermarkt mit
seinen kleinbürgerlichen, teilweise ärmHchen Verhältnissen; in
eine ganz andere Gesellschaftsschicht aber führt uns das Leben
Conrad Ferdinand Meyers. Er ist der SprössUng einer angesehenen
altzürcherischen Familie, der Sohn des Regierungsrats Ferdinand
Meyer (geb. 7. März 1799, f ^o. Mai 1840), eines feingebildeten,
edeldenkenden Magistraten, der seine Mussestunden mit Vor-
liebe historischen Studien widmete. Die Frau Regierungsrat Betsy
Meyer war die Tochter des zur Zeit der Helvetik vielgenannten
Taubstummenlehrers, Statthalters und spätem Oberrichters Jo-
hann Conrad Ulrich, eine der feinsten und anziehendsten Frauen-
gestalten, die Zürich je hervorgebracht hat. J. C. BluntschH er-
bhckte in ihr das ,, Ideal der Weibhchkeit" , und dem heranwach-
senden Geschlecht erschien sie wie die Verkörperung einer andern,
%.tHin^nd M)»VC"r VClpSy^L'Jjlch
o XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER 303
vergangenen, feineren Zeit. Einer Freundin von Johanna Spyri
machte Frau Betsy den Eindruck, als ob sie aus dem Zeitalter
Schillers tmd Goethes zurückgeblieben sei, und über ilir schwebte,
was für viele so unauslöschlich wirkte, der Zauber seltener An-
mut, feinen Geistes, eines reinen, warmen Herzens und der Reiz
einer leisen Melancholie, des ,,Urheimwehs", wie sie sagte, das wir
nie verlieren, solange wir auf dieser Erde wandeln.
Als Conrad Ferdinand Meyer am 11. Oktober 1825 geboren
und folgenden Tages — wie Gottfried Keller in der Prediger-
kirche — getauft wurde, wohnten die Eltern noch im Ulrichschen
Hause zum ,, Stampfenbach". Seit 1830 finden wir sie im ,, Grünen
Seidenhof", wo ihnen am 19. März 1831 das zweite Kind geboren
wurde: die hochbegabte Betsy Meyer (f 22. April 1912 in ihrem
Chalet ,,Rischmatt" in Veitheim bei Wildegg, Kt. Aargau). Es
wäre zu viel gesagt, wenn man behaupten wollte, dass diese um
5^ Jahre jüngere Schwester Conrad Ferdinand Meyer zu dem
gemacht habe, was er geworden ist; aber dass ihr ein Hauptanteil
daran gebührt, das gehört zu den sichersten Tatsachen der Literatur-
geschichte. Sie ist zu ihm gestanden und hat an ihn geglaubt
durch lange, trübe Jahre, als kein Mensch auf der weiten Welt
etwas von Conrad Ferdinand Meyer hielt und erwartete; sie war
sein Halt und sein Trost in den Kämpfen und Nöten des wer-
denden Dichters; sie kannte jeden seiner Gedanken und war
seine vertraute Freundin und Ratgeberin, mit der er seine dichte-
rischen Pläne durchsprach. Betsy Meyer hat unter viel Mühe
die Drucklegung des Erstlingswerks ihres Bruders, der ,, Zwanzig
Balladen", erwirkt, und es war die glückHchste Stunde ihres
Lebens, als sie ihm unter der Anrede ,,Mein Hebster Dichter!"
den Erfolg ihrer Bemühungen melden konnte. Bis zu seiner Ver-
heiratung führte Betsy dem Bruder den Haushalt und diente ihm
als Privatsekretär; er diktierte ihr seine Werke und Entwürfe
und nahm sie mit auf seine Reisen nach ItaUen und ins Bündner-
land. Und als er dann das eigene Heim begründete, ist sie still
verschwunden, um ihren weitern Lebensweg allein zu suchen und
durch volle fünfzehn Jahre als freiwillige Gehilfin in der Gebets-
heilanstalt von Samuel Zeller in Männedorf zu wirken. Dass auch
sie selber meisterHch die Feder zu führen verstand, bewies Betsy
Meyer mit dem Buch: ,, Conrad Ferdinand Meyer in der Erinnerung
304 XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER a
seiner Schwester", das die Treue und Hingabe für den angebeteten
Bruder krönte.
In die Scliulzeit Conrad Ferdinand Meyers — er besuchte
das untere und das obere Gymnasium — fiel der Hinschied des
Vaters, ein Ereignis, das die aufs tiefste erschütterte Mutter in
ilirem Tagebuch mit dem einzigen Wort ,,Todesstoss" bezeichnete.
AnfängUch machte der junge Conrad in der Schule gute Fort-
schritte; dann kam er aber hinter andere zurück und zeigte ein
zerstreutes, träumerisches Wesen. Die Mutter verstand ilm nicht
zu behandeln und wusste das auch. ,,Ich bin," schrieb sie an einen
Freund, ,, trotz oder wegen meiner mütterlichen Zärtlichkeit,
die Person, die ihm am meisten schadet". Oder ein andermal:
,, Meine Freunde werfen mir nicht vor, ich verwöhne ihn, sondern
vielmehr, ich halte die Zügel zu straff und laufe Gefahr, den
Faden zu brechen, der mich mit diesem so unabhängigen Geist
verbindet . . . Ich habe grösstenteils sein Zutrauen verloren, weil
ich mit zu grossem Eifer ihm meine religiösen Überzeugungen
aufzudrängen suchte." Unter solchen Umständen hielt die be-
kümmerte Mutter es für richtiger, die Erziehung des Sohnes ganz
in andere Hände zu geben. Durch Vermittlung des Historikers
Louis VulHemin placierte sie ihn in eine gute Pension in Lausanne.
Im folgenden Jahr (1844) kehrte er zurück, mit einem Kopf voll
gärender Ideen und weniger disponiert denn je, sich in die Enge
der heimischen Verhältnisse und die gegebenen Schranken des
täglichen Lebens zu schicken. Zwar bestand er das Maturitäts-
examen und sollte nun auf den Rat Bluntschhs Jurisprudenz
studieren, aber die trockene Wissenschaft widerte ilm bald an,
und er zog sich aus den Hörsälen gänzHch auf sein Zimmer zurück,
begann eine vielgestaltige, planlose Lektüre und machte dichterische
Pläne und Entwürfe, von denen aber kein einziger zur Reife
gelangte. Ganz verzweifelt schrieb die Mutter 1849 ^.n VulHemin:
,,Er leidet, dass er kein Ziel und keine Karriere hat und keinen
Entschluss fassen kann. Auch kann ich sagen, dass ich von ihm
nichts mehr in dieser Welt erwarte." Es geht, wie Köhler schreibt,
etwas Müdes, Gequältes, Überängstliches durch das Tun der
feinfühügen Frau, ,,und die beiden, Mutter und Sohn, neben-
einander zu sehen, ist überaus peinlich. Beide hangen in inniger
Liebe aneinander, aber sie finden sich nicht, sie bleiben ein-
o XI,. KAPITEL: CONRAD i^ERDINAND MEYER 305
ander innerlich fremd und verzehren sich in den KonfHkten
ihrer Seele".
Dieser Dämmerzustand, von dem Meyer selbst schrieb:
„Ich war von einem schweren Bann gebunden. Ich lebte nicht.
Ich war in Traum erstarrt," dauerte bis zum Jahr 1852. Ein
häusHches Vorkommnis führte nun eine Änderung herbei. Meyer
wurde unabsichtlich Ohrenzeuge, wie die Mutter einer der be-
suchenden Freundinnen, die sie mit iliren teilnehmenden Fragen
quälten, sagte: ,, Schonen Sie meiner! Mein erstes, mein be-
gabtes Kind ist für solche Zukunftshoffnungen einer Mutter ver-
loren. Er begräbt sich selbst, er ist für das Leben nicht mehr
da!" Meyer war von dem, was er gehört, ganz vernichtet, Hess
sich aber von der Schwester bestimmen, den Wunsch der Mutter
zu erfüllen und sich in einer Heilanstalt auf seinen Geisteszustand
untersuchen zu lassen. Die Mutter begleitete ihn nach Prefargier
bei Neuenburg. Beim Anbück der Anstaltsmauern sagte Meyer :
,,Ich glaube, ich bin gesund." Das bestätigten denn auch die
Anstaltsärzte, welche keine psychische Krankheit, sondern nur
eine etwas abnorme Überreizung der Konstitution feststellten.
Nach zwei Monaten konnte er die Anstalt vollständig geheilt
verlassen, um sich zunächst zu Prof. Charles Godet nach Neuen-
burg zu begeben, welcher der Mutter den Rat gab, um fortan
möglichst für sich selber sorgen zu lassen und ihn dadurch zu
zwingen, seinen Lebensunterhalt selber zu verdienen. ,,Sein grosser
Feind ist das eigene Ich; das ist das Zentrum, um das sich alles
dreht." Im März 1853 zog Conrad Ferdinand Meyer zu Louis
Vulliemin in Lausanne, der ihm zum grössten Segen geworden ist
und den nachhaltigsten Einfluss auf ihn ausgeübt hat. ,,VulHemin
wirkte bestimmend auf sein Geistes- und Seelenleben ein; er
bildete Meyers historischen Sinn und leitete seine Studien. In
seinem Hause entwickelten sich unseres Dichters feine, gesell-
schafthche Formen. Im Umgang mit Vulliemin und seiner ebenso
geistvollen wie herzensguten Gattin, sowie im Verkehr mit den
Menschen, die in ihrem Hause aus- und eingingen, eignete er
sich jene Art feiner, gedankenvoller Causerie an, die jeden, der
ihm später nähertrat, nüt Bewunderung erfüllte. Hier, wo ihm
wahre Religiosität ungeschminkt und lebensvoll in lauteren
Persönlichkeiten sich kundgab, wuchs ihm das Verständnis für
20
3o6 XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER o
die Überlegene Geistesmacht des Christentums, wie sie besonders
in seiner protestantischen Form in die Erscheinung trat. Es
war der französische Historiker, der, von Haus aus Theologe,
seinen Blick auf die eigenartige Grösse der Reformatoren und
die Kämpfe der Hugenotten lenkte. Die deutsche Literatur hat
es vor allem dem welschen Geschichtsschreiber zu verdanken,
dass ihr in Conrad Ferdinand Meyer ein Dichter des Protestantis-
mus erstand, der mit Meisterhand die Gestalten Luthers, Zwingiis,
Huttens und Colignys, Gustav Adolfs und Rohans aus ihrem
innersten Wesen heraus zeichnete." (Langmesser).
Auf Veranlassung Vulliemins übersetzte Me^'er in Lausanne
Thierrj^s ,,Recits des temps Merovingiens" . Die umfangreiche
Arbeit, eine treffliche Schulung für Meyers Talent und die Bildung
seines Stils, erschien 1855 ohne den Namen des Übersetzers und
war die erste (und letzte) Freude der Mutter über sein schrift-
stellerisches Bestreben. Als ein anderer kehrte er am Silvester
1853 nach Hause zurück, und die Mutter schrieb voll Dank und
Freude an Vulliemin von der ,,morahschen und religiösen Ver-
änderung", die mit ihm vorgegangen war. Bald hernach verfiel
die Mutter in Schwermut und musste schHesslich nach Prefargier
gebracht werden, wo sie am 27. September 1856 Kühlung und
Tod in den Fluten der Zihl gefunden hat. Den erschütternden
Eindruck, welchen die Katastrophe auf das der Mutter ver-
wandte Gemüt Conrad Ferdinand Meyers machte, schildern seine
Verse :
Trüb verglomm der schwüle Sommertag,
Dumpf und traurig tönt mein Ruderschlag —
Sterne, Sterne — Abend ist es ja —
Sterne, warum seid ihr noch nicht da ?
Bleich das Leben! Bleich der Felsenhang!
Schilf, was flüsterst du so frech und bang ?
Fern der Himmel und die Tiefe nah —
Sterne, warum seid ihr nicht mehr da ?
Eine liebe, liebe Stimme ruft
Mich beständig aus der Wassergruft —
Weg, Gespenst, das oft ich winken sah!
Sterne, Sterne, seid ihr noch nicht da?
Endlich, endlich durch das Dunkel bricht —
Es war Zeit! — ein schwaches FUmmerlicht —
Denn ich wusste nicht, wie mir geschah.
Sterne, Sterne, bleibt mir immer nah!
o XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER 307
Nach dem Tode der Mutter war Conrad Ferdinand Meyer öko-
nomisch vollständig unabhängig gestellt. Er behielt vorerst mit der
Schwester den mütterlichen Wohnsitz in der Meyerschen Liegen-
schaft in Stadelliofen bei, wohin die FamiHe 1845 umgezogen war.
Das Haus Ecke Stadelhoferstrasse-St.Urbangasse bewohnte des
Dichters Onkel, Wilhelm Meyer-Ott, den unsere Leser aus seinen
kostbaren Aufzeichnungen über die Straussenrevolution kennen.
An dieses Haus grenzte am St. Urbangässchen ein längliches Ge-
bäude, genannt die ,, Reisekiste", wo Frau Meyer mit Sohn und
Tochter wohnte, und das dritte und unterste Me3^ersche Ge-
bäude, mit Front gegen den See, war das jetzt verschwundene
Lochmannsche Haus. Conrad Ferdinand Meyer war beim Tode
der Mutter schon über dreissig Jahre alt, ohne noch etwas ge-
worden zu sein und sich als nützliches GHed der menschlichen
Gesellschaft erwiesen zu haben, und das fanden seine werten
Mitbürger auch sonderbar und auffällig. Sie gaben es ihm ge-
legentlich zu fühlen, dass er ihnen nicht als vollwertig galt, und die
Demütigungen und Zurücksetzungen, die er zu kosten bekam,
erfüllten ihn nach und nach mit einer wahren Bitterkeit, die sich
noch öfters in den Briefen aus der Fremde an die Schwester Betsy
Luft machte. Doch fand er selber wieder entschuldigende Worte
für die Haltung seiner Mitbürger, die im Grunde nicht eigen-
nütziger und unzarter seien als die Leute allenthalben sind, ,, son-
dern sich nur sagen : warum sollen wir einem Menschen, der krank
gewesen ist, dessen Mutter auch krank gewesen, der überdies
nichts Rechtes, d. h. nichts Praktisches kann, das Geringste an-
vertrauen?" Und durch alle Misstimmung brach wieder die
Heimathebe des Zürchers sich Bahn: ,,Du glaubst aber nicht,"
schrieb er an Betsy aus Paris, ,,wie heb man in der Fremde die
Heimat bekommt. Der Begriff Heimat ist ein so natürlicher, dass
man hier im Getümmel von Paris ein Gefühl der Sicherheit und
des Friedens hat, wenn man seine Strassen betritt." C. F. Meyer
war 1857 nach Paris und im gleichen Jahre noch nach München ge-
gangen, 1858 hatte er mit der Schwester Rom und Florenz besucht
und reiche Eindrücke gesammelt, ohne aber über das Gefühl des
,, quälenden Unvermögens einer seinem Talent auch nur annähernd
entsprechenden Hervorbringung" hinwegzukommen. So hielt er
es in Zürich wieder nicht lange aus und flüchtete zum drittenmal
3o8 XI,. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER o
nach Lausanne. Endlich, 1864, als er beinahe vierzig Jahre alt
geworden war, gelang der erste Schritt in die Öf fenthchkeit : er
gab ohne seinen Namen die ,, Zwanzig Balladen" heraus, die im
Kreis seiner Zürcher Freunde und Verwandten für ihn geradezu
eine Auferstehung bedeuteten und deren bescheidener Erfolg
seinen Mut und sein Selbstvertrauen hob. Ein gutes Zeichen war
es auch, dass ein anderer Dichter Conrad Meyer (geb. 3. September
1824 in Winkel bei Bülach), dessen Name ebenfalls in den Kon-
versationslexiken zu finden ist, Besorgnisse wegen künftiger Ver-
wechslungen hegte. Die beiden Namensvettern trafen ein Ab-
kommen, wonach der Stadtzürcher sich den Namen seines Vaters
beilegen sollte, imd der Stadtrat erteilte ihm denn auch die Er-
laubnis, künftig den Namen „Conrad Ferdinand" bürgerhch zu
füliren.
In jenen Jahren siedelte Meyer mit seiner Schwester in den
,, Seehof" nach Küsnacht und später nach Meilen über und trat
hier u. a. in lebhaften Verkehr mit Dr. Frangois Wille in Maria-
feld bei Meilen. Wille, eine Kraftnatur von körperlicher und
geistiger Gesundlieit und hohem idealem Flug, zog Conrad Ferdi-
nand Meyer völHg in seinen Bann und beeinflusste nachhaltig sein
Denken und Schaffen. Die Heimat Willes war La Sagne im Kanton
Neuenburg ; von dort war sein Vater nach Hamburg ausgewandert
und hatte seinen Namen Vuille verdeutscht. Heinrich Heine hat
seinerzeit das von Schmissen gezierte Gesicht des flotten Studenten
Fran9ois Wille besungen, und Bismarck, der mit ihm studierte
und ,, paukte", stellte ihn 1863 seiner Frau vor mit den Worten:
,, Liebe Johanna, als ich vor dreissig Jahren diesen Herrn zuletzt
sah, hatte er sich fünf Stiche in den Bauch geben lassen." Frangois
Wille war einige Zeit in Hamburg journahstisch tätig gewesen
und dann nach Meilen gezogen, wo er mit seiner geistvollen, schrift-
stellerisch begabten Frau Eliza, der Tochter des Hamburger
Grosskaufmanns Slomann, ein überaus gastfreies Haus fülirte.
Was in Zürich auf Geist und Bildung, auf Hterarisches und poH-
tisches Interesse Anspruch erhob, gab sich in Mariafeld Rendez-
vous, und eine Tafelrunde wie Frangois Wille hat nicht mancher
gekrönte Mäzen um sich versammelt. Es gehörten dazu, um nur
einige Namen zu nennen, Richard Wagner und Franz Liszt,
Herwegh, die Professoren Mommsen, Köchly, Ludwig und Mole-
o XI,. KAPITEI,: CONRAD FERDINAND MEYER 309
Schott, dann die drei Gottfriede Semper, Kinkel und Keller, der
polnische Graf Wladislaus Plater und seine lebhafte Frau, die
frühere Schauspielerin Caroline Bauer. In diesem geistreichen
und anregenden Kreise bedeutender Menschen verhielt sich
C. F. Meyer mehr empfangend und beobachtend; dem Ehepaar
Wille aber bewahrte er für seine verständnisvolle Teilnahme und
vielfache Förderung zeitlebens tiefe Dankbarkeit.
Die erste unter seinem Namen erschienene PubHkation
Meyers waren die ,, Romanzen und Bilder" (Dezember 1869), die
aber fast unbeachtet bUeben. Wille ärgerte sich über das stumpfe
Schweigen der literarischen Miteidgenossen und schrieb im Früh-
jahr 1871 in seiner resoluten Art in einem öffentlichen Blatte:
,, Während in unsern zahlreichen, heimische Talente immer pa-
triotisch feiernden Blättern auch die unbedeutendste Gedicht-
sammlung nicht der freundüchen, von rührender Genügsamkeit
zeugenden Empfehlungen entbehrt, habe ich diese Gedichte eines
Zürichers noch niemals in unserer Presse erwähnt gefunden."
Wille machte nachdrückhch aufmerksam auf die günstigen Be-
sprechungen dieser Gedichte Meyers durch Männer wie VulHemin
in der französischen Schweiz und Rudolf Gottschall in Deutsch-
land und hob den hohen poetischen und geistigen Gehalt der
,, Romanzen und Bilder" hervor. Den tiefsten Eindruck machte
auf Conrad Ferdinand Meyer der deutsch-französische Krieg und
der Aufschwung des Deutschen Reiches. Glaubte er doch sogar,
nunmehr das ,, französische Wesen" bei sich ganz ,, abtun" und
sich mit aller Entschiedenheit zu der deutschen Stammeszugehörig-
keit bekennen zu müssen. Meyer geriet in einen solchen deutschen
Eifer, dass er an Gottfried Kinkel die Zumutung richtete, sich
durch ein patriotisches Gedicht mit Deutschland zu versöhnen
und in das neuerstandene Reich zurückzukehren, was Kinkel
gründhch dahin missverstand, dass Meyer nach seiner Professur
am Polytechnikum trachte und ihn deshalb von Zürich weg-
wünsche! Seiner Begeisterung für deutsche Grösse, deutsche Art
und deutsches Wesen gab Meyer sodann Ausdruck in der gross-
artigen epischen Dichtung ,,Huttens letzte Tage", die seinen dich-
terischen Ruhm begründen sollte. Meyer hat dieses Werk, das zu-
erst von Johannes Scherr voll Freude und Begeisterung am 6. Ok-
tober 1871 in der ,, Zürcherischen Freitagszeitung" besprochen
310 X:^. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER o
wurde, Frangois und Eliza Wille gewidmet, die an seinem Ent-
stehen so lebhaften Anteil genommen hatten. ,, Während von
persönlichem Einfluss irgend eines Mitlebenden auf seine späteren
Schöpfungen keine Rede sein kann," sagt der kompetenteste
Kenner rmd Beurteiler Meyers, Adolf Frey, , ,hat unstreitig, als der
Hütten auf dem Amboss lag, Willes Geist und lebhafter Rat-
schlag sein Gutes getan, vom Dichter um so dankbarer empfunden,
als diese Dichttmg im eigentlichen Sinne sein Schicksalsbuch ist,
das ihm auf einen Schlag die seit einem Vierteljahrhundert er-
sehnten Güter verschaffte: die ungehemmte innere Entfaltung
imd den äusseren Erfolg." Es folgten darauf 1872 das Epos
,, Engelberg", 1873 die erste historische Novelle ,,Das Amulet",
1875/76 der gewaltige historische Roman ,,Jürg Jenatsch", der
nun erst Conrad Ferdinand Me^^er auch in seinem Vaterland zum
berülimten und populären Dichter machte.
Unterdessen hatte sich — am 5. Oktober 1875 — Conrad Fer-
dinand Mej^er verheiratet mit Luise Ziegler, der Tochter des
Obersten und früheren Stadtpräsidenten Ziegler von Zürich, der
dem neuvermählten Ehepaar auch behilfHch war beim Ankauf
und der Einrichtung seines Heimwesens in Kilchberg (1877).
Durch diese Verbindung hatte C. F. Me3^er wieder völHg Wurzel
gefasst in den Kreisen, denen er entstammte, und charakteristisch
dafür ist der Glückw'unsch von Professor J. R. Rahn zur Ver-
lobung: ,, Gratuliere zur Wahl Deiner künftigen Lebensgefährtin,
die passender nach unser aller Überzeugung nicht hätte getroffen
werden können. Hier zeigt sich denn doch wieder der Zürcher,
und zwar der Zürcher von altem Schrot und Korn, der unbeirrt
von fremdem Tand und Geklemper den Sinn für das Echte, Gute
und Treue bewahrt hat." 1879 wurde dem Dichter die einzige
Tochter Camilla geboren; die Gattin überlebte ihn um fast 17 Jahre
(t 12. Mai 1915). In Kilchberg brachte Conrad Ferdinand Me3^er
seine ,, grosse Ernte" ein; rasch nacheinander entstanden dort
seine bedeutendsten Werke: nach der Humoreske ,,Der Schuss von
der Kanzel" der ,, Heilige", der ilim 1880 die Ernennung zum
Ehrendoktor der Universität Zürich eintrug, ,,Plautus im Nonnen-
kloster", ,, Gustav Adolfs Page", ,, Leiden eines Knaben", ,,Die
Hochzeit des Mönchs", ,,Das Amulett", ,,Die Richterin", ,, Ver-
suchung des Pescara" und das letzte ,, Angela Borgia", das er teil-
o XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER 311
weise wiederum seiner Schwester bei einem Aufenthalt auf Schloss
Steinegg im Thurgau diktierte. Nebenher ging die Entstehung
seiner Gedichte ; sie wurden auch von Gottfried Keller immer sehr
hochgeschätzt, der an Meyers Prosawerken allerlei auszusetzen
hatte. Welche Plastik und Klarheit des Ausdrucks, um ein einziges
Beispiel anzuführen, bewundern wir im ,, Römischen Brunnen":
Aufsteigt der Strahl und fallend giesst
Er voll der Marmorschale Rund,
Die, sich verschleiernd, überfliesst
In einer zweiten Schale Grund;
Die zweite gibt, sie wird zu reich,
Der dritten wallend ihre Flut,
Und jede nimmt und gibt zugleich
Und strömt und ruht.
Zu den letzten kleinen Arbeiten Meyers gehört ein poetischer
Gruss zum Jubiläum des Tondichters und Musikdirektors Dr. Fried-
rich Hegar im Herbst 1890, ein Gedicht zur Fahnenweihe des
Sängervereins ,, Harmonie" im Mai 1891 und der Prolog zur Ein-
weihung des Zürcher Stadttheaters am 30. September 1891.
Conrad Ferdinand Meyer arbeitete schwer. Von Natur floss ihm
die dichterische Ader nicht so sprudelnd wie einem Jeremias Gott-
helf und Gottfried Keller; vielmehr musste er wie lycssing mit
Druck und Pumpe arbeiten : er gewann seine Kunstwerke einfach
durch Arbeit. Er selber sagte: ,,Ich übergehe die Arbeit immer
von neuem, um die charakteristischen Züge Schritt für Schritt
tiefer zu legen und zu verstärken". Zu seinem vertrauten Freunde
und von ihm selbst bestimmten Biographen Adolf Frey äusserte
er einmal, er kämpfe mit seinem Stoff wie Jakob mit dem Engel:
,,Ich ringe mit dir und lasse dich nicht, du segnest mich denn!"
Der Segen lag darin, dass seine Entwürfe aus jeder Umarbeitung
schöner und eigener hervorgingen. AusserordentHch freuten und
stärkten ihn Lob und Anerkennung ; andern eher lästig und wider-
wärtig — wie hat Gottfried Keller auf das ,, vertrackte Gerühmsei"
geschimpft ! — waren sie für ihn wie Honigseim, und nicht umsonst
sagt sein Hütten: ,, Süsseres gibt es auf Erden nicht als ersten
Rulimes zartes MorgenHcht". Schelte man ihn nicht darum;
seine Naturanlage und geistige Konstitution bedurfte der An-
erkennung zu ihrem Gedeihen und Fortkommen. Adolf Frey gibt
dazu die Erklärung: ,,Man hat ihm vorgeworfen, dass er es liebte,
312 XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER o
sich in seinem Erfolge zu spiegeln und den Ruhm ein wenig vor
sich her zu tragen, ohne dass man dabei erwog, dass er fast drei
Jahrzehnte in banger und ungewisser Dunkelheit seufzte, bevor
es ihm glückte, ins Licht zu gelangen, so dass er in Wahrheit
sagen durfte: Ich habe mir die Hände blutig geklettert, ehe ich
oben war." So vermochte ihn auch Gottfried Keller nicht immer
bilHg und gerecht zu beurteilen. Da er sein Junggesellentum und
die sorgenschweren Jahrzehnte niemals völlig verwand, blickte er
bitter auf die unabhängige Lage und den beglückten Hausstand
Meyers, ohne zu fragen, wieviel Herbes diesem Glück vorauf-
gegangen, ohne zu ahnen, wie er durch eine zarte Gesundlieit be-
droht war. An Theodor Storm schrieb Keller einmal: ,,Es ist
ewig schade, dass er (Meyer) mir für den persönHchen Umgang
verloren ist; allein ich bin in diesem Punkte starr und untraitabel.
Sobald ich an einem Menschen dieses unnötige Wesen und Sich-
mausig-machen bemerke, so lasse ich ihn laufen." Meyer tat diese
ihm wohlbekannte Abneigung Kellers leid; aber auch er hatte
vielleicht für Kellers Art nicht immer das richtige Verständnis,
doch urteilte er milde darüber und schrieb nach Kellers Tod:
,, Besonders jetzt, da er tot ist, reinigt sich sein Bild für mich
völHg von dem Gemeinen, das dem Lebenden anklebte und das
durchaus nicht in seinem Wesen lag, sondern aus der Wirtshaus-
umgebung und Weinatmosphäre, zu der er durch den Zölibat ver-
dammt war, herstammte. . . . Aus seinen sehr edeln patriotischen
und sittHch tüchtigen Seiten haben die Schweizer zu lernen."
Von Keller trennte ihn auch sein entschieden ,, positives" Christen-
tum, das im Gegensatz zu Kellers zwar tiefer und natürlicher,
aber mehr in sich verschlossener Religiosität sich auch im münd-
lichen und schriftlichen Verkehr häufig kundgab. Den sprechend-
sten Ausdruck fand Meyers Christenglaube wohl in dem kleinen
Gedicht ,,In Harmesnächten" :
Die Rechte streckt' ich schmerzlich oft
In Harmesnächten
Und fühlt' gedrückt sie unverhofft
Von einer Rechten —
Was Gott ist, wird in Ewigkeit
Kein Mensch ergründen,
Doch will er treu sich allezeit
Mit uns verbünden.
o XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER 313
Mit dem Jahre 1891 begann für Conrad Ferdinand Meyer
eine neue Passionszeit. Geistige Überanstrengung in Verbindung
mit der angeborenen leicht psychopathischen Veranlagung brach-
ten ein Seelenleiden zum Ausbruch. Wahnideen stellten sich ein,
und in einer dunkeln Stunde zerriss er die umfangreichen Ent-
würfe zum „Dynasten" und drang darauf, dass alle Papierschnitzel
des wertvollen Torsos vor seinen Augen durch die Magd dem
Feuer übergeben wurden, trotz der Einsprache der treuen Gattin.
Als die Fortschritte der Krankheit die Pflege zu Hause unmögHch
machten, willigte er ein, in die Anstalt Königsfelden bei Brugg
zu gehen, wo er — von Adolf Frey wiederholt besucht — vom
7. Juli 1892 bis 27. September 1893 weilte. Die Wiedergenesung
stellte sich langsam ein, aber die frühere geistige Höhe und
Arbeitskraft kehrte nicht mehr zurück. Immerhin zeugt ein von
ihm selbst für die ,, Freitagszeitung" bestimmtes Gedicht von der
wiedererlangten Klarheit und Schönheit seiner edelgeformten Ge-
danken. Den 70. Geburtstag Conrad Ferdinand Meyers am
II. Oktober 1895 feierte der Dramatische Verein Zürich, der am
Werden und Wachsen des Dichters von Anfang an den verständnis-
vollsten Anteil genommen, mit einer Rede von Dr. jur. Friedrich
Meyer-Schinz, dem Vetter des Dichters, der jahrelang dessen Sekre-
tär gewesen war und ihm mit seinem umfangreichen historischen
Wissen und guten Gedächtnis treffliche Dienste geleistet hatte.
Noch imposanter war die am folgenden Tag vom Lesezirkel Hot-
tingen veranstaltete Feier, an welcher Adolf Frey die Festrede
hielt. Auch in Berlin wurde Meyers 70. Geburtstag gefeiert, und
es sprachen dort u. a. Julius Rodenberg, der treue Freund und
Förderer der Schweizer Dichter Keller und Meyer, und Meyers
Verleger Haessel. Die philosophische Fakultät der Hochschule
Zürich gratuherte ihrem Ehrendoktor mit einer kunstvoll aus-
geführten Adresse, in der es hiess: ,,An unsern Blicken zieht heute
der edle Zug Ihrer Gestalten vorüber und mahnt uns zum be-
wtmdernden Danke. Möge das ,, grosse stille Leuchten", das rein
wie das Firnenlicht unserer Heimat aus Ihren Schöpfungen geht,
auch die kommenden Geschlechter für und für beglücken!"
Nach einem friedvollen stillen Feierabend entschlief Conrad
Ferdinand Meyer sanft und schmerzlos am 28. November 1898,
und ein Leichenzug, nicht viel anders und grösser als er sonst
314 XL. KAPITEL: CONRAD FERDINAND MEYER o
aiif dem Lande etwa zu sehen ist, geleitete ilin am i. Dezember
zum Grabe an der trautesten Stelle des kleinen Kirchhofs von
Kilchberg, das heute ein schlanker Obelisk aus schwarzem Granit
mit der Inschrift „Ich lebe und ihr sollt auch leben" den Be-
suchern kenntlich macht. Als an jenem Abend das Läuten der
Glocken am See anhob, klangen in den Herzen der Leidtragenden
die Worte aus des Dichters schlichtem ,, Requiem":
Bei der Abendsonne Wandern,
Wann ein Dorf den Strahl verlor,
Klagt sein Dunkeln es den andern
Mit vertrauten Tönen vor.
Noch ein Glöcklein hat geschwiegen
Auf der Höhe bis zuletzt.
Nun beginnt es sich zu wiegen.
Horch, mein Kilchberg läutet jetzt!
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EINUNDVIERZIGSTES KAPITEL
ZÜRICH III SOZIALISTISCH
Im August 1891 schrieb der „Deutsche Sozialdemokrat": „Aus
der Schweiz kommt die auch für uns erfreuliche Nachricht, dass
Zürich, die Hochburg der Bourgeoisie, endlich in den Händen un-
serer Partei liegt. Es wurde nämlich vom Volk des Kantons Zürich
die zwangsweise Vereinigung der störrischen und zöpfischen Alt-
stadt mit dem weit bevölkerteren Aussersihl beschlossen." Diese
Meldung eilte der Wirklichkeit so weit voraus, dass sie von ihr
bis jetzt nicht eingeholt werden konnte. Wohl aber gelang es im
Jahre 1902 der sozialdemokratischen Partei, im volksreichsten
Stadtkreise Zürich III die Mehrheit und damit die ausschliessliche
politische Macht an sich zu reissen. Diesen für viele überraschen-
den Sieg verdankte die Partei zum Teil ihrer ungemein rührigen
Agitation. Man war versucht, an das Rezept Plechanows zu den-
ken, der im Juni 1899 im ,, Pfauen" einen Vortrag über die russische
Sozialdemokratie hielt. ,,Wir waren anfangs wenige," erzählte er,
,,doch wir machten einen Lärm, als ob wir viele wären, und jetzt
sind wir viele." Aber damit ist noch wenig gesagt. Ohne die durch
die Stadtvereinigung geschaffenen günstigen Bedingungen wäre
die sozialdemokratische Agitation kaum so erfolgreich gewesen.
Die Grosstadt mit ihren Arbeitermassen gab erst den richtigen
Nährboden ab für eine zukunftsfrohe Sozialdemokratie, so sehr,
dass schon bei der Wahl Vogelsangers in den Nationalrat am
23. November 1890 die ,,N. Z. Z." sich resigniert damit abfand,
dass mit der Zeit der ganze erste eidgenössische Wahlkreis den
Sozialdemokraten verfallen sein werde.
Die nachhaltigste Förderung erfuhr die Sozialdemokratie durch
den Einfluss geistig hervorragender und persönlich ehrenhafter
Führer und durch eine wachsame, schlagfertige Presse, deren Nütz-
lichkeit für die Gesunderhaltung des öffentHchen Lebens bei all
ihrer Leidenschaftlichkeit und klassenkämpferischen Einseitigkeit
sich auch ihren Gegnern aufdrängte. So hat zum Aufstieg der
3i6 XU. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH o
sozialdemokratischen Partei in Zürich u. a. der nunmehrige Ober-
gerichtspräsident Otto Lang wesenthch beigetragen. Er ist der
Sohn eines Schaff hauser Arztes, geb. 1863, und hat in Zürich und
Berhn jus studiert. In Berhn trat er in Verbindung mit den her-
vorragendsten deutschen sozialdemokratischen Parteiführern und
kehrte als begeisterter Anhänger ihrer Lehren nach Zürich zurück.
Hier wurde er im April 1888 vom Volk zum dritten Statthalter-
amts-Adjunkten (Untersuchungsrichter, Bezirksanwalt) gewählt.
Dass er auch in dieser Stellung sich als sozialdemokratischer Streik-
und Agitationsredner vielfach hervortat, erregte das Missfallen des
Kantonsrates, der ihm hiefür bei Beratung des Rechenschafts-
berichtes am 18. Februar i8go mit 104 liberalen gegen 85 demo-
kratische Stimmen einen Tadel aussprach. Ein paar Monate später
sass Otto Lang selber im Kantonsrat. Er wurde am 26. Oktober
1890 in Örlikon gewählt und nahm bei seinem Eintritt in den Rat
am 17. November neben Karl Bürkli Platz, der dem jungen Ge-
nossen mit schmunzelndem Behagen die nötige Personalkenntnis
über die Ratskollegen beibrachte. Die Ablegung des religiösen
Amtsgelübdes hatte Otto Lang schriftlich verweigert. Er machte
damit Schule ; die Gelübdeverweigerung wurde bei der sozialdemo-
kratischen Fraktion Regel, und schHesslich hat der Kantonsrat
selbst, bei Erlass seines neuen Geschäftsreglements im Mai 1909,
sowohl das Eröffnungsgebet wie die rehgiöse Form des Gelübdes
abgeschafft. Die Wiederw^ahl Längs als Bezirksanwalt am 12. April
1891 wurde von den Liberalen erfolglos bekämpft; aber schon Ende
1892 trat er zurück, um mit seinem Bruder Dr. Richard Lang ein
Advokaturbureau in Zürich zu eröffnen. Am 22. Dezember 1895
wählte ihn das Volk zum Bezirksrichter, und schon bald darauf
war er Vizepräsident dieses Gerichtshofes. Die Wahl zum Mitglied
des Obergerichtes durch den Kantonsrat am 20. November 1900
begleiteten in der bürgerlichen Presse allerlei Mahnungen zu künf-
tigem pohtischem Wohlverhalten, aber selbstverständlich liess sich
Otto Lang durch seine Wahl so wenig politisch kalt stellen wie an-
dere Oberrichter, die in bürgerüchen Parteien eine führende Rolle
spielen. Seit dem 2. April 1912 bekleidet Otto Lang das Präsidium
des Obergerichtes.
Mit einem Antrittsgedicht hat am 23. April 1890 Robert
Seidel die Redaktion der ,, Arbeiterstimme" übernommen, die er
o XU. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 317
bis 1898 führte, um dann an das täglich erscheinende ., Volksrecht"
überzugehen. Seidel war von 1890 bis 1898 zugleich leitender
Sekretär und Präsident der Arbeiterunion, von 1893 — 1896 und
wieder seit 1899 MitgHed des Kantonsrates, seit 1898 MitgHed und
1908 Präsident des Grossen Stadtrates, seit 1911 Mitglied des
Nationalrates. Auf das Drängen Seidels waren 1897 die Vorberei-
tungen getroffen worden für die Herausgabe des ,, Volksrechts",
dessen Probenummer unter der Redaktion von Paul Brandt und
Seidel am 19. März 1898 erschien. Schon auf Ende 1898 trat der
erste Redaktionswechsel ein; Brandt wurde Generalsekretär der
Eisenbahner, Seidel kehrte in den Schuldienst zurück und wirkt
seit 1905 an der Eidgen. Technischen Hochschule, seit 1908 auch
an der Universität als Privatdozent für Pädagogik und Sozial-
pädagogik. In die Redaktion des ,, Volksrecht" trat sodann der
Badenser Emil Hauth, der jedoch 1906 unser Land verlassen musste,
worauf Johann Sigg am 15. Juni 1907 die Redaktion übernahm.
Im Mai 1912 kehrte Hauth als zweiter Redaktor neben Sigg ins
,, Volksrecht" zurück. Ein sozialdemokratisches Witzblatt, der
,,Neue Postillon" erscheint seit 1895 in Zürich. Die j ournaUstische
Bekämpfung der Sozialdemokraten betrieb längere Jahre als
Spezialist Major Eduard Attenhofer (geb. 1842, f 26. März 1912),
zuerst als Redaktor der ,,Limmat", dann des von ihm 1885 gegrün-
deten, 1902 eingegangenen ,, Stadtboten". Der Bürgen'erband
erkor (i. Januar 1906) zu seinem Organ das ehemals demokratische
,, Zürcher Volksblatt" in Aussersihl, das 1907 in die ,, Schweize-
rische Bürgerzeitung" (Redaktion Dr. Rudolf Lüdi) und 1913 in
die ,, Zürcher Morgenzeitung" umgetauft wurde. Den Druck über-
nahm die Offizin Jean Frey.
Die Stadtvereinigung von 1892 besass ihre eifrigsten Förderer
in den demokratischen Parteihäuptern von Aussersihl und Wiedi-
kon. Dass diese damit in pohtischer Hinsicht die Geschäfte anderer
Leute besorgten, sich selber aber das Grab schaufelten, bedachte
und glaubte damals keiner von ihnen. In den Grüthvereinen sassen
die führenden Demokraten, und an den demokratischen Wahlver-
sammlungen nahmen auch die Arbeitervertreter teil. Nirgends so
schroff wie von den Demokraten im III. Kreise wurde das Ansinnen
der Liberalen, eine freisinnig-demokratische Mittelpartei unter Ab-
stossung der äussersten Rechten und Linken zu bilden, zurück-
3i8 XLI. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH o
gewiesen. Die Sozialisten lohnten das demokratische Zutrauen
damit, dass sie bei nächster Gelegenheit dem demokratischen Natio-
nalratskandidaten Dr. Amsler einen eigenen Kandidaten in Otto
Lang gegenüberstellten. Bei den ersten Wahlen in den Grossen
Stadtrat im III. Kreis (1892) gingen Demokraten und Sozialisten
zusammen und es wurden gewählt 8 Freisinnige, 15 Demokraten,
8 Sozialisten. Die erste Kantonsratswahl seit der Vereinigung
(23. April 1896) brachte im III. Kreis Schwarber, Biber und Seidel
in den Rat. 1896 wurde Seidel wieder von den Demokraten ge-
sprengt, und es war damit erwiesen, dass im III. Kreis noch jetzt
kein Sozialdemokrat ohne die demokratischen Stimmen durch-
zudringen vermochte. Das genannte Jahr war überhaupt für die
Sozialdemokraten ungünstig. Zum erstenmal trat die Motion
Walder in Wirksamkeit, nach welcher die Ausländer bei Fest-
setzung der Wahlzahl ausser Betracht fielen (Volksabstimmung
vom 12. August 1894). Dadurch wurde die Vertretung von Ausser-
sihl von 16 auf 12 reduziert, von denen die Freisinnigen 3, die
Demokraten 7, die Sozialisten 2 erhielten. Schon drei Jahre darauf
trat der Umschwung ein und das ,, Volksrecht" jubelte: ,,Der
III. Kreis ist unser!" Am 3. April 1899 wurden die letzten Frei-
sinnigen und drei Demokraten weggewählt; der III. Kreis sandte
8 Sozialisten und 4 Demokraten in den Kantonsrat. 1900 kam die
Volkszählung und damit eine starke Vermehrung der Mitglieder-
zahl des Kantonsrates. Man versuchte diese zwar durch ein Ge-
setz auf ein vernünftiges Mass zu reduzieren, was aber hauptsäch-
lich die Demokraten zu hintertreiben wussten. So bekam der
III. Kreis fortan 27 Vertreter, und im ersten Anlauf — am 27. April
1902 — eroberten die Sozialdemokraten alle 27 Mandate.
Umsonst hatten die Bürgerlichen die äussersten Anstreng-
ungen gemacht, sich noch auf einem Winkel des Schlachtfeldes zu
behaupten. Die ,, Schlacht bei St. Jakob an der Sihl", zu welcher
der Herold ihrer ,, Wahlzeitung" alle guten Eidgenossen aufgerufen,
ging verloren. Die Bestürzung darob war so gross, dass die Ver-
mutung ausgesprochen wurde, es sei den Sozialdemokraten der
Sieg nur ,, durch einen im Grossen verübten Wahlbetrug" möglich
geworden. Es wurde Material gesammelt zu einem Rekurs, und in
der konstituierenden Sitzung des Kantonsrates am 20. Mai, in
welcher die 27 Abgeordneten von Aussersihl, verstärkt durch drei
o XU. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 319
Genossen aus Unterstrass und 8 — 9 aus andern Wahlkreisen, sich
ohne Respekt für die in Jahrzehnten ersessenen Platzrechte älterer
demokratischer Ratskollegen in den Bänken zur Linken breit
machten, wurde der Aussersihler Vertretung das Gelübde nicht
abgenommen und der eingegangene Rekurs an die Wahlakten-
prüfungskommission gewiesen. Eine hochnotpeinliche Untersuch-
ung hob an. Sie brachte mit Mühe und Not heraus, dass bei aller-
strengster Interpretation des Wahlgesetzes die drei letzten Sozial-
demokraten möghcherweise nicht gewählt sein könnten. Ernst-
hafte ,, Unregelmässigkeiten" konnten nicht nachgewiesen werden;
der sowohl von den Bürgerlichen, wie von den Sozialdemokraten
betriebene ,, Stimmzettelfang" war rechtlich nicht zu fassen. Denn-
noch genügte das dürftige Material der Kommission und dem Rate,
um sämtliche 27 Wahlen zu kassieren. Scharf und klar hatte Otto
Lang als ,, Kommissionsminderheit" einen Kassationsbeschluss
auf so windiger Grundlage bekämpft. Was wussten die sonst so
beredten Juristen der Rechten darauf zu erwidern? ,,Sie haben
geschwiegen in sieben Sprachen und noch mehr Zungen", rief
Pfarrer Pflüger an der Protestversammlung auf der Rotwandwiese
am Abend des 26. August, wo beim lodernden Fackelschein eine
flammende Resolution gegen den vom Kantonsrat begangenen
„Rechtsbruch" beschlossen wurde.
Am Sonntag darauf, den 31. August, brachten die Sozial-
demokraten noch 1000 Mann mehr als das erste Mal an die Urnen
und die 27 ,, kassierten" Genossen wurden aufs glänzendste bestätigt.
An diesem Volksentscheid war nichts mehr zu interpretieren, für
die Bürgerlichen in Aussersihl nichts mehr zu hoffen. Die Sozial-
demokraten zogen nur die Konsequenz aus dem ,,Majorz"-System,
als sie 1907 auch alle 49 Mandate des III. Kreises für den Grossen
Stadtrat in Beschlag nahmen, während sich die bürgerhchen Ele-
mente, Freisinnige und Demokraten, unter dem Zwang der Not
zu einer einheitHchen ,, Bürgerlichen Partei Zürich III" zusammen-
schlössen (Konstituierung 12. Februar 1908). Der erste sozial-
demokratische Präsident des Grossen Stadtrates von Zürich, Her-
man Greulich, ist dieser Ehre am 22. Oktober 1904 teilhaftig ge-
worden, und zehn Jahre später, 1914, öffnete sich ihm mit der
Wahl zum 2. Vizepräsidenten des Kantonsrates auch die Aus-
sicht auf die höchste parlamentarische Auszeichnung, die der
320 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH
Ol
Kanton Zürich zu vergeben hat: das Präsidium des Kantonsrates.
Greulich, der Veteran der zürcherischen sozialdemokratischen:
Partei, wird als schlagfertiger Debatter, dem alle Register eines
Volks- und Parlamentsredners, von den einschmeichelnden Tönen
treuherziger Biederkeit bis zum Donnern des grollenden Jupiter,
zur Verfügung stehen, von keinem Jüngern MitgHed des Rates,
übertroffen. Die AnhängHchkeit seiner Partei für ihn ist an seinem
70. Geburtstag, den 9. April 1912, zum Ausdruck gekommen, und
es hat damals Otto Lang ihn mit den Worten charkterisiert : ,,Um
Sozialdemokrat zu sein und zu bleiben, hat er nie die Wirkhchkeit
verkennen und vergessen müssen: Er ist immer auf der Erde ge-
standen und hat von diesem Boden aus den Weg zum Soziahsmus
gefunden. Darum besitzt er mehr als irgend einer von uns die
Gabe, uns das sozialistische Problem nahe zu bringen, als Ergeb-
nis menschhcher Tätigkeit, als et^^'as Grosses und Schönes, das
wohl der Zukunft angehört, aber dennoch durch breite Brücken
mit der nüchternen Wirkhchkeit verbunden ist."
Da die sozialdemokratische Partei die ausgesprochene Ver-
treterin der Klasseninteressen der lohnarbeitenden Bevölkerung
ist und sein will, ist sie mehr als irgend eine andere Partei mit
den wirtschaftHchen Kämpfen verknüpft. Ihre MitgHeder, die
,, Genossen", gehören in der grossen Mehrzahl auch den Gewerk-
schaften an und führen dort im Verein mit den ausländischen Ge-
nossen, die als solche nur gewerkschaftlich und nicht auch poHtisch
organisiert sind, den Kampf um bessere Arbeitsbedingungen (mehr
Lohn, kürzere Arbeitszeit, Anerkennung der Organisation usw.).
Sache der schweizerischen Genossen ist es sodann, durch ihre Ver-
treter in den Räten die soziale Gesetzgebung und die Arbeiter-
schutzverordnungen zu fördern und zu beeinflussen, andererseits
Massnahmen, welche die Kampfbedingungen für die Arbeiter er-
schweren könnten, nach MögHchkeit zu verhindern. Die Stellung
der kantonalen und städtischen Exekutive in diesen wirtschaft-
lichen Kämpfen ist ebenso schwierig als undankbar. Sie hat darüber
zu wachen, dass die meist mit Leidenschaftlichkeit verfolgten
Kampfesziele und die Mittel zu ihrer Erreichung nicht allzu sehr
die Rechte anderer und die Interessen der Allgemeinheit beein-
trächtigen. Selten wird ihr von der einen oder andern der im Kampf
stehenden Parteien oder von beiden der Vorwurf erspart, dass sie
o XIvI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH 321
mit ihren Massnahmen oder aber mit untätigem Zuschauen die
Gegenpartei begünstige. Am schärfsten umstritten ist jeweilen
das Mihtärauf gebot bei grösseren Streikunruhen. Nach der in
den Gewerkschaften herrschenden Auffassung ist das MiHtärauf-
gebot in jedem Falle der Beweis krasser Parteinahme der Behör-
den für die Arbeitgeber. Was die Gewerkschaften unter „Koa-
litionsfreiheit" verstehen, ist nichts anderes als die Anerkennung
einer temporären Diktatur der Streikenden. ,,Der sonst bestehende
Rechtszustand erscheint ihnen durch die Proklamierung des
Kampfes gewissermassen suspendiert, und man klagt schon über
Beeinträchtigung der Koalitionsfreiheit, wenn sich der Staat dieser
Anschauung nicht anbequemt und der Freiheit der Streikenden,
in beliebiger Weise auf die ArbeitswilHgen einzuwirken, mit Hilfe
der bew^affneten Macht bestimmte Grenzen zieht" (Herkner).
Das Bestreben der Behörden geht naturgemäss vor allem auf Eini-
gung und Vermittlung, wozu sie sobald als möglich ihre guten
Dienste anbieten. Gegen diese Vermittlung haben dann oft wieder
die Arbeitgeber eine instinktive Abneigung, weil sie wissen, dass
Einigung ohne Opfer und Konzessionen nicht möglich ist, und
zugleich befürchten, die als Schiedsrichter amtenden Vertreter
der Behörden, denen eben doch der Einblick in die wirklichen Ver-
hältnisse und in das, was das Gewerbe zu ertragen vermöge, fehle,
möchten auf einen Friedensschluss auf ihre Kosten drängen.
Die Streike wiederholen sich im Laufe der Jahre mit einer
gewissen Regelmässigkeit und damit — in grösserem oder kleine-
rem Umfang — auch ihre Begleiterscheinungen. Von besonderer
Bedeutung für das Gemeinwesen waren die Vorgänge der Jahre
1897, 1905, 1906 und 1912. Das Jahr 1897 brachte den Nordost-
bahnstreik. Er drohte schon das Jahr zuvor auszubrechen, als
das Personal sämtlicher Hauptbahnen in einer Lohnbewegung
stand und die grosse Eisenbahnerlandsgemeinde in Aarau am
Sonntag den 16. Februar 1896 ihre kategorischen Forderungen
aufstellte. Damals stand Theodor Sourbeck, der ,, Eisenbahner-
general", der meteorgleich am Himmel der schweizerischen Ar-
beiterbewegung aufgetaucht war, um nach kurzem Glänze wieder
zu verschwinden, im Zenith seiner Popularität. Da die Nordost-
bahn sich bei der Einigungskonferenz der Eisenbahngesellschaften
mit Bundesrat Zemp in Bern am 29. Februar 1896 abseits ge-
21
322 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
halten und die Abmachungen nicht unterzeichnet hatte, wurde
ihr von Sourbeck auf den 2. März der Streik angesagt. Durch Ver-
mittlung Zemps kam aber am i. März der „Friede von Zürich"
zustande, der den Konflikt mit der Erfüllung der Arbeiterforde-
rimgen beilegte. Sourbeck wurde am 25. Oktober 1896 von den
Berner Freisinnigen in den Nationalrat gewählt (1899 wieder fallen
gelassen) .
Im Frühjahr 1897 wurde der Streit bei der Nordostbahn plötz-
lich wieder akut. Es hiess, die Direktion habe ihre VerpfHchtungen
nicht innegehalten, das verpfändete Wort gebrochen. Eine Dele-
giertenversammlung der Nordostbahnangestellten am 28. Februar
fasste in Anwesenheit Sourbecks einstimmig Kampfbeschlüsse. In
ihrem Namen ersuchte Sourbeck am 2. März den Verwaltungs-
rat der Nordostbahn, ,,er möge dafür besorgt sein, dass die Direk-
tion ihr am i. März 1896 gegebenes Wort einlöse." Das Zentral-
komitee der Eisenbahner sei bereit zu Unterhandlungen vor dem
Eisenbahndepartement. Die Antwort wurde erbeten bis 10. März,
vormittags 10 Uhr. Folgenden Tages, den 3. März, beschloss der
Verwaltungsrat die Einsetzung einer Kommission zur Prüfung
der Postulate der Eisenbahner und Antragstellung darüber; die
Mehrheit der Kommissionsmitgheder war den Arbeiterforderungen
unbedingt günstig gesinnt. Sonntag vormittag den 7. März ver-
sammelten sich im alten Schützenhaus 400 Nordostbahnange-
stellte. Es wurde der Antrag auf sofortige Organisation des Streiks
gestellt; Arbeitersekretär Greulich beantragte dagegen, vorerst
die Ergebnisse der Untersuchungskommission abzuwarten, was
auch beschlossen wurde. Der Friede schien gesichert, aber am
Montag vormittag den 8. März übermittelte Sourbeck aus Bern
dem Verwaltungspräsidenten Guyer-Zeller ein telegraphisches
Ultimatum: ,,Bis zum 10. März vormittags 10 Uhr ja oder nein."
Guyer-Zeller telegraphierte am Mittwoch vormittag den 10. März
an Bundesrat Zemp, die Antwort auf das Ultimatum Sourbecks
liege in dem Beschluss des Verwaltungsrates vom 3. März. Punkt
10 Uhr erscliien Sourbeck bei Bundesrat Zemp, um die Note
Guyer-Zellers einzusehen. Er erklärte sie für ,, unbefriedigend"
und den Streik für unvermeidlich. Auf das Zureden Zemps er-
widerte er, das Personal habe nun einmal beschlossen, die Arbeit
niederzulegen, um auf diese Weise die missliebige Direktion, von
o XLI. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH 323
der es nichts Gutes mehr erwarte, auf die Seite zu schieben. Immer-
hin bequemte sich Sourbeck noch zu einer letzten Konzession:
Einberufung der Kommission des Verwaltungsrates auf Donnerstag
vormittag zu einem sofortigen und endgiltigen Entscheid (wozu
diese Kommission gar keine Kompetenz besass). Alsbald nach
der Audienz reiste Sourbeck mit seinem Gefolge nach Zürich.
Abends hob eine zweite Delegiertenversammlung der Eisenbahner
die Beschlüsse vom Sonntag auf und erklärte in einem Bulletin
die Lage für ,,sehr ernst".
Donnerstag vormittag den 11. März begab sich Regierungsrat
Locher, ein Mitglied der vom Verwaltungsrat bestellten Kom-
mission, in den ,, Schützengarten", das Hauptquartier des Zentral-
komitees. Er fand bereits eine abgeschlossene Sachlage, die Eisen-
bahner zum Streik entschlossen und die Proklamation des Komitees
erlassen und versandt. Sie war sogar schon in den ,,Aargauer Nach-
richten" erschienen. Bald prangte die Streikproklamation auch
an den Mauern von Zürich: ,,Wir wälzen feierlich die Verantwort-
lichkeit für die gegenwärtige Sachlage von uns ab auf die wirklich
Schuldigen: die Direktion der Nor dostbahn" , hiess es darin.
Abends 8 ^ Uhr war Eisenbahnerversammlung im alten Schützen-
haus. Sie beschloss mit allen gegen 4 Stimmen den sofortigen
Streik. Die Eisenbahner waren überzeugt, dass der Bund unver-
weilt eingreifen und den Betrieb übernehmen werde; hatte man
doch im letzten Jahr in der Bundesversammlung, als der Streik
drohte, von Seiten des Bundesrates gehört, dass der Streik keine
Stunde gedauert und der Bund sofort eingegriffen hätte. Nun
aber, da der Ernstfall eintrat, zeigte sich, dass die Rechts- und
konstitutionellen Grundlagen für einen sofortigen Bundesbetrieb
fehlten. Von nachts 12 Uhr an, 11./12. März, Freitags, bis Samstag
nachmittag 5 Uhr, 41 Stunden lang, ruhte der Verkehr der Nord-
ostbahn vollständig. In der Bahnhofhalle war es kirchenstill.
Es war für Zürich eine arge Kalamität, besonders am Freitag
(Wochenmarkt). Nur die wenigen, vom Streik nicht betroffenen
Züge der Vereinigten Schweizerbahnen fuhren ein und aus, aber
die höheren Bahnhofbeamten mussten selbst die Weichen stellen
und alle Dienste verrichten. Von Stunde zu Stunde harrte man
auf ein erlösendes Wort aus Bern. Es kam nicht. Die Meinung
verbreitete sich, Bundesrat Zemp wolle absichtlich nicht ein-
324 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH o
greifen, um die Nordostbahn für den Rückkauf mürbe zu machen,
an dessen Vorbereitung er gerade arbeitete; auch Curti sagt in
seiner Geschichte der Schweiz im 19. Jahrhundert, dass der Nordost-
bahnstreik wohl am meisten zur Annahme der Eisenbahnverstaat-
lichungsvorlage am 20. Februar 1898 mitgewirkt habe. Allgemein
hatte man die Überzeugung, dass ein solcher Skandal wie der
Nordostbahnstreik nur unter der Privatwirtschaft vorkommen
könne und bei der Staatsbahn ausgeschlossen wäre. Dieser An-
sicht schien auch Bundesrat Zemp zu huldigen; wenigstens wurde
seine Antwort auf die Interpellation von Oberst Meister über den
Nordostbahnstreik im Nationalrat am 18. März 1897 so aufgefasst.
Die seitherige Entwicklung der Klassenkampftheorie ist nun aber
auf dem Standpunkt angelangt, dass den Staats- und Gemeinde-
arbeitern, den Arbeitern an den öffentlichen Betrieben, nicht nur
für sich selbst jederzeit ein Streikrecht, sondern auch im Falle
eines Massenstreiks, Generalstreiks oder S^^mpathiestreiks zur
Unterstützung anderer Arbeiterkategorien, eine Streikpflicht zu-
komme. Sind ihre eigenen Lohn- und Anstellungsverhältnisse be-
friedigend, so ist das kein Grund, sie vom vStreik zu dispensieren;
sie haben im Gegenteil, so wird gesagt, nur um so mehr Pflicht,
mitzumachen und damit auch ihren Genossen zu ähnHch gün-
stigen Arbeitsbedingungen zu verhelfen. Den Vertretern dieser
Theorie schien jedoch, zu entgehen, dass dadurch der in Stadt
und Kanton Zürich schon in reichem Masse ausgestaltete Staats-
und Gemeindesozialismus auf das unheilvollste kompromittiert
werden musste; denn wer konnte sich für ihn noch begeistern,
wenn die öffentHchen Betriebe keinen Augenblick mehr davor
sicher sein sollten, wegen irgendeines Streiks in einem Privat-
betrieb aus lauter ,, Sympathie" von ihren eigenen Arbeitern und
Angestellten ebenfalls stillgelegt zu werden ?
Freitag Mittag liiess es, eine bundesrätliche Delegation werde
nach Zürich kommen, für deren Reise Sourbeck die Abfertigung
und Bedienung eines Extrazuges bewilligt habe. Um 2 Uhr 30
trafen die Herren ein : Die Bundesräte Zemp und Müller, Bundes-
anwalt Scherb, Departementssekretär Mürset und einige Beamte
der Oberpostdirektion. Auf dem Perron warteten einige MitgHeder
des Regierungsrates, und Eisenbahner und Volk empfingen die
Aussteigenden mit brausendem Hoch. Aber es wurde Abend und
o XLI. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 325
wieder Morgen, und immer noch fuhren keine Züge von Zürich ab.
Erst Samstag gegen Mittag einigte man sich auf die Übertragung
des Schiedsgerichtes an Bundesrat Zemp, der die pekuniären
Forderungen der Arbeiter ohne weiteres bewilUgte, aber die Ent-
fernung der Direktoren wegen der ungünstigen Rückwirkung auf
die Eisenbahnverstaathchung abwies. Samstag nachmittags 5 Uhr
40 Min. wurde der Betrieb wieder aufgenommen, nachdem das
Zentralkomitee folgende Depesche versandt hatte: ,,An alle Sta-
tionen der Nordostbahn. Einigung durch bundesrätUchen Schieds-
spruch erfolgt. Zentralkomitee weist Personal an, sich sofort in
Dienst zu begeben zur Betriebsübernahme. Sour- Greulich -beck"
(das verabredete Stichwort).
1905 ist das Geburtsjahr des Bürgerverbandes. Ein Maurer-
und Handlangerstreik mit den übhchen Erscheinungen hatte die
Einberufung einer 2000 Mann starken bürgerlichen Versammlung
in den Börsensaal auf den 18. April veranlasst, die gegen die Aus-
schreitungen beim Streik und die ,, Schlappheit" der Behörden
protestierte. Eine Gegendemonstration (mit anschliessendem Zug
zur Börse) veranstalteten die Sozialdemokraten am 19. abends
auf der Rotwandwiese. Im Auftrag der bürgerlichen Versammlung
erliess deren Komitee am 29. April einen Aufruf zur Bildung eines
,, mächtigen Bürgen^erbandes" . Die Konstituierung erfolgte am
31. Mai 1905. Der Bürgerverband war gedacht als wirtschaftHche
Gruppe der selbständig Erwerbenden, unabhängig von den politi-
schen Parteien. Seinen Mitgliedern sollte vollständig frei stehen,
je nach ihrer individuellen politischen Überzeugung sich der frei-
sinnigen oder demokratischen Partei anzuschHessen, resp. darin
zu verbleiben. In der Praxis Hess sich jedoch dieser Grundsatz
nicht durchführen. Sowohl das freisinnige wie das demokratische
Parteiprogramm machten den sozialpolitischen Forderungen der
Neuzeit weitgehende Konzessionen. Der Bürgen^erband aber war
ein natürHcher Gegner mancher dieser Forderungen, die er als
ungebührliche Schädigung der Interessen der selbständig Erwer-
benden betrachtete. Er musste daher früher oder später notwen-
digerweise mit den bestehenden pohtischen Parteien in KonfHkt
kommen, und das um so eher, als er schon frühzeitig begann,
eine selbständige Wahl- und AbstimmungspoHtik zu betreiben,
also sich in vollem Umfang auch politisch zu betätigen und damit
326 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH o
gelegentlich die Politik der übrigen Parteien zti durclikreuzen.
Nachdem er 1907 den demokratischen Stadtrat Nägeli bei der
Wiederwahl bekämpft und dadurch den Sozialisten die Sprengung
des Freisinnigen Welti erleichtert hatte, und 1908 bei den Natio-
nalratswahlen dank der Fronde des Bürgerverbandes gegen die
Kandidatur Wettstein Greulich gewählt worden war, beschloss
am 4. Dezember 1908 die demokratische Partei des ersten eidge-
nössischen Wahlkreises einstimmig die Unvereinbarkeit der Mit-
ghedschaft in der demokratischen Partei und im Bürgerver-
band. Den gleichen Beschluss fasste — aus ähnlichen Gründen —
am 9. Januar 1911 der freisinnige Stadtverein mit 131 gegen
100 Stimmen bei 70 Enthaltungen. Die Stärke des Bürgerver-
bandes bestand in seinem Rückhalt an der durch die unauf-
hörHchen Streikunruhen gelangweilten und erbitterten öffentlichen
Meinung. Sie ermöglichte ihm auch, in der Form einer Streik-
initiative vom Jahre 1906 eine bedeutende Verschärfung des
Strafgesetzbuches bezüglich der Streikvergehen herbeizuführen.
Es kamen für diese Streikinitiative, die in erster Linie als das
Werk des juristischen Beraters und Führers des Bürgerverbandes,
alt Oberrichter Dr. Albert Rosenberger, zu betrachten ist, 18,637
gültige Unterschriften zusammen. Das Volk stimmte der vom
Kantonsrat etwas abgeschwächten Vorlage am 26. April 1908 mit
grossem Mehr zu. Als Folge des Generalstreiks von 1912 ist eine
zweite, noch schärfere Streikinitiative zu betrachten, für welche
im Jahr 1913 der Staatskanzlei 12,000 Unterschriften eingereicht
wurden. Der Erfolg dieses Volksbegehrens steht noch dahin.
Ein Generalstreik der städtischen Arbeiter drohte im Jahre
1905 im Zusammenhange mit Vorgängen im städtischen Gaswerk
Schlieren, wo ein Maschinist B. entlassen worden war. Eine Ver-
sammlung der Gasarbeiter am 6. April beschloss, ,,sicli mit dem
Kollegen B. solidarisch zu erklären und dem Stadtrat Zürich ein
Ultimatum zu stellen, nach w^elchem die sofortige Wiederanstellung
des Maschinisten B. verlangt wird. Es wird dem Stadtrat eine
Frist bis zum 10. April vormittags 10 Uhr angesetzt, innert welcher
er sich zu erklären hat, ob er dem Begehren der Arbeiter zu ent-
sprechen gedenke oder nicht". Mit chargiertem Brief vom 14. April
wurde dann diese Frist noch verlängert bis zum 15. April, abends
7 Uhr. An diesem Tage beschloss der Stadtrat, unter gewissen
o XLI. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 327
Bedingungen der Kündigung des B. keine weitere Folge zu geben.
Da aber der Betreffende die gestellten Bedingungen nicht erfüllte,
erfolgte am 17. Mai die definitive Entlassung. Nachdem noch ein
weiterer Arbeiter C. entlassen worden war, beschloss eine Ver-
sammlung städtischer Arbeiter aller Betriebe am 14. Juli 1905,
in welcher Greulich vor Unbesonnenheiten warnte und den In-
stanzenweg empfahl: ,,dem Vorstande Vollmacht zu erteilen, in
Verbindung mit den Betriebsvertrauensleuten den Zeitpunkt des
allgemeinen Ausstandes der städtischen Arbeiter zu bestimmen
und der Generalversammlung einen entsprechenden Antrag zur
Beschlussfassung zu unterbreiten." Der Stadtrat nahm daraufhin
Veranlassung, im städtischen Amtsblatt vom 19. Juli eine War-
nung an die städtischen Arbeiter zu erlassen.
Das Streikjahr 1906 wurde eingeleitet durch einen Ausstand
der Bauarbeiter. Am 15. Juni folgte ihm der Streik in der Auto-
mobilfabrik Arbenz & Co. in Albisrieden bei Zürich, dessen Verlauf
am 2. Juli die Pikettstellung, am 19. Juli das Aufgebot von Regi-
ment 22 (Oberstleutnant Merkli) und Schwadron 17 nötig machte.
Es gab mehrere Zusammenstösse ungefährlicher Art. Wegen Ver-
breitung eines antinüUtaristischen Flugblattes in religiösem Ge-
wand (die ,,Eriedens-Glocke") unter den Soldaten wurden Kantons-
rat Joh. Sigg, Verfasser desselben, und einige andere verhaftet
und unter der Anklage der Aufreizung von Soldaten ,,im aktiven
Dienst" zum Ungehorsam vor das Militärgericht der 6. Division
(Grossrichter Oberrichter Gottfried Müller) gestellt. Sigg erhielt
8 Monate Gefängnis, die übrigen wurden freigesprochen. Stark war
während dieser Vorgänge wiederum vom Generalstreik die Rede,
der aber hauptsächlich dank den Bemühungen Greulichs in einer
Arbeiterunionsversammlung am 20. Juli abgelehnt wurde. Eine
Reihe von Versammlungen in der ,, Eintracht" im Frühjahr 1909
diskutierte neuerdings die Generalstreikfrage und empfahl nach
einem Referat Greulichs und Korreferat des Arztes Fritz Brup-
bacher im Sinne des letztern eine Resolution, welche u. a. empfahl:
,, Demonstrationen auf der Strasse, welche die Arbeiter gewöhnen,
ihren Mut zu entv/ickeln in Zusammenstössen mit der Staatsgewalt
und sie darauf zu lenken, durch Bildung von sogen. Arbeiter-
Garden ein Mittel zu entwickeln, das dazu dient, die staatliche
und private Gewaltanwendung abzuwenden."
328 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
Eine gefährliche Höhe erreichten die wirtschaftlichen Kämpfe
wiederum im Jahre 1912. Die Feindseligkeiten wurden eröffnet
mit dem Streik der sozialdemokratischen Malergewerkschaft am
18. März. Mit besonderem Hass verfolgten die Streikenden ihre
„christhchen" (katholischen) Kollegen, welche bei ihren nicht
dem Meister\'erband angehörenden und an dem Konflikt nicht
beteiligten Arbeitgebern ruhig weiter arbeiteten. Am 15. April
schoss in den Gebäuden der Zentralmolkerei am Sihlquai ein christ-
licher Malergeselle, der schon vorher schwer misshandelt worden
war, einen ihn hartnäckig verfolgenden Streiker mit dem Revolver
nieder. Das am 24. April stattfindende Begräbnis des Getöteten
(f 21. April im Krankenhaus Neumünster) gab den Sozialdemokraten
Anlass zu einem gewaltigen ,, Demonstrationsleichenzug", und der
Freispruch des christUchen Malers durch das Schwurgericht in
Pfäffikon (24. Mai) wurde am 30. Mai von einer Protestversamm-
lung auf der Rotwandwiese als ,, Klassenurteil" erklärt. Die Streik-
exzesse mehrten sich in bedenkhchem Grade, seitdem (am i. April)
auch die Bauschlosser in den Kampf getreten waren. Die geschä-
digten Meister suchten sich zum Teil mit ,, Streikbrechern" zu be-
helfen, die aus Deutschland importiert worden waren und unter
denen sich auch fragv^'ürdige Elemente befanden. Wiederholt ge-
langten die Meistervereine an den Regierungsrat mit dem Gesuch,
angesichts der Unzulänglichkeit der StadtpoHzei seinerseits einzu-
schreiten zum Schutz der Arbeitswilligen. Die Justiz- und Polizei-
direktion antwortete am 3. Mai, dass vorderhand von ausserordent-
lichen Massnahmen gegenüber dem Streik Umgang genommen
worden sei, dass aber der Regierungsrat eine Delegation zwecks
Beilegung der schwebenden Streiks ernannt habe. Hierauf richte-
ten 35 Meisterverbände am 13. Mai eine Eingabe an den Kantons-
rat, in welcher sie erklärten, dass sie von der Regierung nicht Ver-
mittlung, sondern Schutz der Arbeitswilligen verlangt hätten und
nun den Kantonsrat um geeignete Massnahmen ersuchten. Nach
dreitägiger Debatte lud der Kantonsrat am 17. Juni den Regie-
rungsrat ein, ,,von allen Machtmitteln des Staates zum Schutze
der Rechtsordnung Gebrauch zu machen". Eine Beruliigung wurde
dadurch allerdings nicht herbeigeführt, vielmehr sah sich der
Regierungsrat veranlasst, am 5. Juli an den Stadtrat von Zürich
die Aufforderung zu richten, zum Schutze der Arbeitswilligen
o XIvI. KAPITEL: ZÜRICH IH SOZIALISTISCH 329
ernstere Vorkehren zu treffen, worauf der Stadtrat am 6. Juli
die Aufstellung von Streikposten innerhalb eines gev/issen Um-
kreises um die beiden meistbedrohten Werkstätten und die Be-
setzung der übrigen Streikposten mit mehr als zwei Mann verbot.
Noch am gleichen Tage gelangte der Metallarbeiterverband,
Sektion Zürich, an den Vorstand der Arbeiterunion Zürich mit
dem Antrag, im Sinne des Beschlusses der Metallarbeiterversamm-
lung vom 2. JuH ,, sofort eine Gesamtaktion der Arbeiterschaft
Zürichs einzuleiten' ' . Es beschloss darauf der Vorstand der Arbeiter-
union am Montag den 8. Juli mit 8 gegen 4 Stimmen, der Dele-
giertenversammlung der Arbeiterunion die Proklamierung des
Generalstreiks zu beantragen. Die erste Delegiertenversammlung
fand am Dienstag den 9. JuH statt und beschloss prinzipielle Zu-
stimmung zu einem 24stündigen Generalstreik als Protest gegen
das Streikpostenverbot des Stadtrates ; doch sollte dieser Beschluss
noch einer Urabstimmung in den Gewerkschaften unterbreitet
werden. Mittwoch den 10. Juli behandelte der Grosse Stadtrat
eine Interpellation Gschwend über das partielle Streikposten-
verbot des Stadtrates. Sie wurde von PoHzeivorstand Vogel-
sanger beantwortet, der sich auf die Mahnung der Regierung be-
rief, die Übertreibungen bezüghch der ,, Streikbrecher" richtig
stellte und erklärte, dass die letzteren den Schutz der Nieder-
lassungsverträge geniessen, wie jeder andere, dessen Papiere in
Ordnung sind und der sich nicht gegen unsere Gesetze vergeht.
Abends fiel in den gesonderten Versammlungen der zur Arbeiter-
union gehörenden Gewerkschaften und Vereine der Entscheid
für den Generalstreik mit total 6200 gegen 800 Stimmen. So be-
schloss u. a. das Kartell der städtischen Beamten, Angestellten
und Arbeiter in der Stadthalle mit 229 gegen 181 Stimmen bei
200 Enthaltungen Beteiligung am Generalstreik. Gegen den
Generalstreik nahm (mit 243 gegen 11 Stimmen) die mächtige
Gewerkschaft der Typographen Stellung ; ferner stimmten dagegen
(am II. Juh) die Versammlung der christhch-sozialen Gewerk-
schaften am Wolfbach, der Verein der städtischen Beamten und
Angestellten und der Verein der Gasarbeiter.
In seiner ausserordentHchen Sitzung am Donnerstag den
II. Juli, nachmittags 2 Uhr, erHess der Stadtrat an die städtischen
Arbeiter und . Angestellten eine ernstHche Warnung vor der Be-
330 XU. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
teiligung am Generalstreik. Gleichzeitig wurde der Justiz- und
Polizeidirektion von der Möglichkeit des Ausbruches eines General-
streiks Kenntnis gegeben. Abends 8 Uhr versammelten sich im
\^olkshaus die Vorstände und Delegierten der Arbeiterunion.
Gegen ii Uhr wurde bekannt, dass mit 293 gegen 170 Stimmen
der 24stündige Generalstreik für Freitag den 12. Juli beschlossen
worden sei. Alsbald begann auch die Verteilung der bereits ge-
druckten roten Flugblätter („Arbeiter heraus!"), welche ,,zum
Protest gegen die Parteinahme der Behörden, zum Protest gegen
die Einfuhr berufsmässiger Streikbrecher" den Generalstreik pro-
klamierten. Die Arbeiter wurden aufgefordert, den Alkohol zu
meiden, jede Sonderaktion vor den bestreikten Werkstätten zu
unterlassen und um 9 Uhr vormittags sich zu einer Protestver-
sammlung auf der Rotwandwiese beim Volkshaus einzufinden.
Unter den ersten, die in der Frühe des Freitag Morgen, 12. Juli
1912, den Generalstreik verspürten, waren Fremde, die mit ihrem
Gepäck ungeduldig an den Tramschienen warteten, um zum Bahn-
hof zu fahren. Es kam aber kein Wagen. Grosse Streikeraufgebote
hatten bereits die Tramdepots umlagert und die Ausfahrt der
Wagen verhindert. Wie die nachherigen Berichte des Stadtrates
und des Regierungsrates hervorhoben, hatte es die Streikleitung,
um die Aktion wirksam zu machen, vor allem auf Lahmlegung
der öffentHchen Betriebe abgesehen, was ihr denn auch beim
Tram sofort gelang. Zwar wurden bei vier Depots Versuche zum
Ausfahren gemacht, aber angesichts der drohenden Haltung der
Menge bald aufgegeben, und um grösseres Unheil zu verhüten,
beschloss der Stadtrat im Laufe des Vormittags Einstellung des
Trambetriebs für den ganzen Tag. Auf Veranlassung einer Streiker-
delegation musste auch die Strassenbahn nach Örlikon den Betrieb
auf der Strecke Milchbuck-Zürich einstellen, und die Drahtseil-
bahn zum Pol^^technikum folgte diesem Beispiel. Bei den Stal-
lungen des Abfuhrwesens im Hardhof fand sich schon um ^44 Uhr
früh eine Rotte von 50 Streikern ein, um das um 4 Uhr beginnende
Ausfahren der Fuhrwerke zu verhindern. Ein im Automobil
eintreffender Streikleiter gab den strikten Auftrag, keine Wagen
herauszulassen. Man musste sich bald überzeugen, dass es ohne
starken polizeilichen vSchutz, der an dieser Stelle fehlte, nicht
möglich war, durclizukommen, und es konnten auch nur ganz
o XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 331
wenige Fuhren von einigen in Vertragsverhältnis mit der Stadt
stehenden Privatfuhrleuten ausgeführt werden, von denen aber
auch einige unterwegs die Pferde ausspannen und die Wagen stehen
lassen mussten.
Die Streikleitung hatte während der Nacht beschlossen, vom
Generalstreik zu dispensieren: Post, Telegraph und Telephon,
Sanitäts- und Krankenpersonal, Eisenbahnbetriebspersonal, das
Personal der Zeitungen ,, Volksrecht" und ,,Grütlianer", Lehrer,
Milchführer, Transportarbeiter für Brot und Früchte des Lebens-
mittelvereins bis vormittags 9 Uhr, die Bäckerei des Lebensmittel-
vereins für die Nachtschicht. Alle andern Leute hatten nach der
Auffassung der Streikleitung, deren Generalquartier sich im Volks-
haus befand, die moralische Verpflichtung zum Mitmachen, und
wo sich Gelegenheit dazu bot, wurden sie auch ungeniert zum Mit-
feiern gezvv'ungen. Für einzelne dringende Fahrten konnten aus
besonderer Gunst von der Streikleitung Erlaubnisscheine erwirkt
werden, die vom Präsidenten der Arbeiterunion unterzeichnet waren.
Ein solcher Zettel lautete: ,,Sie erhalten hiermit die Erlaubnis, mit
einem Automobil zwischen 11 und 12 Uhr vormittags und 6 und
7 Uhr nachmittags am Bahnhof Milch und Fische abzuholen.
Dieser Ausweis gilt nur für die genannten Fahrten." Nachdem
man einmal ein paar Fuhrv%'erke angehalten und ausgespannt,
Gemüsehändler vom See, die zu Markt fahren wollten, zum Um-
kehren gezwungen hatte und auch Droschkeninsassen mit mehr
oder weniger höflicher Bestimmtheit zum Aussteigen eingeladen
worden waren, ruhte — da auch die Chauffeure streikten — der
Fuhrwerkverkehr in den meisten Strassen fast vollständig und die
Abwesenheit jedes Tramlärms erzeugte eine ganz ungewohnte
Stille. Im III. Kreise hatte die Streikleitung Tagwacht schlagen
lassen; die Trommler durchzogen die Strassen, um die Feiernden
zu sammeln. Tafeln mit der Aufforderung zur Arbeitsniederlegung
wurden herumgetragen und massenhaft das rote Flugblatt verteilt.
Allmähhg mehrte sich das Heer des Generalstreiks. Das Amts-
haus des Bauwesens II am Beatenplatz war von Streikern um-
stellt; Arbeiter und Angestellte, die zur gewohnten Arbeitszeit
sich einfanden, hatten Schwierigkeiten, ins Haus zu kommen.
Camionneure von der Bahn wurden ebenfalls nicht eingelassen
und die Kisten, die sie abgeben sollten, unter dem Gelächter der
332 XLI. KAPITEI.: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
Menge von den Streikern wieder auf den Wagen geladen. Aus
den Werkstätten von Escher Wyss & Cie., wo nur die Lehrlinge
angetreten waren, stiessen 2000 „Neumüller" zur Streikarmee,
und auch in den neuen Reparaturwerkstätten der S. B. B. wurde
die Arbeit niedergelegt.
Die Stadt hatte das Aussehen ungefähr wie am i . Mai : Überall
feiernde Arbeitergruppen, da und dort ein kleiner Umzug, die
übrige Bevölkerung gleichgiltig und interesselos der gewohnten
Beschäftigung nachgehend. Auch zu der auf 9 Uhr angekündigten
Demonstrationsversammlung beim Volkshaus fand sich nur ein
spärhches Publikum ein. Ein Automobil sauste heran, dessen In-
sassen mit vollen Händen Flugblätter nach beiden Seiten aus-
warfen. Es war das Automobil der Streikleitung, das einzige,
das an diesem Tage in Zürich frei zirkuüeren durfte. Ohne Hut,
mit fHegenden Haaren, fuhr der Held des Tages, Arbeitersekretär
Fritz Platten, mit zwei Begleitern beim Volkshaus vor. Von ihm
erfuhr man zunächst, dass die Volksversammlung erst später statt-
finden solle. Nun aber, befahl er von seinem Wagensitz aus, möge
man nicht da müssig herumstehen. Ein Teil der Leute solle zum
Gaswerk Schheren hinunter gehen, um einen eventuell versuchten
Schichtwechsel der Arbeiter zu verhindern; auch die Velofahrer
hätten sich zur Ablösung der Posten nach Schlieren zu begeben.
Die andern möchten sich zu den Tramdepots verfügen und die
dortigen Wachen verstärken, ,,denn wenn am Mittag das Tram
wieder fährt," sagte Fritz Platten, ,,dann hat die ganze Geschichte
keinen Zweck." Nachdrücklich betonte er noch, dass nach Schlie-
ren nur Schweizerbürger gehen möchten; bei den Tramdepots
dagegen könnten auch die Ausländer mitmachen. Hierauf ent-
stieg Fritz Platten für einige Minuten dem Automobil, um im Volks-
haus zu verschwinden und dann mit einer neuen Ladung Flug-
blätter wieder davonzufahren. Erst nach 10 Uhr kam die Volks-
versammlung zustande, an welcher Nationalrat Sigg, vom Balkon
des Volkshauses herab, eine ziemHch heftige Ansprache hielt.
Einen Hauptangriffspunkt der Generalstreikleitung bildete das
städtische Gaswerk in Schlieren. Wenn es ihr gelang, den Betrieb
plötzlich zu unterbinden, so konnten daraus für das Gaswerk,
aber auch für die Stadt und ihre Bewohner schwere Gefahren ent-
stehen. Gasdirektor Weiss und sein höheres Personal boten daher
o XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIAUSTISCH 333
alles auf, um den Betrieb unter allen Umständen aufrecht zu er-
halten. Die Zugänge zum Gaswerk waren schon von 5 Uhr an von
Streikenden, namentlich Italienern, besetzt. Um 6 Uhr sollte die
seit IG Uhr abends arbeitende Nachtschicht abgelöst werden. Die
Ablösung wurde jedoch von den Streikenden nicht hereingelassen.
Der Direktor bewog die Nachtschicht, die Arbeit einstweilen fort-
zusetzen. Nun gingen die Streiker zu einer regelrechten Be-
lagerung über und schnitten dem Gaswerk die lyebensmittelzufuhr
ab. Ein Wirt und ein Bierdepothalter wurden mit Boykott be-
droht, wenn sie weiter Lebensmittel in das Gaswerk lieferten. Der
Stadtrat, der schon um 7 Uhr und dann wieder um 9V2 Uhr
Sitzung hielt, musste mit der Möglichkeit rechnen, dass (nach den
Dispositionen Plattens beim Volkshaus) nach der Volksversamm-
lung sich grosse Massen nach Schlieren bewegten, um eine gewalt-
same Aktion zu versuchen. Er bat daher die kantonale Polizei-
direktion um Entsendung eines stärkeren Polizeidetachementes
nach Schlieren. Gleichzeitig ordnete er eines seiner sozialdemokra-
tischen Mitgheder ab, um in SchHeren sich über die Situation
genau zu orientieren und eine allfällig geplante Aktion womöglich
durch seinen persönlichen Einfluss zu verhindern. Aber trotz
der Intervention dieses Stadtratsmitgliedes hatte die Aufrecht-
haltung des Betriebes im Gaswerk mit Schwierigkeiten zu
kämpfen. Die zurückgehaltene Nachtschicht legte um 2 Uhr die
Arbeit nieder; die Ablösung stellte sich nicht ein, obwohl der
Direktor sie Mann für Mann in ihren städtischen Wohnungen auf-
gesucht und dringend ermahnt hatte, ihre Pflicht zu tun. Es
mussten die Vorarbeiter, das Bureaupersonal, die technischen Be-
amten, zum Teil akademisch gebildete Leute, die ungewohnte
Arbeit im Feuerhaus übernehmen, bei deren Verrichtung zwei von
ihnen ohnmächtig zusammenbrachen. Als im Lauf des Nach-
mittags Platten eine Unterredung mit dem Direktor nachsuchte,
machte ihn dieser nachdrücklich auf die Gefahr für das Gaswerk
aufmerksam, die durch rasche Einstellung der Feuerung und
daraus entstehende Beschädigung der Öfen und Retorten drohte.
Platten versammelte den Gasarbeiterverein und meldete sodann
zwischen 4 und 5 Uhr, dass die Wiederaufnahme der Arbeit auf
Mitternacht oder allenfalls morgens 6 Uhr bewilligt werde gegen
die Zusicherung, dass keinerlei Massregelung erfolgen würde. Eine
334 XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
solche Zusicherung im jetzigen Augenblick zu geben, weigerte sich
jedoch der telephonisch angefragte Vorstand des Bauwesens II,
Stadtrat Fritschi, der auf bedingungsloser Wiederaufnahme der
Arbeit bestand. Sie erfolgte aber nicht früher als um Mitternacht.
Durch Depeschen, welche von Zürcher Genossen Donnerstag
nachts 12 Uhr und Freitag morgens 6 Uhr aufgegeben wurden,
hatte man auch die Arbeiter des städtischen Elektrizitätswerkes in
Sils an der Albula zur Arbeitsniederlegung aufgefordert, und es
liefen in der Tat neun Mann von den im vollen Gang befindHchen
Maschinen weg. Mit Hilfe der übrigen gelang es indessen auch dort,
den Betrieb aufrecht zu halten und Schaden an den Maschinen zu
verhüten.
Die Mahnung Siggs, keine Ausschreitungen zu begehen,
war den Italienern in ihrer gesonderten Versammlung auf der Rot-
wandwiese offenbar nicht übersetzt worden, denn diese besonders
fingen schon vormittags an, allerlei Unfug zu verüben. Aus allen
Teilen der Stadt kamen während des ganzen Tages Meldungen über
kleinere Krawalle, Ausschreitungen, erzwungene Schliessungen von
Fabriken und Geschäften usw. auf die Stadtpolizei, die bei weitem
nicht allen Rufen um Hilfe entsprechen konnte. Aber bei der
grossen Ausdehnung des Stadtgebietes häuften sich nirgends die
Bilder einer Störung der öffenthchen Ordnung derart, dass sie
allgemein wahrgenommen worden wären. Die Stadt behielt viel-
mehr im grossen und ganzen den Anschein friedhcher Stille, und
als um IG Uhr beim Stadthaus mit Musik und Gesang und feier-
lichem Gepränge bei grossem Volksandrang die eidgenössische
Sängerfahne herausgeholt wurde, um zum Bahnhof begleitet und
nach Neuenburg zum eidgenössischen Sängerfest übergeführt zu
werden, konnte man den Generalstreik vollständig vergessen. Er
wurde einem grossen Teil der Stadtbewohner nachmittags 2 Uhr
wieder in Erinnerung gerufen durch einen Demonstrationsumzug
von etwa 5000 Streikern, die dann im vSihlhölzli von Nationalrat
Grimm und andern Ansprachen hörten.
Die Stadt Zürich und ihre Behörden waren durch den General-
streik vollständig überrascht worden und vermochten sich daher
nicht sofort in die neue Situation zu finden. Man Hess sich von der
Dreistigkeit des Unternehmens verblüffen, und dadurch erhielten
seine Urheber die Möghchkeit, für ein paar Stunden die Rolle der
o XU. KAPITEIy: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 335
Gebieter von Zürich zu spielen. Im ganzen nahm allerdings der
Generalstreik dank der vollkommenen Ruhe der Bevölkerung noch
einen ziemlich glimpflichen Verlauf, und auch der Hauptanführer,
der den ganzen Tag mit seinem Automobil in der Stadt herum-
ratterte, fasste die Sache ersichtlich mehr von der humoristischen
Seite auf. Weniger leicht durfte die Regierung die beschämende
Tatsache nehmen, dass in der Hauptstadt mit ihren 200,000 Ein-
wohnern ein paar fremde und einheimische Gesellen und Berufs-
klassenkämpfer imstande waren, sich die Macht und die Befugnisse
der öffentUchen Gewalt anzueignen, den ganzen Tram- und Fuhr-
werkverkehr lahmzulegen und im Namen eines sogenannten Massen-
willens, dessen bewusste und entschlossene Vertreter wenig über
200 Mann zählten, mit einem Anhang von 20,000 mehr oder
weniger freiwilHgen Mitläufern, die Diktatur des Proletariats aus-
zuüben. Der Regierungsrat hielt um 11 Uhr Sitzung und richtete
an den Bundesrat folgendes Telegramm: ,,Mit Rücksicht auf den
hier ausgebrochenen Generalstreik ersuchen wir um sofortige
Weisung, dass die Mannschaft der Festungsartillerie Abt. 2, die
heute vom Wiederholungskurs zurückkehrt, vorderhand im Dienst
bleibt, speziell zur Übernahme des Sicherheitsdienstes bei Zeug-
haus und Munitionsdepot. Zum gleichen Zwecke bitten wir auch
Genieaspiranten zur Verfügung zu stellen. Für den Fall des Aus-
bruchs eigentHcher Unruhen beabsichtigen wir, Füsilier-Bataillone
62, 64 und 67 und Schwadron 24 aufzubieten. Wir ersuchen um
Genehmigung und Ermächtigung, den Stab von Regiment 27
zwecks Übernahme des Kommandos aufzubieten."
Das Truppenaufgebot hätte sich nun wohl vermeiden lassen
— da nach der ganzen Sachlage ,, eigentliche Unruhen" nicht zu
befürchten waren — , wenn nicht die Situation eine bedauerliche
Verschärfung erfahren hätte durch einen Akt jener Vergeltungs-
poHtik, die so oft in solchen Fällen an die Stelle der kühl abwägen-
den und nur das allgemeine Interesse im Auge behaltenden Ver-
nunft tritt : Noch am Freitag vormittag wurde nämHch von einigen
Arbeitgeberverbänden beschlossen, den 24stündigen Generalstreik
mit einer zweitägigen Aussperrung zu beantworten. Das hiess
also, dass aus dem einen Feiertag ihrer vier werden sollten (mit
dem dazwischen liegenden Sonntag). Angesichts der aufgeregten
Arbeiterschaft und der gereizten Bevölkerung war damit allen
336 XU. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
Möglichkeiten Tür und Tor geöffnet, und dieser Umstand haupt-
sächlich war es, der den Stadtrat bewog, in seiner um 2 Uhr ab-
gehaltenen Sitzung einstimmig bei der Regierung das Truppen-
aufgebot zu beantragen und zugleich ein Verbot des Streikposten-
stehens und der Ansammlungen für das ganze Stadtgebiet zu er-
lassen. Vom Bundesrat wurde in einer Extrasitzung am Nach-
mittag dem Kanton Zürich die gewünschte Bewilligung erteilt,
und nachdem in der zweiten Sitzung des Regierungsrates um 5 Uhr
der Bericht des Stadtpräsidenten angehört worden war, schritt der
Regierungsrat unverweilt zum telegraphischen Aufgebot der
Truppen auf Samstag den 13. Juli vormittags 9 Uhr. Wieder
einmal rasselte in den Abendstunden des Freitag in den Dörfern
des Unterlandes und im Amt Affoltern der Generalmarsch zum
Zuge nach der Stadt, die bedrohte Rechtsordnung zu schützen.
Die Festungstruppen vom Gotthard und die Genieaspirantenschule,
die in Zürich hätten entlassen werden sollen, waren 400 Mann
stark schon am Mittag eingerückt und hatten alsbald als Wache
an verschiedenen Punkten, namenthch beim Gaswerk, Verwendung
gefunden. Fritz Platten hatte die Absicht, die Stadt abends in
Dunkel zu hüllen, wurde aber im Streikkomitee überstimmt, und
es erhielten die Laternenanzünder, die sich nicht aus ihren Lokalen
herausgetrauten, vom Präsidenten der Arbeiterunion die Er-
laubnis, die Lichter von Zürich anzustecken. Um 9 Uhr sammelte
sich nochmals beim Volkshaus eine grosse Menge. Nationalrat Sigg
gab dort in einer Ansprache den Streikenden das Zeugnis, dass sie
ihre Sache brav gemacht hätten; der Demonstrationszweck des
Generalstreiks sei erreicht.
Es waren keine freudigen Gefühle, mit denen am Samstag
morgen den 13. Juli die einrückenden Truppen, im ganzen 2074
Mann, in Zürich empfangen wurden. Bei der Fahnenübergabe am
Nachmittag im Kasernenhof erklärte ihnen der Militärdirektor
Dr. Mousson den Zweck ihres Hierseins und nahm ihnen den
Fahneneid ab. vSie wurden in den Schulhäusern auf dem Bühl, im
Linthescherschulhaus und in der Kaserne untergebracht und dem
Kommando von Oberstleutnant Hans Kern vom Regiment 27
unterstellt. Arbeit gab es für sie in Zürich ausser einigem Ord-
nungs- und Wachdienst glückHcherweise nicht, so dass sie schon
am 17. wieder entlassen werden konnten. Im Laufe des Samstags
o XI.I. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 337
erliess dei Regierungsrat ein Verbot des Streikpostenstehens, der
Veranstaltung von Versammlungen (unter freiem Himmel) und von
Demonstrationszügen jeder Art, ,, soweit sie mit den Streikunruhen
in irgend welchem Zusammenhang stehen". Während die am
Generalstreik nicht beteiligten Arbeiter am Morgen ihre gewohnte
Arbeit meist wieder aufnehmen konnten, bheben Bauplätze und
Werkstätten für alle Streiker gesperrt. Diese versammelten sich
dann im Velodrom, um sich von Nationalrat Grimm einen Vortrag
halten zu lassen. Redner der Itahener im Sihlhölzli war der Ge-
nosse MoHnari. Der Vorstand der Arbeiterunion und die sozial-
demokratischen Mitglieder des Kantonsrates und Grossen Stadt-
rates Hessen ein Flugblatt verteilen, das die Arbeiter ermahnte, alle
Ausschreitungen zu unterlassen und Provokationen aus dem Wege
zu gehen. ,,Die Scharfmacher lechzen nach Blut; sie möchten die
Streiks der Maler und Schlosser mit einem Massacre niederringen."
Nachdem man einen Tag lang den Behörden ,,den Meister ge-
zeigt", musste man sich nun wiederum aufs Bitten verlegen.
Schon am Sonntag den 14. Juli ging an die Regierung eine erste
Petition der Arbeiterunion mit dem dringenden Gesuch, die Ver-
hältnisse der importierten Berufsstreikbrecher näher zu unter-
suchen und' diesen I^euten die Niederlassung zu entziehen. Die
Regierung stellte sich in ihrer Antwort auf den Boden des Stadt-
rates bei dessen Interpellationsbeantwortung am 10. JuH, ver-
sprach aber, die gewünschten Erhebungen zu machen, und dies
führte dazu, dass am 18. Juli neben sechs ausländischen Führern
des Generalstreiks auch drei Streikbrecher ausgewiesen v/urden.
Am Montag den 15. Juli erliess die Arbeiterunion ein drittes Flug-
blatt an die Arbeiter mit der Mahnung zur Besonnenheit. Das un-
vermeidliche gerichtliche Nachspiel des Generalstreiks wurde ein-
geleitet durch eine Haussuchung im Volkshaus am Montag nach-
mittag, die unter Führung des ersten Staatsanwalts Brunner vor-
genommen wurde, während ein starkes Aufgebot von Polizei und
Militär alle Zugänge besetzt hielt und den Platz um das Volks-
haus in weitem Umkreis absperrte. Die Ausbeute in den Bureaus
der Arbeitersekretäre war nicht bedeutend; das Protokoll der
Arbeiterunion und einige wichtige Akten hatte man rechtzeitig in
einem Schlossfach in den Gewölben der Kreditanstalt geborgen.
Wohl aber wurden im Laufe des Tages einige Verhaftungen vor-
22
338 XU. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH o
genommen, darunter die von Fritz Platten, welcher 22 Tage in
Untersuchungshaft sitzen niusste. Neben einigen Straf Unter-
suchungen wegen Ausschreitungen am Generalstreik, die dann vor
Bezirksgericht zur Aburteilung kamen, leitete die Staatsanwalt-
schaft Strafverfolgung ein wegen ,, Aufruhrs", gestützt auf § 73
des Zürcher Strafgesetzbuches. Von dieser Anklage waren in
erster Linie die verantworthchen Häupter der Arbeiterunion be-
droht. Während das Volk in Aussersihl bei dem vom Militär um-
stellten \^olkshaus versammelt war, strömten die Bürgerhchen in
Scharen zur Tonhalle. Dort veranstaltete der Bürgerverband eine
Protestversammlung, an der auch Freisinnige und Demokraten zu
Hunderten teilnahmen. Es wurde eine lange Resolution ange-
nommen, welcher nachher die Ehre widerfuhr, im Kommissions-
bericht des Grossen Stadtrates an her\^orragender Stelle abge-
druckt zu werden.
Der Stadtrat hatte die schmerzliche Erfahrung machen
müssen, dass auch ein erheblicher Teil der städtischen Arbeiter
sich am Generalstreik beteiligte. Einige von ihnen waren sogar als
Rädelsführer mit Gewalt, Drohung und Besclümpfung gegen
arbeitende Kollegen aufgetreten. Nicht weniger als 734 städtische
Arbeiter hatten ohne jede Nötigung am 12. Juli die Arbeit ver-
lassen. Es war klar, dass für diese Pflichtverletzung eine Sühne
eintreten musste. Der Stadtrat verfügte am 27. Juli einstimmig
— abgesehen von dem Lohnabzug für die genannten 734 Mann —
nach sorgfältigster Prüfung jedes einzelnen Falles 13 Entlassungen,
58 Rückversetzungen in niedrigere Lohnklassen und 3 weitere
Disziplinarstrafen. Weitere Ausweisungen von Ausländern durch
den Regierungsrat erfolgten am 25. Juli und i. August. Eine
Deputation der Arbeiterunion und der sozialdemokratischen Kan-
tonsratsfraktion (Greulich, Farbstein, Kaufmann, Rieder) über-
gab in einer Audienz am 23. Juli dem Regierungspräsidenten Nägeli
und dem Justizdirektor Mousson ein Memorial mit dem Ersuchen,
die Ausweisungen zu sistieren. Die Vertreter des Regierungs-
rates antworteten, dass an den schon ausgeführten Ausweisungen
nichts mehr geändert werden könne, einige andere Fälle aber einer
nochmahgen Prüfung unterzogen werden sollen. Als Schlussakt
veranstaltete die Arbeiterunion am Abend des 24. Juli in den ver-
schiedenen vStadtkreisen fünf grosse Protest- und Demonstrations-
o XLI. KAPITEL: ZÜRICH III SOZIALISTISCH 339
Versammlungen. Der Schlosser- mid Malerstreik aber ging mit
dem Generalstreik für die Arbeiter endgültig verloren.
Die parlamentarische Erledigung des Generalstreiks erfolgte im
Kantonsrat am 7. und 8. Oktober 191 2, im Grossen Stadtrat am
15., 19., 29. März, 4. und 5. April 1913. Es wurden in beiden Räten
zusammen 37 Reden gehalten — ein schätzenswertes Material
für Generalstreikstudien späterer Geschlechter. Die Strafunter-
suchung wegen „Aufruhrs" wurde von der Staatsanwaltschaft am
18. Juli 1913 sistiert, da sich für eine Anklage auf Grund des
Aufruhrparagraphen nicht genügend Anhaltspunkte ergaben. Den-
noch stand ein Monstreprozess gegen iio Angeklagte wegen der
sonstigen, mit dem Generalstreik zusammenhängenden Vergehen,
namentUch Dienstpflichtverletzungen, bevor. Die Verhandlung
war auf den 23. September und dann wieder auf den 16. Ok-
tober 1914 angesetzt, musste aber beide Male wegen der Mobili-
sation verschoben vv^erden. Schliesslich beantragte der Staats-
anwalt in seinem Bericht vom 14. November 1914, hauptsächlich
in Anbetracht der durch den Krieg geschaffenen Situation, den
ganzen Prozess niederzuschlagen, und der Regierungsrat folgte
am letzten Tag des Jahres 1914 diesem Antrag. Sämtliche Kosten
wurden auf die Gerichtskasse übernommen.
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ZWEIUNDVIERZIGSTES KAPITEL
POLITISCHE FÜHRER
Die stärkste Partei im Kanton Zürich ist die liberale, deren
Angehörige in der Hauptstadt im „Freisinnigen Stadtverein"
organisiert sind. Jahrzehnte hindurch stand die kantonale liberale
Partei unter der Fülirung von Hans Ulrich Meister, unserm Stadt-
forstmeister. Die Liebe zum Wald und die Freude an seiner Pflege
hat er vom Vater, dem Kreisförster und Nationalrat Meister in
Benken, geerbt, als dessen einziger Sohn er im Jahre 1838 geboren
wurde. Ganz in freisinnigen Ideen erzogen, hat schon der Knabe
Hans Ulrich die Niederlage des Sonderbunds bejubelt und mit
Stolz im heimischen Dorf den Holzstoss zur Feier der Bundes-
verfassung von 1848 entzündet. Meister besuchte das Realgym-
nasium im nahen Schaffhausen, die Kantonsschule in Zürich, die
Forstschule des Polytechnikums und vollendete seine forstwissen-
schaftliche Ausbildung auf der Universität Giessen. In die Heimat
zurückgekehrt, wurde Meister nach abgelegtem Staatsexamen
(1860) zuerst Assistent seines Vaters, 1863 Adjunkt auf dem kan-
tonalen Oberforstamt in Zürich, 1864 Kreisförster des i. Kreises.
Die Wahl zum Stadtforstmeister von Zürich am i. Juli 1875 führte
ihn seiner schönen und grossen Lebensaufgabe zu, die er in fast
vierzigjähriger Tätigkeit in vorbildlicher Weise durchgeführt hat.
Der Sitz des Stadtforstmeisters von Zürich ist der Sihlwald,
den schon der Chronist Stumpf als ,,ein kösthch Kleinod der Stadt
Zürich" preist. Jahrhunderte hindurch im Besitz der Stadt, erhielt
der Sililwald nach dem Zusammenbruch der Xlllörtigen Eid-
genossenschaft vorübergehend den Charakter der helvetischen
Nationalwaldung, und erst im Jahr 1803, beim Sturz der Helve-
tik, wurde er durch die Abchurungsurkunde wiederum der Bürger-
schaft von Zürich als Eigentum überwiesen. Seit der Brunschen
Verfassung 1336 war die Obhut der Waldungen im Sihltal einem
Mitglied der Regierung, dem ,,SÜilherrn", anvertraut, dem im
Jahre 1545 für den Aufenthalt im Sihlwald ein Wohnhaus nebst
y
I
1
o XLII. KAPITEL: POUTISCHE FÜHRER 341
„Hausplunder" (Hausgeräte) zur Verfügung gestellt wurde. Das
jetzige Forsthaus stammt aus dem Jahre 1733, und hier hat auch
der Idyllendichter Salomon Gessner in den 1780er Jahren als
,,Sihllierr" geamtet. Unter der neuen Stadtverwaltung, seit 1803,
versah jeweilen ein Mitglied des Stadtrates, zuletzt noch Oberst
Eduard Ziegler, die Funktionen der frülieren ,,Sihllierren". Unter
Zieglers Verwaltung wurde dann (1835) die Pflege des Sililwaldes
einem fachmännisch gebildeten Forsttechniker, dem jeweiligen
Stadtforstmeister, übertragen. Der erste derselben war Karl
Anton von Orelli (f 1890), der seine vierzigjährige Wirksamkeit
mit der Schaffung des WildjDarks L^angenberg krönte. Seine präch-
tig gelegene Villa am Ivangenberg dient nunmehr den Mitgliedern
des Stadtrates abwechselnd als Sommerfrische. Mit dem Amts-
antritt Ulrich Meisters begann eine neue Phase in der wirtschaft-
lichen Entwicklung des Sihlwaldes. Während sein Vorgänger
sorgsam darauf bedacht war, die stolze Ruhe des Sihlwaldes un-
gestört zu erhalten, öffnete Meister den Sihlwald so viel als möglich
dem Verkehr. Er verbesserte die Zufahrtsstrasse, führte die Sihl-
talbahn ins Herz des Sihlwaldes hinein, legte für die Sihlwald-
besucher Spazierwege an und öffnete ihnen die Wirtschaft gegen-
über dem Forsthaus. Post und Telephon entrissen die Sihlwald-
bewohner ihrer bisherigen Abgeschlossenheit, der schöne Aus-
sichtspunkt des Albishorns wurde freigelegt und zugänglich ge-
macht, der ganze Waldbetrieb der modernen Forstwissenschaft
entsprechend reformiert und namentlich der Holztransport durch
sinnreiche, dem vielgestaltigen Terrain angepasste Einrichtungen
rationell ausgebaut. Eine Monographie des Stadtforstmeisters ,,Die
Stadtwaldungen von Zürich", die in erster Auflage 1883 erschien,
erhöhte den Ruf des Sihlwaldes; er wurde in Fachkreisen welt-
bekannt. Von allen Seiten kamen Besucher, und andrerseits führ-
ten Einladungen den Stadtforstmeister in ausländische Forstbe-
triebe; so war er u. a. 1893 Gast des Fürsten Bismarck in
Friedrichsruhe. Aber auch die übrigen Stadtwaldungen gediehen
unter Meisters Hand; durch geschickte Erwerbungen wurde ihr
Umfang beträchtlich erweitert, und den Wünschen des erholungs-
bedürftigen Publikums nach Anlage von Spazierwegen und Spiel-
plätzen kam der Stadtforstmeister stets in verständnisvoller und
liberaler Weise entgegen. Auf Ende 1914 ist Ulrich Meister in
342 XLrII. KAPITEI.: POLITISCHE FÜHRER o
freiem Entschluss zurückgetreten, und eine vom Stadtrat am
22. Juli ausgestellte Urkunde bezeugt, was Zürich ihm verdankt.
Die Universität Zürich hat ihn 1905 mit der Ernennung zum
Ehrendoktor ausgezeichnet; die Stadt schenkte ihm bereits am
30. Mai 1875 das Bürgerrecht.
Gleichzeitig mit seiner forstmäunischen Laufbahn begann
Meisters militärische Carriere, und zwar zuerst bei der Artillerie.
Er war 1866 bei der Grenzbesetzung im Puschlav, wurde 1869
Artilleriemajor, 1874 Stabschef der 4. Division, 1879 Oberst-
leutnant im Generalstab und 1882 Oberst. Von 1891 bis 1900 fülirte
er das Kommando der 6. Division. Besonders erfolgreich und ver-
dienstvoll war die freiwillige militärische Tätigkeit von Oberst
Meister. Ihm vor allem verdankt Zürich die Inangriffnahme und
den glücklichen Abschluss des im Kapitel über die Stadtvereini-
gung erwähnten Waffenplatzvertrags und die Förderung des
Kasernen-Neubaus. Er war der Urheber der Sammlung für den
eidgenössischen Winkelriedfond 1885, die durch eine Denkschrift
Willielm Oechslis eingeleitet wurde. Mitglied des Grossen Stadt-
rates war Oberst Meister von 1866 — 1869, wo er als Oppositions-
mann hauptsächlich den fortschrittlichen Teil des Stadtrates
(Landolt, Römer, VögeH, Stadtschreiber Escher) unterstützte.
Dem Kantonsrat gehört er seit 1872 an und war 1883, im Jahre
der Landesausstellung und des Universitätsjubüäums, sein Präsi-
dent. In den Nationalrat wurde er erstmals am 15. Januar 1882
(gegen alt Nationalrat Pfenninger) und dann, nach seinem Rück-
tritt 1889 wiederum im März 1892 (gegen Dr. Amsler und Otto
Lang) gewählt und schied im Oktober 1911 endgültig aus. Als
Vizepräsident des Nationalrates an Stelle des zurückgetretenen
Präsidenten Ador hatte Meister am i. April 1902 den Neubau
des Parlamentsgebäudes zu übernehmen und dann als Präsident
jene denkw^ürdige Sitzung zu leiten, die dem Abbruch der diplo-
matischen Beziehungen mit Italien (Silvestrellihandel) folgte.
Von 1900 — 1909 war Meister Mitglied des zürcherischen Erziehungs-
rates.
Durch seinen Schwiegervater, den Regierungsrat und spätem
Stadtrat Franz Hagenbuch, war Ulrich Meister in nahe Bezieh-
ungen zum „System" und Alfred Escher getreten, und seine poli-
tischen Sporen verdiente er denn auch zur Zeit der demokratischen
Nacli Phntdgraiiliip von .1. Meiner
o XLII. KAPITEI,: POLITISCHE; FÜHRER 343
Umwälzung als Verteidiger des „Systems". An der (bald wieder
überbrückten) Spaltung der liberalen Partei 1872 war er — im
Militärdienst abwesend — nicht beteiligt, doch hob ihn schon
von dieser Zeit an sein wachsender Einfluss in der Partei mehr
und mehr zur führenden Stellung empor. Bei der Regierungsrats-
wahl vom 27. August 1882 galt er als aussichtsreichster hberaler
Kandidat gegen den demokratischen Kreisingenieur H. Spiller
in Elgg und trug einen schönen Achtungserfolg davon. Ulrich
Meisters Politik war zu jeder Zeit ein durch und durch ehrhcher,
aufrichtig dem Fortschritt ergebener Freisinn, sein politisches
Ideal die Bildung einer freisinnig-demokratischen Mittelpartei
unter Verschmelzung der fortschrittHchen lyiberalen und gemässig-
ten Demokraten und Abstossung der Konservativen auf den rech-
ten und der Sozialdemokraten auf den linken Flügel. Die Zähig-
keit und Ausdauer, mit welcher Oberst Meister allen Hindernissen
und Enttäuschungen zum Trotz dieses Ziel Jahrzehnte hindurch
verfolgte, verdient Bewunderung, auch wenn ihm der äussere Erfolg
zunächst versagt blieb. In Wirklichkeit ist aber das Schlussresultat
seiner Bemühungen auf diesem Gebiet viel bedeutender als es lange
Zeit den Anschein hatte. Wenn Meister 1889/90 von der Leitung
der liberalen Partei und aus dem Nationalrat zurücktrat, so hatten
an diesem Entschluss familiäre Verhältnisse (Krankheit und Tod
der Gattin) wohl ebenso grossen Anteil als der Missmut über das
Scheitern seiner Kompromissbestrebungen in Kanton und Bund.
Als mit der Stadtvereinigung auch die Parteiverhältnisse in der
Stadt eine gründliche Umgestaltung erfuhren, nahm Oberst Meister
mit aller Energie seine Bemühungen wieder auf. Mit der drei-
fachen Parole ,, Kampf dem Ultramontanismus! Kampf dem Föde-
rahsmus! Kampf dem SoziaHsmus!" rief er zur Einigung aller
bürgerlich-freisinnigen Elemente auf. Als erste praktische Konse-
quenz seiner Pohtik inszenierte er, lebhaft unterstützt von Paul
Usteri, Theodor Frey-Nägeli und andern freisinnigen Führern,
die Trennung von Liberalen und Konservativen, die bisher im
,,PoUtischen Gemeinde verein", allerdings mit deutlichem Vor-
wiegen der konser\^ativen Tendenz, friedHch miteinander getagt
hatten.
Konservativerseits wurde der Absage Meisters mit Recht ent-
gegengehalten, dass auf kantonalem und kommunalem Boden in
344 XUI. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
der jüngsten Vergange nlieit kaum je eine Verschiedenheit zwischen
,,konser\^ativer" und „freisinniger" Politik zutage getreten sei
und ein Gegensatz, wenn ein solcher überhaupt bestehe, höchstens
auf eidgenössischem Boden gefunden werden könnte. Und in der
Tat war es wesenthch das Bedürfnis, ein deutliches Abrücken von
den ,, Männern des Eidgenössischen Vereins" und ihren konserva-
tiv-förderalistischen Anschauungen zu markieren, welches den
Ausschluss der Konservativen aus dem freisinnigen Stadtverein
bewirkte. Er gelang freilich nicht auf den ersten Anhieb. Eine
von den Konservativen stark besuchte, bewegte Versammlung
auf der ,, Zimmerleuten" am 23. März 1892 verwarf mit Mehrheit
die Trennung und wählte zwei Konservative in den Vorstand des
freisinnigen Kreisvereins I. Aber diese Versammlung hatte so
wenig ein Bild der tatsächhchen Verhältnisse geboten, dass die
beiden Gewählten nach wenigen Tagen ihr Mandat wieder nieder-
legten. Konservative und Alt-Liberale gründeten darauf am
22. April 1892 auf der ,,Waag" den „Gemeinde verein für das ver-
einigte Zürich", womit die von Meister angestrebte Trennung
vollendete Tatsache wurde. Doch hinderten taktische Gründe
die Freisinnigen daran, aus ihrem Vorgehen die letzten Kon-
sequenzen zu ziehen und die beiden einzigen konservativen Ver-
treter im Kantonsrat, F. O. Pestalozzi und Ed. Usteri-Pesta-
lozzi, von ihren Wahllisten zu streichen. Das hohe persönliche
Ansehen, dessen sich die beiden Männer erfreuten, die wiederholt
mit den höchsten Stimmenzahlen aus der Urne hervorgingen,
sicherte — trotz der äusserlichen Trennung — der freisinnigen Liste
jeweilen den grössten Teil der konservativen Stimmkraft; andrer-
seits aber machte die fortdauernde Aufnahme der konservativen
Fülirer auf die freisinnige Liste die Bildung einer wirkHch selb-
ständigen, auch von den Freisinnigen unabhängigen konservativen
Partei in Zürich zur Unmöglichkeit. Durch sein Vorgehen kam
Oberst Meister in den Ruf eines ,, radikalen Stürmers und
Drängers". Vom Standpunkt eines wirklichen Fortschrittes aus
beurteilt, wird man ihm aber ein grosses Verdienst nicht ab-
sprechen können. Jede, auch die radikalste Fortschrittspartei
kommt in Gefahr, nach Erreichung ihrer wichtigsten Forderun-
gen konservativ zu werden, sich hauptsächlich auf die Erhal-
tung des Erworbenen einzurichten. Wesentlich begünstigt werden
o XIvII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 345
solche konservative Tendenzen durch das wirtschafthche Auf-
bhilien des Landes und den wachsenden Wohlstand der Bevölke-
rung, denn der Besitz macht konservativ. So wertvoll und unent-
behrhch nun aber auch das konservative Element in der Politik
ist, würde es dem Land zum Schaden gereichen, wenn es vorherr-
schendes Motiv auch der fortschrittlichen Parteien werden sollte.
Das Hinübergleiten aus einer ehrlichen Fortschrittlichkeit in
einen gesättigten Konservatismus vollzieht sich aber oft so sachte
und unmerklich, dass es schon eines grossen poHtischen Scharf-
blickes bedarf, um diesen Prozess zu erkennen, und eines noch
grösseren moralischen Mutes, um ihm entgegenzutreten. Wer
solches unternimmt, hat von vornherein gegen sich die Stimmung
der Masse der Partei, die nicht begreift, was denn noch fehlen
sollte, da sie hat, was sie will, und ein immer neues Vorwärts-
drängen als überflüssige Störung empfindet. Dankbarer ist auf
alle Fälle die Fülirerrolle, die sich den natürHchen konservativen
Instinkten der Masse anzubequemen weiss. Dass Oberst Meister
das Odium eines ruchlosen Störers des idyllischen, liberal-konserva-
tiven Landfriedens auf sich genommen hat, gibt seinem Entschluss
in den Augen der wirklich Freisinnigen die Bedeutung einer poli-
tischen Tat; dass die Konservativen sie nicht als solche bewerten
konnten, war ohne weiteres verständlich.
Nicht so glatt wie die Abschüttelung der Konservativen voll-
zog sich die Ablösung der Demokraten von ihren Waffengefährten
und Alliierten auf der äussersten Linken. Das von den Liberalen
angetragene Bündnis fand im demokratischen Lager kühle Auf-
nahme. Theodor Curti von der ,, Züricher Post" gehörte zu seinen
schärfsten Gegnern. „Ihr uns nach, nicht wir euch nach!" rief er
in einer Versammlung in Neumünster am 2. April 1892 den Libe-
ralen zu. Der kantonale demokratische Parteitag in Winterthur
lehnte die freisinnig-demokratische Allianz einstimmig ab, und bis
zur Stunde ist die formelle Vereinigung von Liberalen und Demo-
kraten erst in einigen Landbezirken erfolgt. Doch fand zwischen
den beiden grossen Parteien in Sachfragen sowohl wie namentlich
in Wahlangelegenheiten eine sehr starke Annäherung statt, die
hauptsäcliHch auf das Ungestüm der sozialdemokratischen Partei
zurückzuführen ist. Diese emanzipierte sich immer mehr von der
demokratischen Partei und nötigte dadurch die Demokraten
346 XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
geradezu zu einer Anlehnung an die lyiberalen, die z. B. in
Winterthur noch unter Dr. Forrers Führung mit einem förmlichen
Wahlkartell besiegelt wurde. So triumphierte, wenn auch nicht
dem Namen nach, doch in der Sache selbst Meisters Kompromiss-
gedanke, der nur- noch gelegentlich in nicht immer sehr erheben-
den Wahlfragen eine vorübergehende Trübung erfährt. Noch ekla-
tanter ist der schliessliche Erfolg Meisters auf dem eidgenössischen
Boden. Er selbst gehörte bei seinem Eintritt in den Nationalrat
wie alle Zürcher Liberalen zum liberalen Zentrum, das ausser den
Zürchern die konser^'-ativen Vertreter von Basel, Bern und der
Westschweiz umfasste. Meister fühlte sich jedoch in diesem Milieu
von Anfang an nicht heimisch und beklagte es besonders, dass die
Vertretung des Kantons Zürich im Nationalrat in zwei streng
geschiedene Gruppen zerfiel, deren Einfluss sich nicht selten
gegenseitig aufhob. Seine Anstrengungen, eine Vereinigung her-
beizuführen, scheiterten, und als er schliesslich im Jahre 1892 für
sich selbst den Übertritt zur radikal-demokratischen Gruppe voll-
zog, folgte seinem Beispiel kein anderer zürcherischer I^iberaler.
Aber schon das Jahr des ,, Beutezugs" (der konservativen Zoll-
initiative 1894) brachte die Gründung der freisinnig-demokratischen
Partei der Schweiz unter Mitwirkung der Zürcher Liberalen am
25. Februar 1894. Diese gelangten in der herrschenden Partei zu
bedeutendem, ja vielfach tonangebendem Einfluss, und als im
Jahr 1907 das schweizerische Parteipräsidium dem Hberalen
Zürcher Dr. Bissegger übertragen wurde, schrieb eine demokra-
tische Feder in der ,, Frankfurter Zeitung": ,, Damit, dass Zürich
trotz seiner Zweispurigkeit im Parteiverbande der Radikalen
zum Vorort und der Chefredakteur der liberalen ,, Neuen Zürcher
Zeitung" als Parteipräsident erkoren worden ist, hat die von langer
Hand durch letztern vorbereitete Verschmelzung der einstmals
sehr gegensätzlich gearteten und gesinnten Demokraten und
Liberalen zu einer ,, bürgerlichen Partei" des Kantons Zürich
ihren faktischen Abschluss gefunden und es Hegt offen am Tage,
wessen Stempel die neue Münze trägt. Zugleich ist damit das
Schwergewicht der ,, freisinnig-demokratischen Partei der Schweiz",
wie offiziell der radikale Regierungsblock sich nennt, deutlicher
auf die erste Hälfte des Doppelnamens gelegt als dies unter der
Führung des zurückgetretenen Parteichefs Oberst Künzli ersieht-
o XWI. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 347
lieh war." Heute gehört kein Stadtzürcher mehr zum Zentrum
in Bern.
Als Oberst Meister am 3. Februar 1907 die Leitung der kanto-
nalen liberalen Partei niederlegte, befand sich dieselbe in vorherr-
schender Stellung und behauptet bis heute diesen Rang. Partei-
präsident war bis zum Jahr 1911 Ständerat Dr. Paul Usteri, bis
1912 Regierungsrat Dr. Haab; seit dem 8. September 1912 steht
an ihrer Spitze Redaktor Robert Wehrlin in Winterthur. Über-
bHckt man die Erfolge Ulrich Meisters vor allem in seinem Beruf,
dann aber auch in der PoHtik, wird man sagen können, dass er
heute mit Befriedigung auf sein Lebenswerk zurückblicken darf;
was er wollte, hat er zumeist auch erreicht.
Noch wurde bei alledem eines Unternehmens nicht gedacht,
das seit langem mit dem Namen von Oberst Meister verknüpft
ist und unter seiner Leitung zu blüliendster Entwicklung und
immer grösserem Einfluss in Stadt, Kanton und Eidgenossen-
schaft gelangte: der ,, Neuen Zürcher Zeitung". Die Geschichte
dieses Blattes in den jüngst vergangenen Jahrzehnten umfasst
nicht das unwichtigste Stück der so ausserordentlich vielseitigen
Lebensarbeit von Oberst Ulrich Meister. Er gehörte schon im
Jahr 1868 zu den Unterzeichnern des Aufrufs für den Ankauf der
„Neuen Zürcher Zeitung"; seit 1872 ist er Mitglied des Verwal-
tungskomitees und von 1883 bis heute dessen Präsident. In eben
jenem Jahre, da Ulrich Meister an die Spitze der Verwaltung der
,, Neuen Zürcher Zeitung" trat, ward ihm durch den Eintritt von
Dr. Walter Bissegger in die Redaktion eine bedeutende Kraft zu-
geführt, die ihm in den kommenden poHtischen Stürmen zur wert-
vollsten Unterstützung werden sollte. Bissegger, geboren am
15. Oktober 1853 zu Bernrain im Kanton Thurgau, hatte zuerst
Theologie studiert und sich dann der deutschen Philologie zuge-
wendet, in welcher er 1877 in Basel promovierte. Während einer
mehrjährigen Wirksamkeit als Lehrer am untern Realgymnasium
in Basel korrespondierte er eifrig für die ,,N. Z. Z." und wurde
dann 1883 von Prof. Gustav Vogt in die Redaktion berufen. Schon
1885 übernahm er an Stelle Vogts die Chefredaktion und besorgte
vorerst die AuslandpoUtik, um sodann 1892 zur innern Politik
überzutreten und an üirer Gestaltung auch sofort aktiv teilzu-
nehmen. Hatte man bisher nur die hohe Begabung und die glän-
348 XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
zende Feder des Journalisten Bissegger bewundert, so sollte sich
nun bald zeigen, welche ungewöhnlichen politischen Talente in
ihm schlummerten. Überlegene Klugheit, Menschenkenntnis, her-
vorragendes diplomatisches Geschick machten ihn zum einfluss-
reichsten Parteiführer. Es charakterisierte treffend sein Wesen,
als Bisseggers Nachfolger Dr. Albert Meyer an seinem Sarge sprach :
,,Die Geschichte liebt aufzuzeichnen, was mit Kraft geschieht.
Wer nicht auch das hinzunimmt, was mit Klugheit verhindert
wurde, der hat nicht das ganze Lebenswerk Dr. Bisseggers vor sich,
weder das Werk des Politikers, noch das des Redakteurs." Um
zu vollbringen, was Bissegger — und oft nur er — vermochte,
musste eine tiefinnere Bescheidenheit mit seiner überragenden
Geistesgrösse und Tüchtigkeit sich verbinden. Ihm öffneten sich,
sobald er das Gebiet der aktiven PoHtik betrat, wie von selber die
Türen zu den Ratsälen: 1892 wurde Bissegger Mitghed des Grossen
Stadtrates (bis 1911), und 1899 dessen Präsident, 1893 Mitglied
des Kantonsrates (1903 Präsident). Im Jahr 1905 zog er als Nach-
folger von Stadtpräsident Hans Pestalozzi in den Nationalrat
ein, und überall hinterliess sein Wirken tiefe, nachhaltige Spuren.
Nur aus dem Nationalrat sei erwähnt sein unablässiges Eintreten
für die Verwaltungsreform und die Abschaffung des ständigen
Wechsels des politischen Departements, die dann noch gerade
recht vor dem grossen Krieg in Wirksamkeit treten konnte, und
seine letzte grosse Rede für den Nationalpark, die er mit den Wor-
ten des griechischen Dichters einleitete: ,,Es gibt viel gewaltige
Dinge auf der Welt; nichts aber ist gewaltiger als der Mensch."
Dr. Walter Bissegger ist der Stadt Zürich und dem Vaterlande
am 30. April 1915 durch den Tod entrissen worden.
Die Demokraten besitzen in Dr. jur. Oscar Wettstein einen
Vertreter, der wie Bissegger die Talente des Journalisten und des
poHtischen Fülirers in sich vereinigt. Er ist am 26. März 1866 in
Zürich geboren als Sohn des damaligen Stadtrates und Polizei-
präsidenten Markus Wettstein, der im Jahr 1874 als Direktor der
Hypothekarbank Winterthur nach dieser Stadt übersiedelte. Dort
ist Oscar Wettstein aufgewachsen; er hat dann in Zürich, Mont-
pelHer, Strassburg und Leipzig juristischen Studien obgelegen
und in Erlangen 1889 den Grad des Doctor juris utriusque er-
worben. Zunächst bei einem Berliner Rechtsanwalt tätig, trat
Oscar ^wettsfein
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o XLII. KAPITEL: POETISCHE FÜHRER 349
er im Oktober 1890 als Parlamentsberichterstatter der „National-
zeitung" imd dann des „Berliner Tageblattes" zur Journalistik
über und machte im Reichstag und Preussischen Landtag die inter-
essante Ära Caprivi-Hohenlohe mit. Nach dem Weggang Theodor
Curtis von Zürich berief Reinhold Rüegg den schon seit einigen
Jahren für das Blatt als Berliner Korrespondent tätigen Dr. Wett-
stein an die „Züricher Post". Er übernahm im Juni 1895 ihre
politische Redaktion und bald auch die geschäftliche Leitung.
Auf seine Veranlassung gründete die „Züricher Post" 1907 eine
eigene Druckerei. In Zürich nahm Dr. Wettstein von Anfang an
eifrigen Anteil an der Tätigkeit der demokratischen Partei. Er
wurde 1896 Präsident des demokratischen Kreisvereins V und
des demokratischen Bezirkskomitees. In beiden Stellungen reor-
ganisierte er die etwas locker gefügte Partei von Grund aus, und
er gehörte auch mit Dr. Locher und Hörni zu der Kommission,
welche eine 1905 entstandene ,,iungdemokratische" Opposition
innerhalb der kantonalen Partei durch Befriedigung ihrer dringend-
sten Wünsche zur Ruhe brachte. Seit 1912 steht Wettstein als
Präsident an der Spitze der kantonalen demokratischen Partei
und ist ihr Vertreter im Vorstand der schweizerischen freisinnig-
demokratischen Partei. In das städtische Parlament trat er 1897
ein und war 1905/06 Präsident des Grossen Stadtrates. 1902
in den Kantonsrat gewählt, wurde er 1913/14 dessen Präsident.
Durch seine einflussreiche Tätigkeit hatte er sich längst auch das
Anrecht auf ein eidgenössisches Mandat erworben und nur die hef-
tige Opposition des Bürgerverbandes verhinderte 1908 — zugunsten
Greulichs — seine Wahl in den Nationalrat. Als Nachfolger
Dr. Albert Lochers trat er dann am 6. September 1914 in den Re-
gierungsrat und am 25. Oktober gleichen Jahres in den Ständerat
ein. Im Regierungsrat übernahm Wettstein die Justiz-, Polizei-
und Militärdirektion. In der eidgenössischen Politik war er nament-
lich für eine rationelle Gesetzgebung über die Ausnützung der
Wasserkräfte tätig; sein Werk war die Wasserrechts-Initiative ;
er gründete 1908 auch die Zeitschrift ,, Schweizerische Wasser-
wirtschaft" und war Hauptinitiant für die Gründung des ,, Schwei-
zerischen Wasserwirtschaftsverbandes", der seither mit grossem
Erfolg für die rationelle Ausnützung unserer Wasserkräfte und die
Förderung der schweizerischen Binnenschiffahrt tätig ist.
350 XIvII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
Um die Presse hat sich Dr. Wettstein in verschiedener Hinsicht
verdient gemacht. Er gehörte mit Dr. Bissegger zu den Gründern
des „Vereins Zürcher Presse", der sich am 20. Dezember 1897
konstituierte, nachdem schon seit 19. März 1894 ein kleiner Jour-
nahstenverein, der ,, Zürcher Pressverband" bestanden hatte, der
dann am 17. Januar 1913 mit dem ,, Verein Zürcher Presse" fusio-
nierte. Bissegger war der erste Präsident des ,, Vereins Zürcher
Presse" (1898/99 und 1904/05), Wettstein der zweite (1900/01). Am
14. April 1902 beschloss der ,, Verein Zürcher Presse", Schritte zu
tun für die Einbürgerung der Journalistik als Lehrfach an unserer
Universität. In einer Eingabe vom 29. Mai 1902, die eine von
Dr. Bissegger geführte Abordnung dem Erziehungsdirektor Dr.
Locher überreichte, empfahl er die Einführung journahstischer
Vorlesungen und Seminarübungen. Der Verein war in der glück-
lichen Lage, auch sogleich in Dr. Wettstein einen nach seiner
— durch manche Arbeiten schon ausgewiesenen — wissenschaft-
lichen Tüchtigkeit und seiner ausgesprochenen Lehrgabe vor-
züglich qualifizierten Dozenten präsentieren zu können. Mit
seiner Habihtationsschrift ,, Staat und Presse" erwarb Dr. Wett-
stein die venia legendi und hielt am 31. Oktober 1903 seine
Antrittsvorlesung über ,,die Presse in unserer modernen Kultur".
Seitdem doziert Dr. Wettstein an der Universität Geschichte
imd Technik der Presse und leitet ein vielbesuchtes journalisti-
sches Seminar. Seine jüngste literarische Leistung auf diesem
Gebiet ist der Beitrag zur Festschrift der Dozenten der Universität
Zürich 1914: ,, Zeitungskunde als wissenschaftliches Fach".
Von einer ,, konservativen Partei" in der Stadt Zürich kann
schon seit ungefähr 1850 kaum mehr gesprochen werden, und gab
es auch in all diesen Jahren in Zürich Konserv^ative in grosser
Zahl, so zogen sie doch in ihrer Mehrheit, zumeist wohl aus Scheu
vor dem als rückständig geltenden konservativen Namen, den
Anschluss an die liberale oder demokratische Partei vor. Aber
auch die wissentHchen und als solche bekannten Konservativen
hatten nicht Ursache, mit besonderem Nachdruck auf die Kon-
stituierung einer eigenen Partei zu dringen. Sie fülilten sich, be-
sonders seit der demokratischen Umwälzung, wohlgeborgen im
Schoss der liberalen Partei und übten mit ihrem Ansehen in den
öffentlichen Gemeindeversammlungen einen oft entscheidenden
o XLII. KAPITEI.: POLITISCHE FÜHRER 351
Einfluss aus. Und selbst durch die Gründung des „Gemeinde-
vereins für das vereinigte Zürich" wurde das Verhältnis zwischen
Liberalen (resp. Freisinnigen) und Konservativen, was die Stadt
Zürich betrifft, nicht wesentlich geändert. Unter der Leitung seines
milden und freundlichen, jedem politischen Hader gründlich ab-
geneigten Präsidenten Adolf Faesi-Vernaleken, Direktor der Bank
Leu & Co. (t 7. Febr. 1914), vermied es der Gemeindeverein
geflissentlich, in einen sichtlichen Gegensatz zu den Freisinnigen
zu treten und nahm von ihnen auch stets die Parole für die
Wahlen entgegen. Und da andrerseits die Konservativen mit
Hilfe der Freisinnigen ihre Vertretung im Grossen Stadtrat und
Kantonsrat tatsächlich besassen, — eine Vertretung, die sie, auf
sich selber gestellt, unter der Herrschaft des absoluten Mehrs
überhaupt nicht, aber auch mit Hilfe der Verhältniswahl als eigene
Partei nicht vorzüglicher und nicht zahlreicher hätte erlangen
können — lag auch nach dieser Richtung für niemanden eine Ver-
anlassung vor, eine Änderung des Verhältnisses im Sinne der
Gründung einer eigenen und unabhängigen konservativen Partei
zu wünschen. Eine lebensfähige konservative Partei zu schaffen,
gehört wohl überhaupt, und speziell im Kanton Zürich, zu den
denkbar schwersten Kunststücken. Die Massen, die dazu gehören
würden und vorhanden wären, lassen sich einfach nicht auf die
politische Wahlstatt bringen, es sei denn, dass ganz grosse religiöse
oder sittliche Fragen zu entscheiden sind (Straussenliandel 1839,
Schulvogt 1882, Abschaffung der Bordelle 1897). Verzweiflungs-
voll hat einmal in der ,,Allg. Schweizerzeitung" ein konservativer
Politiker ausgerufen, dass seine Leute erst dann wieder in BeW'Cgung
zu bringen seien, wenn die Regierung den Herrgott absetzen wolle.
Nirgends ist wohl das politische Verständnis weniger entwickelt
als bei diesen so wackern und persönlich ehreniiaften ,, Stillen
im Lande"; gilt doch vielen von ihnen die Politik überhaupt
nur als sündhaftes weltliclies Treiben.
Eine Erklärung für das Fehlen einer straff organisierten kon-
servativen Oppositionspartei hat F. O. Pestalozzi in der ,,Allg.
Schweizerzeitung" am 20. Juli 1886 mit den Worten gegeben:
,,Der Grund, warum es bei uns nichts wie eine ,, zürcherische Volks-
partei" (nach bernischem Vorbild) gibt, liegt zum grossen Teil
auch darin, dass bei uns im Kanton Zürich — das darf ich mit
352 XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
Freuden bezeugen — gegenwärtig weder grosse Verwaltungsmiss-
stände noch faule Flecken auf dem Ruf der regierenden Persön-
lichkeiten zu konstatieren sind, wodurch sich auch das ungewöhn-
lich kordiale Verhältnis zwischen der demokratischen Regierung
und dem Hberalen Kantonsrat in glückhcher Weise erklärt. Es
ist auch schon anders bei uns gewesen ; freuen wir uns aber heute,
auch dem Gegner ein unparteiisches Lob zuwenden zu können."
Es kommt dazu die allgemeine Entwicklung der Politik in den
letzten Jahrzehnten, mit der die Konservativen nicht gerade un-
zufrieden zu sein brauchen. Vieles hat sich auch auf eidgenössi-
schem Boden geändert und in ihrem Sinn gebessert seit den Zeiten
der Gründung des ,, Eidgenössischen Vereins", von dem sein erster
Präsident Georg von Wyss einem Freunde schrieb: ,, Glanz ist
nicht dabei, Gewinn nicht, aber ein Gefülil erfüllter PfHcht. Denn
auch die von ihren Ministern oft so schlimm beratene Majestät
des Schweizervolkes bedarf einer allezeit getreuen Opposition,
wenn die Dinge nicht ausser Rand und Band gehen sollen." Als
der ,, Eidgenössische Verein" in den achtziger Jahren Schlag auf
Schlag die Vorlagen der radikalen Bundesregierung zu Falle
brachte und die ,,Neue Zürcher Zeitung" klagte, es sei die Ge-
schichte dieses Vereins ,,das reine Leichenfeld", schien mit dieser
Kraftanstrengung auch seine geschichtHche Mission erfüllt zu sein.
Der RadikaHsmus ging seitdem entschieden vorsichtiger und be-
hutsamer zu Werke.
In der zürcherischen liberalen und demokratischen Politik
ist das Hervortreten eines schon durch die günstige wirtschaftliche
Lage erklärlichen, immer ausgeprägteren konservativen Zuges
unverkennbar. Es lässt sich nachweisen, dass das Volksempfinden
in den weitaus meisten politischen Fragen mit den konservativen
Ansichten im Einklang steht. Nach einer kleinen Statistik hat
z. B. in den Jahren 1890 — 1896 bei 54 eidgenössischen und kan-
tonalen Vorlagen das Volk nur achtmal nicht nach konservativem
Vorschlag entschieden. Nachdem vollends der sozialistische Streik-
übermut den Bürgerverband ins Leben gerufen, der sogleich den
Gemeindeverein zum guten Teil aufsog, und auch die neue hberale
Parteileitung mit Geschick die taktisch brauchbaren und zug-
kräftigen Elemente der Bürgerverbandspolitik aufgenommen hatte,
war eine besondere konservative Parteigruppe tatsächlich über-
o XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 353
flüssig geworden. Wenn also der „Gemeindeverein für das ver-
einigte Zürich" am 25. November 1907, die Sektion Zürich des
„Eidgenössischen Vereins" am 29. September 1913 sich auflöste
und die 1890 von den Konservativen übernommene „Zürcherische
Freitagszeitung" auf Ende 1914 nach 241-jälirigem Bestand ein-
ging, so beweist das nicht etwa das Fehlen des Rückhalts für die
konservative PoUtik im Volk, sondern im Gegenteil einen hin-
längUchen tjberschuss von Konservatismus bei den übrigen bür-
gerlichen Parteien. Eine letzte Gelegenheit, sich als eigene Partei
zu konstituieren, bot sich den Konservativen nach Einführung der
Verhältniswahl für den Grossen Stadtrat im Jahre 1913. Sie wurde
aus all den angeführten Gründen nicht benützt, sondern nur mit
einer von den ,, Freunden der Freitagszeitung" aufgestellten, nach-
träghchen Kompromissliste der Bürgerverband unterstützt. Die
Bildung einer Sektion Zürich der ,, liberal-demokratischen Partei
der Schweiz" am 27. Juni 1914 mit F. O. Pestalozzi als Präsident
fällt für die städtische PoHtik nicht in Betracht, weil sie alle
Wahlangelegenheiten ausschliesst und sich mit kantonalen und
kommunalen Fragen überhaupt nur ausnahmsweise befassen will.
Unter den Führern der stadtzürcherischen Konservativen in
der zweiten Hälfte des letzten Jahrhunderts ist vor allen zu
nennen Professor Georg v. Wyss. Allerdings ragt seine Bedeutung
für Zürichs geistiges Leben über den Rahmen parteipoHtischer
Bestrebungen weit hinaus ; doch ist er auch in diesem Zusammen-
hang nicht zu übergehen. Sein Lebensbild hat in den beiden Neu-
jahrsblättern des Waisenhauses für 1895 und 1896 Prof. G. Meyer
von Knonau gezeichnet. Man gewinnt daraus den starken Ein-
druck einer nach Geburt und Gesinnung vornehmen Persönlich-
keit von imponierender Charaktergrösse ; der Hintergrund, von
dem sie sich abhebt, ist ein Stück stadtzürcherischer Geschichte,
das zu den wichtigsten in der neueren Zeit gehört, und für das
dem Leser von kundigster Hand Verständnis und lebendige An-
schauung vermittelt wird. Georg v. Wyss, der Sohn des Bürger-
meisters David V. Wyss, des jüngeren, ist am 31. März 1816 ge-
boren. Ein Bruder seiner Mutter war der Rittmeister und Stadt-
präsident Georg Conrad Bürkli. Von seinen Geschwistern stand
Georg am nächsten der jüngere Stiefbruder Friedrich v. Wyss,
der spätere Oberrichter, an den eine grosse Zahl der gehaltvollen
23
354 XLII. KAPITEL: POLITISCHE; FÜHRER o
Briefe Georgs gerichtet sind, die dem Verfasser der Biographie als
Quelle dienten. Georg v. Wyss war nämhch der unübertreffliche
Meister in einer heute nicht mehr gekannten und geübten Kunst
des Briefschreibens. Nach Abschluss seiner vom Vater sorgfältig
gewählten Schulbildung Hess sich Georg v. Wyss an der philo-
soplüschen Fakultät der Hochschule Zürich immatrikulieren und
setzte dann seine Studien in Genf und Berlin fort. Eine erste
Hindeutung auf seinen künftigen Lebensberuf als Forscher und
Lehrer der Geschichte enthält ein Brief, in dem er im Anschluss
an die 1840 in Baden vollzogene Gründung der Allgemeinen Ge-
schichtforschenden Gesellschaft der Schweiz bemerkt: ,,Seit Baden
habe ich grossen Eifer für die Historia bekommen." In förmliche
Begeisterung aber versetzte ihn Bluntschlis Staats- und Rechts-
geschichte Zürichs. ,,Ich habe," schrieb er an den Bruder, ,,noch
nie oder selten einen solchen Zuwachs an innerem und freudigerem
Lebensinteresse und Lebensgefülil gehabt als durch diese noch
fortdauernde Lektur. Ich fühle mich seither doppelt Zürcher
imd gehe nachher mit doppeltem und dreifachem Interesse an die
weitern schweizerischen historica. Ich habe in meinem Leben nicht
gedacht, dass die Geschichte eine so reiche, so fesselnde, so durch
imd durch erregende und bewegende Wissenschaft sein könnte."
Auf die Gelehrtenlaufbahn wurde Georg v. Wyss gedrängt,
nachdem ihm — wie früher erzählt — durch das ,,S5^stem" die
staatsmännische Karriere abgeschnitten worden war. Selbst sein
Aufsteigen auf der Stufenleiter akademischer Würden wurde durch
pohtische Einflüsse so viel als möghch gehindert. Er hatte, nach-
dem er sich 1849 endgültig der historia zugewandt, im Winter-
semester 1850/51 mit seinen Vorlesungen als Privatdozent be-
gonnen. Die Fakultät verlieh ihm am 14. Juü 1857 die Würde
des Ehrendoktors. Am 6. Januar 1858 wurde er zum ausserordent-
lichen Professor, aber erst am 26. März 1870 zum Ordinarius be-
fördert. Mit dem öffentUchen Leben blieb W^^ss in Verbindung
als Mitgüed des Kantonsrates (1848 — 1883) und des Grossen
Stadtrates (1849 — 1879). In beiden Räten war sein Ansehen und
sein Einfluss bedeutend. Ein Mitglied, das nicht seiner Richtung
angehörte, nannte ihn ,,das Gewissen des Kantonsrates", und bei
seinem Rücktritt erhob sich der Rat, ungewöhnlicher Weise, von
den Sitzen. ,, Gerechtigkeit, gleiches Mass für alle" war sein
9^org von cWc/ss
o XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 355
politischer Grundsatz. Darum sein unentwegtes Eintreten für die
Minderheitsvertretung und die Verhältniswahl. Die freie, un-
befangene und gerechte Beurteilung der Menschen und Verhält-
nisse war ein Kennzeichen seines vornehmen Wesens. Wie fein
und würdig hat er die erste Promotion einer Frau an der Universität
Zürich ermöglicht, wie gut spricht er von Gottfried Keller: ,, Keller
ist, bei allem Rücksichtslosen des alten Studenten, der gern beim
Glase Wein sitzt, doch eben ein Kern-Mann, geistig den Nagel auf
den Kopf treffend und im Innersten durchaus edel." Seine Fest-
schrift zum Hochschuljubiläum 1883, eine gross und frei behandelte
Geschichte der Universität Zürich, Hess nicht eine Spur davon
merken, dass der Verfasser selbst an den darin geschilderten poli-
tischen Kämpfen stark persönlich beteiligt gewesen war. Einen
tiefen Schmerz hat ihm die Stadtvereinigung bereitet, die er als die
grösste Umgestaltung Zürichs seit drei Jahrhunderten bezeichnete;
dass die Stadt sich nach seiner Überzeugung zu leichten Kaufs
ergeben hatte, war ihm dabei das Betrübende gewesen. Es ist
nicht möglich, hier noch von seinen wissenschaftlichen Arbeiten,
der Wirksamkeit als Professor, der Tätigkeit für die Antiquarische
Gesellschaft, den Verdiensten als Präsident des StadtbibHothek-
konvents, der Allgemeinen Geschichtforschenden Gesellschaft ein
Wort zu sagen. Georg v. Wyss entschlief am 17. Dezember 1893,
wenige Stunden nach seiner Gattin. ,,Ein Leben, wohl in sich
abgeschlossen, schön vollendet, fruchtbar, segensreich, wie dieses
gewesen ist, spricht durch sich selbst," sagt sein Biograph.
Nachdem G. v. Wyss 1886 aus dem Vorstand des ,, Eid-
genössischen Vereins" zurückgetreten, ging die unbestrittene
Führerschaft der stadtzürcherischen Konservativen auf Kantons-
rat Pestalozzi- Junghans über. Friedrich Otto Pestalozzi ist ge-
boren am 2. November 1846 als Sohn des Eisenhändlers und
Kunstfreundes R. A. Pestalozzi- Wiser am Münsterhof, dessen
Geschäft er später als Chef der Firma Gebrüder Pestalozzi & Co.
weiterführte. Nach dem Besuch des Zürcher Gymnasiums und
Absolvierung der kaufmännischen Lehre ging er für einige Jahre
nach London als Sekretär des damaligen schweizerischen Ge-
neralkonsuls und trat dann ins väterliche Geschäft ein. Schon
in jungen Jahren bekundete er reges politisches Interesse und
gehörte auch zu den Gründern des ,, Eidgenössischen Vereins",
356 XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
der durch den siegreichen Feldzug gegen den eidgenössischen
Schulsekretär (Schulvogt) 1882 in enge Verbindung trat mit den
Katholisch-Konser\^ativen. Dies gab den Anlass zur Herausgabe
der von Pestalozzi geschriebenen, vierteljährüch erscheinenden
„Schweizerblätter", des Organs des „Eidgenössischen Vereins",
das in einer Auflage von (früher) 20,000 gratis an Freunde und
Gesinnungsgenossen in der ganzen Schweiz abgegeben und beson-
ders von vielen ,, Stillen im Lande" als vertrauenswürdigste poli-
tische Wegleitung hoch geschätzt wird. Die ,, Schweizerblätter"
sollten nach der Ankündigung Üirer ersten Nummer 1883 ,,die
Waffenbrüderschaft erhalten und befestigen, die am 26. November
1882 (Abstimmung über den ,, Schulvogt") für die verfassungs-
mässige Selbständigkeit der Kantone, das gute Recht der Gemein-
den und die Freiheit der religiösen Überzeugung einen Sieg er-
fochten hat". Als Symbol dieser Waffenbrüderschaft katholischer
imd protestantischer Eidgenossen wurde das Titelbild des Blattes,
die „Kappeier Müchsuppe", gedeutet. Als weiteres PubHkations-
organ, durch welches F. O. Pestalozzi seinen Einf luss ausüben konnte,
stand ihm die ,, Zürcherische Freitagszeitung" zur Verfügung, deren
Erwerbung durch die „Gesellschaft für Herausgabe der Freitags-
zeitung" seiner Initiative zu verdanken war. Er war Präsident
dieser Gesellschaft und fleissiger Mitarbeiter des Blattes, beson-
ders als geschätzter Ratskorrespondent und Verfasser zahlreicher
gehaltvoller Ivcbensbüder Verstorbener aus den Kreisen des alten
Zürich.
Am 2. Juni 1878, kurz nachdem die Konservativen durch die
Wegw-ahl von Prof. Alois v. Orelli aus dem Kantonsrat einen emp-
findlichen Verlust erhtten hatten, wurde F. O. Pestalozzi zum Mit-
gHed des Grossen Stadtrates gewählt, dem er aber nur kurze Zeit
angehörte. Schon 1875 war er übrigens MitgHed einer Kommis-
sion für die neue Gemeindeordnung geworden. Am 2. Dezember
1883 erfolgte seine Wahl in den Kantonsrat, an Stelle von G. von
Wyss, nachdem Prof. Meyer von Knonau eine Kandidatur abge-
lehnt hatte. 1891 wurde Pestalozzi vom Kantonsrat ins Handels-
gericht berufen. Von Bedeutung für die Fraumünstergemeinde
war seine Wahl zum Präsidenten der Kirchenpflege am 5. Juni
1898, in welcher Stellung er für die Restauration der Fraumünster-
kirche ein ausserordentliches Mass von hingebungsvoller Arbeit
o XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 357
geleistet hat. Daneben galt sein Interesse namentlich der Pflege
der Kunst. Er gehörte zu den treuesten Mitgliedern der alten
Künstlergesellschaft, die sich jeweilen Donnerstags in ilirem gemüt-
lichen und patriarchalisch geführten Heim, dem ,, Künstle rgütli"
versammelte, und war von 1888 bis 1896 ihr Präsident, in welcher
Stellung er nach Kräften die Bestrebungen für ein neues Samm-
lungs- und Ausstellungsgebäude förderte. Jahre hindurch war
Pestalozzi auch Vizepräsident des Schweizerischen Kunstvereins,
und auf seine Anregung ist die Herausgabe des Schweizerischen
Künstlerlexikons zurückzuführen, das unter der Redaktion von
Prof. Dr. C. Brun und unter der Organisation und Geschäftsleitung
Pestalozzis durch Schwierigkeiten und Hindernisse ohne Zahl
schliesslich zu einem glücklichen Ende geführt wurde. Ferner ver-
danken ihm die Freunde zürcherischer Geschichte die Wiederauf-
nahme der Herausgabe des ,, Zürcher Taschenbuches", dessen Re-
daktion er während der ersten zehn Jahre besorgte; aus Eigenem
steuerte er zu dessen Inhalt eine grosse Anzahl von Arbeiten aus
den biographischen und künstlerischen Grenzgebieten der Historia
bei. Von C. F. Meyer erhielt Pestalozzi für den Erstdruck im
,, Zürcher Taschenbuch" die heitere Novelle ,,Der Schuss von der
Kanzel" und später noch andere kleinere Sachen. Im Druck sind
ausserdem von Pestalozzi u. a. erschienen (als Neujahrsblätter) die
Biographien der Maler J. F. Dietler und Paul und Theodor von
Deschwanden, ,,Die Beziehungen Lavaters zur Kunst und den
Künstlern".
Parteipolitisch weniger hervorgetreten als F. O. Pestalozzi
ist sein Gesinnungsgenosse und Ratskollege Oberst Eduard Usteri-
Pestalozzi (geb. 185 1), der sozusagen seine ganze Zeit und Kraft
in den Dienst der Öffentlichkeit und gemeinnütziger Bestrebungen
gestellt hat. Er ist 1890 in den Kantonsrat eingetreten. Bis 1907
— d. h. 24 Jahre lang — war er Mitglied und die letzten 14 Jahre
Präsident der Kreisschulpflege Zürich I, seit 1892 Mitglied des
Grossen Stadtrates und 1902 dessen Präsident. Am 28. Februar
1898 wurde er zum Präsidenten der zürcherischen Winkelried-
stiftung, Ende Mai 1907 an Stelle des verstorbenen Pfarrer Ritter
zum Präsidenten der Schweiz. Anstalt für Epileptische, am 29. Mai
1911 zum Mitglied des Kirchenrates gewählt. Ferner ist Usteri-
Pestalozzi Präsident der Bank Leu & Co., der Evang. Gesellschaft
358 XLII. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER o
und des Krankenasyls Neumünster. — Während einiger Jahre
fülirte das Präsidium des „Eidgenössischen Vereins" Dr. jur.
Rudolf Spöndlin-Escher, der Sohn des aus dem Jahr 1839 be-
kannten Fürsprech Heinrich Spöndlin (f 10. Aug. 1872).
Georg Baumberger, der politische Führer der Katholiken
Zürichs und Organisator der „Christlich-sozialen Volkspartei",
ist geboren am 17. März 1855 in Zug, und als Redaktor der „Ap-
penzeller Nachrichten" 1882 — 1886 ins öffentliche Ivcben einge-
treten. Am I. Juli 1886 übernahm er die Redaktion der „Ost-
schweiz" in St. Gallen, wo er als Mitglied von Behörden und als
Parteifiüirer hervorragendsten Anteil an den politischen Kämpfen
nahm. Im Oktober 1904 zum Chefredaktor der kathoHschen, vom
12. Dezember 1904 an tägHch erscheinenden ,, Neuen Zürcher
Nachrichten" berufen, siedelte er nach Zürich über und fand hier
ein lohnendes Feld für seine reiche publizistische Begabung und
sein Organisationstalent. Die Katholiken Zürichs lebten seit der
Reformation in sehr zurückgesetzter Stellung. Gottesdienst zu
halten war ihnen verwehrt, ins Bürgerrecht durften Katholiken
nicht aufgenommen werden. Erst die Anwesenheit fremder Heere
in Zürich 1799 führte dazu, dass im Prediger und im Frau-
münster (von einem russischen Popen) wieder die Messe in Zürich
gelesen wurde. Katholischer Gottesdienst wurde dann im Frau-
münster 1807 für die katholischen Tagsatzungsherren abgehalten,
und auf ein an sie ergangenes Bittgesuch gestattete dann am
IG. September 1807 die Regierung die Einführung regelmässiger
kathoHscher Gottesdienste in der Abdankungskapelle St. Anna.
Da sie für die wachsenden Bedürfnisse zu klein wurde, mussten
von 1833 — 1844 die Gottesdienste wieder ins Fraumünster verlegt
werden, bis dann die ihnen zur Verfügung gestellte Augustiner-
kirche am 21. Oktober 1844 durch den Bischof von Chur einge-
weiht werden konnte. Als am 18. Juli 1870 Papst Pius IX. mit
Zustimmung des vatikanischen Konzils die Lehren von der Un-
fehlbarkeit und Allgewalt des Papstes als zur Seligkeit notwendige
Glaubenswahrheiten erklärte, entstand auch unter den Katho-
liken Zürichs eine Spaltung. Die entscheidende Gemeindever-
sammlung am 8. Juni 1873 verwarf die neuen Lehren; die Augu-
stinerkirche wurde von der Regierung der bisherigen, dem alt-
katholischen Glauben treu gebliebenen Gemeinde zugesprochen.
o XI.II. KAPITEL: POLITISCHE FÜHRER 359
doch konnten die Römiscli-Katholischen schon am 29. Juni 1874
ihre neue Peter- und Paulskirche in Aussersihl beziehen. Im De-
zember 1895 erhielten die Katholiken auch ein eigenes politisches
Organ, die „Zürcher Nachrichten", die bis 1899 von Dr. August Erb
von Rheinau redigiert wurden, dem dann Kaplan Heinrich Federer
von Jonschwyl, einer der begabtesten und feinsinnigsten schweize-
rischen Schriftsteller, folgte. Die Umwandlung des Blattes in die
täglich erscheinenden ,, Neuen Zürcher Nachrichten" vollzog sich,
wie bemerkt, 1904. Als politische Organisation w^urde am 18. Ok-
tober 1896 die kathoHsche Volkspartei gegründet, welche am
22. Oktober 1901 einer Rekonstituierung unterzogen, dann aber
am I. April 1906 auf Antrag Baumbergers in die ,, Christlich-
soziale Volkspartei" umgewandelt wurde; die städtische christlich-
soziale Partei konstituierte sich am 13. Januar 1907 mit Baum-
berger als Präsident. Nach der Einfülirung der Verhältniswahl
in Zürich konnte Baumberger mit sieben weiteren Vertretern
seiner Partei in den Grossen Stadtrat einziehen. Als packender
Schilderer seiner ausgedehnten Reisen und Darsteller schweize-
rischen Volkstums in einer Reihe von Büchern, sowie als Verfasser
des Appenzeller Zentenar-Festspiels von 1905 hat sich Baumberger
dauernden schriftstellerischen Ruhm erworben. Hauptsächlich
sein Verdienst ist es auch, dass Henri Dunant, der weltberühmte
Gründer des Roten Kreuzes, seiner Vergessenheit entrissen und
wieder zu Ehren gezogen wurde. Dunant, der finanziell Unglück
gehabt hatte, lebte sozusagen von aller Welt verlassen im Kranken-
haus zu Heiden und wurde dort hie und da von einem seiner treue-
sten Freunde, Bankier Scholder-Develay in Zürich besucht. Schol-
der veranlasste einen befreundeten Journalisten, Dunant aufzu-
suchen und eine kleine Broschüre über ihn zu schreiben; einige
noch nicht befriedigte Gläubiger Dunants v/ussten aber das Er-
scheinen dieser Schrift zu verhindern. Bald darauf ging Baum-
berger zu Dunant und eröffnete nun für ihn in der deutschen und
schweizerischen Presse einen Feldzug, und zwar mit solchem Ge-
schick und Feuer, dass von Stund an Dunant mit Ehren und
Auszeichnungen von Monarchen, Regierungen und Gesellschaften
förmlich überhäuft wurde.
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DREIUNDVIERZIGSTES KAPITEL
DAS STADTBILD 1914
Durch die Vereinigung Zürichs mit seinen Ausgemeinden und
die damit einsetzende, alle Erwartungen übersteigende bau-
liche Entwicklung hat das Stadtbild bedeutend an Ausdehnung ge-
wonnen, ohne jedoch dabei an Reiz und Anmut etwas einzu-
büssen. Nun ist allerdings die natürliche Lage Zürichs zwischen
den beiden Hügelketten am blauen See und im Angesicht der
Alpenfirnen so ausgesucht schön, dass ihr stets wieder bezaubernder
Gesamteindruck überhaupt nicht zu verderben w^äre. Dennoch
aber hätte eine, der Willkür einzelner Bauunternehmer über-
lassene, ungeschickte und hässliche Bauweise in den neuangeglie-
derten und besonders in den höher gelegenen Stadtteilen störend
und direkt wehtuend wirken und die natürlichen Vorzüge der
Lage erheblich beeinträchtigen können. Als diese Gefahr tatsäch-
lich drohte, haben die städtischen Behörden eingegriffen und am
2. November 1901 ,, Vorschriften für offene Bebauung einzelner
Gebietsteile" erlassen. Sie wollten damit ausgesprochenermassen
der Bevölkerung nicht nur die grossen hygienischen Vorteile der
offenen Bebauung sichern, sondern auch die die Stadt umgebenden
Hänge vor einer das Stadtbild schädigenden Überbauung schützen
und verhindern, dass bevorzugte Wohnlagen durch rücksichtslose
Spekulationsbauten ruiniert würden. Obwohl diese Vorschriften
sich eigentlich auf das Verbot der Reihenhäuser und das Maximum
von vier W^ohngelassen in den Häusern der betreffenden Stadt-
teile beschränkten, waren sie doch von so guter Wirkung, dass
die Stadtgemeinde am 29. September 1912 noch einen Schritt
weiter ging und mit der Annahme neuer Vorschriften zwei Zonen
für die offene Bebauung unter gleichzeitiger Vergrösserung ihres
Gesamtgebietes schuf: eine erste Zone mit im wesentlichen den-
selben Vorschriften wie bisher und eine zweite mit bedeutend stren-
geren Baubeschränkungen, die geeignet sein werden, das Stadt-
bild in den prominentesten Teilen vor Verunstaltung zu bewahren.
%1 ^^"^ I
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o XUII. KAPITEL: DAS STADTBILD 19 14 361
Sollen wir nun noch versuchen, einige seiner markantesten
Punkte hervorzuheben, so kann kein Zweifel bestehen, dass in den
höher gelegenen Regionen des Stadtbildes, besonders vom See her
gesehen, auf Jahrhunderte hinaus der Turm der Universität als
Wahrzeichen dominieren wird. Dass der Architekt, Karl Moser,
es verstanden hat, diese Wirkung zu erzielen und überhaupt den
ganzen Universitätsbau zu vollendeter künstlerischer Geltung zu
bringen, ohne doch den benachbarten Semperschen Bau des Poly-
technikums in dessen architektonischem und ästhetischem Werte
zu beschränken, ist das beste Zeugnis seiner Meisterschaft. Es
sei hier, was die neue Universität betrifft, auf das nächstfolgende
Kapitel hingewiesen und beigefügt, dass verschiedene zürche-
rische Baudenkmäler hier nur flüchtig oder gar nicht berührt
werden können, weil sie schon an andern Stellen erwähnt wurden,
und dass wir hiefür ausschliesslich auf das Sachregister im An-
hang verweisen müssen. Die Stadtgemeinde hat am 15. März 1908
ihren Beitrag an den Betrieb der kantonalen höhern Lehranstalten
von 60,000 auf 80,000 Fr. erhöht (erste Erhöhung s. S. 364) und
an den Neubau eine Subvention von i y^ Million geleistet, die dann
in der zweiten Abstimmung am 11. Juni 1911 noch um weitere
250,000 Fr. vermehrt wurde. Zu erwähnen ist ferner, dass die
Medizinische Poliklinik an der Schmelzbergstrasse 1894, das be-
nachbarte Gebäude des Kantonschemikers 1900, die neue, erwei-
terte Anatomie beim Kantonsspital 1901 eröffnet wurde. 1899
war der ,, Rechberg", ehemals Sitz des Bürgermeisters Reinhard,
als Kollegiengebäude für die Universität angekauft worden. Der
Plangestaltung für den Universitätsneubau stand die 1895 eröffnete,
recht ungeschickt placierte Augenklinik (gegenüber dem Eingang
zum Kantonsspital) sehr im Wege. Die durch den Neubau ver-
triebene Blinden- und Taubstummenanstalt fand bis zur Eröff-
nung ihres Heims auf dem Entlisberg im Kreis 2 (Nov. 191 5)
im Gebäude der ,,Magneta" bei der Platte Unterkunft. Einen
Teil der neuen Universitätsbauten bildet das Gebäude für H3^giene
und Pharmakologie an der Gloriastrasse, welches am 11. Februar
1913 eröffnet werden konnte. Das gerichtsärztliche und das zahn-
ärztliche Institut sind im Juni 1912 in das ehemalige Geschäftshaus
Theodor Fierz im Sonnenbühl eingezogen. Die kantonale Tier-
arzneischule ist 1911 durch einen Neubau erv/eitert worden.
362 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 191 4 o
Durch den zwischen Bund und Kanton am 28. Dezember 1905
abgeschlossenen „Aussonderungsvertrag" — das weitaus wichtigste
Ereignis im Leben beider Hochschulen seit ihrer Gründung —
sind das Hauptgebäude des Pol3"technikums samt dem bisher
vom Kanton benützten „Universitätsflügel", das niedrige Ge-
bäude vor dem Pol^'technikum an der Rämistrasse, in welchem
seinerzeit bald die eidgenössische, bald die kantonale Chemie
ihre Wohlgerüche braute, die land- und forstwirtschaftliche Schule
und die ehemalige Seilersche Brauerei an der Sonneggstrasse in
das Eigentum des Bundes übergegangen. Da auch die Stadt als
Eigentümerin gewisser Sammlungen am Aussonderungsvertrag
interessiert war, wurde dieser samt einem Übereinkommen zur
Ausführung desselben dem Grossen Stadtrat am 21. Dezember
1907 zur Genehmigung unterbreitet. Der Bund hatte nun selbst
alle Bau- und Unterhaltspflichten für das Polj^technikum über-
nommen und Hess für dessen Raumbedürfnisse, die längst ,,zum
Himmel schrien", ein Bauprogramm ausarbeiten und einen Wett-
bewerb veranstalten. Von der Grösse der hier zu lösenden Auf-
gabe gibt die budgetierte Bausumme von rund 11^ Millionen Fr.
einen Begriff. Aus dem Wettbewerb war Prof. Dr. Gustav Gull
glänzend als Sieger hervorgegangen. Das Preisgericht bezeichnete
seinen Entwurf als die weitaus beste und erfreulichste Lösung.
Insbesondere wurde sein Projekt für den Umbau des Haupt-
gebäudes gelobt, das zwischen den beiden gegen die Rämistrasse
vorspringenden Seitenflügeln einen halbrunden Ausbau in der
Mitte, ,, Auditorium maximum", erhalten soll. Diese Erweiterung
des Semperschen Baues ist so künstlerisch gedacht und durch-
geführt, dass sie nicht wie ein Annex, sondern als das Resultat
organischer Entwicklung wirkt. Von den neuen Bauten ist das
Sammlungsgebäude auf der ehemaHgen Seüerschen Liegenschaft
und dem , .Tivoli" (neben dem 1897/1900 erbauten Maschinen-
laboratorium), sowie der Umbau und die Vergrösserung der land-
und forstwirtschaftlichen Schule (Herbst 191 5) vollendet, und es
ist in diesen beiden Gebäuden wiederum jene reizvolle architekto-
nische Anordnung der zentralen, von Arkaden umgebenen gedeckten
Halle getroffen, die Gull erst, durch seinen Aufenthalt in Italien
dazu angeregt, mit dem Stadthaus Fraumünsteramt in Zürich
eingeführt und die dann auch bei verschiedenen Privatbauten,
o XWII. KAPiTJeL: DAS STADTBIIvD 1914 363
namentlich Bauken, und in der neuen Universität Platz gegriffen
hat. Wie stimmungsreich ist wieder diese zentrale Halle im Land-
wirtschaftsgebäude, wo den Disziplinen der Landwirtschaft, Forst-
wirtschaft und Botanik die drei Etagen übereinander angewiesen
sind, während die Bakteriologie mit ihren Retorten im Hinter-
gebäude kocht und auf dem flachen Dach Versuchsgärten, sogar
kleine Teiche für Sumpfpflanzen angelegt sind. Geradezu imposant
wirkt die Halle für die geologischen und mineralogischen Samm-
lungen im Gebäude an der Sonnegg- und Clausiusstrasse. Unser
PubHkum weiss noch kaum, um welche bauhchen Sehenswürdig-
keiten sich seine Stadt hier bereichert hat. Umbau und Erweiterung
des Hauptgebäudes konnten erst in Angriff genommen werden,
nachdem die Universität in ihr eigenes Heim umgezogen war;
eine bedeutende Verbesserung erfuhr die Umgebung des Poly-
technikums durch die wesentliche Verbreiterung der Terrasse auf
der Stadtseite, wodurch nicht nur ein schönerer Ausblick über die
Stadt gewonnen ist, sondern nun erst für den Besucher der
Sempersche Bau nach seiner kunstgerechten Wiederherstellung
in seiner ganzen HerrHchkeit und Grösse zur Geltung kommen
wird. — Zur Verschönerung des Stadtbildes vermag naturgemäss
nichts beizutragen die zwischen den Bäumen des Degenried-
Waldes versteckte, am 11. Juni 191 1 eröffnete eidgenössische Erd-
bebenwarte, die schon vier Tage nach ihrer Eröffnung ein Erd-
beben auf den Kurilen, ,,zu hinterst" in Ostasien, prompt re-
gistrierte. Die Erdbebenwarte steht unter der besondern Obhut
des berühmten Grönlandforschers Dr. Alfred de Quervain (Grön-
landfahrt 1909 und schweizerische Grönlandexpedition 1912). Er
ist Adjimkt der eidgenössischen Meteorologischen Zentralanstalt,
die seit 1889 ihren Sitz im eidgenössischen Physikgebäude hat;
ihr Direktor ist seit dem 3. November 1909 als Nachfolger des
verstorbenen Billwiller Dr. JuHus Maurer.
Zu Füssen der höhern Lehranstalten ersteht gegenwärtig, an-
geschmiegt an die Predigerkirche, die neue Zentralbibliothek als
eine von Stadt und Kanton gemeinsam errichtete öffentliche Stif-
tung. Sie wird fünf wissenschaftliche Bibliotheken unter ihrem
Dach vereinigen: neben der Stadtbibliothek und der Kantons-
bibliothek diejenige der Naturforschenden Gesellschaft, die medi-
zinisch-chirurgische und die juristische Bibliothek. Die Stadt-
364 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 19 14 o
bibliothek, am 6. Februar 1629 gegründet, ist seit 1631 schlecht
und recht in der Wasserkirche beim Helmhaus untergebracht;
die gegenwärtig von Oberbibliothekar Dr. Heinrich Weber ge-
leitete Kantonsbibliothek verdankt ihre Gründung einem Re-
gierungsbeschluss vom 24. Okt. 1835 ^^'^ befindet sich seit 1873 im
Chor der Predigerkirche, in Räumen, die nach der Reformation
als Kornschütten u. dgl. benützt worden waren. In Bälde wird
der stattliche Bau der Zentralbibliothek unter Dach sein, der
auf dem Amthausplatz an Stelle des 1887 abgebrannten ,, alten
Spitals" sich erhebt; die Pläne stammen von dem bauleitenden
Architekten Kantonsbaumeister Hermann Fietz, dem es vergönnt
ist, in einer Periode bedeutender neuer Staatsbauten an leiten-
der Stelle zu wirken. An die Kosten des Zentralbibliothek-
gebäudes sind von privater Seite nicht weniger als 700,000 Fr.
zur \^erfügung gestellt worden, so dass Kanton und Stadt ver-
hältnismässig geringe Opfer zu tragen haben. Die Bürgerge-
meinde trat der Einw^ohnergemeinde den Amthausplatz um
430,000 Fr. ab, und diese stellte ihn nebst einer Barsubvention
von 225,000 Fr. als Bauplatz zur Verfügung; dem Kanton er-
wuchs eine Ausgabe von 425,000 Fr. Die Stadtgemeinde hat am
I. März 1914, das Volk des Kantons am 28. Juni 1914 die Kredite
bevN'illigt. Um das Zustandekommen der Zentralbibliothek hat
sich durch unermüdliche jahrelange Bemühungen die grössten
Verdienste er\vorben der I. Bibliothekar der Stadtbibliothek und
künftige Direktor der Zentralbibliothek Dr. Hermann Escher,
dessen Wirksamkeit zu vergleichen ist mit derjenigen von Pro-
fessor Arnold Lang für die neue Universität.
Für die Kantonsschule und den Chemieunterricht der Hoch-
schule wurde an der Ecke Rämistrasse-Zürichbergstrasse ein Neu-
bau errichtet und im Fühjahr 1909 bezogen. Die Stadt hat am
19. März 1905 dem Staat eine Subvention von 500,000 Fr.
geleistet und ihren Jahresbeitrag an den Betrieb der kantonalen
Lehranstalten von 30,000 auf 60,000 Fr. erhöht. Eine bedeutende
Summe erforderte auch der Umbau der längst reparaturbedürftigen
alten Kantonsschule (1909/1910). — Die kantonale Frauenklinik
hat neben dem alten einen neuen Bau erhalten, für den in der
Volksabstimmung vom 28. Juni 1914 ein Kredit von 750,000 Fr.
bewilligt wurde. Weitere 440,000 Fr. werden von der Stadt bei-
Vtiüummu-
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o XUII. KAPITKI.: DAS STADTBII.D 1914 365
getragen, die als Gegenleistung Platz für jährlich 2000 Geburten
in der Frauenklinik beanspruchen darf. Das Abkommen mit dem
Staat wurde getroffen zur Durchführung der am 24. September
191 1 von der Stadtgemeinde beschlossenen Einführung der unent-
gelthchen Geburtshilfe.
Die Stadtverwaltung hatte in ihrem von Stadtbaumeister
Geiser erstellten Stadthaus an der Fraumünsterstrasse (1885)
schon sehr bald zu wenig Platz. Ein Neubau, mit dem alten Stadt-
haus zusammenhängend, wurde 1898 bis 1900 nach einem von der
Gemeinde am 5. Juni 1898 angenommenen Projekt von Gustav
Gull ausgeführt. Ihm hatten die alten Bauten des ehemaligen Frau-
münsteramtes, Schulzimmer, altes Staatsarchiv, Musiksaal etc.
Platz zu machen. Der Musiksaal ist in seinen genauen Abmessungen
und mit seiner Stuckdecke im grossen Kommissionssaal des neuen
Stadthauses wieder erstanden. Der ganze Bau, der zwischen der
Post und ihrem hohen Turm und der Fraumünsterkirche voll zur
Geltung kommt, ist aussen und innen ein Schmuck und eine Zier;
das architektonische Hauptmotiv im Innern bildet die arkaden-
umgebene Halle. Überaus geschickt und gefällig ist die Ver-
bindung des Stadthauses mit der Fraumünsterkirche, die vom
Architekten dazu benützt wurde, um den alten romanischen und
gotischen Kreuzgang wieder erstehen zu lassen, in dem seit 1902
die Statuen von Ludwig dem Deutschen, der Äbtissin Hildegard
und dem Bürgermeister Rudolf Brun feierlich Wache halten.
Das alte Kaufhaus, das nicht länger den AusbHck auf die Post
sperren durfte, musste 1897 weichen. Am zähesten klebten an
der Fraumünsterkirche die Magazine der Eisenhandlung Joh. Da-
vid Wiser mit ihren vier roten Kaminen; sie sind erst 1900
weggeräumt worden.
Aber auch das Stadthaus Fraumünsteramt konnte wiederum
nur einen Teil der weitverzweigten Stadtverwaltung aufnehmen.
Für einen zentralen, alle Ver\\'altungsabteilungen umfassenden
Stadthausbau wurde nun das Ötenbachareal ins Auge gefasst und
Gustav Gull beauftragt, ein Projekt für die ganze Quartieranlage
mit Inbegriff des Stadthausbaues auszuarbeiten. Vor allem aber
galt es, das nötige Terrain in den Besitz der Stadt zu bringen.
366 XLIII. KAPITEI.: DAS STADTBILD 1914 ' o
und zwar in erster Linie die Strafanstalt, das alte Kloster öten-
bach. Längst schon hätte man das düstere Gemäuer gern aus
der Stadt weg gehabt. Mitten in Richtungen lebhaften Verkehrs
auf einer Bodenerhebung stehend und ein Gebiet von bedeutendem
Umfang umschhessend, hinderte bisher die Strafanstalt in Ver-
bindung mit dem Waisenhaus die Durchführung passender Strassen-
züge und war im regen Getriebe ein toter Fleck, von dem keine
Belebung des Verkehrs ausging. Gerne bewilligte darum die
Stadtgemeinde am 31. Oktober 1897 den hohen Kredit für das
Zuchthausareal. In der Volksabstimmung vom 3. Juli 1898
wurde der Verkauf an die Stadt beschlossen und der Bau der
neuen Strafanstalt in Regensdorf genehmigt. In der Sturmnacht
des 8.79. Oktober 1901 ging der seltsame Umzug vor sich. In
Möbelwagen transportiert, wurden die Ötenbachinsassen nach ge-
spenstischer Fahrt durch Nacht und Graus vor dem hochmodernen,
aber um nichts gemütlicheren Pavillonbau in Regensdorf ab-
geladen. Die Polizei war schon am 19. Januar 1901 umgezogen in
die neue PoHzeikaserne neben der MiHtärkaserne an der Sihl;
die alte Polizeikaserne am Ötenbach mit ihrem Treppengiebel, seit
dem 13. Jahrhundert Gasthaus und Herberge des Klosters Öten-
bach, war von 1872 an von der Polizei benützt worden. Nun
konnten Hacke und Schaufel ihr Werk verrichten: in den Jahren
1902 und 1903 wurde die Strafanstalt abgetragen. Nachdem
weitere MilUonen verausgabt worden waren für den Erwerb aller
Liegenschaften im Werdmühle- und Ötenbachquartier und an der
Schipfe, konnte mit der Anlage neuer Strassenzüge planmässig
vorgegangen werden. Der Anfang wurde gemacht mit der Ab-
lenkung des Sihlkanals in den Schanzengraben. Sein altes Bett
wurde zugeschüttet im Winter 1901/02 und darauf die Werdmühle-
strasse angelegt; gerade über seiner ehemaligen Mündung in die
Limmat steht jetzt das Amtshaus II. Und nach der Niederlegung
des Zuchthauses kam der Durchstich der Uraniastrasse (künftigen
„Stadthausstrasse") durch den Ötenbachhügel im Winter 1904/05
an die Reihe. Tagtäglich schauten Hunderte neugierig zu, wie die
ungefügen Löffelbagger heisshungrig den Hügel anfrassen und den
Schutt auf Rollwagen luden, die dann auf ein in der Limmat er-
richtetes Holzgerüst hinausfuhren und ihre Ladung an Ledischiffe
abgaben. Von Schleppdampferchen wurden die Lediscliiffe limmat-
o XLIII. KAPITEI,: DAS STADTBILD 1914 367
aufwärts und ans linke Seeufer beim Belvoir bugsiert, wo das Ma-
terial zur Seeauffüllung diente. Die Uraniastrasse fand ihre gerad-
linige Fortsetzung in der Uraniabrücke, die an Stelle des Obern
Mühlestegs erbaut und am 22. November 1913 dem Verkehr über-
geben worden ist. Aber noch über die Limmat hinüber griff der
Geist der neuen Zeit und machte einen gewaltigen Vorstoss durch
die Mühlegasse — wo ihm 11 Häuser zum Opfer fielen und an
ihrer Stelle jetzt das Rudolf Mosse-Haus sich erhebt — nach der
zukunftsreichen Zähringerstrasse .
Den Namen gab diesem neuen Strassenzug im Ötenbach-
quartier von der Bahnhofstrasse bis ans rechte lyimmatufer die
von Gustav Gull im Auftrag einer privaten Genossenschaft erbaute
Volkssternwarte ,, Urania", die am 15. Juni 1907 eröffnet worden
ist. Es ist ein Geschäftshaus von 20 m Höhe, überragt von einem
48 m hohen Aussichtsturm, dessen Kern in einem Pfeiler besteht,
welcher zum Zweck seiner völligen Isolierung gegen die Erschütte-
rungen des Strassenverkehrs 20 m tief unter der Erdoberfläche
fundamentiert ist. Der Turm ist von einer drehbaren Kuppel
von 8 14 m Durchmesser überdacht und trägt als Hauptinstrument,
zur Gestirnbeobachtung und für die Aussicht in die Berge über
Tag, ein Zeiss-Fernrohr von 5 m Länge mit einer Linse von 300 mm
Durchmesser. Die Berge erscheinen durch diesen Refraktor in
greifbare Nähe gerückt. Die Urania schliesst die Südwestecke des
neu angelegten Werdmühle platzes ab. Im Westen ist er begrenzt
von dem ebenfalls durch Gull erbauten Bankhaus der Schweize-
rischen Bodenkreditanstalt, im Osten von dem Neubau des Amts-
hauses III und im Süden, anschliessend an die Urania, von dem
Amtshaus IV. Zwischen Amtshaus III und IV kreuzt auf hohem,
stilvollem Viadukt die neuangelegte Lindenhofstrasse die unter-
führte Uraniastrasse. Die den Amtshäusern III und IV vorge-
lagerten Terrassen in Verbindung mit der malerischen Lindenhof-
strassenüberführung bilden schon jetzt ein Amphitheater von
hohem architektonischem Reiz um den Werdmühleplatz herum.
Folgen wir der gebrochenen Flucht des Amtshauses III der Werd-
mühlestrasse entlang, so führt sie uns zum Amtshaus I, dem ehe-
mahgen Waisenhaus, das Gulls Genie als ehrwürdiges Baudenkmal
zu erhalten und seinem grossen Plane geschickt einzufügen ver-
standen hat. Es ist allerdings gründlich umgebaut worden. In
368 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 191 4 o.
seinen Parterreräumlichkeiten merkt man nicht, dass man sich in
den ehemaUgen ausgedehnten Kellergewölben des Waisenhauses
befindet, und der breite Terrassenvorbau gegen die Limmat lässt
nicht sogleich im Amtshaus I das Waisenhaus wieder erkennen.
An seine Westfront ist, wie schon angedeutet, der langgestreckte,
zweimal gebrochene ,,Westflüger', das Amtshaus III, angebaut;
dagegen verbindet nur das wiederhergestellte Portal des ehemaligen
W^aisenliausgartens das Amtshaus I mit dem Amtshaus II am
Beatenplatz, das schon am i. Oktober 1904 bezogen worden war.
Die Waisenhauskinder nahmen am 17. Juli 1911 von ihrem alten
Heim Abschied. Sie waren nun, nachdem schon am 25. November
1905 der Grosse Stadtrat, einer Anregung von Waisenvater Hofer
folgend, die DezentraHsation der Waisenpflege und den Bau von
zwei neuen Waisenhäusern beschlossen und die Bürgergemeinde
am 6. Juni 1909 diese Beschlüsse sanktioniert hatte, in zwei Fa-
miUen getrennt worden. Aus dem Erlös des an die Einwohner-
gemeinde übergegangenen Waisenhausareals konnten die beiden
neuen Waisenhäuser in luftiger, sonniger Höhe auf dem Sonnen-
berg in Zürich 7 und auf dem Entlisberg in Zürich 2 erbaut werden,
die anfangs August 1911 bezogen und am 11. September mit
einer schönen Feier eingeweiht wurden. Zum Waisenvater war
am 9. Juni 1906, nach Pfarrer Hofers Hinschied, Pfarrer Paul
Bachofner, und nach dessen Übertritt ans Fraumünster sodann
am 13. Mai 1907 Pfarrer und Kirchenrat August Tappolet, der
jetzige Hausvater auf dem Sonnenberg, gewählt worden, während
am 3. August 1911 auf dem Entlisberg Pfarrer Otto Bickel, früher
in Uster, als Hausvater einzog. Im alten Waisenhaus sind jetzt
Polizei und Gesundheitswesen untergebracht, im Amtshaus II das
Bauwesen II (Gas, Wasser, Elektrizität, Strassenbahnen) , im Amts-
haus III u. a. das Schulwesen, im Amtshaus IV das Hochbau-
und das Vermessungsamt; in den beiden letztern Häusern sind
zahlreiche Geschäftsräume an Private vermietet.
Mit diesen vier Amtshäusern und der vom Schipfequai an
der Innenseite der Amtshäuser I und III hinauf und über die
Uraniastrasse nach dem Lindenhof hinübergeführten Lindenhof-
strasse ist eine erste grosse Periode der Stadthausbauten ab-
geschlossen. Die Hauptsache fehlt noch und bleibt einer hoffent-
Hch nicht mehr fernen Zukunft vorbehalten: das monumentale
^
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 369
Stadthaus, das sich — aus der Ebene des gewöhiiHchen lärmenden
Geschäftsverkehrs herausgehoben — majestätisch über der Urania-
strasse erheben und mit seinem hochragenden Turm das Stadt-
bild beherrschen wird. Zwischen dem Stadthaus und dem Linden-
hof aber soll in stolzer Höhe das städtische Parlamentsgebäude er-
stehen, der Prachtbau für den Grossen Stadtrat, vom Lindenhof
aus auf einer Freitreppe zugänglich. Und der Lindenhof, unsre
,,Pfalz", wird nicht etwa verschwinden und vergraben werden,
sondern durch den Stadthausbau und die an Stelle der Schipfe-
häuser projektierten Terrassen und Galerien der künftigen Markt-
hallen erst recht herausgehoben und zum Herzblatt der Stadt ge-
macht. Es sind keine ,, Luftschlösser", die mit diesen Andeutungen
dem Leser vorgeführt werden; vielmehr haben die städtischen
Stimmberechtigten, als sie am 29. Oktober 1911 die Kredite für
die Amtshäuser I, III und IV bewilligten und Freihaltung des
Platzes für das Stadthaus beschlossen, mit vollem Bewusstsein den
Gullschen Ideen beigestimmt, die ihnen an einem prächtigen
Modell im Helmhaus demonstriert worden waren, und die Grund-
linien für ihre Ausführung festgelegt. Als nach einer Besichtigung
der am i. April 1914 bezogenen neuen Amtshäuser, an denen
gegenüber dem Voranschlag mehr als eine halbe Million eingespart
worden war, dem Grossen Stadtrat am 9. Mai im ,,Du Nord" ein
bescheidener Imbiss geboten wurde, sprach in seiner Freude über
das grandiose Werk ein Stadtrat, der nichts weniger als im Ruf
eines Schlemmers steht, die zündenden Worte: ,,Wenn einst dieser
herrliche Bau vollendet sein wird, dann aber, meine Herren, wollen
wir einmal nach alter Väter Sitte ein Fest feiern und mit allem
Volk auf dem Lindenhof drei Tage lang essen und trinken" ....
Der gemütliche Anlass gestaltete sich ungesucht zu einer herzlichen
Huldigung für den anwesenden Architekten, Professor Dr. Gustav
Gull. In seinen bewegten Dankesworten verriet er, dass allezeit
die innerste Triebfeder seines Schaffens die heisse Liebe zu seiner
Heimatstadt gewesen war. , .Zürich," sagte er in seiner schlichten
Weise, ,,ist für jeden, der nicht anormal verwöhnt ist, der schönste
Fleck Erde, und wir wollen nicht aufhören, es immer noch schöner
zu machen, damit jeder Zürcher stolz auf seine Vaterstadt bleiben
kann."
24
370 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Ostwärts vom Hauptbalinhof, in der Platzpromenade, finden
wir das Schweizerische Landesmuseum und das städtische Kunst-
gewerbemuseum mit Kunstgewerbeschule zu einer Baugruppe ver-
einigt. Das Landesmuseum verdankt seine Entstehung einer An-
regung von Nationalrat Salomon Vögelin und ist durch das Bundes-
gesetz vom 27. Juni 1890 gegründet worden. Es soll bedeutsame
vaterländische Altertümer geschichthcher und kunstgewerbUcher
Natur aufnehmen und planmässig geordnet aufbewahren. Dem-
gemäss sind die Raumdispositionen des Baues so getroffen, dass
die Altertümer der verschiedenen Epochen mögüchst in chrono-
logischer Reihenfolge aufgestellt werden konnten, so dass dem
Besucher auf dem regelmässigen Gang durch die Sammlungen
die kunstgewerblichen Erzeugnisse der aufeinanderfolgenden Kul-
turperioden unseres Landes von der Zeit der Höhlenbewohner bis
zu Ende des 18. Jahrhunderts nacheinander gegenübertreten.
Nach lebhaftem Konkurrenzkampf zwischen Zürich und Bern
wurde von der Bundesversammlung am 18. Juni 1891 Zürich zum
Sitz des Landesmuseums bestimmt. Die Stadt übernahm damit
die Baupflicht und übertrug Gustav Gull die Ausarbeitung der
Pläne. Den Hauptbaukörper des Landesmuseums und die Domi-
nante der den Museumshof einrahmenden Bauten bildet der
Mittelbau mit der ,, Ruhmeshalle" der Waffensammlung, die durch
die Hodlerschen Fresken des Rückzugs von Marignano ihre stil-
gerechte innere Ausschmückung erhalten hat. Die Sammlung von
Gegenständen kirchlicher Kunst birgt der in den Hof vorsprin-
gende Kapellenbau, und im Innern ist das glitzernde Goldgeschmeide
in der als Krypta behandelten unterirdischen ,, Schatzkammer" zu
gewissen Stunden beim Schimmer des elektrischen Lichtes zu
sehen. Der mächtige Torturm an der Ostseite über dem Haupt-
eingang scheidet das Landesmuseum von dem Gebäudetrakt des
Kunstgewerbemuseums, der — zuerst erstellt — schon 1894 be-
zogen wurde. Durch die Art, wie der Architekt die alten Zimmer
aus verschiedenen Stilperioden, die Reste der Kreuzgänge aus dem
frühern Predigerkloster und Barfüsserkloster in Zürich, sowie
andere alte Bauteile, die ihm zur Verfügung standen, disponierte
und unter sich und mit den allgemeinen Sammlungsräumen in
Beziehung setzte, unterscheidet sich das Landesmuseum wesent-
Uch von den bisher üblichen Museumsbauten. Indem der Einbau
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o XWII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 371
der alten Zimmer überall unter möglichster Wahrung resp. Wieder-
herstellung ihres ursprüngHchen Zustandes erfolgte, so dass auch
die Fensteröffnungen den ursprünglichen entsprechend gestaltet,
daneben aber die Fenster der allgemeinen Sammlungsräume
wiederum als Ausdruck des Innenraums regelmässig gebildet
wurden, erhielten die Fassaden ihr eigenartiges Gepräge. Ein
unendlicher Reiz kommt ausserdem noch hinzu durch die un-
vergleichliche Ausstattung der Fenster mit den herrlichsten Er-
zeugnissen schweizerischer Glasmalerkunst, die aus der mit alten
Butzenscheiben hergestellten Bleiverglasung wie Juwelen hervor-
leuchten. Einen grossen Teil seiner Schätze aber, namentüch
den ältesten (Pfahlbauten, Keltisches, Römisches) und auch
manches Jüngere verdankt das Landesmuseum der Antiqua-
rischen Gesellschaft Zürich, welche Üire reichen Sammlungen
samt der wohlgelungenen Büste Ferdinand Kellers, des Schöpfers
dieser ganzen Wissensbestrebungen, aus dem Helmliaus ins Lan-
desmuseum verpflanzen Hess.
Das Fest, mit welchem in den Tagen vom 24. bis 27. Juni
1898 das Schweizerische Landesmuseum eingeweiht wurde, ge-
hört zu den freudenreichsten und glänzendsten, die Zürich im ver-
gangenen halben Jahrhundert gesehen. Der ganze Bundesrat, die
Bundesversammlung, das Bundesgericht und das diplomatische
Korps von Bern trafen in einem Extrazug ein, dessen Lokomotive
an der Stirnseite das eidgenössische Wappen trug. Die Bundesräte
hatten ihre Frauen und Töchter mitgebracht, was der Feier von
vornherein einen mehr familiären Charakter verlieh. Abends gab
im Stadttheater der Dramatische Verein eine Festvorstellung, vor
welcher ein Prolog von Isabelle Kaiser gesprochen wurde. Noch
während der Vorstellung nahte der Fackelzug der Studenten, der
vom Bundespräsidenten Ruffy und seiner Umgebung auf der
Loggia des Stadttheaters erwartet und mit einer französischen An-
sprache verdankt wurde. Am Hauptfeiertag, Samstag den 25. Juni,
fand der eigentliche Festakt im blumen- und flaggengeschmückten
Hof des Landesmuseums statt. Zu beiden Seiten der Redner-
tribüne dräuten die Schlünde riesiger Kanonen und auf den Po-
desten der Freitreppe gegen den Platzspitz standen die bronzierten
Reiterstatuen des Herzogs von Zähringen und Struthans von
Winkelried, die Bildhauer Richard Kissling in aller Geschwindig-
372 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
keit während einiger Wochen hergestellt hatte. ,, Männerchor"
und , .Harmonie" sangen zum Beginn: ,,Die Himmel rühmendes
Ewigen Ehre". Die Zünfte mit iliren Bannern füllten den Hof.
In seiner Begrüssungsansprache sprach Stadtpräsident Pestalozzi
seine grosse Freude darüber aus, dass es gelungen war, für das
Landesmuseum den denkbar besten Direktor zu finden in
der Person von Heinrich Angst, der nicht nur um das Zustande-
kommen des Landesmuseums sich die grössten Verdienste er-
worben, sondern auch durch Einverleibung seiner eigenen Samm-
lungen den Bestand des Museums auf verschiedenen Kunst-
gebieten so bereichert hatte, dass es schon am Eröffnungstage ein
annähernd vollständiges Bild jener kunstgewerblichen Tätigkeit
unserer Vorfahren bot. Heinrich Angst, geboren den 18. Oktober
1847 i^ Regensberg, hat lange Jahre im Ausland als Kaufmann
gelebt und ist dann in Zürich britischer Konsul, 1896 General-
konsul geworden. Sein Verständnis und sein reger Sammeleifer
für allerlei Altertümer brachten ihn in enge Berührung mit zahl-
reichen Männern der Wissenschaft und schHesslich an die Spitze
des Landesmuseums, das er mit hingebender Treue verwaltete bis
zur Übergabe seines Amtes an seinen Nachfolger Dr. H. Lehmann
auf Ende 1903. Nicht minder warm dankte der Stadtpräsident in
seiner Rede dem Architekten Gustav Gull, einem Künstler, der
seine reiche Phantasie an dieser eigenartigen Aufgabe erprobte
und stets für die verschiedene Zweckbestimmung der Gebäude-
teile bis in die kleinsten Details hinunter die richtige Formen-
sprache zu finden wusste. Bundespräsident Ruffy und, nach der
anmutigen Szene der Schlüsselübergabe durch zwei Kinder Gulls,
Bundesrat Lachenal liessen in ihren Ansprachen welsche Liebens-
würdigkeit und welschen Esprit brillieren. Nach der formellen
Eröffnung und einem ersten Rundgang durch das Museum folgte
unter Glockengeläute der Zug zum belebten Bankett in der Ton-
halle, an welchem Direktor Angst zum Ehrendoktor proklamiert
und Gustav Gull durch die Überreichung einer Dankesurkunde
ausgezeichnet wurde. Einzigartig schön war der kostümierte Um-
zug am Nachmittag, in welchem 2788 Teilnehmer aus allen Gauen
des Schweizerlandes mit Benützung von Szenen aus dem schweize-
rischen Volksleben die echten malerischen und kleidsamen Trachten
der verschiedenen Landesgegenden dem ob solcher Fülle und
o XUII. KAPITKL: DAS STADTBILD 1914 373
Farbenpracht staunenden Publikum vor Augen führten. Die
Zürcher Hoclizeitsfahrten, die Berner Krieger von Neuenegg,
denen der Bernermarsch aufgespielt wurde, die Taufe aus dem
Luzerner Landleben, Basler Fastnacht, Bergführer, Jäger und
Wildheuer aus dem Bündnerland, Winzer vom Genfersee, Neuen-
burger Armourins und Genfer Escalade, durchweg von Leuten aus
den betreffenden Kantonen dargestellt: das war eine Heerschau
über unser Schweizervolk und seine vielgestaltigen Sitten, Trach-
ten und Gebräuche, wie man sie nur einmal im Leben und an
einem solchen Tage gemessen konnte. Abends aber, nach der See-
fahrt der Ehrengäste, wurden im Pavillon und im grossen Saale
der Tonhalle von einzelnen kostümierten Gruppen des Umzugs
— Appenzell, Bern, Urkantone, Tessin, Waadt, Freiburg — Auf-
führungen dargeboten, die wiederum erkennen liessen, wieviel
charakteristische Eigenart und wieviel Poesie in unserm schweize-
risch-nationalen Volksleben noch vorhanden ist. Das Singspiel der
Berner — ,, Bärgdorf" von Gottfried Strasser — , der Sang der
Älpler und Älplerinnen beim steinbeschwerten Haus zum ,, Schwel-
zerdegen", die Kilbi von Brunnen, der Freiburger Kuhreigen, den
Notar Currat so ergreifend zu singen wusste, der Winzertanz, das
schalkhafte Tessiner Blumenfest, das alles war in seiner Natur-
wahrheit, seiner heitern Lust und unverkümmerten Fröhlichkeit
von packender Gewalt. Wie sich von selbst versteht, war auch
diese prächtige Veranstaltung dem Lesezirkel Hottingen zu
danken. Dass Illumination und Feuerwerk am Samstag abend
und das Waldfest im Dolder am Sonntag verregnet wurden, weiss
heute niemand mehr; aber der Kuhreigen im Tonhallepavillon
khngt jedem, der ihn hörte, jetzt noch in den Ohren.
Für den auf der Hohen Promenade errichteten, am 27. Oktober
1913 eingeweihten Bau der Höhern Töchterschule hatte Gull anfäng-
lich ein grösseres Projekt ausgearbeitet, das alle Abteilungen der
Höhern Töchterschule umfassen sollte. Dieses wurde dann auf
Wunsch der Behörden der Kosten wegen reduziert und auf das
Gymnasium, die Fortbildungsschule und das Lehrerinnenseminar
beschränkt; die Handelsabteilung dagegen sollte in dem gründlich
umzubauenden Grossmünsterschulhaus verbleiben. Der Bau der
374 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 19 14 o
Hohem Töchterschule auf der Hohen Promenade musste die stille
Schönheit des dortigen Friedhofs grausam zerstören. Ehe das
jungfrische Leben dort oben wieder einziehen konnte, hatte der
Tod Platz zu machen und seinen Raub herauszugeben, denn das
Leben hat recht. Und es kam ein Rauschen in die Totengebeine,
der Gottesacker ward umgepflügt, und es gingen noch einmal aus
den Gräbern herv^or, die man dort unter Leid und Tränen be-
graben hatte. Manche von ihnen waren freiHch bis auf wenige
Knochenreste vermodert und verwest, einige aber — o schreckens-
volles Wunder! — lagen noch da so frisch und unversehrt beinahe,
wie man sie in den Boden gelegt, so dass ihre Freunde und Be-
kannten von damals sie auf den ersten Bhck hätten erkennen
müssen. Diese Funde von Leichenwachsbildung, die an Zahl
und Vollkommenheit des Erhaltungszustandes alles bisher bei
solchen Exhumationen gewonnene Beobachtungsmaterial über-
boten, gaben Veranlassung zu einer eingehenden wissenschaftHchen
Arbeit von Dr. med. Wilhelm Müller (Albert Müllers Verlag).
Unter den vom Verfasser behandelten Fällen der exhumierten
Leichen befand sich auch diejenige von Gottfried Kellers Mutter.
Wir müssten uns in die dürren Gefilde der Statistik verHeren,
wollten wir zu zeigen versuchen, was Zürich nur seit der Ver-
einigung im Bau von Schulhäusern geleistet hat. Wie sehr es sich
aber auch anstrengte und Jahr um Jahr neue Schulpaläste er-
stehen Hess, vermochte es mit dem Wachstum der Bevölkerung
doch nicht Schritt zu halten und musste sich vielfach mit Baracken
und Provisorien aller Art behelfen. Die Schulhäuser aber be-
standen nicht mehr nur in einzelnen Gebäuden, sondern in ganzen
Schulhausgruppen, die wie wahre Festungen der Volksbildung
sich in den dichtbewohnten Quartieren erheben. Die Schulhäuser
auf dem Bühl in Wiedikon, im Industriequartier, auf dem Riedtli,
an der Ämtlerstrasse, an der Kernstrasse, an der Hofackerstrasse,
Kilchbergstrasse, Mülilebachstrasse, Münchhaldenstrasse, imLetten
sind nur einige der auffallendsten Schulhäuser oder Gebäudekom-
plexe, die aus dem Stadtbild herausragen. In ihrer Bauart und Ein-
richtung entsprechen sie selbstverständlich allen Forderungen der
Neuzeit. Es fehlt nicht an Badeanlagen, Handfertigkeits- und
Hort-Räumen, Schulküchen, besondern Arbeitszimmern für Mäd-
chen, Sing- und Zeichensälen. Von den Privatschulen haben
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBII.D 19 14 375
Neubauten bezogen die Freie Schule Zürich I an der Waldmann-
strasse am 29. Sept. 1898, das EvangeHsche Seminar an der Rötel-
strasse am 14. Mai 1905, das Freie Gymnasium (gegründet 1888)
an der St. Annagasse am 3. Juni 1910. Der letztere Bau bildet einen
Teil des Häuserblocks, den die verscliiedenen Gesellschaften und
Vereine für das Freie G3"mnasium, die St. Annakapelle, das christ-
liche Hospiz zum ,, Glockenhof" und den Christlichen Verein junger
Männer gemeinsam auf dem Areal der nach etwas über 50] ähri-
gem Bestand wieder abgetragenen St. Annakapelle von Mathilde
Escher erstellten. Die neue St. Annakapelle ist am 23. Oktober
1910, das Hotel ,, Glockenhof" am 12. Juni 1911 und das Vereins-
haus am 3. September 1911 eröffnet worden. In stärkerem Masse
noch als der eben erwähnte ,, Christliche Verein junger Männer" ist
der zürcherische ,, Kaufmännische Verein" für die kaufmännische
Fortbildung tätig. Er ist am 7. März 1861 von 13 begeisterten
Jünglingen als ,, Verein junger Kaufleute" gegründet worden und
hat sich so rasch entwickelt, dass er am 28. September 188^ in
das von ihm erworbene Haus zum Alten Seidenhof einziehen konnte.
Später erwarb der Verein von Dr. med. C. von Muralt eine Lie-
genschaft an der Pelikanstrasse und errichtete darauf den luxu-
riösen Neubau ,,zirr Kaufleuten" mit Lehrzimmern, Gesellschafts-
zimmern, Festsaal, Restaurant usw., der am 17. und 18. April
1915 eingeweiht wufde. Unter den Architektenfirmen, die an den
bedeutendsten Neubauten in Zürich beteiHgt sind, begegnen wir
am häufigsten den Namen Bischoff u. Weideli, Pfleghard u. Häfeli,
Gebrüder Pfister, Streiff u. Schindler, Gebrüder Bräm, Stadler u.
Usteri, Chiodera u. Tschudi.
In immer grösserm Umfang tritt in unserm öffentlichen Leben
die Mitwirkung der Frauen hervor, die zwar von den Rechten der
Aktivbürgerschaft noch immer so gut wie vollständig ausgeschlossen
sind, denen es aber glückHcherweise doch nicht verwehrt ist, auf
dem Gebiete der Gemeinnützigkeit, der Krankenpflege, des Volks-
wohles sich in reichem Masse zu betätigen und durch grossartige
eigene Schöpfungen und mustergültig geführte Anstalten ihre volle
Befähigung und Berechtigung zu tatkräftiger Mitarbeit für das
allgemeine Interesse auch ausserhalb der engen Schranken der
376 XUII. KAPITEL: DAS STADTBILD 19 14 o
Häuslichkeit zu erweisen. Schon ein flüchtiger Blick über das
Stadtbild wird an verschiedenen Bauten haften bleiben, die ihr
Entstehen ausschhesslich der Initiative der Frauen zu danken
haben. Eine dieser Schöpfungen ist die Schweizerische Pflege-
rinnenschule mit Frauenspital an der Samariterstrasse in Zürich 7.
Ihr Gründer ist der Schweizerische Gemeinnützige Frauenver-
ein. In seiner Mitte hat Fräulein Dr. Anna Heer die erste An-
regung dazu gegeben, die dann von der Präsidentin des Vereins,
Frau Dr. Villiger-Keller in Lenzburg, mit freudiger Begeisterung
aufgegriffen worden ist. Von Anfang stand der Hauptinitiantin
auch ihre Kollegin Dr. med. Marie Heim-Voegtlin zur Seite, die
Gattin des berühmten Geologen Professor Dr. Albert Heim, mit
dem sie am 11. Juli 1899 ein schönes und seltenes Doppeljubi-
läum feiern konnte : die 25 jährige Wirksamkeit von Professor Heim
am Pol5"technikum und ihre eigene ebensolange Tätigkeit als prak-
tische Ärztin und speziell Geburtshelferin. Frau Dr. Heim war
überhaupt die erste akademisch gebildete Ärztin in Zürich und im
ganzen Schweizerland, und da gerade diese Pionierin des ärzt-
lichen Frauenstudiums so gar nichts Emanzipiertes an sich hatte,
so durchaus das ,,echt Weibliche" und Mütterliche beibehielt,
tat sie damit das Beste zur Einbürgerung des neuen Frauenberufs
der Ärztin. Die zweite Ärztin in Zürich war Frl. Dr. Caroline
Farner, und dann kam als dritte Frl. Dr. Anna Heer, die im Haus
von Stadtrat Caspar Grob sei. aufgewachsen ist und diesem treff-
lichen Manne ihre sorgfältige Erziehung und Bildung verdankt.
Es war gegeben, dass Fräulein Dr. Heer, die den besten Chirurgen
und Operateuren Zürichs beizuzählen ist, als Chefärztin an die
Spitze der mit einem Frauenspital verbundenen Pflegerinnenschule
trat, nachdem diese am 30. März 1901 eröffnet worden war. Schon
in den Jahren der Vorbereitung, dann aber ganz besonders in
ihrer Stellung als ,,Frau Oberin" vom Tage der Eröffnung an, hat
Fräulein Ida Schneider sich um das Haus und seine treffliche Füh-
rung ganz hervorragend verdient gemacht. Im Jahre 1908 ist
neben der Pflegerinnenschiile ein eigenes Heim für die Kurs-
teilnehmerinnen, das ,, Schwesternhaus", eröffnet worden.
An der Gemeindestrasse in Hottingen besteht seit dem Jahre
1898 eine Haushaltungsschule, gegründet von der Sektion Zürich
des vSchweizerischen Gemeinnützigen Frauenvereins. Die Haus-
o XI,III. KAPITJSIy: DAS STADTBILD 19 14 m
haltungsscliule hat am 28. September 1911 ihren imposanten,
modern eingerichteten Neubau einweihen dürfen, bei welcher Ge-
legenheit die damals schon über Sojährige Frau Stocker-Caviezel,
eine energische Verfechterin der Frauenrechte (f i. August 1914),
eine Rede hielt und ein von Hegar komponiertes Weihelied von
Clara Forrer gesungen wurde. Noch vor 50 oder 60 Jahren hätte
vielleicht schon nur der Name einer ,, Haushaltungsschule" selbst
in Frauenkreisen Heiterkeit und Kopfschütteln erregt, denn der
natürliche Weg war doch bisher immer, dass die heranwachsenden
Töchter von ihren Müttern in die Geheimnisse des Kochens und
Haushaltens eingeführt wurden und dass sie alle diese Handgriffe
und Fertigkeiten, die das Hauswesen erfordert, sozusagen von
selber erlernten, indem sie dabei aufwuchsen und mit den Jahren
auch zur Hilfeleistung herangezogen wurden. Wer hätte zu pro-
phezeien gewagt, dass man eines Tages grosse Schulhäuser hiefür
bauen werde, förmliche Akademien zum Studium des Hauswesens,
wo in geräumigen, mit allen Hilfsmitteln der Wissenschaft ver-
sehenen Hörsälen von Fachlehrern und -lehrerinnen Theorie er-
teilt, in mustergültig ausgestatteten Küchen ein collegium prac-
ticum ,, belegt" werden kann? Die werktätigen Frauen haben
das Bedürfnis nach solchen Haushaltungsschulen erkannt und
haben keine Mühen und Opfer gescheut, um ihm Rechnung zu
tragen. Sie wissen, dass der eigene Haushalt in sehr vielen Fällen
und aus den verschiedensten Gründen nicht imstande ist, den
heranwachsenden Töchtern die hauswirtschaftliche Bildung zu
geben, die den Ansprüchen des modernen Lebens gewachsen ist.
Und indem sie den Töchtern des Volkes die Gelegenheit bieten
zu einer gründlichen, systematischen und allseitigen Erlernung
alles dessen, was zur geordneten und richtigen Führung eines Haus-
halts in unserer Zeit gehört, tragen sie zugleich in eminentem
Masse bei zu einer höheren Wertschätzung des Haushalts und der
Familienpflege. Frau Emma Coradi-Stahl (f 8. April 1912), die
als Präsidentin der Haushaltungsschule das Fest der Hausweihe
mit ihrer sonnigen Mütterlichkeit erhellte und als liebenswürdige
Tischrednerin durch Geist und Humor glänzte, ist unter den be-
deutendsten Schweizerfrauen auf dem Gebiet der Gemeinnützig-
keit und Frauenarbeit zu nennen. Schon 1888 schuf sie als Präsi-
dentin des Aarauer Gemeinnützigen Frauenvereins die erste Haus-
378 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
haltiingsschule in Buchs und später diejenige in Zürich, sowie die
Gartenbauschule in Niederlenz. Sie wurde 1896 die erste vom
Bundesrat ernannte eidgenössische Expertin für das hauswirt-
schaftliche Bildungswesen. Mit ihrem Gatten, Waisenrat Adam
Coradi, nach Zürich übergesiedelt, wandte sie ihr hervorragendes
praktisches Geschick und ihre nimmermüde Hingabe vornehmlich
den zürcherischen Frauenbestrebungen zu und wirkte auch als
Verfasserin guter hauswirtschafthcher Bücher (,,Wie Gritli haus-
halten lernt", ,, Gritli in der Küche") und Redaktorin der von ihr
1895 gegründeten Zeitschrift ,, Schweizer Frauenheim".
Eine grossartige, wahrhaft bewunderungswürdige Tätigkeit
entfalteten die für die Arbeit am Wohl unseres Volkes begeisterten
Frauen auf dem Felde der Alkoholbekämpfung und der Wirtshaus-
reform. Ihnen war es klar, dass mit dem Klagen und Jammern
über das Alkoholelend nichts getan ist, wenn nicht dem Volke
zugleich auch saubere, behagliche Wirtschaftsräume ohne Alkohol
zur Verfügung gestellt werden, in denen für wenig Geld gute und
nahrhafte Speise und gesunde Tranksame geboten wird. So haben
denn die praktischen und klugen Frauen die Wirtshausreform am
allein richtigen Orte angepackt und das Meisterstück fertig ge-
bracht, ihre freundhchen Lokale zu einer Institution in unserm
öffentHchen Leben zu machen, die von den Arbeitern wie von
den bemittelten Ständen als eine wahre Wohltat und schlech-
terdings nicht mehr zu entbehrende Einrichtung empfunden wird.
Das ist namentlich dadurch möglich geworden, dass die Füh-
rung dieser alkoholfreien Wirtschaften auf durchaus gesunden
Geschäftsprinzipien beruht und jeder Beigeschmack der Wohl-
tätigkeit fehlt. Es wird nichts geschenkt, und so braucht der
besser Situierte sich nicht zu genieren, gelegentlich dort seine Mahl-
zeiten einzunehmen oder von der Annehmhchkeit des Vieruhr-
kaffees zu profitieren. Anderseits ist der Beitrag, den jeder Gast
mit durchschnittlich 3 — 4 Rappen an den — ausschliessHch für
den weitern Ausbau der Wirtshausreform bestimmten — Rein-
gewinn zu leisten hat, so minim, die Auswahl unter den verschie-
denen Preislagen der Menüs in Verbindung mit dem Fehlen jedes
Trinkgeldes und Trinkzwanges so vorteilhaft, dass auch der Un-
bemittelte vollständig auf seine Rechnung kommt und eben da-
durch jene so wohltuend wirkende Mischung aller Stände und
o XLIII. KAPITEIv: DAS STADTBILD 1914 379
Klassen in den alkoholfreien Wirtschaften entsteht. Da ist es denn
schliesslich nicht einmal zu verwundern, wenn dieser Frauenverein
von kaum über zwei Dutzend Aktivmitgliedern schon nach
zwanzigjährigem Bestand eine ganze Reihe von Häusern sein eigen
nannte, in seinen Lokalen täglich 12,000 Menschen speiste und
tränkte und mit einem Umsatz von je 2 Millionen Franken jährlich
in Einnahmen und Ausgaben wirtschaftete. Seinen Anfang nahm
das schöne Werk der Frauen mit der am 17. Dezember 1894 er-
öffneten Kaffeestube zum ,, Kleinen Marthahof" in der Stadel-
hof erstrasse, für welche ein im Gesellschaftshaus zum ,,Schneggen"
abgehaltener Bazar die Mittel gehefert hatte. Anfangs wagte man
noch nicht, die Bezeichnung ,, alkoholfrei" in die Vereinsfirma auf-
zunehmen und nannte sich ,, Frauenverein für Massigkeit und Volks-
wohl" und erst von 1910 an ,, Frauenverein für alkoholfreie Wirt-
schaften". Doch wurde schon beim zweiten, am 22. November 1895
eröffneten Lokal, an der Gemeindestrasse in Hottingen, tapfer
die Tafel ,, Alkoholfreie Speise Wirtschaft" ausgehängt. Drei Tage
später öffnete sich das Lokal an der Rosengasse, am 10. Dezember
1896 ein weiteres an der Langstrasse in Aussersihl, am i. April 1897
das ,,Rütli" im neuen Heim des Grütlivereins an der Zähringer-
strasse. Als erstes der grössern Lokale des Frauenvereins ist
,,Karl der Grosse" beim Grossmünster am 31. März 1898 einge-
weiht und 1909 vergrössert worden durch Ankauf des anstossenden
Hauses zum ,, Silberschild". Am 17. November 1898 erhielt die
äussere Seefeldstrasse im ,, Lindenbaum" ihr Lokal.
Dem Frauenverein konnte es aber nicht entgehen, dass gar
viele Leute am meisten froh wären über eine alkoholfreie Wirt-
schaft auf ihren sonntäglichen Spaziergängen ins Freie. Er tat
darum den weitern kühnen Schritt und baute das alkoholfreie
Volks- und Kurhaus auf dem Zürichberg, eine Sommer- und Sonn-
tagswirtschaft grossen Stils, die oft an einem Tage Tausenden
Gelegenheit gibt, ohne Alkohol ihre Erholung zu gemessen. Die
damit verbundene Pension für längern Aufenthalt wurde am
I. November 1900, das Restaurant am i. Januar 1901 eröffnet.
Eine Dependance, das ,,HeimeH", kam 1910/11 dazu. In der Stadt
öffnete am i. Dezember 1902 das grösste und meist besuchte Lokal
des Frauenvereins, der ,, Blaue Seidenhof" an der Seidengasse,
seine Tore; am 15. Dezember 1904 siedelte man vom kleinen
3So XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Marthahof in den prächtig beim Bahnhof Stadelhofen gelegenen
„Olivenbaum" über; dann kam wieder die Beteiligung an einem
grössern Unternehmen : dem alkoholfreien Volkshaus am Helvetia-
platz in Aussersihl. Diese Stiftung ist auf eine Anregung von
Prof. Dr. A. Forel im Jahr 1893 zurückzuführen, die dann i8g6
von der Pestalozzigesellschaft wieder aufgegriffen wurde. Auf
Antrag von Pfarrer Dr. Meili in Wiedikon bestellte sie eine
Kommission mit Pfarrer Bion als Präsident. Die Kommission ver-
wandelte sich später in ein „Initiativ- Komitee" und am 8. Juni
1901 in ein „Aktionskomitee"; in beiden war der Frauenverein
durch Frau Prof. Orelli und Frau Oberst Huber- Werdmüller ver-
treten. Das Präsidium übernahm nach dem Rücktritt Bions Stadt-
rat Dr. Erismann. Am 15. Juli 1906 gewährte die Gemeinde
dem Volkshaus eine Subvention von 250,000 Fr. (mit Inbegriff
des Bauplatzes), und am 10. Mai 1907 konstituierte sich der
,, Volkshaus- Verein". Die Pestalozzigesellschaft mietete Lesesäle
und Bibliothekräume, der Frauenverein die Wirtschaft, die übrigen
Teile des Hauses sind von Versammlungs- und Sitzungszimmern,
Gewerkschaftsbureaus und Vereinslokalen in Beschlag genommen.
Die feierliche Einweihung erfolgte am 18. Dezember 1910. Mit
dem I. Januar 1911 übernahm der Frauenverein das kleine Lokal
„Neugut" in der Enge, mit dem 29. Juni 1911 den pachtweisen
Betrieb der (der Stadt gehörenden) Sommerwirtschaft in der Platz-
promenade, die trotz Pauken- und Trompetenschall nie recht
rentieren wollte, in den Händen der Frauen aber, die sie für den
Jahresbetrieb einrichteten, alsbald zu rentieren begann. 1914 wurde
ein zweites Kur- und Gesellschaftshaus auf dem Zürichberg an-
gekauft und umgebaut: der ,,Rigiblick" in Zürich 6, der seit dem
I. Mai 1915 alkoholfrei betrieben wird. Durch den Frauenverein
sind auch andere zu ähnlichem Vorgehen angeregt worden; so
führt u. a. ein rühriges Frauenkomitee in Oberstrass seit etwa
acht Jahren eine besonders von Studenten besuchte Wirtschaft
in der ,, Tanne" beim Polytechnikum. Erwähnung verdient auch
noch die auf Veranlassung und unter Mitwirkung des Zürcher
Frauenvereins auf der Landesausstellung 1914 in Bern installierte
Alkoholfreie Restauration, die einen kolossalen Zulauf hatte, bis
dann der Krieg auch hier in seiner Weise intervenierte und mit
einem Schlag die Tageseinnahmen, die im Juli noch auf durch-
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBIIvD 19 14 381
schnittlich 4645 Fr. gestanden, am 4. August auf 206 Fr. her-
unterbrachte. Infolge des Krieges büssten die Frauen in ihren
Zürcher Lokalen im zweiten Halbjahr 1914 an Einnahmen 200,000
Franken ein. Der Verein beschäftigt z. Z. etwa 400 weibliche
Angestellte, denen als Mitarbeiterinnen an einem grossen sozialen
Werke ein neuer, schöner Frauenberuf erschlossen ist. — Es
bedarf keiner Worte, um zu erklären, welche Energie, Umsicht,
Schaffenslust und Hingabe dazu gehören, um eine solche Ent-
wicklung eines Unternehmens zu ermöglichen, wie sie hier dem
lycser vor Augen steht. Und das haben Frauen geleistet. An
der Spitze des ,, Frauenvereins f. a. W." stand als Präsidentin
während der ersten zehn Jahre Frau Oberst Anna Maria Huber-
Werdmüller (t 5. Oktober 191 1), eine geistig bedeutende Frau,
die Gattin des Obersten P. E. Huber, der ihr am 4. Oktober 1915
im Tode naclifolgte. Sie hat auch für den Frauenverein Grosses
getan, aber neidlos und bewundernd stets die noch höhern Ver-
dienste der eigentlichen Leiterin des weitverzweigten, segensvollen
Unternehmens anerkannt. Im Präsidium des Frauenvereins folgte
ihr Fräulein Marie Finsler, die Tochter des letzten Antistes. Die
Seele der ganzen Unternehmung war von Anfang an bis heute
die Betriebskommission und deren Präsidentin, Frau Susanna
Orelli-Rinderknecht, die Witwe des 1885 verstorbenen Mathematik-
professors Joh. Orelli am Polytechnikum; in dieser Frau, die ein
tiefes Verständnis für die Bedürfnisse des Volkes hat, persotu-
fiziert sich gleichsam die Schöpfung der alkoholfreien Wirtschaften
in Zürich.
Um einstweilen auf dem Boden des Gemeinnützigen zu bleiben,
seien noch einige ergänzende Daten über zürcherische Anstalten
und Krankenhäuser beigefügt. Das Kinderspital (,, Eleonoren-
stiftung"), am 12. Januar 1874 eröffnet, stand Jahrzehnte hindurch
unter der Leitung von Prof. Dr. Oscar Wyss (für innere Krank-
heiten) und Dr. Wilhelm von Muralt-Planta (chirurgische Ab-
teilung). Nach seinem Rücktritt als Chefarzt im Jahr 1909 über-
nahm Dr. von Muralt das Präsidium des Komitees, und seiner
Initiative und unermüdlichen Sorge ist die weitere schöne Ent-
wicklung des Kinderspitals hauptsächlich zu danken. Mit dem
382 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Jahre 1910 erhielt die Anstalt einen Direktor in der Person von
Professor Dr. Feer, Dozent für Kinderkrankheiten an der Uni-
versität Zürich und eine bedeutende Autorität auf diesem Gebiete.
Im Lauf der Jahre hat sich das Kinderspital durch verschiedene
Nebengebäude (Absonderungshäuser, Poliklinik etc.), besonders
aber durch den ausgedehnten Neubau 1904 bedeutend vergrössert.
Seit 1889 können die rekonvaleszenten Kinder in der Kinderheil-
stätte Ägeri Aufnahme finden. — Das Krankenasyl Neumünster
ist durch das am 22. November 1903 eingeweihte ,, Obere Kranken-
haus" bereichert worden. Wie dieses, steht unter der Obhut der
Evangelischen Gesellschaft das ,,Asyl Realp" für Unheilbare, er-
öffnet am 31. Oktober 1909; in seiner unmittelbaren Nachbarschaft
befindet sich das am i. September 1910 eröffnete Magdalenenheim
,,Refuge", eine Schöpfung des Frauenvereins für Hebung der Sitt-
lichkeit und Schwesteranstalt zu dem seit 1890 bestehenden
,, Pilgerbrunnen" in Aussersihl; schon in den 70er Jahren ent-
standen die hauptsächlich für die Heranziehung von Dienstmäd-
chen bestimmten, mit dem Namen von Frau Emma Schneeli-
Berry (f 8. Dezember 1914 in Liestal) verknüpften Institutionen
des Marthahauses, des kleinen Marthahofes in Stadelhofen usw.
— Das ,,Theodosianum" ist eine Niederlassung der Schwestern
vom Heihgen Kreuz in Ingenbohl. Es wurde 1880 an der
Kreuzstrasse eröffnet. Im März 1899 bezogen die Schwestern
ihren Neubau an der Asylstrasse, während das alte Theodo-
sianum nunmehr als ,, Elisabethenheim", gegründet 1888, allein-
stehenden Frauen und Töchtern Zuflucht bietet. Einen zwei-
ten Neubau weihte das Theodosianum am 28. Januar 1911 ein. —
Unter dem Protektorat des Schweiz. Vereins für freies Christen-
tum stehen Spital und Schwesternhaus vom ,, Roten Kreuz", das
am 24. November 1907 sein 25iähriges Jubiläum feiern durfte.
In einer frühern Pension in Fluntern am 22. November 1882 er-
öffnet, konnte es im Herbst 1887. seinen Neubau beziehen, dem mit
dem 24. April 1900 ein zweites und mit dem 15. Januar 1914 ein
drittes Haus hinzugefügt wurde. Die Pension ,, Forster" am Zürich-
berg ist 1905 als Schwesternheim geschenkt worden. — Eine
weitere Gründung Pfarrer Bions, das Erholungshaus in Fluntern
(1890), erfuhr 1902 eine bauliche Vergrösserung. — Die Schweize-
rische Anstalt für Epileptische auf der Rüti beging ihr 25 jähriges
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 191 4 383
Jubiläum am 31. August 191 1. Sie verfügt nunmehr im ganzen
über etwa 12 Gebäude, von denen Bau II für weibliche Erwach-
sene 1889 und Bau III für männUche Erwachsene 1901 eröffnet
wurde. — Eine neue Anstalt — • etwa die zehnte auf dem Boden
der Kirchgemeinde Neumünster — ist mit dem 28. November 1912
eröffnet worden ; sie nimmt schwächliche und krüppelhafte Kinder
auf und steht unter der Leitung des hervorragenden Orthopäden
Prof. Dr. W. Schulthess. An der Spitze des Initiativkomitees für
diese schweizerische Anstalt stand der hochbetagte Professor Dr.
H. Kesselring. Ähnlichen Zwecken dient die benachbarte Mathilde-
Escher- Stiftung (neueröffnet am 29. Oktober 1911), die früher mit
der St. Annakapelle verbunden war. — Draussen auf der Höhe
des Kapf in Hirslanden ist in herrlicher Lage vom Frauenkomitee
für das Blindenheim (Gründerin Frl. Marie Bürkli) durch den Ar-
chitekten C. von Muralt 1908 der Neubau „Dankesberg" erbaut
v^^orden, nachdem das Heim (für weibliche Blinde) seit dem i. No-
vember 1902 an der Balderngasse bestanden hatte.
Einen ungemein regen Eifer entwickelte die Stadt Zürich in
den letzten 25 Jahren auf dem Gebiet der kirchlichen Bauten.
Mehr als zehn neue Kirchen und Kapellen sind im Stadtbild er-
schienen, und in den meisten altern Kirchengebäuden wurden
umfassende Renovationen durchgeführt. So konnte die Gross-
münstergemeinde, nachdem sie sich lange mit der Kapelle hatte
begnügen müssen, ihr schön renoviertes Gotteshaus am 6. Sep-
tember 1914 wieder beziehen. — Sehr zu ihrem Vorteil hat sich
unter den Händen von Gustav Gull die Fraumünsterkirche ver-
ändert. Zuerst wurde, neben andern Renovationen, (1900) auf der
Turmseite gegen die Limmat ein neues Portal angebracht, und
nachdem dann im März 1911 die Kirche aus dem Besitz des Staates
in den der Gemeinde übergegangen war, konnte eine Regeneration
an ,, Haupt und Gliedern" beginnen. Die zementbeworfene Blosse
der Westfassade, die neben dem schmucken Stadthaus doppelt
unschön wdrkte, wich einem prächtigen Portal, das über dem Ein-
gang mit einem ReHef von Richard Kisshng (Geburt Christi) und
zu den Seiten mit den vier Apostelfiguren von Bildhauer Schweizer
geschmückt wurde. Architektonisch besonders glücklich war die
384 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Aufführung der Mittelschiffmauern bis auf die Gesimshöhe des
Querschiffes und die steilere Führung des Daches. Das Innere
erhielt eine vergrösserte Orgel, neue Bestuhlung, eine neue steinerne
Kanzel usw. ; wertvolle antiquarische Funde wurden bei den Grab-
arbeiten im Chor gemacht. Mit einer schönen Feier konnte die
wiederhergestellte Kirche am 20. Oktober 1912 eingeweiht werden.
— Die Kirchgemeinde St. Peter beging am 25. November 1906
das zweihundertjährige Bestehen der jetzigen Kirche. Sie be-
willigte am 8. Juni 1913 einen bedeutenden Kredit für Reno-
vation, die vor kurzem vollendet worden ist; am 22. Febr. 1914
konnte wieder Gottesdienst in der Kirche gehalten werden. —
Die Predigerkirche ist nach dem am 23. Mai 1897 genehmigten
Vertrag ebenfalls in das Eigentum ihrer Gemeinde übergegangen
und hat einen von Architekt WehrH erstellten Turm und ein
Geläute erhalten, die am 28. Oktober 1900 eingeweiht wurden.
In Aussersihl sind zwei neue evangelische Kirchen statt des
bisherigen unzulänglichen Bethauses entstanden: die Johannes-
kirche im Industriequartier, eingeweiht am 13. November 1898,
und die St. Jakobskirche in der Gegend des alten Bethauses
(25. August 1901). — Noch früher — am 29. November 1896 —
konnten die Kirchgenossen von Wiedikon aus dem Bethaus in
ihre neue Kirche umziehen. — Enge feierte die Weihe des von
Bluntschli erstellten, von Dr. C. Escher mit einer Orgel ausgestat-
teten ICirchenbaues am 24. Juni 1894; das Filialkirchlein von
Leimbach wurde am 23. Juli 1899 eingeweiht. — Vom rechten
Seeufer herüber grüsst die mächtige Kuppel der Kreuzkirche
(26. Februar 1905) ; das Neumünster erfuhr eine innere Renovation
(26. Mai 1912) und erhielt in der Nachbarschaft ein ,, Kirchgemeinde-
haus" mit angebautem Pfarrhaus (27. August 1911). — Das alte
Kirchlein Oberstrass beherbergt jetzt einen Kindergarten, und in
seiner Nähe erhebt sich die neue Kirche mit Pfarrhaus (6. März
1911). — Auf aussichtsreicher Höhe am Käferberg steht die neue
Kirche Wipkingen (31. Oktober 1909). — Von kirchlichen Minori-
täten und Gemeinschaften sind u. a. erstellt worden die Apostolische
Kirche in Hottingen im Jahr 1885, die Minoritätskirche in Unter-
strass (hauptsächlich mit Unterstützung von Fräulein Pauline
Escher, f 8- Februar 1913), eingeweiht am 15. November 1908,
die Salemskapelle der Baptisten an der Steinwiesstrasse (6. Februar
o XI.III. KAPITEI.: DAS STADTBILrD 1914 385
1898) und die Bethelkapelle an der Wilfriedstrasse, Predigtstätte
von Samuel Zeller in Männedorf (f 18. April 1912), die am 29. Ok-
tober 1899 eingeweiht worden ist. — Die französische Kirch-
gemeinde ist durch das Kirchenorganisationsgesetz vom 26. Ok-
tober 1902 dem Organismus der zürcherischen Landeskirche ein-
gefügt worden (und zwar vornehmlich dank den Bemühungen von
Staatsschreiber Stüssi, f 20. September 1900) ; ihren Neubau auf
der Hohen Promenade hat sie am 9. Februar 1902 bezogen. —
Die Stadt verkaufte 1895 die längere Zeit von der römisch-
katholischen Kirchengenossenschaft benützte ehemalige Begräbnis-
kapelle auf der Hohen Promenade an eine englische Gesellschaft,
die die Kapelle zur Sankt Andrews- Kirche umtaufte und sich am
2. November 1907 als Corporation of the English Church konsti-
tuierte. — Die altkathoUsche Augustinerkirche erhielt Ende 1909
einen neuen Turm mit fünfstimmigem Geläute; die Filialkirche
an der Elisabethenstrasse in Wiedikon wurde am 29. Oktober 191 1
geweiht. — Die römisch-kathoHsche Liebfrauenkirche, eine drei-
schiff ige Säulenbasihka mit erhöhtem Turm, wurde am 7. Ok-
tober 1894, das Geläute und die vollendete Kirche am 10./13.
Oktober 1897 durch den Bischof eingeweiht. Die seit 1874 als Pro-
visorium benützte Kirche St. Peter und Paul in Aussersihl erfuhr
eine Erweiterung mit 60 m hohem Turm (22. November 1896) ;
im Kreis 7 erbaute Karl Moser die St. Antoniuskirche (18. Oktober
1908). An der Feldstrasse in Aussersihl ist 1903 die italienische
kathoUsche Kirche, im Industriequartier die St. Josephskirche er-
baut worden (Einsegnung 3. Mai 1914).
Von den neueren Friedhöfen in Zürich wurden eröffnet am
I. Januar 1897 der Friedhof Manegg in Zürich 2, der im Jahr 1907
erweitert wurde, da der Friedhof Giesshübel auf den 31. Dezember
1908 geschlossen werden musste; am 16. Juli 1899 der Friedhof
Nordheim in Unterstrass, am 26. Oktober 1902 der Friedhof
Enzenbühl, am 31. Oktober 1907 der erweiterte Friedhof Fluntern
auf der Passhöhe des Zürichbergs, dessen älterer Teil 1887 eröffnet
worden war; der alte Friedhof Fluntern bei der Platte ging 1907
in den Besitz der Stadt über. — Zu den interessantesten Bau-
werken Zürichs gehört unstreitig das neue Krematorium, das auf
einem Annex des Friedhofs Sihlfeld von Architekt Albert Frölich
von Brugg erstellt worden ist, nachdem die Gemeinde am 29. Sep-
25
386 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
tember 1912 den Kredit bevvilligt hatte. Zur Einweihung am
6. März 1915 war der Grosse Stadtrat eingeladen worden. Die
ganze Anlage ist von einer imponierenden Würde und Erhabenheit.
Die Kuppel des Hauptgebäudes wölbt sich über dem Versammlungs-
raum, der in seiner reichen künstlerischen Ausstattung und har-
monischen Ausgeglichenheit in Formen und Farben ein wahres
Juwel genannt zu werden verdient. Vom Giebelfeld des Portikus
leuchtet dem Ankommenden die in Stein gemeisselte goldene In-
schrift entgegen: „Flamme, löse das Vergängliche auf! Befreit ist
das Unsterbhche."
Als am 19. Dezember 1886 die dreissigj ährige Konzession der
Zürcher Gasgesellschaft abgelaufen war, ging das Gaswerk im
Industrie quartier samt der Filiale Riesbach in den Besitz der
Stadt über. Die Gemeinde Enge betrieb ihre 1885 übernommene
(1864 gegründete) Gasfabrik bis zur Stadtvereinigung selber
weiter. Die drei Gaswerke genügten aber schon bald nach
der Vereinigung dem gesteigerten Bedarf nicht mehr, und es
wurde daher am 7. Februar 1897 von der Gemeinde ein
Kredit von 7,8 Millionen Franken bewilHgt für den Bau einer
auf 100,000 m^ Tagesleistung berechneten Gasfabrik auf dem
städtischen Besitztum in Schheren, die am 28. November 1898
den Betrieb eröffnete. Die rapide Zunahme des Gaskonsums
besonders auch zum Kochen veranlasste die Erteilung eines wei-
tern Kredits von 2,750,000 Fr. für den Ausbau des Gaswerks
am 29. Januar 1905.
Unglaubhch erscheint dem Laien der Wasserbedarf einer
grossen Stadt. Nachdem einmal eine Zuleitung aus dem See her-
gestellt v*orden, sollte man meinen, das würde genügen, um auch
den grössten Durst einer ,, werdenden Grosstadt" zu stillen. Dem
ist aber nicht so. Schon bald nach der Stadtvereinigung musste
der Direktor unserer Wasserversorgung, Heinrich Peter, ins Sihl-
tal und in die Berge des Zugerländchens hinaufsteigen, um nach
neuen Trinkwasserquellen für seine Mitbürger Umschau zu halten.
Durch einen Anschicksmann liess er eine Anzahl solcher Quellen
zusammenkaufen; aber bevor sie für die Stadt Zürich abgeleitet
werden durften, musste mit der Regierung von Zug verhandelt
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 387
und ein Vertrag abgeschlossen werden. Einmal mit den Rechts-
fragen aller Art im Reinen, die eine so weitgreifende Operation
zu komplizieren pflegen, Hess sich der Stadtrat am 20. Mai 1900
von der Gemeinde einen Kredit von 2,9 Millionen Franken erteilen
für die Erwerbung der Quellen im Sihl- und Lorzetal und ihre
Zuleitung nach Zürich. Die Sammelleitungen der beiden Täler
vereinigen sich bei Sihlbrugg, von wo an die 17,709 km lange Haupt-
leitung das Wasser in das Quellwasserreservoir beim Albisgütli
führt. Die ganze Anlage war 1905 vollendet. Am 17. Juni 1902
beschloss der Grosse Stadtrat die Errichtung von 216 neuen
öffentlichen Brunnen, in der Meinung, dass wenigstens eine Anzahl
derselben eine künstlerische Ausgestaltung erhalten sollten, w^as bei
der Armut Zürichs an Brunnendenkmälern keinen Luxus bedeutete.
Aber schon wieder studierte Direktor Peter an einer neuen See-
wasserversorgung für die Stadt Zürich, da alle bisher getroffenen
Einrichtungen wohl für die Gegenwart, nicht aber für einen künf-
tigen normalen Bevölkerungszuwachs ausreichten. Bereitwillig
gewährte die Gemeinde am 11. Juni 1911 einen weitern Kredit
von 7 14 Millionen für die neue Seewassergewinnungsanlage bei
Wollishofen. Unterhalb des Mönchhofs ist eine auf 8 Jochen
ruhende, 400 m lange Röhrenleitung in den See hinausgebaut, die
in einer Tiefe von 35 m und noch 22 m über dem Seeboden das
Wasser fasst. Das ist die Stelle, da nun die grosse durstige Stadt
in gierigen Zügen trinkt, trinkt, trinkt .... Am Ufer steht ein
Saug- und Pumpwerk; von dort wird das Wasser 54 m hoch in
die Filteranlage im Moos hinaufgepumpt. Es sind das ausgedehnte
Gebäulichkeiten mit vorläufig 15 gemauerten Wasserbehältern
im Innern, wo das Wasser durch eine ca. i m dicke Sandschicht
geleitet wird, an deren Oberfläche es seine Schwebestoffe und
Bakterien zurücklässt. Die Reinigung der Vorfilter geschieht
durch eingepresste Luft; man braucht nur an einem gewissen
Rädchen zu drehen, und auf einmal bedeckt sich die ganze grosse
Wasserfläche mit Bläschen, sie fängt an sich zu kräuseln und zu
brodeln. Die Betriebseröffnung der neuen Anlage, welche die
bisherige Filteranlage im Industriequartier überflüssig machte,
erfolgte für die Mitteldruckzone am 25. April, für die Nieder-
druckzone am 17. Juni 1914; die Hochdruckzone wird nach wie
vor vom vergrösserten Pumpwerk Letten bedient.
388 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Noch unter der Verwaltung der alten Stadt wurde die Errich-
tung eines städtischen Elektrizitätswerks im Anschluss an das
Pumpwerk im Letten beschlossen und zugleich von der Gemeinde
am 28. Dezember 1890 die Schaffung einer eigenen Verwaltungs-
abteilung für die „Licht- und Wasserwerke" genehmigt. Das kleine
Elektrizitätswerk hatte vorerst nur Beleuchtungszwecken zu
dienen und wurde mit dem Zeitpunkt der Stadtvereinigung,
I. Januar 1893, dem Betrieb übergeben. Am 13. April 1898 be-
schloss der Grosse Stadtrat die Beleuchtung der Bahnhofstrasse,
und wieder hingen nun wie vor hundert Jahren die Laternen über
der Mitte der Strasse, nur dass jetzt jede dieser Laternen eine kleine
Sonne w^ar. Mehr und mehr wurden aber auch Motore an das
Beleuchtungsnetz angeschlossen, und der stärkere Kraftbedarf für
technische Zwecke und besonders dann auch für den Trambetrieb
erforderte die Aufstellung von Dampf dynamomaschinen. Ver-
handlungen über die Beteihgung an einem grössern Werk (Etzel,
EgHsau) zogen sich ungebührhch in die Länge, so dass man sich
einstweilen mit der Miete von Strom aus dem Kraftwerk Beznau
an der Aare behelfen musste. Ein Vertrag hierüber mit der Gesell-
schaft ,, Motor" in Baden wurde am 18. April 1903 abgeschlossen
und von der Gemeinde am 30. August 1903 der Kredit für die
Verteilungsanlage bewilligt. Die Stromabgabe für die Strassen-
bahn begann am 9. Mai 1904. War es schon merkwürdig genug zu
denken, dass unsere Strassenbahnen von der Wasserkraft der
Aare bewegt wurden, so erschien die Idee noch viel kühner, einen
Bergbach hinten im Bündnerland unsern Bedürfnissen dienstbar
zu machen und seine Kraft auf einem System von Drähten 135 km
weit über Berg und Tal herzuleiten. Das geschah nun aber durch
die Errichtung des städtischen Elektrizitätswerks bei Sils an der
Albula, wofür die Gemeinde am 10. Juni 1906 einen Kredit von
10,735,000 Er. und nach der Abrechnung am 16. Februar 1913
noch einen Nachtragskredit von 2,173,000 Fr. bewilHgte. Die
Betriebseröffnung erfolgte am 15. Dezember 1909. Von der Bau-
leitung hatte Direktor Peter den hydrauhschen Teil, Direktor
Heinrich Wagner vom Elektrizitätswerk den elektrischen Teil
übernommen.
Mit der Strassenbahn wurde die Zürcher Stadtvereinigung
faktisch eingeleitet. Die Abkürzung Z. T. (Zürcher Tramway)
o XUII. KAPITBIv: DAS STADTBILD 1914 389
deutete das Volk als „Zivil-Trauung" (von Zürich und Aus-
gemeinden) ; die Hochzeit folgte allerdings erst zehn Jahre später.
Die „Zürcher Strassenbahn A.-G." hat ihr Netz am 2. Oktober
1882 eingeweiht. Es bestand aus den beiden Linien Tiefenbrunnen-
Hauptbahnhof-Paradeplatz-Bleicherweg-Brunaustrasse und Helm-
haus-Paradeplatz-Talacker-Zentralfriedhof und wurde mit 20 Wa-
gen und 81 Pferden betrieben. Bald nach der Stadtvereinigung
bauten zwei neue Aktiengesellschaften die ersten elektrischen
Linien in Zürich: die „Elektrische Strassenbahn A.-G." das „Hot-
tinger Tram" ( Quaibrücke-Burgwies und Bellevue-Römerhof-
Kreuzplatz, eröffnet am 8. März 1894), die „Zentrale Zürichberg-
bahn A.-G." die Linien Bellevue - Kirche Fluntern (15. Februar
1895) und Platte-Polytechnikum-Rigiviertel (2. November 1895).
Die Stadt erwarb nun zunächst (städtische Abstimmung vom
23. Dezember 1894) die Pferdebahn um 1,750,000 Fr., die auf den
I. Januar 1897 ^^ ihren Besitz überging, und am 19. März 1899
bewilligte die Gemeinde weitere 4 Millionen für den Umbau der
Pferdebahn auf Meterspur mit elektrischem Betrieb. Die einzelnen
Strecken wurden mit dem Fortschreiten der Arbeit sukzessive
wieder eröffnet, und am 17. September 1900 geleitete eine Menge
Leute den bekränzten letzten Rösslitramwagen zum Depot. Am
28. Juni 1896 kaufte die Gemeinde die ehemalige , .Elektrische
Strassenbahn" (Hottinger-Tram) , am 3. Dez. 1905 die ,, Zentrale
Zürichbergbahn" zurück. Die Stadt selbst baute die Linien Haupt-
bahnhof-Wiedikon, eröffnet am 24. Dez. 1898, Kreuzplatz-Zeltweg-
Seilergraben und Bellevue-Paradeplatz mit Abzweigung zum Bahn-
hof Enge (14. Jan. 1899). Im folgenden Jahr wurden die Strassen-
bahnen in den Kreisen II und III bis WoUishofen, Utobrücke und
Letzigraben (Stadtgrenze) ausgebaut. An letztere Strecke schloss
gleichen Tages (20. Dez. 1900) die Limmattalstrassenbahn an. Die
Industrie quartier- Strassenbahn (24. April 1898), deren Fortsetzung
nach Höngg daselbst am 29. August 1898 mit Volksfest und Fest-
spiel von Pfarrer Dr. Weber eingeweiht wurde, kaufte die Gemeinde
am 22. Februar 1903, das auf Stadtgebiet liegende Teüstück der
HönggerHnie der Grosse Stadtrat am 2. März 1907 zurück. Seit
dem 9. Oktober 1906 fahren die blau-v/eiss gestrichenen Strassen-
bahnwagen auf der Strecke Zentral-Leonhardstrasse-Polytechni-
kum, seit dem i. Mai 1909 durch die Weinbergstrasse. Vom
390 XLIII. KAPITEI.: DAS STADTBII.D 1914 o
I. Januar/i. Mai 1910 an besteht eine Route 8 vom Helmhaus
über das Sclnau zum Bahnhof; am i. Juni 1911 folgte die Linie
Römerhof- Khisplatz, am 25. Mai 1912 Burgwies-Realp mit An-
schluss an die Forchbahn (29. November 1912). Seit dem i. Mai
1914 zirkuHert das Tram Nr. 23 von der Burgwies über die Urania-
brücke zum Bahnhof. Das am 6. Juli 1907 eröffnete Albisgütlitram
erfreute sich während des Eidgenössischen Schützenfestes seiner
einzigen paar Tage eines rentabeln Betriebes. Beim Leonhards-
platz ist der Ausgangspunkt der Strassenbahn nach örHkon
(31. Oktober 1897).
Eine bedeutende Unternehmung Zürichs ist der neue pompöse
Schlachthof am Letzigraben, an der Stadtgrenze gegen Altstetten.
Er ist nach langwierigen Vorbereitungen erbaut worden, nachdem
die bestehenden 3 öffentlichen und 34 privaten Schlachtlokale
nicht mehr genügen konnten. Die Gemeinde bewilligte am
18. Januar 1903 einen Baukredit von 3,6 MilHonen, den der Grosse
Stadtrat dann in eigener Kompetenz noch um 200,000 Fr. er-
höhte ; aber das reichte von ferne nicht aus. Die wirklichen Kosten
betrugen 5,9 Millionen, und es musste die Gemeinde am 12. De-
zember 1909, gern oder ungern, noch einen Nachtragskredit von
2,040,000 Fr. bewilligen. Der Betrieb im neuen Schlachthof wurde
am 2. August 1909 eröffnet. Mit diesem Bau hängt zusammen ein
jahrelanger, noch jetzt nicht entschiedener Prozess zwischen Stadt
und Metzgerschaft. Die Eigentümer der Metzgbänke in der Fleisch-
halle besitzen laut Vertrag vom 12./18. Dezember 1862 gewisse
,, ewige Rechte" am Schlachthaus zur Walche. Die Metzger ver-
weigerten die Zustimmung zur Niederlegung des Walcheschlacht-
hauses vor Beendigung ihres Prozesses gegen die Stadt, und es
konnte nur mit Mühe vom Obergericht die Erlaubnis ausgewirkt
werden, am 31. Mai 1915 mit dem Abbruch der hässHchen Ruine
mitten im modernen Stampfenbachquartier zu beginnen. — An
ihrem 60 m hohen Kamin schon von weitem kenntlich ist die hart
am Eisenbahnviadukt im Hard gelegene Kehrichtverbrennungs-
anstalt, eröffnet am 10. Mai 1904, mit welcher auch ein landwirt-
schaftlicher Gutsbetrieb im Limmattal verbunden ist. Seit 1898
steht im äussersten Zipfel des städtischen Landes im Hard, in
o
o
o XWII. KAPITEIv: DAS STADTBII.D 1914 391
der Nähe der Limmatbrücke bei Höngg, die städtische thermische
Abdeckerei (Kadaververnichtung, Podewilsanstalt) im Betrieb.
In der Hauptsache auf Kosten des Staates erstellt die Stadt
gegenwärtig das gewaltige Bezirksgebäude auf dem Rotwandareal
in Aussersihl. Die Gemeinde bewilUgte am i. März 1914 den vom
Staat zu verzinsenden Baukredit von 3,225,000 Fr. Im Neubau
sollen alle Bezirksbehörden Platz finden : Statthalteramt, Bezirks-
rat, Bezirksschulpflege, Bezirksgericht, Bezirksanwaltschaft samt
Bezirksgefängnis. — Der städtische Wohnungsbau hat begonnen
mit der Erstellung von Dienstwohnungen für die Arbeiter und
Angestellten einzelner Verwaltungsabteilungen (Gaswerk, Strassen-
bahnen, Elektrizitätswerk usw.). Ein erstmaliger Versuch im
Jahr 1896, auch für den allgemeinen Bedarf von Gemeinde wegen
Wohnungen zu erstellen, schlug fehl. Zwar wurde zu diesem Zweck
das Friesenberggelände am Fusse des Ütlibergs von der Gemeinde
am 28. Juni 1896 angekauft; zu einer Überbauung desselben kam
es aber bis jetzt nicht. Erst die mit dem Jahr 1904 einsetzende
grosse Wohnungsnot veranlasste die städtischen Behörden, der
Gemeinde die Errichtung von drei Baublöcken mit zusammen
25 Gebäuden zwischen Limmatstrasse und Heinrichstrasse im
Industriequartier vorzuschlagen. Die Gemeinde stimmte am
21. April 1907 zu und bewilligte einen Kredit von 2,486,000 Fr.
Das Unternehmen sollte wie die städtischen Werke sich selbst er-
halten; die Höhe der Mietzinse hatte sich daher zu richten nach
der Verzinsung des Anlagekapitals mit einer massigen Amorti-
sation und nach den Unterhalts- und Verwaltungskosten. Die
städtischen Häuser im Industriequartier wurden am i. Oktober
1908 und I. April 1909 bezogen. 65 Prozent ihrer Bewohner stehen
im Dienst von Stadt, Kanton oder Bund. Eine zweite städtische
Wohnkolonie, die zum grossen Teil schon bezogen ist, w^urde er-
stellt auf dem Riedtli in Unterstrass. Nachdem die Bürgergemeinde
am 25. September 1910 das Areal zu einem niedrigen Preis der
Einwohnergemeinde überlassen hatte, beschloss die letztere am
18. Dezember 1910 den Bau von 73 Häusern mit 288 Wohnungen
und 76 einzelnen Mansardenzimmern im Voranschlag von 5,260,000
Franken. Die freundHche Gartenstadt im Riedtli gereicht heute
schon dem ganzen Quartier zum Schmuck. Übrigens haben auch
verschiedene private Baugenossenschaften mit der Erstellung von
392 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Villenvierteln zur Besserung der Wohnungsverhältnisse und Ver-
schönerung der Stadt beigetragen. Im Susenberg, beim Schlössli
und bei der Jakobsburg, an der Zeppelinstrasse in Unterstrass,
am Entlisberg, am Sonnenberg und draussen im ,, Bergheim" auf
dem Kapf sind solche hübsche und wohnliche Kolonien entstanden.
Zu den wichtigsten Bauproblemen der 90er Jahre gehörte der
Hauptbahnhof, neben welchem in Zürich noch die weitern Bahn-
höfe und Eisenbahnstationen Letten, Stadelhofen, Tiefenbrunnen,
Wiedikon, Enge, Wollishofen, Selnau, Giesshübel, Brunau, Manegg
und Leimbach bestehen. Die starke Verkehrszunahme erforderte
umfassende Erweiterungsbauten im Hauptbahnhof, die unter
Leitung von Oberingenieur Dr. Robert Moser durchgeführt
wurden. Es gehören dazu der neue, 850 m lange Viadukt der
Winterthurer Linie, der nach zweijähriger Bauzeit am 18. August
1894 dem Betrieb übergeben wurde (er zählt 50 Öffnungen von
8 — 8,75 m lichter Weite), der neue Güterbahnhof, eröffnet am
17. Mai 1897, und die am i. November 1897 vollendete Hard-
strasseüberführung. Ein gewaltiges Erweiterungsprojekt im Vor-
anschlag von 20 — 25 Millionen war von der Nordostbahn in
Aussicht genommen worden. Die inzwischen eingeleitete Ver-
staatHchungsaktion nahm ihr aber die Lust und das Interesse an
der Ausführung und veranlasste sie, sich mit ,, Provisorien" zu
begnügen, die dann allerdings nach der Verstaatlichung auch von
den Bundesbahnen als ,, ausreichend" befunden und definitiv be-
lassen wurden. Im Hauptbahnhof waren die wichtigsten Ände-
rungen bis 1898 durchgeführt: die Geleise, die früher bis zur
Einsteighalle gegen die Limmat reichten, in der Mitte des Auf-
nahmegebäudes abgeschnitten, im so gewonnenen Raum das Ge-
päckbureau errichtet, durch das frühere Gepäckbureau der Aus-
gang nach dem Bahnhofplatz geöffnet. Die Geleisehalle wurde
nach der Museumsstrasse hin verbreitert, die gedeckten Perrons
bis zur Sihl verlängert, Wartsaal und Restauration III. Klasse
kamen auf die Nordseite der Halle zu liegen, die Billettschalter in
die Nähe der Einsteigehalle, und in einem Anbau wurde das Transit-
postbureau untergebracht. Für die Verlegung der Reparatur-
werkstätten nach Dietikon waren alle Vorbereitungen, Expro-
o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 393
priatioiien usw. durchgeführt; nun aber fand man für sie plötzHch
genügend Raum im bestehenden Bahnhofareal und errichtete sie
an der Altstctter Grenze beim neuen Schlachthof; eine erste Ab-
teilung wurde am i. Juni 1910, die übrigen im Frühjahr 1911 in
Betrieb gesetzt.
Der letzte Präsident der Nordostbahngesellschaft war Adolf
Guyer-Zeller, eine grosse Figur in unserem Wirtschaftsleben, die
zürcherische Ausgabe eines amerikanischen Eisenbahnkönigs. Er
war der Neffe des Müllers Guyer von Bauma, der auf dem Zimiker
in Uster die Demokratie begründen half. Voll kühnen Wagemuts,
trug Guyer-Zeller sich stets mit grossen Plänen. Er hat die
Engadin-Orient-Bahn projektiert und den Eigergletscher angebohrt,
nachdem er auf einer Schilthornbesteigung am 26. August 1893
den begeisterten Vorsatz gefasst und auf einer Postkarte die erste
Planskizze für die künftige Jungfraubahn entworfen hatte. Seine
merkwürdig komplexe Natur vereinigte kalte Rücksichtslosigkeit,
wo es seinen Willen und seine Ziele durchzusetzen galt, mit einem
kinderweichen Gemüt und tief religiösen Bedürfnissen. Als die
erste Sektion seiner Jungfraubahn, Scheidegg-Eigergletscher, am
19. September 1898 eingeweiht wurde, musste ihm inmitten der
herrlichen Gotteswelt der ,, Gletscherpfarrer" Gottfried Strasser
von Grindelwald eine Bergpredigt halten. Von nicht gewollter
Wirkung war die Art, wie Guyer-Zeller 1894, im Besitz der Mehr-
heit der Aktien, sich der Herrschaft über die Nordostbahn be-
mächtigte; sie verlieh der bald nachher ausgegebenen Parole ,,Die
Schweizerbahnen dem Schweizervolk" die nötige Zugkraft. Als
dann der freihändige Rückkauf der Nordostbahn in die Wege ge-
leitet war — der Vertrag datiert vom i. Juni 1901 — schien es,
als habe das lyeben für ihn keinen Reiz mehr; der stattliche, kern-
gesunde Mann ward auf einmal krank, legte sich und starb am
Ostermontag den 3. April 1899.
Die Verlegung der Linksufrigen Zürichseebahn auf Stadt-
gebiet hat in ihrer 25jährigen Leidensgeschichte alle möglichen
Phasen durchgemacht, bis dann schliesslich der Architekt Gustav
Gull, einer plötzlichen Eingebung folgend, auf einem Blatt
Papier die Lösung für den neuen Bahnhof Enge skizzierte, die
jetzt dem Umbau zugrunde liegt. Die Verhältnisse waren be-
sonders seit Eröffnung der Linie Thalwil-Zug am 31. Mai 1897
394 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
unhaltbar geworden. Seit Jahren waren wegen der schwebenden
Projekte Liegenschaftenverkehr und Bautätigkeit im ganzen Um-
kreis der Bahn gehemmt. Auf der Linie verkehrten 1914 tägUch
120 Züge; an den 12 Barrieren in den Kreisen 2, 3 und 4 wurden
tägUch 3,900,000 Fussgänger, 390,000 Fuhrwerke, 99,000 Velo-
fahrer und 52,000 Autos durchschnitthch je 2 Minuten aufgehalten;
das Tram darf überhaupt nicht passieren. Der Umbau bringt nun
endUch Abhilfe, indem er sämtHche Strassen über die tiefer ge-
legte Linie führt. Die Stadt hat dafür allerdings grosse Opfer zu
bringen. Nach dem Vertrag vom 22. Dezember 1913, der am i. Mai
1914 vom Venvaltungsrat der Bundesbahnen, am 15. November
1914 von der Gemeinde genehmigt wurde, leistet die Stadt an
die auf 23,520,000 Fr. geschätzten Kosten einen Beitrag von
3,4 IMillionen ; überdies bezahlt sie an die Kosten des Umbaues der
Sihltalbahn 500,000 Fr. und übernimmt für 1,200,000 Fr. Prioritäts-
aktien der Sihltalbahn, von denen 700,000 Fr. sofort abgeschrieben
werden. Die neue Linie beginnt bei der Langstrasseunterführung,
fällt bereits etwas bis zu der 7 m tiefer gelegten Station Wiedikon,
erreicht dann in einem 811 m langen Tunnel unter der korrigierten
Sihl und dem Sihlkanal hindurch die neue Station Enge an der
Grüthstrasse, um schHesslich in einem 890 m langen Tunnel auf
das alte Trasse bei der Station Wollishofen auszumünden. Die
Sihltalbahn — sie ist am 30. Juli 1892 eröffnet worden — endet
bis jetzt im Bahnhof Selnau; sie soll nun vom Giesshübel weg in
einem S-förmigen, 685' m langen Tunnel in den neuen Bahnhof
Enge eingeführt werden. Die ÜtHbergbahn bleibt vorläufig im
Bahnhof Selnau bis zu ihrem dereinstigen Umbau für elektrischen
Betrieb und Anschluss an die Städtische Strassenbahn.
Die Dampfschiffahrt war bald nach der Eröffnung der Links-
ufrigen Zürichseebahn stark zurückgegangen. 1879 wurde die
Schiffswerft von Riesbach nach Wollishofen verlegt und dort ein
grosser Hafen erstellt, 1885 ein Trajektdienst nach dem rechten
Ufer eingerichtet, der bis 1894 bestand. 1890 gründeten Karl
Fierz-Landis, Arnold Bürkli und andere die ,, Zürcher Dampf boot-
gesellschaft" ; seit dem i. Mai 1892 durchfurchten die flinken Dampf-
schwalben das untere Seebecken und den obern Teil der Limmat;
im Herbst 1894 eröffnete die ,, Dampf bootgesellschaft Wädenswil"
mit den Schiffen ,,Wädenswil" und ,, Speer" einen Spezialdienst
00
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o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 . 395
Zürich- Wädenswil ; diese beiden Schiffe gingen dann igoo und
die grossen Dampfer der Bundesbahnen mit i. Mai 1903 ebenfalls
an die Zürcher Dampfbootgesellschaft über. An neueren grossen
Schiffen sind von ihr vom Stapel gelassen worden am S.Mai 1909
die „Stadt Zürich", am 29. Mai 1914 die „Stadt Rapperswil".
Die eidgenössische Post ist in der Nacht vom y./S. April 1898
in den von Architekt Schmid-Kerez erstellten Neubau an der
Kappelergasse umgezogen. Das anstossende Metropol- Gebäude,
von Heinrich Ernst erbaut, der die Ära der grossen Geschäfts-
häuser in Zürich eröffnete, wurde am 25. Mai 1895 dem Betrieb
übergeben. — Die Telephonzentrale am Rennwegplatz ist am Vor-
mittag des 2. April 1898 abgebrannt, und Zürich blieb bis zum
29. Mai ohne Telephon. Brandstifter war der schwere nasse
Schnee am 2. April, der die Telephondrähte in Unterstrass bis
auf die Starkstromleitung der Strassenbahn hinunterdrückte.
Im Sommer 191 2 hat die Bundesversammlung die Kredite be-
willigt für zwei neue Zentralen: ein Telephonamt rechts der Lim-
mat an der Hottingerstrasse und ein Telephonamt links der
Limmat an der Brandschenkestrasse. Beide sind bereits unter
Dach, und das Telephonamt im Pfauenquartier wäre längst er-
öffnet, hätte nicht der Krieg den Bezug der bestellten Materialien
aus England verunmöglicht.
Die Bahnhofstrasse strahlt besonders an den Abenden vor
Weihnachten in märchenhaftem Glänze. Unermessliche Reich-
tümer an Gold und Silber, Samt und Seide sind in den lichtdurch-
fluteten Läden ausgebreitet, und sogar bis tief in den Boden hinab
reichen die Riesenmontren, und es locken von unten die schim-
mernden Stoffe, wenn nicht gar in dem unterirdischen Schau-
fenster eine leibhaftige Wehntalerin am klappernden Webstuhl
sitzt oder ein Türke an seinem echt orientaHschen Teppich knüpft.
Die 1897 erbaute neue ,,Trülle", an der Stelle des frühern Hauses
des Stadtpräsidenten Römer, ist durchsichtig wie eine Laterne,
und das benachbarte Warenhaus Jelmoh, am 16. September 1899
eröffnet, ein Palast aus Glas und Eisen, mit dem der Neubau
des Warenhauses Brann an der Bahnhofstrasse (4. Mai 1912)
wetteifert. Am Haus zur ,, Werdmühle" am Rennwegplatz (1903)
396 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
haftet noch der alte Name des Quartiers; das Mercatorium
(1904), die Häusergruppe an der Sihlhofstrasse (1899 — 1905),
der Neue Seidenhof (1904) und zahlreiche andere Neubauten
geben dem untern Stadtteil ein wesentlich verändertes Aussehen.
Bis an die Bahnhofstrasse reicht der Genossenschaftspalast des
Lebensmittelvereins St. Annahof (am 15. November 1913 eröff-
net). Vor allem aber ist die Bahnhofstrasse Sitz der Banken.
Das älteste Bankhaus nicht nur Zürichs, sondern der Schweiz,
ist die Aktiengesellschaft Leu & Co. Sie ist am 15. April 1755
als staatliches Bankinstitut unter dem Präsidium des Säckel-
meisters und spätem Bürgermeisters Johann Jakob Leu eröffnet
worden und hatte ihren ersten Sitz im Rathaus. Der Zusam-
menbruch des alten Zürich veranlasste sodann ihre Konstitu-
ierung als privates Institut am 26. Juli 1798. Sie siedelte aber
erst 1833 aus dem Rathaus in ihr neues Heim, das Haus zum ,, Ro-
ten Kamel", den jetzigen ,, Franziskaner" an der Stüssihof statt,
über. 1875 wurden die Geschäftsräume an die Bahnhofstrasse 44
verlegt, 1903 in den Neubau Bahnhofstrasse 42, und nun musste ein
noch grösserer, prunkvoller Neubau Bahnhofstrasse 32, der ,, Leuen-
hof", erstellt werden, der am 25. Oktober 1915 seine Schalter öffnete.
Der ,, Leuenhof" hat das alte Escherhaus ,,zum Brunnen" ver-
drängt, das aber in seiner ursprünglichen Form auf dem Rieter-
Bodmerschen Areal in West-Enge wieder erstanden ist. Dasselbe
geschah mit dem an den Utoquai verpflanzten Schwarzenbachschen
Hause ,,zum Windegg" ; es stand an der Stelle des heutigen Peter-
hofs (Seidenhaus Grieder), der am 10. März 1913 eröffnet wurde
und jetzt mit dem ,, Leuenhof" ein zusammenhängendes, impo-
santes Häuserviereck bildet. Die Kreditanstalt hat nun ebenfalls
ihr gewaltiges Karree zwischen Paradeplatz und Bärengasse
ausgebaut. Gegenüber der bisherigen ,, Leuenbank" errichtet die
„Schweizerische Bankgesellschaft" ihren Neubau. Die ,, Schwei-
zerische Volksbank" verlegte am 27. Juli 1894 ihre 1877 an
der Bahnhofstrasse 66 eröffnete Kreisbank in den Neubau Bahn-
hofstrasse 53. Die ,, Eidgenössische Bank" hat seit 1896 ihren
Hauptsitz an der obern Bahnhofstrasse; ihr gegenüber richtet
sich die ,, Basler Handelsbank" ein. Am Paradeplatz erhebt
sich an Stelle des ehemaligen Neuenhofs der Palast des ,, Schwei-
zerischen Bank\^ereins", eröffnet am 3. Oktober 1899. Die
e ^begg=^rier
^I C. Gramer ='Trey
^. C^underfy = v. ^uraft
1^. S(£warzenhacß=Zeaner
Vertreter von ^andef und Sndastrfe
o XUII. KAPITBL: DAS STADTBII.D 1914 397
„Schweizerische Nationalbank" ist seit 1906 mit einem Teil ihrer
Direktion in der ehemaUgen „Bank in Zürich" („Meisenbank") an
der St. Peterstrasse etabliert und wird nun mit Zustimmung
der Gemeinde (6. Juni 1915) den Platz in den Stadthausanlagen
erhalten, den man seinerzeit dem Kunsthaus versagte. Schon diese
Entwicklung des Bankwesens in Verbindung mit der blühenden
Industrie zeigt die Bedeutung des Platzes Zürich im schweize-
rischen Wirtschaftsleben und erklärt auch seine Vorortsstellung
in den grossen Organisationen der Kaufleute und Industriellen.
An der Spitze des Schweizerischen Handels- und Industrie -Vereins
steht seit dem Hinschied des unvergesslichen Cramer-Frey der viel-
verdiente Präsident Hans Wunderly- von Muralt, ihm zur Seite
der Vizepräsident Dr. Alfred Frey und der I. Sekretär Dr. Hans
Schuler. Die Kaufmännische Gesellschaft Zürich und Zürcher
Handelskammer ist Vorortssektion des Schweizerischen Handels-
und Industrie-Vereins, hat aber ihren eigenen Vorstand mit
H. Wunderly -von Muralt als Präsident, John Syz als Vizepräsi-
dent, Oberst Emil Richard und Hermann Meyer als Sekretären.
Das Versicherungswesen hat sich mit Vorliebe in der Gegend des
Sees angesiedelt. Die Unfall- und HaftpfHchtversicherungsgesell-
schaft ,, Zürich" bezog ihren Palast am Mythenquai 1900. Im
Jahre vorher war die Schweizerische Lebensversicherungs- und
Rentenanstalt in ihrem Neubau am Alfred Escher-Platz einge-
zogen; weit über ihren Geschäftskreis hinaus erfreut sie sich eines
bedeutenden Rufes dank namentlich den hochangesehenen Namen
ihrer Leiter Direktor Dr. Gottfried Schaertlin (seit 1894), dem
vom Erziehungsrat auch ein Lehrauftrag für Versicherungswesen
an der Universität erteilt wurde, und Ständerat Dr. Paul Usteri
(bis 1912). An der Gotthardstrasse residiert seit Februar 1914 die
Allgemeine Versicherungs-Aktiengesellschaft ,, Schweiz" im ehe-
maligen Gebäude der Schweiz. Rückversicherungsgesellschaft, die
im Herbst 1913 ihren kolossalen Neubau unterhalb des ,,Belvoir"
bezogen hat. Es kann nicht unsere Aufgabe sein, auch der zürche-
rischen Grossindustrie noch näher zu treten, aber zwei Namen
sollen immerhin genannt sein: Escher Wyss & Co., die im De-
zember 1894 ihre neuen ausgedehnten EtabUssemente im Hard
bezogen, und die ,, Zürcherische Papierfabrik an der Sihl", deren
Ursprung weit ins 15. Jahrhundert hinaufreicht. Ihr früherer
39» XLIII. I^APITEL: DAS STADTBILD 1914 o
Sitz (bis 1890) war das „Papierwerd" ander Bahnhof brücke, wo
nun das Warenhaus „Globus" etabhert ist.
An der untern Rämistrasse ist in den Jahren 1909/1910 einer
der ältesten Stadtteile abgetragen worden, um dem modernen
Block der Denzlerhäuser Platz zu machen. Mit ihm verschwand
der letzte Rest des alten ,, Grabens", durch den Hans Waldmann
am 6. April 1489 zum Hochgericht geführt wurde. — Über der
alten Tonhalle ist längst Gras gewachsen, und hie und da konnte
man dort den Anblick einer weidenden Schafherde inmitten der
Grosstadt gemessen. Das Gebäude war am 8. Mai 1896 auf Ab-
bruch versteigert worden. — Grossartige Privatbauten sind ums
Jahr 1893 am Alpenquai entstanden: das ,,Rote Schloss" und
das ,, Weisse Schloss", dazwischen (1900) das Palais des Seiden-
fabrikanten und Kunstmäzens G. Henneberg mit Kunstgalerie,
die aber schon 1903 wieder aufgehoben wurde. — Im Anfang einer
Reihe neuer Brücken steht die Dreikönigsbrücke über den Schanzen-
graben (1897). Am Abend des 27. September 1898 wurde die Wip-
kinger Eisenbahnbrücke ausgewechselt. Man hess um 10^4 Uhr
noch den letzten Winterthurer Zug passieren; um 11 Uhr 5 Mi-
nuten ertönte das Kommando : ,, Achtung ! — Fertig ! — Vorwärts !"
Langsam und lautlos schob sich die alte Brücke zur Seite, und eine
Stunde später war die neue Brücke an ihrem Platz. — Am 15. De-
zember 1899 wurde die Stauffacherbrücke eröffnet. — Wipkingen
feierte am 17. Juli 1901 die Einweihung seiner neuen Strassen-
brücke. — Sihlbrücke (1903), Utobrücke (1906) und Zollbrücke
(1907) wurden durch breitere Sihlübergänge ersetzt, und während
des Baues der letzteren hatte die Strassenbahn auf einem Notsteg
den Fluss zu passieren. — Neuesten Datums ist die Walchebrücke
(eröffnet Ende Juni 1913). Sie ist erstellt worden von Eduard
und Fritz Locher, deren Väter, die Erbauer des Simplontunnels,
die Rathausbrücke umgebaut haben, und deren Grossvater die
Münsterbrücke erstellte. Der Bau der Walchebrücke steht im Zu-
sammenhang mit der Entstehung eines neuen Quartiers auf dem
Areal der alten ,, Neumühle", für welchen Zweck sich 1903 die
,, Baugenossenschaft Stampfenbach" konstituierte. Der erste ge-
waltige Häuserblock, das Kaspar Escher-Haus (i. Oktober 191 1
.?5
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o XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 19 14 399
bezogen) erinnert in seinem Namen an den Gründer der ,,Neu-
miihle"; ein zweiter Block, das „Neumühlescliloss", steht an der
Stelle der alten Fabriketablissemente, welche — bereits verlassen —
am 28. Dezember 1904 ein Raub der Flammen wurden. Die beiden
Quais zwischen Bahnhofbrücke und Walchebrücke sind 1912 ver-
breitert worden. — Die Durchführung der Weinbergstrasse nach
dem Hirschengraben erfolgte bereits Ende der 90er Jahre. — In
ungeahnter Weise entwickelte sich die Kinematographenindustrie,
und in allen Stadtteilen wuchsen die Kinotheater vv4e Pilze aus
dem Boden, seitdem am 6. November 1896 in der Tonhalle zum
erstenmal einem grössern Publikum das moderne Wunder des
IvUmiereschen Kinematographen vorgeführt worden war.
Die ,,Neue Zürcher Zeitung" hat am i. Januar 1894 ihren
eigenen Neubau an der Goethestrasse eröffnet und ihre bisherige
Residenz ,, Wellenberg" an der Brunngasse aufgegeben; am 30. Ok-
tober 1909 ist der Betrieb auf den anstossenden Neubau aus-
gedehnt worden. — 1893 entstand in Zürich unter der Firma Gi-
rardet, Walz & Cie. ein neues, grosses Zeitungsunternehmen nach
dem Vorbild der deutschen parteilosen ,, General- Anzeiger" : der
,,Tages-Anzeiger für Stadt und Kanton Zürich", dessen Druckerei-
gebäude am Stauffacherquai mit einer spätem Filiale am Parade-
platz errichtet wurde. — 1896 kaufte der Grütliverein für seine
Druckerei und Buchhandlung eine grosse Liegenschaft an der obern
Kirchgasse. — Das ,, Volksrecht", das zuerst an der Waldmann-
strasse wohnte, bezog Ende März 1906 seinen Neubau an der
Stauffacherstrasse, in der Nachbarschaft des kurz vorher eröffneten
Versammlungs- und Volkstheaterlokals ,, Stadthalle". — Die
,, Züricher Post" ist seit 1915 in ihrem neuen Heim an der Peter-
strasse komfortabel eingerichtet; sie befindet sich dort in guter
Gesellschaft und hat auf der einen Seite die Nationalbank, auf der
andern das Familienhotel ,, Augustinerhof" (1898 eröffnet an Stelle
des verkauften ,, Widder"), gegenüber aber den ,, Leuenhof". —
Das ,, Tagblatt der Stadt Zürich" eröffnete am 6. April 1911 seine
Filiale am Paradeplatz, im April 1913 sein grosses Filialgebäude
an der Badenerstrasse/Stauffacherstrasse. Am 15. März 1913 hat
das Berichthaus zum erstenmal ein 70-seitiges Tagblatt gedruckt,
nachdem eine neue Zwillings-Rotationsmaschine aufgestellt worden
war, welche 64 Seiten auf einmal druckt und falzt. Durch den An-
400 XLIII. KAPITEL: DAS STADTBILD 1914 o
kauf und Umbau des benachbarten Hauses „zur Winde" am
Blaue Fahnen-Durchgang hat die Druckerei 1914/15 eine neue
bedeutende Erweiterung erfahren.
Zu dem im I. Band (S. 56) erwähnten Pestalozzidenkmal
(26. Oktober 1899) sei hier noch nachgetragen, dass es seine Ent-
stehung hauptsächlich dem Philanthropen Caspar Appenzeller
(t 10. Februar 1900) verdankte. — Den hundertjährigen Gedenktag
der Schlachten bei Zürich beging man 1899 mit der Errichtung
eines einfachen Denksteins auf dem Zürichberg. — Von dem
Harmonie-Veteranen Konrad Gachnang angeregt, unternahm es
der Sängerverein Harmonie, den Schöpfern des Schweizerpsalms
,, Trittst im Morgenrot daher", Leonhard Widmer und Alberik
Zwyssig, ein Denkmal zu errichten, das von Bildhauer Franz
Wanger ausgeführt wurde. Der Stadtrat überliess für die Auf-
stellung des Denkmals einen idealen Platz in den Anlagen des
Zürichhorns, wo es am 26. Juni 1910 enthüllt wurde. — Stadt-
baumeister Arnold Geiser (f 23. Dezember 1909) bestimmte
testamentarisch eine Summe für ein Denkmal zur Verschönerung
der Stadt; die Ausführung wurde Bildhauer Brühlmann und
Architekt Freitag übertragen und der ,, Geiser-Brunnen" mit dem
gebändigten Stier bei den Stadthausanlagen am 20. Oktober 1911
von der Stadt übernommen.
Für die weittragenden kleinkaUbrigen Geschosse der Neuzeit
war der Schiessplatz im Sihlölzli längst nicht mehr geeignet. Die
Gemeinde bewilligte am 9. Juni 1895 den Kredit für die Anlage
eines neuen Schiessplatzes mit Schützenhaus im Albisgüth, und
dort ist am 12. Juni 1898 zum erstenmal ein kantonales Schützen-
fest eröffnet worden. Die Stadtschützengesellschaft feierte am
12. Juni 1904 im Albisgütli ihr 400J ähriges Jubiläum. — Mit der
Stadtvereinigung sind die Anlagen am Zürichhorn in den Besitz
der Stadt übergegangen; sie wurden weiter ausgestaltet und am
I. April 1893 das ,, Stadtkasino Zürichhorn" bezogen. — Ein
anderes Kasino, in Unterstrass, erstellten private Unternehmer
1896 auf dem Areal des alten St. Moritz- Kirchleins und der Ver-
sorgungsanstalt Spann weid, deren letzte Insassen am 16. Januar
1894 nach Wülflingen übergesiedelt waren. — Am 14. Dezember
1907 kaufte der Grosse Stadtrat das aussichtsreiche Waidgut am
Käferberg. — An den Hängen des Zürichbergs hat die Tatkraft
o XLIII. KAPITEI.: DAS STADTBII.D 1914 401
und das Geschick des Baumeisters Albert Grether das schöne Rigi-
viertel geschaffen. Das erste Haus, Nr. 62 an der Rigistrasse, ist
1892 erbaut worden und stand nicht lange allein an der kahlen
Halde. Am 4. April 1901 wurde die Drahtseilbahn Rigiviertel,
284 m lang, eröffnet, am i. Juli 1901 das Restaurant ,,Rigiblick"
bezogen. — Die Gemeinde bewilHgte am 7. Februar 1897 einen
Kredit von 750,000 Fr. für den Ankauf der Liegenschaft ,, Sonnen-
berg" mit der guten alten Gastwirtschaft. — Das Dolderquartier
ist von J. Hürlimann zum ,, Pfauen" erschlossen worden und hat
sich im Laufe der Jahre mit Villen bedeckt. Die grosszügige
Unternehmung HürUmanns umfasste die Dolderbahn (mit 799 m
langem Drahtseil), die am 12. JuH 1895 eröffnet wurde, das im
gleichen Jahr im Oberländer Chaletstil erbaute Restaurant ,, Wald-
haus Dolder", den durch umsichtige Käufe prächtig arrondierten
Dolderpark (27. Juni 1897) und endlich das vornehme, in stolzer,
einsamer Waldesruhe thronende Grand Hotel Dolder, das am
Auffahrtstage 1899 zum Empfang der ersten Gäste bereit stand.
So sind wir denn, nach langer Wanderung durch die lieben
alten Gassen und die Staunen erregenden neuen Quartiere wieder
auf der Höhe angelangt und schauen noch einmal zurück auf die
Stadt, die alles umschliesst, was ihren Bürgern teuer ist, dieses
grosse und schöne Zürich, das immer wieder seine Besucher ent-
zückt. Ihm hat — am 23. August 1905 im Ehrenbuch des Dolder-
hotels — Ernst v. Wildenbruch die warmherzigen Worte gewidmet :
Du flutende Limmat, hell leuchtender See,
Ihr ewigen Berge im ewigen Schnee,
Ihr Strassen, ihr Plätze, vom Leben durchwühlt.
Von Bäumen durchrauscht und von Gärten gekühlt.
Am Abhang du Haus, wo die Weisheit ertönt.
Und du, wo Barmherzigkeit Leiden versöhnt.
Du über der Neuzeit laut treibendem Strom
Zweitürmig aufragend, altheihger Dom.
Ihr Gassen, ihr Gässchen, die kreuz tmd die quer,
Auf der Brunnensäule, in mannhcher Wehr,
Du Stüssi, das Banner der Stadt in der Hand,
Das sie heute noch bindet, wie einst sie es band,
Das heute lebendig, das gestern nicht tot,
Freiheit das Leben, das beide durchloht.
Um den Nacken geschmiegt deiner Mutter, der Schweiz,
Wie ein Perlengehänge voll Anmut und Reiz.
O Zürich, du bürgergewaltige Stadt,
Mein Herz sieht und Auge an dir sich nicht satt.
Lass uns tauschen die Hand — ich bin dein, sei du mein —
Und Eidgenossen in Freundschaft uns sein!
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VIERUNDVIERZIGSTES KAPITEL
STADTPRÄSIDENT BILLETER
Seit dem 22. August 1909 steht an der Spitze der Stadtverwal-
tung Zürichs Stadtpräsident Robert Billeter. Er ist geboren
am 24. September 1857 ^^ Görz (Österreich). Sein Vater, von
Männedorf stammend, war einer der ersten Pioniere der schweize-
rischen Baumwollindustrie in Oberitalien. Ein Jahr nach der Ge-
burt Robert Billeters Hessen sich die Eltern in Cremona nieder,
wo der Vater die lycitung einer Baumwollspinnerei übernommen
hatte. Im Jahre 1865 musste die Familie in die Schweiz zurück-
kehren wegen schwerer Erkrankung des Vaters, der bald starb.
Die Witwe Hess sich in Zürich nieder und schlug sich mit geringen
Mitteln tapfer durch bis zu ihrer zweiten VereheHchung mit Philipp
Birchmeier, der unter dem Einfluss Alfred Eschers die aargauische
Richterlaufbahn aufgegeben und sich dem Eisenbahndienst ge-
widmet hatte, in dem er rasch Karriere machte und dieselbe als
Direktionspräsident der Nordostbahn und Präsident der Kreis-
direktion III der Schweiz. Bundesbahnen abschloss. Billeter
widmete sich nach Abschluss des Besuchs der Sekundärschule und
der untern Industrieschule dem Bankfach, das ihn über zehn Jahre
festhielt. Dann trieb er staatswissenschaftHche, insbesondere volks-
wirtschaftHche Studien an der Zürcher Universität und am Poly-
technikum. Während dieser Studienjahre war Billeter mit Emil
Frey, dem damaligen Redaktor des Handelsteils der ,,N. Z. Z.",
bekannt geworden. Im Jahre 1886 wurde er sein Gehilfe und später
sein Nachfolger. Neigung und Interesse für öffentliche Angelegen-
heiten führten ihn frülie in die Leitung des Kaufmännischen Ver-
eins Zürich, dessen Präsident er mit nicht viel mehr als zwanzig
Jahren wurde.
Als am 21. August 1892 der Grosse Stadtrat für die ver-
einigte Stadt Zürich gewählt wurde, befand sich unter den Ge-
wählten auch Redaktor Robert Bületer. Schon vier Jahre später,
am 6. Dezember 1896, wurde er der Nachfolger des verstorbenen
1{oberi ^iffeier
Siadtpräsident
o XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER 403
Stadtrats August Koller und hatte als solcher das verwaiste
Steuerwesen zu übernehmen. Dem neuen Steuervorstand erschien
eine engere Fühlung des Amtes mit der Einwohnerschaft und eine
möglichst weitgehende Ersetzung des bureaukratisch-schriftHchen
Verkehrs durch den mündlichen als Notwendigkeit. Der Stadtrat
und der Grosse Stadtrat genehmigten eine wesentliche Verstärkung
des Personals und eine Verordnung über den Bezug der Gemeinde-
steuern, die jetzt noch in Kraft ist, und Billeter hatte die Genug-
tuung, beim Verlassen des Steuerwesens nach drei Jahren die Zahl
der Betreibungen für Staats- und Gemeindesteuern von 28,500
auf 9500 reduziert zu sehen. Ende 1899 folgte Billeter einem Ruf
zum Vizedirektor der Schweiz. Kreditanstalt, fand aber dort nicht
eine befriedigende, selbständige Tätigkeit, namentUch auch für
die ihm stets besonders am Herzen liegenden öffentlichen Inter-
essen, und trat deshalb nach zwei Jahren wieder zurück. Als er,
von seinen Parteifreunden dringend dazu aufgefordert und vom
Volk am 24. November 1901 gewählt, wieder in den Stadtrat ein-
trat, übertrug üim der Stadtrat das Finanzwesen. Als Finanzvor-
stand hatte er namentlich die umfangreichen und zeitraubenden
Vorarbeiten für die Einführung der städtischen Pensionskasse zu
leiten und war hervorragend beteiligt an den Unterhandlungen des
Stadtrates mit den kantonalen Behörden über die Errichtung einer
ZentralbibHothek und des Bezirksgebäudes, die Beteiligung der
Stadt an den Universitätsbauten, und an den Unterhandlungen mit
den Bmidesbahnen über die Verlegung der linksufrigen Zürichsee-
bahn. Ganz besonders beschäftigten aber den Finanzvorstand
die unbefriedigenden Bau- und Wohnungsverhältnisse. Der rasch
zunehmende Bedarf an Wohnungen für die Bevölkerung wurde
überwiegend von Spekulanten gedeckt, welche ganze Quartiere
auf lange Zeit hinaus mit hässlichen und schlechtgebauten Miets-
kasernen verunstalteten und die Mietpreise diktierten. Die Stadt
aber stiess stets auf Schwierigkeiten, wenn sie für ihre umfang-
reichen Bauten Käufe abschliessen sollte. Diese Beobachtungen
vmd Erfahrungen bestärkten Billeter in der Überzeugung, die
Stadt müsse durch ausgedehnten Grundbesitz für sich und die
Bevölkerung Einfluss auf diese Dinge gewinnen und eine gesunde
Wohnungspolitik auch durch Unterstützung gemeinnütziger Bau-
genossenschaften herbeizuführen suchen. Der Finanzvorstand
404 XUV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
trachtete deshalb danach, jede gute Gelegenheit zur Erwerbung
von Liegenschaften für die Stadt zu benutzen, iind so erwarben
denn in den Jahren 1902 — 1909 die politische und die Bürger-
gemeinde in 218 Käufen etwa 95 Hektaren Bau- und Kulturland
und nicht weniger als 288 Hektaren Wald. In dieser Zeit sind die
meisten Häuser am Obern und am Untern Mühlesteg, die Häuser
an der Mühlegasse und an der Preiergasse, die zur Verbreiterung
der erstem niedergelegt werden mussten, viele Liegenschaften im
Letten, das Waidgut, die das Zürichhorn einschliessenden Güter
(auch das des Malers Rudolf KoUer) und viel für vollendete und
künftige Schulliausbauten nötiges Land in den Besitz der Stadt
übergegangen. Mit besonderer Genugtuung aber darf man die
umfangreichen Walderwerbimgen begrüssen. Es wurden drei
grosse zusammenhängende Waldimgen gekauft: die der Korpo-
ration Wiedikon im Döltschi und am Ütliberg, die der Korporation
Wipkingen am Käferberg und insbesondere der herrliche Wald-
besitz der Korporation Hirslanderberg. Die Stadt besitzt damit
weitaus den grössten Teil des sie umkränzenden Waldes, ein
Eigentum, das je länger je mehr an Wert und Bedeutung gewinnt.
In der Zeit von Billeters Finanzverwaltung hat die Stadt auf
einem ihr gehörenden Grmidstück im Industriequartier eine
grössere Anzahl von Wohnhäusern gebaut tmd die Überbauung
des Riedtliareals vorbereitet. Daneben fasste man, wie erwähnt,
die Unterstützung von Baugenossenschaften ins Auge, und der
Grosse Stadtrat erliess zu diesem Zweck besondere Bestimmimgen.
Billeter trat selbst an die Spitze der Gartenstadtgenossenschaft, die
in den letzten Jahren eine hübsche Gruppe billiger Einfamilien-
häuser an der Seminarstrasse und eine schöne, vorbildliche Wohn-
kolonie an der Witikoner- und der Kapfstrasse erbaut hat.
Ohne Opposition von irgend einer Seite rückte Robert Billeter
nach dem Tode von Hans Pestalozzi zum Stadtpräsidenten vor
(August 1909). Die vorangegangenen und noch folgenden Aufzeich-
nungen zeigen zur Genüge, in welcher wichtigen Periode bauhcher
Entwicklung, poHtischer und administrativer Umgestaltungen
Robert Billeter das verantwortungsvolle Amt des Stadtpräsidenten
zu versehen hat. Von ihm persönlich sei an dieser Stelle nur noch
erwähnt seine Mitghedschaft im Venvaltungsrat des Stadttheaters,
für dessen Bestehen und Gedeihen er sehr viel Zeit und Arbeit
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Stcidiräte
o XI,IV. KAPITEL,: STADTPRÄSIDENT BIIvI^ETER 405
aufgewendet hat, die Mitgliedschaft im Kantonsrat (mit einer
kurzen Unterbrechung seit 1899), wo er an der Spitze der wich-
tigen Kommission für das neue Steuergesetz steht (Kantonsrats-
präsident 1910/11), die MitgHedschaft im Nationalrat (seit 1911),
in der Landesmuseumskommission, im Kreiseisenbahnrat III und
im Verwaltungsrat der Bundesbahnen.
Bald nach dem Amtsantritt des Stadtpräsidenten Billeter
sah Zürich eine internationale sportliche Veranstaltung grössten
Stils: das Gordon Bennett- Wettf hegen für Freiballons vom i. bis
3. Oktober 1909, das wegen seiner mustergültig durchgeführten
Organisation, der Bewältigung eines nie dagewesenen Riesenver-
kehrs, der Haltung und Diszipün einer ungeheuren Volksmenge
ein Ereignis genannt zu werden verdient. Schwerlich wird uns
je wieder ein solcher Anblick zuteil werden, wie ihn der Korb- und
Startplatz bei der Gasfabrik Schlieren bot, wo die zwei Dutzend
Ballons, in Reihen ausgerichtet, gefüllt wurden und von der un-
ermüdlichen Konstanzer Regimentsmusik mit der Nationalliymne
der jeweiligen Insassen begleitet, in die lyüfte stiegen und in necki-
schem Versteckensspiel zwischen jagendem Gewölk allmähHch
im nordöstlichen Horizont sich verloren. Noch bedeutsamer wurde
die Veranstaltung durch den erstmaligen Aufstieg eines lenkbaren
Luftschiffes, des ,,Parseval IV", von Schweizerboden aus am Sonn-
tag Vormittag den 3. Oktober 1909. In Begleitung unseres Ge-
neralstabschef Th. V. Sprecher, Bundesrat Forrer, Regierungsrat
Dr. Haab, Oberst Schaeck, Major Messner und anderer Offiziere
machte Major von Parseval mit seinem Luftschiff nacheinander
vier Fahrten über die Stadt von Schlieren aus. Am 30. September
1910 besuchte uns, in stolzem Flug über den Albis nahend und
glücklich auf der Wollishofer Ahmend niedersteigend, das Luft-
schiff ,, Stadt Luzern", und am 22. September 1912 beobachteten
wir den Parseval VI auf seinem Fluge Luzern — Dübendorf und
zurück. Am 20. Juli 1911 überflog der Zeppelin ,, Schwaben"
die Stadt Zürich. Beide Zeppehne, die Zürich besucht haben, sind
kurz nachher in Flammen aufgegangen, ,,Z. 2" am 5. August 1908
in Echterdingen, ,, Schwaben" am 28. Juni 1912 in Düsseldorf.
Das wundersame Schauspiel des auf einem Apparat ,, schwerer
als Luft" im Äther sich tummelnden Menschen bot sich den Be-
wohnern Zürichs an dem unvergesslichen ersten Schaufliegen von
4o6 XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
Dübendorf am 22. bis 26. Oktober 1910, wo Legagneux auf seiner
Libelle durch die unbeschreibliche Kühnlieit und Grazie seiner
Evolutionen die Zuschauer mit Bewunderung und Entzücken er-
füllte.
Wassernot in selten erlebtem Grade brachte der 15. Juni 1910
über den Kanton Zürich und einen grossen Teil der Schweiz. Sie
wurde für die Stadt zur Kalamität, als infolge Überschwemmung
des Gaswerks Schlieren dessen Betrieb eingestellt werden musste.
Im Industriequartier standen mehrere Fabriken still, die Bahn-
brücke über die Silil beim Bahnhof musste von Militär und Feuer-
wehr bewacht werden, den ganzen Tag kam in Zürich kein Zug
von der Gotthardbahn an. — Am 26. Oktober 1910, kurz nach
seinem Rücktritt, starb in Zürich der Chirurg Prof. Dr. R. U. Krön-
lein (geb. 1847 in Stein a. Rh.), der seit 1881 den chirurgischen Lehr-
stuhl an der Universität inne hatte. Er vermachte 300,000 Fr.
für die Errichtung eines Kinderpavillons beim Kantonsspital. — ■
Ein ,,Kinderhilfstag", der durch den Strassenverkauf künstlicher
Blumen und allerlei festliche Veranstaltungen eine sehr beträcht-
liche Summe eintrug, hat zum erstenmal — hauptsächlich durch
die Schriftstellerin Else Spiller angeregt und organisiert — ■ am
13. Mai 1911 stattgefunden. — Mehr Schrecken als Schaden hat
das Erdbeben vom 16. November 1911 verursacht, eine Erschütte-
rung, wie sie in dieser Stärke seit Jahrzehnten in Zürich nicht
mehr verspürt worden war.
Einem wiederholt geäusserten Wunsche des Kaisers Wilhelm II.,
einmal den Manövern der schweizerischen Milizarmee beiwohnen
zu können, ist der Bundesrat durch eine förmliche Einladung zu
den Herbstmanövern 1912 entgegengekommen, die dann auch
gerne angenommen wurde. Das verschaffte der Stadt Zürich das
Vergnügen einiger belebter ,, Kaisertage". Als Absteigequartier
diente dem Kaiser die von Frau Rieter-Bodmer angebotene ,, Villa
Rietberg" in Enge. Die Stadt war zu seinem Empfang beflaggt.
Am Dienstag den 3. September 1912, nachmittags 5 Uhr 22 fuhr
der kaiserHche Hofzug in der Bahnhofhalle ein. Er hielt am ersten
Perron, ausserhalb des eigentlichen Empfangsgebäudes, wo eine
via triumphalis von Flaggenstangen durch einen kleinen Vorgarten
nach dem auf den Bahnliof platz sich öffnenden Pf Örtchen im Gitter
führte. Die am Perron aufgestellte ,, Stadtmusik Zürich" begrüsste
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o XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER 407
den Kaiserzug mit der deutschen Nationalhymne, die mit der uns-
rigen die Melodie gemein hat. Dem Zug entstiegen zuerst einige
hohe Offiziere, dann kam der Kaiser, elastischen Schrittes, lebhaft,
beweglich; in seiner Gardeschützenuniform sah er fast aus wie
ein Schweizer Oberst. Er ging sogleich auf den Bundespräsidenten
Forrer zu und schüttelte ilim lange und kräftig die Hand. Dann
folgte die übliche gegenseitige Vorstellung: zuerst stellte der Bun-
despräsident dem Kaiser unsere Repräsentanten vor, und man
bemerkte, wie sich der Kaiser mit besonderer FreundHchkeit
und EinlässUchkeit mit unserm Stadtpräsidenten unterhielt und
damit auch der Stadt Zürich seine spezielle Aufmerksamkeit er-
weisen wollte. Dann kam die Vorstellung des kaiserlichen Ge-
folges durch den Kaiser, worauf der hohe Gast durch den Vor-
garten auf den Bahnliof platz hinausschritt, wo ihn alsbald ein
lautes Hoch der versammelten Menge begrüsste. Die 3. Kompagnie
des von Major Ulrich Wille befehHgten Schützenbataillons Nr. 6
stand in flotter, strammer Haltung bereit und wurde vom Kaiser
abgeschritten, während die Bataillonsmusik den Fahnenmarsch
spielte. Nun fuhren die Wagen vor. Im ersten nahmen Regie-
rungspräsident Nägeli und Stadtpräsident Billeter mit Sekretär
Dinichert vom Politischen Departement in Bern Platz, im zweiten
der Kaiser und Bundespräsident Forrer. Dem kaiserlichen Wagen
folgte unmittelbar Bundesrat Hoffmann mit dem deutschen Ge-
sandten V. Bülow in Bern, dann Bundesrat Motta mit dem General-
obersten V. Blessen, im fünften Wagen der bekannte fürstliche
Bierbrauereibesitzer und Freund des Kaisers, Fürst v. Fürstenberg,
mit Oberst v. Sprecher. Dann interessierten noch in den folgenden
Wagen die Herren Oberhof marschall v. Eulenburg, Generalstabs-
chef V. Moltke, General v. Huene usw. Über den ihm von der Be-
völkerung zuteil gewordenen Empfang hat sich der Kaiser dem
Stadtpräsidenten gegenüber wiederholt sehr erfreut und dankbar
ausgesprochen.
Im Hotel Baur au lac fand abends um halb acht Uhr ein in-
times Diner ohne offizielle Reden statt. Der Bundespräsident
und die übrigen Herren, die den Kaiser nach der Villa Rietberg
begleitet hatten, auf welcher die Kaiserstandarte gehisst war,
kamen bald nacheinander von dort zurück; auch Oberstkorps-
kommandant Wille traf im Automobil vom Manöverfeld ein. Der
4o8 XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
Kaiser fulir ebenfalls im Automobil zum Hotel. Beim Diner
herrschte ein ungemein familiärer und heiterer Ton. Die runde
Riesentafel war aufs prachtvollste geschmückt. Nach dem Essen
begab man sich in den sogenannten Wintergarten, wo der schwarze
Kaffee und Zigarren serviert wurden. Unterdessen waren im Gar-
ten etwa 380 Sänger von Männerchor und Harmonie mit den
Dirigenten Andreae und Fassbaender aufgerückt, und der Kaiser
kam mit dem Bundespräsidenten und den übrigen Herren her-
aus vor den Eingang, um den Gesängen zu lauschen. Die Sänger,
abwechselnd von den beiden Direktoren geleitet, trugen zuerst den
Schweizerpsalm vor, dann das Exaudi Dens von Gabrieli und
Hegars ,, Muttersprache, Mutterlaut". Besonderes Gefallen fand der
Kaiser, der das hübsch ausgestattete Programm in der Hand hatte,
an unserm ,,Luegit vo Bergen und Tal" und dem urkräftigen
Schlusschor von Attenhofer: ,,Das weisse Kreuz im roten Feld".
Stadtpräsident Billeter, welcher an diesem Abend hauptsächlich
um den Kaiser war und gleichsam den Hausherrn zu markieren
hatte, was er in einer der Stadt würdigen und feinen Weise zu tun
verstand, stellte dem Kaiser nach dem Ständchen die Herren Diri-
genten imd dann auch die Vereinspräsidenten Lincke jun. und
Thomann vor, mit denen sich der Kaiser besonders eingehend und
lange unterhielt. Zu all diesen Vorgängen bildeten die Uniformen
der deutschen und Schweizer Offiziere, die hinter dem Kaiser
standen, eine wirkungsvolle Staffage. Es schien dem Kaiser ge-
mütlich zu sein im Kreise seiner Gastgeber, denn er gab erst ge-
raume Zeit nach der programmässigen Stunde das Zeichen zum
Aufbruch. Ein dreifaches Hoch begleitete den Ehrengast der Eid-
genossenschaft zum Portal hinaus, und vom Alpenquai her hörte
man, dass auch dort noch Leute mit einem Hoch dem Kaiser den
Gutenachtgruss boten.
Mittwoch den 4. September begab sich der Kaiser schon in
aller Frühe ins Manövergebiet. Abends war in Zürich Seenachtfest.
Schon um 7 Uhr begann die Uferbeleuchtung allmählich einzu-
setzen und sie verwandelte nach und nach unser Seebecken in ein
Feenreich von Glanz und Pracht. Das Kaiserschiff, die ,, Stadt
Zürich", hielt drüben im Hafen von Enge, dicht neben dem Löwen
auf dem Damm; es war im weiten Umkreis kenntlich an dem
hohen, strahlenden Lichterkreuz, das auf seinem Vorderdeck empor-
o XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER 409
ragte, und es machte einen ganz eigenartigen Eindruck, als dieses
Kreuz langsam und majestätisch in die dunklen Fluten des Sees
hinausfulir, stets dicht im Kielwasser gefolgt von einem blitzenden
und funkelnden elektrischen Boot und dann von einigen grössern
Dampfern, dem über und über mit lyampions behangenen ,,IyUk-
manier" mit den deutschen Kriegervereinen an Bord, der ,,Hel-
vetia", ebenfalls dicht besetzt, und dem Presseschiff ,,Wädenswir',
Am Ufer begannen die Böllerschüsse zu krachen, Schulhäuser,
Kirchen, Villen, Fabriken in bengalischem Licht aufzuleuchten;
Raketen stiegen und riesige leuchtende Fontänen. Thalwil brannte
ein splendides Feuerv/erk ab. Reizend war die Kirche mit den
roten Lichtern am Turm und dem strahlenden Rund der promi-
nenten Terrasse, und immer neue überraschende Effekte entfalte-
ten die herrlichen Uferlinien, bis dann das Kaiserschiff auf der
Höhe von Horgen wendete und sein hohes Kreuz dem rechten See-
ufer zukehrte, woher ihm schon das Kirchlein von Herrliberg in
magischem Glanz entgegenstrahlte. Und dasselbe zauberhafte
Schauspiel bot nun auf der Rückfahrt das Gelände von Küsnacht,
Erlenbach, Zollikon. Unterdessen war auf dem Kaiserschiff die
lebhafteste Unterhaltung im Gange. Der Kaiser hatte seine Auf-
merksamkeit zu teilen zwischen den wechselnden Bildern der Ufer-
beleuchtung, die ihm manchen Ausruf der Bewunderung ent-
lockten, und den Herren, die er in die Unterhaltung zog oder die
ihm vorgestellt zu werden wünschten. Es waren viele Leute auf
das Kaiserschiff geladen worden, Kantonsräte, Nationalräte, Be-
zirks- und andere Behörden; alle wurden freundlich vom Kaiser
begrüsst und mit ein paar Worten erfreut. Zur Unterhaltung der
Gäste des Kaiserschiffes trugen auch die Musik des Schützen-
bataillons 6 mit ihren flottesten Weisen und das Jodlersextett der
Alten Sektion das ihrige bei. Nun war man auch wieder in Zürich
angelangt; der Anblick der Stadt in ihrem Lichtermeer und den
durch die Illumination besonders herausgehobenen schönen Linien
und Formen lässt sich schlechterdings nicht beschreiben. Die
dunkle Seefläche aber bedeckte ein unzählbares Gewimmel von
Booten, alle mit roten Lampions. Da und dort tauchte aus dem
venetianischen Gondelkorso ein ■ besonders reich ausgestattetes
Boot hervor, so namentlich eines, dessen Flammenlinien die Um-
risse der Burg Hohenzollern zeigten. Es war ein fröhliches, buntes
4IO XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
Treiben auf dem See, und mitten drinnen in dem Lampiongewim-
mel, auf dem Schiff mit dem Kreuz, stand eine kaiserliche Majestät,
der Fürst der grössten Militärmacht der Welt! Es war doch ein
seltsamer Gedanke und für Zürich etwas absolut Neues, das auch
schwerUch so wiederkehren wird. Zum Schluss des wundervollen
Abends prasselte noch ein gewaltiges Feuerwerk los. Von sechs
Booten, die im See verankert lagen, stiegen ununterbrochen die
Raketen zu Dutzenden empor, Leuchtkugeln spielten in allen Far-
ben, feurige Riesenbuketts machten die Nacht zum Tage und ein
Glut- und Funkenregen ergoss sich über die ganze Umgebung.
Ein pyrotechnisches Schauspiel von unerhörter Lebhaftigkeit und
Intensität hielt ein ganzes Volk in Spannung und Staunen und rief
mit dem Bombardement von 3000 Raketen auf einmal ein don-
nerndes Echo an den Ufern wach. Ringsum erschallte nun der
laute Jubel, von den Gondeln stiegen die Hochrufe zum Kaiser-
schiff empor. Bald legte es am Hafen von Enge wieder an; unter
den Klängen der ,, Wacht am Rhein" verliess der Kaiser das Schiff
und fulir zwischen Spaheren von Fackeln zur Villa Rietberg hinauf.
Am Donnerstag früh begab sich der Kaiser von Wil weg, wo
er schon um halb 6 Uhr ankam, nach den Höhen des Ölbergs und
verfolgte dort von verschiedenen günstig gelegenen Punkten aus
den Gang des Manövers mit andauernder Aufmerksamkeit. Volle
anderthalb Stunden sah man ihn in einer kleinen Lichtung am
Waldrand am gleichen Flecke stehen, umgeben von seinen hohen
Offizieren und dem ganzen Armeekorpsstab. Es war dies die Höhe
des Burgstall, zu dessen Füssen der Wilberger reift und von dessen
Ruhebank der Blick an schönen Abenden über Schloss Sonnen-
berg hinweg bis zu den blauen Bergkegeln des Hegaus schweift.
Heute bot diese dichtbewaldete Kuppe dem deutschen Kaiser
Schutz und Schirm, zugleich aber auch freien Ausblick über die-
jenige Seite des Kampf feldes, auf der die Entscheidung fallen
sollte. In vSturm und Wetter an die äusserste Tanne gelehnt, —
das' kleine vorspringende Plateau fällt nach Norden in eine steile
Waldschlucht ab — Hess sich der oberste Kriegsherr der deutschen
Armee die Bewegungen, die sich zu seinen Füssen abspielten,
kaum einen Augenblick aus den Augen kommen. Zu den hübsche-
sten Episoden des Kaiserbesuchs aber gehörte der Lunch auf dem
Ölberg. In den Gemarkungen des Gutes Hofberg war ein langes,
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o XUV. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT BII^LETER 411
ringsum offenes Strome^^erzelt aus Konstanz aufgestellt worden,
dahinter ein kleineres Zelt für das Buffett. Nachdem von der
Höhe des Burgstall aus das Trompetensignal (Zapfenstreich) zum
Gefechtsabbruch gegeben worden war, kam der Kaiser mit seiner
Begleitung, immerfort lebhaft begrüsst, dem Waldrand ent-
lang zum Hofberg herüber. Inmitten der Wiese vor dem Zelt
machte er Halt und Hess sich dort eine Anzahl der fremden Offi-
ziere vorstellen. Die interessanteste Erscheinung unter diesen
war der französische General Pau, einer der ranghöchsten Truppen-
führer der französischen Republik. Der Kaiser gab dem General
die Hand; dieser musste die Linke reichen, denn die Rechte hat
er im Kampf gegen die Deutschen verloren. Der Kaiser war voll
Herzlichkeit und sagte, es werde ihn freuen, sich noch länger mit
ihm unterhalten zu können. Die Zuschauer hatten den Eindruck,
einem Vorgang von internationaler Bedeutung beizuwohnen (ach,
wie grausam wurden sie inzwischen enttäuscht!). Noch eine an-
dere Szene hat sie sichtlich bewegt. Im Automobil kam Oberst
Steinbuch, der Kommandant der 5. Division, bis hart an die Zelt-
wand gefahren. Oberst Steinbuch erlitt kurz vor den Manövern
einen komplizierten Beinbruch. Aber mit eiserner Energie setzte
er es durch, dennoch sein Kommando im Manöver zu führen —
und er hat es mit Glanz gefülirt von seinem Automobil aus! —
Eine Maschine eigener Erfindung musste ihm zur notwendigsten
Fortbewegung behilflich sein und ermöglichte es ihm auch, unter
der Beobachtung der nötigen Sorgfalt sein Gefährt zu verlassen.
Als dem Kaiser die Ankunft dieses Offiziers gemeldet wurde, sah
man ihn eilenden Schrittes, mit fliegendem Mantel herbeikommen
und längere Zeit am Automobil stehend sich mit Oberst Steinbuch
unterhalten.
Am Tische sprach dann der Kaiser am häufigsten mit seinem
Nachbarn zur lyinken, Bundesrat Hoffmann, dann wieder mit
seinem Vis-ä-vis, Minister Claparede, und häufig auch, vor dem
Bundespräsidenten vorbei, mit General Pau, der rechts von Herrn
Forrer sass. Der letztere, der schon zuvor die Annäherung zwischen
den beiden erleichtert hatte, zog sich nach einiger Zeit zurück,
um an andern Tischen Offiziere zu begrüssen und den Zwischen-
raum zwischen dem Kaiser und dem General frei zu machen.
Laute, lebhafte Unterhaltung, Lachen, Gläserklingen erfüllte
412 XUV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
das Zelt, man konnte sich in eine eidgenössische Festhütte versetzt
glauben. Der muntersten und lebhaftesten Tischgenossen einer
war der Kaiser selbst, den dieser Festhüttenlärm nicht im minde-
sten zu stören schien. Er war nur einer von den vielen an dem
Tische und sein Gewand bei weitem nicht das vürnehmste von
allen, so dass die Leute oft Mühe hatten, ihn herauszufinden.
Man kam und ging, gemütlich hinter ihm stehend, zündete ein
Herr im Zylinder — es waren ein paar Regierungsräte von Zürich,
Thurgau und St. Gallen da — seine Zigarre an und warf das Streich-
holz auf den Boden, ehe er einem guten Bekannten die Hand
schüttelte. Nachher wurde auf der Wiese wiederum Cercle gehalten
und die fremden Offiziere, die den Kaiser noch nicht gesprochen,
kamen einer um den andern, sich von ihm zu verabschieden. In
der Art des Kaisers, sich dabei zu geben, konnte man recht er-
hebliche Unterschiede und Nuancen beobachten. Der eine fand
ein freundliches Lächeln und warmen Händedruck, wo der andere
mit zwei Worten sich begnügen musste und mit einer lässigen
Handbewegung zum Mützenrand verabschiedet wurde. Die
Franzosen, die kleinen, gelben, sich tief verneigenden Japaner
in ihren niedrigen Deckelkappen, der schöne stattliche Buren-
general Beyers — seitdem auf der Flucht über den Vaalfluss als
Rebell erschossen — konnten sich über Mangel an Liebenswürdig-
keit nicht beklagen, und der englische Oberst, mit dem der Kaiser
längere Zeit englisch plauderte, brachte noch lange nachher den
Mimd nicht zusammen vor glücklichem Lachen über der ihm
widerfahrenen Huld. Dann kam wieder einer, von dem man
mehr oder weniger den Eindruck haben musste: der ist aber ab-
gebhtzt — kurzum, Wilhelm II., der ,,Charmeur" und fröhliche
Gesellschafter, kann auch sehr bald wieder die unnahbare Majestät
hervorkehren. Für die Schlachtenbummler aus Zürich aber, die
höfisches Wesen nur aus Büchern und Sechseläutenumzügen kann-
ten, war es im höchsten Grade interessant und unterhaltend,
nun plötzUch auf einer St. Galler Wiese ein Stück aus dem Leben
eines wirkHchen kaiserüchen Hofstaates sich abspielen zu sehen.
Auf dem Kaiserschiff am Seenachtfest hatte sich unser Ehren-
gast auch lange mit dem ihm schon von früher her bekannten
Landesmuseumsdirektor Dr. Lehmann unterhalten und ihm ver-
sprochen, wenn immer möglich noch dem Landesmuseum einen
o XWV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BIIvI^ETER 413
Besuch abzustatten. Am Freitag vormittag, vor der Abreise nach
Bern, löste der Kaiser dieses Versprechen ein und wurde im Landes-
museum ausser von Dr. Lehmann vom Präsidenten der Landes-
museumskommission, Vischer-Sarasin von Basel, und Stadtpräsi-
dent Billeter empfangen und durch die wichtigsten Räume ge-
führt. Dann begab er sich zu Fuss zum Bahnliof, den er durch
die Pforte an der Museumsstrasse betrat. Eine grosse Volksmenge
hatte sich angesammelt, um ihn zum Abschied nochmals zu sehen
und zu begrüssen. Auf dem Perron erwarteten den Kaiser Regie-
rungspräsident Nägeli und Justizdirektor Dr. Mousson. Vom Stadt-
präsidenten verabschiedete sich der Kaiser mit besonderer Herz-
lichkeit und trug ihm auf, der Bevölkerung Zürichs seinen wärm-
sten Dank auszusprechen für die so freundHche Aufnahme, welche
sie ihm bereitet hatte. Auch den Herren Regierungsräten gegen-
über sprach sich der Kaiser in ähnHchem Sinne aus. Am Coupe-
fenster des Hofzuges stehend, winkte der Kaiser den Major Wille
nochmals zu sich heran und machte ihm einige Hebenswürdige
KompUmente über die Haltung seines Bataillons. Drei Minuten
vor zwölf Uhr setzte sich der Zug geräuschlos in Bewegung. Der
Kaiser blieb salutierend am Fenster stehen, so lange noch ein
Hochruf ihn erreichte und ein Schwenken des Hutes seine Fahrt
begleitete. Der offizielle Besuch in Bern, der sich nun anschloss,
gab an Herzlichkeit den Zürcher Tagen nichts nach.
Neun Jahre nach dem verunglückten Versuch, das Zuteilungs-
gesetz zeitgemäss zu revidieren, nahm der Grosse Stadtrat mit
einer Initiative einen abermaligen Anlauf dazu, und diesmal mit
besserem Erfolg. Am 22. Dezember 1912 hat das Volk des Kantons
Zürich das neue Gemeindeorganisationsgesetz für die Hauptstadt
angenommen. Zürich, das im Oktober 1912 mit 201,420 Einwoh-
nern wirkliche Grosstadt geworden war, bedurfte vor allem einer
neuen Kreiseinteilung. Nur für das Schulwesen blieben die bis-
herigen Kreise I — V weiter bestehen. Für die Wahlen in den Kan-
tonsrat und Grossen Stadtrat aber wurden folgende acht Kreise
geschaffen, in denen die alten Gemeindenamen teilweise wieder
erstanden: i. Altstadt, 2. Enge (mit WolHshofen), 3. Wiedikon,
4. Aussersihl, 5. Industriequartier, 6. Unterstrass (mit Wipkingen
414 XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
und Oberstrass), 7. Hottingen (mit Fluntern), 8. Riesbach (mit
Hirslanden), wobei allerdings nicht überall die Kreisgrenzen sich
mit den alten Gemeindegrenzen decken. Der Stadt Zürich wurde
gestattet, für die Wahlen in den Grossen Stadtrat das proportio-
nale Wahlverfahren einzuführen. Sie hat davon mit der Annahme
der neuen Gemeindeordnung am 16. Februar 1913 sofort Gebrauch
gemacht und den Grossen Stadtrat am 13. April 1913 erstmals
nach ,, Proporz" gewählt (38 Freisinnige, 17 Demokraten, 9 Bürger-
verbandsvertreter, 8 Christlich-Soziale, welche Partei damit neu
in den Ratssaal einzog, 53 Sozialdemokraten). Ferner gestattete
das neue Gemeindeorganisationsgesetz die Wahl von Frauen in
die Zentralschulpflege und die Kreisschulpflegen und brachte
für das Rechnungswesen der Stadt einige Erleichterungen. Wich-
tige Errungenschaften eines wohl verstandenen GemeindesoziaHs-
mus sind die Pensionskasse für die städtischen Beamten, Ange-
stellten und Arbeiter (Gemeindeabstimmung vom 4. Mai 1913)
und die Einführung der Arbeitslosenversicherung (19. Juli 1914).
Den Höhepunkten im geistigen und kulturellen Leben des
Zürchervolkes darf der 18. April 1914 beigezählt werden. An die-
sem freud- und ehrenreichen Tage wurde an herrlicher Stätte das
neue Gebäude der Universität Zürich eingeweiht. Die Rektoren
der sechs übrigen schweizerischen Universitäten und der Eid-
genössischen Technischen Hochschule, die Vertreter von 20 deut-
schen Universitäten, sowie derjenigen von Paris, Innsbruck, Cam-
bridge und Oxford nahmen neben den eidgenössischen, kantonalen
und städtischen Behörden und zahlreichen andern Ehrengästen
an dem Feste teil, und manchem von den Fremden mag es ähnlich
ergangen sein wie David Friedrich Strauss, den Zürich einst von
sich gewiesen : Er kam — im Sommer 1871 — in aller Stille, schaute
vor dem Polytechnikum hinunter auf die Stadt und die grünen Ge-
lände, über den blauen See hinauf zu den weissgestirnten Bergen,
sah ,, Forst, Flur und Stromeslauf", und sprach nach langem
Schweigen: ,,Ich bin Monarchist von ganzer Seele; aber das muss
ich bekennen, nur die Republik kann auf einen solchen Punkt den
Palast für ihre hohe Schule stellen. Das ist gross. Wäre die
Schweiz eine Monarchie, hier stünde die fürstliche Residenz oder
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eine Kaserne." Über der Pforte, durch welche die Ehrengäste in
die neue Universität einzogen, steht in Stein gemeisselt die Schrift :
Durch den Willen des Volkes
1911 — 1914.
Unter der Obhut des Volkes entfaltete sich die Universität
Zürich zu reichster Blüte. Den besten EinbHck in ihre Entwick-
lung gibt die zur Weihe des neuen Hauses von Prof. Dr. Gerold
Me3^er von Knonau verfasste prachtvolle und inhaltsreiche Fest-
schrift. Den Neubau hatte die chronische Raumnot veranlasst,
die schon bald nach dem Bezug des ,, Universitätsflügels" des
Polytechnikums (1864) und in immer steigendem Masse sich gel-
tend gemacht. In den neunziger Jahren war es dann der Zoologe
Prof. Dr. Arnold I^ang (geb. 1855, f 30- Nov. 1914, bald nach
seinem Rücktritt), der mit einer Aufopferung und Hingabe ohne
Beispiel die Bemühungen für einen Neubau zum glückHchen Ziel
führte. Am 22. Sept. 1898 hatte der schweizerische Schulrat
im Auftrag des Bundesrates der zürcherischen Regierimg den
1860 zwischen Bund, Kanton und Stadt abgeschlossenen Vertrag
über die gemeinsamen naturhistorischen Sammlungen auf den
I. Januar 1900 gekündet, zugleich aber sich bereit erklärt zu Ver-
handlungen über einen neuen Teilungs- oder Aussonderungsvertrag.
Ein vorläufiger Entwurf, der als Grundlage zu weiteren jahre-
langen Unterhandlungen diente, kam 1900 zustande. Wie in diesen
zähen, langwierigen Unterhandlungen Recht und Gegenrecht aus-
einandergelesen, Zoll um Zoll verteidigt und schliesslich die gütliche
Abmachung in dem Aussonderungsvertrag vom 28. Dezember 1905
niedergelegt und unterzeichnet wurde, das zu erzählen, gäbe eine
lange und verwickelte Geschichte. Quintessenz derselben ist,
dass Zürich aller seiner Verpflichtungen gegen das Polytechnikum
los und ledig ist und am Ende noch ein artiges Aufgeld des Bundes
herausschaute, das zur Entlastung des Baubudgets der Universität
treffhch diente. Nachdem die Frage des Aussonderungsvertrages
erledigt war, bestellte der akademische Senat eine Baukommission
mit Professor Arnold Lang als Präsidenten, welche am 12. Mai 1906
ihren Bericht erstattete. Auch der Regierungsrat setzte eine neue
Baukommission ein, die zu dem Beschluss kam, eine Ideenkon-
kurrenz zur Erlangung von Projekten auszuschreiben. In dieser
4i6 XLIV. KAPITEI.: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
Ideenkonkurrenz siegte (1907) die Architektenfirma Curjel & Moser
in Karlsrulie und St. Gallen, und als Schöpfer des preisgekrönten
Projektes ist speziell zu betrachten Professor Dr. Karl Moser. Das
Universitätsprojekt erforderte eine Kreditsumme von 6 Millionen
oder nach Abzug der Barbeiträge von Stadt und Bund netto 2^
Millionen. Die Stadt Zürich bewilligte ihren Anteil von 114 Mil-
lionen am 15. März 1908. Dann galt es, auch das Land zu gewinnen
für die grosse Abstimmung vom 26. April 1908. ,, Damals stiegen
die Professoren von ihrer Höhe zum einfachen Mann herunter und
sprachen in Versammlungen zu ihm von der Wichtigkeit der Hoch-
schule und der Notwendigkeit eines richtigen Baues. Und beide
waren erstaunt, sich so gut zu verstehen, so grosse BereitwiUigkeit
zu Opfern an Geld und Arbeit beim andern zu finden." Professor
Arnold Lang allein sprach an acht verschiedenen Orten des Kan-
tons mit grossem Erfolg. Ausserdem hatte er in Verbindung mit
andern sechs orientierende und aufklärende Flugblätter verfasst,
welche der Presse treffliche Dienste leisteten. Das Resultat lohnte
die Mühe : mit 57,000 gegen 24,000 Stimmen wurde der Aussonde-
rungsvertrag angenommen und der Kredit bewilligt. Nicht anders
war es, als man zum zweitenmal vor das Volk treten musste mit
einem Ergänzungskreditbegehren von 1,863,000 Fr. Auch diesmal
— es war am 2. April 191 1 — sagte das Volk Ja! Nun erst konnte
der bereits begonnene Bau freudig und getrost fortgesetzt werden.
Der Bauplatz umfasst das Areal auf der Südseite des Polytechni-
kums. Schade war's um das idyllische Künstlergütli, das dem
Universitätsarchitekten die dem Terrain so glücklich angepasste
Grundrissidee eingab, minder schade für die alte Verhaftsanstalt
im Berg, deren Umgebung nebst einem Teil des Stadlergutes
ebenfalls in die Baufläche einbezogen wurde; auch die vor weni-
gen Jahren erst um ein Stockwerk erhöhte Blinden- und Taub-
stummenanstalt, die bei dieser Gelegenheit nach mehr als hundert-
jährigem Bestand endlich verstaatlicht wurde, hatte der Uni-
versität zu weichen. Zwei mächtige Bauten, das Sammlungs-
gebäude oder ,, Biologische Institut" und — et^vas rückwärts ge-
schoben — das Kollegiengebäude, in der Mitte verbunden durch
einen gewaltig aufstrebenden viereckigen Turm von 65 Meter
Höhe, sollten hier erstehen, während das hygienische und pharma-
kologische Institut einen eigenen Bau erhielt an der Glorias trasse,
-t2
CD
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o XI.IV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER 417
ZU Füssen des eidgenössischen Physikgebäudes. Stehen geblieben
ist unten an der Künstlergasse das alte Portal, durch das man
einst zum Künstlergütli emporstieg.
Als am Freitag den 17. April auf dem Karlsturm des Gross-
münsters die eidgenössische Fahne gehisst wurde und auf dem
Glockenturm die zürcherische, folgten diesem Beispiel bald die an-
dern Kirchtürme und die öffentlichen Gebäude; Riesenflaggen
wallten von den Dächern bis fast auf die Strasse nieder, und am
Paradeplatz machten die Bankpaläste grosse Festtoilette. Nur das
Haus selber, dem zu Ehren Zürich sich in Gala kleidete, stand in
jenem Augenblicke ohne jeden künstlichen Schmuck, und man hat
diesen auch auf das allernötigste beschränkt; bedarf doch die neue
Universität in ihrer erhabenen Schönheit des äussern Zierats
wahrlich nicht. Um 3 Uhr begann im lyichthof des Kollegiengebäu-
des die Hauptprobe für die Aufführung der Festkantate. Dieser
glasüberdachte Lichthof mit seinen Säulen und Galerien, dessen
Wände Skulpturen der archäologischen Sammlung schmücken, ist
ein herrlicher, entzückender Raum, ein moderner Stockalperpalast
mit den reizendsten Formen und Durchblicken. Die südHche
Schmalseite nahm zurzeit das Podium für das Tonhalle-Orchester
und die Sänger ein. Den Chor bildeten der Lehrergesangverein
und der Studentengesangverein. Der Text der Kantate ist eine
auf hohem Kothurn einherschreitende Dichtung von Adolf Frey,
die in ihrer vollendeten Form und Gedankentiefe der Komposition
ohne Zweifel dankbare Anregungen bot. Die Aufführungen der
Kantate leitete der j ugendfrische Komponist, Dr. Friedrich Hegar.
Die Hauptprobe verlief glänzend, die Kantate machte einen tief
ergreifenden, nachhaltigen Eindruck. Im engen Kreise vollzog
sich am Abend im Hotel Viktoria die Begrüssung der auswärtigen
Ehrengäste durch Stadtpräsident Billeter. Unterdessen wälzte
sich durch die volkreichen Strassen die Feuerschlange des Fackel-
zuges der Studenten. Nach 9 Uhr erschien die Spitze des Zuges
vor dem Hotel Viktoria; der Bahnhofplatz war besetzt wie zur
Zeit der Kaisertage, und in sechs- und zehnfachen Reihen schaute
das Volk dem malerischen Aufmarsch der Studenten zu. Vom
hohen Balkon herab hielt cand. jur. Bührer eine schöne und
erfreuliche Dank- und Huldigungsrede an das Volk und die Be-
hörden, tmd mit mächtig über den Platz hin schallender Stimme^
27
4i8 XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BILLETER o
die auch den Kampf mit dem atemversetzenden Qualm siegreich
bestand, antw-ortete Justizdirektor Dr. Mousson, dessen Worte
auf das Gaudeamus gestimmt waren und in ein Hoch auf die Uni-
versität, die Leuchte und die Freude des Zürchervolkes, ausklangen.
In strahlendem Licliterglanz stand droben am Berge der herrliche
Bau der neuen Hochschule; Licht und Freude wird von ihm aus-
gehen auch für kommende Geschlechter.
Der grosse Tag der Universitätsweihe (Samstag den i8. April)
brach an in strahlender Schönheit. Hallendes Glockengeläute stieg
zum Turm der Universität hinan, ,,und ihn umschwebte schwel-
lender, schwebender Sang der Brudertürme", wie die Kantate es
ankündigte. Den Liclithof des Kollegiengebäudes füllte eine Ver-
sammlung, die in ihrer Zusammensetzung einen einzigartigen An-
blick bot. In das feierliche Schwarz der Honoratioren von Bund,
Kanton und Stadt mischten sich die reichen Ornate der mit
goldenen Amtsketten behangenen und zum Teil mit Orden ge-
schmückten Delegationen auswärtiger Universitäten, die Uniformen
hoher schweizerischer Offiziere, der farbenfrohe Wichs der stu-
dentischen Chargen. Die wundervolle Halle des Lichthofes trug
diskret arrangierten grünen Schmuck, und aus den Öffnungen der
obersten Galerie hingen die Banner der Studentenverbindungen.
Die Jubelouvertüre von Carl Maria von Weber, unter der Lei-
tung von Volkmar Andreae, durchflutete den Hellten, hohen Raum
mit brausender Tonfülle.
Alsdann sprach als erster Redner Baudirektor Dr. Keller zu
der Versammlung, welcher unter den Förderern des Neubaues
die Palme Professor Arnold Lang zuerkannte. Erziehungsdirektor
Dr. Locher pries die neue Universität als ein Wahrzeichen der
Demokratie, mit dem die Einsicht des Volkes in die Bedeutung
der Hochschule dokumentiert wird, und auch Rektor Prof. Dr.
Egger schloss seine Rede mit den wärmsten Dankesworten an das
Zürcher Volk. Es folgten nunmehr die Grüsse und Glückwünsche
der Vertreter der auswärtigen Universitäten, die Ehrendoktor-
Ernennungen durch die Eidgenössische Technische Hochschule
und die verschiedenen Fakultäten der Universität. Von einer aus
freiwilligen Gaben gesammelten Stiftung im Betrage von 400,000
Franken für wissenschaftHche Forschungen konnte der Rektor
designatus, Prof. Dr. Cloetta, erfreuHche Mitteilung machen. Die
o XLIV. KAPITEL: STADTPRÄSIDENT BIIvLETER 419
Wirkung der nun folgenden Kantate war womöglich noch gewal-
tiger, hinreissender als an der Hauptprobe. Inzwischen hielten
die Studenten einen malerischen Umzug durch die Stadt; die
Festversammlung aber begab sich zum Bankett in den Tonlialle-
pavillon, wo unter Anliörung zahlreicher Toaste, Überreichtmg
von Glückwunscliadressen usw. die Stunden rasch verflogen.
Abends war Studentenkommers im gleichen Lokal.
Unter den Veranstaltungen des Sonntags sei nur die Fahrt
mit dem Salondampfer ,,Helvetia" und die Festvorstellung im
Stadttheater erwähnt. Das Schlusswort aber hatte — am Montag
den 20. April — das Sechseläuten-Zentralkomitee. Es erfreute
die Bevölkerung der Stadt und die Zehntausende von auswärts
herbeigeströmten Zuschauer mit einem Festzug von unerhörter
Pracht und Gediegenheit, welcher ,, Bilder aus der Geschichte des
wissenschaftHchen lycbens" darstellte.
Sehr ehrenvoll war die Stadt Zürich in ihren verschiedenen
Verwaltungszweigen vertreten an der am 15. Mai 1914 eröffneten
schweizerischen lyandesausstellung in Bern, die dann durch den
Ausbruch des europäischen Krieges eine so überaus bedauerliche
Störung und Unterbrechung erfuhr. — Eine Erwähnung verdient
wohl auch an dieser Stelle das im Vorwort angeführte Berichthaus-
Jubiläum am I. Juh 1914, weil es die Veranlassung bildete zur
Herausgabe dieses Buches. Die Abonnenten des ,, Tagblattes" er-
hielten an diesem Tage neben der gewohnten Tagesausgabe eine
reich illustrierte Sonderausgabe des ,, Tagblattes" von 140 Seiten
mit Auszügen aus den beiden Bänden des vorliegenden Werkes.
Für die Expedition dieser Riesennummer musste neben den ge-
wohnten Austrägerinnen ein besonderer Dienst mit Fuhrwerken,
Dienstmännern usw. organisiert werden. Die zürcherische Presse
widmete dem in der Zeitungsgeschichte nicht alltäglichen Vor-
gang ihre Aufmerksamkeit in Bild und Wort.
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FÜNFUNDVIERZIGSTES KAPITEL
ZUR ZEIT DES WELT- KRIEGES
Hundert Jahre Geschichte der Stadt Zürich zwischen zwei
europäischen Kriegen muten heute an wie ein Idyll, so wild
auch oft die poHtischen Stürme durch das Land fegten. Was sind
diese uns vielleicht hochbedeutsam erscheinenden Verfassungs-
änderungen und Parteikämpfe, diese Wahlen und Abstimmungen,
diese politischen und sozialen Streitfragen in einem Kanton oder
einer einzelnen Stadt der Schweiz im Spiegel der Weltereignisse
der Napoleonischen Zeit oder des Krieges von 1914! Und doch
fühlen wir sofort, dass wir der Heimat und dem, was sie uns wert
macht, nicht gerecht werden mit einem solchen Vergleich. Er
kann uns zwar die Kleinheit unserer Verhältnisse zum Bewusst-
sein bringen und die bescheidene Stellung zeigen, die wir nach
Umfang und Bevölkerungszahl unseres Landes in der Welt ein-
nehmen; aber nichts ist damit gesagt über den Wert oder Unwert
unseres eigenen staatlichen Erlebens und unserer lokalen Ge-
schichte. Auch diese ist nur ein Ast am Baume der grossen Mensch-
heitsgeschichte, und ein Querschnitt — wie ,, Hundert Jahre" —
durch den dicksten Ast oder den kleinsten Zweig wird sich im
Kern und Wesen nicht vom Stamme unterscheiden. Die so-
genannte ,, grosse Pohtik" handelt nach denselben rein mensch-
lichen Motiven wie jede Stadt- und DorfpoHtik, sie arbeitet nur
mit andern Mitteln, und die Lokalgeschichte gibt den Schlüssel des
Verständnisses auch für das Weltgeschehen. ,,Eins ist der Mensch",
sagt Conrad Ferdinand Meyer:
viel Tragisches gibt es auf dieser Erde,
In fernster Hütte herrscht die L,eidenschaft,
Was in der Hütte nicht das Herz bewegt,
Ifässt's kalt auch im Palast. — Eins ist der Mensch!
,, Gerechtigkeit, Einheit der Menschen", dieser Höhe des Stand-
punktes eines Conrad Ferdinand Meyer bedarf es, um das richtige
Augenmass zu gewinnen für unsere vaterländische Geschichte im
o XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES 421
Vergleich zu den ,, Grosstaten" auf der Weltbühne. So werden wir
uns nicht täuschen über die nur relative Wichtigkeit unseres
eigenen Erlebens, aber auch nicht in den Staub gebeugt von der
,, überwältigenden Grösse" der kriegerischen Ereignisse, die das
Weltall erfüllen. Des Menschen Wille sucht mit den ausserordent-
lichsten Mitteln, sofern sie ihm zur Verfügung stehen, sich durch-
zusetzen; aber das Kolossale der Ivcistungen und Erfolge, die auf
diesem Wege erzielt werden, liegt eben in den Mitteln, in der
Technik, der Materie, die für die Bewertung des menschlichen
Handelns und seiner Motive ausser Betracht fallen.
Darf schon die Kulturhöhe und der durchschnittliche Bil-
dungsstand von Ländern wie der Schweiz, Hollands, Skandinaviens,
die sich in dieser Beziehung mit jeder Grossmacht messen dürfen,
als Beweis dafür gelten, dass der weltoffene Blick auch dem
Bürger des Kleinstaates eigen ist, so wird, Was weiter dazu gehört,
uns verliehen durch den modernen internationalen Verkehr, durch
den fortwährenden Austausch geistiger und materieller Güter,
durch die Gemeinsamkeit tausendfacher Interessen mit allen an-
dern Völkern. Wir könnten gar nicht, selbst wenn wir alle An-
lage dazu hätten, aufgehen in der Kleinheit unserer Verhältnisse.
Die grosse Welt gehört auch zu uns, und Zürichs Name ist ihr nicht
unbekannt. Hundert Jahre Stadtgeschichte weisen genug der
Zusammenhänge auf, die zwischen ihr und uns bestehen. Persön-
Hche Beziehungen haben sie immer wieder aufgefrischt und lebendig
erhalten bis auf die Gegenwart herab. In unserer schönen neuen
Universität tagten zum letzten Male in feierlicher Versammlung
als unsere Ehrengäste friedlich nebeneinander Professoren aus
Deutschland, Frankreich und England, — und sind nicht auch
Gestalten von Grossen dieser Welt durch unsern Gesichtskreis
geschritten ?
Hätten wir es nicht gewusst, der Weltkrieg würde es uns ge-
lehrt haben, wie eng und fest die Bande sind, die uns nüt der
ganzen Welt verknüpfen. Empfindlicher sogar als der Seismograph
der Erdbebenwarte, hat unser wirtschaftliches Leben schon zum
voraus die drohenden Erschütterungen verspürt, als die Revolver-
schüsse eines Gymnasiasten in Serajevo am Sonntag den 28. Juni
1914 den österreichischen Erzherzog-Thronfolger Franz Ferdinand
und seine Gemahlin niederstreckten und damit die Möglichkeit
422 XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES o
eines neuen Balkankrieges, gefährlicher als alle früheren, in die
Nähe rückten. Vier Wochen nachher war dieser Krieg schon da,
und mit entsetzlicher Schnelligkeit griff der Brand auch nach dem
Westen über. Man konnte und wollte es ja nicht glauben. Wieder
ein deutsch-französischer Krieg! Er kündigte sich an durch die
kleine Nachricht, einige Tage vor Kriegsausbruch, dass ein paar
Eisenbahnwagen mit Getreide für die Schweiz in Mülhausen an-
gehalten wurden. Was sollte aber aus uns werden bei einem all-
gemeinen Krieg, da wir doch kaum ein paar Wochen ohne fremde
Zufuhr leben können? Die Kriegserklärungen folgten Schlag auf
Schlag, bis mehr als die Hälfte der Erdoberfläche, mehr als die
Hälfte der lebenden Menschheit sich im Kriegszustand befand.
Die Neutralen bildeten die Minderheit, und auch in den neutralen
Ländern waren viele unter der Einwirkung des Kriegsfurors so
rabiat geworden, dass man sie füglich den Kriegführenden bei-
zählen durfte. Alle Elemente waren entfesselt, Europa ein brau-
sendes Meer; schon schlugen auch auf unsere Friedensinsel die
Wellen herein. Zuerst kamen die Itahener, die mit Weib und
Kind und kärghcher Habe aus den kriegführenden Ländern heim-
wärts flüchteten. Es war eine wahre Völkerwanderung, die in
i6 Extrazügen innert zwei Tagen, mit kurzer Rast am Bahnhof,
Zürich passierte. Später folgten, wiederum zu Zehntausenden, die
Internierten, ganze Dorfschaften, die die kämpfende Invasions-
armee von Haus und Hof getrieben und hinter die Front geschafft
hatte, um mehr Bewegungsfreiheit zu erlangen. Zwischenhinein
reisten etwa fremde Gesandte durch, die auf ihren Posten über-
flüssig geworden waren; auch der nach kurzer Herrschaft ent-
thronte Fürst Wilhelm von Albanien, wie ein Blatt vom Baume
im Sturmwind fortgewirbelt, berührte Zürich auf seiner Flucht.
Bald sollten wir jedoch inne werden, dass uns in dem grossen
Drama nicht bloss die Rolle interessierter Zuschauer beschieden
war, wiewohl uns das Ärgste bis jetzt erspart geblieben ist. Brutal
griff der Krieg in die Verhältnisse fast jedes Einzelnen ein. Das
Wiesen des Krieges ist Kulturwidrigkeit, blindwütige Zerstörungs-
sucht, Barbarei, Unordnung und eitel böses Ding. Dieses sein
Wesen beweist der Krieg bis in seine letzten Ausstrahlungen in
die neutralen Länder hinein. Auch da ist sein Werk Unheil und
Schaden aller Art, Hemmung jeder ehrUchen Arbeit, geschäft-
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ItfeKo laßdi fitfi trtianddt, iwiPtn mir mit btm gr&ä'fn FJadibnid cntgtänihcKii. Uiifcc Önnb ifl iitnlMr unb borf SiMStiifünb'
ßebiina«! 'ufbfi lar baS tiut iiftfi für baS nubcH i'unb bnlbcn.
Iif KufltBängfn nnbtr« flotioneii Ivtrbfu, IBic loit ^offnt, btni Siiubt, bfiTdt ®aflici§l fit gtiiltSdl, bi( f^iilbige JITi-ffl^I (ragen.
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hacaiif diifmttrieni arma^,l. ^ab trini fiaMtidrii i^CunbliclIitiMldi
■«tabtaTffl-'aMunlt ^imHbaufl J. [fiilicM ■.yaiifi:iaii;, Sobnliofv« 3.
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£lc vficgedltcn je(tji iscibin auf iliunB b'r regit ranaliUIldca Dci*
Bthnunfl bilieffrnb Sttpflcgona po" S*f*tinb(tn pom 10, HuBUft IÄ03
.iflfiotl'erl, btteill Pur änna&mt Crn Örleß'Tliibftii Sie ditjii notwtfiMit:
l(t ^'Ifflt'fKUt ilnir'hfil'". -1" Üil-
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^rriofrmaftt(iun(i mif tlchlrifrlir ftuqrlHftn
nUikii larirn. Urin njmidL;; ccnnf.ll.:; j;jii.''i.,;i,nin*iilriT.inil timn
i£lcaniEeibtdU(ti Dan 450 S'jtt. fqfict Ktt nur noA vFt. 15.50 (mall
MCniifell f)r. USD). ciiitAIielili.^ S m i:(it|iiT(;;i|Lliiiiie i:uA >£!etfec. Cce
Srri-aiPetlT"!'* b'Mijt 9 ÖtoaKa« bei i lebiij.-m Ia.if«,icij oi* JT
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3iltiili, ben L ÜUJ1I& iPli
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Ott Eir[»t!<;tii laltjfctt unb i;iilet i*<llaBt oaii ^oisnllien bli .luai LS,
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Oibaubc JURI -runrefld, v^''")'!'!^. .'."( (iinüd-jl auf. 4Sjlj>
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Särirtap ><t y-.uicr. b*: *riK!»Mili.i Btt Wtii<;6n!pi((flf III oam
I. fcl» IC. «usuk. fdrllni b'C VT'ii '.'ii.fp<i|iwn!.-'i ÄIKrr SHtlMd,
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llgt Au^Fuaft in tnr.jinbui oabcn. ^T-V^
3atidi. 1. flusufl IWLl Il( 2djnlt«a4fei.
QJerußjgender Aufruf des Siadfrafes
J6 272
Sfonnerttcc; bm r9. ?lcpcnil-ti W14.
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Mf(l|lFaueliinft«jttUt JBt llnbcmiuclte.
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m ««»Ben. iilttficiüin ur& Si'siKtflnb lix^tafll.
UD<n ;:r:i> ^^i -Seii i'J juoi SlüJt bi* f«ule uiiKddm
iribM. Ste '« oabtrfT JScirt iraiSl un« bic flrwflftioi iu
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CBiUBfA »R SißcT. i<? nblt brt 3nbu^ an SMa? cbrr on
JbtKe#tr. b(Bi i'^it^l c* ftäimn SVitiiibuitfltn niO pffifltn
»ilda. SkIc »tteöflt fifbcJi flnui oSc u.liwift il'U. Sie
^(((8 nnÄ WöHBL 3fl>IrtK6c Id&igt S^i'be telw ft'i" ''IrtttK
CMC SiBälln fikb o^( &ib«R>i), oitn »lot. Sic LMpaniif?t
f£sKtK> lifmiwi RRb b« Stztt m^i wi bMn ?tiAl?. Ilnb
^•4 »Mai f« rffm Bttb ic9ti^t u:ib fiä tUibfir,
SkFs Sbt Röfkx >»; Bilt oOrt> ^Biitrlu |<i fin»n< fiiAni
S» «rfcölWri "b Mttelbnibftt WtMiflcni Ünb Bit ^Ifi fi^iilbiq.
la Oasp tarfi bK Ütfisnrfctcon btr {hrrf^itotiiritHtüpune, bit
be ^liBil^ Kio (^n»s&vmnjvnr<lt9t i'tNrtic^ni tDnibc. St{1
kl fe est Srfa*in:h'. flowljtl. tcna tirrfiktt fit iia Sittliiol:
tsMK. Mb Btifr fv Bii4 D-.i: ;t*iniTtiiiaiRiali(n Ixifitbcn niüfftii.
Eo bfMRbn t>x llc:nnueui)3 (U^lim i>t. bit ^ic^d' Ikui'
■iern ftft. fC« 5«fsnhinsni bcirasn it«l f<^u t*^. 130,000
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Siifsäta eOM^rtar ItpiErÜBcimacn, bit »otfi n^bUc^ tpt)c:c
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2n ttbun ärtc Dm b« tsi: S)k Stttfl« «H4di[[ Tu^ nw
Se4t ju 5oä^ ^Iji i:xtJ>M äiif biift XnoodKn Ubc^i Di: bu
etBcftenj Särijft» ongtltati'tnii (iii, radj fftäMni boe 6(ftoniifnt
^äfiltocit in nftritaeo). 9hiT bei oCaciiKtpn äkttilisung fosi
br FÄ MvW. blc mi! gtiulli i*i, bm(ifl""Ö(' iwibni- So&I
«1^ ftpfegnt itbtnwai ntl 39atufitn irdMitir, etn bai bart
t«4 kloanb britbeni, ba errgrnn 'JM fem Cvfti }u biitiBtn,
£rn ^]n ob ^bt fiA rffntn, imbcn torr bit AntiS^jcil
ihmbts. (p f4I:mni nt ii^ »nMii mca. lllfo fiKiibr, ime
■fci* Ena. btn ^tlnbrnbcii unlon Stobt. £»1x11 onb brtifai^
ftt. 3c nf« enb fmibiq ht btUi&bt ^nb ntd)L
jHti4, bei :2g. Oubn ISU.
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fit ftrvsfwaTViiivFuiig.
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Äricgönothnlfe bir Stöbt S^xi^.
Ilnrcan gegrn IBlctn«!
T<r •Sw"b«i>t Dr. ^ntn^M.
iSntgcnci^lStrtcitungcii.
iN6i'r(|ctn*tr* _. , . , .
•vA: BunKiEfCitftauhiahmm peOi>sfn bat,
Veoft^at*. Xft»lf. flt^ ItlTT. DOR XuOitsn. SanFBuinlti.
Ser?6t& q(B. Semonn, Etlbelmim Jcirfint. 9fb, 16i3, Ct»*, osn ijitl'
* iwu. iiinUsmn.
rti[*ft-SnB, ^e(<&, Vb. l*0. ecn Maui, aBOtcKut.
äitttt.fltUtr, Saütf, fi{B l&T". B»n ^lofl*, aiRftcH tfim Sfn»n|un^*'
Stii'ffrttli, tijuoib. flt6 187J. oflit SUinfliiStlnnstn. £A»in«t,
l-J^'pttn, ruani Jo'ti Bfb. IW'T, Mti SctbWioi. Stacm, irtoiaUui
^nngel-Cid, fled. gtto. I^ö. »om JtDimngm, ^oitt 3»lctbu[o, Dolrj«''
^auC 3»a( oib. I&X, Den Cfflinstu. Vici^fc'T. ■Öoii*«l"'Jnl"'B
^ft. ;:ui'( QTifabitM, gri leM. »n Iffiala. Sr 3ÜliA. »0Ttauan9'f)rDl<
£'(G^i c(6 SBo!t«i»>::vc;, flaita Virilit. #rt- IWä. Sitiot, »on »ii-
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Soii.fiän« ileuian. fltb. !KT. Bsn SalrtB-Sfäifil. San! 21 OoDd-.
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ft6r.BLfl.rtebTOnn aoKaim ;1oIai. 9:6 l8Ta. bau **ttum«. MM. Äuiliufi
:;iK-6oiceub, ^0(11, acb. ItfTe. omi Cbtniiesif, ßKlWtfiinitr.
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Äeot.ijÄnna. .JoHanit ^Jolrb, Dr jur, gcb H.W. Ben Siibtulfllt, Äe**
i^efli'Couk:. ^rlniiA imnenn. gtb, 197^. Bon Gpäou. -taut, jürti^.
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Siurutef, ÖnfbiiB) atlui .Imtf, «b IW6 eon giitfc. IKH
^Kruniet, .lolwini ülfitb, geb. l«ö. owi (iffS- i'"t-
'Sf.jrjtct Cllo, eib 15n3, ssii TSruf;, Itrel.
lVla-3!fi(r <tari O"'»''. prb. It*7, Don C«!iri>ii. Öännti
fljtt. aiiirb flWaribct, ff<b, IPOP, Ben Surniil. «wnhttcr.
iiia,fltb.rta(ei. Moeoli, «6, It^jü, pon LHidjKHiml. (iaufmen
'iani.54irb(l. .loMnn tffmimn. t'6- ISIU. »bh Wfigfnimf, fl! flur^uu.
Svisibfilti btr tttbrtd^tvcibiciinvnsMnitdli-
Jiab. Sitte, u» 10^. BOn J^iqjrTinil, fiV lloieflu. XtienMatc
2&ii\s:. Moll, «ib l"^!, BPH ^lajfflnj. Sotodwifl. CiffFtteliiönifc
;<fa"f»rt.strübi. ijobonn. etb. Ifttra. Bei> li^rtaau. ^onMano^.
iBpm Suii'f. ceb. ISil. Bsn suljhiKb-Uiw!, «öbenn
=i(iti«.24«Bb, iSuouft. (<b. ISbu, Bau «tfn, flupftri<5ml«
reinmn.SaSbarb, ?[ii!(f 3nl9ti. a<B- ISTO, BSn £(n;nau, Sani, äaieau,
2d]0iift bdm afcfuBiBffM-
ffitibcI-Kfliirab, Ülirrt, 9»b. ISTB. Bau sÄliwrn. Saultdmiftr
Srtt mb, Ihtblrr. J.'ir.o, (rt. 18if. Sllie«, »efl Sinirtfimt, . Xamin-
Sit 3iaBitiiitltl.
-437*1. (Scrtflfdiau.
if# »tr>fn felatnhf T-Bt'rtnillen In CiiiiixTunb. flcttn4!*.
0(1 £vgin>i noit Ticl- unb («fihniaibcitfn (Kfu- un^ Uabaol.'n).
nbbruanTfrditn. ^ii*tD<irui'4 am 2d4«iHRalU[Ci< uni SKi-oItEaucttii
auf lojJKin i9iibiiiiarn san Z«ftI(ri<Tn(iafcii a^^ S^rrFänetn. 3uei
iDfaf.Jf ull^ VdUiiifttftjTn Mii 'Jit*ft:'n<ln uiB.l lUiA lt^;t flst »n
OkrUT"irr:Tii -n iinb auh<tl^[b ><i ^auKn Itm((6l((til>A »ri ftirlcr* unb
KaltiBfiuitt . au'fiAlcn bdii Zadittulildi ui<^ ni>t]tiii(i(ii Esn SiUbecliniti
liii)«trii. Ibipic ^(t öi{rcDiina bbu lSau[rütt<n unb ^ijt>stii^luiiQtn bofclbit,
aixci- iinb SiDaimnlaQtn. Jcnflri- unb lüiemdililitit. WflAc Im
lltoiituUc iDi Bimic bcc VcccibnUng btlrtfttnb bcn ed'iiV foti Stbm
I IKr|unb)<c<l ran ^rnfitcn 5n tSoultii unb tn< ^nb^dbimfl tvcCMiail<
lü osHi II. 5;Su Ü'll ii»:cUif,Kn. bar ^lc llntftat^in.-i t;; •rS;nifil4af,
S^. Annactbfl^lcT ffir blc ffrrirr I unb t. an Otto ftramir
fttt bl« flrtllc .». * unb S. an ?o(eb TiauH ffir bcn rtrti« « anb
an QuinFt A»*b frit hlt ftr<l(f 7 nnb k. (AnUliiti •an(ti(|f in
Qthtn' (^laMbau* 3in-,mtt -3lr. Ui). -ab IS. 3anuat IB(4
Mttnliatltra^t S7 i>. Ilt. latotf (-äl. «nnaliDfl.
T'c -?( >i(i<a(Bf Udil biA'rM fiifi aD<h auf bit ^cfciliauuit ot« tifttOIrn
(liiiKn, lörUK a'ii |{ldit -itnuDTbtiHiT, ii'Dti! ttbtblidit (»t [in jiunfltn
iiil trlBlgcn, »aneitn m(dinnii<1i( öoidailiinflfn jni li'nKtnbiinj
'Bri >3(hntc mib <R1atlcL0 mdiTtn Bit Otrüfiliicnet. Sanf«
brCtttn uftc. gcctinint unb mU t3al|i ober iZanb bcrtrtut tocrbc«.
I^aaftlbc bot auf bcn obertn iTRoutrftäd);« beim Etgtn btv
'^Ifpnt Ulm. ju etlrtxljcn-
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3« Kurtt«« bt* SubR«ltr:
-»"»• 3i»Upoiiba(iBrt. — (f^titerifiBbBOflCfL
StM>. '?otrfi(J, SinwnAifr. Bon Jtublinatn. *H. 3<hcffi)0Mit>i, büI
SlnL Scuba, eon ^nlrranflni, tritt In ^^Q
ffaflir^ aifrtb. Saufm.;««. dsh 3üti4 iinb InnS, flt. etaubüobtrr mi
ÄTiifc Stare ?io. ron CSrofi-eiÜiDsm, C6«emt ©*pphistn, Sott
Irtnblif, btiW m ji'::'*-
Aiidbb!^ '-iiiit »larnonn, iftteinc, omi Imi. fix. Ära, nnt
Saili. lisüru. Bon 3otctbun>, btibc in 5^tic&.
'Pranbd. Canj^ ürtftwir.oiitrnr, Bon SspBd. ill 2l- Oolitn. nül
Sritfl, 3nDC StTto. Don TtanlEn. .4t. Bäd^cuilcn btlbe tn ^iayi.
a*lra*(«, novbOtL 3hibtnl bt: 91<biiin, Bon Solu. .KufaUab, njt
Irciiufl, jubith, Doa ^eoTu. ?)ufiMRb. Bn» in jüi^,
-1n4ri, -f. (■rififur, Bon Jculrn, Sil Strwait!! S,.3H.,»iJ
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fi»\tn, rintAa f'ru. Ben ^uinil, 9.\- t^ri>. In ^uiifi.
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f^Mt, Utritlans. Bon Sanbait, Cincmi t^trwntrtB, !Püm»mb'rj
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«■•■«Ra (« ^rvw?.- •.t'«! eUi4(n {e«r*. ea<^ S''- llVf. in b»f
««■boiln II. 9nrJt«uJ fl. 2 i-UiS.
>^n4, hn 17, Kanaon 1911
^uitftgttecrbcmujtum btr 3tAbt 3ünif|.
Auoftrllttne
pe)iKl&cCT ftatiftt(4ct 'CnftcOitsgtii
IS ^.fimiUi B>t & ^Tcjtmbcc l&ll.
SKtloe* «(»'^f! 1'°« 10—13 unb }— 6 U^ Sennlaei scii^^cflen.
Cintiiu ttti. .6ST78.
3u;idi, bin 16. ?tOBCinlv[ lOll Mc MmSUr.
eetrcitimiasiinttcr.
sw--- tWaut(iu,ifi(|t. — -,^urirfcaitflabt.
^Kttod bcn V. giowmbtE 1914, :-.'t rcca, ■.■ Uä: an. fnnien
n fäbt. Aonllctatt an btT 'BamaaHr/BafteiEiaffe in ^unA t
I amfBbltmfnc. 1 -2 AlaMimaur. 4 mattet«. I TkrttlaR. I
e«itv|tl(iltTant. I Jtlrtlor. I eHjrtibmcM. : ^UfttU^cKdlr.
1 CblffDnnlcTiB, 1 ftommobc, 6 t'cbcriefl«!. 'T.loanj, Jon.
Ifull«, ^□irdlita. 5 'Bttlm, 1 'Sa fAfeni neben. TlaOiit
tlf<^. ^nWuiWianbcr. ÄJHtatl, 1 -2lmsulr. I £<«[iibiBa.
triinc mit Il(*, 1 ftorpup. I -NohflinKnbli-nicn;,, 1 «olfc.
iDBgt. 1 ^anbtDdfit. 1 libctnmacl>cnt>«rftt|ii>t. ^ 7cftcii*
iomptn. i^^lrrcltn. ^lafibcntoclnr. Cpirtreoltn. <Il3CrrtD,
([^»tolabt. 'Senbpn.midtfr. To'itaritn.
Stniti: 1 ifianbnbctn. ?if(iuf(ittDT<. eicb' n, ^lonbsbm,
ftüAen. onb Bufudeubrcn, bin. TSJcabntirm. S'tnin*»' ».
5!Httra»»tcT. RIb. leiten, nnb ■T'amtniJlbtin sc
b 1 .
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9t. 5imR«b.
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ffornicralafl. bcn 19. SlDpro^te 1914, epn nad^Diltlaeit 2 Ut|T
aa. IDerbtn im Wtttaiiconl *. .Mfudof. '?.<clclti(tcTb« W, »»fsl««
TKttBfTtnnfltbtfl'bccn flrtl'o 1*omibHM.,i ciScniu.a ctTFtelflCrt:
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SAiT«. ^cd 14 Tttfirxhr 1911 Ihncib«««««»! 3a*i* *■
/9, November 191h:
Aufruf für die (JQ/egsnofanfersfü^ung
o XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES 423
lieber Ruin, babylonisehe Verwirrung der Geister. Auch bei uns
wirft der Krieg Zehntausende arbeitslos aufs Pflaster, verteuert
er in unerhörtem Masse die Lebenshaltung und stürzt viele in
Not und Sorge, die bisher sich leidlich zu halten vermochten. Was
aber fast noch schlimmer ist als alles das : Mit seinem Pesthauch
vergiftet der Krieg auch die Beziehungen der Neutralen unter-
einander ; er untergräbt Treu und Glauben, bringt Ehegatten und
Familienglieder hintereinander und sprengt alte Freundschaften.
Ja, er fälscht uns wenn möghch auch noch das Evangehum und
deutet dessen Gebote um in ebensoviele Rechtfertigungen der
Gewalt.
Der Schrecken, den der Krieg weit über das Gebiet seiner un-
mittelbaren, verheerenden Tätigkeit hinaus verbreitet, hat in der
Stadt Zürich, wie an vielen andern Orten, eine förmUche Panik
bewirkt. Die Leute fürchteten in erster Linie, dass die Schweiz
von der Lebensmittelzufuhr abgeschnitten werden möchte, und
suchten sich deshalb mit Vorräten auf Monate hinaus zu ver-
sehen. Die Läden des Lebensmittelvereins mussten wiederholt
während des Tages geschlossen werden, weil die Lager vollständig
ausverkauft waren, und immer warteten Scharen von Frauen vor
den verschlossenen Türen bis zur Wiedereröffnung der Lokale.
Arm und Reich wetteiferten miteinander in dieser Massenverpro-
viantierung, deren Folge ein sofortiges Anziehen der Preise und
Einsetzen der Teuerung war, lange bevor diese durch die äussere
Lage gerechtfertigt gewesen wäre. Mit dem Sturm auf die Lebens-
mittelgeschäfte hielt der ,,Run" auf die Sparkassen Schritt.
Wahre Volksversammlungen belagerten die Banken und harrten
stundenlang, um sich der Queue anzuschliessen. Beim Knapp-
werden der Barmittel wurden nur noch Teilbeträge der Guthaben
ausbezahlt; es entstanden tausend Verlegenheiten, und auch die
vorübergehende Schliessung der Börse trug dazu bei, das Gefühl
der Unruhe und ökonomischen Unsicherheit zu mehren. Das
Gold war bald aus dem Verkehr verschwunden, die Fünflivres
wurden rar, mit der Münze geizte jeder, soviel er konnte, und
suchte sich mit allen Listen in den Besitz von Kleingeld zu
setzen. Wer für 45 Rappen Postpapier und Federn kaufte, gab
eine Fünfzig- oder Hundertf ranken - Note zum Wechseln, auch
wenn er ein mit Kleingeld prall gespicktes Portemonnaie in der
424 XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WEI.T-KRIEGES o
Tasche hatte. Der Stadtrat richtete am i. August einen drin-
genden Aufruf au die Einwohnerschaft, nicht den Kopf zu ver-
Heren, das Geld auf der Bank zu lassen und nicht durch Auf-
stapelung von Lebensmitteln die L/age der Bedürftigen noch zu
verschlimmern.
]\Iit der ersten Kriegserklärung begann die Abwanderung der
dienstpflichtigen Ausländer, zuerst der Österreicher, denen oft
Deutsche und Schweizer lärmendes Geleite zum Bahnhof gaben.
Vor den fremden Konsulaten fanden patriotische Kundgebungen
statt, Hurrageschrei und die ,, Wacht am Rhein" schallten durch
unsere Strassen, bis dann um der Neutralität willen die Justiz-
direktion diese öffentlichen Demonstrationen verbot. Im Bahn-
hof, den schon eine Menge aus den Bergen heimflüchtender Frem-
der füllte, war der Zudrang der abreisenden Reservisten mit ihren
hier niedergelassenen Familien und den Freunden und Begleitern
so stark, dass die Perronsperre eingeführt werden musste. Noch
am Freitag den 31. Juli erliess der Bundesrat das Aufgebot des
für den ersten Grenzschutz und Bewachungsdienst bestimmten
Landsturms und stellte die ganze Armee auf Pikett. In vielen
Dörfern des Schweizerlandes klang am Abend Sturmgeläute, und
in den Ortschaften am Zürichsee verkündeten Trompetensignale
und Trommeln das Aufgebot. In ernsten Gedanken ward der Tag
der Bundesfeier, Samstag den i. August, begangen. Das vom
Verkehrsverein vorbereitete Seenachtfest wurde abgesagt, und nur
die Glocken klangen, während der Landsturm in die Kaserne
einrückte. An diesem unvergesslichen i. August erging der Mobili-
sationsbefehl für die ganze schweizerische Armee. Der 3. August
war der erste Mobilisationstag, und am Mittwoch den 5. August
wurden die auf dem Korpssammelplatz Zürich eingerückten Trup-
pen im Kasernenhof beeidigt. Die Bundesversammlung trat am
3. August in Bern zusammen zur Beschlussfassung über die Mass-
nahmen zum Schutze des Landes und zur Wahrung der Neutralität.
Zum General der schweizerischen Armee wählte die Bundes-
versammlung Oberstkorpskommandant Ulrich Wille. Er ist der
Sohn von Fran9ois und Eliza Wille in Mariafeld-Meilen, geboren
am 5. April 1848. Nach Abschluss seiner juristischen Studien hat
sich Wille der militärischen Laufbahn zugewendet und unserm
Wehrwesen zuerst als Instruktor der Artillerie und dann der
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o XLV. KAPITEL: ZUR ZEJIT DES WELT-KRIEGES 425
Kavallerie grosse Dienste geleistet. Insbesondere verdankt die
Kavallerie ihrem frühem Waffenchef Wille ihre förmliche Um-
bildung in eine wirkHch kriegstüchtige Truppe. Später komman-
dierte Wille die 6. Division und seit 1905 das 3. Armeekorps. Als
Generalstabschef wählte die Bundesversammlung am 4. August
Oberstkorpskommandant Theophil v. Sprecher, den bisherigen
Chef des Generalstabsbureaus. Die fünfte Division, welcher der
grössteTeil der zürcherischen Truppen angehört, steht unter dem
Befehl von Oberstdivisionär Hermann Steinbuch (geb. am 19. Jan.
1863, früher Kreisinstruktor der i. Division in lyausanne, am
17. Mai 1910 an Stelle von f Oberst-Divisionär Wyss interimistisch,
am 30. Dezember 1910 unter Beförderung zum Oberst-Divisionär
definitiv zum Kommandanten der damaligen 6., jetzt 5. Division
ernannt) .
In den Finanzen unseres, an den Händeln der Grossmächte
völHg unschuldigen Landes richtete der Krieg eigentliche Ver-
wüstungen an. Hunderte von MilHonen mussten für die MobiH-
sation aufgebracht werden, und gleichzeitig gingen die Einnahmen
des Zolls, der Post, der Eisenbahnen um Dutzende von Millionen
zurück. Aber auch Kanton und Stadt Zürich haben schweren
Schaden zu tragen. Zu den wichtigsten Aufgaben der Stadtverwal-
tung in dieser Kriegszeit gehört die Fürsorge für die unbemittelte
Bevölkerung zur Verhinderung eines Massenelends, und es sind
unsere Behörden an diese PfHcht mit grosser Umsicht und weit-
herziger Bereitwilligkeit herangetreten. Es wurde unter Zuzug
zahlreicher freiwilliger Hilfskräfte eine besondere ,, Kriegsnot-
unterstützung" organisiert, deren Leistungen nicht den Charakter
einer Armenunterstützung haben durften. Die nötigen Mittel
wurden durch die Stadt und eine öffentliche Sammlung beschafft,
für welche eine ,, Propaganda- Kommission" tätig war. Bedrängte
Mietsleute fanden Hilfe in einem von Stadtschreiber Dr. Bolhnger
geleiteten Bureau für ,, Mietnotunterstützung". Suppenküchen
wurden eingerichtet, Lebensmittel vom Stadtrat en gros angekauft
und zum Selbstkostenpreis wieder abgegeben. Auch die private
Hilfstätigkeit griff in reichem Masse ein; für die weiblichen Not-
leidenden war eine grosse Wohltat die ,, Zentralstelle für Frauen-
hilfe". Dass gelegentlich auch unschöne Erscheinungen zutage
traten, kann nicht überraschen. Da man am jüngsten Tage keine
426 XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES o
Rechnungen mehr zu bezahlen braucht, glaubten manche, es sei
dies auch beim Ausbruch des Weltkrieges der Fall, und der Stadt-
rat musste in einer besonderen Kundgebung vom 26. August
diesem Irrtum entgegentreten. Es kam vor, dass auch nur aus
übertriebener Sparsamkeit Dienstboten entlassen wurden oder dass
man versuchte, die Notlage von Spetterinnen, Wäscherinnen usw.
mit Arbeitsangeboten zu geringem oder gar keinem Lohn auszu-
beuten. Ein Zeitbild wie immer waren die Tagblattinserate.
,, Wegen Kriegswirren", ,, Kriegsnot", ,, Flauer Geschäftsgang" lau-
teten häufig die Überschriften kleiner Annoncen. Alle möghchen
Tauschgeschäfte wurden angeboten: Schuhwaren gegen Anferti-
gung feiner Kinderwäsche, schöne Gaslampen gegen Schneide-
rinnenarbeit im Hause, eine fast neue Dampf eisenbahn gegen
warmen Wintermantel für Knaben. Sprach-, Mathematik-, Musik-
stunden würden verschiedene gern erteilen gegen ein heizbares
Zimmer.
Empfindlich wurden vom Krieg besonders die Verkehrs-
verhältnisse beeinflusst. Manche Verbindungen nach dem Ausland
waren unterbrochen, Gepäck und Güter stauten sich zu Bergen.
Ein sogenannter ,, Kriegsfahrplan" verwandelte die Eisenbahn in
eine Schneckenpost. Es gab weder Express- noch Schnellzüge mehr.
Auf dem Bahnhof kannte man sich nicht mehr aus; die Täfelchen
an den Waggons waren entfernt, bei keinem Zug wusste man,
,, woher der Fahrt" und wohin. Lauernde Spione, die der Krieg
überall hat, hätten sonst leicht etwas erraten können. Die Längs-
fahrten der Dampfschiffe auf dem Zürichsee wurden am 4. August
gänzHch eingestellt und weitere Einschränkungen angekündigt. Die
Kurse der Strassenbahn mussten stark reduziert werden, weil die
Hälfte der Angestellten an der Grenze stand. Beim Telephon
wurde am 7. August der ganze interurbane Verkehr für die Zivil-
bevölkerung verboten, und als man nach acht Tagen wieder tele-
phonieren konnte, war das nur unter strenger Kontrolle der
Telephonfräulein möghch, die jedes Gespräch, das sie als , .mili-
tärisch" betrachteten, auch wenn es in Wirkhchkeit etwas ganz
anderes war, sofort abschnitten. Bis in die Schule hinein regierte
der Krieg und brachte Störung in den wohlgeordneten Betrieb.
Da manche Schulzimmer längere Zeit von Truppen belegt waren,
musste für eine Anzahl Wanderklassen ein ,, Kriegsstundenplan"
o XI,V. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES 427
aufgestellt werden. Einzelne Schulstunden wurden auf freien
Plätzen, im Sihlhölzli oder auch in einem leeren Wagen der Ütli-
bergbahn auf dem Selnaubahnhof gehalten. So hatte doch wenig-
stens die Jugend ihr Vergnügen bei dem Stand der Dinge. Stolz
trugen die Pfadfinderknaben in ihrer kleidsamen Uniform die eid-
genössische Armbinde, die sie berechtigte, im Auftrag des Platz-
kommandos allerlei Botengänge als Depeschenträger oder sonstige
nützliche Dienstleistungen zu verrichten. Weniger freudig wurde von
der Jungmannschaft der Ausfall des Knabenschiessens begrüsst.
Ihre liebe Not hatten die Behörden mit der Wahrung unserer
Neutralität. Die Welt im Brande und unser Schweizerhaus mitten
drin in diesem Flammenmeer ! Was konnte der Bundesrat anderes
tun als unser Dach mit nassen Tüchern decken (Neutrahtäts-
verordnung, Pressezensur), damit die von jenseits der Grenze
hereingewehten Funken nicht zündeten, im übrigen aber nach
alter Väter Sitte uns ,,in Gottes Machtschutz zu befehlen". Die
Stadtpolizei hielt ein wachsames Auge auf die Äusserungen eines
neutralitätswidrigen Verhaltens in der Öffentlichkeit. Sie schritt
gegen die Zeitungsverkäufer ein, deren Beruf sich über Nacht zur
blühendsten Kriegsindustrie entwickelt hatte und Hunderte von
Leuten ernährte. Es wurde ihnen die laute Ankündigung der oft
sensationell zugestutzten, die nervös gespannte Stimmung unnötig
erregenden Nachrichten verboten und nur noch Name und Nummer
ihrer Blätter auszurufen gestattet. Schaufensterauslagen und Ver-
kauf von Ansichtskarten und Karikaturen, die andere Völker be-
leidigen konnten, wurden untersagt. Wie überall, trat auch bei
uns eine grosse Verschiedenheit der Ansichten über Schuld und
Ursache des Krieges zutage; doch wandten sich die Sympathien
speziell der gebildeten Stände wiederum überwiegend der deutschen
Sache zu. Unliebsamen Vorkommnissen in der Schule beugte die
Erziehungsdirektion vor mit einem Kreisschreiben an die Schul-
pflegen und Lehrer, in welchem auf die bedenklichen Folgen einer
Besprechung der Zeitereignisse im Schulunterricht hingewiesen
wurde. Das Kreisschreiben machte den Lehrern die grösste Ob-
jektivität zur PfHcht und untersagte ihnen, die Tagesereignisse in
einer Weise zum Gegenstand von Erörterungen im Unterricht zu
machen, welche Andersdenkende, namentüch die Eltern aus-
ländischer Schüler, verletzen könnte.
4-8 XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES o
Auch der Krieg kann wie jedes Unglück vorübergehend ein-
zekie gute Wirkungen auslösen, die aber kaum so lange vorzu-
halten pflegen als das Übel dauert. Es wurde gerühmt, dass
manche Leute wegen des Krieges früher zu Bett gingen als sonst,
da der Regierungsrat für den ganzen Kanton eine Polizeistunde
auf II Uhr nachts einführte (ein späterer Stadtratsbeschluss
fixierte sie für Zürich auf 12 Uhr). In der Tat wurde man eine
Zeitlang viel weniger durch die angeregte Unterhaltung spät heim-
kehrender \^ereins- und Stammtischgäste gestört; das Hauptver-
dienst an der wohltätig empfundenen Nachtruhe kam aber der
vom Bundesrat verfügten, mehrwöchentlichen Einstellung des
ganzen Automobil- und Motorradverkehrs zu. Aber auch tags-
über machte sich in den ersten Augusttagen, besonders nach dem
Abzug des Militärs, eine fast drückende Leere und Stille in unsern
Strassen bemerkhch. Der Menschenstrom, der sonst um die
Mittagsstunden sich in den verschiedenen Richtungen ergoss, war
auffallend gelichtet, der erhebhch verminderte Tramverkehr er-
höhte noch den Eindruck kleinstädtischen Stillebens. Man freute
sich darauf, wenn die Schulkinder aus den Ferien zurückkämen
und das verödete Strassenbild wieder mit ihrer Munterkeit be-
lebten. Die Bevölkerungszahl unserer Stadt ging unter den Ein-
wirkungen des Krieges rapid zurück. Wir hatten uns erst eigent-
lich als ,, Grosstadt" gefühlt, als sie im Jahre 1913 das zweite
Hunderttausend überschritt. Ende Juli 1914 stand sie noch auf
203,265 und sank dann bis zum Jahresschluss wieder auf 196,293.
In den Hotels sind 1914 etwa 70,000 Fremde weniger als im Vor-
jahr abgestiegen. Viel seltener als sonst hörte man in Zürich
Hochdeutsch und fremde Sprachen ; der heimische Dialekt herrschte
fast ausschliessHch vor. Der Prozentsatz der Ausländer in der Be-
völkerung betrug 1914 Ende Juli 34,26, Ende Dezember 30,57.
Der Ausfall kam vorwiegend auf Rechnung der in den Kriegs-
dienst einberufenen fremden Handwerksgesellen. ,,Zum Zeichen
der Trauer," schrieb anfangs August das ,, Volksrecht", ,,hat der
sozialdemokratische Verein , Eintracht' sein Vereinshaus mit zwei
mächtigen, schwarzumflorten roten Bannern beflaggt, ein sicht-
barer Ausdruck des furchtbaren Geschicks, das seine Mitgheder,
die bekannthch zu neun Zehnteln Deutsche und Österreicher sind,
und die mit Trauer und Wut im Herzen einrücken, betroffen hat.
o XLV. KAPITEL: ZUR ZEIT DES WELT-KRIEGES 429
Auch unter den Mitgliederbeständen der Gewerkschaften hat der
Krieg schon grausam aufgeräumt ; ganze Vorstände und zahlreiche
Sekretariate sind verwaist. Eine in ihrer Art ergreifende Ab-
schiedsfeier hat im Volkshaus die sozialdemokratische Jugend-
organisation ihren einrückenden Mitgliedern gegeben, die nach
allen vier Winden auseinandergerissen werden, um sich möglicher-
weise auf dem Schlachtfeld wieder zu treffen. Die tiefe Ergriffen-
heit der Jungen nahm bei den dem Augenbück entsprechenden
Abschiedsreden einiger bekannter junger Genossen oft laute, er-
schütternde Formen an. Zwischen den Ansprachen wurden noch
gemeinsam Arbeiterlieder gesungen, zum Schluss die Inter-
nationale, und mit den Worten dieses lyiedes auf den I^ippen trenn-
ten sich die Gefährten." — —
Wie unerwartet klingen unsere ,, Hundert Jahre" zürcherischer
Lokalgeschichte aus in einem Kapitel vom Weltkrieg! Was hat
sich alles geändert, nur seitdem die erste Seite dieses Buches ge-
schrieben wurde! Und noch brüllt der Orkan ums Haus, noch
rasen die vernunftlosen Elemente. Wie ist es möglich, bei solchem
das ganze Haus erschütternden Unwetter ruhig und gesammelt
sich in die Geschichten der Vergangenheit zu vertiefen ! Man steht
am Fenster und schaut traurig hinaus in den Sturm, der Häuser
zertrümmert. Bäume entwurzelt, Kulturen mit Schutt überführt.
Aber so toll er sich gebärden mag, einmal wird und muss auch
dieser Sturm sich legen, der jetzt alle menschlichen Stimmen ver-
schUngt. Einmal werden die entfesselten Höllengeister gebannt in
die Unterwelt, der sie niemals hätten entsteigen sollen. Die Stunde
kommt — und mit aller Kraft der Seele sehnen wir sie herbei — ,
da auch von unseren Türmen die Friedensglocken schallen werden.
Dann tritt endlich die Vernunft wieder in ihr Recht; dann wird
man auch wieder anknüpfen können an das Vergangene, und wie
eine düstere alte Sage wird es uns vorkommen, dass man am
Weihnachtstage des Jahres 1914 in Zürich den Kanonendonner des
Weltkriegs hörte.
tif„a
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BENUTZTE QUELLEN
Für den II. Band sind ausser den im I. Band pag. 349 ff.
genannten und den gelegentlich im Text selbst erwähnten Quellen
hauptsächlich benutzt worden:
„Winterthurer Landbote" 1867 ff.
J. Koller, Heinrich Grimholzer, Lebensbild eines Republikaners.
Fr. Locher, ,,Die Freiherren von Regensberg", Bd. I — VII.
F. Scheuchzer, Biographie von Sal. Bleiüer-Hausheer.
R. Rüegg, Zwei Briefe von Jakob Dubs, Zürcher Taschenbuch 1905.
H. Sträuli, Die Entwicklung der Demokratie im Kanton Zürich (,, Züricher Post"
1904).
G. Meyer von Knonau, Lebensbild des Professors Georg von Wyss, Neujahrs-
blatt des Waisenhauses 1895 und 1896.
— Die Universität Zürich in den Jahren 1883 — 191 3, Fest-
schrift zur Einweihxuig der Neubauten 191 4.
F. Zehender, Dr. Jakob Dubs, ein schweizerischer Republikaner.
Joh. Scherr, Alfred Escher, ein schweizerischer Staatsmann.
H. Müller, J. J. Treichler, ein Pionier des Soziahsmus und des Genossenschafts-
wesens in der Schweiz (Soz. Monatshefte).
— Arbeiterbewegtmg (in Reichesbergs Handlexikon).
O. Lang, Der Soziahsmus in der Schweiz.
H. Wirz, Aus der Entwicklungsgeschichte der zürcherischen Arbeiterbewegung
(Festführer zum Grütlizentralfest 1908).
G. v. Wyss, Heinrich Emauuel Mousson (Allg. deutsche Biographie und N.Z. Z.).
C. Escher, Die grosse Bauperiode der Stadt Zürich in den 60er Jahren.
— Chronik der ehemaligen Gemeinden Wiedikon und Aussersihl.
— Zürich und die Ausgemeinden, eine Betrachtung und Anregung.
J. Escher-Bürkli, Dr. Arnold BürkH-Ziegler (Neujahrsblatt des Waisenh. 1905).
F. Hunziker, Zur Erinnerung an die Baugartengesellschaft, Z. Taschenbuch 1905.
M. Römer, Strassburg und Zürich in den Jahren 1576 und 1870.
R. Hess, Memorandum über die Vorgänge vom 9. bis 12. März 1871 in Zürich.
J. C. Scheller, Antistes D. Georg Finsler.
Rud. Stähelin, Zur Erinnerung an D. Georg Finsler.
J. Hardmeyer- Jenny, AussteUungszeitimg 1883.
J. Baechtold, Gottfried Kellers Leben, seine Briefe und Tagebücher.
O. Stoessl, Gottfried KeUer (in der Sammlung ,,Die Literatur" von Georg
Brandes) .
Franz Beyel, Zxmi Stil des Grünen Heinrich.
A. Steiger, Gottfried Kellers Mutter.
P. Usteri, Lebensbild von Stadtpräsident Dr. Melchior Römer (Neujahrsblatt
des Waisenhauses 1901).
B. Fritschi-Zinggeler, Die Vereinigimg von Zürich imd Ausgemeinden.
E. Böschenstein, Alt- und Neu-Zürich, Gedenkschrift zur Vereinigung.
432 BENUTZTE QUEI.LEN o
A. Stadler und R. Billeter, Stadtpräsident Hans Pestalozzi (Neujahrsblatt
des Waisenhauses 191 2).
E. Jenny und V. Rössel, Geschichte der schweizerischen Literatur.
Schweizerisches Künstlerlexikon, verschiedene Künstlerbiographien.
H. Trog, Künstlergut, Künstlerhaus, Kvmsthaus (Neujahrsblatt der Kunstgesell-
schaft 191 1).
W. L. Lehmann, Albert Welti (Neujahrsblatt der Kimstgesellschaft 191 3).
Vereinsblatt des Männerchors Zürich (Attenhofer-Nummer).
Ernst Isler, Carl Attenhofer (Neujahrsblatt der Musikgesellschaft 191 5).
A. Glück, Friedrich Hegar (Biographien schweizerischer Tonkünstler).
H. Bleuler-Waser, Leben und Taten des Lesezirkels Hottingen.
Adolf Frey, Conrad Ferdinand Meyer, sein Leben und seine Werke.
— Schweizer Dichter.
Betsy Meyer, Conrad Ferdinand Meyer in der Erinnerung seiner Schwester.
A. Langmesser, Conrad Ferdinand Meyer, sein Leben, seine Werke imd sein
Nachlass.
W. Köhler, Conrad Ferdinand Meyer als rehgiöser Charakter.
F. Erismann, Gesundheits- und Wohlfahrtspflege der Stadt Zürich. Fest-
schrift zur 34. Versammlung des Deutschen Vereins für öffentliche Ge-
sundheitspflege in Zürich 1909 (mit Beiträgen von Leitern verschiedener
Verwaltungsabteilungen) .
A.Wild, Veranstaltungen und Vereine für soziale Fürsorge in der Schweiz.
Allen, die mich bei der Arbeit an diesem Werke mit Rat
und Tat unterstützt haben, sage ich hier nochmals aufrichtigsten
Dank.
Zürich, den 30. Oktober 1915.
S. ZURUNDEN.
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NAMEN- UND SACHREGISTER
Die mit * bezeichneten Stich worte figurieren auch im Register des I. Bandes
Aargauische Nationalbahngarantie-
Städte 6i, 63, 67, 68.
Abchurungsurkunde 340.
Abdeckerei 391.
Abegg- Arter, Carl, Präsident d. Schwei-
zerischen Kreditanstalt Seite XV
(Porträt 396/397)-
Abegg, Haus 117 (erbaut 1891 — 1893,
nicht 1901).
Abegg, J. J., Nationalrat 47.
Abfuhr wesen 114, 330.
Abgeordnetenversammlung 232, 249.
— Schlussfeier 250.
Abt, Franz 276, 279.
Adehge Gesellschaft 121.
Ador, Gustav, Nationahratspräsid. 342.
Adressbuch 134.
,, Aktienhäuser" im Sihlfeld 109.
AlbisgütU, Schiessplatz 400.
Albula, s. Elektrizität.
Alkoholfreie Wirtschaften 378 — 381.
Alpenquai, Bauten 398.
Altersasyl zum „Wäldli" 129.
Altertumsforschung 292.
Amberger, Olga 298.
Amrhyn, eidg. Staatsschreiber 95.
Amsler, Joh. Jak., Dr., Nationalrat 79,
239, 240, 268, 318, 342.
Amthausplatz beim Prediger 364.
AmtHche Inventarisation 45.
Amtshäuser I — IV 366 — 368.
Anarchisten 90.
♦Anatomie 361.
Anderwert, Bvmdesrat 222.
Andreae, Volkmar, Dr., 278, 280, 283,
284, 408, 418.
Angerer, Gottfried 276, 279, 280.
Angst, Heinrich, Dr., Direktor des
Landesmuseums 264, 372.
St. Anna-Areal 375.
*St. Annahof 396.
Anstalten 381.
♦Antiquarische Gesellschaft iii, 222,
294, 371-
Antistes, zürcherische 168.
Appenzeller, Caspar 400.
Arago, französ. Gesandter 188.
Arbeiterbewegung 71, 74, 82, 91.
Arbeiterbund, schweizerischer 85 — 90.
Arbeiterschutz-Kongress 1897: 269.
„Arbeiterstimme" 88, 316.
Arbeitertag in Uster 1877: 88.
— in Winter thur 1878: 89.
Arbeiterunion 317, 329, 337, 338.
Arbeiterverein des Kantons Zürich 84.
Arbeitgeberverbände 78, 335.
Arbeitslosenversicherung 414.
Architektur 289.
Armenier-Kimdgebung 1896: 269.
Armenpflegerkonferenz 256.
Asyl Realp für Unheilbare 382.
Attenhofer, Carl, Dr., Musikdirektor
186, 221, 223, 276 — 284, 408. Por-
trät 282/283.
Attenhofer, Eduard, Major 317.
Augenkhnik 361.
Ausländerzahl 191 4: 428.
Aussonderungsvertrag 222, 362, 415.
B
Bachofner, Heinrich, Direktor 129.
Bachofner, Paul, Pfarrer 368.
Baechtold, Jakob, Professor 190, 209,
264, 295.
Bader, Bezirksrichter, Regensberg 6, 8.
♦Bahnhof Zürich 38, 64, iio, 213, 392.
♦Bahnhofquartier 103, 115, 117.
♦Bahnhofstrasse 115, 117, 395.
Bakteriologie- Gebäude 363.
Bakimin, Anarchist 80, 88.
Bahner, Wilhelm, Bildhauer 288.
Baltensberger, Stadtrat 254, 255.
♦Bank in Zürich (Meisenbank) 117, 397.
BankgeseUschaft, Schweizerische 396.
Bankverein, Schweizerischer 396.
Basler Handelsbank 396.
Bauer, CaroUne, Schauspielerin 309.
Bauernbimd 246.
28
434
NAMEN- UND SACHREGISTER
♦Baugarten 115, n6, 117 (Illustration
116/1 17).
Baugenossenschaften 391, 403, 404.
♦Baugesetz von 1863: 106, 107, 113,
von 1893: 107, 232.
♦Bauhaus (Stadthaus) 118.
♦Baukollegiiun 106, 109, 230.
Baumberger, Georg, Redaktor 358, 359
(Porträt 348/349)-
♦Baumgartner, Wilhelm, Komponist
100, 198, 204, 276, 278.
Bauordnung 107.
Baur, Lehrer 265.
Baiu-, Albert, Dr. 297.
♦Bauschäuzh 268.
Bauwesen, Zweiteilung 232.
Bavier, Emil, Ingenieur 183.
Bebel, August 82, 83.
Bebie, Gemeindeschreiber 249.
Behr, Franz, Musikdirektor 279.
Belle\'ueplatz 119, 153.
Benndorf, Professor 163.
Bergstrasse 126.
♦Berichthaus 130, 399, Jubiläiun 419.
Berieselungsfeld 113, 114.
Bern-Luzern-Bahn 61.
Bettags-Mandate 35.
,, Beutezug" (ZoUinitiative) 346.
♦Bevölkerung der Stadt 428.
Beyel, Franz, Dr. 207.
Beyers, Burengeneral 412.
Bezirksgebäude in Aussersihl 391, 403.
Bibelübersetzung 181.
Biber, Werner, Kantonsrat 318.
Bickel, Otto, Waisenvater 368.
Bildende Kunst 284.
Billeter, Robert, Stadtpräsident 256,
257, 265, 267, 402—409, 413 (Por-
trät 402/403).
Bill willer, Direktor 363.
Bion, Walter, Pfarrer 179, 268, 380, 382.
Birchmeier, PhiHpp, Direktionspräsi-
dent der Nordostbahn 402.
Bischoff & Weideli, Architekten 375.
Bissegger, Walter, Dr. 346, 347, 348,
350 (Porträt 348/349).
Bleuler-Hausheer, Salomon, Redaktor
11-41,60-71,86,262 (Porträt 32/33).
Bleuler-Waser, Hedwig 298, 299.
♦Blinden- und Taubstimimenanstalt
361, 416.
Blindenheim 383.
Blimier, Othmar, Ständerat 142, 145,
232.
Bluntschli, Alfred Friedrich, Prof. Dr.,
Architekt 211, 285, 286, 290, 384
(Porträt 290/291).
Blimtschli, Hans Hch. (s. Memorabilia) .
♦Bluntschli, Johann Caspar 96, 228,
290, 304.
Bluntschli, Stabsmajor 156.
Böckün, Arnold 209, 210, 282, 285,
287, 288.
Bodenkreditanstalt, Schweizer. 367.
Bodmer, Hans, Dr., Lesezirkel 299.
Bodmer ziur Arch 116.
Bohnenblust, Gottfried, Dr. 295.
Boller, Tonhallewirt 152, 154.
,,Bollerei" 290.
♦BoUey, P. A., Chemiker 204.
♦Bollier, Regierungsrat 200.
BoUinger, Rudolf, Dr. jur., Stadt-
schreiber 263, 425 (Porträt 262/63).
Booth, Heilsarmee-General 226.
Bordell-Initiative 351.
Born, Stefan, Basel 70.
♦Börse 116, 117, 285, 291, 325, 423.
Bosshard-Jacot 198.
Bosshardt, Arnold, Dr. jur., Stadtrat
256 (Porträt 404/405).
Bosshart, Jakob, Rektor 296, 297.
Bötzbergbahn 61, iio.
Bourbaki-Armee 141, 143, 145, 148.
Bovet, Ernst, Prof. Dr. 297.
Brahms, Johannes 275, 276.
Bräm, Gebrüder, Architekten 375.
Brandt, Paul, Redaktor 317.
Brann, Warenhaus 395.
Broye, Bundesrichter 268.
Brücken: ♦Bahnhof brücke 115; Draht-
schmiedHsteg 124; Dreikönigsbrücke
398; ♦Gedecktes Brücklein Illu-
stration 390/391 ; Gemüsebrücke s.
Rathausbrücke; Gessnerbrücke 124;
Lettensteg 125; Mattensteg 124;
Mihtärbrücke 124; ♦Münsterbrücke
398; *Oberer Mühlesteg 115, 124 (Il-
lustration 1 1 4/1 15) ; Quaibrücke 119,
123; ♦Rathausbrücke 124, 398;
♦Sihlbrücke 124, 398; Sihlhölzli-
brücke 124; Stauffacherbrücke 398;
Uraniabrücke 367; ♦Usteribrücke
124; Utobrücke 398; Waisenhaus-
steg 124; Walchebrücke 398; ♦Wip-
kingerbrücke 125, 398; Wipkinger
Eisenbahnbrücke 398; Zollbrücke
124, 398.
Brühlmann, Bildhauer 400.
Brun, C, Prof. Dr. 357.
z. Brunnen, Haus 230, 396.
Brunnen, öffentliche 387.
♦Brunnenturm 98, 99, 190.
Brunner, Hans Jakob, Pfarrer 168, 170.
Brunner, Staatsanwalt ^li?-
NAMEN- UND SACHREGISTER
435
Brupbacher, Fritz, Arzt 327.
Bucher, Gerichtssclireiber, Regensberg 6.
♦Biilach 38, 41.
Bullinger, Antistes 130, 168.
♦Bundesfeier 1891: 268.
♦Bundesverfassung 1872: 56, 57; 1874:
58, 218.
♦Bitrckhardt, Jakob, Prof., Basel 204.
Burensammlung 269, 270.
Bürgerasyl 127.
* B ürgergär ten 184.
Bürgerliche Partei Zürich III 31g.
Bürgerhche Stiftungen und Fonds 242.
Bürgerliches Nutzungsgut 247.
♦Bürgernutzungsholz 221.
Bürgerverband 317, 325, 326, 338, 349,
352.
Bürgerzeitung, Schweizer. 317.
Burghölzli loi, 127.
BürgU, oberes 206.
♦Bürkli, Arnold, Dr., Stadtingenieur
106— 117, 122, 123, 131, 215, 394
(Porträt 106/107).
Bürkli, Fritz (Freitagszeitung) 48, "jj,
121, 159.
♦Bürkli, Georg Konrad, Stadtpräsident
106, 353.
♦Bürkli, Karl, Landwehrhauptmann
14—20, 33, 41, 43, 50, 66, 72—80,
83, 87, 89, 90, 99, 316 (Portr. 70/71).
♦Bürkli, Konrad, Präsident der Kaufm.
Gesellschaft 182.
Bürkli, Marie 383.
♦Cafe litteraire 58.
♦Chemiegebäude (beim Polytechnikum)
128, 362.
Chemiegebäude, eidgen. 127, 290.
Chiari, Prof. Dr., Rektor, Strassbg. 139.
Chiodera & Tschudy, Architekten 375.
♦Cholera 28, 43, loi ff., 216.
Christlich-soziale Gewerkschaften 328,
329; Volkspartei 180, 358, 359.
Christi. Verein j. Männer 129, 375.
de Clapar^de, Minister 411.
Clement, Arbeiterführer 84.
Cloetta, Prof. Dr. 418.
Conzett, Redaktor 78.
Coradi-Stahl, Emma ijj, 378 (Porträt
376/377)-
Corrodi, August, Dichter 275.
Corso-Theater 274.
Cramer-Frey, Dr., Nationalrat 269, 397
(Porträt 396/397)-
Curjel & Moser, Architekten, St. Gallen
und Karlsruhe 286, 290, 416.
Curti, Theodor, Nationalrat 34, 68, 69,
A 324, 345, 349-
D
Dampfschiffahrt 123, 394, 395, 426.
Dändhker, Karl, Prof. Dr. 293 (Por-
trät 292/293).
,, Dankesberg" (Blindenheim) 383.
Delarey, Burengeneral 269.
Demokratische Partei, kantonale 18, 30,
38, 52 ff., 58, 71, Ti, 79, 84, 86,
88—91, 345, 346, 349.
Demokratischer Stadtverein 58, 326,
349-
Denkmäler: Wilhelm Baumgartner 100;
Arnold Bürkli 108; ♦Alfred Escher
117, 289; Franzosen-D. 161; Geiser-
Brunnen 400; Gottfried KeUer-
Denkmal 211, ....-Büste 289; *H.
Pestalozzi 400; Schlachtendenkmal
298, 400; Schweizerpsalm-D. 400;
Zwingli-D. 174, 175, 224, 274.
Denzler, Pfarrer, Aussersihl 239.
Denzlerhäuser 398.
Dettenbergkrieg 61.
Deutsch-französischer Krieg 136, 139,
309, 422.
Deutsch-schweizerische Beziehungen
161 — 164, 167.
Deutsche Rundschau 206.
Deutsches Taschenbuch 198.
Dezemberfeier 25.
Dezember-Landsgemeinden 16, 25, 39ff,
Diakonissenanstalt Neumünster, siehe
Krankenasyl.
Dolder (-Bahn, -Quartier, -Park) 401.
Drahtseilbahn: zum Polytechnikum 113,
330; Rigiviertel 401.
Dramatischer Verein 174, 274, 275, 313,
371-
Droz, Bimdesrat 186, 189.
♦Dubs, Jakob, Bundesrat 23, 26, 32, 35,
57, 62, 66, 69, 7Z, 75, 156, 198, 204.
Dufourstrasse 126.
Dunant, Henri 359.
E
Eberhard, Gerold 280.
Eggenschwyler, Urs, Bildhauer 289.
Egger, Prof. Dr. 418.
Egli, Haus zum 119.
436
NAMEN- u5rD SACHREGISTER
Ehrenberg, W., Elektriker 133.
Eidgenössische Bank 27, 106, 396.
♦Eidgenössische Zeitung 105.
Eidgenössischer Verein 87, 90, 344, 352,
353, 355. 356, 358.
Einbürgerung, Erleichterung 271.
Einiglingsamt 321.
„Eintracht", Arbeiterverein 83, 85.
Eintracht, Vereinshaus 179, 327, 428.
Einwohnergemeinde, Einführung 99.
Eisenbahnerlandsgemeinde in Aarau32 1 .
♦Eisenbahngesetz 60, 62; eidg. 59.
Eisenbahnverstaatlichung 324, 325, 393.
Elektrizität: Albula 334, 388; ♦Beleuch-
tung .^07, 388; Beznau 388; Haus-
klingel 134; Kraftübertragung 132;
Letten, städt. Werk 388; ,, Licht- u.
Wasserwerke" 107, 388; ,, Motor"
388; Uhrennetz 134.
Eleonorenstiftung, siehe Klinderspital.
Elisabeth, Kaiserin v. Österr. 103, 104.
Eüsabethenheim 382.
EHsabethenstrasse 127.
♦Elsasser 130.
Elster, Daniel, Dr., Seminarlelirer 277.
Engels, Friedrich 80.
Engüsche Bürgermeister 270.
Epileptische, Anstalt, Schweizer. 129,
357, 382.
Erb, August, Dr., Redaktor 359.
Erdbeben vom 16. Nov. 191 1: 406.
Erdbebenwarte 363.
Erholungshaus Fluntern 179, 382.
Erismami, Friedr., Dr., Stadtrat 2590.,
380 •{•13. Nov. 19 15 (Porträt 258/259).
,,z. Erker" 121.
Ermatinger, Emil, Prof. 190, 207, 297.
Ernst, Heinrich, Architekt 126, 395.
♦Escher, Alfred, Dr., Regierungspräsi-
dent n, 14, 16, 20, 26, 27, 28, 33, 35,
36, 38, 44, 45, 46, 52, 57, 62, 64, 69,
74, 89, 109, HO, 117, 162, 200, 202,
204, 215, 218, 290, 342.
♦Escher, Conrad, Dr. 55, 142, 144, 230,
231, 233, 234, 236, 239, 240, 241, 264,
384 (Porträt 228/229).
♦Escher, Eugen, Dr., Stadtschreiber 36,
44, 45, 55, 64, 65, 102, 103, 104, 105,
140, 215, 263, 342 (Portr. 262/263).
Escher, Hermann, Dr., Direktor der
Zentralbibliothek 364.
♦Escher, Mathilde 128, 375.
von Escher, Nanny, Dichterin 297, 298
(Porträt 298/299).
Escher, Pauline 384.
Escher-Bodmer, Jakob, Dr., alt Ober-
richter 224, 293.
Escher- Bürkli, Jakob, Dr. 106.
Escher-Hess, Major 159.
♦Escher, Wyss & Cie. 332, 397.
♦Escherhäuser 279.
Eschmann, Ernst, Dichter 297.
Eschmann, Regierungsrat 69, 239.
Eugenie, Exkaiserin 112.
♦Evang. Gesellschaft 45, 129, 171, 181,
382.
Evang. Seminar 129, 171, 375.
Evang. Wochenblatt 171.
Exerzierplatz beim Zeughaus 40.
Exner, A., Professor 148.
Fabrikgesetz 85, 87.
Fähnlein der sieben Aufrechten 205, 208.
Farbstein, David, Dr., Kantonsrat 338.
Farner, Caroüne, Dr. med. 376.
Farner, Ulrich, Dichter 275.
Faesi, Robert, Dichter 297.
Faesi-Vernaleken, Adolf, Direktor 351.
Faesi, Pfarrer, St. Peter 168,
Fassbaender, Peter, Musikdir. 280, 408.
Federer, Heinrich, Dichter 297, 359.
Feer, Prof. Dr. 382.
♦Feldhof 118.
Fellner & Helmer, Wien 273, 275.
Fenner, Oberst, Winterthiu: 38.
Ferienkolonien 179, 221.
Feuerbestattungsverein 126, 127.
Fierz, Geschäftshaus zum Sonnenbühl
128, 290, 361.
♦Fierz- Landis, Karl 235, 394.
Fietz, Hermann, Kantonsbaumstr. 364.
Filteranlage : im Industriequartier 115;
im Moos (WoUishofen) 387.
Finanzreferendum 47.
Finsler, Diethelm Georg, Antistes 126,
168, 169, 170 — 176, 224, 226, 245
(Porträt 168/169).
Finsler, Johann Georg, Pfarrer 168.
Finsler, Marie 381.
Finsler, Rudolf, Pfarrer u. Dekan 176.
Fleiner, Albert, Redaktor 285.
♦Fleischverkaufshalle 120.
Folien, Ludwig 197, 198, 199, 200.
Forel, A., Prof. Dr. 380.
Forrer, Clara 298, 377 (Portr. 298/299).
Forrer, Ludwig, Bimdesrat 14, 18, 19,
33, 47, 57, 67, 68, 71, 268, 271, 272,
301, 346, 405, 407, 411.
,, Forster", Schwesternheim 382.
Franel, Dr., Direktor 271.
Französ. Internierte 187 1 : 145, 146, 160.
NAMEN- UND SACHREGISTER
437
Frauenklinik 127, 364.
Frauenstudium 355.
Frauentätigkeit 375.
Frauenverein für alkoholfreie Wirtschaf-
ten 184, 378, 381.
Frauenverein für Hebung der Sittlich-
keit 382.
Fraumünsteramt 128, 281, 365 (Illustra-
tion 280/281).
Frey, Zigarrenmacher 14.
Frey, Adolf, Prof. Dr. 208, 295, 296,
310, 311, 313, 417.
Frey, Alfred, Dr., Nationalrat, Vizepräs,
des Schw. Handels- u. Industrie-Ver.
269, 296, 397.
Frey, Emil, Redaktor 402.
Frey, Jakob, Dichter 296.
Frey, Jean, Buchdruckerei 317.
Frey-Nägeli, Theodor 343.
Freie Schule Zürich i: 129, 375.
„Freie Stimmen vom Uto" 235.
*Freie Strasse 126.
*Freies Gymnasium 375.
,, Freiherren von Regensberg", Die 3,
7—20, 23, 36, 39, 47-
Freihgrath, Ferdinand 197.
*Freischarenzüge 198.
von Freising, Otto, Bischof 117.
Freisinnig-demokratische Mittelpartei
343, 345-
Freisinnig-demokratische Partei der
Schweiz 346, 349.
Freisinniger Stadtverein 326, 340, 344,
351-
Freitag, Architekt 400.
*Freitagszeitung 6, 7, 30, 42, 46, 47, 48,
80, 157, 181, 309, 313, 353, 356.
♦Freiwillige und Einwohnerarmenpflege
174, 221, 263.
Frick-Forrer, alt Pfarrer 275.
,, Friedens-Glocke" 327.
Friedhöfe: *St. Anna 126; Enzenbühl
385; Fluntern385; Giesshübel 385;
*Hohe Promenade 226, 374; *St. Ja-
kob 127; Judenfriedhof 126; Katho-
lischer 127; Löchli -Wiedikon 127,
161; Manegg 385; Nordheim 385;
Realp 126; Zentralfriedhof 126,
127.
Fries, Goldschmied 130.
Friesenberggelände 391.
Fritschi-Zinggeler, Benjamin, Stadtrat
234—239, 249, 255, 261, 264, 334
(Porträt 228/229).
*Fröbel, Julius, Dr. 197, 198.
Fröhhch, Edmund, Pfarrer 179.
FröHch, Albert, Architekt 385.
*Fröschengraben 115, i i7(IUustrationen
24/25, 52/53)-
Furrer, Konrad, Prof. Dr., Pfarrer am
St. Peter 126, 178, 179, 269.
*FüssU, Antistes, Pfarrer, Neumünster
168, 169.
Gabler, Schulhaus 128.
Gachnang, Konrad, Lehrer 279, 400.
Ganz, Photograph, Haus 117.
Gartenbauschule in Niederlenz 378.
Gartenstadtgenossenschaft 404.
Gasarbeiter 326, 327.
Gasversorgung 230, Gasfabrik Enge 386,
Industriequartier 386, Schlieren 326,
332, 333, 386, 405, 406.
Gattiker, Präsident, Hirslanden 88.
Geihnger, Max, Dichter 297.
Geiser, Arnold, Stadtbaumeister 400.
Gemeindegesetz 1855: 104, 216; 1866:
99, 216; 1875: 177, 220, 221, 229.
Gemeindehaus Feldeggstrasse 128.
Gemeindeinitiative Wettstein 1903 : 270.
Gemeindekommission der Stadt Zürich
und der Ausgemeinden 229.
* Gemeindeordnung 1866: 99, 216; 1877:
221; 1892: 232, 249; 1907: 270;
1913: 414.
Gemeindeorganisationsgesetz 1865: 99;
1912: 413.
Gemeindeverein für das vereinigte Zü-
rich 255, 344, 351, 352, 353.
♦Gemeindeversammlung i. Febr. 1891:
241; letzte II. Dez. 1892: 264.
Gemeinnütziger Frauenverein 376.
Gemischter Chor 276, 280 — 284.
Gemüsehalle 124.
Genier Zentenarfeier 191 4: 280.
Gerber, Nikiaus Dr., 134.
Gerichtsärztliches Institut 361.
Geschäftsberichte der Stadtbehörden,
Veröffentlichung 105.
Geschichtforschende Gesellschaft der
Schweiz 354.
Geschichtsschreibung 292.
Gesellschaft ehemal. Polytechniker 222.
Gesellschaft für die Erhaltung schweize-
rischer Kunstdenkmäler 294.
Gesellschaft der Gelehrten auf der Chor-
herren 212.
Gesellschaft der Schildner zum Schneg-
gen 107, 121, 222.
Gesetzes-Initiative 47.
438
NAMEN- UND SACHREGISTER
Gessner, Georg, Antistes i68, 169.
*Gessner, Salomon 341.
Getreidemonopol 69, 89.
Gewerbeausstellung 1894: 268.
Gewerbemuseum 221, 230.
Gewerbeverein 1872: -j-j.
Gewerkschaften 85, 429.
Gewerkschaftsbund 88.
Girardet, Walz & Cie. 399.
Glattfelden 61, 191.
Globus, Warenhaus 398.
*Glockenhaus (Ch.V.j.M.) 375.
Gnehm, Dr., Schxilratspräsident 271.
Godet, Charles, Prof. 305.
*z. Goldenen Winkel 191.
, , Goldener Ring' ' 118.
GoU, F., Prof. 127.
Gordon Bennet-Wettfllegen 405.
Gossweiler, Jungfer, Susanne, Lehrerin
219.
Gottfried Keller-Haus 301.
Gottfried Keller-Zimmer 211.
♦Gotthardbahn 64, 109, 110.
z. Greifen, Haus 191.
Grenzbesetzung 1870/71: i36ff.
Grether, Albert, Baumeister 401.
Greulich, Herman n^ 40, 82 — 91, 255,
319—327, 338, 349 (Portr. 70/71).
Grieder, Seidenhaus 396.
Grimm, Robert, Nationalrat 334, 337.
Grob, Em., Regierungsrat 187, 224, 239.
Grob, Joh. Caspar, Stadtrat 249, 255,
258, 259, 376.
Grob-Zimdel, Kaufmann 129.
Gröbli, Professor 270.
Grönlandexpedition, schweizerische,
1912: 363.
Grosser Stadtrat, offen tl. Sitzungen 105.
♦Grosser Stadtrat, Wahl verfahren 99,
4M-
♦Grossmünsterschulhaus, s. Höhere
Töchterschvile.
* Grossrats wählen 1854: 73.
,, Grünenhof" 225.
,, Grüner Heinrich" 191, 192, 196, 201,
202, 203, 207.
* Grünes Schloss 130.
Grunholzer, Heinrich, Nationair at,Uster
33, 37, 38, 44, 56, 198.
,,Grüthaner" 86, 262.
Grütli- und Arbeitervereine 91.
Grütliverein 40, 69, 72, Ti, 84, 85, 86,
91, 262, 399.
, , G ry f f enberg' ' 117.
GuU, Gustav, Prof. Dr., Stadtbau-
meister 285, 286, 291, 292, 362, 365,
367-373. 383, 393 (Porträt 290/291).
Gusserow, Prof., Rektor 139, 148, 156,
164, 167, 223.
♦Guyer-Freuler, Eduard 183.
Guyer-Zeller, Adolf 117, 322, 393.
*Gysi-Schinz, Heinrich, Stadtrat und
Stadtschreiber 104, 263.
H
Haab, Robert, Dr., Regiervmgsrat 347,
405-
Häberhn, N. O. B. -Direktor 9.
,,Häfelei" 12.
♦Hafen Zürich und Riesbach 119, 124.
Hatter, Adam, Regierungsrat 65, 113.
♦Hagenbuch, Franz, Staatsschreiber,
Regierungsrat u. StadtpoHzeipräsi-
dent n, 153, 154, 157, 205, 207, 290,
342.
Handels- u. Industrie- Verein 397.
♦Handelskammer 397.
Hardhüsh 114.
Hardmeyer- Jenny, J. 182, 297.
Hardstrassenüberführung 392.
Härlin, Dr., Redaktor 6, 7, 13.
♦Harmonie, Sängerverein 175, 221, 276,
279, 280, 281, 311, 372, 400, 408.
Hasler, Elias, Gemeindeschreiber, Stadt-
rat 236, 237, 249, 255, 260.
♦Hauser, Em., Dr. med. (Aussersihl)
228.
Hauser, Walter, Bundesrat 34, 69, 90.
Haushaltungsschule Zeltweg 376, m,
378.
Hauth, Emil, Redaktor 317.
Heer, Dr., von Glarus, ei dg. Kommissär
157, 160.
Heer, Anna, Dr. med. 176 (Porträt
Heer, Jakob Christoph, Schriftsteller
296.
Hegar, Friedrich, Dr., Musikdirektor
186, 204, 275—283, 296, 311, m,
408, 417 (Porträt 282/283).
Hegetschweiler, Statthalter 198.
HeierU, Jakob, Dr. 294.
Heilsarmee 224, 225, 226.
Heim, Albert, Prof. Dr. 127, 376.
Heim, Ignaz 126, 276, 279, 280.
Heim-Voegtlin, Marie, Dr. med. 376.
Heimplatz 286.
Heimstrasse 1 26.
♦Helmhaus 289, 371.
Hemmerlin, Felix, Chorherr 130.
Henneberg, G. 117; Kunstgalerie 398.
Hertenstein, Regierungsrat 56, 69, 218.
NAMEN- UND SACHREGISTER
439
Herter, Arbeiterführer 88, 90.
♦Herwegh, Georg, Dichter 196, 308.
Herzog, Hans, General 136, 142, 143, 187.
Hess, Hans Jakob, Antistes 168.
*Hess, J. J., Bürgermeister 96.
Hess, Rudolf, Oberst 146, 150 — 154.
*Heusler, Andreas, Prof. Dr., Basel 247.
Heusser, Meta, Dichterin 105.
*Hiestand, Pfarrer, Neumünster 126.
*Hinrichtungen 99, 115.
Hirzel, Hartmann, Pfarrer, Aussersihl
239-
Hirzel, Heinrich, Diakon, St. Peter 178.
*Hirzel, Kaspar, Regierungsrat 178.
Hirzel, Paul, Pfarrer, Schulratspräsident
155, 179, 221, 245.
*Hitzig, Ferdinand, Professor 169, 200.
♦Hochschule, s. auch Universität.
Hochschule, Halbjahrhundertfeier 223,
224, 355'
Hochschulfond '210, 211; Stiftung 418.
Hodler, Ferdinand, Maler 370.
Hofer, Moritz, Waisenvater 221, 368.
Hoffmann, Arthur, Bundesrat 407, 411.
Hoff mann von Fallersieben 197.
♦Hofmeister, Hans Heinrich, Stadt-
schreiber 263.
Hof stetter- Bader, Joh., Rektor 129.
Höhere Lehranstalten 361, 364.
Höhere Töchterschule 219, 220; im
Schulhaus Grossmünster 373, Neu-
bau Hohe Promenade 292, 373, 374.
Holzmann-Forrer, s. Forrer, Clara.
Honegger, Dr., Literat 14, 38, 41.
Honegger, Heinrich, Dr. 280.
Hoerbst, Baptist, Bildhauer 279.
Hörni, Konrad, Nationalrat 349.
Hotels: Augustinerhof 399; Bellevue
119, 120; Bilharz 119; Dolder Grand
Hotel und Waldhaus 401 ; ♦Glocken-
hof 375; National 117; Pfauen 126;
Sonnenberg 401 ; ♦Ütliberg, Hotel u.
Restaurant 1 1 2 (Illustr. 112/113);
Viktoria 117; *Zürcherhof 36, 37.
Hottingerstrasse 126.
Hottinger Turnverein 299.
Huber, Regierungsrat 14.
Huber, Eugen, Prof. 127.
Huber-Werdmüller, Anna Maria 380,
381.
Huber- Werdmüller, Peter Emil, Oberst
112, 122, 131, 132,381 (Portr. 106/7).
HüHsgesellschaft 173.
Hüni, Nationalrat 7.
Hürhmann, J., zum Pfauen 126, 401.
Hygienisches und pharmakologisches In-
stitut 361, 416.
I J
Jahresmessen 217, 218 (Illustr. 216/217).
Jegher, A., Ingenieur 183.
JelmoH, Warenhaus 395.
Hg, Alfred, Minister 289.
Industriegeleise 125.
♦Industriequartier 125, 234 (s. auch
Wohnungsbau) .
Ingenieur- u. Architektenverein 254, 271,
Initiative 25, 32, 36, 40, 50, 69, 80.
InteUigenzblatt 6, 7.
Internationale, Sektion Zürich 83, 84.
Internationale Arbeiter-Assoziation 80,
81, 82, 85, 86, 91.
Internierten- Durchreise 1914: 422.
Joachim, Joseph, Violinvirtuose 276.
Joos, Dr., Schaffhausen 68.
JournaMstik als Lehrfach 350.
Itahener, Flüchtünge 1914: 422.
ItaUener-Krawall 1896: 268, 269.
Judenemanzipation 215.
,, Jungdemokratische" Opposition 349.
Jungfraubahn 393.
,,JtmgUberale" 56.
Juristische Bibhothek 363.
K
Kaiser, Isabelle 371.
Kaiser, Simon 69.
Kaisertage 191 2: 406 — 413 (Illustra-
tionen 406/407, 410/41 i).
Kammermusikauif ührvmgen 28 1 .
KanaUsation 107, 113, 230.
Kantonalbank 35, 36, 47, 65, 69, 118.
♦Kantonsbibhothek 363.
Kantonschemiker, Gebäude 361.
Kantonsrat, Gebet und rehgiöses Amts-
gelübde 316.
Kantonsratswahl 1878: 66, 89; Motion
Walder 318.
Kantonsratswahl Aussersihl 1902: 318,
319-
Kantonsschule, Neubau 1900: 364.
„Kapf" 383-
♦Kappeier, Karl, Ständerat ixnd Schul-
ratspräsident 222, 226.
♦Kappelerhof ii8.
Karfreitag als Feiertag 173.
Kartell der städtischen Beamten 329.
Kartoffelmarkt 126 (lUustr. 126/127).
♦Kaserne Aussersihl 125, 230, 342.
♦Kaserne Thalacker 103, 125 (Brand)
(Illustration 124/125).
440
NAMEN- UND SACHREGISTER
♦Kasino, jetzt Obergerichtsgebäude loi,
128, 281.
Kasino Hottingen 226, Unterstrass 400,
Zürichhoru 400.
♦Kaspar Escher-Haus 398.
♦Katholiken 356, 358, 359.
Kathohsche Volkspartei 359.
Kathohsches Gcsellenhaus Wolfbach
130.
♦Kaufliaus beim Fraumünster 285, 365.
„zur Kaufleuten" 375.
Kaufmann, Bernhard, Kantonsrat 338.
Kaufmännische Gesellschaft 116, 182,
397-
♦Kaufmännischer Verein 375, 402.
Kehrichtverbrennungsanstalt 390.
Keller, ,, Bankvater" von Fischenthal
33, 42-
♦Keller, Ferdinand, Gründer der Anti-
quarischen Gesellschaft 111,222,371.
♦Keller, Gottfried 3, 34, 47, 100, 167,
186, 190 ff., 223, 227, 267, 278, 287,
290, 295, 302, 303, 309, 311 ff., 355
(Porträt von Karl Stauffer- Bern
190/191).
Keller, Gustav, Dr., Regierungsrat 418.
Keller, Karl, Professor 100, 280.
Keller, Konrad, Bauernbund 246.
Keller, Regula 192, 193, 209.
Keller- Scheuchzer, Ehsabeth, Gottfried
Kellers Mutter 191, 192, 194, 195,
203, 205, 374.
Kempter, Lothar, Kapellmeister 264,
273, 274.
Kern, Hans, Stadtrat 261, 336 (Por-
trät 404/405).
♦Kern, Johann Konrad, Dr., Schulrats-
präsident 290.
Kesselring, H., Professor 224, 383.
♦Ketzerturm 120 (Illustration 98/99).
Kinderheilstätte Ägeri 382.
Kinderhilfstag 406.
Kinderpavillon beim Kantonsspital 406.
Kinderspital (Eleonorenstiftvmg) 103,
129, 381.
Kinematographenindustrie 399.
Kinkel, Gottfried, Prof. 127, 169, 309.
Kirchen und Kapellen: ♦St. Anna 128,
179, 358, 375, 383 (Illustr. 128/129);
St. Antonius 290, 385; Apostohsche
384; ♦Augustiner 358, 385; Bethel
385; EUsabethenstrasse (altkath.)
385; Enge 128, 231, 290, 384; Eng-
lische 385; Flimtern 128; ♦Fran-
zösische 97, 385; ♦Fraumünster 128,
292, 356, 358, 365, 383; Friedens-
kirche 128; ♦Grossmünster 128, 383;
♦St. Jakob 384; Johannes 384; Sankt
Joseph 290, 385; Italienische kath.
385; Kreuzkirche 384; Leimbach
384; Liebfrauen 385; ♦Neumünster
(und Kirchgemeindehaus) 384 ; Ober-
strass 384; ♦St. Peter 128, 176, 178,
179 (Jubiläum); St. Peter und Paul
359, 385; Prediger 176, 179, 364, 384;
Salem 384; Unterstrass 128 (Minori-
tät 384) ; Wiedikon und Wipkingen
384-
Kirchenbehörden, schweizer. Abgeord-
netenversammlung 173.
,, Kirchenblatt f. d. reform. Schweiz" 169.
Kirchengesangbuch 173.
Kirchengesellschaft, schweizer. 173.
♦Kirchengesetz 171, 172, 173, 176, 177.
Kirchenordnung 173.
♦Kirchenrat 55, 172, 173.
♦Kirchensynode 47, 172, 173, 181.
Kirchgemeinden 168, 170, 176, 177, 220,
356, 385-
,,Kirchhche Statistik der reformierten
Schweiz" 169.
Kirchliche Zentralkasse 177.
Kirchner, Theodor, Musiker 204, 279,
281.
Kisling, Sebastian, Eisenhändler, Präsi-
dent der Theater-A.-G. 273.
♦Kisshng, Richard, Bildhauer 211, 289,
371, 383 (Porträt 286/287).
Kloakenreform, s. Kanahsation.
Klöti, Emil, Dr., Stadtrat 256, 257
(Porträt 258/259).
Knabenschiessen 264, 279, 427,
Koahtionsgesetz 72.
Koch-Vherboom 275.
Köchly, Prof. 308.
Kölle, Friedrich, Direktor 129.
Koller, August, Stadtrat 255, 256, 403.
Koller, Rudolf, Maler 204, 287, 288, 295,
404 (Porträt 286/287).
♦Kommunismus 71, 72, 84.
Kommunistenbund 80.
Kommunistisches Manifest 80.
♦Konservative 45, 50, 56, 343 ff., 350 ff.
Konservatorium für Musik 277, 278,
280, 281, 283.
Konstanzer Regimentsmusik 218, 405.
♦Konsumverein 73, 74, 83.
Kopp, E., Prof. 127.
♦Kornhaus beim Bahnhof 100, 184.
Kornhaus beim Fraumünster, s. Kauf-
haus.
Korrodi, Eduard, Dr., Literarhistoriker
296.
Kraft, Adolf, Dr. med., Stadtarzt 271.
NAMEN- UND SACHREGISTER
441
Kranken- u. Unfallversich. -Vorlage 232.
*Kraukenasyl Neumünster 129, 382.
♦Krankenhäuser 381.
Kratzplatz 116.
♦Kratzquartier 118, iig (Illustr. 118/9).
♦Kratzturm 115, 116.
♦Kräuel 125.
Krauskopf, W., Dirigent 279.
Krebser, Schneider 20, 43.
♦Kreditanstalt, Schweizer. 27, 28, 99,
118, 396, 403.
Kreditverein Winter thur 67, 68.
Kreiseinteilmig, neue 413.
Krematorium, altes, 126, 127; neues 385.
Kreuzhof, Forchstrasse 26: 129.
Kriegsnotunterstützuiag 425.
Krönlein, R. U., Prof. Dr. 406.
Krüppelhafte Kinder, Anstalt 383.
Kunst und Literatur 273 ff.
Kunstgesellschaft, Zürcher 284, 285,
286, 287, 288, 357.
Kunstgewerbemuseum 370.
Kunstgewerbeschule 370.
Kimsthaus 285, 286, 290.
KünstlergeseUschaft, s. Kunstgesellsch.
♦Künstlergüth 284, 285, 286, 357, 416,
417 (lUustr. 284/285).
Künstlerhaus 285.
Künstler lexikon 357.
Kunstverein, Schweizer. 284, 357.
Kunstverein Winterthur 298.
KünzU, Oberst 346.
Kurz, Dr., Nationalrat 268.
Kutter, Hermann, Lic. theol., Pfarrer
am Neumünster 179, 180.
Lachenal, Adrien, Bundesrat 267, 372.
Land- imd forstwirtschaftliche Schule
127, 362.
♦Landbote, Winterthur 28 ff., 37 ff.,
60 ff., 86, 237, 262.
Landesausstellung 1883: 109, 182, 236
(lUustr. 182/183].
Landesausstellung in Genf 1896: 280.
Landesausstellung in Bern 191 4: 419;
Alkoholfreie Restaxuration 380.
♦Landesmuseum 266, 292, 293, 294, 370,
371, 412, 413 (lUustr. 370/371); Ein-
weihung 371, 372, 373.
Landknabeninstitut 193.
♦Landolt, Elias, Professor 245.
♦Landolt-Mousson, Heinrich, Stadtrat
215, 286, 342.
Landry, Hotelier 112.
,, Landschaftklub" 244.
Lang, Arnold, Redaktor 86.
Lang, Arnold, Prof. Dr. 364, 415, 416,
418.
Lang, Heinrich, Pfarrer am St. Peter
174, 178.
Lang, Otto, Obergerichtspräsident 316,
318, 319, 320, 342.
Lang, Richard, Dr. 316.
Lange, Friedrich Albert, Prof., Pliilo-
soph 32, 61, 83.
♦Langstrasse, Zentralschulhaus 128.
Lasius, Prof. 290.
Lavaters Grab 126.
♦Lebensmittelverein 331, 396, 423.
♦Lebensversichenmgs- u. Rentenanstalt,
Schweizer. 232, 397.
Legagneux, Flieger 406.
Lehmann, Hans, Dr., Direktor des Lan-
desmuseums 372, 412, 413.
Lehmann, W. L-, Maler, München 288.
Lehrerinnen in der Volksschule 219.
Lehrerinnen- Seminar 277, 278.
Lehrergesangverein 274, 283, 284.
Lehrerwahlen in der Stadt 1903: 270.
Lesezirkel Hottingen 298 — 301, 313,373.
Leu & Co., A.-G. 118, 230, 396.
Leuenhof 396, 399.
„Leute von Seldwyla" 202, 206.
Leuthold, Heinrich 295.
Liberal-demokrat. Partei d. Schw. 353.
♦Liberale Partei 31, 45, 48, 56, 58, 69,
107, 340, 345, 346, 347, 351, 352-
Liebknecht, Wilhelm 80.
Liegenschaf tenerwerbuug f. d. Stadt 404.
Lienert, Meinrad, Dichter 297.
,,Limmat" 317.
♦Limmatquai 120.
Lincke, Präsident der Harmonie 408.
♦Lindenhof 265, 368.
Lindenhofstrasse 367, 368.
Linksufrige Zürichseebahn iio, 393,
394, 403-
Linthescher-Schulhaus 128.
Liszt, Franz, Komponist 223, 308.
Literarischer Club des Lesezirkels Hot-
tingen 301.
♦Literarisches Comptoir 197.
Literatur 292 ff.
Liturgische Frage 172.
Locher, Albert, Dr., Regierungsrat 69,
79, 323, 349, 418.
Locher, Eduard 398.
♦Locher, Friedrich, Dr., Pamphletär
4—23, 33—48.
Locher, Fritz 398.
Locher- WerUng, EmiUe, Dichterin 275.
442
NAMEN- UND SACHREGISTER
Löwengeschenk Alfred Ilgs 289.
Löwig, K. J., Professor 200.
„Luchs", zum grossen i_2i.
Lüdi, Rudolf, Dr., Redaktor 317.
Ludwig, Prof. 308.
Lumierescher Kinematograph 399.
Lutz, Jakob, Regierungsrat 257, 265.
M
,,Magneta" 361.
Männerchor Aussersihl 277, 284.
Männerchor Enge 280.
Männerchor Zürich 175, 221, 276 — 284,
372, 408.
Manz-Schäppi, Karl, Kantonsrat 82.
Marthabaus vmd kl. Marthahof 382.
Marti, Fritz, Dichter 296.
Martin, W., Architekt 183.
,, Martin Salander", Roman 208.
Marx, Karl 80, 81.
Maschinenfabrik Örlikon 132.
Maschinenlaboratoriimi 362.
Materialprüfungsanstalt 127.
Mathilde Escher- Stiftimg 128, 383 (siehe
auch St. Annakapelle).
*Maulkrattengesetz 72.
Mamrer, Julius, Dr., Direktor 363.
Max, Gabriel, Maler 285.
Medizinisch-chirurgische Bibhothek 363.
Medizinische PoHkünik, Gebäude 361.
Meili, Pfarrer, Dr., 380.
Meisenbank, s. Bank in Zürich.
V. Meiss, Gottfried, Junker 191.
♦Meister, Ulrich, Oberst 36, 50, 68, 69,
86, 88, 150, 154, 155, 157, 245, 249,
267, 324, 340—347 (Portr. 342/343)-
Meister sen., Kreisförster im.d National-
rat 340.
Memorabilia Tigurina 274.
Menzi, Pfarrer 38.
Mercatorium 396.
MerkU, Jakob, Oberstleutnant, Ober-
richter 327.
Messner, Major 405.
Meteorologische Zentralanstalt 363.
Metropol- Gebäude 395.
Metzgerprozess 390.
Metzgerstein 124.
*Metzg- Passage 120.
Meyenberg, Pankraz, Kesselschmied
158, 159, 166.
Meyer, Albert, Dr., Nationalrat 348.
Meyer, Arnold, Prof. Dr. 278.
Meyer, Betsy, Mutter von C. F. Meyer
302—307.
♦Meyer, Betsy, Schwester von C. F.
Meyer 303—308, 311.
Meyer, Conrad, Dichter 308.
*Meyer, Conrad Ferdinand 175, 186,
208, 210, 211, 273, 278, 282, 295,
302—314, 357, 420 (Porträt von
Karl Stauffer-Bern 302/303).
♦Meyer, Ferdinand, Erziehungsrat 302,
304-
Meyer, Hermann, Sekretär der Handels-
kammer 397.
Meyer, Stadtrat 242, 255.
Meyer von Knonau, Gerold, Prof. Dr.
222, 223, 224, 292, 294, 353, 356, 415
(Porträt 292/293).
*Meyer-Ott, Wilhelm 307.
Meyer-Schinz, Friedr., Dr., Bibliothekar
des Dramat. Vereins 274, 313.
Mietnotunterstützung 425.
Militärausrüstiuig, luientgeltUche 35.
Mihtärbaracken, Brand 125.
Mihtärisch-mathemat. Gesellschaft 109.
Miütärorganisation, eidgen. 272.
♦Mihtärställe 125.
MiUtäruniform j^.
Minderheitsvertretung 355.
Mittwochgesellschaft, Akademische }ß.
Mobihsation 1914: 339, 424, 425.
Moleschott, Professor 204, 223, 308.
Molkerei, s. Gerber, Nikiaus.
Moltke, Generalfeldmarschall 188, 209.
Mommsen, Prof. 308.
Moratoriumshnien der N. O. B. 65.
Morel, Bimde-srichter 268.
Morf, Rud., Arbeiterführer 87.
Morgartendenkmal 1908: "jj.
Moser, Karl, Prof., Architekt 286, 290,
361, 385, 416 (Porträt 290/291).
Moser, Robert, Dr., Oberingenieur iio,
285, 392.
Motta, Giuseppe, Dr., Bimdesrat 407.
Motteier, ,,der rote Postmeister" 88.
♦Mousson, Albert, Physiker 105.
Mousson, Georg, Dr., Fürsprech 105,
152.
Mousson, Heinrich, Dr., Regierungsrat
105, 255, 256, 336, 413, 418.
♦Mousson, Heinrich Emanuel, Bürger-
meister und Stadtpräsident 95 ff.
(Porträt 94/95)-
♦Mousson, Kanzler 95.
Mousson-von May, Rud. Em. Heinrich,
Bankier 105.
Mühlebachstrasse- Schidhaus 128.
Mühlegasse 367.
Müller, Eduard, Bundesrat 324.
Müller, Albert, Architekt 291.
NAMEN- UND SACHREGISTER
443
Müller, Albert, Verlag 374.
Müller, Emil, Oberrichter 268.
MüUer, E. J., Architekt 257.
Müller, Gottfried, Oberrichter 327.
Müller, Wilhelm, Dr. med. 374.
Müller, Polizei direkter 150, 153.
*Münsterhof 178.
Mimzinger, Karl, Musikdirektor 283.
V. Muralt, C, Architekt 383.
*v. Muralt, Conrad, Bürgermeister 96,
97-
V. Muralt, C, Dr. med. 285, 375.
V. Muralt, Lily 299.
V. Muralt-Planta, Wilhelm, Dr. med.
381.
V. Mvuralt-Ulrich, Thekla 299.
*Museums- oder Lesegesellschaft 121.
Musikakademie Angerer 280.
Musikfest, Allgem. deutsches 1882: 223;
Eidgenössisches 1867: 99, 100.
Musikgesellschaft, Allgemeine 281.
*Musiksaal 281, 365 (Illustr. 280/281).
*Musikschule, s. Konservatorium für
Musik.
Mylius, Architekt 290.
Mythenstein- Feier 1860: 204.
N
Naegeh, Hans, Stadtrat 260, 326 (Por-
trät 258/259).
Nägeli, Heinrich, Regierungsrat 239,
407, 413-
*Nägeli, Hans Georg, Sängervater 276.
*zum Napf 219, 281.
Nater, Bildhauer 175.
Nationalbahn 52, 53, 54, 60 — 69.
Nationalbank 232, 397, 399.
Nationalökonomie an der Hochschule 84.
Nationalratswahlen 1872: 57; 1878: 66.
Naturforschende Gesellschaft 363.
Netschajeff, russischer Revolutionär 85.
Neubürgerfeier 220.
,, Neue Wege", Monatsschrift 180.
,,Neue Zürcher Nachrichten" 358, 359.
*„Neue Zürcher Zeitung" 29, 31, 32, 42,
44, 45, 48, 49, 53, 58, 64, 65, 69, 130,
140, 141, 157, 165, 242, 246, 296, 347,
352, 399-
,, Neuer PostiUon" 317.
*Neumühle 398 (Illustr. 398/399).
Neiimühleschloss 399.
,, Neusilberne" 56.
*Neustadt 126.
Neutrahtät, schweizerische 140, 149,
293-
Neutralitätsverordnimg 427.
Niedergelassene, Rechtsgleichheit 98,
216, Einbürgerung 220.
Niedermann, Wilhelm, Dichter 275.
♦Nordostbahn 6, 28, 54, 60 — 67, 89, in,
321—325 (Streik), 392, 393.
Nötzli, Redaktor des Nebelspalter 254.
November feier 25.
*Nüscheler, David, Stadtrat 99.
*Nüscheler, Johannes, Stadtschreiber
263.
o
♦Oberdorf türm 119.
Obrist, Arbeiterführer 90.
,,0 mein Heimatland" 197, 198, 210.
♦Oechsli, Wilhelm, Prof. Dr. 271, 272,
288, 292, 342 (Porträt 292/293).
Offene Bebauung, Vorschriften 360.
Olgiati, Bundesgerichtspräsident 268.
Omnibusdienst 131.
Orchesterverein 280, 281.
*Orell Füssli & Co. 45, 130, 134.
von OreUi, Alois, Prof. 356.
von Orelh, Karl Anton, Stadtforst-
meister 341.
OreUi-Rinderknecht, Susanna 380, 381
(Porträt 376/ 377)-
ÖrUkon-Bülach-Dielsdorf iio.
*Ötenbach-Areal292,365; Quartier 366,
367; Strasse 115.
Papierfabrik an der Sihl 397.
♦Papiermühle ,,Werd" 398.
Paravicini, Rud., Generalstabschef 136.
von Parseval, Major (Luftschiff er) 405.
Pathologisches Institut beim Kantons-
spital 127.
,,Patumbah", Villa 129.
Pau, General 411.
Pelikan, hinterer 253.
Pensionskasse, städtische 403, 414.
Pestalozzi, Stabshauptmann 1871: 150,
153, 154-
Pestalozzi, Friedrich Otto, Kantonsrat
87, 242, 285, 344, 351, 353, 357
(Porträt 348/349)-
♦Pestalozzi, Hans, Stadtpräsident 210,
242, 245, 253, 255, 261, 265, 267, 270,
271, 348, 372, 404 (Portr. 252/253).
♦Pestalozzi, Karl, Oberst 90.
Pestalozzi, Ludwig, Pfarrer 87, 171, 175,
176, 267.
444
NAMEN- UND SACHREGISTER
* Pestalozzi- Wiser, Rud. Alex. 155, 171,
355-
Pestalozzianum Seite XII.
Pestalozzi-Gesellschaft 299, 380.
Peter, Heinrich, Direktor der Wasser-
versorgung 386, 388.
Peterhof 396.
Pfadfinder 427.
Ptauentheater 274.
Pferminger, alt Nationalrat 342.
Pfister, A., Architekt 183.
Pf ister, Gebrüder, Architekten 375.
Pflegerinnenschule, Frauenspital 376.
Pfleghard & Häfeli, Architekten 375.
Pflüger, Paul, Stadtrat 180, 258, 319
(Porträt 404/405).
Physik- und Physiologie- Gebäude, kan-
tonales 127.
Physikgebäude, eidgen. 127, 290, 363.
,, Pilgerbrunnen" 382.
Piz Blas, Katastrophe 270.
Plater, Wladislaus, polnischer Graf 309.
Platten, Fritz, Arbeitersekretär 332 bis
338-
♦Platzpromenade 183, 184, 185, 380.
Plechanow, russischer Sozialdemokrat
315-
PoHtische Führer 340 ff.
Politischer Gemeindeverein 44. 45, 56,
57, 84, 343.
PoUzeikaserne 366.
Polizeistunde 191 4: 428.
♦Polytechnikums- Gebäude 127, 128,
266, 289, 290, 292, 362, 363, 415.
— Jubüäum 1880: 222; 1905: 271.
— Namensänderung ,,Eidg. Technische
Hochschule" 272.
*Postgebäude 118, 395.
Presse, Organisationen 350.
Pressetag, schweizer. 188, 272.
Pressverein, schweizerischer 188.
Pressezensvu: 1914: 427.
Probst, J., Pfarrer in Horgen 179.
Proletarier 80.
Proportionales Wahlverfahren yj, 353,
355, 359, 414-
Protestantisch - kirchlicher Hülfsverein
-^71-
Pumpwerk im Letten 114, 388.
Q
* Quaibauten 122, 123, 124 (Feier), 230
291 (Illustr. 122/123).
de Quervain, Alfred, Dr. 363.
R
Ragaz, Leonhard, Professor 180.
Rahn, J. R., Prof. Dr. 223, 292, 310
(Porträt 292/293).
*Rahn-Escher, Hans Conrad, Dr. med.
258.
,,Rain" am Rennweg 115.
Rambert, Professor 222.
♦Rämistrasse 126 (Illustr. 126/127).
♦Rathaus-Neubau 1698 121.
Rathaussaal- Petition 1874: 86.
Rathaus vor träge, akademische 86.
Reber, Paul, Architekt 254.
♦,, Rechberg", ehemals ,, Krone" 361.
Rechtsufrige Zürichseebahn 1 1 1 , 121,
230.
Referendum 25, 31, 32, 36, 40, 45, 50,
80.
,,Refuge", Magdalenenheim 382.
Refugium, Ütliberg 1 1 1 .
Regensberg 5 ff., 11, 44.
♦Regierungsratswahlen 1854: 74; 1872:
56; 1875: 58; 1877:65; 1878: 66.
Reiff-Huber, Kantonsrat 162.
Rehgiös- Soziale 179, 180.
♦Rennwegtor 115.
Reparaturwerkstätte der S. B. B. 332,
392.
Reppischtalbahn iio.
Repräsentativprinzip 31, 39, 76.
Reucker, Alfred, Theaterdirektor 274.
Revisionsbewegung s. ,,Die Demokra-
ten" 3ff.,
Rheinau, Versorgungsanstalt loi.
Richard, Emil, Oberst 397.
Riedel, Photograph 153.
Rieder, Emil, Kantonsrat 338.
Riedtli, s. Wohnungsbau.
Riesbach, bauliche Entwicklung 132.
Riesbacher Ring 66, 257.
,, Rietberg", Villa 163, 406, 407, 410.
Rieter, Oberst, in Winterthur 40.
Rieter, Luise 197.
,,Rigiblick" 380, 401.
Rigiviertel 401.
Ritter, Adolf, Pfarrer 178, 180.
Rodenberg, Julius 206, 313.
V. Röder, deutscher Gesandter 156.
RoeUi, Hans, Dichter 297.
♦Römer, Melchior, Dr., Stadtpräsident
43, 55, 56, 57, 66, 69, 78, 102, 105,
117, 126, 130, 137, 138, 175, 187, 189,
212, 213, 224 (Jubiläum), 228, 229,
240, 253, 254, 342 (Portr. 212/213).
Römerhaus 212.
Rose, Gutsbesitzer 288.
NAMEN- UND SACHREGISTER
445
Rosenberger, Albert, Dr., alt Ober-
richter 326.
Rote Fahne, Verbot 1878: 78.
Rotes Kreuz, Internationales 359.
Rotes Kreuz , Schweizerischer Verein
266, 267.
Rotes Kreuz, Schwesternhaus u. Privat-
Spital 129, 179, 382.
Rotes Schloss 398.
Roth, Hans, von Hirslanden 39.
Rotwandwiese 319, 325, 328, 330, 334.
Ruchonnet, Nationalratspräsident 222.
Rückversichenuigsgcsellschaft, Neubau
397-
*Rüden und Rüdenplatz 121.
Rudolf Mosse-Haus 367.
Ruffy, Bundespräsident 371, 372.
Rüegg, Reinhold 34, 66, 68, 71, 91, 262,
349-
Rütschi, Giesserei, Aarau 185.
*Rüttiniann, J. J., Regierungsrat 11,55.
Ryf, J., Dr. 38, 56, 133, 255.
Ryffel, Statthalter 6.
V. Sahs, Eduard, Oberst 157.
*Salzmagazin am See 119, 154.
*Salzpreis 35, 36.
Sammlimgsgebäude, eidgenöss. 362.
*Sängerfest, eidgenössisches 1843: 280;
Rapperswil 1866: 277; Zürich 1880:
133, 221; Zürich 1905: 270, 278;
Neuenburg 1912: 334.
Sängerverein der Stadt Zürich 276, 281.
Sängerverein vom Zürichsee 221.
Sängerwettstreit in Frankfurt a. M.
1913: 282.
*Savoyerfrage 57.
de Saussure, Theodor, Oberst 186.
Schaeck, Oberst 405.
♦Schanzengraben 112, 124 (Ablenkung).
*Schanzengrabenschulhaus 128.
Schäppi, Kommandant 63.
Schäppi, Nationalrat 15, 255.
Schaertün, Gottfried, Dr., Direktor 269,
397-
Schauf liegen von Dübendorf 405.
Schellenberg, Präsident, Hottingen 236.
Scheuer, Kirchenratspräsident 175.
Schenk, Karl, Bundesrat 66, 137.
Schenkel, Aussersihl 239.
Scherb, Generalanwalt 268, 324.
Scherer, Oberst, Bimdesrat 56, 146, 150,
159, 218.
*Scherr, Johannes, Professor 151, 309.
Scheuchzer, Fritz, Bezirksgerichtspräsi-
dent u. Nationalrat, von Bülach 12,
34, 36, 41, 49, 59, 60, 61, 62, 65.
Scheuchzer, Heinrich, Dr. med. 19 r,
194-
Schillerstiftung, Schweizer. 301.
♦Schipfe 115, 121, 366, 369 (lUustr. 92,
1 20/ 121).
♦Schlachthaus Walche 120, 390.
Schlachthof 390.
Schlatter, Stadtrat 239, 255.
Schmalspurbahnen 62.
Schmid, C. A., Dr. 256.
Schmid, Rob., Dr., Nationalrat 267.
Schmid-Kerez, Architekt 395.
Schneebeli, Emil, Oberst, Stadtrat 261.
SchneeH-Berry, Emma 382.
Schneggen, s. Gesellschaft.
Schneider, Albert, Dr., Oberrichter 13,
14, 210, 257.
Schneider, J., Gemeindepräsident von
Riesbach u. Stadtrat 239, 240, 255,
257-
Schneider, Ida, Oberin 176.
Schnurrenberger, Stadtrat 14, 20, 43,
45, 99, 217, 226.
Schoeck, Othmar 284.
Scholder-Develay, Bankier 359.
Schönholzer, Gottfried, Pfarrer 269.
Schularzt, Schulzahnarzt 270, 271.
Schuler, Hans, Dr., Sekretär des Han-
dels- und Industrie Vereins 397.
Schulgesetz, Siebersches 56.
Schulhausbauten 374.
*Schulsekretär, eidgenössischer 356.
Schulthess, Kommandant, Buchhändler
242.
Schulthess, W., Prof. Dr. 383.
Schulthess-von Meiss, Hottingen 129.
Schulz, Wilhelm, Publizist 197.
Schmrter, Joh., Rektor 220.
Schützenfest, eidgenössisches, in Zürich
1872: 138, 218; 1907: 270.
Schützenfest, kantonales 1875: 59;
1898: 400.
Schützengarten 323.
*Schützenhaus Ti, 75, 78, 84, 85, 103,
138, 178, 322, 323 (lUustr. 16/17).
,, Schützenstube" 121.
Schwarber, Kantonsrat 318.
Schwarz, Stadrat 255.
Schwarzenbach-Zeimer, Rob., Seite XV
(Porträt 396/397)-
,,zum Schwarzen Bären" 130.
,, Schweiz", Allgemeine Versicherungs-
A.-G. 397.
,,Die Schweiz", Zeitschrift 298.
446
NAHMEN- UND SACHREGISTER
♦Schweizer, Alexander, Professor 55,
169, 170, 177, 224, 292.
Schweizer, Otto, Bildhauer 383.
Schweizer, Paul, Prof. 292, 293 (Por-
trät 292/293).
„Schweizerblätter" 356.
„Schweizer Frauenheim" 378.
♦„Schweizerischer Repubükaner" 197.
Schweiz. Zentralblatt für Staats- u. Ge-
meindeverwaltung 256.
♦Sechseläuten 163, 220, 264, 265, 286,
419.
Seebach-Zürich, Eisenbahn 64, 66.
Seegefrörne 134, 135 (lUustr. 134/135).
Seewassergewinnungsanlage bei WoUis-
hofen 387.
Seidel, Robert, Nationalrat 82, 89, 90,
91, 316, 317, 318 (Porträt 70/71)-
♦Seidenhöfe 106, 375.
Seilersche Brauerei 362.
Selnau-Bahnhof 112, 394, 427.
Selnauquartier 119.
♦Semper, Gottfried, Professor ^^, 148,
204, 253, 289, 290, 309, 361 (Por-
trät 290/291).
Siber, Oberstleutnant 1871: 143.
,,ztir Sichel" 190, 191, 192.
„Sieben Legenden" 202, 206.
Sieber, Caspar, Regierungsrat 33, 39,
42, 56, 57, 66, 88, 198.
Sigg, Johann, Redaktor 317, 327, 332,
334, 336.
Signalglocken 110.
Sihlablenkimg 76.
„Sihlherr" 340, 341.
♦Sihlhölzli 400, 427.
♦Sihlkanal 366.
Sihltalbahn 341, 394.
„Sihlvorstadt" 125.
♦Sihlwald 246, 247, 340, 341 (Illustration
340/341)-
SilvestreUihandel 342.
Simplontunnel 398.
Singstudenten, s. Studentengesangver-
ein.
Sinngedicht-Novellen 202, 208.
Sonnenbühl, s. Fierz, Geschäftshaus.
♦Sonnenquai 119.
„Sonntagspost" 8.
Sourbeck, Theodor, ,,Eisenbahnergeue-
ral" 321 ff.
„Sozialdemokrat", Der 88.
Sozialdemokratie 81, 82, 315.
Sozialdemokratische Partei 85, 87, 88,
320, 345.
♦Sozialismus 72 — 75, 81, 84, 85, 86.
Soziahstengesetz, deutsches 88.
Sozialistenkongresse in der Schweiz.
Basel 1869: 80; Wyden 1880: 88;
Chur 1881 (in Zürich verboten) 90;
Zürich 1893: 81.
♦Spannweid 400.
Speiseanstalt 103.
Spiller, Else, Schriftstellerin 406.
Spiller, H., Regierungsrat 343.
Spiller, J. j., Stadtpräsident, Reg. -Rat,
Winterthiu- 67, 69, 78, 79, 91.
♦Spital, alter loi, 120, 364 (Illustra-
tionen 98/99, 1 00/101).
Spitteler, Carl 273, 296.
♦SpöndHn, Fürsprech 129, 358.
Spöndlin-Escher, Rud., Dr. 264, 358.
von Sprecher, Th., Generalstabschef
405, 407, 425.
Spyri, Pfarrer $7.
♦SpjTi, Johann Bernhard, Stadtschrei-
ber 105, 155, 220, 224, 227, 263
(Porträt 262/263).
Spj^ri, Johanna, Schriftstellerin 105,
297, 303 (Porträt 298/299).
Staats- u. Gemeindesoziahsmus 324.
Staatsbeamtenverein 256.
* Stadelhof erquartier 119.
Stadler, Albert, Oberst 136, 150, 153,
157-
Stadler, August, Prof. 253,
Stadler, Salomon, Dr., Direktor der
Höh. Töchterschule 220.
Stadler & Usteri, Architekten 375.
Stadlergut 416.
,, Stadt Luzern", Luftschiff 405.
♦Stadtbibüothek 210, 211, 231, 363.
„Stadtbote" 317.
Städteverband, Schweizer. 266.
Stadtforstmeister 341 ff.
Stadthalle 399.
♦Stadthaus, altes 118 (Illustr. 218/219).
Stadthaus, Fraumünsterstrasse ( 1 885)
118, 119, 365.
Stadthaus Fraumünsteramt (1900) 292,
362, 365 (Illustration 264/265).
Stadthaus, zentrales (Ötenbach) 291,
292, 365, 368.
Stadthaus Winterthur 33, 290.
Stadthaus anlagen 117, 286, 397.
♦Stadthausquai 119.
♦Stadtingenieur, Schaffung der Stelle
106.
Städtische Arbeiter 327, 338.
Stadtrat, Beschränkimg der MitgUeder-
zahl 216.
,,Stadtsängervercin", s. Sängerverein
der Stadt Zürich.
♦Stadtschreiber 104, 105, 263.
•o
NAMEN- UND SACHREGISTER
447
Stadtschvde, Reorganisation 98, 99, 221.
*Stadtschützengesellschaft 291, 400.
„Stadtverein" 44, 45, 56, 58.
Stadtvereinigung 123, 174, 228, 229 ff.,
317, 355-
* Stadtverfassung 1855: 104; 1866: 98,
99.
Stadtwaldungen von Zürich 341, 404.
Staehelin-Baechtold, Frau 283.
Stampfenbachquartier 390, 398.
♦Stämpfli, bern. Staatsmann 27.
Statistische Gesellschaft 239.
♦Steiger, Robert, Dr., Luzern 198.
Steinbuch, Hermann, Oberstdivisionär
411, 425 (Porträt 424/425).
Steinegg, Schloss 311.
Steiner, Rektor, Prof. 223.
♦Steiner, Leonhard, Maler und Dichter
275, 285, 288.
Steiner-Schweizer, Adolf, Dr. 283.
♦Steinhaus 205.
♦Sternwarte 290.
Steuerbezug, Verordnung 403.
Steuergesetz 405.
Stiefel, Juhus, Professor 210.
Stimmurne, Einführung 220, 243.
Stöcker, Adolf, Pastor 178.
Stocker- Caviezel, Frau m.
Stoll, Georg, Direktor 36, 155.
Stössel, J., Regierxmgsrat 58, 66, 90,
222, 239.
Strafanstalt 366 (Illustr. 158/159)-
♦Strafgesetzbuch, Revision 217.
Strassbvu-g 136 ff., 167 (Illustr. 136/137).
Strassenbahnen 131, 132, 230, 246, 388,
389, 398; Albisgütli 390; Forch 390;
Limmattal 389; Örükon 330, 390.
Strassengesetz 1870: 218.
Strasser, Gottfried, Pfarrer m, 393.
♦Strauss, David Friedrich, Dr. 129, 414.
Streif f & Schindler, Architekten 375.
Streike: 1857: jt, 1872 imd 1873: jj,
78; 1878: 78; 1886 (Schlosser): 78,
79, 91; 1896-— 1897 (Nordostbahn):
321 — 325; 1905: 325; 1906 (Albis-
rieden) : 327; 1912 (verschiedene):
328; Generalstreik: 326 — 339; Koa-
litionsfreiheit imd MiHtäraufgebot
321, 327; Streikinitiativen 326.
Streuh, Adolf, Dr. jur., Stadtrat 261,
262 (Porträt 404/405).
Stückelberg, Ernst, Maler 227.
Studentengesangverein 198, 277, 278,
284.
Stüssi, Heinrich, Staatsschreiber 69,241,
385-
Sulzberger, Dr., Fürsprech 14.
♦Sulzer, Eduard, Professor, Regierungs-
rat 200.
Sulzer, J. J., Dr., Stadtpräsident, Win-
terthur 33, 47, 55, 60, 62, 161, 163,
164, 165.
Suppenanstalt 103.
Süss, Joh., Stadtrat 255.
Süsstrunk, Elias, Kantonsrat 41.
Suter, Ed., Dr., Regierungsrat 33, 35,
37, 40, 162, 163.
Suter, Hermann, Musikdirektor 280.
Synagoge 100, 128.
Synodalhefte 279.
♦„System" (Alfred Escher) 4 ff., 20, 26,
28, 31 ff., 41 ff., 52, 217, 342, 343,
354-
Syz, John, Kantonsrat 397.
♦Tagblatt der Stadt Zürich 130, 234,
235, 236, 263, 264, 268, 399, 419
(Sonderausgabe) (Illustr. 422/423).
Tagesanzeiger für Stadt und Kanton
Zürich 399.
„Tagwacht" 85, 86, 88, 90.
Tappolet, August, Waisenvater und
Kirchenrat 368.
Technische Hochschule, s. Polytechnik.
Telegraphenbureau 118.
Telephon 133, 134, 395 (Brand), 426.
Tendering, Betty 204.
Tessiner Prozess 1891: 268.
Teiifel, Schneider 156.
Thaleck 209.
♦Theater 273, 274, 275, 281, 311, 404.
Theodosianum 382.
Theologisches Konkordat 173.
Thomann, Robert, Männerchor-Präsi-
dent 278, 282, 408.
Typhusepidemie 1884: 114.
Tiefenbriinnen, Tunnel 1 1 1 .
♦Tiefenhof 106, 118.
♦Tierarzneischule 361.
,, Tivoli" 362.
Tobler, Leonhard, Obergerichtsschrei-
ber 7, II, 12.
Todesstrafe 42, 47.
♦Tonhalle, alte 100, loi, 186, 275, 398
(Illustration 146/147).
Tonhalle, neue 275 (Einweihung), 300.
TonhaUeareal 286, 398.
Tonhalle- Gesellschaft, alte 281, neue
275, 283, 284.
Tonhallekrawall 85, 145, 146 ff., 153 ff.,
160, 163, 166.
448
NAMEN- UND SACHREGISTER
♦Torgasse 119.
Tösstalbahn 66, 67.
Trachtenfest, Lesezirkel 300.
*Treichler, J. J., Professor 33, 37, 43,
71—75, 98, 198 (Porträt 70/71).
Treichler, Wilfried 299.
Trog, Hans, Dr. 286.
*Trülle 213, 227, 395 (Illustr. 214/215).
Trümpier- Greutersches Wohnhaus
(„Trüniplertnrm") 119 (Illustration
104/105).
Trümpy, Oberst 146, 160.
Turnfest, eidgen. 1874: 219; 1903: 270.
u
Ulmer, Eduard, Dr., Obergerichtspräsi-
dent 6 ff., 44.
♦Ulrich, Joh. Caspar, Dr., Oberrichter,
Chef der Buchdruckerei Berichthaus
130, 287, 291.
Ulrich, Johann Jakob, Professor 287
(Porträt 286/287).
♦Ulrich, Joh. Conrad, helvetischer Statt-
halter 302.
Ulrich, Paul, Oberst, Präsident der
Kimstgesellschaft 286.
Ulrich-Gysi, Carl H. 130.
Uhich-Naef, C. C, Stadtrat imd Bau-
herr 227, 255, 275, 291 (Porträt
290/291).
Ulrich-von OreUi, Fritz 130.
Unentgeltliche Beerdigung 127, 220.
UnentgeltHche Geburtshilfe 365.
Unentgeltliche Krankenpflege 88.
Unfallversichertmgsanstalt in Luzern
232, 233.
Universitäts-Neubau 266, 361, 362, 363,
403, 414 — 419 (Einweihimg usw.)
(Illustrationen 360/361, 416/417).
♦Unterstrass, Volksversammlung 1845:
198.
„Urania" 367.
Uraniastrasse 366, 367, 368.
Urkimdenbuch der Stadt und Land-
schaft Zürich 293, 294.
Usteri, Leonhard, Chorherr 219.
♦Usteri, Paul, Dr., Ständerat 212, 224,
231—234, 240, 245, 246, 249, 254,
255, 263, 343, 347, 397 (Porträt
228/229).
Usteri-Pestalozzi, Eduard, Oberst 344,
357-
♦Ustertag 25, 26, 37, 38, 69.
Ütlibergbahn 11 1, 112, 132, 394.
Ütliberg, Waldungen 404.
V
,,Venedigli" 104.
Verein Zürcher Presse 350.
♦Vereinigte Schweizerbahnen 323.
Verfassungsrevision 25,31, 35, 43, 55, 56.
Verfassungsrat 19, 20, 36, 45, 47, 49, 84.
Verhaftsanstalt 4x6.
Verhältniswahl, s. proportionales Wahl-
verfahren.
Vermessung der Stadt 106.
Verschönerimgsverein 134.
Verwaltungsgebäude, s. Stadthaus.
♦„Veto" 31.
Viadukt der Winter thurer Linie 392.
Vieweg, Verleger Braimschweig 201, 202.
ViUiger-KeUer, Frau, Dr. 376.
♦Vischer, Fr. Th., Ästhetiker 204.
♦Vogel, Fr. (Memorabilia) 274.
Vogel, Gerold 274.
Voegeli-Bodmer, Arnold, Oberst, Stadt-
rat 108, 109, 116, 117, 143, 145, 183,
186, 188, 189, 215, 342 (Porträt
106/107).
♦Vögelin, Salomon, Nationalrat 33, 42,
87, 90, 124, 186, 222, 226, 370.
Vogelsanger, Jak., Stadtrat 87, 107,
255, 262, 263, 315, 329 (Porträt
258/259).
Vogt, Gustav, Professor 85, 347.
Voegtlin, Adolf, Dichter 297.
Volksabstimmung vom 26. Januar 1868:
43; 18. April 1869: 47, 49; 19- April
1874 (Bundesverfassimg): 58; 9. Aug.
1891 (Stadtvereinigung): 248.
Volksbank, Schweizerische 396.
Volkshaus 330, 331, 332, 336, 337, 338,
380, 429.
VolksUederbuch, deutsches 282.
„Volksrecht" 317, 318, 399.
Volksverein, Schweizerischer 57, 58, 86.
Volkswahl der Regiervmgs- und Stände-
räte 47, 55.
Vulliemin, Louis, Historiker 304, 305,
306, 309.
w
Waffenplatz 230, 240, 342.
Wagner, Adolf, Professor 141.
Wagner, Heinrich, Direktor des Elek-
trizitätswerks 388.
♦Wagner, Richard 204, 279, 289, 308.
Waidgut 400, 404 (Illustration 56/57).
♦Waisenhaus 221, 366, 367, 368 (Illu-
stration 368/369).
NAMEN- UND SACHREGISTER
449
Waisenhauspfarrei 218.
Walcher, Heiurich, Stadtrat 255, 257.
*Walder, Karl, Regierungsrat 14, 15, ^3,
41, 150, 153, 154, ^57-
♦Waldmaun, Hans 398; Feier 178.
Waldmannstrasse 126.
Waltisbühl (Haus) 117.
Wanger, Franz, Bildhauer 400.
Waser, Maria, Schriftstellerin 298.
Waser, Otto, Prof. Dr. 298.
Wasserbaugesetz 122.
Wassernot 19 10: 406.
Wasserrechts-Initiative 349.
Wasserversorgtmg 107, 114, 115, 230,
386, 387.
Wasserwirtschaftsverband , schweizeri-
scher 349.
Weber, Pfarrer, Dr., Höngg 389.
Weber, Gustav, Komponist 175, 276,
279.
Weber, Heinrich, Dr., OberbibHothekar
364-
Weber, Julius, Aussersihl 239.
Weber, J., Fürsprech (Bundesrichter),
von Lenzburg 166.
Weber, J. R., Berner Sängervater 276.
Wegmann-Ercolani, Joh. Jak. 126.
Wehrli, Architekt 384.
Wehrli, Hans Ulrich, Komponist 276.
Wehrlin, Robert, Redaktor, Winter-
thur 347.
Weibel, Dr., Nationalrat 268.
Weinbergstrasse 126, 399.
Weiss, Gasdirektor 332, 333.
Weisses Kreuz, Unterstrass 129.
Weisses Schloss 398.
Weitbrecht, Pfarrer, Direktor der Höh.
Töchterschule 220.
*WeitUng, Wilhelm, Schneider 72.
Wellenberg, Haus zum 130, 399.
Welti, Albert, Maler 288 (Porträt 286/7).
Welti, Robert, Stadtrat 256, 326.
Welti-Furrer, Spediteur 288.
Weltkrieg 42ofE.
*Werdmühle 213, 292, 395; Platz 367;
Quartier 366; Strasse 366, 367.
*Wesendonk, Otto, Grosskaufmann 139,
148, 150, 156, 157, 163, 204.
Westend-Terrasse 119.
Wetli, Kantonsingenieur 1 1 1 .
Wettstein, Markus, Stadtrat 348.
Wettstein, Oscar, Dr., Regierungsrat
270, 326, 348, 349, 350 (Porträt
348/349)-
Wettstein, Walter, Dr., Historiker, Re-
daktor des ,,Schaffhauser Intelli-
genzblattes" 293.
Wetzikon, Volksversammlung (Gott-
hardbahn) iio.
*,,Widder" 129, 399.
Widmann, J. V. 209.
Widmer-Hüni, Horgen 33, 38, 162.
Wild, Paul F. 133.
Wild, A., Pfarrer 256.
von Wildenbruch, Ernst 401 (Gedicht).
Wildpark Langenberg 341.
Wilhelm II., s. Kaisertage.
Wille, Eliza 308, 310.
WiUe, Fran^ois, Dr., Meilen 14, 34, 204,
308, 309, 310.
Wille, Ulrich, General 34, 255, 407, 424,
425 (Porträt von Ferdinand Hodler
424/425).
Wille, Ulrich, Major 407, 413.
,,zur Winde" 400.
*„Wiudegg" 117, 396.
Winkelriedstiftung, Schweiz. 210, 211,
342-
Winterthurer Eisenbahnpohtik 60 ff.
Wirtshausreform 378.
Wirz-Naegeli, Hans, Direktor 244, 265.
Wirz, Hans, Prof. Dr. 280.
Wiser, Joh. David, Eisenhandlvmg 155,
365-
Wislicenus, Professor 150, 151, 156, 223.
Wiss-StäheU, J. 275.
,, Wissen und Leben" 297.
Wissmann, Joh. Jak., Pfarrer imd Er-
ziehungsrat 178.
Witt, Maler 150.
Wohnimgsbauten, städtische 391, 404.
Wohnimgspohtik, städtische 403.
Wolff, Pfarrer, von Weiningen 47.
*W^ollenhof 115.
Wolhshofen, s. Stadt vereinigimg.
WülfHngen, Schloss 298.
Wimderly-von Muralt, Hans 397 (Por-
trät 396/397)-
Württembergische Staatskasse 99.
Wüterich-Muralt, Emma 299.
Wyss, Oberstdi visionär 425.
V. Wyss, David, der ältere, Bürger-
meister (1737 — 1815) 258.
*v. Wyss, David, der jüngere, Bürger-
meister 258, 353.
V. Wyss, Friedrich Dr. 12, 45, 46, 258,
353-
*v. Wyss, Georg, Professor 45, 46, 50,
87, 90, 155, 162, 206, 222, 223, 242,
258, 292, 352—356 (Porträt 354/55)-
Wyss, Heinrich, Stadtschreiber u. Stadt-
rat 124, 249, 257, 258, 260, 263
(Porträt 262/263).
Wyss, Maria 299.
45°
NAMEN- UND SACHREGISTER
V. Wyss, Melchior, Kaufmann 258.
V. Wyss, Moritz, Oberrichter 258, 280.
Wyss, Oscar, Prof. Dr. med. 381.
V. Wyss, Wilhehn, Dr., Rektor 220, 279.
♦Zahn, Ernst 279, 297.
Zahnärztliches Institut 361.
Zähringerquartier u. -Strasse 120, 367.
*Zangger, Tierarzt 12 — 20, 29, 33, 36,
42, 45, 48, 55, 65, 66, 144.
Zehender, Ferdinand, Rektor 219.
Zeitimgsverkäufer 427.
Zeller, Samuel, in Männedorf 303, 385.
ZeUer-WerdmüUer, Heinrich, Dr. 112,
142, 293, 294 (Porträt 292/293).
Zemp, Joseph, Bimdesrat 321 — 325.
*Zentralbahn, Schweizer. 60, 61, 67.
Zentralbibhothek 363, 403.
*Zentralhof 118.
Zentralkommission Neumünster 230.
Zentralstelle für Frauenhilfe 425.
*Zentrumsgruppe 218, 346, 347.
Zeppehn, Luftschiffe 272, 405.
♦Zeughaus, Aussersihl 125, laeim Bahn-
hof 103.
*Ziegler, Eduard, Oberst imd Stadt-
präsident 90, 155, 310, 341.
Ziegler, Eugen, Dr. 298.
Ziegler, Gottheb, Pfarrer, Reg.-Rat,
Winterthur 33, 46, 55, 65, 86, 157,
161.
Ziegler, Theod., Advokat, Stadtschrei-
ber (Stadtpräs. u. Nationalbahn-
Direktor) 33, 41, 46, 62, 161.
Zimmermann, G. Rudolf, Dekan 177,
210.
Zollinger, Regienmgsrat 65, 222.
ZoUinger, F., Dr., Erziehimgssekretär
260.
Zollinitiative 1894, s. ,, Beutezug".
Zschetzsche, Schxürektor 155, 156.
Zschokke, Erwin, Professor 264.
Zuan-Sahs, Oberst 183, 187.
Zuppinger, Dr., Kantonsrat 79, 239, 242.
Zürcher, Emil, Prof. Dr. 268.
♦Zürcher & Furrer, Buchdruckerei 1 30.
Zürcher Morgenzeitung 317.
Zürcher Nachrichten 359 (s. auch Neue
Zürcher Nachrichten).
„Zürcher Presse" 56, 80.
Zürcher Pressverband 350.
Zürcher Taschenbuch 357.
Zürcher Volksblatt 235, 317.
♦Zürcher Wochenchronik 297.
„Zürich", Unfallversich.-A.-G. 397.
Zürich-Affoltern-Zug iio.
Zürich III soziahstisch 315 ff.
,, Züricher Novellen" 205, 206, 287.
Züricher Post 345, 349, 399-
Zürichhorn 124, 287, 288, 400, 404.
Zuteilungsgesetz 248, 266, 270, 413
(s. auch Stadtvereinigvmg).
ZwingU-AussteUung 224.
Z-winghs Gebiurtstag 174, 224.
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